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»Nun, Fräulein«, sagte sie mit ihrer heiseren, kaum verständlichen Stimme, sich an Marie wendend, »wie glücklich würde man sein, wenn man ein kleines bißchen einschlafen könnte. Aber daran ist gar nicht zu denken, diese Räder drehen sich einem ja im Kopfe herum.«
Und trotz der Ermattung, die deutlich beim Sprechen zum Ausbruch kam, ließ sie sich nicht abhalten, Näheres von ihrem Leben zu erzählen.
Sie war Matratzenmacherin und hatte lange Zeit, mit einer ihrer Tanten in Bercy, von Hof zu Hof ziehend, Matratzen gemacht. Die verpestete Wolle, die sie selbst kämmte, hatte ihr in der Jugend ihr Leiden verschafft. Seit fünf Jahren machte sie die Runde in allen Spitälern von Paris. Sie sprach von den großen Ärzten in ganz vertrautem Tone. Die Schwestern von Lariboisière hatten sie, als sie sie von den religiösen Zeremonien leidenschaftlich erregt gesehen hatten, vollends bekehrt und überzeugt, daß die Heilige Jungfrau in Lourdes nur auf sie warte, um sie zu heilen.
»Sie sagten mir, der eine Lungenflügel sei bei mir ganz verloren und der andere nicht viel mehr wert. Wissen Sie, es hatten sich Kavernen gebildet... Zuerst hatte ich nur zwischen den Schultern Schmerzen und beim Husten einen schaumigen Auswurf. Dann magerte ich ab. Es war ein wahrer Jammer. Jetzt bin ich immer von Schweiß gebadet und huste, als wollte es mir die Brust zersprengen. Ich kann aber trotzdem nichts mehr aushusten, so dick ist es... Und wie Sie sehen, kann ich mich gar nicht mehr aufrecht halten, ich esse nicht mehr...«
Ein Erstickungsanfall unterbrach sie, ihr Gesicht wurde ganz schwarzblau.
»Das macht nichts. Ich stecke aber doch noch lieber in meiner Haut als in der des Bruders dort in der Abteilung hinter Ihnen. Er hat dasselbe Leiden, aber er ist noch viel schlimmer daran als ich.«
Sie täuschte sich. Es befand sich allerdings in der Abteilung hinter Marie ein junger Missionar, der Bruder Isidor, der auf einer Matratze lag und den man nicht sehen konnte, da er nicht imstande war, sich einen Finger breit emporzurichten. Aber er war nicht schwindsüchtig, er lag hoffnungslos danieder an einer Leberentzündung, die er sich am Senegal geholt hatte. Er war sehr groß und mager und hatte ein gelbes, eingefallenes Gesicht wie von Pergament. Das Geschwür, das sich an der Leber gebildet hatte, war schließlich nach außen durchgebrochen, und die Eiterung, verbunden mit fortwährendem heftigen Fieber, Erbrechen und Phantasieren, raubte ihm alle Kräfte. Nur allein seine Augen lebten noch, Augen voll unendlicher Liebe, deren warmer Strahl sein Gesicht, das dem sterbenden Heiland glich, verklärte. Sonst war es ein gewöhnliches Bauerngesicht, das nur der Glaube und die Leidenschaft adelten. Er war ein Bretone, das jüngste, kränkliche Kind einer sehr zahlreichen Familie, und hatte den geringen Landbesitz in der Heimat seinen älteren Brüdern überlassen. Eine seiner Schwestern begleitete ihn, Martha, zwei Jahre älter als er, die nach Paris gekommen war, um in seinen Dienst zu treten. Sehr bescheiden in ihrer untergeordneten Stellung als Mädchen für alles, hatte sie ihren Platz verlassen, um ihm zu folgen, und verzehrte nun ihre mageren Ersparnisse.
»Ich stand gerade auf dem Perron, als man ihn in den Wagen hob; vier Männer hielten...«
Sie konnte aber nicht weitersprechen; sie bekam einen Hustenanfall, der sie zwang, sich wieder auf die Bank niederzulegen. Sie rang mühsam nach Atem, die roten Äpfelchen auf ihren Backen wurden ganz blau. Sofort richtete ihr Schwester Hyacinthe den Kopf in die Höhe, trocknete ihre Lippen mit einem Leinentuche, das rote Flecken bekam. Frau von Jonquière war in demselben Augenblicke um die Kranke beschäftigt, die ihr gegenüber saß und ohnmächtig geworden war. Sie hieß Frau Vêtu, war die Frau eines kleinen Uhrmachers, der seinen Laden nicht hatte schließen können, um sie nach Lourdes zu begleiten. Sie hatte sich daher in die Hospitalität aufnehmen lassen, um die nötige Pflege zu haben. Die Furcht vor dem Tode hatte sie zur Kirche zurückgeführt, in die sie seit ihrer ersten Kommunion die Füße nicht mehr gesetzt hatte. Sie wußte, daß sie dem Tode unrettbar verfallen war, da der Krebs ihren Magen zerfraß. Schon hatte sie das zitronengelbe, entstellte Aussehen der Krebskranken. Ihr Auswurf war ganz schwarz, als ob sie Kienruß von sich gegeben hätte. Auf der ganzen Reise hatte sie noch kein einziges Wort gesprochen, ihre Lippen waren fest geschlossen, sie litt entsetzlich. Dann war Erbrechen eingetreten, und sie hatte das Bewußtsein verloren. Sobald sie den Mund öffnete, hauchte sie einen entsetzlich stinkenden Atem aus, einen Pestgeruch, der den Magen zum Umwenden brachte.
»Das kann man unmöglich aushalten«, murmelte Frau von Jonquière, die sich einer Ohnmacht nahe fühlte, »es muß etwas Luft gemacht werden.«
Schwester Hyacinthe war gerade damit fertig geworden, die Grivotte auf ihre Kissen zu betten.
»Gewiß, öffnen wir ein paar Minuten das Fenster. Aber nicht auf dieser Seite hier, denn ich habe Angst vor einem neuen Hustenanfall... Öffnen Sie es auf Ihrer Seite.«
Die Hitze wurde immer ärger. Man erstickte fast in der dicken, ekelhaften Atmosphäre. Es war eine wirkliche Erleichterung, als frische Luft hereinkam. Einige Minuten gab es jetzt andere Geschäfte zu besorgen, und eine allgemeine Reinigung fand statt. Die Schwester wusch alle Geschirre und Becken, deren Inhalt sie zum Fenster hinausschüttete, während die zur Hilfe beigegebene Dame mit einem Schwamme den Fußboden auftrocknete. Dann gab es ein neues Geschäft: die vierte Kranke, die sich bisher noch nicht gerührt hatte, ein zartes Mädchen, dessen Gesicht ganz von einem schwarzen Tuche verhüllt war, sagte, sie hätte Hunger.
Frau von Jonquière erbot sich gleich in ihrer ruhigen, ergebenen Weise, für sie sorgen zu wollen.
»Sie brauchen sich nicht darum zu kümmern, liebe Schwester. Ich werde ihr das Brot in kleine Stücke schneiden.«
Marie hatte sich in ihrem Verlangen nach Zerstreuung für die regungslose Gestalt, die sich unter dem schwarzen Tuche versteckt hatte, lebhaft interessiert. Sie vermutete, daß sie irgendeinen Schaden im Gesicht hätte. Man hatte ihr gesagt, es wäre eine Erzieherin. Die Unglückliche, Elise Rouquet aus der Picardie, hatte ihre Stelle verlassen müssen und lebte in Paris bei einer Schwester, die sie schlecht behandelte. Da sie aber kein anderes Leiden hatte, hatte sie kein Hospital aufnehmen wollen. Bei ihrer großen Frömmigkeit war es schon seit Monaten ihr heißer Wunsch, nach Lourdes zu gehen. Marie wartete mit stummer Besorgnis, ob sich wohl das schwarze Tuch heben würde.
»Sind die Stücke so klein genug?« fragte Frau von Jonquière in mütterlichem Tone. »Können Sie sie selbst in den Mund stecken?«
Unter dem schwarzen Tuche krächzte eine heisere Stimme nur halb verständliche Worte.
»Ja, ja, gnädige Frau.«
Endlich fiel das Tuch, und Marie fuhr entsetzt zurück. Es war ein Lupus, der die Nase und den Mund ergriffen hatte, ein Geschwür, das sich unter einem Ausschlage immer weiter ausbreitete und die Schleimhäute zerfraß. Der Kopf, der sich in die Form einer Hundeschnauze verlängert hatte, war mit seinen struppigen Haaren und seinen großen runden Augen abschreckend geworden. Schon waren die knorpligen Teile der Nase fast ganz zerfressen. Der Mund war eingefallen und nach links gezogen durch das Anschwellen der Oberlippe. Er glich einer schiefen, formlosen und unsaubern Kluft. Eine blutige Flüssigkeit, vermischt mit Eiter, floß aus dieser schrecklichen schwarzblauen Wunde.
»Oh, sehen Sie doch, Pierre!« murmelte Marie zitternd.
Den Priester überlief ebenfalls ein Schauder, als er sah, wie Elise Rouquet vorsichtig die kleinen Brotstückchen in die blutige Öffnung schob, die ihr als Mund diente. Alle in dem Wagen waren bei diesem fürchterlichen Anblicke bleich geworden. Und der gleiche Gedanke stieg in allen diesen so hoffnungsfreudigen Seelen auf: »Oh, Heilige Jungfrau! Oh, welches Wunder, wenn ein solches Leiden geheilt würde!
»Meine Kinder, denken wir nicht an uns, wenn wir uns wohl verhalten wollen«, wiederholte Schwester Hyacinthe, die ihr ermutigendes Lächeln bewahrt hatte.
Und sie fing den zweiten Rosenkranz zu beten an, die fünf Mysterien: Jesus in dem Ölbaumgarten, der gegeißelte Jesus, der dornengekrönte Jesus, der kreuztragende Jesus und der am Kreuze sterbende Jesus. Dann folgte der Choral: »Ich setze mein Vertrauen, Jungfrau, in deine Hilfe ...«
Man fuhr gerade durch Blois und war nun schon drei lange Stunden unterwegs. Marie, die ihre Augen von Elise Rouquet abgewendet hatte, ließ sie jetzt auf einem Mann ruhen, der die eine Ecke der anderen Wagenabteilung zur Linken einnahm, in der Bruder Isidor lag. Schon zu wiederholten Malen hatte sie ihn bemerkt. Er war noch jung und bescheiden in einen alten schwarzen Überrock gekleidet. Sein dünner Bart fing an grau zu werden. Klein und mager, mit einem abgezehrten, bleifarbenen und schweißbedeckten Gesichte schien er schwer zu leiden. Dennoch saß er ganz unbeweglich in seine Ecke gedrückt da, sprach mit keinem Menschen und starrte nur mit großen, weitgeöffneten Augen vor sich hin. Plötzlich bemerkte sie, wie die Augenlider herabsanken und er ohnmächtig wurde.
Sie lenkte die Aufmerksamkeit der Schwester Hyacinthe auf ihn.
»Liebe Schwester, sehen Sie doch! Diesem Herrn dort scheint es schlecht geworden zu sein.«
»Welchem denn, mein liebes Kind?« »Dort drüben dem, der den Kopf zurückgelehnt hat.«
Es entstand eine unruhige Bewegung, alle gesunden Pilger standen auf, um hinzusehen. Und Frau von Jonquière kam auf den Gedanken, Martha, der Schwester des Bruders Isidor, zuzurufen, sie solle dem Manne auf die Hände klopfen.
»Fragen Sie ihn, fragen Sie ihn, ob er leidet!«
Martha trat an ihn heran, schüttelte ihn und richtete wiederholt die Frage an ihn. Aber der Mann gab keine Antwort, er röchelte nur, und seine Augen blieben fest geschlossen.
Eine Stimme rief erschrocken:
»Ich glaube, er wird sterben.«
Die Furcht wurde größer, Worte schwirrten hin und her, und von einem Ende des Wagens zum andern wurden Ratschläge erteilt. Niemand kannte den Mann. Er hatte sich nicht in die Hospitalität aufnehmen lassen, denn er trug am Halse nicht die Karte mit der weißen Farbe des Zuges. Einer erzählte, er hätte ihn drei Minuten vor Abgang des Zuges ankommen sehen, sich mühsam fortschleppend, und dann habe er sich mit dem Ausdrucke unendlicher Müdigkeit in die Ecke fallen lassen, in der er jetzt im Sterben läge. Dann hätte er nicht mehr geatmet. Man sah übrigens sein Billett, das in dem Bande seines alten hohen Hutes steckte, der neben ihm hing.
Schwester Hyacinthe stieß einen freudigen Ruf aus.
»Oh, er atmet, er atmet! Fragen Sie ihn doch nach seinem Namen!«
Als ihn Martha aber von neuem fragte, stieß der Mann nur einen Klagelaut, den kaum verständlichen Schmerzensschrei aus:
»Oh, wie ich leide!«
Und von da an gab er nur diese eine Antwort. Auf alles, was man von ihm wissen wollte, wer er wäre, woher er käme, welches sein Leiden sei, was man für ihn tun könnte, antwortete er nicht, sondern stieß nur fortwährend den Klageruf aus:
»Oh, wie ich leide ... Oh, wie ich leide!«
Schwester Hyacinthe geriet in fieberhafte Aufregung. Wenn sie sich nur in der gleichen Abteilung befunden hätte! Und sie nahm sich vor, auf der nächsten Station, an der man halten würde, den Platz zu wechseln. Aber es kam jetzt lange keine Haltestelle. Der Kopf des Mannes sank immer tiefer herab.
»Er stirbt, er stirbt!« rief die Stimme von neuem.
Mein Gott! Was sollte man anfangen? Die Schwester wußte, daß ein Pater von Mariä Himmelfahrt sich im Zuge befand, der Pater Massias, der das geweihte Öl bei sich hatte und jederzeit bereit war, den Sterbenden die Letzte Ölung zu geben. Es starben jedes Jahr während der Fahrt mehrere Pilger. Aber sie wagte es nicht, das Alarmsignal in Bewegung zu setzen. Auch befand sich in dem von der Schwester SaintFrançois beaufsichtigten Kantinenwagen ein Arzt mit einer kleinen Apotheke. Wenn der Kranke nur noch bis nach Poitiers käme, wo man eine halbe Stunde Aufenthalt hatte. Hier würde ihm alle erforderliche Hilfe zuteil werden. Schrecklich wäre es, wenn er plötzlich sterben würde. Schließlich beruhigte man sich etwas. Der Unbekannte war zwar immer noch ohnmächtig, aber er atmete doch wenigstens regelmäßig und schien zu schlafen.
»Sterben, bevor man dort wäre!« murmelte Marie zitternd. »Sterben, bevor man das gelobte Land ...«
Und als ihr Vater sie zu beruhigen suchte, flüsterte sie:
»Auch ich leide, auch ich leide so sehr!«
»Haben Sie Vertrauen!« tröstete Pierre. »Die Heilige Jungfrau wacht über uns.«
Sie konnte nicht mehr in ihrer sitzenden Stellung bleiben, man mußte sie wieder in ihren engen Sarg legen. Ihr Vater und der Priester mußten dabei mit der größten Vorsicht zu Werke gehen, denn der leiseste Stoß entlockte ihr ein schmerzliches Stöhnen. Und dann lag sie da, ohne zu atmen, wie eine Tote, mit ihrem Leidensgesichte, umwallt von ihrem blonden, königlichen Haarschmucke. Man fuhr nun schon seit beinahe vier Stunden, und rastlos rollte der Zug immer weiter und weiter. Daß der Wagen in so unerträglicher Weise hin und her geschleudert wurde, lag daran, daß er sich am Ende des Zuges befand. Die Verbindungsketten kreischten, und die Räder rasselten entsetzlich. Durch die Fenster, die man notgedrungen halb offen hatte stehen lassen müssen, drang Staub herein, sonnendurchglüht und beißend. Dabei nahm die Hitze immer mehr zu. Eine gewitterschwangere, erschlaffende Hitze. Der Himmel hatte ein fahles Aussehen und bedeckte sich allmählich mit schweren, unbeweglichen Wolken. Überhitzten Backöfen glichen die Abteilungen, diese engen dahinrollenden Behausungen, in denen man aß und trank, in denen die Kranken alle ihre Bedürfnisse in der verdorbenen Luft befriedigten und unter dem betäubenden Durcheinander von Klagen, Gebeten und Gesängen.
Marie war nicht die einzige, deren Zustand sich verschlimmert hatte, die anderen litten in gleicher Weise unter der Reise. Auf den Knien ihrer verzweifelten Mutter, die sie mit ihren großen, von Tränen verdunkelten Augen betrachtete, lag die kleine Rose bewegungslos mit so bleichem Gesicht, daß sich Frau Maze schon zweimal zu ihr herabgebeugt hatte, um ihre Händchen anzufassen, in der Furcht, sie kalt zu finden. Jeden Augenblick mußte Frau Sabathier den Beinen ihres Mannes eine andere Lage geben, denn sie wurden ihm so schwer, wie er sagte, als ob man sie ihm aus den Hüften herausreißen wollte. Der Bruder Isidor fing an in seinem totenähnlichen Zustande Schreie auszustoßen, und seine Schwester hatte ihn nur dadurch beruhigen können, daß sie ihn etwas in die Höhe richtete und in ihren Armen hielt. Die Grivotte schien zu schlafen, doch erschütterte ununterbrochen ein Schlucken ihren Körper, und aus ihrem Munde rieselte langsam ein dünner Faden Blut. Frau Vêtu hatte wieder eine schwarze, ekelhafte Flüssigkeit von sich gegeben. Elise Rouquet dachte nicht mehr daran, die entsetzliche Wunde in ihrem Gesichte zu verbergen. Der Mann dort drüben fuhr fort, so dumpf zu röcheln, als wenn es jede Sekunde mit ihm zu Ende gehen wollte. Umsonst mühten sich Frau von Jonquière und Schwester Hyacinthe ab. Sie konnten nichts weiter tun, als die Jammernden trösten. Für Augenblicke war dies alles wie ein Traum, dieser Wagen voll Elend und Jammer, der mit voller Geschwindigkeit dahinfuhr und die Gepäckstücke, die alten aufgehängten Kleider, die abgenutzten Körbe, die mit Bindfaden notdürftig geflickt waren, hin und her schüttelte, während in der hintersten Abteilung zehn Pilgerinnen, alte und junge, alle von einer bedauernswerten Häßlichkeit, ohne Unterlaß in jammervollen, gellenden und falschen Tönen sangen.
Pierre dachte an die anderen Wagen des weißen Zuges. Alle rollten dahin voll des gleichen Elends mit dreihundert Kranken und fünfhundert Pilgern. Dann dachte er an die anderen Züge, die an diesem Tage Paris verließen, an den grauen und den blauen Zug, die vor dem weißen von Paris abgefahren waren, an den grünen Zug, an den gelben, an den rosa und an den orangefarbenen Zug, die ihm folgten. Und er dachte an andere Züge, die an dem gleichen Tage von Orleans, Le Mans, Poitiers, Bordeaux, Marseille und Carcassone abgingen. Die Erde Frankreichs sah sich zur selben Stunde nach allen Richtungen hin durchfurcht von ähnlichen Zügen, die alle der heiligen Grotte zustrebten und dreißigtausend Pilger und Kranke zu den Füßen der Heiligen Jungfrau führten. Und er dachte daran, daß ein solcher Menschenstrom wie an diesem Tage sich auch an den anderen Tagen des Jahres dorthin wälzte, daß keine Woche verging, ohne daß Lourdes eine Wallfahrt ankommen sah, und daß nicht nur Frankreich allein, sondern daß ganz Europa, daß die ganze Welt sich auf den Weg dorthin machte, und daß es in besonders frommen Jahren dreimalhunderttausend, ja sogar bis fünfmalhunderttausend Pilger und Kranke dort gegeben hatte.
Pierre glaubte sie zu hören, diese im Rollen begriffenen Züge, die Züge, die überallher kamen und die alle derselben Felsengrotte zustrebten, in der die Kerzen flammten. Alle rollten rasselnd dahin unter Schmerzensgeschrei und dem Rauschen der frommen Gesänge. Es waren fahrende Hospitäler voll verzweifelter Kranker, Züge menschlichen Leidens zu der Hoffnung und der Heilung; ein großes brennendes Verlangen nach Trost vor dem Drohen des schrecklichen Todes. Sie rollten dahin, sie rollten immer weiter, sie rollten ohne Unterbrechung dahin, das Elend dieser Welt mit sich führend, auf dem Wege zu einem heiligen Wahne, der Gesundheit der Kranken und dem Troste der Niedergedrückten.
Pierres Herz floß über von unendlichem Mitleid. Es war traurig, zu sterben. Eine heiße Barmherzigkeit flammte in ihm auf, das unlöschbare Feuer einer brüderlichen Liebe zu allen Dingen und allen Wesen.
Als man um halb elf Uhr den Bahnhof von SaintPierre du Corps verließ, gab Schwester Hyacinthe das Zeichen, und man betete den dritten Rosenkranz, die fünf glorreichen Mysterien: die Auferstehung unseres Herrn, die Himmelfahrt unseres Herrn, die Ausgießung des Heiligen Geistes, die Himmelfahrt der Allerheiligsten Jungfrau und die Krönung der Jungfrau. Dann sang man das Lied der Bernadette, ein endloses Klagelied von sechzehn Strophen, bei denen der englische Gruß den immer wiederkehrenden Schlußvers bildete, eine künstlich in die Länge gezogene Quälerei, die schließlich das Bewußtsein trübte und die Kranken in einen verzückten Traumschlaf versenkte in der köstlichen Erwartung des Wunders.
II
Jetzt zogen die grünen Gefilde von Poitou vorüber, und der Abbé Pierre Froment sah, die Augen starr nach außen gerichtet, die Bäume vorbeifliegen, bis schließlich alles vor seinen Augen verschwamm. Ein Kirchturm erschien und verschwand; alle Pilger bekreuzigten sich. Man sollte um zwölf Uhr fünfunddreißig Minuten in Poitiers sein; der Zug rollte unaufhaltsam weiter und weiter in der erschlaffenden Schwüle des gewitterschwangeren Tages. Und der junge Priester verfiel in eine tiefe Träumerei. Das Singen traf sein Ohr nur noch wie das einschläfernde langsame Auf und Abwogen des Meeres.
Ein Vergessen der Gegenwart, ein Wiedererwachen der Vergangenheit nahm sein ganzes Wesen gefangen. Er ging in seinen Erinnerungen zurück, soweit ihm das möglich war. Er sah das Haus in Neuilly wieder, in dem er geboren worden war und das er jetzt noch bewohnte, dieses Haus des Friedens und der Arbeit mit seinem Garten, in dem schöne Bäume standen. Nur eine lebende Hecke trennte ihn von dem Garten des Hauses nebenan, das dem seinigen ähnlich war. Er war drei, vielleicht auch vier Jahre alt, und er sah, wie an einem Sommertage in dem Schatten eines alten Kastanienbaumes sein Vater, seine Mutter und sein älterer Bruder an einem Tische beim Frühstück saßen. Sein Vater, Michel Froment, hatte kein besonders auffallendes Gesicht; er sah ihn nur verwischt und unbestimmt vor sich, den berühmten Chemiker, der Mitglied des Instituts war und der sich in seinem Laboratorium vergrub, das er im Hintergrunde seines weltentlegenen Besitztums hatte errichten lassen. Seinen Bruder Guillaume, der damals vierzehn Jahre alt und am Morgen zu einem kurzen Ferienaufenthalte aus dem Lyzeum eingetroffen war, sah er ganz deutlich vor sich, und vor allem seine sanfte Mutter, aus deren Augen eine so rührende Demut sprach. Später hatte er die Sorgen dieser frommen, gläubigen Seele kennengelernt, die sich aus Achtung und Dankbarkeit dazu verstanden hatte, einen Ungläubigen zu heiraten, der fünfzehn Jahre älter als sie war und der ihrer Familie große Dienste geleistet hatte. Er selbst, ein Spätling dieser Ehe, der erst geboren worden, als sein Vater schon in den fünfzig stand, hatte seine Mutter nur als demütige und ergebene Frau ihrem Gatten gegenüber gekannt, den sie heiß liebte mit der schrecklichen Qual im Herzen, ihn dem ewigen Verderben verfallen zu wissen. Und plötzlich stieg ihm eine andere Erinnerung auf, die entsetzliche Erinnerung an den Tag, an dem sein Vater in seinem Laboratorium, durch das Platzen einer Retorte, getötet worden war. Er war damals fünf Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich noch der unbedeutendsten Einzelheiten, des Schreies seiner Mutter, als sie den zerrissenen Körper gefunden hatte mitten unter all den Trümmern, und dann ihres Entsetzens, ihres Jammers und ihrer Gebete bei dem Gedanken, Gott habe den Gottlosen, auf ewig Verdammten niedergeschmettert. Da sie seine Papiere und Bücher nicht zu verbrennen wagte, hatte sie sich damit begnügt, sie in ein Zimmer zu schließen, das niemand mehr betrat. Seit diesem Augenblicke wurde sie von dem Bilde der Hölle heimgesucht, und sie hatte nur noch den einen Gedanken, ihren jüngeren Sohn ganz strenggläubig zu erziehen als Sühne und zur Erlösung seines Vaters. Der ältere, Guillaume, war ihr schon entwachsen, er war im Lyzeum auferzogen und ganz von den Gedanken und Bestrebungen des Jahrhunderts erfüllt. Er selbst, der jüngere, durfte das Haus nicht verlassen und erhielt einen Geistlichen als Erzieher. Ihr geheimer Traum, ihre heiße Hoffnung war, ihn eines Tages selbst als Geistlichen zu sehen, wie er seine erste Messe las und die leidenden Seelen tröstete.
Ein anderes lebhaftes Bild tauchte zwischen den grünen, von den Sonnenstrahlen durchbrochenen Zweigen auf. Pierre sah plötzlich Marie von Guersaint, so wie er sie eines Morgens durch ein Loch in dem Zaune erblickt hatte, der die beiden benachbarten Besitzungen trennte. Herr von Guersaint, einem kleinen Adelsgeschlecht der Normandie entstammend, war Architekt, damals gerade mit der Erbauung von Arbeitersiedlungen mit Kirche und Schule beschäftigt. Eine schwere Aufgabe, zu der er nicht genügende Vorbereitung besaß und bei der er seine dreimalhunderttausend Frank Vermögen riskierte, dank der ihm eigenen Hartnäckigkeit und künstlerischen Unvorsichtigkeit. Die gleiche tiefe Frömmigkeit hatte Frau von Guersaint mit Frau Froment zusammengebracht. Aber die erstere war eine entschlossene, strenge Frau, die das Regiment führte und mit eiserner Hand verhinderte, daß Katastrophen über das Haus hereinbrachen. Sie erzog ihre beiden Töchter streng religiös. Die ältere war schon ernst wie sie, während die jüngere, obgleich sehr fromm, doch Spiel und Fröhlichkeit sehr liebte in dem lebhaften Jugenddrange, der sich in ihrem schönen, klangvollen Lachen kundgab. Seit ihrer frühesten Jugend spielten Pierre und Marie zusammen. An jenem sonnenhellen Morgen, an dem er sie jetzt wieder vor sich sah, wie sie die Zweige auseinanderbog, war sie zehn Jahre alt. Er zählte sechzehn Jahre und sollte am folgenden Dienstag in das Seminar eintreten. Niemals war sie ihm so schön erschienen. Ihre wie reines Gold glänzenden Haare waren so lang, daß sie, wenn sie sich lösten, sie ganz umhüllten. Er sah ihr Gesicht von damals ganz deutlich vor sich, ihre runden Backen, ihre blauen Augen, ihren roten Mund und vor allem den Glanz ihrer schneeweißen Haut. Sie war heiter und strahlend wie die Sonne. An ihren Augenlidern schimmerten Tränen, denn sie wußte, daß er fortgehen würde. Sie saßen zusammen im Schatten der Hecke im Hintergrunde des Gartens. Ihre Hände waren verschlungen und ihre Herzen schwer. Dennoch hatten sie niemals bei ihren Tändeleien Schwüre ausgetauscht, so unberührt waren noch ihre Seelen. Aber am Abende vor ihrer Trennung trat ihnen ihre zärtliche Liebe auf die Zunge. Sie sprachen davon, ohne es zu wissen, sie schwuren, unablässig aneinander zu denken und sich eines Tages wiederzufinden, wie man sich im Himmel wiederfindet, um glücklich zu sein. Dann hatten sie sich in die Arme genommen, ohne weiter zu fragen, und sich bis zum Ersticken geküßt und heiße Tränen vergossen. Es war eine köstliche Erinnerung, die Pierre damals mit fortgenommen hatte und die er immer noch lebendig in sich fühlte, trotzdem so viele Jahre und so viel schmerzliches Entsagen dazwischen lagen.




