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»Gehen Sie diesen Weg hinunter«, sagte schließlich ein anderes Mädchen, das mit der armen Frau Vincent Mitleid fühlte, »dann wenden Sie sich nach rechts und kommen so zu der Grotte.«
Auf dem Bahnsteig dauerte das Gedränge fort. Nachdem die gesunden Pilger und die Kranken, die gehen konnten, den Bahnsteig geräumt hatten, befanden sich die Schwerkranken noch dort, deren Transport viel Mühe verursachte.
Berthaud, der gefolgt von Gérard, lebhaft gestikulierend vorüberging, bemerkte in der Nähe einer Gaslaterne zwei Damen und ein junges Mädchen, die zu warten schienen. Er erkannte sofort Raymonde und hielt seinen Begleiter mit einer lebhaften Handbewegung zurück.
»Ah, mein gnädiges Fräulein! Wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen! Ihre Frau Mama befindet sich doch wohl, und Sie haben eine angenehme Fahrt gehabt, nicht wahr?«
Dann fügte er, ohne zu warten, hinzu:
»Mein Freund, Herr Gérard de Peyrelongue.«
Raymonde sah den jungen Mann mit ihren hellen Augen fest an.
»Oh, ich habe das Vergnügen, den Herrn zu kennen. Wir sind bereits früher in Lourdes zusammengetroffen.«
Gérard, der fand, daß sein Vetter Berthaud sehr eigenmächtig verfuhr, begnügte sich, eine sehr höfliche Verbeugung zu machen.
»Wir erwarten Mama«, nahm das junge Mädchen wieder das Wort. »Sie ist sehr beschäftigt, da sie sehr schwere Kranke hat.«
Die kleine Frau Desagneaux mit ihrem reizenden Kopfe und ihrem wirren blonden Haar erhob Einspruch und sagte, es geschähe der Frau von Jonquière ganz recht, da sie die ihr angebotenen Dienste zurückgewiesen hätte. Sie brannte vor Begierde, sich nützlich zu machen, während Frau Yolmar sich bescheiden und still im Hintergrunde hielt und nicht das geringste Interesse zeigte. Sie suchte nur mit ihren Augen, in denen ein Vulkan glühte, die Finsternis zu durchdringen, als ob sie jemand erwartete.
In diesem Augenblicke entstand ein großer Auflauf. Man trug Frau Dieulafay aus ihrer Wagenabteilung erster Klasse, und Frau Desagneaux konnte einen mitleidigen Klageruf nicht unterdrücken.
»Ach! Die arme Frau!«
Es war herzzerreißend, diese junge Frau zu sehen, wie sie in ihren Spitzengewändern in einem Sarge lag, in solch jämmerlichem Zustande, daß sie ein Stück Nichts zu sein schien. Sie wartete auf dem Bahnsteig, bis man sie forttragen würde. Ihr Gatte und ihre Schwester blieben bei ihr, beide sehr elegant und sehr traurig, während ein Diener und eine Kammerfrau mit den Gepäckstücken forteilten, um sich zu versichern; ob der Wagen, den man bestellt hatte, auch wirklich im Hofe hielt. Auch der Abbé Judaine stand bei der Kranken, und als zwei Männer sie emporhoben, beugte er sich zu ihr nieder, nahm von ihr Abschied und sagte ihr noch einige freundlich tröstende Worte, die sie aber nicht zu verstehen schien. Als er sah, wie man sie forttrug, fügte er, zu Berthaud gewendet, hinzu:
»Die armen Leute! Wenn sie doch nur die Heilung kaufen könnten! Ich habe ihnen aber gesagt, daß bei der Heiligen Jungfrau das Gebet für das kostbarste Gold gelte. Ich bin der festen Hoffnung, auch selbst genug gebetet zu haben, um den Himmel zu rühren ... Sie bringen aber trotzdem ein großartiges Geschenk mit, eine goldene Laterne für die Basilika, ein wahres Wunderwerk, mit wertvollen Steinen besetzt ... Möge sie die unbefleckte Maria eines Lächelns würdigen!«
Da kam Frau von Jonquière. Als sie Berthaud und Gérard bemerkte, rief sie: »Ich bitte Sie dringend, meine Herren, gehen Sie schleunigst zu dem Wagen, der dort ganz in der Nähe hält. Man hat dort Männer nötig, denn man muß drei oder vier Kranke herausholen ... ich bin ganz verzweifelt, ich kann nicht mehr.«
Gérard eilte sofort hinweg, nachdem er Raymonde gegrüßt hatte, während Berthaud der Frau von Jonquière den guten Rat erteilte, mit ihrer Tochter und den beiden anderen Damen sofort wegzufahren und nicht länger auf dem Bahnsteig zu bleiben. Er versicherte, daß man sie durchaus nicht mehr nötig hätte, daß er alles übernehmen wolle, und daß sie, noch bevor drei Viertelstunden vergangen wären, ihre Kranken im Hospital in dem ihrer Obhut anvertrauten Saale finden würde. Sie gab nach und nahm zusammen mit Raymonde und der Frau Desagneaux Abschied. Im letzten Augenblick war Frau Volmar verschwunden. Man glaubte gesehen zu haben, wie sie an einen unbekannten Herrn herangetreten war, ohne Zweifel, um ihn über etwas um Auskunft zu bitten. Man würde sie ja wohl im Hospital wiederfinden.
Vor dem Wagen traf Berthaud mit Gérard zusammen, als dieser mit Hilfe zweier anderen Kameraden sich abmühte, Herrn Sabathier aus dem Wagen zu helfen. Das war ein hartes Geschäft. Denn er war sehr dick, sehr schwer, und man glaubte, er würde kaum durch die Tür zu bringen sein. Zwei Träger mußten bei der andern Tür einsteigen und nachhelfen. So gelang es endlich, ihn auf den Bahnsteig zu bringen. Die ohnmächtig gewordene Grivotte lag schon auf einer Matratze. Man wartete für sie auf eine Tragbahre, während man die von einem heftigen Anfall ergriffene Frau Vêtu an einer Gaslaterne hatte niedersetzen müssen. Sie litt derart, daß man sie kaum zu berühren wagte. Pfleger mit Handschuhen an den Händen rollten unter allerlei Schwierigkeiten ihre kleinen Wagen weg. Wieder andere konnten mit ihren Tragbahren, auf denen starre Leiber sich streckten, kaum von der Stelle kommen, sich kaum einen Weg bahnen, indessen einige Kranke es versuchten, sich durchzuwinden, so ein junger, hinkender Priester und ein kleiner Knabe mit Krücken, buckelig und mit einem amputierten Bein, der sich, einem Gnom ähnlich, hinschleppte. Um einen Mann herum hatte sich eine Gruppe gebildet. Eine Lähmung hatte ihn derart verkrüppelt, daß man ihn, die Füße und den Kopf nach unten, auf einem umgekehrten Tragsessel transportieren mußte.
Der Wirrwarr erreichte seinen Höhepunkt, als der Bahnvorstand herbeistürzte und rief:
»Der Expreßzug von Bayonne ist angemeldet. Beeilen wir uns! Beeilen wir uns! Ihr habt nur noch drei Minuten Zeit!«
Der Pater Fourcade blieb am Arm des Doktors Bonamy im Gewühl und sprach den Kranken mit freundlicher Miene Mut zu. Mit einer Gebärde rief er Berthaud heran und sagte zu ihm:
»Lasset sie zuerst alle aussteigen. Ihr könnt sie hernach forttragen.«
Der Rat war voll Klugheit. Man brachte die Ausladung auf den Bahnsteig zu Ende. Im Wagen befand sich nur noch Marie, die geduldig wartete. Endlich erschienen Herr von Guersaint und Pierre mit den Rädern. Pierre half dem jungen Mädchen, von Gérard unterstützt, in Eile heraus. Sie hatte die Leichtigkeit eines armen frierenden Vogels. Die Männer legten ihre Trage auf die Räderpaare und befestigten diese mit Bolzen. Pierre hätte sodann Marie wegführen, sie augenblicklich fortrollen können, wenn ihn nicht die Menge, die den Weg versperrte, daran gehindert hätte.
»Beeilen wir uns! Beeilen wir uns!« wiederholte der Bahnhofsvorstand.
Er half selbst mit, hielt dort die Füße eines Kranken, damit man ihn schneller aus der Wagenabteilung zöge. Er stieß die kleinen Wagen fort und räumte den Rand des Bahnsteigs von Menschen. Allein in einem Wagen der zweiten Klasse wurde eine Frau von einer heftigen Nervenkrise befallen. Sie heulte, schlug mit Händen und Füßen um sich. Man durfte nicht daran denken, sie anzufassen. Dabei war jeden Augenblick die Ankunft des Expreßzuges zu erwarten. Man mußte die Tür wieder schließen und den Zug auf ein Nebengeleise führen, wo er stehenbleiben und drei Tage lang warten sollte, bis er seine Ladung von Pilgern und Kranken wieder aufnahm. Während sich der Zug entfernte, hörte man die Schreie der Unglücklichen, die mit einer Ordensschwester hatten drin bleiben müssen, Schreie, die immer schwächer wurden, wie die Schreie eines kraftlosen Kindes, das man endlich beschwichtigt!
»Guter Gott!« murmelte der Stationsvorstand, »das war höchste Zeit!«
In der Tat lief der Expreßzug von Bayonne ein und fuhr mit Blitzesschnelle an diesem jammervollen Bahnsteig vorüber, auf dem das Elend eines in allgemeiner Verwirrung begriffenen Spitals sich ausbreitete.
Nach und nach wurde es heller, ein lichtes Morgenrot färbte den Himmel, dessen Widerschein die dunkle Erde erleuchtete. Man fing an, die Leute und Dinge zu unterscheiden.
»Nein, nicht jetzt!« sagte Marie zu Pierre. »Wir wollen warten, bis die Flut sich ein wenig verlaufen hat.«
Ein ungefähr sechzig Jahre alter Mann von militärischem Aussehen, der unter den Kranken herumschlenderte, fesselte seine Aufmerksamkeit. Mit seinem viereckigen Kopf und den weißen, bürstenähnlich geschnittenen Haaren würde er noch rüstig ausgesehen haben, wenn er nicht den linken Fuß nachgezogen hätte. Mit der Hand stützte er sich fest auf einen dicken Rohrstock.
Herr Sabathier, der seit sechs Jahren hierherkam, bemerkte ihn und rief lebhaft:
»Ah! Sie sind es, Herr Hauptmann!«
Vielleicht hieß er Hauptmann. Vielleicht hatte er auch nur diesen Titel wegen seiner Ordensauszeichnung. Er war dekoriert und trug ein breites rotes Band. Niemand kannte seine Geschichte. Er befand sich schon seit drei Jahren auf dem Bahnhof, mit der Überwachung der Warenräume beauftragt. Es war eine einfache Beschäftigung, die man ihm aus Mitleid gegeben hatte und die ihm erlaubte, vollständig glücklich zu leben. Mit fünfundfünfzig Jahren traf ihn zum erstenmal ein Schlagfluß, der ihm eine kleine Lähmung der linken Seite zurückgelassen hatte. Ganz Lourdes kannte ihn wegen seiner fixen Idee, mit schleppendem Fuß und auf sein Rohr sich stützend, zu jedem einfahrenden Zug zu gehen, sich dort zu verwundern und den Kranken Vorwürfe zu machen wegen des Verlangens, das sie erfüllte, geheilt zu werden.
Seit drei Jahren sah er Herrn Sabathier. Auf diesen fiel sein Zorn.
»Wie! Sie sind schon wieder da? Sie halten also viel darauf, dieses abscheuliche Leben weiter zu leben? Aber, zum Teufel! Sterben Sie doch ruhig daheim, in Ihrem Bett! Ist das nicht das Beste auf der Welt?«
Herr Sabathier lachte, ohne ungehalten zu werden.
»Nein, nein«, sagte er, »ich will lieber gesund werden!«
»Gesund werden – gesund werden, das verlangen alle! Hunderte von Meilen zurücklegen, heulend vor Schmerz ankommen, und das, um zu genesen, um alle Pein, alle Leiden von vorne wieder durchzumachen und dann weiter zu tragen ... Ach, mein Herr! Sie in Ihrem Alter, mit Ihrem verwüsteten Körper, Sie wären schön angeführt, wenn Ihre Heilige Jungfrau Ihnen die Beine wiedergäbe! Mein Gott, was wollten Sie denn damit machen? Welche Freude hätten Sie denn daran, die Abscheulichkeit des Greisenalters um ein paar Jahre zu verlängern? Wohlan! Sterben Sie doch sofort, da Sie einmal so weit sind. Das ist das einzige Glück!«
Während Herr Sabathier gutwillig die Achseln zuckte, gleichsam als hätte er's mit einem Kinde zu tun gehabt, blieb der Abbé Judaine auf dem Bahnsteig stehen, um den Hauptmann, den auch er gut kannte, freundschaftlich auszuschelten.
»Lästern Sie nicht, mein lieber Freund«, sagte er; »auf das Leben verzichten und die Gesundheit nicht lieben, heißt Gott beleidigen. Sie selbst, wenn Sie auf mich gehört hätten, würden die Heilige Jungfrau schon um die Heilung Ihres Beines gebeten haben.«
Darüber ungehalten, antwortete sodann der Hauptmann:
»Mein Bein! An dem kann sie nichts machen, darüber bin ich ruhig! Der Tod mag nur kommen, es soll zu Ende gehen für immer ... Wenn man sterben muß, dreht man sich gegen die Wand und stirbt. Damit basta!«
Aber der alte Priester unterbrach ihn. Er zeigte ihm Marie, die, in ihrer Kiste ausgestreckt, ihnen zuhorchte.
»Sie würden alle unsere Kranken zurückschicken«, sagte er, »damit sie in ihrer Heimat sterben könnten, nicht wahr? Selbst das Fräulein, das in voller Jugend steht, und das leben will?«
Marie öffnete ihre großen Augen in heißer Sehnsucht und mit dem Wunsch, zu leben, dem Wunsch, auch teilzuhaben an der Welt. Der Hauptmann hatte sich ihr genähert und betrachtete sie. Er wurde plötzlich von einer tiefen Bewegung ergriffen, welche seine Stimme zittern machte.
»Wenn das Fräulein gesund wird«, sagte er, »so wünsche ich ihm ein zweites Wunder: jenes, daß sie glücklich würde.«
Und er ging weg und setzte als heftig gekränkter Philosoph seinen Spaziergang mitten unter den Kranken fort, indem er den Fuß nachzog und die eiserne Spitze seines dicken Rohrstockes auf die Steinfliesen stieß.
Nach und nach hatte sich der Bahnsteig geleert, man hatte Frau Vêtu und die Grivotte weggetragen. Gérard führte Herrn Sabathier in einem kleinen Wagen fort, während der Baron Suire und Berthaud bereits Befehle für den grünen Zug gaben, den man demnächst erwartete. Nur Marie war noch da, und Pierre nahm sich ihrer mit Eifer an. Als sie wahrnahmen, daß Herr von Guersaint verschwunden war, hatte er sie auf den Hof der Bahnstation gefahren. Dort bemerkten sie sofort Herrn von Guersaint, der sich mit dem Abbé des Hermoises, dessen Bekanntschaft er gemacht hatte, angelegentlich unterhielt. Die gleiche Freude an der Natur hatte sie einander genähert. Der Tag war vollständig angebrochen. Die Berge der Umgebung zeigten sich in ihrer Majestät. Herr von Guersaint rief entzückt:
»Welche Landschaft! Nun sind es dreißig Jahre, daß ich das Tal von Gavarnie zu besuchen wünsche. Das ist aber noch weit und so teuer, daß ich diesen Ausflug gewiß nicht werde machen können.«
»Sie täuschen sich! Nichts ist leichter auszuführen. Wenn mehrere daran teilnehmen, ist die Ausgabe bescheiden. Und gerade dieses Jahr will ich wieder dorthin reisen. Wenn Sie sich also uns anschließen wollen ...«
»Wie, war' es möglich? Nun, wir werden noch darüber sprechen. Tausend Dank!«
Seine Tochter rief ihn, und nach einem Austausch von herzlichen Grüßen gesellte er sich zu ihr. Pierre hatte beschlossen, Marie bis zum Hospital zu fahren, um ihr die Umlagerung in einen andern Wagen zu ersparen. Schon kamen die Omnibusse, die Landauer und die Möbelwagen zurück und füllten, auf den folgenden Zug wartend, den Hof aufs neue an. Es kostete einige Mühe, mit dem kleinen Karren, dessen Räder in den Schmutz einsanken, die Straße zu erreichen.
Als der kleine Wagen etwas freier auf der abhängigen Straße hinrollte, fragte Marie Herrn von Guersaint, der neben ihr ging, plötzlich:
»Vater, welchen Tag haben wir heute?«
»Samstag, mein Liebling.«
»Wahrhaftig, Samstag, den Tag der Heiligen Jungfrau ... Wird sie mich heute heilen ?«
Hinter ihr brachten zwei Träger auf einer bedeckten Bahre den Leichnam des Mannes, den sie im Hintergrund des Gepäcksaales im Dunkel der Fässer aufgeladen hatten, um ihn an einen von Pater Fourcade bezeichneten verborgenen Ort zu bringen.
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