Insel der verlorenen Erinnerung

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Ich bemühte mich zu schlafen, aber all diese Sorgen stiegen wie Luftblasen in mir auf. Sie machten sich in meinem Herzen breit, ohne irgendwann zu zerplatzen. Konnten die Inuis ihren Helfern wirklich vertrauen? Der Professor hatte ja keine Einzelheiten preisgegeben. Hauptsache, die Kinder blieben gesund. In den hellblauen Handschuhen mussten die Fingernägel des kleinen Jungen inzwischen nachgewachsen sein …
Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war wieder etwas verschwunden. Es war kälter geworden und der Garten war mit Reif bedeckt. Meine Pantoffeln, der Wasserhahn, die Heizung, die Milchbrötchen im Brotkasten – alle Dinge im Haus waren eiskalt. Der Sturm von gestern Abend hatte sich über Nacht gelegt. Ich stellte das Ragout vom Vortag auf die Herdplatte und legte die in Alufolie gewickelten Brötchen rundherum. Als das Wasser im Kessel kochte, brühte ich Tee auf, den ich mit etwas Honig trank. An diesem Morgen musste ich unbedingt etwas Warmes zu mir nehmen.
Da mir das Geschirrspülen lästig war, löffelte ich das Gericht direkt aus dem Topf, den ich auf dem Herd stehen ließ. Als mir der Duft von geröstetem Brot in die Nase stieg, wickelte ich die Brötchen aus der Folie und beträufelte sie mit Honig.
Während ich kaute, versuchte ich zu erraten, was diesmal verschwunden war. Sicher waren es nicht Eintopf, Milchbrötchen oder Honig. Sie schmeckten noch genauso gut wie gestern.
Es war immer ein Jammer, wenn Nahrungsmittel verschwanden. Früher war der Lieferwagen des Lebensmittelhändlers immer vollgepackt gewesen, während heute große Lücken in seinem Warensortiment klaffen. Das Leibgericht meiner Kindheit war ein Salat aus Brechbohnen. Dazu Kartoffeln, gekochte Eier und Tomaten, angemacht mit feiner Mayonnaise und mit Petersilie garniert. Meine Mutter hatte den Gemüsehändler immer gefragt: »Gibt es heute frische Bohnen? Sie müssen schön knackig sein.« Diesen Salat habe ich seit ewigen Zeiten nicht mehr gegessen. Ich kann mich weder an das Aussehen von Brechbohnen erinnern noch an ihren Geschmack.
Als der Topf leer gegessen war, stellte ich ihn in die Spüle und schaltete den Herd aus. Die zweite Tasse Tee trank ich ungesüßt. Von dem Honig waren meine Finger ganz klebrig.
Trotz der Kälte in der Nacht hatte der Fluss keine Eisdecke, denn ich vernahm ein sanftes Plätschern. Dann hörte ich eilige Schritte in der Gasse hinter dem Haus. Der Hund des Nachbarn bellte. Es war die übliche Aufregung, wenn etwas dabei war zu verschwinden.
Als ich die aufgebackenen Milchbrötchen verspeist hatte, öffnete ich, aufgeschreckt durch die hastigen Schritte, das Fenster zur Nordseite. Alle hatten sich versammelt: der ehemalige Hutmacher, das griesgrämige Ehepaar von nebenan, der braun gescheckte Hund und ein paar Kinder mit Schulranzen auf dem Rücken. Sie starrten schweigend aufs Wasser.
Der Anblick war einfach überwältigend. Dies war kein normaler Fluss mehr, in dem man manchmal den Rücken eines Karpfens aufblitzen sah.
Ich lehnte mich weit aus dem Fenster und kniff die Augen zusammen. Auf der Wasseroberfläche trieben unzählige Teilchen von einem undefinierbaren Farbton, der zwischen Rot, Rosa und Weiß changierte, so dicht, dass man das Wasser nicht mehr sehen konnte. Von oben betrachtet wirkten die Teilchen weich, sie schmiegten sich geradezu aneinander. Sanft glitten sie auf dem sonst so schnell strömenden Wasser dahin.
Ich lief rasch hinunter in den Keller und trat auf den Waschplatz hinaus, wo ich die Inuis empfangen hatte. Von hier hatte ich die beste Sicht auf den Fluss.
Der Boden war kalt und rau, zwischen den Steinen am Rand wuchs Klee. Direkt zu meinen Füßen floss der erstaunliche Wasserstrom vorbei. Ich kniete nieder und hielt meine Hände hinein. Als ich sie herauszog, klebten Rosenblätter daran.
»Das ist unglaublich«, rief der ehemalige Hutmacher.
»In der Tat«, stimmten ihm die anderen nickend zu.
Die Kinder rannten mit ihren klappernden Schulranzen am Ufer entlang. »Trödelt nicht herum, sondern lauft zur Schule!«, rief ihnen der Alte hinterher.
Keines der unzähligen Rosenblätter war verwelkt. Ganz im Gegenteil, sie schimmerten und wirkten frischer als jede Blütenknospe, was vielleicht am eiskalten Wasser lag. Ihr Duft, der den vom Fluss aufsteigenden Morgennebel durchdrang, war betörend.
Wo man auch hinsah, überall schwammen Rosenblätter. Kaum hatte man eine Handvoll geschöpft und sah darunter das Wasser schimmern, drängten schon wieder neue heran. Als hätte sie jemand hypnotisiert, trieben sie unaufhaltsam in Richtung Meer.
Immer und immer wieder tauchte ich meine Hand ins Wasser, wo die unterschiedlichsten Blütenblätter herumtanzten. Manche hatten gekräuselte Ränder wie Rüschen, es gab blasse Farbtöne und satte, und einige hingen sogar noch am Kelch. Diejenigen, die an der Mauerkante des Waschplatzes klebten, wurden irgendwann vom Wasser mitgerissen und verschmolzen mit der Masse der übrigen Blütenblätter.
Ich wusch mir das Gesicht, trug etwas Creme auf, kein Make-up, und zog mir einen Mantel über, bevor ich nach draußen ging. Ich wollte stromaufwärts den Hang hoch zum Rosengarten.
An den Ufern des Flusses standen überall Schaulustige und bewunderten das bizarre Schauspiel. Es waren mehr Beamte zugegen als sonst. Mit der Waffe im Halfter standen sie mit ausdrucksloser Miene herum.
Die Kinder langweilten sich, sie warfen Steine ins Wasser oder stocherten mit Stöcken, die sie irgendwo aufgelesen hatten, darin herum. Aber der Fluss ließ sich dadurch nicht stören, sondern strömte unbeirrt weiter. Hin und wieder gab es ein Hindernis in Form einer Sandbank oder eines Pfahls, doch angesichts der gewaltigen Menge von Blütenblättern stellten auch sie kein Hindernis dar. Läge man auf dem Wasser, würden die Rosen einen umhüllen wie eine weiche Decke.
»Wer hätte das gedacht?«
»Wie beeindruckend! So etwas haben wir noch nie erlebt, wenn etwas verschwunden ist.«
»Sollte man es nicht fotografieren?«
»Besser nicht. Was nützen Aufnahmen von etwas, das es nicht mehr gibt.«
»Stimmt, das macht keinen Sinn.«
Die Leute tuschelten leise miteinander, um nicht die Aufmerksamkeit der Polizisten zu erregen.
Außer der Bäckerei war noch keines der Geschäfte geöffnet. Ich wollte nachschauen, was mit den Rosen im Blumenladen geschehen war, aber die Fensterläden waren geschlossen. In den Bussen und Straßenbahnen saßen keine Fahrgäste. Der Himmel riss auf und die Sonne löste den Morgennebel zusehends auf, der intensive Geruch aber blieb.
Wie zu erwarten, war im Rosengarten keine einzige Blüte mehr übrig. Wie knochige Skelette ragten die leeren Stängel, die nur noch Blätter und Dornen trugen, in die Luft. Hin und wieder kam ein Windstoß vom Hügel herunter und wehte die letzten Blütenblätter vom Boden in Richtung Fluss.
Keine Menschenseele war zu sehen – weder die auffällig geschminkte Frau, die sonst an der Kasse saß, noch die Gärtner und natürlich auch keine Besucher. Ich überlegte kurz, ob ich trotzdem Eintritt zahlen sollte, aber dann schlüpfte ich unter dem Drehkreuz hindurch und folgte dem sich dahinschlängelnden Weg, auf dem Schilder den Rundgang markierten.
Einige Pflanzen hatten überlebt, Glockenblumen, Enzian und stachelige Kakteen. Aber sie blühten eher im Verborgenen, als schämten sie sich ihrer Anwesenheit. Der Wind schien es nur auf die Rosen abgesehen zu haben, deren Blütenblätter er unermüdlich mit sich forttrug.
Ein Rosarium ohne Rosen war ein trostloser Ort, der seine Bedeutung verloren hatte. Umso trauriger war der Anblick all der Spaliere und Bewässerungsanlagen, die zur Pflege der Rosen errichtet worden waren. Der wohlgenährte Boden schmatzte weich, während ich voranschritt. Das Rauschen des Flusses war hier oben nicht zu hören. Die Hände in den Jackentaschen vergraben, marschierte ich herum, als irrte ich über einen Friedhof voll anonymer Gräber.
Doch wie eindringlich ich die Dornen, all die Blätter und Stängel auch betrachtete, wie genau ich die Beschreibungen der jeweiligen Arten auf den Schildchen daneben studierte, meine Erinnerung an das Aussehen einer Rose war bereits verblasst.
7
Es dauerte drei Tage, bis der Fluss sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurückgewann. Auch die Karpfen – wo hatten sie sich die ganze Zeit über versteckt? – zogen wieder ihre Kreise im Wasser.
Am zweiten Tag kamen alle, die in ihren Gärten Rosen gezüchtet hatten, um die Blütenblätter den Fluten zu übergeben.
Am Steg nahe dem Waschplatz stand eine elegant gekleidete Dame.
»Sie sind wunderschön«, lobte ich ihre Blumen.
Obwohl alles, was mit Rosen zu tun hatte, keine Gefühle mehr in mir auslöste, wollte ich der Frau, die ihre Prachtstücke auf so innige Weise zu verabschieden schien, etwas Freundliches sagen. Das war das Einzige, was mir dazu einfiel.
»Vielen Dank. Sie haben letztes Jahr auf der Blumenschau eine Goldmedaille gewonnen.«
Meine Worte schienen ihr geschmeichelt zu haben.
»Sie waren eine Erinnerung an meinen verstorbenen Vater.«
In ihrer Stimme schwang jedoch kein Bedauern mit, als sie die Rosenblätter abpflückte und ins Wasser fallen ließ. Nur die Fingernägel hatte sie im passenden Farbton lackiert.
Als sie das Ritual beendet hatte, ging sie mit einem vornehmen Kopfnicken ihrer Wege, ohne noch einmal einen Blick auf den Fluss zu werfen, auf dem die Blütenblätter ins ferne Meer trieben. Auch wenn der Fluss von ihnen fast vollkommen bedeckt gewesen war, würden sie sich bald schon in den Weiten des Ozeans verlieren.
Ich schaute mir das Schauspiel zusammen mit dem alten Mann auf dem Deck der Fähre an.
»Merkwürdig, dass der Wind die Rosenblätter von allen anderen unterscheiden konnte«, sagte ich und rieb mit dem Daumen über eine rostige Stelle auf der Reling.
»Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Wir wissen nur, dass die Rosen verschwunden sind.«
Der alte Mann trug über der Arbeitshose, die noch aus seiner Zeit als Mechaniker stammte, den Pullover, den ich für ihn gestrickt hatte.
»Aber was wird nun aus dem Rosengarten?«
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Entweder es werden andere Blumen wachsen, oder man pflanzt dort Obstbäume an. Das Terrain kann auch als Friedhof genutzt werden. Wer weiß das schon? Die Zeit heilt alle Wunden. Sie verstreicht unaufhaltsam und lässt sich von niemandem beeinflussen.«
»Jetzt, wo nach der Vogelwarte auch der Rosengarten betroffen ist, kommt mir hier oben auf dem Hügel alles sehr traurig vor. Es gibt nur noch die alte Bibliothek.«
»Da haben Sie recht. Als Ihr Vater noch am Leben war, hat er mich oft in die Vogelwarte eingeladen. Wenn ein seltener Vogel vorüberzog, habe ich mir von ihm das Fernglas geborgt. Zum Dank habe ich sanitäre Anlagen oder elektrische Leitungen repariert. Im Rosengarten kannte ich den zuständigen Gärtner, und wenn eine neue Art anfing zu blühen, durfte ich sie mir gleich anschauen. Deshalb bin ich immer gerne den Hügel hochgewandert. Aber für jemanden wie mich ist die Bibliothek nutzlos. Außer wenn ein Buch von Ihnen erscheint. Dann bin ich sofort hingegangen, um zu prüfen, ob es dort auch im Regal steht.«
»Wirklich? Sie haben sich meinetwegen solche Umstände gemacht?«
»Aber natürlich. Ich hätte mich sofort beschwert, wenn ich Ihr neues Buch nicht gefunden hätte. Das war zum Glück nie der Fall.«
»Aber es gibt doch kaum Leute, die meine Romane lesen.«
»Das stimmt nicht. Zwei Personen haben mit Sicherheit Ihre Bücher ausgeliehen: ein Schulmädchen und ein Büroangestellter. Das habe ich auf der Ausleihkarte gesehen.«
Der alte Mann war ganz aufgeregt. Von der eiskalten Meeresbrise war seine Nasenspitze rot angelaufen.
An der Schiffsschraube hatten sich Blütenblätter gesammelt. Nach der langen Reise den Fluss hinunter trieben sie nun im Meerwasser und waren sichtlich ausgelaugt. Sie hatten an Frische und Glanz verloren und sich mit Algen, toten Fischen und Abfall vermengt. Ihr intensiver Duft hatte sich verflüchtigt.
Wenn eine größere Welle gegen den Rumpf schlug, geriet das Schiff ins Wanken. Es knarrte dann überall. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne trafen den Leuchtturm auf der gegenüberliegenden Landspitze.
»Aber was wird nun aus Ihrem Freund, dem Gärtner?«, fragte ich.
»Er ist bereits im Ruhestand. In seinem Alter braucht er auch keine Angst mehr vor der Erinnerungspolizei zu haben. Er mag wahrscheinlich vergessen haben, wie man Rosen züchtet, aber er kann sich ja um andere Sachen kümmern. Seinen Enkeln die Ohren sauber machen oder seine Katzen von Flöhen befreien. Es gibt immer genug zu tun.«
Der alte Mann tippte mit der Schuhspitze auf das Deck. Es waren ausgetretene, aber sehr robuste Schuhe. Sie waren so alt, dass man meinte, sie seien ein Teil von ihm.
»Manchmal bekomme ich es schon mit der Angst zu tun«, sagte ich, ohne aufzuschauen. »Es werden immer mehr Dinge verschwinden. Was soll nur aus der Insel werden?«
Der alte Mann griff sich an sein stoppeliges Kinn. Es schien, als würde er den Sinn meiner Frage nicht verstehen.
»Wie meinen Sie das …?«
»Es verschwindet mehr, als dass Neues entsteht. Ist es nicht so?«
Der alte Mann zog die Stirn in Falten, als hätte er Kopfschmerzen.
»Was können die Inselbewohner schon Großartiges hervorbringen?«, fuhr ich fort. »Einige Gemüsesorten, Autos, die ständig kaputtgehen, einfältige Theaterstücke, sperrige Öfen, ein paar ausgemergelte Nutztiere, ölige Schminke, Babys, Romane, die kein Mensch liest … Nur unscheinbares Zeug, auf das kein Verlass ist. Jedenfalls nichts, was es mit den verschwundenen Dingen aufnehmen könnte. Dabei darf man den damit verbundenen Energieverlust nicht vergessen. Es geschieht nicht gewaltsam, aber tief greifend und unaufhaltsam. Wir müssen aufpassen. Ich fürchte, wenn wir die entstandenen Löcher nicht füllen können, wird die Insel bald ausgehöhlt sein, porös, bis sie sich eines Tages ganz in Luft auflöst. Haben Sie nie darüber nachgedacht?«
»Nun ja, was soll ich sagen …« Der alte Mann fühlte sich augenscheinlich sehr unwohl, denn er schob die Ärmel seines Pullovers nervös hoch und herunter. »Es liegt vielleicht daran, dass Sie Romane schreiben, wenn Sie sich – wie soll ich sagen? – solch wundersame Dinge ausmalen. Man erfindet doch allerhand Geschichten, wenn man Romane schreibt, oder?«
»Nun ja …«, stotterte ich. »Aber das hier hat nichts mit einem Roman zu tun. Das sind Ängste, die sehr real sind.«
»Sie sollten sich nicht solche Sorgen machen!«, entgegnete er resolut. »Ich lebe schon dreimal so lange wie Sie auf dieser Insel. Also habe ich mindestens dreimal so viele Dinge verloren. Aber das hat mir niemals Angst eingejagt, und vermisst habe ich die Dinge auch nicht. Nicht mal, als ich die Fähre verloren habe. Man konnte dann zwar nicht mehr übers Meer fahren und drüben zum Einkaufen oder ins Kino gehen. Und ich hatte nicht mehr das Vergnügen, mit ölverschmierten Fingern an den Maschinen zu arbeiten. Und Geld bekam ich auch nicht mehr. Aber das fand ich nicht schlimm. Ich habe auch ohne die Fähre mein Leben gemeistert. Nachdem ich eingearbeitet war und die Lagerhallen bewacht habe, hat mir das ebenfalls Freude gemacht. Und nun darf ich sogar an meinem ehemaligen Arbeitsplatz meinen Lebensabend verbringen. Es fehlt mir also an nichts.«
»Aber Sie haben doch bestimmt keine Erinnerung mehr an die Fähre. Heute ist sie doch nicht mehr als ein riesiger Haufen altes Eisen, der auf dem Meer dahindümpelt. Ist das nicht schmerzhaft?«
Seine Lippen zuckten, während er nach Worten suchte.
»Es mag stimmen, dass heutzutage vieles auf der Insel fehlt. Als ich ein Kind war, schien sie mir – wie soll ich sagen? – irgendwie gehaltvoller, solider zu sein. Aber seitdem die Luft grobmaschiger ist, sind auch unsere Seelen transparenter. Dadurch hat sich ein Gleichgewicht ergeben. Es ist wie beim Gesetz des osmotischen Drucks. Selbst wenn das Gleichgewicht gestört wird, erreicht man nie den Nullpunkt. Deshalb haben wir auch nichts zu befürchten.«
Der alte Mann nickte zur Bekräftigung. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als sich sein Gesicht in Falten legte, wenn ich ihn mit meinen Fragen löcherte. Weshalb bekommen Leute gelbe Finger, wenn sie Mandarinen essen? Wohin werden Magen und Darm geschoben, wenn im Bauch einer Frau ein Baby heranwächst?
»Wahrscheinlich haben Sie recht. Es wird irgendwie gehen.«
»Da bin ich mir sicher. Es ist nicht tragisch, wenn etwas in Vergessenheit gerät oder spurlos verschwindet. Nur diejenigen, die nicht loslassen können, müssen damit rechnen, in die Fänge der Erinnerungspolizei zu geraten.«
Die Abenddämmerung senkte sich über das Meer. Egal, wie sehr ich die Augen auch zusammenkniff, ich konnte kein einziges Rosenblatt mehr entdecken.
8
Es ist fast drei Monate her, dass ich meine Stimme verloren habe. Seitdem passiert zwischen uns nichts mehr ohne die Schreibmaschine. Selbst wenn wir uns lieben, steht sie still neben dem Bett parat. Sobald ich ihm etwas mitteilen möchte, kann ich es dann schnell auf der Maschine tippen. Ich schreibe mittlerweile sogar schneller mit der Maschine als mit der Hand.
Zu Beginn meiner Aphasie versuchte ich noch alles Erdenkliche, um zu sprechen. Ich rollte die Zunge in meinen Rachen und hielt die Luft an, bis ich fast platzte, oder ich verzog meinen Mund krampfhaft in alle Richtungen. Aber als ich begriff, dass all diese Versuche zwecklos waren, verließ ich mich auf die Schreibmaschine. Immerhin ist mein Geliebter ja Lehrer in einer Schreibmaschinenschule, und ich arbeite als Stenotypistin.
»Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?«
Als er mich das eines Tages fragte, senkte ich wie immer den Blick auf die Schreibmaschine, die auf meinem Schoß stand.
Klack … klack … klack …
ICH WÜNSCHE MIR FARBBÄNDER.
Er hielt den Kopf schräg, legte seinen rechten Arm um meine Schulter und las die frisch getippten Buchstaben.
»Ein Farbband? Das ist nicht gerade romantisch.«
Er musste lächeln.
Klack …klack …klack ….
ICH FÜRCHTE, DASS DIE FARBBÄNDER IRGENDWANN VERSCHWINDEN. DANN KANN ICH NICHT MEHR MIT IHNEN SPRECHEN.
Wenn wir zusammen sind, bin ich sehr glücklich, seine Körperwärme an meiner Schulter zu spüren. Dabei vergesse ich sogar den Verlust meiner Stimme.
»Gut. Dann gehe ich in den Schreibwarenladen und kaufe sämtliche Farbbänder auf, die sie auf Lager haben.«
Klack … klack…
DANKE.
Meine Worte hatten in der Form von Buchstaben einen ganz anderen Charakter als beim Sprechen. Die zarten Abdrücke der Typen auf dem Papier. Die manchmal unsaubere Schrift. Das leicht geneigte J, das hintenüberzufallen drohte. Das unvollständige M, dessen mittlerer Zacken fehlte. M und J mussten bald ausgetauscht werden.
Ich weiß noch genau, wie er mirim Unterricht beigebracht hat, ein Farbband zu wechseln. Es war noch ganz am Anfang, als ich lediglich es, es, es und dies, dies, dies auf ein Blatt Papier tippte.
»Bis zum Ende der heutigen Unterrichtsstunde werden Sie gelernt haben, wie man ein neues Farbband einlegt«, hatte er damals gesagt.
»Es ist zunächst ein wenig verzwickt, aber wenn man es einmal verstanden hat, ist es kinderleicht. Also schauen Sie gut hin!«
Er versammelte die Schülerinnen um einen Tisch herum. Zuerst öffnete er mit einem leisen Klick die Abdeckung der Maschine. Ihr Innenleben sah viel interessanter aus, als ich mir vorgestellt hatte. Die Typenhebel, die Spulen, die verschiedenförmigen Stifte, die vom Öl geschwärzte Metallstange – das alles bildete ein hochkomplexes System.
»So entfernen wir nun das verbrauchte Farbband.«
Er löste das alte Farbband von der rechten Spule. Das heraushängende Ende glitt sanft durch die einzelnen mechanischen Teile hindurch.
»So, aufgepasst! Hier haben wir das neue Farbband. Die glatte Vorderseite enthält die Farbe und muss nach oben zeigen, wenn das Band in die linke Spule eingehakt wird. Halten Sie mit der rechten Hand das Ende des Farbbandes gut fest. Nicht loslassen! Sie müssen sich unbedingt die Richtung und die Reihenfolge der einzelnen Schritte merken, also von wo aus und wie genau das Band durch das Führungsprofil läuft. Das ist das Wichtigste. So wie das Einsetzen einer Garnrolle bei einer Nähmaschine. Zuerst gilt es, das Band durch diese Drahthalterung zu führen, dann über das Rädchen und hinter dem Stift entlang und von da aus wieder zurück …«
Es war in der Tat ein kompliziertes Verfahren. Man konnte sich das unmöglich gleich beim ersten Mal merken. Die anderen Schülerinnen blickten ebenso verzagt drein wie ich. Seine Finger hingegen bewegten sich geschickt und präzise.
»So, das war’s auch schon!«
Als sich das Farbband endlich von einer Rolle zur anderen durch das Innere der Maschine schlängelte, seufzten wir erleichtert auf.
»Haben Sie alle das verstanden?«
Er stemmte die Hände in die Hüften und blickte in die Runde. Seine Finger waren wie immer makellos, von Öl- oder Farbflecken keine Spur.
Mir gelang es damals nie. Entweder verhedderte sich das Band beim Einlegen, oder es gab keine Farbe ab, wenn ich die Tasten anschlug. Ich schwebte in ständiger Angst, das Band könnte noch während der Unterrichtsstunde aufgebraucht sein.
Inzwischen habe ich kein Problem mehr damit. Ich stelle mich mittlerweile sogar geschickter an als er. Seitdem die Schreibmaschine meine Stimme ersetzt, verbrauche ich ein Farbband in drei Tagen. Ich werfe die alten Bänder aber nicht mehr weg, sondern bewahre sie sorgsam auf, weil ich mir einbilde, dass meine Stimme vielleicht eines Tages wiederkehrt, wenn ich die eingestanzte Buchstabenreihe auf dem Seidenband betrachte oder mit dem Finger nachzeichne …
Ich zeigte R, was ich bislang geschrieben hatte. Da das Manuskript auf einen beträchtlichen Umfang angewachsen war, besuchte er mich zu Hause, weil er mir nicht zumuten wollte, den schweren Stapel in sein Büro zu tragen.
Wir nahmen uns Zeit, um jede einzelne Zeile durchzusprechen. Wir diskutierten, ob dieser oder jener Satz wirklich nötig sei, tauschten einzelne Wörter aus, beispielsweise »Kalender« für »Notizbuch« oder »Aussicht« statt »Blick«, fügten Passagen hinzu oder strichen andere.
R saß auf dem Sofa und blätterte ruhig eine Seite nach der anderen um, wobei er jede Seite behutsam mit den Fingerspitzen anhob.
Er behandelte meine Manuskripte stets mit größter Sorgfalt. Aber mich befiel immer eine gewisse Unruhe, wenn ich ihm zusah, denn ich fragte mich, ob mein Roman überhaupt eine solche Wertschätzung verdiente.
»So, für heute ist es genug.«
Wenn unser Arbeitspensum erledigt war, holte er Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Innentasche seines Jacketts, während ich den Papierstapel mit einem Clip zusammenheftete.
»Darf ich Ihnen noch eine Tasse Tee bringen?«
»Sehr gern. Stark bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht!«
»Selbstverständlich.«
Ich schnitt uns ein Stück Kuchen ab, brühte den Tee auf und trug das Tablett dann ins Wohnzimmer.
»Ist das Ihre Mutter?«
Er zeigte auf das Foto.
»Ja.«
»Eine sehr schöne Frau. Sie sehen ihr ähnlich.«
»Nein, mein Vater sagte immer, das Einzige, was ich von ihr geerbt habe, seien meine guten Zähne.«
»Schöne Zähne sind doch wichtig.«
»In ihrem Atelier hatte meine Mutter immer in Zeitungspapier gewickelte Trockensardinen liegen, auf denen sie während der Arbeit herumkaute. Wenn ich als Baby nebenan im Laufstall zu laut schrie, hat sie mir eine davon in den Mund gestopft, damit ich Ruhe gab. Ich kann mich jetzt noch an den merkwürdigen Geschmack erinnern, und auch an diesen Geruch von Gips und Sägemehl. Ein ekliges Zeug.«
R fasste sich an die Brille und lächelte, nachdem er den Kopf gesenkt hatte.
Dann aßen wir schweigend den Kuchen. Es war oft so, dass wir nach unserem Arbeitsgespräch nicht so recht wussten, über was wir uns sonst noch unterhalten sollten. Es war aber keine beklemmende Stille, denn seine ruhigen Atemzüge hatten eine angenehme Wirkung auf mich. Außerdem kannte ich R eben nur als Lektor, der meine Manuskripte las. Ansonsten wusste ich nichts über ihn – weder über seine Herkunft noch über seine Familie. Ich wusste nicht, wie er seine freien Tage verbrachte, welchen Typ Frau er mochte oder welches sein Lieblingsteam beim Baseball war. Bei unseren Zusammentreffen war er immer nur derjenige, der meine Romane las.



