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»Ich werde die Abendzeitungen aufmerksam durchsehen ... Wie gewöhnlich um halb sechs Uhr heute, nicht wahr?«
»Bringen Sie mir doch eine Büchse Pomade und ein Pfund gebrannte Mandeln von Boissier mit!« rief ihm Nana durch den Salon nach, als er eben die Tür draußen schloß.
Jetzt fiel es den beiden Frauen, als sie sich allein sahen, erst ein, daß sie sich noch gar nicht begrüßt hatten, und sie drückten sich flugs ein paar derbe Küsse auf die Wangen. Der Zeitungsartikel hatte sie warm gemacht. Nana, bisher noch verschlafen, wurde wieder von dem Fieber ihres Triumphs ergriffen. Ah, Rose Mignon mochte einen reizenden Vormittag verleben! Da ihre Tante nicht hatte ins Theater kommen wollen, weil ihr aufregende Szenen, wie sie sagte, immer die Verdauung störten, schickte sich Nana an, ihr den Verlauf des Abends zu erzählen, und berauschte sich an ihren eigenen Schilderungen dermaßen, daß sie fast selber glaubte, ganz Paris sei unter dem Beifallssturm zusammengestürzt. Dann unterbrach sie sich plötzlich und fragte lachend: wer ihr das wohl vorausgesagt hätte, als sie noch in der Rue de la Goutte d'Or als kleines Ding auf dem Hintern herumgerutscht sei. Madame Lerat schüttelte den Kopf. Nein, nein, so etwas hätte man wahrlich nicht voraussehen können! Nun begann die Lerat zu sprechen, nahm eine ernste, würdige Miene an und nannte Nana ihre »liebe Tochter«. Sei sie denn nicht ihre zweite Mutter, seit die rechte mit Papa und Großmama wiedervereinigt war? Nana überkam eine lebhafte Rührung, sie war nahe daran, in Tränen aufzubrechen. Aber Madame Lerat betonte: »Hin ist hin«, und es lasse sich daran nichts ändern, das beste sei, vergangene Dinge nicht tagtäglich aufzurühren. Lange Zeit habe sie es unterlassen, ihre Nichte zu besuchen, denn man klage sie in der Familie an, daß sie sich mit der Kleinen zugrunde richte. Sie verlange durchaus keine vertraulichen Geständnisse, sie glaube schon selbst, daß sie immer ehrbar gelebt habe. Jetzt sei es ihr vollauf genügend, daß sie sie in guten Verhältnissen finde und daß sie sehen könne, mit welcher Liebe sie an ihrem kleinen Sohn hänge. Es gelte doch noch immer in dieser Welt nichts so viel wie Ehrbarkeit und Fleiß.
»Von wem hast du denn eigentlich den Kleinen?« fragte sie, sich plötzlich unterbrechend, während ihre Augen von lebhafter Neugier aufleuchteten.
Nana war überrascht und zögerte eine Sekunde mit der Antwort.
»Von einem Herrn«, meinte sie dann.
»Ah«, sagte die Tante, »man wollte wissen, du hättest ihn von einem Maurer, der dich zum Dank dafür mit Schlägen traktierte ... Na, du wirst es mir schon später einmal noch sagen, du weißt ja, daß ich verschwiegen bin! Warte nur, ich will ihn auch hüten und pflegen, als ob er ein Prinz wäre.«
Madame Lerat hatte ihr Kunstblumengeschäft aufgegeben und lebte jetzt von ihren Ersparnissen, die in einer Rente von ungefähr sechshundert, Sou für Sou gesparten Franken bestanden. Nana versprach, ein recht hübsches kleines Zimmerchen für sie zu mieten, und außerdem wolle sie ihr monatlich hundert Franken bezahlen. Bei dieser Ziffer geriet die alte Tante außer sich und rief ihrer Nichte zu, sie wolle »ihnen die Kehle umdrehen, wenn sie ihr unter die Finger« kämen; sie sprach von den Mannsleuten. Die beiden Weiber umarmten und küßten sich nochmals. Aber Nana schien mitten in ihrer Freude, als die Unterredung wieder auf den kleinen Louis geriet, von einer plötzlichen Erinnerung unangenehm berührt zu werden. »Ist das abscheulich, daß ich um drei Uhr weggehen muß!« sprach sie. »Und wieder zu einem solchen Frondienst!«
In diesem Augenblick gerade trat Zoé ein, um zu melden, daß der Tisch gedeckt sei. Man begab sich nach dem Eßzimmer, wo bereits eine ältere Dame am Tisch saß, die ihren Hut auf dem Kopf behalten hatte; sie trug ein dunkles Kleid von unbestimmter Farbe, ein Mittelding zwischen verdächtigem Braun und Grün. Nana schien über die Gegenwart der Frau nicht im geringsten erstaunt. Sie fragte sie nur, warum sie nicht ins Schlafzimmer gekommen sei.
»Ich hörte Stimmen«, gab die Alte zur Antwort, »und dachte, Sie hätten vielleicht Gesellschaft.«
Madame Maloir, die ein respektables Äußeres und feine Manieren hatte, diente Nana als »Anstandsdame«, leistete ihr Gesellschaft und begleitete sie auf ihren Ausgängen. Die Anwesenheit der Madame Lerat schien sie anfangs zu beunruhigen. Aber nachdem sie erfahren hatte, daß sie eine Tante von Nana sei, betrachtete sie sie mit einer freundlichen Miene, einem matten Lächeln. Nana machte sich unterdessen, indem sie erklärte, daß ihr der Magen herausfalle, über die Radieschen her, die sie ohne Brot verspeiste. Madame Lerat, die wieder zeremoniell wurde, mochte keine Radieschen, sie verursachten ihr Magenkatarrh. Als nachher Zoé die Koteletts hereinbrachte, schnitt Nana die Fleischstücke für ihre Gäste ab und begnügte sich damit, die Knochen zu benagen. Bisweilen betrachtete sie von der Seite den Hut ihrer alten Anstandsdame.
»Ist das der neue Hut, den ich Ihnen gegeben habe?« fragte sie endlich.
»Ja, ich habe verschiedenes an ihm geändert«, antwortete Madame Maloir mit vollem Munde.
Der Hut hatte eine höchst überspannte Fasson, über der Stirn war er weit ausgebogen und mit einer mächtigen Feder bedeckt. Madame Maloir hatte die Gewohnheit, alle ihre Hüte umzuändern; sie allein wußte, was ihr stand, und im Handumdrehen machte sie aus dem elegantesten Kopfputz eine Schlafhaube. Nana, die ihr eben erst diesen Hut gekauft hatte, um sich ihrer auf ihren gemeinschaftlichen Ausgängen nicht schämen zu müssen, wurde beinahe ärgerlich und rief: »So nehmen Sie ihn doch wenigstens ab!«
»Nein, ich danke«, gab die Alte bedächtig zur Antwort, »er hindert mich durchaus nicht, ich esse sehr gern mit dem Hut auf dem Kopf.«
Das Dessert zog sich in die Länge. Zoé trug das Gedeck nicht fort, um den Kaffee zu servieren; die Damen schoben einfach ihre Teller beiseite. Man sprach von nichts anderem als von dem herrlichen Erfolg des gestrigen Abends. Nana drehte Zigaretten; sie rauchte, schaukelte, verkehrt auf dem Stuhl sitzend, und da Zoé im Zimmer blieb und sich, mit den Händen schlenkernd, an den Büfettschrank lehnte, entschloß man sich, ihre Lebensgeschichte anzuhören. Sie war die Tochter einer Hebamme aus Bercy, die sich schlimme Dinge auf den Hals geladen hatte. Anfangs war sie bei einem Zahnarzt, dann bei einem Versicherungsagenten in Dienst gewesen, aber das habe ihr nicht gepaßt; und dann zählte sie mit einem Anflug von Stolz die Namen all der Damen her, denen sie als Zofe Dienste getan. Zoé sprach von diesen Damen wie jemand, der über ihr Glück zu gebieten vermag. Gewiß hätte eine jede von ihnen ohne sie die schönsten Geschichten an den Hals bekommen. So sei zum Beispiel eines Tages Madame Blanche mit Herrn Octave zusammengewesen, als plötzlich der »alte Onkel« sich eingefunden habe; und wie hatte Zoé sich da benommen? Sie hatte getan, als sei sie beim Durchschreiten des Salons ausgeglitten, Onkelchen war zu ihr gestürzt, hatte ihr besorgt ein Glas Wasser aus der Küche geholt, und währenddessen war Herr Octave entschlüpft.
»O ja, sie ist wirklich ein gutes Geschöpf!« meinte Nana, die ihr halb mit Interesse, halb mit unterdrückter Bewunderung zuhörte.
»Ich dagegen muß sagen, daß ich recht viel Malheur gehabt habe«, fing Madame Lerat an.
Und indem sie näher zu Madame Maloir heranrückte, machte sie ihr allerhand vertrauliche Mitteilungen. Sie lutschten zum Zeitvertreib an einem Stück Zucker, das sie in Kognak tauchten. Aber Madame Maloir hörte sich wohl die Geheimnisse der anderen an, ohne indessen jemals über sich selbst etwas auszuplaudern. Man erzählte sich, daß sie ihr Leben von einer mysteriösen Pension in einem Zimmer friste, in das noch niemand Zutritt erhalten hatte.
Plötzlich geriet Nana in Zorn.
»Aber Tante, so spiel' doch nicht mit den Messern ... Du weißt, das bringt mich außer Rand und Band!«
Ohne sich dabei etwas zu denken, hatte Madame Lerat eben zwei Messer kreuzweise auf den Tisch gelegt. Übrigens verwahrte sich Nana entschieden dagegen, daß sie abergläubisch sei; sie legte zum Beispiel keinen Wert darauf, ob Salz umgeschüttet wurde, und auch der Freitag galt ihr wie jeder andere Tag der Woche; aber Messer hatten sie noch nie belogen, gegen diese blieb sie voreingenommen. Ganz gewiß würde ihr nun etwas Widerwärtiges zustoßen. Sie gähnte und sagte dann, aufs äußerste gelangweilt:
»Schon zwei Uhr ... Ich muß jetzt gehen. Nein, wie zuwider mir das ist!«
Die beiden Alten schauten erst einander, dann Zoé an. Alle drei schüttelten, ohne zu sprechen, mißbilligend den Kopf. Ganz sicher war das nicht immer amüsant ... Nana hatte sich abermals in ihren Stuhl zurückgelehnt und steckte sich eine neue Zigarette an, während die beiden anderen diskret, unter philosophischen Betrachtungen, die Lippen zusammenkniffen.
»Während wir auf Sie warten, wollen wir eine Partie ,Mariage' spielen«, meinte Madame Maloir nach einer kurzen Pause des Schweigens. »Sie spielen doch Mariage, Madame?«
Gewiß, Madame Lerat spielte Mariage und noch dazu sehr gut. Es sei völlig unnütz, Zoé zu inkommodieren, die sich bereits entfernt hatte; ein Tischeckchen genüge vollauf, und man schlug die Tischdecke über die noch mit Speiseresten gefüllten Teller zurück. Aber als Madame Maloir jetzt die Karten aus einer Schublade des Büffets hervorlangte, meinte Nana, daß sie vielleicht so freundlich wäre, ihr, bevor sie sich zum Spiel setzte, einen Brief zu schreiben. Nana selbst schrieb nicht gern Briefe, es war ihr einerseits zu langweilig, andererseits war sie in der Orthographie nicht ganz sicher, während ihre alte Freundin seelenvolle Briefe zu schreiben verstand. Sie eilte nach ihrem Schlafzimmer, einen schönen Briefbogen zu holen. Ein Tintenfaß, ein Fläschchen Tinte für drei Sou nebst einer halbverrosteten Feder lagen auf einem Schrank herum. Der Brief war für Daguenet bestimmt. Madame Maloir schrieb mit ihren hübschen, englischen Schriftzügen: »Mein holder kleiner Schatz!« und gab ihm hierauf Nachricht, daß er am nächsten Tage nicht kommen solle, weil »es nicht angeht«, aber »ob fern, ob nah, zu allen Zeiten weile ich in Gedanken bei Dir«.
»Und mit ›tausend Grüße und Küsse‹ werde ich schließen«, murmelte die Alte.
Madame Lerat hatte einen jeden Satz mit einem Nicken ihres Kopfes gebilligt. Ihre Blicke flammten, sie bewegte sich mit ungeheurer Vorliebe in Herzensaffären. Sie wollte auch von ihrem Senf etwas dem Brief anfügen und gluckste, indem sie eine schmachtende Miene aufsetzte:
»Tausend Küsse auf deine schönen Augen!«
»So ist's recht: Tausend Küsse auf deine schönen Augen!« wiederholte Nana, während ein glückseliger Ausdruck über die Gesichter der beiden Alten glitt.
Man klingelte der Zofe, die den Brief einem Dienstmann zur Besorgung übergeben sollte; sie plauderte eben mit einem Theaterdiener, der für Madame eine am Vormittag vergessene Bestellung gebracht hatte. Nana ließ den Mann hereinkommen und bat ihn, auf dem Rückweg den Brief an Daguenet zu besorgen, richtete auch noch mancherlei Fragen an ihn. Oh, Monsieur Bordenave sei überaus zufrieden, das Theater sei schon auf acht volle Tage ausverkauft; Madame könne sich gar nicht denken, wie groß die Zahl der Herren sei, die seit heute morgen sich nach ihrer Wohnung erkundigt hätten. Als der Diener fortgegangen war, meinte Nana, daß sie höchstens eine halbe Stunde ausbleiben werde. Wenn Besucher kämen, sollte Zoé sie bitten, ein Weilchen zu warten. Während sie noch sprach, läutete die elektrische Glocke. Gläubiger Numero eins: der Wagenverleiher pflanzte sich im Vorzimmer auf eine Bank. Der mochte ruhig bis zum Abend seine Daumen drehen, mit dem war's nicht eilig.
»Vorwärts, Nana! Courage!« sprach Nana, die sich träge reckte und gähnte, zu sich selbst. »Ach, wenn ich doch schon unten wäre!«
Aber sie rührte sich noch immer nicht vom Fleck. Sie verfolgte das Spiel ihrer Tante, die eben hundert As angemeldet hatte. Das Kinn in die Hand gestützt, vertiefte sie sich in das Zuschauen. Aber als sie es jetzt drei Uhr schlagen hörte, fuhr sie jäh in die Höhe.
»Donnerwetter!« stieß sie aufgeregt hervor.
Madame Maloir, die ihre Points zählte, sprach ihr mit weicher Stimme Ermutigung zu.
»Meine liebe Kleine, es wäre sicher besser, Sie machten Ihren Gang ohne weiteren Verzug!«
»Gewiß, mach geschwind, dann hast du's vom Halse«, meinte Madame Lerat, indem sie die Karten mischte. »Ich kann ja um halb fünf Uhr noch fahren, wenn du bis vier Uhr mit dem Geld hier bist!«
»Das soll nicht lange dauern!« murmelte Nana leise.
In zehn Minuten hatte sie mit Zoés Hilfe ihr Kleid angezogen und ihren Hut aufgesetzt. Sie fragte nicht danach, ob sie gut angekleidet war oder nicht. Als sie hinuntergehen wollte, läutete es abermals. Diesmal war es der Kohlenhändler. Oh, der mochte nur dem Wagenverleiher Gesellschaft leisten, das würde diese Leute zerstreuen. Lediglich weil sie einen Skandal befürchtete, schritt sie durch die Küche und schlüpfte die Dienstbotentreppe hinab.
»Einer liebenden Mutter verzeiht man alles!« sprach Madame Maloir salbungsvoll, als sie mit Madame Lerat allein war.
»Ich melde achtzig in Rot«, erwiderte diese, ganz vertieft in ihr Spiel.
Beide versenkten sich in eine endlose Partie. Der Tisch war noch nicht abgedeckt. Ein trüber Dunst, halb der Geruch des Frühstücks, halb Zigarettenrauch, füllte das Zimmer. Die beiden Alten tauchten wieder Zucker in Kognak und lutschten. Zwanzig Minuten mochten sie so beim Spielchen gesessen haben, als nach einem dritten Läuten Zoé plötzlich ins Zimmer gerannt kam und sie, als wären sie ihresgleichen, ohne alle Umstände hinausschob.
»Hören Sie! Da läutet's noch einmal ... Sie können hier nicht sitzenbleiben. Wenn viele Leute kommen sollten, brauche ich alle Räume ... Vorwärts, hopp, hopp, marsch!«
Madame Maloir wollte erst die Partie zu Ende spielen, aber da Zoé Miene machte, die Karten ohne weiteres zusammenzupacken, entschloß sie sich, das Spiel fortzunehmen, während Madame Lerat die Kognakflasche, die Gläser und den Zucker hinaustrug. Beide eilten nun nach der Küche, wo sie sich am Tischende zwischen dem zum Trocknen aufgehängten Aufwaschlappen und dem mit Spülwasser gefüllten Scheuerfaß festsetzten.
»Wir hatten dreihundertundvierzig ... An Ihnen ist die Reihe.«
»Ich spiele Herz.«
Als Zoé zurückkam, fand sie die beiden Alten schon wieder ganz in das Spiel vertieft. Madame Lerat mischte die Karten von neuem und fragte nach einer kleinen Pause:
»Wer ist denn da?«
»Oh, niemand!« warf das Dienstmädchen nachlässig hin. »Ein niedliches, junges Bürschchen ... Ich habe ihn erst wegschicken wollen, aber er ist so allerliebst, noch ohne jedes Barthaar, und hat so hübsche blaue Augen und eine wahre Mädchenfigur, daß ich ihm zuletzt doch gesagt habe, er solle warten ... Er hält ein riesiges Bukett in der Hand, das er unter keinen Umständen weglegen will ... Ein grüner Junge, der ruhig noch hinter der Schulbank sitzen sollte! Schläge sollte er bekommen!«
Madame Lerat holte sich eine Karaffe Wasser, um sich einen Grog zu brauen; die Kognakzuckerstückchen hatten ihr ganzes Wesen verändert. Zoé murmelte, daß sie gleich selber ein Glas davon trinken wolle, ihr sei es gallebitter im Munde.
»Wo haben Sie denn den Jüngling untergebracht?«
»Ach, in dem Kabinett hinten, in dem kleinen Zimmer, das noch nicht möbliert ist ... Es steht ein Koffer von Madame drinnen und ein Tisch ... Dorthinein praktiziere ich stets die Gimpel.«
Sie warf sich eben ein tüchtiges Stück Zucker in ihr Glas Grog, als die elektrische Glocke sie abermals rief. Es war doch niederträchtig! Nicht einmal einen ruhigen Schluck konnte man trinken! Das versprach etwas, wenn das Gebimmel schon wieder anging! Indessen eilte sie hinaus, um zu öffnen. Als die Maloir sie bei ihrer Rückkehr fragend anschaute, meinte sie:
»Bah, nichts, nur ein Bukett!«
Alle drei erquickten sich an dem Grog, während sie einander gegenseitig zuprosteten. Plötzlich ertönten zwei neue Glockenschläge, als Zoé endlich den Tisch abräumte und die Schüsseln eine nach der andern auf den Spültisch stellte. Zweimal aber noch wiederholte sie geringschätzig:
»Nichts, nur ein Bukett!«
Während die beiden Alten dann zweimal abhoben, hörten sie lachend der Erzählung Zoé zu, was für ein Gesicht die im Vorzimmer sitzenden Gläubiger gemacht hätten, als die Blumen ankamen. Madame werde die ganze Ankleidetoilette voller Blumen finden. Schade, daß der Kram so teuer sei und daß man keine zehn Sou daraus lösen könne. Im Grunde sei es eben doch hinausgeworfenes Geld.
»Ich wäre zufrieden«, meinte die Maloir, »wenn ich jeden Tag das Geld hätte, das die Pariser Männerwelt auf Blumen für die Frauenzimmer ausgibt.«
»Hm, das glaube ich wohl«, erwiderte die Lerat, »Sie sind gar nicht so dumm! Das wäre ein hübsches Nadelgeld ... Übrigens, meine Liebe, sechzig in Damen.«
Zehn Minuten fehlten noch auf vier Uhr. Zoé war verwundert; sie konnte nicht verstehen, weshalb ihre Herrin so lange ausblieb. Wenn sie sonst am Nachmittag ausgehen mußte, war sie immer kurz und bündig und geschwind fertig. Aber Madame Maloir erklärte, daß man das nicht immer so einrichten könne, wie man gern wolle. Gewiß gebe es manchen Widerhaken im Leben, meinte die Lerat. Das beste sei, zu warten: wenn sich ihre Nichte verspäte, so sei sie eben durch irgendwelche Verrichtungen zurückgehalten, das sei doch klar.
Die Glocke läutete abermals. Als Zoé wieder in die Küche trat, war sie ganz aus dem Häuschen.
»Kinder, denkt euch, der dicke Steiner!« rief sie, die Stimme dämpfend, noch in der Tür. »Er selbst in eigener Person! Ich habe ihn in den kleinen Salon geführt.«
Nun sprach die Maloir von dem Bankier, den die Lerat nicht kannte. Sollte er am Ende gar Lust haben, Rose Mignon sitzenzulassen? Zoé schüttelte den Kopf, sie verstand sich auf solche Dinge. Aber schon mußte sie wieder zur Tür eilen.
»Na, das ist eine schöne Brühe!« meinte sie, als sie zurückkam. »Da ist der Mulatte gekommen! Ich hab' ihm sicher zehnmal gesagt, Madame sei ausgegangen, er hat sich aber im Schlafzimmer festgesetzt ... Wir erwarteten ihn erst gegen Abend.«
Ein Viertel auf fünf war es, und Nana war noch nicht da. Was konnte sie denn vorhaben! Das war doch wahrlich nicht zu fassen. Noch zwei Buketts wurden abgegeben. Zoé, der die Geschichte langweilig zur werden anfing, schaute nach, ob noch etwas Kaffee da war. Ei ja, die Damen hätten zu guter Letzt gern noch ein Täßchen Kaffee geschlürft, das würde die Lebensgeister wieder ein bißchen aufwecken; sie schliefen, auf die Sessel gehockt, ja beinahe schon ein bei dem fortwährenden Kartennehmen und Kartengeben. Es schlug halb. Ganz entschieden war Madame etwas zugestoßen. Plötzlich vergaß sich die Maloir und meldete mit ganz lauter Stimme:
»Ich habe fünfhundert! Die große Quinta in Trumpf!«
»Halten Sie doch den Schnabel!« schrie Zoé zornig. »Was sollen denn all die Herren vorn denken?«
In das leise Gemurmel der beiden sich streitenden Weiber drang von der Dienstbotentreppe her ein Geräusch von raschen Schritten. Endlich kam Nana.
»Na, da bist du ja! Gut, daß kein Unglück geschehen ist!« sagte die Lerat, die noch immer den Ärger über die fünfhundert Points der Maloir nicht überwunden hatte, mit zusammengekniffenen Lippen. »Du kannst dir was einbilden auf die Masse Menschen, die sich deinetwegen hierherpflanzen!«
»Madame ist wirklich nicht gescheit!« setzte Zoé hinzu.
Nana, die ohnehin schon mißgestimmt war, geriet infolge dieser Vorwürfe ganz außer sich. Nach der widerwärtigen Affäre, die sie eben erst durchgemacht hatte, nun hier solch ein Empfang!
»Laßt mich in Ruhe, versteht ihr!« schrie sie.
»Pst, Madame, es sind Leute drinnen!« sagte die Zofe.
Hierauf keuchte Nana, sprach aber schon leiser:
»Ihr glaubt wohl, daß ich mich amüsiert habe? Das nahm überhaupt kein Ende! Ich hätte was drum gegeben, euch dort zu sehen! Ich habe gekocht, ich hätte am liebsten Ohrfeigen ausgeteilt ... Und keine Droschke für die Rückfahrt zu kriegen. Zum Glück ist's nicht weit. Macht aber nichts, ich bin fürchterlich gerannt.«
»Du hast doch Geld?« fragte die Tante.
»Na, welche Frage!« versetzte Nana.
Sie hatte sich auf einen Sessel gesetzt, und ohne Atem zu schöpfen, zog sie aus ihrem Leibchen ein Kuvert, darin vier Hundertfrankennoten steckten. Man sah sie durch einen weiten Spalt, den sie mißtrauisch mit dem Finger gerissen hatte, um sich der Richtigkeit des Inhalts zu versichern. Die drei Frauen um sie her schauten starr auf das Papier, das sie in ihren kleinen behandschuhten Fingern hielt. Es sei zu spät geworden, hieß es, Madame Lerat werde erst am folgenden Tag nach Rambouillet fahren können. Nana erging sich in weitläufigen Auseinandersetzungen.
»Madame, es sind Leute drinnen, die schon lange warten«, wiederholte die Zofe.
Aber Nana vertiefte sich neuerdings in das Gespräch mit Madame Lerat. Die Leute konnten ja warten. Sie wollte ja kommen, gleich, sobald sie nichts mehr zu tun hatte; und als ihre Tante die Hand nach dem Geld ausstreckte, wehrte sie ihr mit den Worten:
»Ach, nicht doch, meine Liebe! Dreihundert Franken bekommt die Amme, fünfzig Franken für dich für die Reise und sonstige Auslagen, das macht dreihundertfünfzig ... Fünfzig Franken behalte ich für mich!«
Die Hauptschwierigkeit war nun, Kleingeld zu bekommen. Es waren keine zehn Franken im Hause. An Madame Maloir, die ohne Interesse zuhörte, brauchte man sich gar nicht erst zu wenden, man wußte, daß sie nie mehr bei sich zu haben pflegte als die zehn Sou für den Omnibus. Endlich mischte sich Zoé in das Gespräch, indem sie meinte, sie wolle in ihrem Koffer nachsehen, und nach wenigen Augenblicken brachte sie die hundert Franken in Hundertsoustücken herbei. Man zählte sie auf einer Ecke des Tisches auf. Madame Lerat ging sogleich fort, nachdem sie versprochen hatte, den kleinen Louis am nächsten Tage herzubringen.
»Du sagst, es sind Leute drinnen?« fragte Nana endlich, die noch immer auf ihrem Stuhl saß und sich ausruhte.
»Ja, Madame, drei Herren.«
Zuerst nannte sie den Bankier. Nana verzog das Gesicht. Ob dieser Steiner glaubte, daß sie sich langweilen lassen wolle, weil er ihr gestern ein Bukett verehrt hatte!
«Übrigens«, erklärte sie, »hab' ich jetzt genug davon! Ich mag keinen mehr sehen. Geh, sag ihnen, daß sie auf mich nicht mehr warten sollen.«
»Madame wird sich's wohl noch überlegen und den Herrn Steiner nicht abweisen«, meinte Zoé leise mit ernster Miene, ohne sich vom Platz zu rühren, ärgerlich darüber, daß sie ihre Herrin bereit sah, noch eine zweite Torheit zu begehen.
Dann sprach sie von dem Walachen, dem allmählich wohl die Zeit in dem Schlafzimmer lang werden mußte. Jetzt weigerte sich Nana wütend, noch hartnäckiger als vorher. Niemanden, niemanden wollte sie sehen! Wer hatte ihr denn ein solches Heftpflaster von Mann auf den Hals gehetzt!
»Wirf sie samt und sonders hinaus! Ich will mit der Maloir jetzt eine Partie Bésigue spielen. Das ist mir zehnmal lieber.«
Das Erklingen der elektrischen Glocke schnitt ihr das Wort ab. Das fehlte noch. Nun noch ein solcher langweiliger Michel mehr! Sie verbot Zoé, zu öffnen. Diese aber, ohne auf ihre Herrin zu hören, war längst aus der Küche gehuscht. Als sie wiederkam, sagte sie in ihrer bestimmten Art, indem sie zwei Karten auf den Tisch legte:
»Ich habe geantwortet, daß Madame heute empfängt. Die Herren warten im Salon.«
Nana war wütend aufgesprungen. Aber die Namen des Marquis de Chouard und des Grafen Muffat de Beuville, die sie auf den Visitenkarten las, stimmten sie ruhig. Einen Augenblick blieb sie schweigend stehen.
»Was sind denn das für Käuze?« fragte sie dann. »Kennst du sie?«
»Ich kenne den alten Herrn«, versetzte Zoé, indem sie auf eine diskrete Art den Mund verzog. Und als sie den fragenden Blick ihrer Herrin noch immer auf sich gerichtet sah, setzte sie hinzu:
»Ich habe ihn schon irgendwo einmal gesehen.«
Dieses Wort schien das junge Frauenzimmer zu bestimmen; sie verließ ungern die Küche, diesen lauwarmen Winkel, in welchem man in dem Duft des auf dem halbausgebrannten Feuer warmstehenden Kaffees behaglich plaudern konnte. Hinter ihrem Rücken setzte sich die Maloir zurecht und legte nun die Karten; sie hatte den Hut noch immer nicht abgenommen, nur, um es sich ein bißchen bequemer zu machen, die Bänder gelöst und sie auf die Schultern zurückgeschlagen.




