Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist

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In Elsas Träumen dieser Nacht webte eine Flotte der schönsten, buntesten Luftballons durch die Baumkronen eines lichten Waldes, zwischen dem lockeren Gewirr graziler Zweige glitten lautlos farbenprächtige Vögel, von deren Flügeln goldener Staub herabrieselte, und riesige Schmetterlinge, so bunt und herrlich gemustert, wie sie sie im Leben noch nie gesehen hatte, ließen sich hie und da sanft nieder; sie selbst schwebte im Korb eines der Ballons durch die Lücken des Gezweiges immer höher hinauf, einem unwirklich getönten Himmel entgegen, dessen Purpurfarbe, je freier man bis zum Horizont blicken konnte, desto intensiver, geheimnis- und verheißungsvoller wurde. So schlief Elsa dem neuen Tag, dem neuen Schuljahr, neuen Erlebnissen und aufregenden Funden leise lächelnd entgegen.
„Junge, wo bleibst du denn nur so lange?“, rief Johannes‘ Mutter ihm entgegen, während sich ihre angespannte Miene zu einem erleichterten Lächeln glättete. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Die anderen sind ja längst schon zurückgekommen!“
„Tut mir leid, Mutter, aber ich war mit Rudolph noch in der Stadt. Er hat mich so lange überredet, bis ich mitkam, ins Panoptikum, und es war auch wirklich ganz doll interessant; und danach hat er mich immer noch aufgehalten, bis er endlich selber weiter musste. - Hast du die Wäsche fertig? Ich geh dann gleich los.“
„Aber du hast doch sicher erst mal Hunger!“
„Nein, ich will das hier zuerst erledigen. Ich weiß doch, du machst dir Sorgen, dass dir die Kundschaft wegläuft, wenn die Sachen zu spät geliefert werden.“
Mit diesen Worten schulterte er einen großen Weidenkorb, in den mehrere in braunes Papier sauber eingeschlagene Pakete geschichtet waren - die Bügelwäsche dieser vergangenen Woche, die seine Mutter bis heute Abend bei den verschiedenen Auftraggebern abgeliefert haben musste. Gewöhnlich trug sie die Sachen selbst aus, aber in den letzten Tagen fühlte sie sich nicht gut, und da hatte er sich natürlich anerboten einzuspringen. Etwas zu schwer war die Last eigentlich schon noch für seine zwölf Jahre, aber sein Stolz ließ es nicht zu, sich etwas anmerken zu lassen.
Mit solchen Bügel-, Wasch-, Flick- und Näharbeiten mühte sich die Mutter, die magere Witwen- und Waisenrente aus der Sozialkasse aufzubessern, seit ihr Mann an den Folgen eines Arbeitsunfalls gestorben war. Johannes war damals noch keine drei Jahre alt gewesen. Dringend hatte der Vater ihr noch ans Herz gelegt, dafür zu sorgen, dass der Junge einmal ordentlich die Schule besuchen und eine anständige Lehre machen konnte, so, wie sie es beide immer vorgehabt hatten.
Das war von früh an seine Rede gewesen, immer wieder hatte er Pläne gemacht, wie sie beide sich ins Zeug legen würden, um ihren Kindern einmal eine möglichst solide Ausbildung zu ermöglichen. Unter seinesgleichen war das nun keineswegs selbstverständlich, auch er selbst hatte kaum Bildung genießen dürfen, gerade einmal, dass er in ein paar Volksschuljahren die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen beigebracht bekam, etwas Religion, Gottesfurcht und Gehorsam. Dann hatte er schon als ungelernter Fabrikarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen müssen, lange, endlos lange Arbeitstage und -wochen stand er durch, und nur weil er eine rare Mischung aus Zähigkeit, Energie, gesundem, widerstandsfähigem Organismus und einem unruhigen, neugierigen, leicht rebellischen Geist besaß, hatte er sich in seinen technisch-handwerklichen Kenntnissen so voranarbeiten können, dass er bald mit einem ausgebildeten Schlosser mithalten konnte. Darüber hinaus aber wurde er Mitglied eines Arbeitervereins und besuchte abends und sonntags die dort angebotenen Fortbildungsveranstaltungen; und als er heiratete, schwor er sich, dass er, koste es, was es wolle, seinen Kindern den Rücken frei halten wollte, damit sie einmal nicht darauf angewiesen wären, sich ein paar Brocken Wissen und Aufklärung, ein dünnes Stückchen Menschenwürde in spärlichen, der Erschöpfung und Ausbeutung abgerungenen freien Stunden zusammenzuklauben.
Seit zehn Jahren setzte Anna Reiser also schon alles daran, diesen letzten, inständigen Wunsch ihres Mannes nach besten Kräften zu erfüllen. Natürlich ging ihr Sohn in die Schule, noch unterlag er ja ohnehin der Schulpflicht; aber, anders als in vielen Familien ihrer Umgebung, ließ sie es nicht zu, dass er mehr Zeit und Kraft auf Hilfsarbeiten zum Gelderwerb verwandte als auf Schulbesuch und Hausaufgaben. Groß war die Zahl der Kinder, die noch zu nachtschlafender Zeit aus dem Haus gingen, um Milch oder Zeitungen auszutragen, nachmittags Lauf- und Botendienste verrichteten, an den Bahnhöfen herumlungerten, um Gepäck zu tragen oder Droschken zu organisieren, an öffentlichen Plätzen einen Schuhputzservice oder kleine Verkaufsartikel aus um den Hals gehängten Holzkisten anboten und abends in rauchigen und bierdunstgeschwängerten Vergnügungsetablissements Kegel aufstellten; in manchen Familien aber wurden die halbe Nacht hindurch in Heimarbeit irgendwelche Waren produziert, und alle, die aus dem Kleinkindalter heraus waren, mussten mithelfen. Von den Stunden in der Schule konnten solche Kinder natürlich kaum profitieren, saßen sie doch völlig apathisch, übermüdet, mit bleichen Gesichtern und regelmäßig zufallenden Augen da und bekamen von dem vermittelten Stoff das Wenigste mit.
Am liebsten hätte die Mutter den Sohn von solcherlei Aktivitäten ganz frei gehalten, überzeugt davon, dass sie nur so dem Wunsch des Vaters wortwörtlich gerecht würde. Doch hatte der Junge selbst in letzter Zeit sich mit seinem Wunsch durchgesetzt, nicht hinter seinen Kameraden zurückzustehen, seine Mutter zu unterstützen und ebenfalls etwas für den Erhalt beizutragen, auch zu spüren, dass er sich nützlich machen konnte, und sich gleichzeitig ein gewisses Maß an erwachsener Souveränität zu erobern. So lange hatte er gebettelt, bis die Mutter schließlich nachgegeben und ihm erlaubt hatte, wenigstens morgens vor der Schule eine Runde Zeitungen auszutragen.
Als Johannes eine Stunde später mit dem leeren Korb wieder zuhause war, stellte die Mutter den Topf mit der aufgewärmten Suppe auf den Tisch, in der zur Feier des Sonntags außer den üblichen blässlichen Kohlblättern und Kartoffelstückchen auch ein paar Brocken Speck schwammen, schnitt ein paar Scheiben Brot ab, und die beiden setzten sich zur gemeinsamen Abendmahlzeit. Dies war immer ein besonderer Moment für sie: Alltagslasten traten in den Hintergrund, Ruhe und eine Stimmung von gegenseitigem Vertrauen und tiefer Verbundenheit breiteten sich aus und umschlossen die beiden in einer von der Außenwelt isolierten, nur ihnen allein gehörenden Sphäre, in die lediglich das Ticken des Weckers auf dem Küchenregal und hie und da ein Knacken oder Knistern aus einer Ecke des Raumes drang. Hier gab es Gelegenheit, sich Neuigkeiten und Erlebtes zu berichten oder Pläne zu besprechen; oft auch erzählte die Mutter dann von der Zeit, in der der Vater noch gelebt hatte, von dessen Träumen und Wünschen, versuchte, dem Sohn ein Bild von ihm zu schaffen und Stolz auf seine in ihren Augen so bewundernswerten Eigenschaften einzuflößen und so ein wenig die leere Stelle auszufüllen, die der frühe Tod hinterlassen hatte.
„Wenn ich groß bin, möchte ich einmal die Welt sehen!“ Das seufzte Johannes mehr als dass er es sagte, mit leuchtenden Augen, mitten aus seinem lebhaften Bericht von den Eindrücken des Tages heraus. „Glaubst du, ich kann das schaffen?“
„Ach, Junge, ich wär schon froh, wenn du es schaffen könntest, hier ein bisschen besser zu leben als deine Eltern. - Aber dein Vater hätte sicherlich anders geantwortet. Der hätte gesagt, du kannst das schaffen, wenn du nur willst. Lerne, so viel du kannst, bleib wach, schau dich um und behalte dein Ziel fest im Blick ... so in der Art hätte er gesprochen. Und ich will, dass du mehr auf deinen Vater hörst als auf mich. Denn wenn ich auch selbst fast nichts gelernt habe, eins weiß ich ganz bestimmt: dein Vater war ein kluger Mann, er wusste, worauf es ankommt, und wenn er hätte leben dürfen, dann hätte er Dich und deine Geschwister, die du dann wohl gehabt hättest, ermutigt und unterstützt, eure Träume zu erfüllen. - Und wo wir schon vom Lernen sprechen: du solltest dich jetzt schlafen legen, morgen hast du wieder Schule und solltest ausgeruht sein.“
Irgendwann in der Nacht schreckte er hoch, mit dem letzten Bild aus seinem Traum noch vor Augen, der ihn so unsanft wachgerissen hatte. Er sah, selbst in einem großen Wäschekorb stehend und über den Rand gelehnt, wie seine Mutter sich verzweifelt an den Korb klammerte, der höher und höher in die Lüfte stieg, sah ihr Gesicht mit den erschrockenen Augen zu ihm emporblicken, versuchte, ihre Hände zu fassen zu bekommen und sie zu sich herauf- und in den Korb hereinzuziehen, konnte sie nicht erreichen und musste hilflos mit ansehen, wie sich schließlich ihr krampfhafter Griff löste, sie abglitt und in die Tiefe fiel.
Während er mit klopfendem Herzen dalag und in die Dunkelheit starrte, versuchte er, sich an die Anfänge des Traums zu erinnern. Da hatte auf einem weiten, von Wäldern umgebenen Feld dieser Korb gestanden, und er hatte in braunes Papier eingeschlagene Pakete mit sauberer und warmer Kleidung, Lebensmittelvorräten und Ausrüstungsgegenständen hineingepackt. Zum Schluss kletterte er selbst in den Korb hinein, nahm einen Blasebalg und begann, nach Kräften zu pumpen; da richtete sich ein riesiger Ballon allmählich auf, der bislang seitlich im Gras gelegen hatte, bis er gerade über ihm schwebte, und schon hob sich der Korb unendlich sanft von der Erde ab, ein süßer, freudiger Schreck durchrann ihn und verschlug ihm den Atem. In diesem Moment aber sah er noch in einiger Entfernung eine Gestalt auf sich zu rennen und mit sich überschlagender Stimme schreien: „Johannes, nein, nein! bitte nicht, warte auf mich! Bitte, Hannes, lass mich nicht allein!“; da war seine Mutter herangekommen, doch der Korb hatte schon zu sehr an Höhe gewonnen, und sie konnte nur gerade noch einen Griff unten an der Seite erwischen...
Nachdem er unter der Erinnerung an diese Bilder wieder eingeschlafen war, fand er sich erneut in seinem Wäschekorb wieder, der inzwischen aber weit weg von seinem Aufstiegsort hoch oben am Himmel dahinschwebte. Wälder, Seen, Gebirge zogen unter ihm hinweg, dann wurden die Seen zu einer endlosen blauen Fläche, das musste das Meer sein. Nach einer Weile kam wieder Land in Sicht, das aber keine Ähnlichkeit mehr hatte mit irgendetwas, das er je selbst oder auf Bildern gesehen hatte. Landschaft und Vegetation hatten verrückte Farben, schimmerten bläulich, rötlich, lila, er überflog Paläste und Städte in bizarren Formen. Irgendwann bemerkte er erschrocken, dass der Ballon über ihm in bedenklicher Geschwindigkeit schrumpfte und immer kleiner zusammenschnurrte, gleichzeitig der Korb in zunehmendem Tempo an Höhe verlor; schnell fing er an, von den mitgeführten braunen Paketen immer mehr über den Rand hinauszuwerfen. Das half offensichtlich, den Fall abzubremsen. Als er so einigermaßen sanft auf der Erde gelandet war, fand er sich auf einem Platz in einer dieser wunderlichen Städte wieder; heilloses Stimmengewirr umgab ihn und herrliche Düfte; schließlich umringte ihn eine Menge von fremdländisch gekleideten, sehr braunen Menschen. In weiten weißen Kitteln wie Schlafröcken steckten sie, hatten bunte Hüte wie umgestülpte Blumentöpfe auf den Köpfen und hielten ihm sogleich eine Auswahl an exotischen Waren hin. Der eine hatte gelbe, rote, grüne Pulver in Gläsern zu verkaufen, ein anderer zeigte ihm unter dem Deckel eines Korbes eine zusammengerollte Schlange, ein Dritter bot ihm ein wunderschön verziertes, bunt besticktes purpurgrundiges Tuch an, und wieder ein anderer streckte ihm - „na, das nenn’ ich Chuzpe!“, dachte er - ein Paket in braunem Packpapier hin. Offenkundig hatte sein Schwebekorb ihn genau auf einem belebten Marktplatz abgesetzt. Er schaute, staunte und bewunderte, begeistert von seiner freien Fahrt und weiten Reise und den neu zu entdeckenden Gegenden. Immer jedoch begleitete ihn tief unter dem freudigen Reisefieber ein Gefühl der Schwermut, der Traurigkeit und auch der Reue, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, woher das kam...
3. Lehrer Mäuthis
Am nächsten Morgen trafen sie sich alle auf dem Schulweg oder im Klassenzimmer wieder. Mit vierzig, fünfzig anderen Kindern ihres Stadtteils versammelten sie sich in einem großen, durch hohe Bogenfenster beleuchteten Saal. Es roch nach Putzlauge, nach Bohnerwachs, ein wenig nach Kreide und immer noch nach feuchtem Mörtel, Fensterkitt und Kalk, denn die Schule war erst vor ein paar Jahren neu errichtet worden. Die Fensterseite lag noch im Schatten, aber über die gegenüberliegenden Gebäude sah man die Morgensonne freundliche Streifen malen. Die Kinder standen in Gruppen zwischen den Bänken zusammen oder rannten zwischendurch herum, lärmten, lachten, stritten, die Jungs und die Mädchen jeweils unter sich; manche hatten sich auch schon gleich an ihren Platz gesetzt und warteten, schon jetzt ermüdet vom frühen Aufstehen und ersten Alltagspflichten, auf den Beginn des Unterrichts. Unter denen war auch Fritz: bleich, kraftlos vom ausgefallenen Abendbrot und noch ganz in dem Abgrund befangen, in den ihn die abendliche Szene gestürzt hatte, saß er, den Kopf in die Hand und den Arm auf das Pult gestützt, und nahm keinerlei Anteil am Treiben seiner Kameraden.
Die Neugier der Klasse auf den Lehrerwechsel ließ die übliche vorunterrichtliche Unruhe heute geradezu vibrieren, alle waren gespannt, ob sie vom Regen in die Traufe kommen würden oder ob ihnen eine Verbesserung vergönnt sein würde. Nur wenige bemerkten daher, dass schließlich tatsächlich die Tür aufgegangen und jemand auf das Podest gestiegen war, das den vorderen Teil des Klassenzimmers einnahm und auf dem das Lehrerpult und die Tafel platziert waren. Erst als sich ein lautes, eindeutig erwachsenes Räuspern vernehmen ließ, hörten Rangeleien, Knuffereien und Stimmengewirr sofort auf, und blitzschnell spritzten alle Kinder an ihre Plätze, die Gesichter erschrocken und gespannt auf den Mann gerichtet.
„Guten Morgen, Kinder!“, sprach der in die Runde; und, sollte man es glauben, es schien dabei die feine Andeutung eines Lächelns um seine Lippen zu spielen, das nichts Sarkastisches, nichts Süffisantes, nichts Gemeines und nichts Bedrohliches an sich hatte, sondern einfach nur ein wenig amüsiert schien, ein wenig - na, freundlich eben? - konnte das wahr sein? Die Kinder wagten, Hoffnung zu schöpfen, und als ihnen auffiel, dass der Neue ein junger Mann war, entspannten sie sich noch etwas mehr.
„Guten Morgen, Herr Lehrer!“, riefen sie zurück, setzten sich auf sein Geheiß und schauten ihm erwartungsvoll entgegen.
„Ihr wusstet sicher schon“, fing er an, „dass Herr Schultze vor den Ferien in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist“ - hier gab es ein halbunterdrücktes Grummeln aus den Schülerreihen, das aber von Herrn Schultzens Nachfolger wohlweislich übergangen wurde - „und dass ihr also von jetzt an einen neuen Lehrer haben werdet.“ Zustimmendes „Hmmm“ und Nicken. „Nun gehört es sich ja wohl, dass man sich gegenseitig vorstellt, wenn man eine neue Bekanntschaft macht. Und da es einfacher ist für fünfzig Leute, eine Person kennenzulernen, als dass eine Person sich gleich fünfzig neue Menschen merkt, werde ich euch zuerst einmal etwas über mich selbst erzählen.“
Er ging zur Tafel, nahm ein Stück Kreide und schrieb ein Wort an. „Mäuthis“, sagte er, auf das Wort deutend, „ich heiße Johann Hermann Mäuthis.“ („Komischer Name!“, flüsterte Rudolph seinem Nachbarn Karl zu). Er fuhr fort, mit der Kreide zu hantieren. „Vielleicht habt ihr mir ja sogar schon angehört, dass ich nicht aus dieser Gegend komme.“ Tatsächlich hatte er eine ziemlich ungewohnte Art zu sprechen. Es klang breiter, gedehnter, aber auch irgendwie gesetzt und vornehm, auf jeden Fall aber befremdlich für ihre Ohren.
„Ich komme aus Norddeutschland, aus einer ganz kleinen Stadt, ihr würdet es sicher noch eher ein Dorf nennen, in der Nähe von Hamburg“, und während er erzählte, malte er eine angedeutete Landkarte an die Tafel, die Umrisse von Schleswig-Holstein, die Elbmündung, ein großer runder Punkt stellte Hamburg vor, und ein Kreuz etwas weiter oberhalb davon war seine Vaterstadt Pinneberg. Er sprach das so drollig aus, „Pinnäbäech“ oder so ähnlich, dass die Kinder lachen mussten. Da drehte er sich kurz zu ihnen um, zwinkerte, grinste und zuckte die Achseln, wie um zu sagen „Tja, was soll man da machen? - Aber ich lern’s schon noch!“
„Hier bin ich geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen; mein Vater hat dort eine Uhrmacherwerks-tatt (erneutes Kichern), und er wollte immer, dass auch ich sein Handwerk erlerne und einmal das Geschäft weiterführe. Ich hab damit auch angefangen, ich meine mit dem Lernen, aber eigentlich wollte ich immer etwas anderes. Obwohl ich das einen sehr schönen Beruf finde. Aber seit meiner Schulzeit war mein großes Vorbild unser Klassenlehrer, dem wollte ich immer nacheifern. Schließlich haben meine Eltern mir erlaubt, auf ein Seminar in Hamburg zu gehen, und, na ja, wie ihr seht, jetzt bin ich tatsächlich selbst ein Lehrer und bin hier bei euch gelandet. Vorher habe ich zwei Jahre an einer Dorfschule in unserer Gegend unterrichtet, aber es hat mich doch wieder weitergezogen. Ich wollte in die große Stadt, Neues sehen und erfahren, und auch meine Ausbildung ergänzen, da habe ich mich hierher beworben. Und jetzt hoffe ich natürlich, dass wir gut mit einander auskommen werden und dass ich euch beibringen kann, was ihr später in eurem Leben brauchen könnt.“
Hier machte er eine Pause. „Will vielleicht jemand von euch mich etwas fragen?“ Nach kurzem Zaudern hob Johannes da die Hand. Seit Herr Mäuthis von seiner Herkunft gesprochen hatte, seit der Name „Hamburg“ gefallen war, zogen, während er weiter aufmerksam zuhörte, Visionen von großen Schiffen, geblähten Segeln, blauem, weitem Meer vor seinen Augen auf. Reichlich verlegen fragte er: „Und wenn Sie in Hamburg waren, kennen Sie dann nicht auch den Hafen?“ - „Aber ja, dort habe ich sogar manchmal in den Ferien etwas Geld verdient.“ - „Oh!“, machte der Bub da nur. „Ja, aber nur mit Kisten Schleppen und Lastkarren Schieben und so weiter. Auf einem Schiff war ich höchstens, um Güter oder Gepäck raus oder rein zu befördern.“ Aber auch das reichte schon, um Johannes’ Phantasie Nahrung zu geben.
Jetzt war das Eis gebrochen, und auch die anderen Kinder wollten Verschiedenes wissen und, ermutigt durch die offenkundige Umgänglichkeit des Neuen, riefen sie bald ganz ungezwungen ihre Fragen und Kommentare durcheinander in den Raum, bis Herr Mäuthis dem Einhalt gebot und mit beschwichtigend erhobener Hand sagte: „Jetzt wollen wir aber mal nicht vergessen, dass wir in der Schule sind, und uns an die Regeln halten. Wer etwas fragen will, der meldet sich und wartet, bis ich ihm das Wort erteile – einvers-tanden?“. So funktionierte es dann auch, und, ohne dass es den Kindern richtig zu Bewusstsein kam, brachte er in dieser freien Fragestunde, die noch so ganz aus dem üblichen Unterrichtsrahmen fiel, ein paar Belehrungen unter, nutzte jede Gelegenheit, ihnen ein paar Kenntnisse in Geographie, in Technik und was sich eben noch so ergab, unterzuschmuggeln. Und es sprach sehr für sein pädagogisches Geschick, dass es ihm gelang, diese Kinder - ungezähmte freche Großstadtgören zumeist, ganz und gar nicht auf den Mund gefallen, die auch noch spürten, dass der disziplinierende Druck eines hart durchgreifenden, unnachsichtigen Autoritätsmenschen plötzlich weggefallen war - diese Kinder also nicht gleich außer Rand und Band geraten zu lassen, auch ohne sich als strafandrohender strenger Feldwebel zu präsentieren.
So wurde es schon Zeit für die Pause, durch die Gänge tönte scheppernd die vom Pedell geschwungene Schelle, und die Kinder strömten hinaus, die Treppen hinunter und ins Freie des Pausenhofes.
Natürlich steckte man die Köpfe zusammen und tauschte die ersten Eindrücke von „dem Neuen“ aus.
„Na, ich denke, jetzt brechen bessere Zeiten für uns an“, meinte Rudolph und stubste Fritz in die Seite. „Vor dem braucht sich ja nicht mal unser Fritzchen hier zu fürchten.“
„Ja, der scheint wirklich richtig nett zu sein“, stimmte eins der Mädchen zu. „Schon dass er die ganze erste Stunde mit Erzählen zugebracht hat...“
„Na, und dass er es überhaupt für nötig gehalten hat, uns so viel von sich zu erzählen!“
„Aber reden tut er schon komisch, nicht? Das klingt ja wie... wie... wie ein Frosch! Hahaha - ‚Pinnäbäech’! ‚Hämbuäch’! ‚Wäeks-taad’! Quaakquaak!“
„Das ist wieder richtig typisch, Rudolph - dafür, dass einer dich nicht klein macht, bedankst du dich, indem du ihn verspottest! Was kann er denn dafür, wo er herkommt, dass man da anders spricht als hier? Wahrscheinlich würde man uns dort genauso komisch finden. Und es sieht ganz so aus, als könnten wir heilfroh sein, dass er von dort hierhergekommen ist!“
„Ach was, Johannes! Weil der mal ein Schiff aus der Nähe gesehen hat, lässt du schon nichts auf ihn kommen! Das ist ja doch albern!“
„Albern bist du selber, weil du nichts kannst als dich lustig machen!“
Der Streit hätte noch ausufern können, wenn nicht eben die Pause zu Ende gewesen wäre und sie alle wieder hätten in die Klasse zurückkehren müssen.
In der nächsten Stunde wollte Herr Mäuthis nun seinerseits mehr über die einzelnen Kinder wissen. Er ging Reihe um Reihe durch, fragte ein Kind nach dem anderen, wie es heiße, was der Vater von Beruf sei, ob es noch Geschwister habe und was es selbst einmal werden wolle. Das machte sie nun direkt sprachlos vor Verwunderung - dass man sich so für sie persönlich interessiere, das waren sie überhaupt nicht gewohnt, und besonders die Mädchen konnten es kaum glauben, dass auch sie nach ihren Zukunftsplänen gefragt wurden. Dabei tat es gar nichts zur Sache, dass die meisten dazu wenig zu sagen hatten - was sollten sie schon für Pläne schmieden: die Einen, dass sie Fabrikarbeiter werden würden wie ihre Väter und hoffentlich nicht arbeitslos wie ihre Väter, die Anderen, dass ihnen das Gleiche bevorstand wie ein paar Jahre früher ihren Müttern, nämlich Kinder in die Welt zu setzen und sie unter Mühsal und Abrackern einigermaßen anständig durchzubringen und großzuziehen.
Der junge Lehrer aber hatte sich dieses Verfahren wohl überlegt: Selbst aus der Kleinstadt, also mehr oder weniger vom Lande, aus einem weit entfernten Landstrich mit einer völlig anderen Mentalität stammend, war er schon mit dem festen Vorsatz hergekommen, sich möglichst schnell ein eigenes Bild von seiner neuen „Kundschaft“ zu machen, über deren Lebensverhältnisse und Charaktereigenschaften er natürlich bereits einiges gehört hatte. So hoffte er, sich selbst das Einleben erleichtern, aber auch, je besser er diese Kinder einzuschätzen wüsste, desto effizienter seinen Unterricht gestalten zu können.
„Und wer bist du?“, war Agnes an der Reihe. Sie stand auf und antwortete „Agnes Meister.“ - „Und, was macht dein Vater?“ - „Nichts. Vater ist arbeitslos. Manchmal hat er für einen oder ein paar Tage irgendwas. Aber meistens tut er nichts.“ - „Dann verdient deine Mutter das Geld für die Familie?“ - „Die ist immer krank, die kann nicht arbeiten.“ - „Ja, aber, in Gottes Namen, wovon lebt ihr denn dann?“ - „Meine beiden Brüder gehen in die Fabrik.“ - „Und wie alt sind die?“ - „sechzehn und siebzehn.“ - „Und hast du noch mehr Geschwister?“ - „Ja, wir sind sieben.“ - „Ach Du meine Güte!“, seufzte Herr Mäuthis und traute sich kaum weiterzufragen: „Und weißt du denn schon, was du einmal tun willst?“. „Naja, ich werde wohl auch Kinder kriegen...“ - „Ja, und der Vater dazu wird der Karl sein!“, ließ sich Rudolphs freche Stimme hören. Agnes schaute ihn mit gerunzelter Stirn an und war ganz aus dem Konzept gebracht. „Danke, du kannst dich setzen“, erlöste sie der Lehrer, „und wer ist nun Karl?“. Der erhob sich mit rotem Kopf, nachdem er seinem Nachbarn unter der Bank einen festen Tritt versetzt hatte.
„Karl Gulach. Mein Vater ist Schuster. Ich hab nur zwei Geschwister.“ - „Und willst du denn auch mal Schuhmacher werden?“ - „Nein, ich werde wohl in die Fabrik gehen. Alle arbeiten doch heute in der Fabrik. Da verdient man sein Geld doch schneller und leichter, glaub’ ich.“ Er durfte sich setzen, und seine Gesichtsfarbe normalisierte sich allmählich wieder, als er merkte, dass auf das Thema einer Familiengründung nicht näher eingegangen würde.
Nun wurde die unterbrochene Reihenfolge auf der Mädchenseite wieder fortgesetzt. „Ich bin Frieda Möllner. Mein Papa ist Hausierer, der verkauft Galanteriewaren an vornehme Damen. Wir sind vier Mädchen.“ - „Und willst du später auch mal Mutter werden?“ - „Na, jedenfalls will ich gerne einen schönen reichen Verehrer haben, wie meine große Schwester, der soll mich aber dann auch heiraten. Und wenn man einen Mann hat, dann hat man doch ganz von alleine Kinder. Aber das ist nicht das Wichtigste, vor allem will ich eine feine Dame werden.“ - „Nun, dann wünsche ich dir mal viel Glück damit, Frieda“, sagte Herr Mäuthis lächelnd. „Und das nächste junge Fräulein?“



