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Man hörte oft Äußerungen wie: „… Wenn sie nicht tut was ich sage, dann feuere ich sie eben …“
Es schien ihm Spaß zu machen. Und so hatte er auch keinen Sinn für Objektivität. Er glaubte allen Ernstes, es werde ein großer Erfolg werden. Wurde es leider nicht.
Aber eigentlich, so er selbst später, war er ja gar nicht daran schuld. Wir haben aufrichtiges Mitleid und erteilen keine Absolution, denn es war natürlich die Mafia! Ganz klar!
Ein sehr erfahrener Darsteller aus dem Ensemble übernahm zu Anfang Improvisationen zu den einzelnen Figurengruppen. Wie verhalten sich Orks, wenn sie auf Zwerge treffen. Das war sehr interessant und nützlich, aber es wurde vom Regisseur weder gewürdigt noch bewusst eingesetzt. Und so wand man sich durch Szenen, an denen überhaupt nicht gearbeitet wurde, die schlecht gestellt waren und dramaturgisch lieber nicht kommentiert werden sollten.
Mehr und mehr wurde er zu Gollum.
Die Choreographin
Eine tolle Frau aus New York und als Gillian Lynne‘s Assistentin und frühere Ballettmeisterin und Choreographin am Theater des Westens für das Staging aller „Phantom der Oper“-Produktionen in den USA zuständig. Sie erhoffte sich sicherlich den Durchbruch mit dieser Produktion.
Die Choreographien, unorganisch und altertümlich – über Geschmack kann man streiten – waren gesetzt und relativ genau. Die Assistenten gaben sich die größte Mühe alles auf einen Nenner zu bringen. Details würden dann schließlich im Zelt gearbeitet.
Sie hatte in den ersten Wochen noch versucht bei den szenischen Arbeiten des Regisseurs einzugreifen, gab dann aber leider wohl aus persönlichen Differenzen klein bei und ließ ihn gewähren. Man kann sagen: Konfliktscheu. Obwohl es später ziemlich „gekracht“ haben muss, denn er verbot ihr für ein paar Tage die Teilnahme an den Proben. So hatte man dann nicht einmal mehr jemanden, der etwas von Theater verstand und Szenen ändern konnte. Sie hatte verständlicherweise aber wahrscheinlich auch nicht mehr den Willen, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Sie verließ uns nach der Premiere und war bestimmt froh, endlich fort zu sein.
Die Probenzeit
Der erste Probentag Tag war der 31. August 1998. Wir wurden mit einem T-Shirt auf unserem Stuhl – damals durfte sich jeder noch einen aussuchen – einer Mappe mit Info-Material und einem Notizblock mit dem Logo bedacht. Das Logo war zweifellos sehr schön und hatte wahrscheinlich auch eine Stange Geld gekostet. Es wurde angeblich von einem der Top-Airbrushkünstler Englands entworfen. Bei so vielen Superlativen stumpft man irgendwann ab.
Ein T-Shirt von einer Produktion ist eine schöne Sache. Schön war auch, dass auf der Rückseite ein Aufdruck mit der Tickethotline zu sehen war. Damals war der Premierentermin laut Vertrag noch für den 5. November vorgesehen. „Bitte tragt es bei dem Fototermin morgen.“ Ich hätte mir bereits etwas denken können, dass es damals schon mit einer besonders „persönlichen“ Behandlung anfing. „Jeder muss morgen sein T-Shirt tragen …, dass es keiner vergisst!“
Begrüßung mit gegenseitigem Kennenlernen in der Freien Volksbühne und damit war der Tag fast wieder gelaufen. Aber schon gab es die erste Überraschung: Die musikalische Leitung lag nicht mehr in den Händen von Cameron Macintoshs Assistentin, sondern in bisher unbekannten neuen.
Ein wenig gesungen haben wir dann auch. Eine Stimmenaufteilung wurde gemacht; wobei der neue Musikalische Leiter plötzlich feststellte, dass es bei den Herren eigentlich nur Tenöre gab. So bat er einige Herren sich zu opfern und die Baritonstimmen zu übernehmen, die für einen Tenor ziemlich tief waren. Bei den Damen war das nicht viel anders.
Die erste Woche verbrachten wir damit, die musikalischen Nummern zu proben. Danach fing jeder Tag mit einem Tanz- und Vokal-Aufwärmen an; in den ersten Wochen übten wir sogar besondere Gangarten der verschiedenen Wesen. Wie gehen Orks, Zwerge, Elben und Hobbits? Die Hobbits waren auf jeden Fall am bequemsten. Ein wenig den Hintern herausgeschoben, die Brust raus und leicht getrippelt, das war‘s. So ähnlich wie ein Entengang. Solche Einzelheiten machten uns Glauben, dass alles gut vorbereitet war. Sie wurden nur nicht fortgeführt.
Das Bizarre war, dass in den ersten Wochen jeder zum täglichen Aufwärmen kommen musste, egal ob man direkt darauf eine Probe hatte, oder erst später am Tag. Es wurde nach hitzigen Auseinandersetzungen mit einer eigentlich recht plausiblen Erklärung begründet: „Wir wollen ein Gemeinschaftsgefühl und damit ein Ensemble schaffen“.
Witzig daran ist, dass also anfangs mit allen Mitteln versucht wurde ein „Gemeinschaftsgefühl“ durchzusetzen. Auch mit Verwarnungen, für die der Stage Manager verantwortlich zeichnete. Später allerdings wurde es entweder völlig über Bord geworfen, oder im genauen Gegensatz dazu gehandelt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich alle Innovativität nach der ersten Woche erschöpfte. Das wurde schlagartig klar, als es an die ersten szenischen Proben ging.
„Everything will be different in the tent!“ und das ist die „Italian Version“, oder die „German Version“, hieß es von der Choreographin alle Nase lang und so wurde auch gearbeitet. Keiner wusste, was das genau hieß. Erst wurde alles im Ballettsaal ausprobiert und dafür gesetzt (the English Version), dann wurde es für die Bühne der freien Volksbühne geändert (the Italian Version) und schließlich musste es noch einmal geändert werden, da ja das Zelt völlig anders sein wird, aber wie genau weiß eigentlich auch keiner (the German Version). Ohne richtige Requisiten, Kostüme, … probten wir insgesamt bis Mitte November. Eine imaginäre Arbeit ohne gleichen!
Imaginär war dann auch das September-Gehalt, das einfach nicht eintraf. Große Diskussion, Gerüchte. Wir hatten ja auch ein paar gebrannte Kinder von „Space Dream“ dabei und die stellten sich, was wir anderen Frischlinge anfangs nicht verstanden, bei jeder Ungereimtheit und derartigen Ereignissen quer. So wurde uns sogar nach einiger Zeit und Diskussion gestattet, ungeahndet, weil das Geld immer noch nicht da war, einen Tag mit den Proben auszusetzen. Was wir auch taten. Die Choreographin, der Regisseur und der musikalische Leiter verfassten damals sogar einen Brief an den Produzenten uns doch bitte zu bezahlen, damit wir weiter arbeiten könnten. Sie wurden auch nicht bezahlt. Beim Regisseur bin ich mir allerdings nicht so sicher.
Das Gehalt kam doch noch. Jedoch verspätet. Extrem verspätet! Am 8. Oktober. Und schließlich auch der Grund weshalb: Erst wurde versichert, das Geld sei schon auf dem Weg: „… Hier sind die Belege …“ Am nächsten Tag sagte man uns dann endlich die Wahrheit: „… Das Geld konnte doch nicht überwiesen werden, da die Konten eingefroren sind … (Hust!)“ Schön, nicht?
Aber warum waren plötzlich Konten eingefroren? Hier der Grund:
Das Zelt sollte in Berlin in der Oranienburger Straße auf einer freien Fläche neben dem Tacheles aufgebaut werden. Und man sollte meinen, dass bei 1 1/2 jähriger Planung, dem Probenbeginn im September und der Premiere im November alles Bürokratische bereits abgehandelt sei. Doch weit gefehlt. Aus der Zeitung erfuhren wir, dass die Bauge-nehmigung für das Zelt nicht erteilt wurde. 3 Wochen nach Probenbeginn.
„… Ach, es ist wirklich blöd, naja, die mündliche Zusage hatten wir doch schon … aber wegen des Regierungswechsels … und da haben wir eigentlich den Senat hinter uns …, der uns übrigens eine extra Frist gegeben hat und auch für uns besonders schnell reagieren will …“.
Nun leben Banken ja auch nicht hinter dem Mond, vor allem nicht in politisch-finanziellen Dingen. Und so hatte diese Bank davon gehört, dass ihre Investition keine Baugenehmigung hat. Und daraufhin wurden erstmal ein paar Konten bis zur Klärung der Umstände eingefroren.

Das Zelt von der Oranienburger Strasse
Im Zelt
Ja, das Zelt wurde noch gebaut. Die Baugenehmigung gab es dann doch. Und zwar mit den Auflagen einer Begrenzung der Zuschauerzahl von 1800 auf 1500, einer Lautstärkenbegrenzung und einem definitiven Ende um 22.00 Uhr. Das musste wegen der Anwohner eingehalten werden. Verwarnungen gab es nach Spielbeginn schon ziemlich bald. Und zwar eben wegen Nichteinhaltung der Schlusszeit. An Tagen mit Doppel-Shows, also einer Matinee und einer Abendvorstellung, badeten wir, die Darsteller, das natürlich aus.
Weil einmal der Computer für den Ticketverkauf abgestürzt war, musste die erste Vorstellung später anfangen. Und das kam nicht nur einmal vor. Wie kriegt man dann das Einhalten des knapp kalkulierten 22.00 Uhr Schluss-Termins hin? Man beginnt die zweite Show einfach früher. Und das heißt, die Pause zwischen den Shows wird auf ein Minimum reduziert. Im Klartext für die Darsteller: Weil man sich nach einer Show Ab- und für die folgende wieder aufschminken muss, hat man dann eventuell gerade noch Zeit für eine Zigarette. Schon muss man wieder auf die Bühne. Eine minimale Pause wird zu einer nicht existenten.
Die weiteren Verzögerungen waren darauf zurückzuführen, dass die italienische Firma, die das Zelt konstruiert und gebaut hatte, nicht oder nicht ganz bezahlt wurde. Und die haben sich natürlich gesagt:
Kein Geld, kein Zelt!
Das reimt sich! Nicht, dass alles was sich reimt, gut ist.
Aber, wie gesagt, es kam ja doch noch und unser erster Probentag im Zelt war Samstag, der 14. November. In vorherigen Absprachen wurde versprochen, dass die Heizung ab dem 12. November installiert sei, es Verpflegung und Garderoben gäbe.
Am 5. November hätte eigentlich Premiere sein sollen und der 14. November war schon eine Katastrophe:
Im offenen Zelt ohne Heizung, ohne fließendes Wasser, geheizte Toiletten. Es gab einen Toilettenwagen, der draußen für alle offen stand, dessen Tür übrigens auch. Von „Catering“, oder Kantine ganz zu schweigen. Man konnte den eigenen Atem sehen, was über die Temperatur und diverse Körperfunktionen enormen Aufschluss gibt. Auf einer eiskalten Baustelle ohne Helm zu arbeiten, den allerdings jeder Techniker trägt, während über allen Köpfen versucht wird, schwere Stahlgerüste für Scheinwerfer unter dem Zeltdach zu verankern ist ein Erlebnis, das man sich wirklich entgehen lassen sollte, wenn man nicht dazu gezwungen wird.
Eine Probe konnte nicht wirklich stattfinden, und so wurden wir bald wieder nach Hause geschickt. Aber immerhin war der Schein gewahrt. Zwei Tage darauf bot sich dasselbe Bild mit derselben Reaktion. Der erste richtige Probentag war schließlich Dienstag, der 17. November. Nicht, dass sich viel an den Bedingungen geändert hatte. Nein, die waren ungefähr dieselben, aber wir mussten proben, da uns die Zeit davonlief. Und das wurde von der Geschäftsführung auch effektvoll als Druckmittel eingesetzt. Ob die Bedingungen legal oder illegal waren, war ihnen nicht wichtig. Beschwichtigung und „Versprechen der Besserung“ als Hinhaltetaktik.
In medias res:
Es gab einen Tisch auf der Bühne, der eigentlich nur ein einziges Mal benutzt wurde. Stimmt nicht; na gut, doch zweimal. Das zweite Mal war im Finale, dessen Daseinsberechtigung wohl niemand außer dem Regisseur verstand und selbst da war sich keiner wirklich sicher.
Dieser Tisch war eigentlich eine Hebebühne, die sehr langsam und mit viel Getöse ca. 2 Meter hochfahren konnte und sonst mit dem Boden abschloss, so dass nur noch ein kleiner Spalt zu sehen war, der allerdings ausreichte, um unauf-merksame Tänzer zum Stolpern zu bringen.
So probten wir dann. Auch mit dem Tisch. Vor allem eine Nummer: Das Finale. Den „Ring der Macht“, der das Aus-hängeschild der Produktion darstellen sollte. Verhandlungen wegen einer CD-Aufnahme mit Michael Bolton … Krach … und schließlich sollte Angelo Branduardi der Sänger sein, von dem man aber dann nichts mehr hörte – von der CD-Aufnahme allerdings lange auch nicht.
Gegen Ende der Produktion liefen aber plötzlich Mitschnitte aus der Show im Foyer. Niemand wusste zuerst davon, da zur Pause und nach der Show alle beim Umziehen waren. Es war wieder einmal unangekündigt. Welche Überraschung. Noch ein wenig später erfuhren wir dann, dass davon auch eine CD gepresst wurde. Aber natürlich „nur zu Promotionszwecken“.
Zurück zum „Ring der Macht“: In diesem recht erfrischenden Staging sollten drei Zauberer aus verschiedenen Richtun-gen „höchst dramatisch“ auf den Tisch hinzu schreiten und mit ihm die zwei Meter in die Höhe fahren. Es ergab eine sehr eigene Klangkulisse, zusätzlich zur Musik. So ein beunruhigendes Brummen und Zischen. Aber es wurde ja auch mit „spektakulären Spezialeffekten“ geworben.
Wir probten natürlich auch eine zweite Version des Finales, da am 21. November, also 4 Tage später, ein Promotion-Auftritt beim „Gesicht ’98“ einer Model-Casting Veranstaltung, in unserem Zelt anstand. Die eigentliche Änderung bestand darin, dass statt der drei Zauberer, Rosie Hüttinger, die Hauptdarstellerin, während sie sang, auf diesem Tisch gen Fantasy-Himmel gefahren werden sollte, was zugegebenermaßen sogar ein wenig spektakulär wirkte.
Nun wurde uns allerdings am Samstag, dem 21. November gesagt, wir dürften den Tisch nicht benutzen, da er bei der TÜV-Abnahme am Vortag leider vergessen worden sei. Der aufmerksame Leser sollte hier schon stutzen. Es wurde also auf einem Gerät geprobt, das noch nicht vom TÜV abgenommen war. Das wäre ja eigentlich nicht so schlimm gewesen, wenn wir am nächsten Tag, einem Sonntag, nicht schon wieder lustig auf dem Tisch weiter geprobt hätten. Meine Frage an das Stage Management und die Company Managerin ob inzwischen der Tisch abgenommen sei, wurde relativ hektisch mit einem „natürlich“ quittiert. Das sei alles erledigt, keine Sorge!
Hmmm … keine Sorge?
Der TÜV ist eine deutsche Organisation. Wie kommt es dann, dass an einem Samstagabend bei einer Veranstaltung nicht darauf gespielt werden durfte, allerdings am Morgen darauf gegen 10 Uhr, an einem Sonntag, im deutschen Berlin, der Tisch plötzlich abgenommen war? Die Wege des TÜV sind wohl unergründlich. Sehr fleißige Leute arbeiten da. Überstunden, wo es nur geht.
Aber es gab auch positive Ereignisse während der Proben. Nicht viele, aber das Highlight war ein unglaublich großer, mit viel Liebe ausgestatteter „Care-Korb“ komplett mit Tee- und Kaffeekannen, Schokolade, Vitamintabletten und Bonbons, Obst, Keksen und allem, was das müde, durchfrorene Herz eines „Zelt-Sklaven“ brauchte. Und natürlich kam es nicht von der Produktion, sondern von der Freundin eines unserer Hauptdarsteller. Marion rettete uns an diesem Tag das Leben.
Ensemble-Uneinigkeiten
Ein Ensemble von 30 Künstlern kann sehr viel Einfluss haben. Im positiven Sinne. Aber nur unter einer Voraussetzung: Es muss zusammenhalten. Wir haben das natürlich nicht getan. Oder nur sehr begrenzt.
Es kamen nicht alle zu Ensembletreffen, um wichtige Entscheidungen zu fällen und es gab ein verbreitetes, scheinbares Desinteresse an solchen Entscheidungen. Man will sich damit nicht herumschlagen, es ist nervig, kostet Zeit, die man viel besser im Café verbringen kann und es kommt ja sowieso nichts dabei heraus. Jedoch mehrten sich die Stimmen, die den Regisseur und die Produktionsleitung immer weniger ertragen konnten.
Selbstverständlich gab es Leute, die Angst davor hatten, zusammen und geschlossen positiven Druck auszuüben. Genauso gab es einzelne, die ihre eigenen Interessen verfolgten, anstatt die der anderen wahrzunehmen. Macht ist ein sehr gefährliches Instrument. Und viele, die lernen es zu spielen, legen es schließlich sehr ungern aus der Hand.
An alle Darsteller:
Zu Euerem Schutz und dem Eures Arbeitgebers. Haltet zusammen, wählt vertrauenswürdige, diplomatisch begabte Ensemblesprecher. Und vor allem: Besorgt Euch einen rechtlichen Berater! Am besten einen Rechtsanwalt. Ja, ich weiß, das klingt hart, aber wenn man seine Rechte kennt, auch seine Pflichten und die besonderen Bedingungen und Umstände, die nur ein Rechtsanwalt kennen kann, lebt man um einiges sicherer und, vor allem anderen, bewusster und sorgenfreier.
Künstler wollen mit so etwas natürlich nichts zu tun haben. Aber auf diese Weise kann man Probleme im Voraus sehen und vermeiden. Und natürlich: Entscheidungen treffen, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen, aber doch rechtens sind. Kurz um:
Informiert Euch. Auch wenn es unangenehm ist, bevor Ihr impulsive Entscheidungen trefft, oder Zustände ertragt, die Euch auf Dauer zerstören. Das ist es nicht wert.
Gesicht ‘98, der 21. November 1998
Die Veranstalter werden sich ziemlich geärgert haben, da die Veranstaltung schon am 8. November stattfinden sollte, aber bei „uns“ hatte sich ja einiges verzögert. Wir konnten uns beschweren und es passierte natürlich nichts. Aber hier hatte ja eine Firma alles gemietet und bezahlte wohl nicht zu knapp dafür. Das muss richtig Ärger gegeben haben, da alles verspätet und nicht fertig war.
Es war ein trauriges Bild. Das Zelt war zwar einigermaßen dekoriert und sogar die „Adventure-Plätze“ wurden aufgebaut, obwohl sie nicht erlaubt waren. Aber kümmerte das jemanden? Man hatte die Plätze doch verkauft, also muss man sie auch aufstellen. Man platzierte einfach ein paar Plastikstühle und dahinter eine Abdeckung, die so aussah, als sei sie aus Stein. Von der Seite, die nicht kaschiert war, sah man sofort, dass es eine sehr billige Lösung war. Adventureplätze sollten spezielle Plätze sein, die ganz nahe an der Bühne die Möglichkeit geben sollten, die Zuschauer eng in die Show einzubinden. Was später außer ein paar Wasserspritzern und einer kleinen Konfettibombe kaum passierte. Wenn, dann nur durch die Initiative der Darsteller. In der Spinnenszene wurden zwei Zuschauer auf die Bühne geholt und leicht gefesselt. Äußerst spannend!
2 Artisten knüpften tagelang an einem Spinnennetz, das allerdings mangels Regie und auch da es keinerlei Aufhängemöglichkeit in der Kulisse gab, niemals zum Einsatz kam.
Doch Zurück zum „Gesicht“:
Die Mädchen und Jungs dieser sehr „jugendlich“ angehauchten „Gesicht“-Veranstaltung, die mit großen Erwartungen teilnahmen, hielten sich im hinteren Teil des Zeltes auf. Das war zwar durch einige Lüfter geheizt, aber nicht genug um halb nackte Teenager vor der winterlichen Kälte zu schützen, die man sehr deutlich durch ein leichtes Anheben der ein-fachen Zeltwand fühlen konnte. Die armen Kids wurden in einem unglaublichen Ton herum kommandiert, durch die Bühnenproben gescheucht und im Hinterzelt eingepfercht um dort von tausenden von Stylisten bearbeitet zu werden.
Und wo war das Herr der Ringe-Ensemble? Wir, über 30 Darsteller, bekamen, nachdem wir seit 12 Uhr mittags im Zelt waren, einen Container zugewiesen. Dieser reicht platzmäßig mit Kostümen für ca. vier Leute aus. Auch wurde uns explizit gesagt, nicht an das Catering der Models zu gehen. Was sind wir auch für Geier. Und so warteten wir frierend auf unseren Auftritt; und nach einem langen Probentag auch auf ein wenig Nahrung. Man durfte ja nicht einfach gehen und etwas in einem Restaurant in der Nähe essen, denn es war „Standby“. Was soviel heisst wie: Es geht jede Sekunde los und dann wollen wir Euch nicht suchen müssen.
Aber wer friert braucht kein Essen. Das ist ein Zeichen der Schwäche. Ein richtiger Profi friert nicht! Und hat vor allem keinen Hunger.
Warum wir froren? Die Heizung fiel mal wieder aus. Denn diese war für so ein großes Zelt ohne richtige Isolierung unterdimensioniert und wenn die Küche im Vorderzelt, das sollte das Foyer und der Einstieg in die Fantasywelt sein - wo es sogar auch einen eigenen VIP-Bereich gab, zu kochen begann, flog die Sicherung ‘raus.
Aber ich denke, wir froren, dadurch dass wir uns nicht hinsetzen konnten wohl nicht so sehr wie das arme Publikum, das still sitzen und alles über sich ergehen lassen musste. Einer unserer Stage Manager hatte schließlich Erbarmen mit uns und bestellte gegen 22.00 Uhr Pizza. Später erfuhren wir, dass er das Geld, das er dafür auslegte, nie von der Produktion wiedergesehen hatte. Er hatte sich lange bemüht.
Auch dieser Abend dauerte lange!
Andrea Thilo bemühte sich sichtlich ihn zu moderieren und war, als es vorbei war sicher froh, dass sich alle recht schnell aus dem Staub machten, um sich irgendwo aufzuwärmen. Es war einfach zu kalt. Und das sprach sich natürlich herum. Die Presse war keines guten Wortes Herr. Und das, wie dann schließlich auch bei den Premierenkritiken, völlig zu Recht!
Ich habe noch nie eine Produktion erlebt, bei der sich alle im Ensemble auf schlechte Kritiken freuten und enttäuscht waren, wenn sie belanglos, oder im Falle Rostocks sogar unverständlicherweise überschwänglich gut ausfielen. Aber die hatten das Stück wahrscheinlich gar nicht gesehen.
Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Nur richtig gute oder richtig schlechte Kritiken sind positiv. Denn nur diese wecken die Neugier der Menschen. Belanglose Kritiken sind viel schlimmer, da sich wirklich niemand dafür interessieren wird, wenn etwas nur Durchschnitt ist. Aber ist das nicht überall so?
Das „Event“, der 24. November 1998
Zu diesem Datum war eine volle Vorstellung verkauft, oder vielleicht auch nicht. Das konnte man zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr genau sagen, denn es war eine Aussage des Managements, das ja bekanntlich sehr locker mit der Wahrheit umging. Auf jeden Fall waren Reise- und Busunternehmen aus ganz Deutschland eingeladen worden, eine Voraufführung zu begutachten, um dann eventuell Verträge abzuschließen.
Eine Panik brach aus. In diesem unfertigen Zustand eine ganze Vorstellung zu zeigen. Wir hatten ja noch nicht einmal die ganze Show im Zelt durchgestellt. Wir wurden beschwichtigt, man könne die ganzen Leute leider nicht wieder ausladen, da man gar nicht wisse, wer genau käme.
Der Regisseur beschloss dann, es gäbe nur eine offene Probe. Es gäbe vorher eine Ansage und dann würden Szenen Stop-and-Go durchlaufen und man könne den Zuschauern „mal so richtig“ zeigen, wie man im Theater arbeitet. Sie dürften so einmal hinter die Kulissen schauen. Eine halbe Stunde lang und würden dann wieder hinausgeschickt. Ein so genanntes Event, keine Vorstellung. Versprochen!
Daraus wurde dann ein Durchlauf von drei noch nicht gearbeiteten Szenen in Kostümen, die noch nicht richtig ange-passt waren, bei denen das Staging auch noch nicht klar war, es keine Mikrofone und auch keine Monitore gab, auf denen wir das Orchester hören konnten. Geschweige denn, dass wir mit dem Orchester je auf der Bühne geprobt hatten. Eine furchtbar peinliche Aktion. Wir dachten, es würde zumindest einmal gestoppt und vor dem Publikum an einer Szene gearbeitet. Nichts dergleichen. Man ließ es einfach laufen und wir wollten vor Scham nur noch im Boden versinken. Das Publikum war, wie zu erwarten, außer sich vor Wut. Und das auch völlig zu Recht. Es hagelte Pfiffe, Buhs und Beschwerden. Nur unsere blieben ungehört. Es war das Peinlichste, das jeder von uns Darstellern je hinter sich bringen musste. Wir waren gezwungen worden uns „zum Affen“ zu machen. Und niemand würde erkennen, dass das nicht unsere Schuld war. Als einzelner Darsteller kann man sich manchmal durch so etwas durch schummeln. Aber dafür muss alles andere darum herum stimmen. Wenn allerdings so viele unberechenbare Faktoren aufeinander treffen, hat man einfach keine Chance.

Ein Blick in's Auditorium
Einen Tag nach dem "Event" schrieb ein Kollege:
25.11.1998
To the Company,
This morning when I woke up, I was very, very angry. After what I was forced to do last night, I felt I could no longer call myself „Professional“. But above all I was angry with myself for having gone through with this.
My dignity was stripped away from me and I was exposed to the most appalling work environment I have ever encountered. There are many, many years of experience within this Company. But for every single one of us, last night was the most degrading „Event“ to take place in all our careers.




