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Pierre hatte gesehen, wie alle die Leidenden, die ihn umgaben, das Rasseln der Räder nicht mehr vernahmen und wie sie ihre Kräfte wiederfanden mehr und mehr nach jeder zurückgelegten Meile, die sie dem Wunder näherbrachte. Selbst Frau Maze wurde gesprächig in der festen Überzeugung, daß die Heilige Jungfrau ihren Gatten zu ihr zurückführen würde. Frau Vincent wiegte selig lächelnd ihre kleine Rose und fand sie viel weniger krank als jene halbtoten Kinder, die man in das eiskalte Wasser tauchte und die dann spielten. Herr Sabathier plauderte mit Herrn von Guersaint und erzählte ihm, daß er im Oktober, wenn er seine Beine wieder gebrauchen könnte, nach Rom gehen würde, eine Reise, die er schon seit fünfzehn Jahren von Jahr zu Jahr verschoben hätte. Frau Vêtu, die sich ebenfalls etwas beruhigt hatte, wenn ihr Magen sie auch noch immer quälte, glaubte Hunger zu haben und bat daher Frau von Jonquière, ihr kleine Brotschnitten in ein Glas Milch einzutauchen, während Elise Rouquet, ohne an ihre Wunde zu denken, ihr Gesicht enthüllt hatte und eine Weintraube aß. Und Frau Grivotte, die auf ihrem Platze saß, und Bruder Isidor, der aufgehört hatte zu stöhnen, waren infolge dieser schönen Märchen in einem glücklichen Fieberzustande, so daß sie in ihrem ungeduldigen Verlangen nach Heilung sich sichtlich beruhigten. Sogar der Unbekannte kam, wenn auch nur auf eine Minute, zum Bewußtsein. Als Schwester Hyacinthe von neuem den kalten Schweiß von seinem Gesichte abtrocknete, öffnete er die Augenlider, während einen Augenblick ein Lächeln sein Gesicht verklärte. Noch einmal hatte er gehofft. Marie hielt noch immer die Hand Pierres. Es war sieben Uhr; man sollte um siebeneinhalb Uhr in Bordeaux sein. Der Zug, der sich etwas verspätet hatte, beschleunigte, um die verlorenen Minuten wieder einzuholen, seine Geschwindigkeit. Das Gewitter hatte aufgehört zu toben, und von dem weiten, klaren Himmelszelte senkte sich ein unendlich süßer Friede auf die Erde herab.
»Oh, Pierre, wie schön ist das! Wie schön ist das!« wiederholte Marie von neuem und drückte ihm die Hand in überschwellendem Zärtlichkeitsgefühle.
Dann beugte sie sich zu ihm hin und flüsterte ihm mit ganz leiser Stimme zu:
»Pierre, ich habe vorhin die Heilige Jungfrau gesehen und sie um Ihre Heilung gebeten. Sie hat sie mir zugesagt.«
Der junge Priester verstand sie und wurde ganz verwirrt von dem himmlischen Glanze ihrer Augen, die sie auf die seinigen geheftet hielt. Sie hatte sich selbst vergessen und nur um seine Bekehrung gebeten. Dieser Glaubenswunsch, der so rein von diesem leidenden Wesen ausging, brachte seine Seele zur Umkehr. Warum sollte er nicht eines Tages glauben? Er selbst war von den vielen außergewöhnlichen Erzählungen wie verwirrt. Die erstickende Hitze in dem Wagen hatte ihn betäubt, und der Anblick von so viel Elend und Jammer ließ sein mitleidiges Herz bluten. Die Ansteckung wirkte. Er wußte nicht mehr genau, wo das Wirkliche und das Mögliche aufhörte, er war unfähig, diese Überfülle verwirrender Tatsachen zu erklären oder zu verwerfen. Er gehörte sich nicht mehr selbst, er bildete sich in dem verzückten Taumel dieses rollenden Hospitals schließlich ein, daß er glaube.
V
Der Zug verließ Bordeaux nach einem Aufenthalte von einigen Minuten, den die, die noch nicht zu Mittag gegessen hatten, dazu benützten, sich in aller Eile Vorräte einzukaufen. Die Kranken bekamen etwas Milch zu trinken und hörten nicht auf, wie Kinder um Biskuit zu bitten. Sobald sich der Zug von neuem in Bewegung gesetzt hatte, klatschte Schwester Hyacinthe in die Hände und rief:
»Vorwärts, beeilen wir uns! Das Abendgebet!«
Dann folgte beinahe eine Viertelstunde ein wirres Gemurmel der Paternoster und Aves, eine Gewissensprüfung, eine Bußübung, die gänzliche Hingabe an Gott, an die Heilige Jungfrau und an die Heiligen, ein Dankgebet für den glücklich verbrachten Tag, das mit einer Fürbitte für die Lebenden und für die Verstorbenen schloß.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ... Amen!«
Es war acht Uhr zehn Minuten, die Abenddämmerung sank auf das Land nieder, auf eine unermeßliche Ebene, die durch den Abendnebel vergrößert wurde, und in der von fern her aus vereinzelt gelegenen Häusern helles Licht freundlich herüberleuchtete. Die Lampen im Wagen flackerten unruhig hin und her und beleuchteten mit ihrer gelblichen Flamme das zahlreiche Gepäck und die Pilger, die durch die schaukelnden Bewegungen durcheinander gerüttelt wurden.
»Ihr wißt, meine lieben Kinder«, begann Schwester Hyacinthe, die stehengeblieben war, »daß ich in Lamothe, ungefähr eine Stunde von hier, Ruhe anordnen werde. Ihr habt also noch eine Stunde, um euch zu unterhalten. Aber seid vernünftig und regt euch nicht zu sehr auf! Und dann nach Lamothe, versteht mich wohl, kein Wort mehr, nicht eine Silbe! Denn ich will, daß ihr alle gut schlafen sollt!«
Diese Worte brachten sie zum Lachen.
»Ja, das ist die Regel, und ihr seid sicherlich zu vernünftig, um nicht zu gehorchen.«
Sie hatten seit dem Morgen pünktlich das Programm der religiösen Übungen ausgeführt, die für jede Stunde bestimmt waren. Jetzt, wo alle Gebete gesprochen, die Rosenkränze hergesagt und die frommen Lieder gesungen waren, der Tag also sein Ende erreicht hatte, blieb noch eine Stunde vor der Nachtruhe der Erholung gewidmet. Aber sie wußten nicht, was sie anfangen sollten.
»Liebe Schwester«, sagte Marie, »wollen Sie nicht vielleicht den Herrn Abbé beauftragen, uns etwas vorzulesen? Er liest vortrefflich, und ich habe da ein kleines Buch, eine hübsche Geschichte der Bernadette ...«
Man ließ sie nicht vollenden, alle riefen ungestüm und leidenschaftlich wie Kinder, denen man ein schönes Märchen versprochen hatte:
»O ja, liebe Schwester! O ja, liebe Schwester!« .
»Selbstverständlich gestatte ich es«, erwiderte die Nonne, »da es sich um ein gutes Buch handelt.«
Pierre mußte einwilligen. Aber er wollte unter der Lampe sitzen und mußte deshalb mit Herrn Guersaint den Platz wechseln, der von der Ankündigung einer Geschichte ebenso entzückt war wie die Kranken. Als der junge Priester den passenden Platz gefunden und erklärt hatte, daß er gut sehen könnte, öffnete er das Buch. Ein Zittern durchlief den Wagen, alle Köpfe reckten sich in die Höhe, alle sammelten ihre Gedanken und spitzten die Ohren. Glücklicherweise hatte er eine deutliche und starke Stimme, mit der er den Lärm der Räder übertönte, die durch die endlose Ebene dahinrollten.
Bevor Pierre jedoch mit dem Lesen anfing, prüfte er das Buch. Es war eines jener kleinen Kolportagebücher, die von katholischen Buchhandlungen herausgegeben und in einer Unzahl von Exemplaren in der ganzen Welt verbreitet werden. Schlecht gedruckt und auf billigem Papier, trug es auf seinem blauen Umschlag ein Bild unserer lieben Frau von Lourdes, ein naives Kunstwerk von steifer, unbeholfener Grazie. Eine halbe Stunde würde sicherlich genügen, es vorzulesen, ohne sich dabei zu übereilen.
Und Pierre begann mit seiner schönen, klaren Stimme, die einen angenehmen, durchdringenden Ton hatte:
»Es war in Lourdes, einer kleinen Stadt in den Pyrenäen, am Donnerstag, den 11. Februar 1858. Das Wetter war kalt und der Himmel etwas bedeckt. Es fehlte in dem Hause des armen, aber ehrlichen Müllers, Francois Soubirous, an Holz, um das Essen zu bereiten. Seine Frau, Louise, sagte zu ihrer zweiten Tochter Marie: ›Geh an das Ufer des Gave oder in den Gemeindewald und suche Holz!‹ Der Gave ist ein Gebirgsbach, der durch Lourdes fließt.
Marie hatte eine ältere Schwester, Bernadette mit Namen, die vor kurzem vom Lande zurückgekehrt war, wo sie bei braven Bauersleuten als Schäferin gedient hatte. Sie war ein schwaches, zartes Kind von großer Unschuld, dessen ganzes Wissen darin bestand, daß es den Rosenkranz hersagen konnte. Louise Soubirous trug wegen der Kälte Bedenken, sie mit ihrer Schwester in das Holz zu schicken. Aber auf die inständigen Bitten Mariens und einer kleinen Nachbarin, Jeanne Abadie mit Namen, ließ sie sie mitgehen.
Die drei Gefährtinnen, die den Gebirgsbach hinaufkletterten, um trockenes Holz zu sammeln, befanden sich einer Grotte gegenüber, die in das Innere eines großen Felsens hineinführte, den die Bewohner des Landes Massabielle nannten ...«
Als Pierre beim Vorlesen zu dieser Stelle gekommen war, hielt er, das Blatt umwendend, inne und ließ das kleine Buch zurücksinken. Die Kindlichkeit der Erzählung und all die leeren, nichtigen Redereien machten ihn ungeduldig, ihn, der die vollständigen Akten über diese außerordentliche Geschichte in den Händen gehabt, der mit leidenschaftlichem Eifer die unbedeutendsten Einzelheiten geprüft hatte und tief in seinem Herzen innige Liebe und unendliches Mitleid für Bernadette hegte. Er hatte sich gerade wieder gesagt, daß er die entscheidende Untersuchung, deretwegen er einst davon geträumt hatte, nach Lourdes zu gehen, schon am folgenden Tage würde beginnen können.
Und von neuem erwachte all seine Wißbegierde. Er hätte gar zu gerne diese wunderbare Geschichte zerlegt und erklärt. Sie log gewiß nicht, sie hatte die Erscheinung gehabt, Stimmen gehört wie Jeanne d'Arc, und wie Jeanne d'Arc befreite sie, nach der Ansicht der Katholiken, Frankreich. Welches war die Kraft, die sie und ihr Werk hervorgebracht hatte? Wie hatte die Vision bei diesem Kinde entstehen, wie hatte sie alle gläubigen Seelen in solche Aufregung versetzen können, daß sich die Wunder der Urzeit wieder erneuerten und man fast eine neue Religion stiftete in einer heiligen Stadt, mit einem Male um Millionen erbaut und überschwemmt von gläubigen Menschenmassen, wie man sie seit der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr gesehen hatte?
Er las nicht weiter vor, sondern erzählte das, was er wußte, das, was er erraten und sich selbst hinzugedacht hatte. Er kannte das Land, die Sitten und die Gebräuche sehr genau, dank der langen Gespräche, die er mit seinem Freunde, dem Doktor Chassaigne, darüber geführt hatte. Er besaß eine wohltuende Leichtigkeit des Sprechens und ein durch und durch reines Feuer aufrichtiger Begeisterung, Gaben, die er schon vom Seminar her in sich fühlte, ohne daß er jemals Gebrauch davon gemacht hätte. Als man in dem Wagen sah, daß er die Geschichte viel besser und viel ausführlicher kannte als das kleine Buch, und daß er sie mit einer so begeisterten Stimme vortrug, steigerte sich die Aufmerksamkeit von neuem, und die schmerzensreichen Gemüter, die nach Glück dürsteten, gaben sich ihm mit ganzer Seele hin.
Zuerst kam die Kindheit Bernadettes, die sie in Bartrès verbracht hatte. Sie war dort bei ihrer Amme, der Frau Lagûes, die, nachdem ihr neugeborenes Kind gestorben war, den Soubirous' die Gefälligkeit erwiesen hatte, ihr Kind zu nähren und bei sich zu behalten. Dieses Dorf von vierhundert Seelen lag eine Meile von Lourdes entfernt, weit ab von allen Verkehrswegen, mitten im Grünen verborgen. Der Weg führte steil abwärts, die wenigen Häuser standen in ziemlicher Entfernung voneinander, mitten auf Grasflächen, die mit Walnuß und Kastanienbäumen bepflanzt waren, während klare Bäche, die niemals schwiegen, den Abhängen plätschernd folgten. Die kleine, alte, romanische Kirche stand, alles beherrschend, auf einem mit den Gräbern des Friedhofes bedeckten Hügel. Nach allen Seiten steigen bewaldete Abhänge wellenförmig empor. Das Dörfchen ist wie ein Loch in dem blühenden Pflanzenteppich voll köstlichen Wohlgeruchs und tiefen Grüns. Bernadette, die, nachdem sie ein großes Mädchen geworden war, ihren Unterhalt damit bezahlte, daß sie die Schafe hütete, führte diese monatelang auf den waldigen Abhängen umher, ohne daß sie einer menschlichen Seele begegnete. Nur zuweilen erblickte sie von dem Gipfel eines Hügels den Pic du Midi oder den Pic de Viscos. Sie sah auch, wie andere, in Dunst gehüllte Berge sich riesenhaft vergrößerten und zu unklaren und verschwommenen Erscheinungen wurden. Das Haus der Lagûes war ein einsames, stilles Haus, das letzte im Dorfe. Eine Wiese breitete sich davor aus, bepflanzt mit Apfel und Birnbäumen. In dem niedrigen und feuchten Hause befanden sich zur Rechten und Linken der Holztreppe, die auf den Speicher führte, zwei große, mit Steinplatten belegte Räume, deren jeder vier bis fünf Betten enthielt. Die kleinen Mädchen schliefen zusammen und schlummerten jeden Abend in der Betrachtung der schönen, an die Wand geklebten Bilder ein, während die große Uhr in ihrem Gehäuse aus Tannenholz mit ernsten Schlägen in der tiefen Stille die Stunden ankündigte.
Ach, diese Jahre in Bartrès, in welch seligem Entzücken hatte Bernadette sie verlebt! Sie wuchs nur langsam und war immer krank, da sie an nervösem Asthma litt, das sie bei dem geringsten Wehen des Windes zu ersticken drohte. Im Alter von zwölf Jahren konnte sie weder lesen noch schreiben und sprach nur den Dialekt der Umgegend. Sie war ein gutes kleines Mädchen, sehr sanft und sehr artig, im übrigen ein Kind wie jedes andere, nur nicht schwatzhaft. Sie liebte es vielmehr, zuzuhören als selbst zu reden. Obgleich sie nicht begabt war, zeigte sie natürlichen Verstand und hatte sogar bisweilen eine schlagfertige Antwort bei der Hand, ein einfaches Scherzwort, das Lachen verursachte. Man hatte unendliche Mühe gehabt, ihr den Rosenkranz beizubringen. Als sie ihn endlich auswendig wußte, schien sie ihr ganzes Wissen darauf beschränken zu wollen. Sie sagte ihn während des ganzen Tages, vom Morgen bis zum Abend, her, so daß man sie schließlich bei ihren Schafen nur noch mit dem Rosenkranz in der Hand antraf, die Pater und Aves betend. Wie viele Stunden hatte sie so auf den grasigen Abhängen der Hügel verlebt, umwogt von dem geheimnisvollen Rauschen der Blätter, während sie von der Welt nichts weiter sah als nur auf kurze Augenblicke in weiter Ferne die höchsten Gipfel der Berge, in strahlendes Licht getaucht, wie ein Traumbild rasch entschwindend. Die Tage schwanden dahin, und immer begleitete sie bei ihrem Herumziehen der engbegrenzte Traum, das einzige Gebet, das sie fortwährend wiederholte und welches ihr keine andere Gefährtin und Freundin gab als die Heilige Jungfrau mitten in dieser frischen, kindlichnaiven Einsamkeit. Welch schöne Abende verlebte sie dann während des Winters in dem saalartigen Raume links von der Treppe, in dem ein Feuer brannte! Ihre Amme hatte einen Bruder, der Priester war und ihnen manchmal wunderbare Geschichten vorlas, Geschichten von heiligen Männern und Frauen, von ungeheuerlichen Abenteuern, die einen vor Angst und Freude zittern machten, von Erscheinungen des Paradieses auf der Erde, während der halbgeöffnete Himmel den Glanz der Engel offenbarte. Die Bücher, die er mitbrachte, waren oft voll von Bildern, sie zeigten den lieben Gott in seiner ganzen Glorie, die zarte und freundliche, lichtumflossene Gestalt Jesu Christi, vor allem aber die Heilige Jungfrau, die immer wiederkehrte, glänzend und weiß, azurblau und gold gekleidet. Die Bibel war das Buch, das man am fleißigsten las, eine alte, vergilbte Bibel, die sich seit hundert Jahren in der Familie vererbt hatte. An jedem Spinnstubenabend nahm der Pflegevater, der lesen gelernt hatte, eine Nadel, steckte sie auf gut Glück in die Bibel und fing dann oben zu lesen an unter der gespannten Aufmerksamkeit der Frauen und Kinder, die schließlich den Text auswendig wußten und hätten fortfahren können, ohne sich um ein Wort zu irren.
Bernadette zog die frommen Bücher vor, in denen die Heilige Jungfrau mit ihrem Lächeln vorkam. Doch fand sie auch Gefallen an einer andern wunderbaren Geschichte, an der von den vier Haimonskindern. Auf dem gelben Einbande des Buches sah man in einem naiven Stiche die vier ritterlichen Helden, Renaud und seine Brüder, die alle vier zusammen auf Bayard, ihrem berühmten Schlachtroß, saßen, mit dem sie einst von der Fee Orlande königlich beschenkt worden waren. Ferner erblickte man die Erbauung und Belagerung von Festungen, blutige Kämpfe, schreckliche Gefechte zwischen Roland und Renaud, der endlich auszog, das Heilige Land zu befreien, nicht zu vergessen den Zauberer Maugis mit seinen wunderbaren Zauberkünsten, und die Prinzessin Clarisse, die Schwester des Königs von Aquitanien, die schöner war als der Tag. Wenn ihre Einbildungskraft erregt war, kostete es Bernadette zuweilen viel Mühe, einzuschlafen, besonders an den Abenden, an denen man die Bücher beiseiteließ und einer von den Anwesenden eine Hexengeschichte erzählte. Sie war sehr abergläubisch, und man hätte sie niemals dazu bringen können, nach Sonnenuntergang an einem Turme in der Nachbarschaft vorüberzugehen, den der Teufel öfters besuchen sollte. Die ganze Gegend war sehr fromm und einfältig und wimmelte von Geheimnissen, von Bäumen, welche sangen, von Steinen, aus denen Blut perlte, von Kreuzwegen, an denen man drei Vaterunser und drei Aves beten mußte, wenn man nicht dem wilden Tiere mit den sieben Hörnern begegnen wollte, das die Mädchen ins Verderben schleppte. Und welcher Reichtum an Märchen! Es gab deren Hunderte, man würde an einem Abend damit gar nicht fertig geworden sein. Zuerst kamen die Abenteuer der Werwölfe, jener unglücklichen Menschen, die von dem Teufel gezwungen werden, in eine Hundehaut zu fahren, in die Haut eines jener großen weißen Berghunde. Wenn man auf den Hund einen Flintenschuß abgibt und wenn eine einzige Kugel ihn trifft, so ist der Mensch erlöst. Wenn die Kugel aber nur den Schatten trifft, dann stirbt der Mensch sofort. Dann folgten die Zauberer und die Hexen. Eine dieser Geschichten hörte Bernadette leidenschaftlich gern, die eines Gerichtsschreibers von Lourdes, der den Teufel sehen wollte, und den eine Zauberin am Karfreitag um Mitternacht auf ein ödes Feld führte. Der Teufel kam, prächtig in Rot gekleidet. Sofort machte er dem Gerichtsschreiber den Vorschlag, seine Seele zu kaufen, worauf jener scheinbar einging. Der Teufel trug unter seinem Arme das Register, in dem die Leute der Stadt eingezeichnet waren, die sich ihm schon verkauft hatten. Aber der schlaue Schreiber zog aus seiner Tasche ein Fläschchen heraus, in dem sich angeblich Tinte befinden sollte, während es nichts anderes als eine Flasche geweihten Wassers war. Er besprengte damit den Teufel, der entsetzliche Schreie ausstieß, während der Schreiber selbst die Flucht ergriff und das Register mitnahm. Dann begann eine tolle Jagd, deren Beschreibung den ganzen Abend hätte in Anspruch nehmen können, eine Jagd über die Berge, durch Täler, durch Wälder, durch Wildbäche. »Gib mir das Register wieder!« – »Nein, das wirst du nicht wiederbekommen.« Und dieses kurze Zwiegespräch fing immer von neuem an. »Gib mir das Register wieder!« – »Nein, das wirst du nicht wiederbekommen!« Dem Gerichtsschreiber, der schon ganz atemlos und nahe daran war, zu unterliegen, kam endlich ein rettender Gedanke: er warf sich auf den Kirchhof in geweihte Erde und verspottete von dort aus den Teufel, indem er das Register lustig hin und her schwenkte. Auf diese Weise hatte er die Seelen all der Unglücklichen gerettet, die darin verzeichnet standen.
Einen ganzen Winter hindurch fand die Spinnstube in der Kirche statt. Der Kurat Ader hatte es erlaubt, und viele Familien kamen, um das Licht zu sparen, ganz abgesehen davon, daß man es auch viel wärmer hatte, wenn alle so beisammen waren. Man las aus der Bibel vor oder man sagte in Gemeinschaft Gebete her. Die Kinder schliefen dabei ein. Nur Bernadette kämpfte bis zum Schluß mutig gegen den Schlaf, glücklich, hier in dem schmalen Schiff der kleinen Kirche verweilen zu dürfen, deren dünnes Balkenwerk rot und blau angestrichen war. Im Hintergrunde erhob sich in gelbroter, etwas barbarischer Pracht der Altar mit seinen gewundenen Säulen und seinen Altarblättern, die Maria und die Enthauptung des heiligen Johannes darstellten. Das Kind mußte in der Schlaftrunkenheit, die es übermannte, die Vision dieser grell gemalten Bilder, mußte das Blut aus den Wunden fließen, die Heiligenscheine strahlen und die Heilige Jungfrau immer wieder kommen sehen, die sie mit ihren lebhaften blauen Augen anschaute, während es ihr vorkam, als ob die Gebenedeite im Begriffe stände, ihre Lippen zu öffnen, um das Wort an sie zu richten. Monatelang verbrachte sie auf diese Art und Weise ihre Abende, vor dem prunkvollen Altar, in einem Halbschlafe, in welchem schon der göttliche Traum begann, den sie dann nach Hause mitnahm, um ihn in ihrem Bett weiter zu träumen, während sie unter dem Schutze ihres guten Engels schlief.
Es war auch in jenem alten, ärmlichen Kirchlein, wo Bernadette anfing, den Katechismus zu lernen. Sie war gerade vierzehn Jahre alt geworden und mußte an ihre erste Kommunion denken. Ihre Pflegemutter, die für geizig galt, schickte sie nicht in die Schule, da sie sie vom Morgen bis zum Abend im Hause verwendete. Der Lehrer, Herr Barbet, sah sie niemals in seiner Klasse. Als er eines Tages die Katechismusstunde in Stellvertretung des erkrankten Abbé Ader abhielt, fiel sie ihm wegen ihrer Frömmigkeit und ihrer Bescheidenheit auf. Der Priester liebte Bernadette sehr. Er sprach oft mit dem Lehrer von ihr und sagte zu ihm, er könnte sie nicht ansehen, ohne daß er an die Kinder der Salette dächte. Denn diese Kinder müßten so ohne Falsch, so gut und fromm wie sie gewesen sein, daß ihnen die Heilige Jungfrau erschienen wäre. Als die beiden Männer sie dann eines Morgens außerhalb des Ortes mit ihrer kleinen Herde von weitem zwischen den großen Bäumen verschwinden sahen, drehte sich der Geistliche nach ihr um und sagte zu seinem Begleiter: »Ich weiß nicht, was in mir vorgehe aber jedesmal, wenn ich dieses Kind treffe, glaube ich Melanie, die kleine Schäferin, die Gefährtin des kleinen Maximin, zu erblicken.« Er war wie besessen von diesem Gedanken, der sich schließlich als eine richtige Prophezeiung erweisen sollte. Und hatte er nicht eines Abends während der Spinnstube in der Kirche jene wunderbare Geschichte erzählt von der Frau in dem blendend weißen Kleide, die über das Gras dahinschritt, ohne es zu krümmen, von der Heiligen Jungfrau, die sich auf dem Berge an dem Rande des Baches der Schäferin Melanie und dem kleinen Maximin gezeigt hatte, um ihnen ein großes Geheimnis anzuvertrauen? Seit diesem Tage heilte eine Quelle, die aus den Tränen der Heiligen Jungfrau entstanden war, alle Krankheiten, während das Geheimnis, einem mit drei Wachssiegeln verschlossenen Pergament anvertraut, in Rom ruhte. Bernadette hatte in fieberhafter Aufmerksamkeit mit dem stummen Antlitz einer wachenden Träumerin diese wunderbare Geschichte angehört und sie dann mitgenommen in die Waldeinsamkeit, in der sie lebte, um sie, wenn sie hinter ihren Schafen her wandelte, sich zu wiederholen, während eine Perle ihres Rosenkranzes nach der andern durch ihre zarten Finger glitt.
So verfloß ihre Kindheit in Bartrès. Was an Bernadette alle entzückte, das waren ihre schwärmerischen Augen, die schönen Augen einer Seherin, an denen die Träume vorüberflogen wie die Vögel an dem klaren Himmelszelte. Ihr Mund war groß, stark entwickelt und verriet Güte. Der breite Kopf mit der geraden Stirn und den dichten schwarzen Haaren würde ohne den Ausdruck liebenswürdigen Eigensinns gewöhnlich ausgesehen haben. Wer ihr aber nicht in die Augen sah, der bemerkte sie gar nicht. Sie war dann nichts anderes als ein gewöhnliches, armes Straßenkind, ein kleines, körperlich zurückgebliebenes Mädchen von einfältigem Verstande. In ihren Blicken lag alles, was in ihr zur Blüte gelangen sollte, das Leiden, das ihren armen Mädchenkörper in der Entwicklung hemmte, die Waldeinsamkeit, in der sie aufgewachsen war, die Sanftmut ihrer Schafe, der englische Gruß, den sie bei ihrem Umherziehen unter freiem Himmel bis zur Verzückung wiederholte, die ungeheuerlichen Geschichten, die sie im Hause ihrer Pflegemutter gehört, die Spinnstubenabende, die sie vor den lebenden Altarbildern der Kirche mitgemacht hatte, und die ganze Atmosphäre urwüchsigen Glaubens, die sie in dieser abgelegenen, von Bergen umschlossenen Gegend eingeatmet hatte.
Am 7. Januar war Bernadette vierzehn Jahre alt geworden, und ihre Eltern, die Soubirous', entschlossen sich, da sie sahen, daß sie in Bartrès nichts lernte, sie ganz zu sich nach Lourdes zu nehmen, damit sie regelmäßig die Katechismusstunden besuchen und sich auf diese Weise auf ihre Kommunion vorbereiten konnte. So war sie schon zwei bis drei Wochen in Lourdes, als am 11. Februar, an einem Donnerstage, bei kaltem Wetter und etwas bedecktem Himmel ...«
Aber er mußte sich hier unterbrechen, denn Schwester Hyacinthe war aufgestanden und sagte, nachdem sie kräftig in die Hände geklatscht hatte:
»Liebe Kinder! Es ist jetzt über neun Uhr ... Also Ruhe! Ruhe!«
Man war in der Tat gerade an Lamothe vorübergefahren, und der Zug rollte durch die endlose Ebene des Landes, die in tiefes nächtliches Dunkel getaucht dalag. Eigentlich hätte man schon seit zehn Minuten im Wagen kein Wort mehr sprechen, sondern nur ruhig seine Schmerzen ertragen oder schlafen sollen. Aber trotzdem erhob sich lauter Widerspruch.




