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Jetzt wurde nicht wieder angehalten als in Lourdes selbst. Noch dreiviertel Stunden, und Lourdes zeigte sich, mit seinem hoffnungsreichen Glanze in die lange und bange Nacht hinausstrahlend. Beim Erwachen bemächtigte sich aller eine heftige Aufregung. Die Leiden begannen von neuem.
Besonders beunruhigte sich Schwester Hyacinthe des fremden Mannes wegen. Er hatte bis jetzt noch gelebt. Sie war bei ihm geblieben, ohne einen Augenblick die Lider zu schließen. Auf den leisesten Atemzug hatte sie aufgepaßt, da es ihr sehnlichster Wunsch war, ihn wenigstens noch lebend nach Lourdes zu bringen.
Plötzlich bekam sie Angst und wandte sich daher an Frau von Jonquière mit den Worten:
»Ich bitte Sie, reichen Sie mir rasch die Flasche mit dem Weinessig herüber ... Ich höre ihn gar nicht mehr atmen.«
In der Tat hatte der Mann seit einem Augenblick sein leises Atmen ganz eingestellt. Seine Augen waren immer fest geschlossen und sein Mund halb geöffnet. Seine Blässe aber hatte nicht zunehmen können. Er war kalt und sein Gesicht von der Farbe der Asche.
»Ich werde ihm die Schläfen reiben«, begann die Schwester von neuem. »Bitte, helfen Sie mir.«
Plötzlich fiel der Mann bei einem heftigen Stoße des Wagens mit dem Gesicht nach vorn.
»O mein Gott! Helfen Sie mir doch, richten Sie ihn doch wieder in die Höhe!«
Man richtete ihn wieder empor. Er war tot. Man mußte ihn in eine Ecke zurücksetzen und seinen Rücken gegen die Scheidewand lehnen. Er blieb sitzen, sein Körper war schon steif geworden, nur der Kopf wackelte noch etwas bei jedem Stoße. Der Zug raste weiter, während die Lokomotive gellende Pfiffe ausstieß, die wie ohrenzerreißende Fanfaren durch die Stille der Nacht hallten.
Eine nicht enden wollende halbe Stunde in Gesellschaft des Toten folgte, und dann war die weite Reise zu Ende. Dicke Tränen waren über die Wangen der Schwester Hyacinthe herabgerollt. Dann hatte sie die Hände gefaltet und zu beten angefangen. Der ganze Wagen zitterte vor Entsetzen über diesen schrecklichen Gefährten, den man zu spät zur Heiligen Jungfrau brachte. Aber die Hoffnung war stärker als der Schrecken, der Jubelgesang ertönte nicht weniger laut bei dem Einzug in das Land des Wunders. Die Kranken stimmten unter Tränen, die ihnen ihre Schmerzen auspreßten, das Ave Maria Stella an. Ihr Schmerzensschrei nahm zu, bis sich die Klagen in Hoffnungsschreie auflösten.
Marie hatte die Hand Pierres wieder zwischen ihre kleinen, fieberheißen Finger genommen.
»O mein Gott! Nun ist der Mann gestorben, und ich fürchtete so sehr, sterben zu müssen, bevor wir das Ziel erreichten ... Aber jetzt sind wir da, jetzt sind wir endlich da!«
Der junge Priester zitterte vor tiefer Ergriffenheit.
»Sie müssen geheilt werden, Marie, und auch ich werde wieder genesen, wenn Sie für mich beten.«
Die Lokomotive ließ einen gellenden Pfiff durch die blaue Finsternis erschallen. Man hatte das Ziel erreicht, die Lichter von Lourdes erglänzten am Horizont, und der ganze Zug sang die Geschichte der Bernadette, ein endloses Klagelied, in dem der englische Gruß als Refrain wiederkehrte, ein Gesang, der den Himmel der Verzückung öffnete.
I
Die Bahnhofsuhr zeigte drei Uhr zwanzig Minuten. Unter dem Schutzdach, das in einer Länge von ungefähr hundert Metern den Bahnsteig bedeckte, kamen und gingen Schatten in geduldiger Erwartung des Zuges. Weit draußen sah man in dem dunklen Gefilde ein rotes Signalfeuer blinken.
Zwei auf und ab wandelnde Männer blieben stehen. Der größere von ihnen, der ehrwürdige Pater Fourcade, Direktor der nationalen Pilgerfahrt, der schon am vorhergehenden Tage eingetroffen war, war ein Mann von sechzig Jahren. Sein schöner Kopf mit klaren, gebieterischen Augen und einem dichten, ergrauten Barte glich dem eines Feldherrn, aus dem das Siegesbewußtsein spricht. Er schleppte das eine Bein etwas nach, da er an der Gicht litt, und stützte sich auf die Schulter seines Begleiters, des Doktor Bonamy, der als Arzt bei dem Büro zur Feststellung der Wunder angestellt war, eines untersetzten, stämmigen Mannes mit einem breiten, rasierten Gesicht und ruhigen, etwas groben Zügen.
Pater Fourcade hatte den Bahnhofsvorstand, der mit raschen Schritten aus seinem Büro herausgetreten war, gefragt:
»Hat der weiße Zug viel Verspätung?«
»Nein, ehrwürdiger Vater, höchstens zehn Minuten. Er wird in einer halben Stunde hier sein ... Was mich aber beunruhigt, das ist der von Bayonne kommende Eilzug, der schon durchgefahren sein müßte.«
Er eilte fort, um einen Befehl zu erteilen. Dann kam er wieder zurück, ganz abgehetzt von der Aufregung, die ihn zur Zeit der Pilgerfahrten am Tage und bei der Nacht auf den Beinen hielt. Heute erwartete er, abgesehen von seinem gewöhnlichen Dienste, achtzehn Züge mit mehr als fünfzehntausend Reisenden. Die zuerst von Paris abgefahrenen Züge, der graue und der blaue, waren zur vorschriftsmäßigen Stunde eingetroffen. Die Verspätung des weißen Zuges war um so unangenehmer, als auch der Expreßzug aus Bayonne noch nicht angemeldet war. Man begriff die Aufregung, in der das Bahnpersonal lebte.
»Zehn Minuten also?« wiederholte Pater Fourcade.
»Ja, zehn Minuten, wenn wir nicht genötigt sind, die Strecke zu sperren«, rief der Bahnhofsvorstand, der nach dem Telegraphenbüro eilte.
Der Mönch und der Arzt nahmen ihren Spaziergang wieder auf. Sie waren mit Recht erstaunt, daß sich noch niemals ein ernster Unglücksfall bei diesem Durcheinander ereignet hatte, besonders in den letzten Jahren, in denen eine unglaubliche Unordnung herrschte. Der Pater erinnerte sich an die erste Pilgerfahrt, die er im Jahre 1875 geleitet hatte, an die schreckliche, endlose Fahrt ohne Kopfkissen, ohne Matratzen, mit halbtoten Kranken, bei denen man gar nicht wußte, wie man sie ins Leben zurückrufen sollte. Und vollends die Ankunft in Lourdes! Nicht das geringste Transportmaterial war hergerichtet, weder Tragbahren, noch Wagen. Heute war alles auf das beste geordnet, ein Hospital erwartete die Kranken, die man nicht mehr in Wagenschuppen auf Stroh zu legen brauchte. Welche Qual war das damals für jene Unglücklichen! Welche Willenskraft mußte der Mann besitzen, der sie dem Wunder zuführte! Der Pater lächelte sanft bei dem Gedanken an das Werk, das er vollbracht hatte.
Er fragte jetzt den Arzt, auf dessen Arm er sich stützte:
»Wie viele Pilger haben Sie denn im letzten Jahre gehabt?«
»Ungefähr zweimalhunderttausend. Das ist seither die Durchschnittssumme gewesen. Im Jahre der Krönung der Jungfrau stieg die Zahl auf fünfmalhunderttausend. Das war natürlich ein Ausnahmefall, der sicherlich beträchtlicher Anstrengungen der Propaganda bedurft hat. Selbstverständlich wird sich eine solche Menschenmenge nicht so leicht wieder hier zusammenfinden.«
Eine kurze Pause entstand, dann murmelte der Pater:
»Ohne Zweifel ... Das Werk ist gesegnet, es gedeiht von Tag zu Tag. Wir haben mehr als zweimalhunderttausend Frank Almosen für die Reise zusammengebracht. Gott wird mit uns sein, und ich bin überzeugt, wir werden morgen zahlreiche Heilungen zu konstatieren haben.«
Dann unterbrach er sich und fuhr nach einer Weile fort:
»Ist der Pater Dargelès nicht gekommen?«
Doktor Bonamy machte eine Bewegung mit der Hand, die besagen sollte, daß er es nicht wüßte. Der Pater Dargelès war mit der Redaktion des »Journal de la Grotte« betraut. Er gehörte dem Orden der Väter von der Unbefleckten Empfängnis an, die vom Bischof in Lourdes angesiedelt und dort unumschränkte Herren waren. Wenn aber die Väter von Mariä Himmelfahrt den nationalen Pilgerzug aus Paris hergebracht hatten, dem sich die Gläubigen aus den Städten Cambrai, Arras, Chartres, Troyes, Reims, Sens, Orleans, Blois und Poitiers anschlossen, hatte es den Anschein, als ob sie vollständig verschwunden wären. Man merkte ihre Allmacht weder in der Grotte noch in der Basilika. Sie schienen mit der Ablieferung aller Schlüssel auch jede Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. Allein wenn auch die Väter von der Unbefleckten Empfängnis verschwunden waren, so spürte man sie trotzdem wie die verborgene und höchste Kraft, die ohne Ermüdung an dem siegreichen Gedeihen des Hauses arbeitet. Sie machten sich nützlich bis zur eigenen Erniedrigung.
»Es ist wahr«, begann Pater Fourcade von neuem das Gespräch in einem heiteren Tone; »es ist wahr, man muß bei guter Zeit aufstehen, schon um zwei Uhr morgens ... Aber ich wollte doch da sein. Was würden denn sonst meine armen Kinder gesagt haben?«
»Drei Uhr fünfundzwanzig, noch fünfundzwanzig Minuten«, sagte Doktor Bonamy, der nach der Uhr sah und ein Gähnen unterdrückte und trotz seiner unterwürfigen Haltung im Grunde doch verdrießlich darüber war, daß er sein Bett zu so früher Morgenstunde hatte verlassen müssen.
Müßige Leute, in Gruppen geteilt, Geistliche, Herren in Überröcken und ein Dragoner offizier kamen und gingen auf dem matt erleuchteten Bahnsteig auf und ab. Andere saßen auf Bänken und plauderten oder schauten mit erwartungsvollen Blicken in die finstere Landschaft. Die hellerleuchteten Wartesäle öffneten ihre Pforten. Die Lichter in dem Restaurationszimmer wurden angezündet. Man bemerkte Marmortische und das mit Brot und Fruchtkörben, mit Flaschen und Gläsern beladene Büfett.
Am rechten Ende des Schutzdaches herrschte ein gewaltiges Durcheinander. Dort befand sich ein Tor für die Wagen, mit denen man die Kranken, wegschaffte. Eine Unmenge von Tragbahren und kleinen Wagen, ein Berg von Kissen und Matratzen versperrte den Bahnsteig. Drei Abteilungen von Sänftenträgern waren da, Männer aus allen Klassen, besonders junge Leute aus den besseren Ständen. Alle trugen auf ihren Röcken das rote, orangefarbengeränderte Kreuz. Die einen rauchten, während die anderen es sich in ihren kleinen Wagen bequem gemacht hatten und schliefen oder bei dem Lichte einer der Gasflammen eine Zeitung lasen.
Plötzlich grüßten die Sänftenträger. Ein Mann von väterlichem Aussehen, mit schneeweißen Haaren, einem guten, dicken Gesicht und großen, gläubigen Kinderaugen erschien. Es war der Baron Suire, Besitzer eines der größten Vermögen und großer Liegenschaften in Toulon, der Präsident der Hospitalität NotreDame de Salut.
»Wo ist Berthaud?« fragte er jeden mit geschäftiger Miene. »Wo ist Berthaud? Ich muß mit ihm sprechen.«
Jeder antwortete, und jeder gab einen andern Bescheid. Berthaud war der Direktor der Sänftenträger. Die einen hatten den Direktor soeben mit dem ehrwürdigen Pater Fourcade gesehen, die anderen behaupteten, er wäre auf dem Bahnhofsplatze und besichtige die Krankenwagen.
»Wenn der Herr Präsident wünscht, daß wir den Herrn Direktor holen sollen ...«
»Nein, nein, ich danke! Ich werde ihn wohl selbst finden.«
Während dieser Zeit saß Berthaud auf einer Bank am andern Ende des Bahnhofs und plauderte in Erwartung der Ankunft des Zuges mit einem jungen Freunde, Gérard de Peyrelongue. Er war ein Mann von vierzig Jahren mit schöner, großer und ebenmäßig gebauter Gestalt, der aus Liebhaberei ein Amt übernommen hatte. Einer streitbaren legitimistischen Familie angehörend und selbst von sehr reaktionärer Gesinnung, war er Staatsanwalt der Republik in einer Stadt des Südens, bis er am Tage nach der Veröffentlichung der Dekrete gegen die geistlichen Orden sich gewissermaßen selbst entlassen hatte durch einen aufsehenerregenden, beleidigenden Brief an den Justizminister. Er hatte die Waffen aber nicht aus der Hand gelegt, sondern war wie zum Protest der Hospitalität Notre Dame de Salut beigetreten und kam jedes Jahr nach Lourdes, überzeugt, daß die Wallfahrten der Republik unangenehm und schädlich wären, und daß Gott allein die Monarchie wieder herstellen konnte durch eines der Wunder, mit denen er in der Grotte so freigebig war. Im übrigen war er ein sehr vernünftiger Mann, er lachte gern und bewies eine liebenswürdige Barmherzigkeit für die armen Kranken, für deren Transport er während der drei Tage der nationalen Wallfahrt zu sorgen hatte.
»Also für dieses Jahr steht deine Heirat fest, mein lieber Gérard?« fragte er den jungen Mann, der neben ihm saß.
»Ohne Zweifel, wenn ich die Frau finde, die ich brauche«, antwortete dieser. »Vorwärts, Vetter! Gib mir einen guten Rat!«
Gérard de Peyrelongue, ein kleiner, magerer Mann mit rötlichbrauner Gesichtsfarbe, kräftig ausgebildeter Nase und stark hervorstehenden Backenknochen, stammte aus Tarbes, wo sein Vater und seine Mutter vor kurzem gestorben waren und ihm eine Rente von mehr als achttausend Frank hinterlassen hatten. Von starkem Ehrgeiz beseelt, hatte er in seiner Provinz die Frau nicht finden können, die er wollte, eine Frau aus einer vornehmen Familie, durch deren Verwandte er hoch steigen und es weit bringen würde. Auch er war der Hospitalität NotreDame de Salut beigetreten und begab sich ebenfalls jedes Jahr nach Lourdes in der unbestimmten Hoffnung, daß er dort unter der Menge der Gläubigen die Familie finden würde, deren er bedurfte, um seinen Weg in dieser Welt hienieden zu machen. Aber obgleich ihm schon mehrere junge Mädchen zu Gesicht gekommen waren, hatte doch noch keine ihn vollständig befriedigt.
»Nicht wahr, du wirst mir einen guten Rat geben ... Da ist zuerst Fräulein Lemercier, die mit ihrer Tante hierherkommt. Sie ist sehr reich, man spricht von mehr als einer Million. Aber sie stammt nicht aus unseren Kreisen, und ich halte sie für einen argen Tollkopf.«
Berthaud hob den Kopf.
»Ich habe dir schon gesagt, ich, für meine Person, ich würde Fräulein von Jonquière nehmen, die kleine Raymonde.«
»Aber sie hat ja keinen Sou.«
»Das ist wahr, kaum so viel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber ihre Person allein genügt schon vollständig. Sie ist vortrefflich erzogen und hat keine Neigung zum Verschwenden. Das ist ausschlaggebend, denn was hat es für einen Zweck, eine Reiche zu nehmen, wenn sie alles verbraucht, was sie dir mitbringt? Und dann, siehst du, kenne ich diese Damen gut, denn ich treffe sie während des Winters in den Salons von Paris. Du darfst schließlich auch den Onkel nicht vergessen, den Diplomaten, der den traurigen Mut gehabt hat, im Dienste der Republik zu bleiben, und der aus dem Neffen machen kann, was er will.«
Einen Augenblick war Gérard in seinem Entschlusse wankend geworden.
»Nicht einen Sou! Nicht einen Sou! Nein! Das ist zu arg ... Ich will es mir lieber noch überlegen, ich habe wirklich zu große Angst!«
Diesmal fing Berthaud laut zu lachen an.
»Aha, du bist ehrgeizig, da muß man allerdings ein guter Rechner sein. Ich sage dir, du hast ein Gesandtschaftssekretariat, ehe zwei Jahre vergehen ... Die Damen befinden sich übrigens in dem weißen Zuge, den wir erwarten. Entscheide dich also, mache ihr den Hof!«
»Nein, nein ... Später! Ich will es mir erst noch einmal überlegen.«
In diesem Augenblicke wurden sie unterbrochen. Baron Suire, der schon zweimal an ihnen vorübergegangen war, ohne sie zu bemerken, hatte soeben das Kinderlachen des ehemaligen Staatsanwalts der Republik erkannt. Sofort erteilte er ihm mit unglaublicher Zungenfertigkeit verschiedene Befehle, wobei er heftig beklagte, daß man die Kranken nicht gleich nach der Ankunft in die Grotte bringen konnte wegen der frühen Morgenstunde.
Während der Baron und der Vorstand der Krankenträger die zu ergreifenden Maßregeln besprachen, drückte Gérard einem Priester die Hand, der sich neben ihm niedergelassen hatte. Der kaum achtunddreißigjährige Abbé des Hermoises war ein eleganter Weltgeistlicher, ein sorgfältig frisierter und parfümierter, sehr liebenswürdiger und sehr vornehmer Liebling der Frauen. Er kam wie viele nur zum Vergnügen nach Lourdes. Aus seinen Augen leuchtete ein lebhafter Verstand, und seine Lippen umspielte das Lächeln eines Skeptikers, der über allen Götzendienst erhaben ist.
»Nun«, fragte er Gérard, »macht dieses Warten in der Nacht nicht einen tiefen Eindruck? Ich bin einer Dame wegen hier, einer meiner ehemaligen Beichtkinder in Paris. Ich weiß zwar nicht genau, mit welchem Zuge sie kommt, aber ich bleibe doch, so lebhaft interessiert mich das Ganze.«
Ein anderer Geistlicher, ein alter Landpfarrer, mischte sich in das Gespräch und sprach in freundlichem Tone von der Schönheit der Gegend von Lourdes. Es sei wie in einem Theater, wenn die Berge beim Aufgang der Sonne sichtbar würden, wie es gerade jetzt der Fall war.
Plötzlich geriet alles in Aufregung. Der Bahnhofsvorstand erteilte mit lauter Stimme Befehle. Der Pater Fourcade ließ den Arm des Doktors Bonamy los und trat hinzu.
»Ach, es ist wegen des Eilzugs von Bayonne, der Verspätung hat«, antwortete der Vorstand auf alle an ihn gerichteten Fragen. »Die Sache beunruhigt mich.«
In diesem Augenblick ertönte das Läutewerk von neuem, ein Bahnbediensteter eilte, eine Laterne schwingend, in die Finsternis hinaus, während in der Ferne ein Signallicht erschien.
»Ah! Diesmal ist es der weiße Zug!« rief der Stationsvorsteher. »Hoffentlich haben wir noch genügend Zeit, unsere Kranken auszuladen, bevor der Expreßzug einläuft.«
Er eilte weiter und verschwand. Berthaud rief Gérard zu sich, der eine Abteilung von Krankenträgern leitete. Sie beeilten sich, zu ihren Leuten zu kommen, bei denen sie den Baron Suire schon in voller Tätigkeit fanden. Die Krankenträger strömten von allen Seiten herbei und machten sich an ihre Arbeit. Sie zogen ihre kleinen Wagen bis an die Haltestelle des weißen Zuges, einem unbedeckten Teil des Bahnsteiges, der in tiefer Finsternis lag. Bald befand sich dort ein Lager von Kissen, Matratzen und Tragbahren, die alle auf die Kranken warteten, während Pater Fourcade, Doktor Bonamy und die anderen Geistlichen und Herren, sowie der Dragoneroffizier die Geleise überschritten, um bei der Ausladung behilflich zu sein. Noch sah man nur in weiter Ferne die Lokomotive, die einem roten, immer größer werdenden Sterne glich. Pfiffe gellten durch die Nacht. Dann schwiegen sie plötzlich, und es war nur noch das Schnauben der Lokomotive und das Rollen der Räder zu vernehmen, das allmählich immer langsamer wurde. Man hörte den Gesang, das Klagelied der Bernadette, das der ganze Zug sang, mit den Aves am Schlusse eines jeden Verses. So fuhr denn dieser Leidens und Glaubenszug, dieser klagende und singende Zug in Lourdes ein und hielt.
Sofort wurden die Türen geöffnet, und die Pilger und die Kranken, die gehen konnten, strömten heraus und überfluteten den Bahnsteig. Die wenigen Gaslaternen beleuchteten spärlich diese armseligen Menschen in den fragwürdigen Kleidern, beladen mit allen möglichen Gepäckstücken, mit Körben, mit Mantelsäcken und Holzschachteln. Aus der aufgeregten Menschenmenge heraus, die nicht wußte, nach welcher Seite sie sich wenden sollte, ertönte wirres Geschrei, Rufe wurden laut von Leuten, die sich verloren hatten und einander suchten, während an einer andern Stelle Freunde und Verwandte sich begrüßten und umarmten. Eine Frau erklärte mit einem Blicke seliger Befriedigung: »Ich habe gut geschlafen.« Ein Kurat ging mit einem Mantelsack von dannen, einer verwachsenen Dame »Guten Erfolg!« zurufend. Die meisten machten ein betroffenes, verschlafenes und zugleich freudiges Gesicht, wie Leute, die ein Vergnügungszug auf einem unbekannten Bahnhof absetzt. Das Gedränge wurde schließlich so arg und die Verwirrung nahm bei der Finsternis derart zu, daß die Reisenden die Beamten nicht mehr verstanden, die mit lauter Stimme: »Hierher! Hierher!« riefen, um die Räumung des Bahnsteigs zu beschleunigen.
Schwester Hyacinthe war flink aus dem Wagen gestiegen, indem sie den Verstorbenen unter dem Schutze der Schwester Claire des Anges zurückließ. Sie hatte etwas den Kopf verloren und eilte nach dem Kantinenwagen, von dem Gedanken beseelt, Ferrand würde ihr helfen. Glücklicherweise traf sie dort den Pater Fourcade, dem sie den Vorfall erzählte. Er vermied es, durch irgendein Zeichen seinen Verdruß darüber kundwerden zu lassen und rief den Baron Suire herbei, der vorüberging. Einige Sekunden flüsterten sie miteinander. Dann eilte der Baron hinweg und brach sich mit zwei Krankenträgern, die eine Bahre trugen, durch die Menschenmenge einen Weg. Der Tote wurde hinweggetragen wie ein Kranker, der die Besinnung verloren hat, ohne daß die Menge der Pilger sich weiter um ihn gekümmert hätte. Die beiden Krankenträger, denen der Baron vorausschritt, setzten ihn in dem Gepäckraum hinter Fässern nieder. Der eine von ihnen, Sohn eines Generals, blieb bei dem Leichnam als Wache.
Schwester Hyacinthe war inzwischen in den Wagen zurückgeeilt, nachdem sie die Schwester SaintFrançois und Ferrand gebeten hatte, auf dem Bahnhofsplatze bei dem reservierten Wagen zu warten, der sie zusammen nach dem Hospital NotreDame des Douleurs bringen sollte. Als sie sagte, daß sie noch ihren Kranken beim Aussteigen behilflich sein möchte, wollte Marie nicht zugeben, daß sie sich mit ihr befaßte.
»Nein, nein! Sie brauchen sich meiner nicht anzunehmen, liebe Schwester, ich will bis zuletzt hierbleiben ... Mein Vater und der Abbé Froment holen die Räder im Gepäckwagen. Ich warte hier ruhig, bis sie wiederkommen. Sie wissen ganz genau, wie alles gemacht wird, und werden mich dann wegführen. Sie brauchen sich also meinetwegen keine Sorge zu machen.«
Auch Herr Sabathier und der Bruder Isidor wünschten nicht eher fortgebracht zu werden, als bis sich die Menge etwas verlaufen hätte. Frau von Jonquière, die sich der Grivotte angenommen hatte, versprach dafür Sorge zu tragen, daß Frau Vêtu in einem Ambulanzwagen fortgeschafft würde. Schwester Hyacinthe entschloß sich, sofort aufzubrechen, um alles im Hospital vorzubereiten. Sie nahm auch die kleine Sophie Couteau mit und Elise Rouquet, der sie das Gesicht sorgfältig verhüllte. Vor ihnen ging noch Frau Maze fort, während Frau Vincent sich in der Menge durchkämpfte, nur von dem einen Gedanken beseelt, ihre Tochter, die totenbleich und bewußtlos auf ihrem Arme ruhte, so schnell als möglich in die Grotte zu bringen und dort zu Füßen der Heiligen Jungfrau niederzulegen. Auf dem viereckigen Platze, der an drei Seiten von niedrigen Bahngebäuden eingeschlossen ist, herrschte fürchterliches Durcheinander von Fahrzeugen aller Art. Die Hotelomnibusse trugen auf großen Schildern den heiligsten Namen, die von Maria und Jesus, vom heiligen Michael, vom Rosenkranz und vom heiligen Herzen. Dann folgte eine Menge von Ambulanzwagen und Landauern, Kabrioletts, Möbelwagen und kleinen Eselkarren, deren Kutscher schrien, fluchten und mit den Peitschen knallten. Es war ein Tumult, der durch die Dunkelheit, die die Laternen mit ihrem flackernden Licht zu durchdringen versuchten, nur noch vergrößert wurde. Der Gewittersturm hatte einen Teil der Nacht hindurch gewütet, die Fußgänger wateten bis an die Knöchel im Schmutze. Herr Vigneron, dem seine Gattin und Frau Claire in liebevoller Besorgnis folgten, trug seinen Sohn Gustave und dessen Krücke in den Omnibus des Hotels des Apparitions, in den auch er und seine Damen sich setzten. Frau Maze gab ängstlich dem Kutscher eines alten Coupés ein Zeichen, stieg ein und verschwand. Schwester Hyacinthe endlich konnte mit Elise Rouquet und Sophie Couteau in einem geräumigen Wagen Platz finden, in dem sich Ferrand und die Schwestern SaintFrancois und Ciaire des Anges niedergelassen hatten.
Beim Anblick der Menschenmenge trug Frau Vincent Bedenken, mit der teuren Last in ihren Armen weiterzugehen. Als sich der Bahnhof etwas leerte, wagte sie es. Wie schrecklich wäre es gewesen, wenn sie in diesen Pfützen, in diesem Stockdunkel mit dem Kinde zu Fall gekommen wäre! Als sie die Straße erreichte, bemerkte sie dort Gruppen von Frauen aus der Gegend, die den Fremden Wohnungen mit oder ohne Beköstigung, je nach ihrem Geldbeutel, anboten.
»Liebe Frau«, fragte sie ein altes Weib, »welches ist der Weg zu der Grotte, bitte?«
Die Frau gab ihr keine Antwort, sondern bot ihr nur ein Zimmer an.
»Alles ist besetzt; Sie werden nichts mehr in den Hotels finden ... Vielleicht werden Sie noch etwas zu essen bekommen, aber sicherlich nicht das kleinste Loch zum Schlafen.«
Essen, schlafen, oh, mein Gott! Wie durfte Frau Vincent daran denken mit dreißig Sous in der Tasche.
»Liebe Frau, bitte, welches ist der Weg nach der Grotte?«
Unter den Frauen, die an der Straße warteten, befand sich auch ein großes und starkes Mädchen in sauberer Kleidung, mit sehr einnehmendem Gesicht und gepflegten Händen. Sie zuckte mit den Schultern. Als ein Priester vorüberging mit breiter Brust und gesundheitstrotzendem Gesichte, stürzte sie auf ihn zu und bot ihm ein möbliertes Zimmer an. Unablässig folgte sie ihm, indem sie ihm fortwährend in die Ohren zischelte.




