Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist

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„Ich heiße Elsa, Elsa Liebig...“ - „Nein, die heißt Elster“, ließ sich wieder Rudolph vernehmen. Knallrot wurde das Mädchen und schoss Zornesfunken in seine Richtung. Mäuthis meinte aber nur: „So, Elster nennen sie dich. Ich hoffe bloß, das soll nichts Allzuschlimmes heißen! Und willst du mir jetzt noch etwas von dir erzählen?“ - Sie warf noch einen drohenden Blick zu Rudolph hinüber und antwortete dann: „Ja, also, Papa muss sich immer wieder neue Arbeiten suchen, meistens hilft er auf dem Bau, aber manchmal ist er auch Lastenträger, am Güterbahnhof zum Beispiel. Manchmal arbeitet er auch eine Zeit lang nicht, wenn’s gerade nichts gibt, dann sitzt er zuhause, liest Zeitung, versucht, was zu reparieren, was aber meistens nicht klappt, und albert mit uns Kindern rum. Mutter kämpft gegen den Haushalt, also gegen Herdfeuer, Kochtöpfe, Essgeschirr, gegen die Löcher in den Kleidern und den Dreck in der Stube, und sie verliert meistens. Aber außerdem geht sie dreimal in der Woche für einen Gemüsehändler auf den Markt und verkauft ein paar Kisten Äpfel, Zwiebeln und so weiter. Wir sind sechs Kinder...“ - „Ja, das war ja eine sehr anschauliche Beschreibung, Elsa - und was willst du später einmal machen?“ - „Ach, das weiß ich überhaupt noch nicht. Ich glaube, ich werd einfach mal abwarten, was das Leben so bringt!“ Da lachte der Lehrer und meinte: „Ja, das ist auch keine schlechte Einstellung, man kann ja sowieso nie sicher sein, dass die Pläne, die man schmiedet, auch aufgehen.“
Dann waren wieder die Jungen auf der anderen Seite des Mittelganges dran. „Ich heiße Fritz Schabach. Mein Vater hat eine Gerberei im Paradies...“ - „Wie bitte? Wie meinst du das denn?“ Die ganze Klasse lachte, ein Kind aber erbarmte sich und klärte ihn auf: „Das ist die Straße, wo die alle wohnen, die heißt ‚Im Paradies’.“ - „Ach so, danke, dann bin ich ja beruhigt. Also, Fritz, dein Vater ist Gerber...“ - „Der gerbt aber nicht bloß Tierfelle, hahaha!“ hörte man Rudolph schon wieder, und Fritz zuckte zusammen, wurde noch blasser und starrte Rudolph so fassungslos an, dass Herrn Mäuthis keine Zweifel blieben, wie der Einwurf wohl gemeint sein könnte. Ohne darauf einzugehen, aber mit unwillkürlich vorsichtigerer, rücksichtsvollerer Stimme fragte er weiter: „Und du wirst dann vermutlich einmal das Geschäft übernehmen?“ - „Nein“, antwortete Fritz leise und gesenkten Hauptes, um die Tränen über Rudolphs grausamen Spott zu verbergen, „das macht mein großer Bruder. Ich weiß auch noch nicht, was ich einmal tun werde.“ - „Na gut, das ist ja nicht schlimm, du hast ja noch Zeit zu überlegen. - So, und jetzt wollen wir uns mal unsere Spottdrossel vom Dienst näher ansehen - wer bist du denn also?“, rief er Rudolph auf. Der stellte sich grinsend hin und gab Auskunft: „Rudolph Köhler. Mein Vater ist Kohlenhändler, und das werde ich später auch. Eine kleine Schwester hab ich...“ - „Aha. Und nachdem du über andere Leute so genau Bescheid weißt, sagst du uns sicher auch zum Beispiel, wem du dein junges Herz geschenkt hast und wer die Mutter deiner Kinder werden soll?“ Das Grinsen erstarb zusehends - „oder vielleicht magst du uns Auskunft geben über dein Lieblingslaster, was du so anstellst, wenn keiner hinschaut...?“ Rudolphs Gesicht verfinsterte sich immer ärger. „Na, dacht’ ich’s mir doch! Austeilen kannst du, aber selbst einstecken - wo kämen wir da hin?! Jetzt sage ich dir eines: ab sofort höre ich von dir ungefragt keinen Pieps mehr, es sei denn, der Scherz geht auf deine eigenen Kosten, verstanden? Du kannst dich setzen!“ Das tat er auch, mit einer Miene, die den Zorn und die Scham über die Abkanzelung nicht zu verbergen vermochte. Die Klasse aber, obwohl sie meist bereitwillig über Rudolphs Witze lachte, empfand doch eine gewisse Genugtuung darüber, dass er auch mal in seine Schranken gewiesen wurde. Sie waren ja durchaus nicht zimperlich, und körperliche Züchtigung oder andere Unbill waren den wenigsten selbst fremd und fanden sie also nicht weiter beachtenswert, aber Fritzens Fall war denn doch noch einmal von anderem Kaliber, und den Zynismus gegen ihn hatten sie unnötig gemein gefunden.
„So, nun fehlt uns noch einer in dieser Reihe, danach machen wir noch ein Stündchen richtigen Unterricht, und morgen sind die nächsten drei Reihen dran mit Vorstellen. Inzwischen macht Euch bitte Namensschilder aus Papier und stellt sie vor euch auf, damit’s mir für den Anfang leichter wird, eure Namen zu lernen. - Nun also noch zu dir - wie heißt du?“, sprach er Johannes freundlich an. „Johannes Reiser. Ich hab keinen Vater mehr und auch keine Geschwister. Meine Mutter verdient das Geld mit Waschen, Flicken und Bügeln. Mein Vater war aber Schlosser, ein guter, und außerdem ein kluger Mann, sagt meine Mutter.“ - „Und willst du dann selbst auch einmal ein Schlosser werden und genauso klug wie dein Vater?“ - „Ja... - nein...“, er zögerte, „das heißt, am liebsten würd’ ich Matrose werden oder so etwas, wo man viel herumkommt und fremde Länder und Menschen kennen lernt“, ließ er sich von seiner eigenen Begeisterung mitreißen, „... aber ich weiß schon, daraus wird wohl nichts werden. Aber dann würde ich schon gerne einen richtigen Beruf lernen, ich weiß bloß noch nicht welchen... und, ja, klar möchte ich auch so klug werden wie mein Vater...“. Er brach ab, als aus der Klasse hie und da unterdrücktes Kichern zu hören war. „Ja, schön, Johannes. Ich finde es im Unterschied zu deinen Kameraden überhaupt nicht komisch, Träume und gute Vorsätze zu haben. Alle wird man vielleicht nicht erfüllen können, aber auf jeden Fall geben sie Kraft und Richtung, sein Bestes zu geben.“
Nun schellte es zur zweiten Pause, und danach hielt Herr Mäuthis noch eine Rechenstunde, fühlte ihnen ein wenig auf den Zahn, wo sie standen, was sie konnten, und damit ging der erste Schultag nach den großen Ferien zu Ende.
4. Alte Knochen
Allen Kindern der Klasse, als sie nun mit ihren Holzpantinen durch die widerhallenden Gänge und Treppenhäuser zum Schulausgang klapperten und sich in die verschiedenen Richtungen über den Stadtteil verstreuten, war mehr oder weniger deutlich spürbar, dass ihr Alltag eine neue Note bekommen hatte. Es schien, als sollte der tägliche Gang zur Schule von einer lästigen, womöglich quälenden, manchmal bedrohlichen Unvermeidlichkeit mindestens zu einer gut erträglichen, lässig zu absolvierenden Pflicht werden, ja, manche wollten es für möglich halten, bald gerne, gar mit Gewinn dorthin zu gehen. Für jeden war vielleicht etwas anderes der wichtigste Aspekt dieses Wandels, wie in den Gesprächen auf dem Heimweg deutlich wurde. Die Mädchen waren begeistert davon, dass sie endlich einmal auch für voll genommen wurden; Elsa fand den Neuen „einfach ganz doll nett“. Und endlich ließ auch Rudolph wieder seiner seit dem Rüffel unterdrückten Stimme freien Lauf, wie zu erwarten mit einem ärgerlichen Protest. „Ist ja klar“, versetzte Elsa ihm da, „dass du nicht einverstanden bist, Rudolph! Bei Schultze hast du schön gekuscht wie alle, und kaum ist einer freundlich, glaubst du gleich, du kannst dir jede Gemeinheit erlauben. Und wenn der dich dann auch noch mit deinen eigenen Waffen schlägt, dann bist du beleidigt!“ Es war kein freundlicher Blick, mit dem Rudolph diesen Kommentar quittierte.
Fritz dagegen wagte fast noch nicht zu hoffen, dass das, was er bisher lediglich als Erweiterung und Variante seines häuslichen Alptraums erlebt hatte, zu einem Asyl werden könnte, in dem er jeden Werktagmorgen für ein paar Stunden frei und ohne Angst aufatmen dürfte.
Wer aber fast beschwingt und beflügelt, begeistert und voller wirr und vager Vorsätze von diesem Schulvormittag nachhause ging, das war Johannes. Ihm war zumute, als hätte Herr Mäuthis aus seiner Heimat direkt in ihr Schulzimmer den Duft nach salzigem Wind mitgebracht, ein Wehen von Welt und Weite, und dies aber nicht nur, weil er, wie Rudolph sarkastisch behauptete, „einmal ein Schiff aus der Nähe gesehen hatte“, sondern auch durch seine ermutigenden Worte und die ganze Ausstrahlung von Neugier und Offenheit, die von seiner Person und Lebensgeschichte ausging.
Für ihn wenigstens brach etwas wie eine neue Zeit an. Die inspirierende Begeisterung, die ihn am ersten Tag erwischt hatte, klang nicht nach kurzer Weile ab und ging in eine schließlich einfach hingenommene Alltagsselbstverständlichkeit über, sondern wurde ihm zum tragenden Lebensgefühl in dieser Zeit. Auch bislang schon war er ein recht guter Schüler gewesen und war es Herrn Schultzens Pädagogik trotz aller Bemühungen nicht gelungen, sein Interesse an manchem gebotenen Lehrstoff abzustumpfen, hatte er die Brosamen eifrig aufgelesen, die jener unvorsichtigerweise hatte fallen lassen. Nun jedoch wurde Interesse zu Wiss- und Lernbegierde, wurde das Aufschnappen von einzelnen Informationsbrocken zum hartnäckigen Verfolgen von Gedankengängen, ging er Anregungen und Hinweisen auch außerhalb der Schulstunden nach, die in den Unterricht ganz zufällig eingeflossen waren. So hatte Herr Mäuthis einmal davon erzählt, wie seit einigen Jahren immer mehr Arbeitervereine gegründet wurden, die mit Bücherstuben, Vorträgen und Gesprächszirkeln, Alphabetisierungskursen und vielem mehr sich bemühten, den Bildungsstand der Arbeiterklasse aus eigenen Kräften anzuheben. Von seiner Mutter wusste Johannes, dass sein Vater damals einem solchen Verein beigetreten war. Nun ruhte er nicht, bis er den ausfindig gemacht und die Erlaubnis erwirkt hatte, trotz seiner Jugend dort zu verkehren und vor allem den Buchbestand in der Lesestube für die Befriedigung seiner Neugierden zu nutzen. Ein paar Leute dort konnten sich noch an seinen Vater erinnern und fanden es jetzt einerseits kurios, andererseits auch erfreulich, dass dessen „Kleiner“ nun den Weg zu ihnen gefunden hatte.
Noch eine Gewohnheit machte er sich in dieser Zeit zu eigen: Wann immer möglich, das hieß, wenn er rechtzeitig vor der Schule mit seiner Runde fertig wurde, dann las er in dem Blatt, das er austrug, den einen oder anderen Artikel, der ihm ins Auge fiel und interessant zu sein versprach. Dabei weckten nicht nur Kuriosa und die so genannten unerhörten Begebenheiten seine Neugier, er las auch über Entdeckungen aller Art - technische, wissenschaftliche, geographische -, verstand natürlich vieles nicht oder nur halb und fragte dann bei allen Erwachsenen, die er kannte, nach, ab und zu auch bei Herrn Mäuthis in der Schule.
Eines Morgens fand er da bei dem spärlichen Licht, das sich nur mühsam aus der Herbstdämmerung herausschälte und das nur gerade eben zum Lesen ausreichte, folgende Schlagzeile: „Den Adam gefunden!“. ‚Was soll das denn heißen?’, fragte er sich neugierig und las: „Vor einigen Tagen wurde bei Aushebungsarbeiten in einer Sandgrube bei Schirmtal ein versteinerter prähistorischer Schädelknochen gefunden, der inzwischen durch die unverzüglich hinzugezogenen Experten eindeutig als von einer Ur- und Vorform des heutigen Menschen stammend identifiziert wurde. Die Paläontologen bewerten den Fund als mindestens ebenso wertvoll für die Aufklärung des Entwicklungsweges von den vorzeitlichen Affenwesen hin bis zum modernen Menschen, wie das seinerzeit dem Fund des homo neanderthalensis zukam. Man schreibt der Gattung ein sogar noch bedeutend höheres Alter zu als dem Neanderthaler.“
Johannes kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Was war das denn nun? Was sollte das bedeuten: „Vorform des Menschen“, „Entwicklung vom Affenwesen zum modernen Menschen“? War denn nicht der Mensch, so, wie man ihn kannte, einfach immer schon da gewesen, wobei dieses „immer schon“ ein unbestimmt dehnbares und auch wieder zusammenschnurrendes Gebilde darstellte - neunzehn Jahrhunderte seit Christi Geburt, ein paar Generationen darüber hinaus - Abraham, Noah, Moses, die Geschichten aus dem Religionsunterricht, die das Altehrwürdigste waren, das er kannte, weit weg und fremd, aber in Denken, Handeln, Fühlen auch wieder menschlich nah genug - so lange war das nun vielleicht auch wieder nicht her? Und wo bitte sollten da irgendwelche Affenwesen ihren Platz haben?
Er las weiter: „Der Arbeiter, dessen Schaufel das Fossil gehoben hatte, soll abends seinen Kumpanen im Wirtshaus berichtet haben, heute habe er ‚den Adam gefunden’“.- Ah, da war er wieder auf vertrauterem Boden - also einen Knochen des ersten, von Gott aus Lehm geformten Menschen hat man da gefunden? Das war ja natürlich schon toll und sehr faszinierend, aber was sollte das dann mit den Affen und dem Entwicklungsweg und diesem ... diesem - ah ja, diesem homo neanderthalensis? Er schloss die Augen und glaubte, in ein bodenloses Unbekanntes hinabgesogen zu werden, gleichzeitig fand er die Sache aber auch überaus aufregend. Er musste diesmal unbedingt Herrn Mäuthis ausfragen, das hier wollte er einfach genauer verstehen. Er holte rasch Schulheft und Bleistift aus der Tasche und schrieb alle Wörter auf, die er nicht kannte - „prähistorisch“, „versteinert“, „Paläontologe“, „Neanderthaler“, „Fossil“ - er war sicher, dass sich hinter diesen geheimnisvollen Begriffen Türen zu ganz neuen und ungeahnten Dimensionen aufstoßen würden. Vor lauter Aufregung vergaß er ganz, die Zeitung noch ihrem rechtmäßigen Empfänger zuzustellen, das merkte er erst, als er schon fast bei der Schule angekommen war. ‚Na, nichts zu machen’, dachte er, ‚dann bekommt er sie heute eben ausnahmsweise erst mittags.’
In der Schulstunde konnte er sich kaum auf das behandelte Thema konzentrieren, und die Zeit bis zum ersten Pausenläuten wurde ihm viel zu lang. Endlich war es so weit, und während die anderen hinausliefen, ging er nach vorn zum Lehrerpult und brachte sein Anliegen vor. Er zeigte Herrn Mäuthis den Artikel und die Liste der unverstandenen Wörter und bat ihn dringlich um Erklärung. Der blickte erstaunt von Zeitungsblatt und Schulheft auf in das eifrig gespannte Gesicht des Jungen und meinte: „Aber gerne - jedenfalls das Wenige, das ich darüber weiß, will ich gerne weitergeben; ich möchte das aber lieber in der nächsten Stunde vor der Klasse tun, so kriegen es alle mit.“
Und so hörten die Kinder nach der Pause, statt Dreisatzaufgaben zu lösen, zum ersten Mal von Charles Darwin und seinen Forschungsreisen, von dem Mönch Gregor Mendel und seinen Versuchen im Klostergarten, von der Evolutionstheorie und von dem Streit, den sie entfacht hatte, und eben davon, dass man die Erzählungen der Bibel über Herkunft und frühe Geschichte der Menschen wohl nicht mehr wörtlich nehmen dürfe, dass man das Alter der Erde viel höher veranschlagen müsse als bislang für möglich gehalten; von ausgestorbenen Tierarten, Funden riesiger Skelette berichtete er, und nicht zuletzt davon, dass die Kinder sich wohl mit dem Gedanken würden anfreunden müssen, ihre Ur-ur-ur-ur-ur-Vorfahren unter den Affen zu suchen.
Auch wenn Darwins Veröffentlichungen schon ein halbes Jahrhundert zurücklagen, war all dieses den Kindern völlig neu. Sie waren ja erst zwölf, dreizehn Jahre alt, und die Erwachsenen in ihrem Umkreis hatten andere Dinge im Kopf und andere Gesprächsthemen als die Abstammung des Menschen und das geologische Alter der Erde. In der Minimalbildung, die man den sogenannten niederen Ständen zubilligte, kamen naturkundliche Themen höchstens in Form von Pflanzenbeschreibungen und Erzählungen über Tierarten und ihre Lebensweisen vor; und ein Lehrer vom Schlage eines Herrn Schultze zumal hatte gar nichts davon gehalten, seinen Schülern etwas anderes als Bibel- und Traditionsgläubigkeit beizubringen.
Naturgemäß gab die Affen-Urahn-These willkommenen Anlass zu allgemeiner, auch durchaus ungläubiger, Erheiterung, wobei sich Rudolph wieder einmal besonders hervortat.
„Im Übrigen“, sagte Herr Mäuthis dann noch abschließend, „sollte es wohl im Naturkundemuseum das eine oder andere Interessante zu sehen geben. Eins aber steht auch fest: nämlich dass es auf diesem Gebiet wohl noch weitaus mehr Unklarheiten, offene Fragen und unbekannte Zusammenhänge gibt, als dass die Wissenschaft schon besonders viel mit Sicherheit herausgefunden hätte. Da wird noch so mancher Knochen ausgegraben und manche Theorie verworfen werden müssen, bis wir wissen, wie das alles wirklich vor sich gegangen ist. - Und zum Schluss, bevor wir uns dann leider doch wieder unseren Textaufgaben zuwenden müssen, möchte ich doch gerne Johannes noch für die Anregung zu diesem spannenden Thema danken.“ Der bekam ganz rote Backen und senkte verlegen die Augen, während er aber schon eifrig Pläne für einen nachmittäglichen Besuch dieses Museums schmiedete.
Fast wäre dieser Besuch an einem strengen Museumswärter gescheitert, der dem Jungen in schäbiger Kleidung wohl nichts Gutes zutraute, ihm jedenfalls am liebsten den Zutritt durch das prächtige Portal verwehrt hätte. Doch konnte er einen unaufmerksamen Moment nutzen und an dem uniformierten Türhüter vorbeiwischen. Drinnen dann empfing ihn eine solch ungewohnte, ehrfurchtgebietende Atmosphäre von Kühle, Stille und glatten, sauberen Oberflächen, dass er fast geneigt war, dem Wächter recht zu geben und sich als hier fehl am Platze wieder zurückzuziehen. Das tat er dann allerdings doch nicht und ging stattdessen staunend durch ganze Fluchten von Ausstellungsräumen mit langen Reihen von Vitrinen. Schaukästen mit Hunderten aufgespießter Schmetterlinge, Käfer, Spinnentiere; große flache Laden mit sortierten Vogeleiern in allen möglichen Farben und Größen, bunten Mineralien und versteinerten Muscheln und Schnecken; Glasschränke, in denen sich ausgestopfte Vögel fast auf die Füße traten, an den Standsockeln bereits vergilbende Etiketten mit ihren seltsamen, nie gehörten Namen; andere, in denen sorgfältig präparierte Einzelexemplare in lebensnahen Posen oder gar mehrere Tiere gemeinsamer Herkunft in ihren mit Hilfe von ein paar Requisiten und gemalten Landschaftskulissen angedeuteten Lebensräumen sich vorstellten: Da gab es einen Kauz, der mit eingesetzten Glasaugen von der Spitze einer Tanne in eine blaue Ferne schaute, eine Murmeltierfamilie vor dem Eingang ihres Höhlenbaus, eine brütende Wachtel, unter der man die hübschen braungesprenkelten Eier hervorlugen sah. In einer anderen Abteilung fanden sich vor dem Hintergrund einer mit Gelb- und Ockertönen angedeuteten Savannenlandschaft ein paar exotische Exemplare - bunte Schlangen und Vögel, Antilopen, Zebras und ein massiges, furchterregendes Nashorn.
All dies war für das Stadtkind, dessen persönliche Bekanntschaft mit der Tierwelt naturgemäß äußerst begrenzt war, durchaus interessant und horizonterweiternd. Jedoch konnte er dabei nicht recht froh werden, konnte sich eines leicht unangenehmen, befremdeten Gefühls nicht erwehren angesichts all dieser steifen, stummen, staubig wirkenden Gestalten. Eine wirkliche Anschauung des durch sie repräsentierten Lebens wollte sich einfach nicht einstellen.
Aber so richtig gruselte es ihn erst, als er vor solche Vitrinen trat, die in Gläsern konservierte Organismen zeigten: Kleintiere, Jungvögel, einzelne Organe; einige dieser Glaszylinder waren dicht gedrängt angefüllt mit umeinander gewundenen Schleichen, Fischen, Schlangen, bleich und farblos wie zu lange im Einmachglas verbliebene Kirschen; mit einer Mischung aus Faszination und Widerwillen betrachtete er gar den Fötus einer Katze, nicht mal so groß wie seine Handfläche, der hier nackt, zusammengekrümmt, blind, vergilbt und verschrumpelt in seiner Formalinlösung schwebte. Er schüttelte die aufkommende schwache Übelkeit ab und ging schnell weiter.
Am Ende einer kurzen breiten Zwischenhalle atmete er dann erleichtert auf: ein Bogendurchgang gab den Blick frei in einen hohen und weiten Saal, eher ein gedeckter Innenhof, in den durch eine raffinierte Glasdachkonstruktion ein angenehmes indirektes, dennoch helles und freundliches Licht fiel - eine Wohltat nach der eher schummrig-trüben Beleuchtung in den Vitrinenräumen. Die Zugänge zu diesem Bereich waren auf allen vier Seiten durch provisorische Absperrungen gesichert. Wenn man aber schon nicht hineingehen konnte, so konnte man doch dem regen und fleißigen Treiben zusehen, das sich darin entfaltete: ein großes Gestell, eine Vielzahl unterschiedlich hoher Leitern und vor allem ein ganzer Schwarm weißbekittelter Menschen, die leiterauf, leiterab herumwuselten und dabei den Eindruck vermittelten, sie wüssten genau, was sie taten. Als einer von ihnen einmal in seiner Nähe vorüber ging und dabei dem Jungen freundlich zulächelte, fasste dieser Mut und fragte schnell, was denn hier wohl vor sich gehe? „Sieh dir einfach mal die Schautafel hier neben an der Wand an. Und schau mal dort hinten rechts - was denkst du, was da liegt?“ Johannes sah eine Ansammlung großer hellgrauer unregelmäßig geformter länglicher Stücke von irgendetwas. „Das sind die Knochen von einem Saurier, die erst kürzlich bei einer Expedition in Afrika gefunden wurden und vor zwei Wochen hier angekommen sind. Und wir wollen jetzt versuchen, daraus das Skelett zusammenzusetzen, wie es zu Lebzeiten seinen gewaltigen Körper getragen hat.“
Und tatsächlich: Wenn das die einzelnen Knochen eines Lebewesens sein sollten, dann musste dieses gigantische Ausmaße gehabt haben!
Dank der Lehren vom Schulvormittag nicht mehr ganz unbedarft, fragte er, ob es dieses Tier heute denn immer noch irgendwo auf der Welt gebe. Da lachte der Mann und meinte: „Zum Glück nicht, sonst würde es uns wohl an den Kragen gehen. Nein, der und seinesgleichen sind vor vielen tausend und abertausend Jahren ausgestorben, und wenn er Nachkommen hinterlassen hat, dann höchstens im Schrumpfformat - Salamander, Leguane, Eidechsen und derartiges Getier.“
Er hätte selbst nicht recht zu sagen gewusst warum, aber der Anblick dieser Knochen, die doch mindestens ebenso tot waren wie die ausgestopften und eingelegten Tiere vorhin, machte ihm überhaupt nichts aus, er hätte sich sogar vorstellen können, sie zu berühren und bei dem großen Steckspiel, das hier im Gange war, mitzuhelfen. Noch lange stand er da und schaute zu, bis die Leute offensichtlich auf den Feierabend hin aufräumten. Dann ging er, verstaubtes und vergilbtes Getier rechts und links keines Blickes mehr würdigend, hinaus.
In den folgenden Wochen fand Johannes noch oft den Weg zum Lichthof des Museums. Auf keinen Fall wollte er den Fortgang der Arbeiten versäumen, wollte unbedingt miterleben, wie das Riesentier, von dessen Existenz er bis vor so Kurzem noch gar nichts geahnt hatte, allmählich Gestalt annahm - und was für eine Gestalt! Nach einer Weile hatte sich auch der wachsame Wärter mit ihm abgefunden und gönnte ihm sogar ein knappes Nicken. Auch für die Handwerker und Wissenschaftler im Saurierhof gehörte er bald zum Inventar, und der eine oder andere nahm ihn mit einem freundlichen Lächeln oder Augenzwinkern zur Kenntnis.
Auf dem Heimweg von einer dieser Expeditionen sah er im winterlichen Nachmittagsdämmer ein paar Schritte vor ihm ein Mädchen den Bürgersteig entlang gehen, dessen krauses, stumpfbraunes Struwwelhaar in zwei mit einer schiefen Schleife zusammengebundenen Zöpfen nicht ganz erfolgreich gebändigt war.
„Oh, hallo, Elster“, rief er und holte die paar Schritte auf. „Was machst du denn hier?“ - „Ach, Tag, Hannes! Na, sieht man dich auch mal wieder?“ antwortete Elsa. „Ich hab bloß Mutter mit dem Gemüsekarren geholfen.“
„Und was machen die anderen?“
„Die, ach, keine Ahnung. Oder doch, die meisten sind in die Stadt gezogen.“ Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, dann legte Elsa los: „Aber weißt du übrigens, es ist ganz schön schade, dass du jetzt so oft weg bist. Wenn du nicht dabei bist, ist es richtig doof. Rudolph bildet sich dann nämlich ein, er kann uns alle rumkommandieren und ist dabei blöder denn je. Es gibt Streit, aber dann auch wieder nicht richtig, einfach schlechte Laune eben. Fritzchen hält Abstand und ist, glaub ich, nur dabei, damit er nicht zuhause sein muss, sagt aber überhaupt kein Wort mehr. Trotzdem kriegt er aber immer wieder von Rudolph sein Fett weg. Wenn du da bist, ist das irgendwie anders, da nimmt er den Mund nicht ganz so voll. - Jetzt sind sie, außer Fritz, in die Innenstadt gegangen, ‚Elektrische fahren’“.
„Ah, dazu hätt’ ich auch mal wieder Lust!“, rief Johannes.
„Ich hätte auch mitkommen sollen“, erwiderte Elsa, „aber mit diesen blöden Mädchenkleidern macht das ja gar keinen Spaß. Das ist richtig ungerecht.“
„Elektrische fahren“, das war ein beliebter Freizeitspaß unter den Schul- und Straßenkindern. Keineswegs bedeutete das, brav ein Billet zu lösen und im Wagen durch die Gegend zu fahren. Es hieß, der Straßenbahn an einer Ecke, wo sie das Tempo drosseln musste, aufzulauern, auf die etwas monströse Schutzkonstruktion aus Eisenstangen und Drahtnetz am vorderen Ende aufzuspringen, sich mit aller Kraft festzuhalten, ein Stück weit mitzufahren und rechtzeitig wieder abzuspringen. Das war ein bisschen gefährlich, ziemlich verboten, verlangte Geschick und etwas Mut. Ab und zu wurde man erwischt, fing sich eine Verwarnung ein oder auch mal eine Ohrfeige, aber es machte einfach großen Spaß. Für Mädchen, wie Elsa richtig beklagte, mit ihrer unpraktischen Kleidung, eignete sich der Sport allerdings weniger.



