Die Bestie im Turm

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Er prostete Hilde Geismar mit seinem Steingutbecher zu und genoss das Gose-Bier mehr als je zuvor. Die Katze kam stolz mit einer fiependen Maus in die Stube gelaufen.
»Ich wusste gar nicht, was ich die letzten Jahre vermisste … Das hier ist ja um Pfeilschüsse besser als das Braunschweiger Bier – fast so gut wie das Einbecker!«
»Ein treffliches Bild«, sagte der Hausherr. »Jetzt, wo Ihr’s sagt … Ihr schießt bestimmt nicht nur weit, sondern auch sicher; ich bewundere schon die ganze Zeit den Bogen, den Ihr mitführt. Woraus ist der gearbeitet?«
Daniel hatte Gregor gebeten, ihn hereinzuholen, damit sein Vater ihn begutachten könnte. Ehrfürchtig beinahe berührte der das schöne, gelbliche Holz, das oft mit Leinöl gefirnisst und mit Wachs eingerieben worden war.
»Aus zwei Hölzern – der Bauch ist aus Eibe und der Rücken aus Ulme.«
»Eine wunderschöne Maserung!«, sagte Gregors Vater voller Wohlgefallen.
Daniel nickte: »Als ich geschäftlich im Londoner Stalhof war, hat ihn mir ein eifriger junger Bogenbauer nach meinen Angaben gemacht: Roger Ascham, ein sehr geschickter Mann, der es einmal weit bringen wird, davon bin ich überzeugt. Wann wird denn vorm Rosentor zum nächsten Mal um Preise geschossen?«
»Am Sankt Maria-Magdalenen-Tag. Dann werden wir unsere Künste messen, ich bin nämlich auch nicht ohne Ehrgeiz, müsst Ihr wissen. Welches Pfeilholz verwendet Ihr?«
»Zeder … und Truthahnfedern als Befiederung.«
Geismar seufzte: »Und ich armer Mann muss mit Fichtenholzschäften und gefärbten Gänsefedern Vorlieb nehmen! Mein Bogen ist aus Esche.«
Er ermannte sich.
»Aber kein Bogen, und sei er noch so kostbar, schießt und trifft deshalb von alleine … Gregor ist nicht minder beschlagen darin.«
Der Handwerker freute sich schon darauf, dem Kaufmann den Rang streitig zu machen. Schießen lernen mussten ja alle männlichen Bürger in der Schützengilde, um ihren Beitrag in einem möglichen Streitfall zu leisten. Jetzt schien gar eine Konfrontation bevorzustehen, bei der ihre Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden könnten. Doch die geselligen Wehrübungen wurden als willkommener Zeitvertreib und Unterhaltung betrachtet. Auch der Preis, den man gewinnen konnte, spornte an. Wer beim Freischießen gewann, war ein Jahr lang von städtischen Steuern und Abgaben befreit.
»Habt Ihr über das nachgedacht, was ich Euch vorhin vorschlug?«, fragte Daniel. »Jetzt, wo die Sinne nicht mehr von Hunger und Durst getrübt sind, solltet Ihr eine Entscheidung treffen!«
Paulus Geismar sah zu seinem Sohn hinüber und sagte ernst: »Du willst also lieber Kaufmann werden, statt die Rechte zu studieren?«
Gregor sah betroffen aus. Sein feiner Weggefährte hatte ihn verraten.
»Herr Jobst könnte dich in seinem Kontor gebrauchen. Wenn du willst, magst du dich ein wenig im Alltag eines Hansekaufmannes umsehen. Wenn du nicht dafür taugst, oder die Ader dafür doch nicht so mächtig ist, wie du jetzt denkst, dann wirst du nach Marburg an die Universität gehen und dich mit den Aktenfaszikeln und Urteilen, den Eingaben und Widersprüchen befassen.«
Gregors Unmut schlug in Freude um.
»Danke, Vater! Ja, mein Sinn geht viel eher auf den Handel, und ich denke – auch, wenn ich es nicht allein darauf abgesehen habe – er ist einträglicher und ernährt eine Familie besser als die Juristerei! Ich werde dich nicht enttäuschen!«
»Hört, hört – das geht ja schnell bei dir! Wer ist denn die Liebste, hab ich sie schon kennengelernt? Wann ist die Hochzeit? Haben wir noch Zeit, die gute Stube herauszuputzen?«
Paulus Geismar lachte, und Gregor stimmte mit roten Ohren ein.
»Hast wohl mit deinen Johannisgürteln schon eine Braut eingefangen?«
»Beschäm mich nur, Vater. Du weißt doch, dass ich mir erst ein Auskommen schaffen will, bevor ich an dergleichen denke … Ich denke nicht so wie Eyb im Ehebüchel …«
»Mein Sohn ist leider den Büchern verfallen …«, sagte Paulus Geismar, doch Daniel wehrte das Wörtchen leider kopfschüttelnd ab.
»Da wird er in der Bibliothek meines Oheims noch so einige Lektüre vorfinden. Sollte ich sie vor ihm wegschließen, weil es sonst nichts würde mit der Kaufmannslehre? Nein, ich denke, im Grunde ist die Buchgelehrsamkeit für meinen Berufsstand unumgänglich. Also sei ihm das Lesen unbenommen. Nur in der Liebe ist es oft nicht so einfach, das Wissen aus den Büchern mit dem Leben übereinzubringen. Da wird er seine Erfahrungen in praxi machen müssen.«
Sie einigten sich darauf, dass Gregor schon am übernächsten Tag bei Daniel anfangen würde. Gregors Gesicht glühte vor Freude, und Daniel riet ihm scherzhaft: »Fabrizier deine Johannisgürtel nur trotzdem! Kann nie schaden, da zu sein, wo Frauen sind. Ich saß viel zu lange im Kontor. Das mit deinem Gewand, das besprechen wir noch. Denn wenn Frauen eins auf den Tod nicht ertragen, dann ist es äußerliche Armut.«
Gregor sah ohne rechtes Verständnis an sich herab. Daniel seufzte, doch dies bezog sich nicht auf seinen neuen Gehilfen, sondern auf die Last der folgenden Tage.
»Nicht, dass du denkst, wir säßen nur da und würden Zahlen aufs Papier malen … Übermorgen um sechse?«, fragte er, als am Vititor endlich die Reihe an ihm war zu passieren.
»Die Hand darauf!«, sagte Gregor mit stolzgeschwellter Brust. Eine glorreiche Zukunft stand ihm vor Augen. Leichte Bewegung würde ihn dabei nicht schrecken – solange das Ganze nicht in Arbeit ausartete …
IV
Durch das Klaustor zockelten zwei Planwagen voller Ratsherren. Je sechs Pferde arbeiteten schwer in den Geschirren, von den Fuhrmännern in weißem Wams, grüner Mütze und engen roten Hosen im Zaum gehalten und derb angetrieben. Vor den beiden Fuhrwerken, an den Seiten und dahinter ritten städtische Kriegsknechte, schwer bewaffnet mit Piken und Schwertern. Den Beschluss bildete ein Pritschenwagen mit Armbrustschützen und einer kleinen Kanone. Mochte der Herzog selbst sich zeigen, so würden sie keine Anstalten machen, Hülsen aus Papier gefüllt mit Kugeln, gehacktem Blei und Nägeln auf ihn loszubrennen und ihn mit einem Hagel von Armbrustbolzen zu spicken.
Doch kein Feind zeigte sich. Auch der grüne Jäger, der Gehörnte, der Klumpfuß, der die Forsten unsicher machte, hielt sich abseits des steilen Weges, den sie nehmen mussten. Sicher lachte er sich ins Fäustchen über ihre Angst. Nur wenige Vögel sangen im Juniwald. Sie hatten mit der Versorgung ihrer Brut erschöpfend zu tun.
Durchs Hainholz über die Braune Haide fuhren die Ratsherren, strikt den tiefen Schrammen und Furchen entgegen, welche die Erzkarren in die Flanke des Rammelsberges gezogen hatten. Durch einen der Hohlwege ächzten ihre Gefährte bergan, die Rosse schnaubten, das Holz knarrte. Mannstiefe Schluchten waren die Erzabfuhrwege. Tag für Tag über Jahrhunderte hatten die eisenbeschlagenen Räder der Karren den Boden gemahlen, waren mal hier mal da dem Berg unsanft in die Weichen geraten, hatten die Rinnen vom Vortag vertieft. Der Regen war hineingefahren wie in trockene Bachbetten und hatte die Spuren ausgeschlämmt bis aufs steinerne Rückgrat des schiefrigen Gebirges.
»Was glaubt Ihr, was dem Walberg da oben passiert ist?«, wandte sich Simon Raschen im ersten Wagen halblaut an Henning Heinze, sodass ihr Banknachbar Achtermann, der die beiden wegen des ratsfeindlichen Fortbetriebes des Neuwerkes schon ausführlich zur Rede gestellt hatte, nicht hören konnte, was sie weiter sprachen.
»Wenn es kein verirrter Landsknechtspfeil war und kein simpler Raubmord, was ich ehrlich gesagt stark bezweifle, so muss der Schütze wohl aus der Ecke unserer Neider kommen«, sprach Heinze.
»Einer aus dem Rat?«
Raschens Stimme schlug nun doch eine Kapriole.
»Was denkt Ihr denn? Was hatte er überhaupt da verloren, um die frühe Stunde? Seit wann übernahm Walberg die Aufgaben von Eitel Walter? Wollte er selbst das Erz abholen? Kontrollieren, ob alle bei der Arbeit waren? Ob es Behinderungen durch die Kriegsknechte des Rates gab, wie angedroht? Ob die Landsknechte des Herzogs keinen unserer Bergleute irrtümlich am Einfahren hinderten, wie schon mehrfach geschehen?«
Raschen hatte alles durchgespielt und war ratlos.
»Er wollte sicher überwachen, dass alles seinen geordneten Weg ging«, sagte Heinze.
Jetzt rumpelte der Wagen heftig durch eine Reihe tiefer Schlaglöcher und schüttelte die Herren gegeneinander, die sonst Berührung mit anderen Sterblichen mieden, wo sie konnten.
Im zweiten Wagen unterhielten sich angeregt Stadtschreiber und Stadtchirurg:
»Was ist das?«, fragte Reddig interessiert, ein stattliches Tafelwerk im Blick.
»Eine unschätzbare Hilfe, um zu bestimmen, welche Organe bei Schussverletzungen in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn man nur die Eintritts- und die Austrittsöffnung einer Kugel, eines Armbrustbolzens oder eines Pfeiles sieht – Gerssdorffs Feldbuch der Wundarznei.«
»Ich kann es nicht genug bewundern, dass Sie in Paris bei Winter von Andernach studiert haben! Was gäbe ich darum, auch je einmal dort gewesen zu sein!«, sagte Reddig.
»Man macht ein bisschen zu viel Wesens davon …«, sagte der kräftige Damian Baader bescheiden.
Er hatte viel gesehen mit seinen dreißig Jahren, mehr als die meisten der Räte, obwohl sie älter waren. Er kannte ihre Gebrechen, ihre Ängste.
»Andernachs Verlesung des Galen’schen Lehrbuchs der Anatomie war eher lustig, denn Galen hat nur Tiere seziert. Der Mensch, behauptet er, hätte ein rete mirabile, also ein Netz von Gefäßen an der Hirnbasis. Aber, denken Sie sich: Das gibt es nur beim Rind. Sie mögen denken, in Paris wüsste man es besser. Doch, der gute Andernach ist selbst ein richtiger Rindskopf … er betete einfach alles nach, was Galen vorgab. Vorlesung heißt wohl: vorlesen – aber hat der Mensch nicht auch Hirn? Zum Nachdenken?«
Die Hochmesse stand noch aus, als die Ratsherren vor dem Wartturm hielten und sich stöhnend von den ungewohnt harten Pritschen erhoben.
»Was soll das werden, meine Herren? Was führt der Rat im Schilde?«, fragte Arno Schmidt, ein Schrank von einem Mann, mit einem braunen Lederwams und gelben Beinkleidern angetan. Seine schwarzen Ringellocken zuckten unruhig, während die großen blauen Augen fest auf die Abordnung des Rates gerichtet waren. So stellte man sich einen Bergrichter vor: ein Standbild von einem Mann, umgeben von Landsknechten, die ihre Armbrüste gesenkt hielten. Ein Wink von ihm, und sie würden sie anlegen …
Doch auch die Armbrustschützen und Pikenträger der Ratsherren bauten sich schützend auf. Bürgermeister Weidemann hatte sich mühsam seinen Weg durch diese Unzahl von Leibwächtern zu bahnen. Endlich stand er dem Bergrichter des Herzogs gegenüber.
»Ich muss darauf pochen, dass die Sechsmannen des Rates die alleinige Oberhoheit in allen Fragen, die Gerichtsbarkeit am Rammelsberg betreffend, innehaben!«
»Worauf Sie pochen müssen, sei Ihnen unbenommen, Herr Bürgermeister. Am besten Sie gehen dazu in eines der stillliegenden Pochwerke«, entgegnete Schmidt.
Chirurgus Baader, der sich auch vorgeschoben hatte, registrierte es mit Unbehagen. Weidemann schwoll der Kamm ob dieser Frechheit.
Der Bergrichter des Herzogs, dieser dreiste Birkhahn, kollerte fort: »Worauf ich hingegen pochen muss, wissen Sie ja. Mein hochgnädigster Fürst und Herr hat mich mit meinem Amte betraut, und dieses auszufüllen, nach Recht und Gesetz, bin ich nicht minder bestrebt wie Sie das Ihrige. Da ich nicht weiß, was es mit dem Toten auf sich hat, und es keinen Anhalt dafür gibt, dass Walbergs Tod mit dem ringsum ruhenden Grubenbetrieb zu tun hat, ließ ich nach unten trommeln, dass man ihn flugs wegholt und hinfort schafft. Umso mehr erstaunt es mich, dass Sie nun gleich im Dutzend hier anrücken und eine Ratsaffäre daraus machen. Mit einem halben Heer noch dazu im Gefolge. Ich hoffe nicht, dass Sie es auf eine bewaffnete Konfrontation anlegen.«
Die Abordnung des Rates bestand neben Bürgermeister Weidemann aus je drei Sechsmannen des alten und des neuen Rates: Zacharias Papen, Heinrich Gunter, Hieronymus Grimm, Hans Tilling, Johannes Barnabas Achtermann, Kerstian Balder, Walbergs Mitgewerken in der noch aktiven Grube Neuwerk sowie dem Syndikus, dem Stadtschreiber und dem Stadtchirurgen. Bis auf die beiden letzten stand somit ein Gutteil der Finanzkraft und des Ansehens der Stadt dort versammelt. Was, wenn ich es darauf ankommen lasse, und sie alle erlege? , dachte Schmidt. Mein Herr wäre mir sicher Dank schuldig …
»Wir sind hier, um Klarheit darüber zu erlangen, was vorgefallen ist«, sagte Weidemann, der seine Ruhe wiedergefunden hatte.
Schmidt antwortete achselzuckend: »Sebastian Walberg wurde von unbekannter Hand mit einem Pfeil erschossen. Das ist passiert. Es muss ein versierter Bogenschütze gewesen sein, denn der Pfeil traf ihn gut. Aber ein Feigling, denn sein Schuss kam von hinten.«
Reddig zuckte zusammen.
Baader murmelte: »Sieh an …«
Weidemann blickte erbost und sagte: »Der Getötete war kein gewöhnlicher Mann. Sebastian Walberg war Mitgewerke der Grube Neuwerk, und er saß im engen Rat.«
Schmidts Lachen war die Verachtung selbst.
»Noch nie habe ich dieses Ratsgehabe verstanden. Wir alle sind sterblich, egal ob wir in der Gosse liegen oder im Goslarer Rat sitzen!«
Schmidt rollte drohend mit den großen Augen. Die Adern über seinem kantigen Schädel schwollen an wie die Abzucht nach einem Unwetter. Weidemann holte tief Luft und schluckte seinen Groll hinunter. Es brachte nichts, sich mit diesem Unflat auf Disputationen einzulassen.
»Da Sie nicht gewillt zu sein scheinen, eine adäquate Untersuchung einzuleiten, ist es wohl an uns, eine solche vorzunehmen. Gleichviel, wem die Gerichtsbarkeit über den Berg nun untersteht, stellt es uns Gott anheim, den Schuldigen ausfindig zu machen, weil sein Zorn alle trifft, die eine Missetat ungesühnt lassen.«
Der Hinweis auf Gottes Zorn entlockte dem trutzigen Bergrichter ein weiteres bedrohliches Birkhahnkollern.
Weidemann fügte hinzu: »Aber dazu müssen wir wissen, wie er gefunden wurde, wo und wann; auch ist zu fragen, ob es Augenzeugen gibt, die etwas Hilfreiches zu sagen wissen. Wir müssen mit Ihren Männern sprechen und sie einzeln vernehmen. Ohne etwas unterstellen zu wollen, so besteht doch die Möglichkeit, dass eine der von Ihnen aufgestellten Wachen in Herrn Walberg einen feindlichen Späher sah, ihn für einen Saboteur oder Angreifer hielt und daher auf ihn schoss. Zeigen Sie uns jetzt den Toten!«
»Dieser Dünkel ist es, der Ihren schönen Rat dermaleinst zu Fall bringen wird. Ich wünsche Ihnen sehr, Herr Bürgermeister, dass nicht Sie es dann sein werden, der den Hass des Haufes auf sich zieht. Diese Überzeugung, alles besser zu verstehen als ein anderer, nur weil man dem Rat angehört, muss jedem gewöhnlichen Sterblichen wie Gift ins Gesicht spritzen. Hier gab es keine Zeugen, und die Befragung meiner Wachen können Sie sich getrost sparen, denn sie würden Ihnen ohnehin nichts sagen, weil sie Ihre Zuständigkeit nicht anerkennen. Der Tote lag auf der Wiese, neben dem Neuwerkschacht – was sollten sie da schon gesehen haben? Auf dem Plateau selbst stehen keine Wachen, die stehen weiter unten am Berg, zur Stadt hin – im Wachturm indessen hause bloß ich, und ich habe nichts gesehen. Fragen Sie lieber den Bergmeister Walter. Wir haben Walberg den Pfeil aus dem Rücken gezogen und ihn in den Turm verfrachtet. Da drinnen ist es kühl, und er fängt nicht so schnell an zu stinken.«
»Möge Gott Ihnen diese lästerlichen Reden entgelten«, zischte Weidemann, doch Schmidt blieb ihm die Antwort nicht schuldig.
»Gott hat den Beweis zugelassen, dass die Mitglieder des Goslarer Rates nicht unsterblich sind! Und das sie auch stinken werden, wenn sie zu lange tot in der Sonne liegen!«
Weidemann enthielt sich mit zusammengebissenem Kiefer weiterer Kommentare zu diesen Sottisen.
Sebastian Walberg ruhte im kühlen dicken Turm auf dem Rammelsberg. Sein gelbes Wams war rot verfärbt. Die Stelle, wo der Pfeil aus dem Körper gedrungen war, lag eine Handbreit über dem Nabel.
»War denn in seiner Kleidung nichts, was Aufschluss geben kann?«, fragte Weidemann den Bergrichter, der ihm widerwillig etwas in die Hand gab.
»Nur das hier, der Wachsabdruck von zwei Seiten einer Münze in einem kleinen hölzernen Schächtelchen.«
Der Bürgermeister runzelte die Stirn, gab die Schachtel dann in die Runde.
»Ein Numismatiker müsste man sein …«, sagte Heinrich Wachsmut, während er das wächserne Relief betrachtete. »Mir ist frisches Geld immer lieber als altes.«
Ein paar der Herren lachten kurz auf. Weidemann steckte die kleine Schachtel ein und nahm Baader in die Pflicht: »Der Chirurgus möge seine Arbeit tun!«
Aller Interesse galt dem Pfeil, der Walberg tödlich getroffen hatte.
»So stark ist doch eigentlich nur eine Armbrust – dass die Spitze vorne wieder … ich meine …«, sagte Tilling, ein kleiner, bleicher, reicher Mann, der vom Bogen- und Armbrustschießen herzlich wenig verstand. Sein Haus war nach Unruhs das größte und eindrucksvollste. Es hieß wegen seines unglaublich spitzwinkligen Dachtrapezes und der Auskragung an der Stirnseite das Brusttuch.

Die Rekonstruktion des »Heiligen Grabes«
Hätte Walberg ein Brusttuch getragen, dachte Baader, wäre der Pfeil im unteren Drittel durchgedrungen. Laut sagte er: »Das hängt von drei Dingen ab.«
Er hatte sich neben dem Toten aufgebaut und eine Seite des Feldbuchs der Wundarznei aufgeschlagen, wo mannigfache Arten der Pfeilverletzung dargestellt waren. »Der heilige Sebastian, Schutzheiliger der Bogenschützen, dürfte seine helle Freude an diesem Schützen haben, denn er hat an des Märtyrers Namensvetter mit geringem Aufwand Erstaunliches geleistet. Selbst mit einem Bogen verschossen, kann ein Pfeil derart durchschlägig sein. Der Bogen muss erstens sehr stark und die Pfeilspitze zweitens hervorragend gearbeitet sein, ganz so wie diese Jagdspitze hier.«
Weidemann hatte ihm die beiden Hälften des entzweigebrochenen Pfeiles gereicht, und Baader reckte das vordere Ende demonstrativ in die Höhe.
»Beachten Sie die messerscharfen Kanten. Sehen Sie, wie flach und spitz das Oval zuläuft? Damit schießen Sie auch durch die dickste Wildschweinschwarte. Könnte mir einmal jemand helfen?«
Achtermann, Papen, Balder und Weidemann drehten den Leichnam ihres gewesenen Ratskollegen herum. Er war noch etwas warm, aber schon steif, registrierte Baader mechanisch. Er deutete auf eine Stelle unterhalb der rechten Schulter.
»Und damit kommen wir zum dritten Erfordernis für eine derart durchschlagende Wirkung. Der Schütze war kein Glückspilz, sondern ein Könner, wie der Herr Bergrichter ganz trefflich bemerkt hat. Er traf sein Ziel genau da, wo er wollte, knapp überm Schulterblatt. Der Pfeil fuhr zwischen zwei Rippen und riss die Schlagader, das Herz, die Lunge und die Leber an. Das war kein Anfänger, und es war kein simpler Schuss von hinten. Er kam eher …«, Baader suchte mit der Hand die Schussrichtung anzudeuten, »… von schräg oben, so etwa.«
»Er muss von einem Turm oder einem Baum oder einer Felsklippe heruntergeschossen haben«, sagte Joachim Wegener, der zweite Bürgermeister.
»Wir sollten uns einmal die Stelle ansehen, wo man ihn angeblich fand«, entschied Weidemann. »Wo steckt der Bergmeister Walter?«
»Der Bergmeister Ihrer widerrechtlich weiter betriebenen und frevlerisch den Beschlüssen des Rates Hohn sprechenden Grube!«, warf der jähzornige Zacharias Papen, dieser immer feuerrote, sehr dicke Mann kampflustig aufschnaufend ein.
»Schweigen wir nun darüber!«, beschwichtigte ihn Weidemann. »Ich glaube, wir werden uns da angesichts der neuen Umstände doch noch einig, so wie ich Herrn Raschen vorhin verstanden habe …«
»Aha«, meinte Achtermann und schickte vielsagende Blicke zu Tilling, Papen und Balder. »Da muss also erst einer ins Gras beißen, bevor die Herren vernünftig werden und mit dem Neuwerk wieder in den Kreis des Rates zurückkehren.«
Alle blickten auf den hoch aufgeschossenen Simon Raschen, der sicher drei Köpfe größer war als der tote Walberg und einen Kopf größer noch als der nicht eben kleine Papen. Er wurde rot. Seine Mitgewerken Heinze und Wachsmut blickten zu Boden. So hatte man sich also unterdessen besprochen.
Das wurde auch Zeit, fand Achtermann. Sonst hätte er nicht angestanden, selbst einmal den Bogen anzulegen … Walberg war kein Patrizier gewesen, sondern ein eingebürgerter Kaufmann mit einem Talent zum Geschäftemachen. Sein protziges Haus am Schuhhof war nicht einmal fünf Jahre alt. Achtermanns Haus am Markt dagegen war so alt wie die Stadt selbst. Der Achtermann’sche Zwinger war immerhin schon 26 Jahre alt. In den Gärten vor der Stadt stand er, ein Trutzturm mit der Kaiserfigur in einer von Fialen bekrönten Nische, und war ein bleibendes Symbol ihres Geburtsadels.
Achtermann spürte eine ungehemmte Lust zu ausgreifenden Unternehmungen. Seine Galmei-Hütte lag zwar jetzt brach, aber es gab noch andere Mittel als den Berg, um aus der Flaute zu kommen. Ein Achtermann konnte sich schnell auf neue Umstände einstellen. Jetzt, da Walbergs Kontor vor der Auflösung stand, würde er alles versuchen, den Löwenanteil an diesem Kuchen zu übernehmen. Das war die Gelegenheit, sich endlich wieder an die erste Stelle in der Bürgerschaft zu setzen. Der gekrönte Adler mit den ausgebreiteten Schwingen würde weiter das Familienwappen zieren. Goslar war die Stadt seiner Familie – so musste es bleiben. Johannes Barnabas Achtermann schritt kraftvoller aus und fühlte, dass sich etwas in ihm bewegte.
Eine frische Brise fuhr über den Berg, als die Herren des Rates, von reichlich Kriegsvolk umgeben, neben dem gleichfalls starken, kunterbunten Landsknechtstross des Bergrichters auf die Grube Neuwerk zusteuerten. Drinnen unterm Zeltdach drehten vier Pferde das Gestängekreuz des Göpels über dem Schacht. Man hörte, wie sich schurfend das Tau auf die große Rolle legte. Das Seilzuggestänge ächzte. Die Hufe klackerten dazu.
Eitel Walter, der Bergmeister, der eben über die Fahrten hochgeklettert war, stand dem ersten Bürgermeister Rede und Antwort. Dass er wie seine Untergebenen im Berg arbeitete, quasi Bergmeister, Steiger und Hauer in einem war, bezeugten die rotledernen Knieschützer und das schwarze Arschleder, das ihm wie eine rücklings getragene Schürze umgebunden war. Das Schwert am Gürtel zeigte an, dass er am Neuwerk das Sagen hatte. Seine ockergelbe Kluft, die oben in eine Kapuze auslief, unter welcher er, dicht um den Kopf gewickelt, ein weißes Tuch trug, zeigte dunkelbraune Spuren der morgendlichen Einfahrt.
»Meister Walter, wann habt Ihr Sebastian Walberg zuletzt gesprochen?«
»Kurz vorm Vesperläuten gestern, als die Schicht zu Ende ging und drunten die Vorbereitungen für das Feuersetzen abgeschlossen waren.«
»Wo war das?«
»Just hier!«
»Ging er bald wieder fort? Und wohin?«
»Er war hier bis nach dem Nachtsang, da fuhr ich noch einmal ein und zündete die Holzstöße im fündigen Querschlag an. Als ich wieder ausfuhr, war er immer noch da und blieb auch hier sitzen, bis wir alle fort waren.«
»Hat er gesagt, warum er dableiben wollte?«
»Er tat höchst geheimnisvoll – von wegen, er hätte noch ein Geschäft zu erledigen … Wir haben geflachst, er wolle wohl noch einen Handel mit einer einsamen Bürgersfrau schließen … Da hat er gelacht, aber seine Augen leuchteten, wie sonst nur, wenn es um etwas Profitables ging. Seine Augen waren da immer untrüglich. Ich denke, er ist unbeweibt gestorben. Er hat sich nichts aus Wein und Weibsbildern gemacht. Er war glücklich mit seinem Geld. Das hat ihm stets als Quell der Wonne gereicht, schätze ich.«
»Was soll man davon halten?«, fragte Weidemann in die Runde.
»Er ist den Berg hinaufgegangen, als alle weg waren«, ließ sich Baaders Stimme hören. »Hier an der Hohen Warte, dem Wachturm, wo Meister Walter ihn fand, soll er ermordet worden sein, aber das geht schon deshalb nicht, weil der Mörder keine Flügel hatte, wenn es nicht der Gottseibeiuns war.«
Die Herren bekreuzigten sich mechanisch.
»Denken Sie daran, was ich von der Richtung gesagt habe, aus der ihn der Pfeil traf: von schräg oben! Der Wachturm kommt als Standort des Schützen nicht in Frage, der ist von hier doch etwas zu weit entfernt. Der Schuss käme zu flach. Und das Dach über dem Göpel hier am Neuwerkschacht ist zu spitz – da mag man sich allenfalls mit beiden Händen festklammern; aber niemand wird darauf stehen, einen Bogen spannen und sicher schießen können.«




