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Allmählich kehrte Pierre, ohne daß seine Augen Marie verließen, in die Vergangenheit zurück. Er durchkostete noch einmal die Stunden, die er in ihrer Nähe verlebt hatte, wenn er in die armselige Wohnung hinaufgestiegen war, um ihr Gesellschaft zu leisten. Herr von Guersaint hatte sich vollständig ruiniert, da er sich in den Kopf gesetzt hatte, die Fabrikation von Heiligenbildern zu verbessern, deren Mittelmäßigkeit ihn ärgerte. Sein letztes Vermögen hatte der Bankerott eines Farbendruckgeschäftes verschlungen. In seiner Zerstreutheit und seinem Mangel an Umsicht bemerkte er gar nichts von der peinlichen Lage, die sich immer mehr verschlimmerte. In seiner kindlichen Liebe verließ er sich ganz auf den lieben Gott und war schon wieder mit dem Problem der Lenkbarkeit der Luftballons beschäftigt, ohne zu sehen, welch übermenschliche Anstrengungen seine ältere Tochter Blanche machen mußte, um wenigstens den Lebensunterhalt für die kleine Familie zu erwerben, für ihre beiden Kinder, wie sie ihren Vater und ihre Schwester nannte. Blanche schaffte das nötige Geld, das die Pflege Mariens erforderte, herbei, indem sie vom Morgen bis zum Abend in ganz Paris bei Hitze und Regen umherlief und französischen Sprachunterricht und Klavierstunden erteilte. Marie war oft der Verzweiflung nahe, brach in Tränen aus und klagte sich an, daß sie die Hauptursache des Zusammenbruchs der Familie sei, weil man ihretwegen schon seit so vielen Jahren die Ärzte bezahlen mußte, und sie in alle nur denkbaren Bäder gebracht hätte. Jetzt hatten die Ärzte sie nach zehnjähriger Behandlung aufgegeben. Die einen meinten, daß die großen Sehnen zerrissen wären, die anderen glaubten an das Vorhandensein einer Geschwulst, während die dritten sagten, die Lähmung käme vom Rückenmark. Und da sie jede genauere Untersuchung aus jungfräulichem Schamgefühl ablehnte und die Ärzte keine eingehenderen Fragen zu stellen wagten, so hielt jeder an seiner Erklärung fest, daß sie nicht wieder geheilt werden könne. Sie rechnete auf nichts anderes als auf die Hilfe Gottes, da sie seit ihrem Kranksein nur noch Tröstung in ihrem inbrünstigen Glauben fand. Ihr größter Kummer war, daß sie nicht in die Kirche gehen konnte, und sie las die Messe an jedem Morgen.
In diesem Augenblicke stieg Pierre eine neue Erinnerung auf. Es war an einem Abend, bevor man noch die Lampe angezündet hatte. Er saß bei ihr in der Dunkelheit. Plötzlich sagte ihm Marie, daß sie nach Lourdes gehen wollte und daß sie überzeugt wäre, sie würde von dort geheilt zurückkehren. Er hatte bei ihren Worten ein heftiges Unbehagen empfunden und, sich völlig vergessend, gerufen, es wäre eine Torheit, an dergleichen fromme Märchen zu glauben. Niemals hatte er mit ihr über Religion gesprochen. Er hatte sich stets geweigert, ihre Beichte zu hören und sie in den großen und kleinen Gewissensnöten, die sie als Gläubige hatte, auf den rechten Weg zu leiten. Scham und Mitleid hielten ihn davon ab. Er würde schwer darunter gelitten haben, wenn er sie hätte belügen müssen, und andererseits würde er sich für einen Verbrecher angesehen haben, wenn er auch nur mit einem Hauche den großen, reinen Glauben getrübt hätte, der sie stark gegen das Leiden machte. Daher hatte er auch den Ausruf bereut, den er nicht hatte zurückhalten können. Da hatte er gefühlt, wie die kleine, kalte Hand der Kranken die seinige ergriff; und ermutigt durch die Dunkelheit, hatte sie gewagt, mit sanfter, stockender Stimme ihm zu sagen, daß sie sein Geheimnis, daß sie sein Unglück kenne, das für einen Priester so entsetzliche Elend, nicht mehr zu glauben. Bei dem darauffolgenden Gespräche hatte er ihr ganz gegen seinen Willen alles gesagt. Sie war ihm bis auf den Grund des Gewissens gedrungen mit dem feinen Erkennungsvermögen der leidenden Freundin. Sie geriet darüber seinetwegen in furchtbare Unruhe und beklagte ihn wegen seiner tödlichen seelischen Krankheit noch mehr als sich selbst. Als er dann, tief ergriffen, nichts darauf zu antworten wußte und durch sein Schweigen die Wahrheit eingestand, hatte sie wieder angefangen, von Lourdes zu sprechen, und hinzugefügt, es sei ihr inniger Wunsch, daß auch er sich der Heiligen Jungfrau anvertrauen und sie anflehen sollte, ihm den Glauben wiederzugeben. Von diesem Abend an hatte sie nicht mehr aufgehört, davon zu reden. Aber die Geldfrage hielt sie in Paris fest. Sie hatte es nicht einmal gewagt, mit ihrer Schwester darüber zu sprechen. Zwei Monate vergingen. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer und erschöpfte sich in sehnsüchtigen Träumen, die Augen dem himmlischen Glänze der Wundergrotte zugewendet.
Pierre hatte damals schlimme Tage verbracht. Zuerst hatte er es Marie rundweg abgeschlagen, sie zu begleiten. Dann wurde sein Wille durch den Gedanken erschüttert, daß er, wenn er sich zur Reise entschlösse, die Untersuchungen über Bernadette wieder aufnehmen und fördern könne. Und endlich hatte er gefühlt, wie eine wonnige Empfindung ihn durchdrang, eine uneingestandene Hoffnung, daß Marie vielleicht recht hätte und die Heilige Jungfrau sich seiner in Gnaden annehmen und ihm den Glauben wiedergeben würde, den Glauben des Kindes, das liebt und nicht prüft. Oh, wenn er doch von ganzer Seele glauben, wenn er doch in dem Glauben versinken könnte! Es gab kein anderes Glück. Er trachtete nach dem Glauben mit der ganzen Freude seiner Jugend, mit der ganzen Liebe, die er für seine Mutter empfunden hatte, mit all dem brennenden Verlangen, das ihn erfüllte, der Qual des Erkennens und Wissens zu entgehen und für immer im Schoße der göttlichen Unwissenheit einzuschlummern. Es war köstlich, nichts mehr zu sein als ein willenloses Ding in den Händen Gottes.
Acht Tage später war die Reise nach Lourdes beschlossen. Pierre hatte eine letzte Besprechung der Ärzte gefordert, um zu erfahren, ob Marie den Anstrengungen der Reise wirklich gewachsen sei. Zwei der Ärzte, die die Kranke früher behandelt hatten, und von denen der eine an ein Zerreißen der großen Sehnen glaubte, der andere aber es für eine Lähmung des Rückenmarkes ansah, hatten sich schließlich dahin geeinigt, daß es Lähmung des Rückenmarkes sei in Verbindung mit Verletzungen, die sich vielleicht an den großen Sehnen befänden. Der Fall schien ihnen so klar, daß sie kein Bedenken trügen, jeder für sich einen Krankenschein auszustellen, der bei beiden beinahe gleich lautete. Sie hielten die Reise für möglich, wenn sie auch der Kranken heftige Schmerzen verursachen würde. Das hatte Pierre bestimmt, denn er hatte gefunden, daß die beiden Herren sehr klug und eifrig bestrebt gewesen waren, die Wahrheit zu ergründen. Eine unklare Erinnerung blieb ihm an den dritten Arzt, de Beauclair mit Namen, einen jungen Mann mit regem Verstande, noch wenig bekannt und, wie man sagte, etwas wunderlich. Nachdem er Marie lange betrachtet, hatte er sich genau nach ihren Vorfahren erkundigt und mit lebhaftem Interesse dem zugehört, was man ihm von Herrn von Guersaint erzählte, dem Architekten und verunglückten Erfinder mit dem schwachen Charakter und der üppig wuchernden Phantasie; dann hatte er den tatsächlichen Befund der Krankheit geprüft und dabei in diskreter Weise festgestellt, daß der Schmerz sich im linken Eierstock lokalisiert hatte, und daß dieser Schmerz, wenn man dort drückte, wie eine dicke Masse, die sie zu ersticken drohte, bis in ihre Kehle hinaufstieg. Auf die Lähmung der Beine schien er gar keinen Wert zu legen. Dann hatte er auf eine Frage sich sogar dahin geäußert, daß man sie nach Lourdes bringen müßte, da sie dort sicherlich geheilt werden würde, wenn sie davon überzeugt sei. Lächelnd fügte er hinzu, daß der Glaube genüge, daß zwei von seinen Patienten, sehr fromme Damen, von ihm im vorigen Jahre hingeschickt und strahlend von Gesundheit wieder zurückgekommen wären. Er gab sogar an, wie sich das Wunder vollziehen würde: beim Erwachen würde eine furchtbare Aufregung die Kranke ergreifen, während das Übel, jener quälende Druck, der sie zu ersticken drohte, zum letztenmal in ihr aufsteigen und verschwinden würde, als ob er durch den Mund entschlüpft wäre. Er schlug es rundweg ab, einen Krankheitsschein auszustellen. Seine beiden Kollegen behandelten ihn sehr kühl wie einen Kurpfuscher. Pierre hatte, wenn auch nur unklar, einige Stellen aus dem von Beauclair abgegebenen Gutachten behalten: eine Verrenkung des Organs mit leichten Rissen in den Sehnen infolge des Sturzes vom Pferde, dann eine langsame Wiederherstellung des natürlichen anatomischen Zustandes. Die Kranke habe jedoch stets unter dem nervösen Drucke der ersten Furcht gelebt. Ihre ganze Aufmerksamkeit sei auf die verletzte Stelle gerichtet; sie besitze gar nicht mehr die Fähigkeit, neue Vorstellungen zu bilden, es sei denn, daß dies durch die plötzliche Einwirkung einer heftigen Erregung geschähe. Allein der Gedanke, daß Mariens Leiden nur ein eingebildetes sein sollte, daß die entsetzlichen Schmerzen, die sie quälten, von einer längst geheilten Verletzung herrühren sollten, war Pierre so unglaublich vorgekommen, daß er sich dabei gar nicht weiter aufgehalten hatte. Er war bloß darüber glücklich, daß die drei Ärzte einmütig ihre Einwilligung zur Reise nach Lourdes erteilten. Es genügte ihm zu wissen, daß sie geheilt werden konnte. Er hätte sie bis an das Ende der Welt begleitet.
Ach, jene letzten Tage in Paris, in welcher Aufregung hatte er sie verbracht! Der nationale Pilgerzug war zum Aufbruch bereit. Er war auf den Gedanken verfallen, Marie in das Hospital aufnehmen zu lassen, um die großen Kosten zu ersparen. Dann hatte er seinen eigenen Eintritt in die Hospitalität von NotreDame de Salut durchgesetzt. Herr von Guersaint brannte vor Verlangen, die Pyrenäen kennenzulernen. Im übrigen bekümmerte er sich um gar nichts, nahm es ruhig an, daß der junge Priester für ihn die Reise bezahlte und sich seiner wie eines Kindes annahm. Seine Tochter Blanche hatte ihm noch im letzten Augenblicke ein Zwanzigfrankstück zugesteckt. Er hielt sich daher für reich. Die arme, heldenmütige Blanche besaß einen verborgenen Schatz, fünfzig Frank Ersparnisse, die man hatte annehmen müssen, denn auch sie wollte etwas zur Heilung ihrer Schwester beitragen. Sie konnte nicht mitreisen, da sie durch ihre Stunden in Paris zurückgehalten war, indes die Ihrigen in weiter Ferne in dem Zauberbanne der Wundergrotte auf den Knien lagen. So war man abgefahren und rollte nun dahin, rollte rastlos immer weiter.
Auf der Station Châtellerault riß ein lautes Stimmengewirr Pierre aus seinen Träumen. Was gab es denn? War man schon in Poitiers angekommen? Aber es war ja kaum Mittag, und Schwester Hyacinthe hatte das Angelus beten und dreimal drei Ave wiederholen lassen. Die Stimmen verhallten, ein neuer Gesang hob an und wurde nach und nach zu einem Klageliede. Noch fünfundzwanzig lange Minuten dauerte es, ehe man nach Poitiers kam. Dort sollte ein halbstündiger Aufenthalt den Leidenden Erleichterung verschaffen. Alle befanden sich in sehr trauriger Verfassung in dem verpesteten, glühendheißen Wagen. Tränen rollten über die Wangen der Frau Vincent, ein leiser Fluch war dem sonst so geduldigen Herrn Sabathier entschlüpft, während der Bruder Isidor, die Grivotte und Frau Vêtu gar nicht mehr zu leben schienen und Trümmerstücken glichen, die von der Flut mit fortgerissen wurden. Marie hatte ihre Augen geschlossen und gab keine Antwort mehr; sie wollte sie nicht wieder öffnen, da der entsetzliche Anblick des Gesichtes der Elise Rouquet, der für, sie das Bild des Todes war, sie unablässig verfolgte. Und während der Zug, der diese menschliche Verzweiflung mit sich führte, unter dem gewitterschwangeren Himmel dahinbrausend seine Geschwindigkeit vergrößerte, wurden alle in einen neuen Schrecken versetzt. Der Mann atmete nicht mehr, eine Stimme rief, er habe seinen Geist aufgegeben.
III
Als der Zug in Poitiers anhielt, beeilte sich Schwester Hyacinthe, auszusteigen. Die Bahnbediensteten öffneten die Türen. Die Pilger stürzten ins Freie.
»Wartet, wartet!« wiederholte sie immer von neuem. »Laßt mich zuerst heraus, ich will nachsehen, ob es ganz aus mit ihm ist.«
Als sie in die andere Abteilung eingestiegen war, richtete sie den Kopf des Mannes in die Höhe; anfangs glaubte sie, daß er in der Tat hinübergegangen wäre, als sie ihn bleich und mit leeren Augen daliegen sah. Aber sie fühlte noch ein schwaches Atmen.
»Nein, nein! Er atmet noch! Schnell, wir müssen uns beeilen!«
Und als sie die andere Schwester bemerkte, die an diesem Ende des Wagens ihres Amtes waltete, rief sie:
»Ich bitte Sie, Schwester Claire des Anges, holen Sie schnell den Pater Massias herbei, er muß im dritten oder vierten Wagen sein. Sagen Sie ihm, daß wir einen Kranken haben, der in großer Gefahr schwebt; er soll sogleich das geweihte Öl bringen.«
Ohne zu antworten, verschwand die Schwester in dem Gewühle. Sie war klein, fein und zart, mit stillen Gesichtszügen und Märchenaugen und dabei unermüdlich tätig.
Pierre, der in der andern Abteilung stand und dem Vorgange gefolgt war, erlaubte sich eine Bemerkung.
»Sollte man nicht vielleicht auch den Arzt holen?«
»Gewiß, ich dachte auch schon daran«, antwortete Schwester Hyacinthe. »Oh, Herr Abbé, würden Sie wohl so liebenswürdig sein und selbst zu ihm laufen?«
Pierre war gerade im Begriff, in die Kantine im Packwagen zu gehen, um für Marie eine Bouillon zu holen. Die Kranke, die sich etwas leichter fühlte, seitdem sie nicht mehr hin und her geschüttelt wurde, hatte die Augen geöffnet und sich von ihrem Vater in die Höhe setzen lassen. Sie hätte gar zu gerne gehabt, wenn man sie nur einen Augenblick an die frische Luft getragen hätte. Aber sie fühlte, daß dies zuviel verlangt wäre, daß es zuviel Mühe machen würde, sie dann wieder in den Wagen hineinzuschaffen. Herr von Guersaint, der wie die meisten Pilger und Kranken in dem Wagen gefrühstückt hatte, blieb in der Nähe der offenstehenden Wagentür, um eine Zigarette zu rauchen, während Pierre in die Kantine im Packwagen eilte, wo sich der diensthabende Arzt aufhielt.
In dem Wagen waren noch andere Kranke geblieben, die man unmöglich hätte herausschaffen können. Die Grivotte hatte Erstickungsanfälle und phantasierte. Sie hielt auch Frau von Jonquière im Wagen fest, die sich mit ihrer Tochter Raymonde, mit Frau Volmar und Frau Desagneaux am Büfett verabredet hatte, um dort zusammen zu frühstücken. Aber wie konnte sie dieses unglückliche Geschöpf, das im Todeskampfe zu liegen schien, ganz allein auf der harten Bank lassen? Herr Sabathier erwartete, an seinen Platz festgeschmiedet, seine Gattin, die fortgegangen war, um ihm eine Weintraube zu holen, während Martha ihren Bruder nicht verließ, dessen leises Wehklagen noch immer fortdauerte. Die anderen, die gehen konnten, drängten nach den Türen hin, um auszusteigen, in der Absicht, nach siebenstündiger Fahrt nur einen kurzen Augenblick aus diesen Wagen voll Jammer und Elend herauszukommen. Frau Maze war sofort beiseite geschlichen und hatte einen einsamen Winkel des Bahnhofs aufgesucht, wo sie sich wieder in ihre Melancholie vergrub. Ganz stumpfsinnig vor Schmerz hatte Frau Vêtu die Kraft besessen, einige Schritte zu tun und sich im vollen Sonnenscheine, dessen Brennen sie nicht einmal fühlte, auf eine Bank zu setzen, während Elise Rouquet, die ihr Gesicht wieder mit dem schwarzen Tuche umwickelt hatte, einen Brunnen suchte, von dem Verlangen nach frischem Wasser verzehrt. Frau Vincent wandelte, ihre kleine Rose auf dem Arm, mit langsamen Schritten auf und ab, lächelte zärtlich auf sie herab und suchte sie zu erheitern, indem sie ihr rohbemalte Bilder zeigte, die das schwerkranke Kind anstarrte, ohne etwas davon zu sehen.
Indessen hatte Pierre die größte Mühe, sich durch die Menschenmenge, die den Bahnsteig überflutete, einen Weg zu bahnen. Mehr als tausend Menschen wogten hin und her und drängten sich mühsam aneinander vorbei. Jeder Wagen hatte seine elenden Insassen herausgelassen, wie ein Hospitalssaal, den man ausräumt. Man konnte jetzt sehen, welch eine entsetzliche Menge von Leiden dieser schreckliche weiße Zug mit sich führte. Hier schleppten sich einige Kranke mühsam fort, dort wurden andere getragen und viele blieben auf dem Perron eng zusammengedrückt liegen. Schreie wurden laut und heftige Rufe, und ununterbrochen gab es ein Hasten und Drängen nach der Bahnhofsrestauration. Jeder beeilte sich, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er war so kurz, dieser Aufenthalt von einer halben Stunde, der einzige, den man bis nach Lourdes haben sollte. Den einzig heiteren, erbaulichen Anblick mitten unter den schwarzen Soutanen, den abgetragenen Kleidern der armen Leute, die keine bestimmte Farbe mehr hatten, bot das lachende Weiß der kleinen Schwestern von Mariä Himmelfahrt, die in ihren schneeigen Hauben, Schleiern und Schürzen geschäftig hin und her eilten.
Als Pierre endlich an den Kantinenwagen in der Mitte des Zuges kam, fand er ihn vollständig umlagert. Ein Petroleumherd befand sich dort und eine kleine Kücheneinrichtung. Die Bouillon, aus konzentrierter Brühe hergestellt, kochte in schmiedeeisernen Töpfen. Von der in Flaschen eingeschlossenen kondensierten Milch war nur so viel verdünnt und genießbar gemacht worden, als wirklich gebraucht wurde. Verschiedene andere Vorräte waren auf Brettern aufgestapelt, Biskuit, Früchte und Schokolade. Aber beim Anblick der vielen Hände, die sich ihr gierig entgegenstreckten, verlor die Schwester SaintFrançois, die mit der Leitung der Küche betraut war, eine kleine, dicke Frau von fünfundvierzig Jahren, von gutem, frischen Aussehen, den Kopf. Sie mußte die Verteilung fortsetzen, während sie Pierre anhörte, der nach dem Arzte fragte. Als ihr der Priester nähere Erklärungen gab und von dem armen Manne berichtete, der im Sterben lag, ließ sie eine andere an ihren Platz treten, da sie selbst nach dem Unglücklichen sehen wollte.
»Liebe Schwester, ich bin auch hierhergekommen, um Sie um eine Bouillon für eine Kranke zu bitten.«
»Gut, Herr Abbé. Ich werde sie bringen. Gehen Sie nur voraus.«
Der Arzt und der Abbé beeilten sich, und tauschten unterwegs rasch einige Fragen und Antworten aus. Ihnen folgte Schwester SaintFrançois, welche die Tasse Bouillon vorsichtig durch die Menschenmenge trug. Der Arzt war ein brünetter Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, mit dem Kopfe eines jungen römischen Cäsaren, eine Gestalt, wie sie noch den sonnenverbrannten Gefilden der Provence entsproßt. Sobald Schwester Hyacinthe ihn erblickte, rief sie erstaunt aus:
»Wie, Sie sind es, Herr Ferrand?«
Sie waren beide auf das höchste verwundert über dieses Zusammentreffen. Die Schwestern von Mariä Himmelfahrt haben die schwere Aufgabe, Kranke zu pflegen, und zwar nur die armen Kranken, die nicht zahlen können, die in elenden Dachkammern mit dem Tode ringen. Sie richten sich häuslich ein in der Nähe des armseligen Lagers, leisten den Kranken alle erdenklichen Dienste, besorgen die Küche und die Haushaltung und leben als Dienerinnen und als Verwandte bis zur Genesung oder bis zum Tode des Kranken. So hatte sich auch eines Tages Schwester Hyacinthe mit ihrem jugendfrischen, milchweißen Gesicht des jungen Mediziners, der damals noch studierte und von einem typhösen Fieber befallen war, angenommen. Wegen seiner großen Armut bewohnte er in der Rue de Four ein kellerartiges Loch, das nicht geheizt werden konnte. Sie hatte ihn nicht mehr verlassen, sie hatte ihn gerettet in ihrer Leidenschaft, für andere zu leben, sie, die einst als kleines Mädchen an einer Kirchentüre gefunden worden war, und die keine andere Familie hatte als die Leidenden, denen sie sich widmete mit ihrem heißen Verlangen nach Liebe. Und welch köstlicher Monat folgte dann, welch vortreffliche Kameradschaft in diesem reinen, durch das Leiden herbeigeführten geschwisterlichen Verhältnisse! Wenn er sie »liebe Schwester« nannte, so war es wirklich seine Schwester, mit der er sprach. Sie war aber zugleich auch seine Mutter, die ihn in die Höhe richtete und wieder in die Kissen bettete wie ihr Kind, ohne daß irgendein anderes Band zwischen ihnen bestanden hätte als wie das innigste Mitleid, die göttliche Liebe der Barmherzigen.
»O Schwester Hyacinthe! Schwester Hyacinthe!« flüsterte er entzückt.
Ein Zufall hatte sie einander wieder zu Gesicht gebracht; denn Ferrand war kein Gläubiger, und wenn er sich hier befand, so kam das nur daher, daß er in der letzten Minute sich bereit erklärt hatte, für einen Freund einzuspringen, der plötzlich verhindert worden war. Seit beinahe einem Jahre war er Assistenzarzt an der Pitié
Die Freude des Wiedersehens ließ sie den Kranken vergessen. Sie faßte sich zuerst wieder.
»Sehen Sie, Herr Ferrand, hier ist der arme Mensch! Wir hielten ihn schon einen Augenblick für tot ... Seit Amboise macht er uns viel Sorge und Angst, und ich habe soeben nach dem geweihten Öle geschickt ... Glauben Sie auch, daß es so schlimm mit ihm steht? Können Sie ihm nicht etwas Lebenskraft einflößen?«
Der junge Arzt untersuchte ihn. Die Teilnahme der anderen Kranken, die in dem Wagen geblieben waren, wurde wach. Marie, der Schwester SaintFrançois die Tasse Bouillon gereicht hatte, hielt sie mit so heftig zitternder Hand, daß Pierre sie ihr wieder abnehmen und versuchen mußte, ihr den Trank einzuflößen. Aber sie konnte nicht trinken. Ihre Augen ruhten starr und in banger Erwartung auf dem Manne, gleich als ob es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte.
»Sagen Sie mir«, sagte Schwester Hyacinthe von neuem, »wie finden Sie ihn? Welche Krankheit hat er?«
»Oh, welche Krankheit!« murmelte Ferrand. »Er hat alle möglichen.«
Dann zog er ein kleines Fläschchen aus seiner Tasche und versuchte dem Kranken einige Tropfen durch die fest aufeinander gepreßten Zähne einzuflößen. Dieser stieß einen Seufzer aus, hob die Augenlider langsam in die Höhe und ließ sie gleich wieder niederfallen. Dies war alles, sonst gab er kein anderes Lebenszeichen.
Schwester Hyacinthe, die so gefaßt war und niemals in Verzweiflung geriet, wurde ungeduldig.
»Das ist schrecklich, und Schwester Claire des Anges kommt auch gar nicht zurück! Ich habe ihr doch ganz genau den Wagen des Paters Massias bezeichnet ... Mein Gott! was sollen wir nur machen?«
Schwester SaintFrançois schickte sich an, in ihren Küchenwagen zurückzukehren, da sie sah, daß sie hier unnötig war. Vorher fragte sie jedoch, ob der Kranke nicht vielleicht nur vor Hunger stürbe. Das käme vor, und sie wäre nur hierhergekommen, um ihre Vorräte anzubieten. Als sie fortging, versprach sie, Schwester Claire des Anges zur Eile antreiben zu wollen, wenn sie ihr zufällig begegnen würde. Sie war noch nicht zwanzig Meter weit entfernt, als sie sich umdrehte und mit der Hand auf die Schwester wies, die mit kleinen und geräuschlosen Schritten zurückkehrte.
An die Tür gelehnt rief Schwester Hyacinthe mit verstärkter, hastiger Stimme:
»So beeilen Sie sich doch! So beeilen Sie sich doch ... Nun, und Pater Massias?«
»Er ist nicht da!«
»Wie? Er ist nicht da?«
»Nein. Man kann unmöglich vorwärtskommen durch die Menschenmasse. Als ich endlich den Wagen erreichte, war Pater Massias schon ausgestiegen und vom Bahnhof weggegangen.«
Der Pater müsse, wie man ihr erzählt habe, eine Zusammenkunft mit dem Kurat von SainteRadegonde verabredet haben. In den früheren Jahren hätte der nationale Pilgerzug hier einen Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden gehabt. Man hatte die Kranken in das Hospital in der Stadt gebracht und sich in Prozession nach SainteRadegonde begeben. Dieses Jahr wäre jedoch ein Hindernis eingetreten, der Zug führe direkt bis Lourdes. Der Pater wäre sicher dort und spräche mit dem Kuraten, mit dem er etwas zu verhandeln hätte.
»Man hat mir versprochen, ihm den Auftrag auszurichten und ihn mit dem geweihten Öle herzuschicken, sobald man ihn finden würde.«
Das war ein wirkliches Unglück für Schwester Hyacinthe. Da die Wissenschaft nicht helfen konnte, so hätte vielleicht das geweihte Öl dem Kranken Erleichterung verschafft. Sie hatte das schon oft gesehen.
»Oh, liebe Schwester, liebe Schwester! Was habe ich für Kummer und Sorge ... Würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein und noch einmal hingehen und auf den Pater Massias warten, damit Sie ihn mir gleich bringen können, wenn er zurückkommt?«
»Ja, liebe Schwester«, antwortete Schwester Claire bereitwillig und machte sich mit ihrer ernsten, geheimnisvollen Miene wieder auf den Weg, indem sie sich geschmeidig durch die Menschenmenge wand.
Ferrand war untröstlich darüber, daß er der Schwester Hyacinthe nicht die Freude bereiten konnte, ihn wieder zu beleben. Als er sein Unvermögen durch eine bedauernde Geste zu erkennen gab, bat sie flehentlich:




