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Ich brauchte noch eine Weile, bevor ich reden konnte, sah Hannes von der Seite beim gehen an und dachte:
„Oh je, mein armer, armer Fratz. Was haben sie mit Dir gemacht?“
Hannes bemerkte meine Blicke und zog mich auf eine Bank. Jetzt umarmte und küsste er mich voller Kraft und Leidenschaft. Ich bemerkte, dass seine Küsse salzig schmeckten oder waren das meine Tränen, die ich bemerkte. Ich sah ihm in die Augen. Diesen Blick werde ich nie vergessen. In seinen Augen war die pure Verzweiflung zu sehen. Augenblicklich begriff ich, so geht das nicht. Wir müssen in der wenigen Zeit, die wir jetzt verbringen können fröhlich sein und unsere Zweisamkeit genießen. Zum Glück war schönes Wetter, ich entdeckte in der Nähe einen Park und sagte:
„Komm, mein Hannes, lass uns dorthin gehen und einwenig reden, küssen dabei und aus diesem Tag das Beste machen. “
Ich nahm Hannes an die Hand und er ließ sich bereitwillig von mir in den Park ziehen. Dort küssten wir uns ausgiebig, mal wild, mal zärtlich und langsam kam ein Lächeln auf sein Gesicht. Nun plapperte ich los, was mir einfiel. Bestellte Grüße von allen möglichen Leuten aus der Firma, von Ella und Olaf. Langsam gewöhnten wir uns an die Situation und wurden ruhiger. Vorsichtig löste ich mich aus seinen Umarmungen und sagte lächelnd:
„Jetzt könnte ich was essen. Heute Morgen habe ich keinen Bissen runter bekommen und Du siehst auch so aus, als könntest du was vertragen.“
Hannes stimmte mir zu und meinte:
„Ein paar Häuser weiter soll es ein gutes Restaurant geben. Lass uns dort mal schauen.“
Er gab mir einen Kuss und dann gingen wir Hand in Hand wieder zurück an die Straße, von wo aus wir die Gaststätte schon sehen konnten. Wir gewöhnten uns immer mehr an die Situation und machten wirklich das Beste daraus.
Sofort nachdem ich am 18. 5. nach der Vereidigung wieder in Greifswald war, um 22:10 Uhr setzte ich mich in unser kleines Zimmer und beschloss den Tag, positiv zu beenden und aufmunternde Worte an Hannes zu schreiben.
„

Mein lieber Fratz, Hannes!
Ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag in zwei Wochen.
Jedenfalls war es ein schöner Tag heute. Hoffentlich haben wir diese Tage mindestens einmal im Monat!“
Bei der NVA war es so, dass nur 15 % der Soldaten täglich in Ausgang durften, In der Woche abends, an den Wochenenden ab 9:00 Uhr. Um 24:00 Uhr mussten sie wieder in der Kaserne sein. Hannes hatte mir das gesagt.
Ich brachte noch meine Hoffnung zum Ausdruck, dass es beim nächsten Mal mit der Rostocker Wohnung meiner Kollegin klappt, dann verabschiedete ich mich bis zum nächsten Tag.
Da ging es meiner Freundin Konstanze und ihrem Frank nicht so toll und so schrieb ich Hannes:
„Na, sie hatte das am Samstag vielleicht beschissen. Seine und ihre Eltern waren mit zur Vereidigung. Sie waren erst bis 14:00 Uhr in Demmin in einer Kneipe. Dann durften sie sich drei Stunden lang mit den Eltern unterhalten und sich nicht weiter als 60 Meter von denen entfernen. Um 18:00 Uhr kam dann ein Tatra und hat alle Soldaten wieder eingesammelt.
Die beiden Mütter haben die ganze Zeit nur geheult. Da kannst Du Dir ja vorstellen, was sie von ihrem Frank hatte. Samstag hat Frank das erste Mal Ausgang ab 14:00 Uhr. Da will Konstanze dann alleine hinfahren.“
Ich schrieb noch, dass ich den Sonntag mit Freundinnen verbringen werde und dass ich mich über eine ärgere. Wo ich nun Gardinenstangen herbekomme und das Geld dafür. Offensichtlich hatte ich vor, einige Schallplatten (eine von Frank Schöbel) und Kassetten beim An- und Verkauf zu verkaufen. Dann auch wieder die Hoffnung, dass es in zwei Wochen mit der Bude, wie ich es im Brief nannte, klappt und ich Manuela noch mal geschrieben habe. Auf der siebten Seite des Briefes dann eine große Liebeserklärung an meinen Hannes:
„Ach Fratz! Mein lieber Hannes! Ich glaube ganz fest daran, dass wir nicht zu den
50 % Ehepaaren gehören, die während der Armeezeit auseinander gehen. Langsam komme ich auch zu der Überzeugung, dass ich noch nie einen Mann so geliebt habe wie Dich! Das waren doch alles im Grunde genommen nur oberflächliche Verhältnisse. So ein anhaltendes Gefühl, wie bei Dir hatte ich noch nie. Das steigt immer wieder in mir hoch. Ich weiß auch nicht. Sicher wird sich unsere Liebe bewähren, wie man so schön sagt. Ich bin davon fest überzeugt. Und Du brauchst Dir deswegen keine Gedanken zu machen. Glaub mir, Du brauchst keine Angst zu haben! Das Wort Angst ist eigentlich blöd, nicht der richtige Ausdruck dafür. Man glaubt fest aneinander und hat trotzdem Angst? Das haut irgendwie nicht hin. Höchstens Angst in dem Sinne, dass dem Anderen irgendwas zustößt. Das ja! Aber im Bezug auf unsere Liebe habe ich keine Angst! Ich hoffe, dass Du verstehst, was ich meine. Ich liebe Dich eben! Und das wird auch so bleiben, auch wenn wir uns lange nicht sehen können, bzw. lange nicht so wie immer zusammen sein können!“
Hatten wir darüber zur Vereidigung gesprochen? Immerhin kannte jeder einen, der einen kannte, bei denen die Ehe während der NVA-Zeit auseinander ging.
Ich bin schon ganz gespannt, was Hannes darauf geschrieben hat. Immerhin hatte er auch schon am 19. 5., einen Tag nach der Vereidigung geschrieben, aber da hatte er ja meinen Brief mit der Liebeserklärung noch nicht.
Se
in Brief nach der Vereidigung
„Mein lieber Fratz! So nun bist Du wieder weg, ist mir aber auch unwahrscheinlich schwer gefallen. Ich liebe Dich ganz doll!“
Dann schrieb er, dass er sofort den Spieß gefragt hat, wie das geht mit dem „Ausgang beantragen“ und dass er das gleich machen wird für den Sonntag in zwei Wochen.
Dann seine Frage:
„Du kommst doch so oder so, nicht wahr?“
Hannes meinte, dass ich ihn auch sonntags in der Kaserne besuchen kann, wenn er keinen Ausgang bekommt. Ich erinnere mich, dass wir dort tatsächlich mal in einem ungemütlichen Aufenthaltsraum mit anderen Soldaten und deren Besuchern saßen.
Ich hatte Kuchen usw. mitgebracht. Es war fürchterlich! Aber der Brief endete nicht
ohne eine Bestellliste mit Sachen, die ich mitbringen sollte.
6. Kapitel
S
chon am 20. 5.
„Sie hat gleich zwei Briefe geschrieben und per Einschreiben zur Post gebracht. Einen an das ZK der SED und einen an den Chef von Franks Truppe.“
Da bin ich heute gespannt, was daraus geworden ist. Ich vermute mal, es ist gut für Konstanze ausgegangen. Denn in dem Brief schlug ich noch vor, dass Konni ja dann während der Armeezeit der Männer mit in unsere neue Wohnung ziehen könne und ich dann sogar Miete bekäme. Aber ich erinnere mich sehr genau, dass sie nie in unsere Wohnung ziehen musste.
Dann beschreibe ich, dass das Geld, was ich für Schallplatten und Kassetten bekommen habe für Gardinenstoff gereicht hat, dass ich Flurmöbel und Gardinenstangen gekauft habe. Ich erinnere mich daran genau, ich musste es nehmen, wenn es diese Sachen gab. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass es das so in einer Woche wieder gab. Sämtliche Möbel konnte ich vom Ehekredit bezahlen. So versuchte ich auch, gebrauchte Möbel zu kaufen, um Geld zu sparen, um wenigsten einen Kleiderschrank zubekommen und Möbel für unser Wohnzimmer. Noch im Nachhinein muss ich sagen, das gelang mir recht gut. Ein Teil dieser Möbel haben wir noch mit nach Stade genommen, wo wir 1991 im Dezember hinzogen. Ich war natürlich gespannt, was mein Hannes auf all das antworten würde und wartete sehnsüchtig auf Post von ihm.
N
ach der Wohnungsverlosung
„Wir werden Riemser Weg 9, 1. links wohnen. Das ist die selbe Wohnung, in der Konni und ich waren. Schlüsselübergabe für die Aufgänge 9 und 10 ist um den 20. Juni herum. Ab 1. Juli gilt der Mietvertrag. Es läuft also alles, wie geplant. Ich ziehe um, wenn Du im Feldlager bist und brauche auch nicht mehr aus der Wohnunterkunft zu ziehen. Darauf gibt es jetzt mit Freundinnen Sekt! Aber Konstanze weiß noch nichts. Wir sind gespannt, was sie für Antworten auf ihre Einschreiben bekommt.
Ich hoffe, Du freust Dich auch! Mehr Glück kann der Mensch nicht haben. Immerhin läuft alles, wie von mir erhofft.“
Da ich seinen Brief schon vor der Verlosung hatte, hatte ich gleich nach der Verlosung die Bestellliste abgearbeitet und es Hannes berichtet. Ich hatte wohl sogar lange Unterwäsche bekommen.
„Natürlich komme ich so oder so! Du kannst Fragen stellen!“ , habe ich meinem Schatz bestätigt.
Dann wieder was zur Wohnung:
„Wir werden 55,50 Mark Miete bezahlen. Ich musste einen Schein für die Abbuchung ausfüllen, natürlich von meinem Konto. Da ist Heizung und Warmwasser mit drin. Wie das mit der Elektrizität ist, weiß ich noch nicht. Aber das werden wir ja dann sehen. Übrigens haben sie heute auch gleich die Hausvertrauensmänner, die Stellvertreter und die Hausbuchführer bestimmt. Unser Nachbar ist Stellvertreter. Seine Frau machte leider keinen sympathischen Eindruck, wollte gleich von der 1. in die 2. Etage tauschen.
Ansonsten sind es alles junge Leute, die in den Block ziehen, 20 bis 30 Jahre alt. Für das Küchengeld gibt es ein Nassteil, also die Spüle mit Untersatz, einen zweitürigen Hänger und einen zweitürigen Unterschrank. Aber billiger kann man das nicht kaufen und jede Wohnung hat einen Keller. Der Balkon ist so breit wie die Küche und 1,5 Meter tief. Von den Quadratmetern her ist unsere Wohnung wohl größer als die im WBS70. Mach Dir keine großen Gedanken. Wenn Du das Feldlager überstanden hast, kommst Du schon in unsere Wohnung in Urlaub. Richtig fassen kann ich das noch nicht. Endlich eine eigene Wohnung! Du?!
Jetzt noch 10 Tage arbeiten, dann einen Tag frei, dann komme ich zu Dir!
Also noch 12 Tage! Ich kann es kaum erwarten.“
In der Zwischenzeit hatte ich auch erfahren, dass das mit der Bude in Rostock am 2. 6. klappt.
N
un ging es mit Motivation
Das hatte mindestens zwei Vorteile. Stoff für Gardinen war im Gegensatz zu Fertiggardinen relativ günstig und ich konnte mir die Gardinen so nähen, dass diese mir gefielen. Aber es ging in diesem Brief auch wieder ums Geld:
„Heute habe ich die 300,00 Mark Genossenschaftsanteile gezahlt. Für die Küche brauche ich mir nun nur 900,00 Mark von Ella und Olaf borgen. Sie kostet ja nur 917,00 Mark. Konni hat wohl kaum eine Chance im Wohnzimmer der Wohnunterkunft zu bleiben. Auf einmal heiratet hier alles, was schon ein Kind hat und ein Wohnzimmer bekommen muss. Alles Kolleginnen von der HO und plötzlich gilt sie als alleinstehend! Ihr Mann zählt nicht mehr, seit er bei der Armee ist! Über mich verlieren sie kein Wort. Nicht, weil ich die Wohnung bekomme, Schlafzimmer braucht zur Zeit keiner.
Heute habe ich versucht, einen Möbeltransporter zu bestellen. Die geben jetzt Termine für Oktober raus. Also muss ich doch mit Eurem Multi-Car umziehen. Der voraussichtliche Umzugstermin ist jetzt der 28. 6. Wenn Du im August auf Urlaub kommst, ist der ganze Trubel vorbei!“
Und gleich am nächsten Tag morgens, es war der 23. 5.:
„Heute bist Du drei Wochen weg. Mir kommt es ewig lange vor.“
Dann schrieb ich, wie toll seine Kollegen helfen und sich Gedanken machen. Auch dass jetzt das Geld von meinem Neuerervorschlag kommen könnte. Ah, da erinnere ich mich. Ich hatte doch tatsächlich eine ganze Arbeitskraft mit dem Vorschlag eingespart. Das war damals so gewollt, da gerade in der Gastronomie ständig Arbeitskräftemangel herrschte.
D
en nächsten Brief begann ich
Es ist ein kurzer Brief, nur eine Seite, in dem ich beklage, dass ich keine Post habe und ein Päckchen zum Geburtstag von Hannes Oma bekommen hatte:
„Ehrlich, daran habe ich nicht mehr gedacht, ich meine an meinen Geburtstag.“, schrieb ich. Und ich erinnere mich, das war tatsächlich so. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was ich in den vergangenen drei Wochen im Mai 1985 alles zu organisieren hatte. Aber es war ja auch nur mein 25., den ich ohnehin mit Hannes am 2. 6. ein bisschen feiern wollte. So hoffte ich zu mindestens, wenn ich zwischendurch mal kurz daran dachte.
M
ein 14. Brief hatte
„Mein lieber Hannes! Heute war wieder keine Post von Dir da. Dafür kam heute Post aus Leipzig von meinem Vater und von Yvonne Anton. Den Brief von Yvonne habe ich öffnen müssen, da ich keinen passenden Briefumschlag hatte, um ihn an Dich weiter zu schicken. Ich habe ihr schon mal geschrieben, dass Du mit mir glücklich bist. Ich hoffe, ich habe nicht gelogen.“
Ups, da war ich wohl ein kleinwenig eifersüchtig! Ich fragte mich natürlich, warum diese Yvonne ausgerechnet jetzt an Hannes schrieb. War da mal was und vor allem, wenn ja wann?
Trotzdem ging ich danach gleich wieder zum Alltäglichen über. Nämlich, was ich nach der Arbeit gemacht habe und dass eine Kollegin ihr Kind mit Kaiserschnitt bekommen hat.
Aber dann schrieb ich doch noch das:
„Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, dass ich gleich geantwortet habe. Ob Du nun auch noch schreibst, ist Deine Sache! Du musst wissen, ob es angebracht ist.“
Am Samstag, den 25. 5. hatte ich mich wohl wieder beruhigt:
„Noch 8 Tage bis Sonntag! Bekommst Du nun Ausgang? Was macht Ihr Pfingsten?“
Das hatte ich aber auch schon im Vorangegangenen Brief gefragt. Ich schrieb noch, dass das mit Konstanze als Untermieter wohl sehr kompliziert ist. Aber ich machte mir wohl große Sorgen um sie und wo sie nun hinsollte. Immerhin hatte sie noch keine negative Antworten auf ihre Einschreiben. Das konnte ohnehin lange dauern, dachten wir damals. Da ich über Pfingsten arbeiten musste, vergingen die Tage wenigstens schnell. Es muss sehr schönes Wetter gewesen sein, ich schrieb was von 30 Grad und wollte mich mit einer Freundin nach Feierabend zum Sonnen treffen.
So begann ich dann auch am Pfingstsonntag, den 26. 5.:
„Ein wunderschönes Pfingstfest und einen schönen guten Morgen mein Fratz!
Über Pfingsten tue ich nichts Besonderes. Schlimm genug, dass ich arbeiten muss (5:46Uhr). Wie hell das draußen ist!
Wir haben gestern doch schon Kursbücher bekommen. An den Zügen nach Rostock ändert sich kaum was.
Über die Feiertage hat nur der „Struck“ auf. Kannst Dir ja vorstellen, was gestern los war. Aber dann vergeht die Zeit schnell. Noch eine Woche, Fratz! Dann komme ich zu Dir! Freust Du Dich auch schon so wie ich?“
Am gleichen Tag nach Feierabend gegen 16:00 Uhr, berichtete ich noch, wie viel Arbeit es gab und von unhöflichen Kunden. Aber dann erzählte ich wieder von meinen Plänen für unsere Wohnung. Ich liebte und liebe das immer noch, Wohnungen einzurichten. Und erst recht, wenn nur wenig finanzielle Mittel vorhanden sind. Kreativität und Improvisationstalent kommen mir dabei noch heute zugute.
Auch der Plan mit den gebrauchten Möbeln schien aufzugehen. So schaffte ich es tatsächlich, die Wohnung fast komplett einzurichten. Neue Möbel waren in der DDR richtig teuer. Aber gebraucht gab es das eine oder andere schicke Schnäppchen.
Dann verabschiedete ich mich. Nicht ohne die folgenden Worte noch zu schreiben:
„Hoffentlich vergeht die Woche schön schnell! Ich kann es kaum noch abwarten. Du fehlst mir so, Fratz! Es müsste jetzt einen Knall geben und Du würdest vor mir stehen. Da wäre so schön! Aber leider geht das nicht, Schade! Muss ich eben mit dem Teddy schlafen und lesen im Bett.“
Am nächsten Morgen, es ist der Pfingstmontag schrieb ich natürlich wieder einen Guten-Morgen-Gruß. Diesmal berichtete ich von einem Traum:
„Jetzt fange ich an zu träumen. Du hast gerade an mir rumgemäkelt, als der Wecker geklingelt hat. Hast gemeckert wegen meiner Figur und ich würde zu viel wiegen.
63 kg seien zu viel. Und wenn ich wollte, dass wir zusammen bleiben, solle ich mich gefälligst auf die 50 herab begeben. Ich habe natürlich widersprochen. Ein Glück, dass der Wecker geklingelt hat und das bloß ein schlechter Traum war.“
Ich muss schmunzeln, wenn ich das heute lese. Solche Träume hatte ich? Na ja, das ist 35 Jahre her.
Dann schlug ich vor, doch am 2. 6. nach Warnemünde an den Strand zu fahren weil das Wetter wohl so schön bleiben soll. Außerdem beschloss, ich diesen langen Brief schon mal zur Post zu bringen, da er sonst zu schwer geworden wäre und begann am Abend des Pfingstmontag den nächsten Brief an meinen Hannes.
7. Kapitel
I
ch konnte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht anders
„Ich habe heute Nachmittag wieder am Store genäht, aber ich bin noch lange nicht fertig. Die Falten müssen alle einzeln gelegt werden. Ich kriege schon wieder einen Bauch. Hoffentlich habe ich Sonntag nicht meine Regel.
Konstanze hatte wohl doch Erfolg mit ihren Briefen. Jedenfalls mit dem an Frank´s Chef. Der Major hat Frank zu sich holen lassen und gesagt, Konstanze soll nicht umziehen. Außerdem meinte der Major, er würde sich drum kümmern, schließlich habe die Armee den längeren Arm.“
Dann erzählte ich noch von einer Freundin, die jemand heiraten wolle, den sie nicht liebt.
„So was könnte ich nicht, mein Fratz!“, war mein Kommentar dazu.
Gleich am nächsten Morgen noch schnell ein paar Zeilen vor der Arbeit. Abends dann wieder mehr und voller Freude mit Traurigkeit:
„Eben habe ich Deine beiden Briefe erhalten. Mir kamen auch schon wieder die Tränen. Besonders bei dem, wo drin steht, was ich besorgen soll und gelesen habe, dass Dir auch die Tränen kommen.“
Hannes hatte also auch über Pfingsten geschrieben. Wieder Mal kam seine Post gebündelt an. Mir wäre es damals lieber gewesen, wenigstens jeden zweiten Tag einen Brief, ein paar Zeilen von meinem Schatz zu bekommen. Und so schrieb ich noch am 29. 5. abends:
„Hoffentlich klappt alles am Sonntag. Und hoffentlich habe ich morgen wieder Post von Dir. Du kannst es Dir gar nicht vorstellen, wie blöd es ist, fast eine Woche keine Post von Dir zu haben. Aber ich weiß ja, Du kannst sicher nicht immer schreiben. Bei mir wird sich das während des Umzuges auch reduzieren. Wir werden sehen“
A
ber nun erst mal die Briefe von Hannes
Leider hat Hannes nicht immer am Anfang der Briefe das Datum geschrieben, so dass ich oft nur im Inhalt Hinweise finde, von wann der Brief ist. So auch bei diesem:
„Mein lieber Fratz! Ich habe heute Deine beiden Briefe erhalten. Deine Post bekomme ich immer von 13:50 bis 14:00 Uhr, also unmittelbar vor dem Mittagessen. Von 14:30 bis 15:00 Uhr habe ich dann meistens Zeit zum Lesen. Seit Mittwoch stehen wir in der speziellen Ausbildung. Montag und Dienstag war noch mal voll Stress, es waren die letzten zwei Tage Grundausbildung. Mir tut noch alles weh, blaue Flecken. Ich muss wahrscheinlich wieder in die 4-Mann-Bude zurück. Wäre nicht so schön, ich habe mich hier wirklich gut eingelebt. Radio haben wir jetzt auch, zwar noch wenig Zeit zum Hören, aber immerhin.
Heute vor drei Wochen bin ich hergekommen, mir kommt es irgendwie länger vor. Dir bestimmt auch, oder? So nun genug von dem Laden hier. Ich habe gerade gefragt, wegen Ausgang am Sonntag. Ich kann mich erst Samstagfrüh ins Ausgangsbuch eintragen und Samstagmittag weiß ich dann, ob es klappt. Ja so ist das eben.
Wegen der Wohnung, ich bin natürlich nicht begeistert davon, wenn Konni mit einzieht. Vielleicht kriegt sie es auch so geregelt, dass sie drin wohnen bleiben kann. Wir werden sehen am 2. 6. Na, das mit Konni hatte sich ja vielleicht schon erledigt.
So, heute am Samstagnachmittag kann ich endlich weiter schreiben. Wir haben gerade zwei Stunden Zwiebeln gepellt. Pfingstsonntag und Pfingstmontag liegen ein Haufen Maßnahmen an, politische Vorträge usw. So kann man die Feiertage auch rum kriegen.“
Und dann zum Schluss die wichtigsten Zeilen für mich:
„Ich freue mich riesig auf Sonntag, 2. Juni. Hoffentlich komme ich raus. Ich liebe Dich wie verrückt! Sei lieb gegrüßt von Deinem Hannes. Ich liebe Dich!“
U
nd nun zu dem zweiten Brief, seinem siebten
„Es ist Sonntag 14:00 Uhr und wieder so herrliches Wetter. Ich glaube das wird der Jahrhundertsommer. Fratz, ich liebe Dich. Hoffentlich ist bald der 2. Juni. Ich kann es kaum erwarten. Wenn Du diesen Brief liest, dann sind es vielleicht, bloß´ noch vier Tage. Wegen meinem Sonderurlaub müsstest Du mal zum Wehrkreiskommando in Greifswald gehen und Dir bestätigen lassen, dass wir eine Wohnung bekommen.
Überhaupt hat man mir gesagt, dass das WKK für Dich immer der Anlaufpunkt ist, falls Du Probleme hast (Todesfall, Krankheit usw.) Wenn ihr Deinen Geburtstag feiert, trinkt für mich einen mit. Bestelle allen liebe Grüße von mir und ich danke allen, die Dich in dieser schweren Zeit unterstützen, besonders Ella und Olaf. Mir stehen schon wieder Tränen in den Augen. So ist das halt. Ich glaube ich höre jetzt auf. Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes.“
Ja, ich erinnere mich, wie sehr mich das rührte. Auch heute finde ich es noch unglaublich, wie verliebt wir waren und welche Sehnsucht wir beide fühlten. Und so füge ich den nächsten, den 8. Brief von Hannes gleich noch an, da er ihn Pfingstmontag geschrieben hat.

Ich möchte Dir heute schon wieder schreiben
, wer weiß, wann ich wieder dazu komme. Morgen geht der Stress wieder los. Ich habe echt gesagt, die Schnauze voll. Solch ein Wetter zu Pfingsten hatten wir lange nicht. Wenn ich daran denke, dass es noch ein Pfingsten hier gibt, au weh? Habe über die Feiertage viel Heimweh gehabt, weil man wahrscheinlich zu viel Zeit hatte nachzudenken. Noch 6 Tage bis Du kommst, eine halbe Ewigkeit.
An meine Eltern habe ich immer noch nicht geschrieben. Ich weiß einfach nicht, was ich denen schreiben soll. Hast Du denn schon Post von Deinen Schwiegereltern?
Hattest Du viel Arbeit über Pfingsten? Was macht das zivile Leben überhaupt?
Fühlt Ihr Euch sicherer, wenn ich hier Euch den Frieden schütze?“
Wow, was für eine Frage aus heutiger Sicht. Wenn ich das jetzt lese, fühle ich mich wieder bestärkt in der Ansicht, dass nur Freiwillige zur Armee sollten. Am besten wäre natürlich, es gäbe überhaupt keine Armeen auf der Welt!
M
eine Antworten kommen prompt im Brief vom 29. 5.
„Unsere Wohnung scheint fertig zu sein, aber noch habe ich keinen erreicht, der mir einen genauen Termin sagen kann. Das zivile Leben ist ohne Dich beschissen. Und ich würde mich sicherer fühlen, wenn Du bei mir wärst! Ich darf auch nicht daran denken, dass es noch ein zweites Pfingsten ohne Dich gibt. Ich freue mich auf den 2. Juni. Dann bist Du erst einen von 18 Monaten fort. Ich darf gar nicht daran denken.




