Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist

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Rudolph beispielsweise sah durch diese Mischung aus Andersartigkeit, Unabhängigkeit und scheinbarer Schwäche in ihr einen interessanten Ersatz für sein Lieblingsopfer Fritz, dessen Reaktionen auf seine kleinen Sticheleien und verbalen Quälereien inzwischen so bekannt und vorhersagbar waren, dass sie ihren Reiz zu verlieren begannen. Hier war nun ein Objekt, an dem man seine Fähigkeiten erweitern und verfeinern konnte. Den wunden Punkt galt es zu finden, mit dem man diese stille Dulderin - oder war es wirkliche Unempfindlichkeit? - treffen und zu irgendeiner Gefühlsäußerung provozieren konnte. Bisher war ihm das überhaupt noch nicht gelungen. Die Themen Reinlichkeit oder Zigeunertum - das letztere ließ er sich trotz Nomis anderslautender Auskunft nicht ausreden - schienen spurlos an ihr abzuprallen, und statt sich getroffen zu zeigen und zurückzuschimpfen oder zu heulen, maß sie ihn lediglich mit ihren dunklen Augen; in denen ging zwar irgendetwas vor, das aber hatte mit dem von ihm gewünschten Effekt ganz offensichtlich gar nichts zu tun, was ihn aber erst recht gegen sie aufbrachte und zu erneuten Angriffen anstachelte.
Der Lehrer seinerseits suchte, sie hin und wieder unauffällig in Schutz zu nehmen und zu fördern. So hatte er gelegentlich, wenn sich bei dem Mädchen erstaunliche Kenntnislücken offenbarten, die Klasse aufgefordert, es mögen sich doch Mitschüler finden, die ab und zu einmal mit ihr zusammen lernen, ihr bei den Hausaufgaben helfen würden. Als er nur murrende Protestlaute zu hören bekam und auch Nomis Gesicht anzusehen war, dass ihr das eher peinlich gewesen wäre, ließ er es dabei bewenden.
Mit der Zeit bekam das Phänomen Nomi seinen festen Platz, und im gleichen Zuge erlahmte auch das Interesse daran - ein Kind, von dem man nicht viel wusste, das einem in Maßen leid tat, mit dem sich im Übrigen nicht viel anfangen ließ und an dem sich lediglich in einer zum Ritual werdenden Obsession der Gruppenchef die Zähne ausbiss.
An einem Frühlingsmorgen, der sogar diese steinernen Großstadtschluchten mit einer lauen Brise blütenduftend durchstrich, waren Agnes und Elsa gemeinsam auf dem Weg zur Schule. Als sie an einem Trümmergrundstück vorüberkamen - hier war vor längerer Zeit ein altes Wohnhaus abgerissen worden, und die Ruine lag nun in all der zutiefst deprimierenden Trostlosigkeit, die den Dingen eignet, wenn sie, ihres Zusammenspiels mit Lebendigem verlustig gegangen, als Überreste eines ausgeweideten Kadavers in halbvollzogener Auflösung sich mit der Umgebung vermischen, inmitten eines allmählich verwildernden und die schlammverspritzten Tapetenreste, die modernden Hausratsbruchstücke und schimmelnden Stofffetzen mit Spinnennetzen und Vogelkot, Brennnesseln und Dornenranken überziehenden Stadtgartens -, da tauchte hinter einer teilweise stehen gebliebenen Mauerecke Nomi auf, die gerade auf den Gehweg hinaustreten wollte und dabei fast mit den beiden zusammengestoßen wäre. Sie hatte irgendetwas in den Händen und nestelte damit in ihren langen offenen Haaren herum. Als sie ihre Klassenkameradinnen bemerkte, hielt sie, sichtlich verlegen, damit inne und hätte den Gegenstand am liebsten schnell hinter ihrem Rücken verborgen, wenn es dafür nicht schon zu spät gewesen wäre.
„He, Nomi! Was hast du denn da? Zeig doch mal!“, bat Elsa.
Da hielt sie den beiden eine Blume hin: eine einzelne Rose an kurzem Stiel, eine frische, eben aufblühende Knospe, die zahllosen eins ins andere gebetteten weißen Blütenblätter sich gegenseitig stützend und gegen die Außenwelt schützend ineinander und umeinander geschmiegt, nur erst ein paar der äußersten sich dieser neugierig und lebensdurstig mit zaghaft halbgeöffneten Lidern zuwendend, und in einem aus den späten Nachtstunden übriggebliebenen perlrunden Tautropfen das hellblaue Himmelslicht mit ihrer eigenen zart goldgelben Äderung zu einem sphärisch vergrößerten Bild verbindend.
„Wo hast du die denn her?“, fragte Agnes.
„Hier, in dem Garten hinten, zwischen allem möglichen Gestrüpp, da wachsen ganz große Büsche davon. Hab ich neulich gefunden, als ich geschaut hab, ob’s hier noch Brennholz gibt.“
„Ja, aber, bist du jetzt extra da reingegangen, um die zu holen?“, fragte Agnes verständnislos, in deren Leben, wie für die meisten hier, Blumen als überflüssiger Luxus keinen Platz hatten. „Du hast dich ja sogar zerkratzt, und Brennnesseln gibt’s da sicher auch!?“
„Ich find sie soo schön!“, sagte Nomi einfach in ihrer leisen Art. Agnes schaute ihr ins Gesicht und spürte plötzlich Tränen in den Augen und eine Enge in der Kehle - sie hätte nicht zu erklären vermocht, warum, wusste nicht, dass sie in dem Moment - und nur für diesen kurzen Moment - die Verwandtschaft zwischen ihren eigenen Lebensumständen und denen des fremden Mädchens empfand, und gleichzeitig damit aber auch den entscheidenden Unterschied: dass es ihr nie und nimmer in den Sinn gekommen wäre, der Schäbigkeit und Freudlosigkeit ihres Alltags auf so einfache oder auf sonst irgendeine Weise ein Stück heilender Schönheit entgegenzustellen.
„Da, nimm doch, ich schenk sie dir.“ Nomi reichte ihr die Blume kurzerhand hin. Agnes schüttelte den Kopf: „Nein, behalt sie nur. Aber danke, du bist wirklich nett.“ Und Elsa meinte: „Du wolltest sie dir doch ins Haar stecken, oder? Mach das doch, das sieht bestimmt hübsch aus!“
Nomi wurde rot und lenkte ab: sie wollten sich lieber beeilen, sonst kämen sie noch alle drei zu spät zur Schule.
Von nun an sah man sie fast jeden Tag mit einer weißen Rose. Manchmal hatte sie sie tatsächlich im Haar, was ihr natürlich sofort wieder Neckereien eintrug, manchmal hielt sie sie nur in der Hand oder legte sie vor sich auf das Pult.
Johannes hatte von Anfang an zu denen gehört, auf die das geheimnisvolle Mädchen eine starke Anziehungskraft ausübte. Gesprochen hatte er mit ihr so gut wie gar nicht, höchstens einmal hier und da ein knapper Gruß, wenn er ihr irgendwo begegnete; ansonsten ein Kreisen in respektvollem Abstand um einen magnetischen Mittelpunkt, und auch das eher im Geiste als in der körperlichen Wirklichkeit. Die Andeutung von Exotik und Unbestimmbarkeit, die sie umgab, war so ganz dazu angelegt, sein Interesse zu wecken. Jetzt, durch ihre neue „Rosenmanie“, wurde das nur noch verstärkt. Nicht nur hatte Elsa vollkommen recht gehabt und sah die fragile weiße Blüte in dem nachtdunklen Haar wirklich sehr hübsch aus; sie stellte auch einen Punkt mehr dar, in dem sich Nomi von all den anderen Mädchen unterschied, die er bisher gekannt hatte. Alle, oder doch die meisten, waren - in seinen Jungenaugen höchst übertrieben - darauf erpicht, sich herauszuputzen mit solchen Mitteln, derer sie eben habhaft werden konnten. Billigen Glitzerkram luchsten sie vielleicht ihren Vätern oder Brüdern ab, die damit handelten, oder, falls sie selbst solche Dinge auf der Straße feilboten, behielten sie für sich zurück, was etwa ein bisschen kaputt war; Haarspangen mit Glassteinen, vielleicht ein Ohrring, ein Armreif, oder wenigstens eine schöne bunte, möglichst große Schleife wurden stolz den Freundinnen vorgeführt und von ihnen gebührend bewundert, besser noch geneidet. Keiner von ihnen wäre es eingefallen, sich einfach nur eine Blume abzupflücken und mit dieser den Haarschopf zusammenzuhalten, und das auch noch eher, weil sie mindestens genauso viel Gefallen daran gefunden hätten, sie abzunehmen und anzuschauen wie sich selbst damit zu schmücken. Und Nomi erntete auch genügend Naserümpfen und hämisch-mitleidiges Getuschel aus der dreizehnjährigen Damenwelt. Johannes jedoch betrachtete dies ausgefallene Gebaren fasziniert und fand, es füge den vielen Mysterien um das Mädchen ein weiteres hinzu.
Und dann beobachtete er eines Tages eine Szene, die das Rätsel Nomi noch rätselhafter machte.
Er ging eine Straße nicht weit von Zuhause entlang, als aus der Gegenrichtung auf dem anderen Trottoir Rudolph gelaufen kam, so schnell ihn seine Beine trugen und dabei immer wieder sich umwendend, als sei der Teufel hinter ihm her. In einiger Entfernung auf seiner eigener Straßenseite war Nomi stehen geblieben und blickte hinüber. Rudolph hatte offensichtlich weder sie noch ihn gesehen, schlug einen Haken und verschwand in einem Hofdurchgang. Im gleichen Augenblick tauchten um die nächste Straßenecke zwei große Jungen, fast schon eher junge Männer auf, rannten auf Nomi zu und fragten sie etwas, beinahe ohne im Lauf innezuhalten. Johannes sah, wie sie geradewegs in die falsche Richtung wies, als wolle sie Rudolph helfen, seinen Verfolgern zu entkommen. Dann ging sie ruhig weiter ihres Weges. Mit offenem Mund blieb er stehen: Was der Junge ausgefressen hatte, um den Zorn dieser Kerle auf sich zu ziehen, wusste er natürlich nicht. Hätten sie ihn erwischt, dann wäre es ihm sicher schlecht ergangen, die hatten nicht so ausgesehen, als würden sie auf das zartere Alter ihres Gegners Rücksicht nehmen. Vielleicht hatte er ja auch etwas geklaut, und sie hätten ihn, außer ihn zu verprügeln, auch noch zur Polizei geschleppt. Jedenfalls wäre es für Nomi ein Leichtes gewesen, die beiden auf seine Fährte zu bringen. Stattdessen rettete sie ausgerechnet diesen ihren größten Feind und Peiniger vor wahrscheinlich sogar verdienter Unbill. Der hatte davon nicht einmal etwas bemerkt, so dass er ja glauben musste, er habe sein Davonkommen seiner eigenen Geschicklichkeit zu verdanken. Wenn in den nächsten Tagen Rudolph wieder mal seine Schikanen an dem Mädchen übte, ohne dass die ihn über ihre heimliche Wohltat aufklärte, war Johannes stark versucht, das für sie zu erledigen und es Rudolph unter die Nase zu reiben. Da er sich aber nicht sicher war, dass ihr das recht gewesen wäre, ließ er es bleiben, nahm sich aber fest vor, das eines Tages nachzuholen, wenn es ihm zu bunt würde.
Unterdessen taten sich bei ihm selbst jedoch Dinge, die seine Welt gehörig in der Achse knirschen ließen, und das war durchaus kein Bremsgeräusch sondern das einer Beschleunigung und Richtungsänderung, die er sich nie hätte träumen lassen. Infolgedessen ging sein Puls in den letzten Tagen ständig schnell und aufgeregt, und oft schwindelte ihn, wenn er an die Eventualitäten dachte, die sich da anbahnten.
Sein Lehrer hatte ihn doch allen Ernstes gefragt, ob er nicht versuchen wolle, auf eine höhere Schule zu wechseln! Er habe ihn jetzt seit den Sommerferien im Auge gehabt, seine Leistungen verfolgt und ihn auch sonst unauffällig auf Herz und Nieren geprüft, und sei zu dem Schluss gekommen, er habe das Zeug dazu. Was er davon halte?
Johannes konnte zunächst einmal gar nichts halten, schon gar nicht einen solchen Gedanken in seinem Kopf. Er stammelte hilflos, dass das doch gar nicht ginge, so etwas sei doch gar nicht möglich, er sei doch... sei doch bloß..., und wusste sein Gefühl der Unvereinbarkeit dann doch nicht genauer zu bestimmen.
Daraufhin empfahl ihm Herr Mäuthis, sich den Vorschlag bis zum nächsten Tag gründlich durch den Kopf gehen zu lassen und zunächst einmal ganz ohne Rücksicht auf etwaige Hinderungsgründe herauszufinden, ob er dazu überhaupt Lust hätte. Morgen würde man weiter darüber reden, man brauche gar nichts zu überstürzen.
Als das Karussell in seinem Kopf endlich ein wenig langsamer fuhr, versuchte er sich auszumalen, was denn dieser Vorschlag eigentlich bedeuten würde. Und zwischen ängstlichem Zurückschrecken und dem Gefühl, aus Mangel an konkreter Information in viel zu vagen Spekulationen zu schwimmen, kamen immer stärker sein Wissensdurst zu Wort, seine Lust, mehr von Welt und Leben kennen zu lernen, sein Ehrgeiz, sich größere Spielräume zu erschließen. Und am nächsten Tag sagte er seinem Lehrer, dass, wenn so etwas überhaupt denkbar wäre, dann würde er es wirklich gerne versuchen.
Nun wurde Herr Mäuthis konkreter: er könne zwar nicht versprechen, dass wirklich etwas daraus würde; aber es gebe Förderungsmöglichkeiten für begabte Schüler aus den armen Schichten, und selbstverständlich werde er, Mäuthis, alles tun, was in seiner Macht stehe, um Johannes bei der Beantragung eines solchen Stipendiums und, falls dies positiv ausginge, bei der Vorbereitung des Schulwechsels zu unterstützen. Jetzt solle dieser aber noch einmal neu über die Sache nachdenken und dabei berücksichtigen, dass es bestimmt nicht einfach werden würde.
„Du wirst viel, sehr viel mehr für die Schule arbeiten müssen als jetzt. Hier ist dir ja alles mehr oder weniger zugeflogen. Aber die Anforderungen sind hier ja auch recht begrenzt, und dort gibt es erstens mehr Fächer als hier, zweitens haben die anderen Schüler schon einen großen Vorsprung, den du anfangs erst einmal zusätzlich aufholen müsstest. Ich glaube allerdings, dass du das schaffen könntest. Außerdem, wenn nicht, hättest du eigentlich nichts verloren, du hättest immer noch dieselben Möglichkeiten wie jetzt auch. Es wäre andererseits auch wieder nicht dasselbe: du hättest ein Scheitern zu verkraften, und gleichzeitig wärest du vielleicht mit den Dingen nicht mehr zufrieden, die dir jetzt noch völlig genügen würden.
Und noch etwas müsstest du dir klarmachen: es würde auch nicht leicht für dich, was das Verhältnis zu deinen Kameraden angeht, das wirst du dir denken können: dort müsstest du damit rechnen, dass viele dich ablehnen, weil du arm bist und die anderen zumeist aus wohlhabenden Bürgerfamilien stammen; hier, unter den Kindern aus dem Viertel, würdest du höchstwahrscheinlich auch ausgegrenzt, würdest auch hier nicht mehr richtig dazugehören - ein Außenseiter wärest du also schließlich überall.“ Bei diesen Worten hatten beide unwillkürlich zu Nomis Pult hinübergeblickt.
„Ich sage dir das alles nur“, fuhr Mäuthis fort, „damit dir so deutlich wie möglich ist, worauf du dich einließest, wenn du deine Entscheidung triffst.“
Zum Schluss machte er Johannes aber noch einmal Mut: er traue ihm das uneingeschränkt zu, und dieser Weg würde ihm so viel mehr Möglichkeiten eröffnen, seine Fähigkeiten für sein Leben zu nutzen. – „Überleg dir also gut, ob du dir das alles zumuten möchtest. Und hab dabei bloß keine Angst, ich würde es dir übel nehmen, wenn du schließlich ‚nein‘ sagst. Denk allein daran, was für dich das Beste scheint. Nur vergiss nicht, wenn du ja sagst, musst du da nicht allein durch, du dürftest hundertprozentig auf mich zählen.“
Damit entließ Mäuthis ihn in einen weiteren Tag der Schwindelgefühle. Ziellos lief er in der Gegend umher, kickte gedankenverloren Steine vor sich her, hielt nach seinen Freunden Ausschau; wenn er aber welche von weitem sah, wich er doch aus und mied das Zusammentreffen. - Würden die ihn wirklich nicht mehr mitmachen, nicht mehr an ihrem Leben teilhaben lassen, bloß weil er auf eine andere Schule ginge? Würden sie ihn auslachen, ihn verachten? Wären sie neidisch und gehässig? - Pah, sollten sie doch, die wären ja selber blöd! Er jedenfalls würde sein wie immer und ihnen gar keinen Grund geben, sich gegen ihn zu wenden!
Am Abend erzählte er endlich auch seiner Mutter von dieser neuen Aussicht. Bis dahin hatte er sich schon entschlossen, dass all die Schwierigkeiten, vor denen sein Lehrer ihn gewarnt hatte, ihn nicht abschrecken sollten, eher gerade im Gegenteil!
Seine Mutter erschrak nicht schlecht vor dem, was ihr Sohn ihr da unterbreitete. Des Vaters Wunsch nach einer guten Ausbildung für den Jungen in allen Ehren, aber darunter war doch wohl nicht mehr zu verstehen gewesen, als dass er regelmäßig und die vorgeschriebenen Jahre lang die Volksschule besuchen und möglichst gute Noten erzielen solle, um dann eine anständige Handwerkslehre machen zu können?
Für den nächsten Nachmittag hatte Herr Mäuthis seinen Besuch bei der Mutter ankündigen lassen. Er kam, um ihr Einverständnis zu erbitten, das für das Vorhaben erforderlich sein würde, und sah gleich, dass er hier zuerst einmal starke Vorbehalte und große Ängste würde beschwichtigen müssen. Da mischten sich konkrete Einwände wie die Sorge vor finanzieller Überforderung mit diffusen Befürchtungen angesichts des völlig unbekannten Terrains, das sie, selbst denkbar schlecht ausgerüstet, betreten sollte; sicher auch davor, dass der Sohn ihr entfremdet, ihr abhandenkommen würde.
Ihre materiellen Sorgen entkräftete er, indem er auch ihr die Möglichkeit eines Stipendiums auseinandersetzte. Man werde versuchen, nicht nur einen Freiplatz, wo lediglich kein Schulgeld bezahlt werden müsse, sondern ein volles Stipendium zu erhalten, wo zusätzlich auch eine Extraunterstützung für die weiteren nötigen Ausgaben wie Kleidung, Bücher, Hefte und solche Dinge bezahlt werden. Er habe sich schon einmal umgehört und Kontakte aufgenommen, bevor er das Thema überhaupt zur Sprache brachte, und könne sagen, es gebe mindestens eine Stelle, an der sie gute Aussichten hätten. Da müsse der Junge nur hingehen und sich persönlich vorstellen. Wenn der Gründer und Vorsitzende der Stiftung einen guten Eindruck gewinne, dann könne eigentlich fast nichts mehr passieren. Bei dem Vorgespräch habe der ein großes Interesse an Johannes’ „Fall“ gezeigt und ihm schon recht viel Hoffnung gemacht.
Frau Reiser rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und sah immer noch nicht glücklicher aus. „Aber müssen muss ich nicht, oder, diese Einwilligung geben? Ich könnte auch ‚nein’ sagen, nicht wahr?“
„Mutter!“, protestierte Johannes leise auf scharf eingezogenem Atem und sah sie erschrocken an.
„Ich weiß ja nicht... dann muss er den ganzen Tag nur lernen und lernen, das ist doch auch nichts für ein Kind. Und wer weiß, was alles für seltsame Sachen sie ihm da beibringen wollen...“
„Nein, natürlich sind Sie dazu nicht verpflichtet, sonst hätte es ja auch wenig Sinn, Sie überhaupt zu fragen“, gab Herr Mäuthis zu. „Aber sind Sie denn wirklich sicher, dass Sie ihrem Sohn diese Chance vorenthalten wollen? Ja natürlich, er wird viel arbeiten müssen, besonders am Anfang, damit er aufholt, was die anderen ihm schon voraushaben. Latein wird er ganz von vorne lernen müssen...“ Da machte Johannes große Augen - davon war noch gar nicht die Rede gewesen, und ein wenig verließ ihn bei dem Gedanken schon der Mut - „... aber ich hab ihm auch versprochen, dass ich ihm so viel helfen werde, wie ich kann, um ihm den Einstieg zu erleichtern. Wir werden die Ferien über jeden Tag arbeiten...“ - er sah zu Johannes hinüber und lächelte ihm aufmunternd zu, „Ja, ich weiß, davon habe ich noch gar nichts erzählt. Aber das werden wir auch noch hinkriegen, wenn alles andere klappt, oder?!“
„Aber warum?“, schaltete die Mutter sich wieder ein. „Warum wollen Sie sich so viel Mühe machen? Und warum ausgerechnet mein Junge?“
„Ja, warum?“, erwiderte Herr Mäuthis. „Vielleicht einfach, weil Ihr Sohn mich so sehr an mich selbst erinnert, auf eine Weise. - Das Handwerk meines Vaters hätte ich erlernen und sein kleines Geschäft weiterführen sollen, das wäre mein vorgezeichneter Weg gewesen. Aber da war immer dieser Wunsch, über das hinauszugehen, was sich von selbst verstanden hätte, weiterzukommen, in des Wortes doppelter Bedeutung, diese Neugier auf das, was wohl hinter dem Tellerrand liegen mochte. Und bei Johannes habe ich all das von Anfang an wiedererkannt. Natürlich hatte ich es mit Sicherheit leichter, hatte eine günstigere Ausgangsposition und weniger Hürden zu überwinden. Dafür aber sehe ich auch, dass seine Kräfte größer sind als meine je gewesen wären, und deswegen bin ich davon überzeugt, dass er es schaffen könnte. Und ich bringe das einfach nicht fertig, kann nicht schulterzuckend zusehen, wie da ein junges Leben mit gestutzten Flügeln auf allen Seiten von Mauern umstellt ist, an denen es sich den Schnabel blutig stößt, und wie seine hilflosen Sprünge in die Freiheit sich in dichten, dunklen, staubigen Vorhängen verfangen - lassen Sie uns ihm doch Schwingen bauen für sein Sehnen - sie benutzen und fliegen muss er dann ohnehin selbst!“
Frau Reiser hatte kaum etwas von dem verstanden, was er da alles gesagt hatte, aber sie hatte gesehen, wie er sich in Begeisterung und Leidenschaft redete, und sie hatte Johannes gesehen, der mit leuchtenden Augen zugehört hatte und sie jetzt bittend ansah. Und sie hatte herausgehört, wie viel dieser Mann, für sie eine absolute Respektsperson, von ihrem Jungen hielt, und das war sowieso der sicherste Weg, sie zu gewinnen. Sie seufzte resigniert, „Ach, dass auch dein Vater nicht mehr da ist! Wie soll denn ich bloß wissen, was richtig ist?!“
„Aber der war doch immer so für Schule und Lernen und so, das hast du doch selbst immer erzählt!“
„Ja, schon, aber wer denkt denn gleich an so etwas! Aber wenn dein Lehrer so sehr überzeugt ist, werde ich mich am Ende doch nicht dagegenstellen.“
„Sein Vater wäre einfach stolz auf ihn gewesen“, sagte Herr Mäuthis, „da bin ich mir sicher. Und es kann ja ihm und Ihnen nichts passieren: haben wir Erfolg, und kommt er gut klar, haben alle gewonnen. Geht es schief, macht er dort weiter, wo er jetzt steht.“
Am Ende hatten die vereinten Überredungskünste von Schüler und Lehrer schließlich erreicht, dass letzterer doch noch die von der Mutter unterschriebene Einwilligung zu dem Stipendienantrag und dem Antrag auf Zulassung zum Gymnasium mitnehmen konnte. Am nächsten Tag sollte Johannes dann mit ihm zu dem potentiellen Wohltäter gehen, um, so gut er konnte, selbst für seine Sache zu plädieren.
Nachdem Mäuthis gegangen war, standen Mutter und Sohn einander gegenüber und sahen sich eine ganze Weile lang stumm an. Die eine versuchte, eine aufkommende Panik zu unterdrücken und den Impuls, hinterherzustürzen und das Papier wieder zurückzuverlangen. Der andere war dagegen wie betäubt von dem Lauf, den die Dinge nahmen. Er konnte kaum fassen, dass dies alles wirklich, in der echten wahren Wirklichkeit, mit ihm geschehe, dass es nicht nur ein Traum, ein Spiel sei; solange das noch nicht richtig bei ihm angekommen war, konnte er auch noch keine der zu erwartenden Reaktionen zeigen: Vorfreude, Furcht, Aufregung, alles dies war noch von einer Art Überrumpelungsbenommenheit in Schach gehalten.
„Was hab ich da nur getan?!“ fing die Mutter plötzlich an zu flüstern. „Kann denn das überhaupt gut gehen? ...Sag schon, Hannes, hab ich das Richtige getan?“
„Ja doch, Mutter, ja! Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut, wirst schon sehen!“ Plötzlich fing er an zu lachen. „Pass auf, wenn ich dann ganz reich und ... berühmt bin, dann bau ich dir das schönste Schloss und kauf dir die schönsten Kleider, und du brauchst nie mehr zu rackern und zu schuften und zu sparen, und wir haben immer genug zu essen, und ich bin ein wichtiger Mann, und du bist ganz stolz auf mich...“ Während er so bramarbasierte, kam ihm selbst das alles immer unwahrscheinlicher vor, und er musste wieder und wieder lachen.
Die Mutter sank inzwischen ganz kraftlos auf die Bank und schüttelte den Kopf. „Also, was du dir da alles zusammenphantasierst!“, warf sie dazwischen.
„Na, und wenn schon! Dann wird’s halt kein Schloss, und ich nicht berühmt, ist doch auch egal. Es kann doch aber nichts wirklich Schlimmes passieren. Wovor sollten wir uns denn eigentlich fürchten?“
„Ich weiß auch nicht. Mir wär am liebsten, wenn alles so ist und so bleibt, wie ich’s kenne, alles andere macht mir einfach bange.“
„Und vielleicht kommt es ja am Ende gar nicht dazu. Wenn morgen dieser Vorsitzende, oder was er nun ist, findet, dass ich so ein Stipendium nicht verdiene, dann bleibt ja sowieso alles beim Alten.“
Sie aber sah dem Sohn schon die ersten Flügelspitzen wachsen, sah ihn als zukünftigen „feinen Herrn“ seiner Mutter, „die mal grade eben lesen und schreiben konnte“, in Scham den Rücken kehren und zum Absprung, zum weiten, freien Flug – weg von ihr - ansetzen, was er wiederum unter Protest und hoch und heiligem „großem Ehrenwort!“ weit von sich wies.
So trösteten, ermutigten die beiden sich gegenseitig, eine Art gemeinsames Pfeifen im Dunkeln, bis die Mutter sich seufzend aufraffte, um sich an ihre Arbeit zu machen.
Jetzt hielt es Johannes nicht länger drinnen, und er rannte hinaus auf einen seiner ziellos-unruhigen Streifzüge. Angetrieben von einem übersteigerten, aber ungerichteten Impuls stürmte er durch die Straßen, blind für alles um ihn her, während vor seinem inneren Auge Bild um Bild aufschien. Da sah er sich einer Gruppe geschniegelter Jungen in blitzsauberen Matrosenanzügen gegenüber, die ihn skeptisch, verächtlich, hochmütig von oben bis unten musterten und sich dann kaltschultrig abwandten; sah sich über Büchern voller unentzifferbarer Hieroglyphen schwitzen, verlegen stammelnd, weil er die Lektion nicht verstanden hatte, hörte Hohngelächter um sich und blickte in ein böses, ungeduldiges Lehrergesicht; zum Trost und Mutmachen stellte er sich schnell das Gegenteil vor: eine Lehrerfrage steht im Raum, unwissendes Schweigen der ganzen Klasse, er allein meldet sich, gibt die richtige Antwort, erhält unwillig bewundernde Blicke von den Mitschülern und ein aufmunterndes Lob des Lehrers. Er erinnerte sich wieder der Honoratiorenrunde, deren Gesprächen er damals beim Maskenfest zugehört hatte und an die neidvoll-ehrgeizigen Wünsche, die das bei ihm geweckt hatte. Dabei schien aus der gleichen Erinnerung heraus der vage Eindruck eines seltsam freundlich zusprechenden weißen Maskenlächelns aus unwahrscheinlicher Bläue auf und verstärkte noch das Gefühl der herzklopfenden, hoffnungsfrohen Erregung, das ihn durch die Straßen trieb.



