Der Bauch von Paris: mehrbuch-Weltliteratur

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Mutter Chantemesse hatte sich entschlossen, zwölf Bund Rüben zu kaufen. Sie hielt sie in ihrer Schürze auf dem Bauch, wodurch ihre breite Taille noch umfangreicher wurde; und sie blieb noch da, unausgesetzt schwatzend mit ihrer schleppenden Stimme. Als sie gegangen war, setzte sich Frau François wieder zu Florent und erzählte:
»Die arme Mutter Chantemesse, mindestens zweiundsiebzig ist sie. Ich war noch ein kleines Mädchen, als sie schon bei meinem Vater ihre Kohlrüben kaufte. Und keinen Verwandten hat sie um sich, niemand außer einem Weibsstück, das sie, ich weiß nicht wo, aufgelesen hat und von dem sie bis aufs Blut gequält wird ... Schlägt sich kümmerlich durch, verkauft ein bißchen und verdient noch ihre vierzig Sous den Tag ... Ich könnte nicht in diesem verfluchten Paris von morgens bis abends auf einem Bürgersteig sitzen. Wenn man hier wenigstens Verwandte hätte!« Und da Florent nichts sagte, fragte sie ihn: »Sie haben Ihre Familie in Paris, nicht wahr?«
Er schien nicht zu hören. Sein Mißtrauen kehrte wieder. Er hatte den Kopf voll von Geschichten über die Polizei, über Spitzel, die an jeder Straßenecke lauerten, über Weiber, die armen Teufeln Geheimnisse entlockten und für Geld preisgaben. Sie saß ganz dicht bei ihm und wirkte mit ihrem großen ruhigen Gesicht, das ein schwarzgelbes Seidentuch über der Stirn straff umspannte, durchaus rechtschaffen auf ihn. Sie mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, war ein bißchen stark, aber schön infolge ihres Lebens in der frischen Luft; ihre Robustheit wurde durch die wohlwollende Zärtlichkeit ihrer schwarzen Augen gemildert. Sie war sicherlich sehr neugierig, aber mit einer Neugier, die völlig gutmütig zu sein schien.
Ohne Florents Schweigen übelzunehmen, fuhr sie fort:
»Ich hatte in Paris einen Neffen. Er ist nicht gut eingeschlagen, ist freiwillig zu den Soldaten gegangen ... Immerhin, es ist gut, wenn man weiß, wo man bleiben kann. Ihre Angehörigen werden wohl sehr überrascht sein, Sie zu sehen. Und das ist eine Freude, wenn einer wiederkommt, nicht wahr?« Beim Reden ließ sie ihn nicht aus den Augen; zweifellos hatte sie Mitleid mit seiner entsetzlichen Magerkeit, fühlte, daß unter seinen jämmerlichen schwarzen alten Sachen ein »Herr« steckte, und wagte nicht, ihm eine Silbermünze in die Hand zu drücken. Schließlich meinte sie schüchtern: »Wenn Sie inzwischen irgend etwas brauchen sollten ...«
Aber er lehnte mit unruhigem Stolz ab, sagte, er habe alles, was er brauche, und wisse, wo er hingehen könne.
Sie schien froh darüber und wiederholte mehrmals, wie um sich selber über sein Schicksal zu beruhigen:
»Nun ja, dann brauchen Sie ja bloß zu warten, bis es Tag wird.«
Über Florents Kopf begann eine mächtige Glocke an der Ecke der Obsthalle zu läuten. Ihre langsamen und regelmäßigen Schläge schienen nach und nach den auf den Steinplatten herumliegenden Schlaf zu verscheuchen. Es trafen immer noch Wagen ein; die Rufe der Fuhrleute, das Knallen der Peitschen, das Zermalmen des Pflasters unter den eisenbeschlagenen Rädern und den Hufen der Pferde – das alles schwoll an; die Wagen kamen nur noch ruckweise vorwärts, bildeten eine Reihe, erstreckten sich, weiter als der Blick reichte, in grauen Gliedern, aus denen verworrenes Getöse aufstieg. Die ganze Rue du PontNeuf entlang wurde abgeladen, wobei die Karren mit dem Hinterteil gegen die Rinnsteine stießen und die Pferde reglos und dicht nebeneinander aufgestellt wie beim Viehmarkt dastanden. Florent fiel ein riesiger, mit Kot bespritzter Wagen auf, der mit prächtigem Kohl beladen war und sich nur mit großer Mühe an den Bürgersteig zurückschieben ließ; die Fuhre überragte eine unheimlich lange Gaslaterne, die daneben aufgestellt war und deren volles Licht auf den Haufen großer Blätter fiel, die umgeschlagen waren wie Rockschöße aus zugeschnittenem und gaufriertem grobem grünem Samt. Ein Bauernmädchen von etwa sechzehn Jahren in kurzer Jacke und blauer Leinenhaube, das auf den Karren geklettert war und dem der Kohl bis zu den Schultern reichte, ergriff die Köpfe einen nach dem andern und warf sie jemand unten zu, den das Dunkel verbarg. Hin und wieder verlor sich die Kleine unter dieser Lawine, in der sie untertauchte, ausglitt und verschwand; dann erschien ihr rosiges Näschen wieder inmitten des dichten Grüns, und die Kohlköpfe begannen von neuem zwischen der Gaslaterne und Florent vorbeizufliegen. Mechanisch zählte er sie. Als der Wagen leer war, verdroß ihn das.
Auf dem Pflaster erstreckten sich jetzt die abgeladenen Haufen bis zum Fahrdamm. Zwischen den einzelnen Haufen sparten die Gemüsebauern enge Pfade aus, damit die Leute durchgehen konnten. Der ganze breite Bürgersteig war von einem Ende zum andern mit den dunklen Gemüsehöckern bedeckt. In dem jähen und ungleichmäßigen Licht der Laternen war zunächst nur die fleischige Blütenpracht eines Bündels Artischocken, das zarte Grün von Salaten, das Korallenrot der Möhren, das matte Elfenbein der Kohlrüben zu sehen; und dieses Aufblitzen lebhafter Farben lief unter den Laternen die Haufen entlang. Der Bürgersteig hatte sich belebt; eine Menschenmenge erwachte und erging sich, redend, rufend, stehenbleibend, zwischen den Waren. Von weitem rief eine laute Stimme: »He! Schikoree!« Soeben waren die Gittertore der Halle für Grobgemüse geöffnet worden. In weißer Haube und über dem schwarzen Mieder geknotetem Brusttuch, die Röcke aufgeschürzt und mit Nadeln befestigt, um sich nicht zu beschmutzen, deckten die Händlerinnen dieser Halle ihren Tagesbedarf und beluden mit ihren Einkäufen die großen, auf der Erde stehenden Kiepen der Träger. Inmitten von zusammenstoßenden Köpfen, von Schimpfworten, des Lärms von Stimmen, die sich heiser schrien beim viertelstundenlangen Feilschen um einen Sou, wurde das Hin und Her von Kiepen zwischen Halle und Fahrdamm stärker. Und Florent wunderte sich über die Ruhe der Gemüsebäuerinnen mit ihren halbseidenen Kopftüchern und ihrer sonnenverbrannten Haut in diesem schwatzhaften Gezänk der Markthallen.
Hinter ihm wurde auf dem Pflaster der Rue Rambuteau Obst verkauft. Reihen von Körben mit und ohne Henkel standen ausgerichtet da, mit Stroh oder Leinwand zugedeckt; und es roch nach überreifen Mirabellen. Eine sanfte und ruhige Stimme, die er schon eine Weile hörte, ließ ihn den Kopf wenden. Er erblickte eine entzückende kleine brünette Frau, die auf der Erde saß und feilschte.
»Nun sag schon, Marcel, verkaufst du's für hundert Sous?«
Der in seinen Mantel vergrabene Mann gab keine Antwort, und nach fünf langen Minuten begann die junge Frau wieder:
»Also, Marcel, hundert Sous für diesen Korb hier und vier Francs für den andern macht zusammen neun Francs, die du zu bekommen hast?«
Erneut trat Schweigen ein.
»Was hast du nun also zu bekommen?«
»Ach was! Zehn Francs! Du weißt es doch; ich habe es dir bereits gesagt ... Und dein Jules, was machst du mit ihm, Sarriette?«
Die junge Frau lachte auf und holte eine große Handvoll Geld hervor.
»Ach!« entgegnete sie. »Der schläft bis in den hellichten Tag ... Er behauptet, daß die Männer nicht zum Arbeiten geschaffen sind.« Sie bezahlte und trug die beiden Körbe in die Obsthalle, die eben geöffnet wurde.
Die Markthallen bewahrten ihre schwarze Schwerelosigkeit mit den tausend Flammenstreifen der Jalousien; Leute zogen durch die breiten, überdachten Straßen, während die weiter entfernten Hallen inmitten des zunehmenden Gewimmels auf den Bürgersteigen menschenleer blieben. An der Pointe SaintEustache nahmen die Bäcker und Weinhändler ihre Fensterläden ab; längs der grauen Häuser wirkten die roten Kaufläden mit ihren brennenden Gaslampen wie Löcher in der Finsternis. Florent betrachtete links in der Rue Montorgueil eine Bäckerei, die ganz angefüllt und ganz vergoldet war mit frischem Gebäck, und er glaubte geradezu den guten Duft des warmen Brotes zu spüren. Es war halb fünf.
Inzwischen war Frau François ihre Ware losgeworden. Es blieben ihr noch einige Bund Möhren, als Lacaille mit seinem Sack wieder erschien.
»Na, geht es für einen Sou?« fragte er.
»Ich war sicher, daß Sie noch einmal zurückkommen«, antwortete die Frau ruhig. »Also nehmen Sie meinen Rest. Es sind siebzehn Bund.«
»Das macht siebzehn Sous?«
»Nein, vierunddreißig.«
Sie einigten sich auf fünfundzwanzig. Frau François wollte nach Hause. Als sich Lacaille mit den Möhren in seinem Sack entfernt hatte, sagte sie zu Florent:
»Sehen Sie, er hat mir aufgelauert. Auf dem ganzen Markt feilscht er herum, ohne etwas zu kaufen; manchmal wartet er bis zum letzten Glockenschlag, um für vier Sous Ware zu erstehen ... Ach, diese Pariser! Die streiten sich wegen eines halben Sous und gehen dann zum Weinausschank ihr ganzes Geld versaufen.«
Wenn Frau François über Paris sprach, war sie voller Spott und Geringschätzung; sie behandelte es als eine weit entlegene, durch und durch lächerliche und verachtungswürdige Stadt, in die sie nur nachts den Fuß zu setzen gesonnen war.
»Jetzt kann ich fortgehen«, redete sie weiter und setzte sich wieder neben Florent auf das Gemüse einer Nachbarin.
Florent senkte den Kopf, er hatte eben einen Diebstahl verübt. Als Lacaille davongegangen war, hatte er auf dem Erdboden eine Möhre liegen sehen. Er hatte sie aufgehoben und hielt sie in seiner rechten Hand umklammert. Hinter ihm verströmten Selleriebündel und Petersilienhaufen verwirrende Gerüche, die ihn an der Kehle packten.
»Ich werde jetzt gehen«, wiederholte Frau François.
Sie nahm Anteil an diesem Unbekannten; sie fühlte, wie er litt auf diesem Bürgersteig, von dem er sich nicht weggerührt hatte. Sie bot ihm von neuem ihre Hilfe an, aber er lehnte wieder ab mit noch starrerem Stolz als vorher. Er stand sogar auf, hielt sich gerade, um zu beweisen, daß er munter und guter Dinge war. Und als sie den Kopf wandte, steckte er die Möhre in den Mund. Aber er mußte sie einen Augenblick still halten, trotz des schrecklichen Verlangens, mit den Zähnen zuzubeißen; die Bäuerin blickte ihm wieder ins Gesicht und stellte ihm mit der Neugierde einer biederen Frau Fragen. Um nicht zu sprechen, antwortete er mit Kopfbewegungen. Dann aß er vorsichtig und langsam die Möhre.
Die Gemüsebäuerin schickte sich entschieden an aufzubrechen, als dicht neben ihr eine laute Stimme sagte:
»Guten Morgen, Madame François.«
Es war ein dürrer, bärtiger Bursche mit groben Knochen, einem mächtigen Kopf, feiner Nase und kleinen hellen Augen. Er trug einen schwarzen, fuchsig gewordenen Filzhut, der seine Form verloren hatte, und war tief in einen riesigen Überzieher eingeknöpft, der einst zart kastanienbraun gewesen war und den der Regen in langen breiten grünlichen Streifen verfärbt hatte. Ein wenig gebeugt und von dem üblichen Schauer nervöser Unruhe geschüttelt, blieb er wie festgewurzelt in seinen groben Schnürschuhen stehen, und seine zu kurzen Hosen ließen seine blauen Strümpfe sehen.
»Guten Morgen, Herr Claude«, antwortete freundlich die Gemüsebäuerin. »Sie wissen, ich habe Sie am Montag erwartet; und weil Sie nicht gekommen sind, habe ich Ihr Bild in Verwahrung genommen und in meiner Stube an einem Nagel aufgehängt.«
»Sie sind zu gütig, Madame François; dieser Tage werde ich meine Studie beendigen kommen ... Am Montag konnte ich nicht ... Hat Ihr großer Pflaumenbaum noch alle seine Blätter?«
»Gewiß.«
»Ich will ihn nämlich in eine Ecke des Bildes setzen. Links vom Hühnerstall wird er sich gut machen. Die ganze Woche habe ich darüber nachgedacht ... Ah! Das schöne Gemüse heute morgen! Ich bin früh heruntergekommen, weil ich ahnte, daß es über diesen Bergen von Kohl einen herrlichen Sonnenaufgang geben wird.« Er zeigte mit einer Handbewegung auf die ganze Länge des Pflasters.
Die Gemüsebäuerin sagte noch:
»Nun also, ich gehe. Lebt wohl ... Auf bald, Herr Claude!« Und als sie aufbrach, stellte sie Florent dem jungen Maler vor: »Das hier ist ein Herr, der von weither zurückkommt, wie es scheint, und der sich in Ihrem lumpigen Paris nicht mehr zurechtfindet. Vielleicht können Sie ihm eine richtige Auskunft geben.« Endlich ging sie, glücklich, die beiden Männer zusammen zurückzulassen.
Claude betrachtete Florent mit Anteilnahme; diese lange, dünne und schwankende Gestalt kam ihm irgendwie eigentümlich vor. Die Vorstellung durch Frau François genügte; und mit der Unbefangenheit eines an zufällige Begegnungen jeder Art gewöhnten Straßenbummlers meinte er gelassen zu ihm:
»Ich werde Sie begleiten. Wohin gehen Sie?«
Florent blieb gehemmt. Er war wenig mitteilsam; aber seit seiner Ankunft hatte er eine Frage auf den Lippen. Endlich wagte er sich damit hervor; er fragte und hatte dabei Angst vor einer verdrießlichen Antwort:
»Ist die Rue Pirouette noch vorhanden?«
»Natürlich«, sagte der Maler. »Ein höchst reizvoller Winkel des alten Paris, diese Straße! Sie dreht sich wie eine Tänzerin, und die Häuser da haben Bäuche schwangerer Frauen ... Ich habe von dieser Straße eine Radierung gemacht, die nicht allzu schlecht ist. Wenn Sie zu mir kommen, zeige ich sie Ihnen ... Dorthin wollen Sie also?«
Erleichtert und aufgemuntert durch die Nachricht, daß die Rue Pirouette noch vorhanden war, beteuerte Florent, er wolle nicht dorthin, und versicherte, er müsse nirgendwohin. Sein ganzes Mißtrauen erwachte wieder bei Claudes Beharrlichkeit.
»Das macht nichts«, erklärte der, »gehen wir trotzdem zur Rue Pirouette. Nachts ist sie von einer Farbe! Kommen Sie, es sind nur zwei Schritt.«
Florent mußte ihm folgen. Sie gingen Seite an Seite wie zwei Kameraden und stiegen dabei über die Körbe und das Gemüse hinweg. Auf dem Pflaster der Rue Rambuteau lagen riesige Stapel von Blumenkohlköpfen, die mit überraschender Regelmäßigkeit wie Kanonenkugeln aufgeschichtet waren. Das weiße und zarte Fleisch des Kohls erblühte wie ungeheure Rosen inmitten der dicken grünen Blätter, und die Haufen glichen auf Riesenblumentischen aufgereihten Brautsträußen. Claude blieb stehen und stieß leise Bewunderungsrufe aus.
Dann zeigte er auf die vor ihnen liegende Rue Pirouette und erklärte jedes Haus. Eine einzige Gaslaterne brannte an einer Ecke. Die zusammengehäuften, ausgebauchten Häuser streckten unten ihre Regenschutzdächer vor die »Bäuche schwangerer Frauen«, wie sich der Maler ausgedrückt hatte, neigten sich mit ihren Giebeln zurück und stützten sich gegenseitig mit den Schultern. Drei oder vier dagegen, die ganz hinten in dem dunklen Loch standen, schienen jeden Augenblick auf die Nase fallen zu wollen. Die Gaslaterne beleuchtete eines davon, das ganz weiß und neu getüncht war, mit seiner Gestalt einer alten gebrechlichen und schlaff gewordenen Frau, die über und über weiß gepudert und grell geschminkt ist wie ein junges Mädchen. Dahinter erstreckte sich die verbeulte Reihe der anderen und versank in tiefes Schwarz, rissig und grün geworden durch den abfließenden Regen, und in solch einem Durcheinander von Farben und Formen, daß Claude vor Entzücken darüber lachte. Florent war an der Ecke der Rue Mondétour gegenüber dem vorletzten Haus zur Linken stehengeblieben. Die drei Stockwerke mit ihren zwei Fenstern ohne Jalousien und ihren kleinen weißen, hinter den Scheiben sorgfältig zugezogenen Vorhängen schliefen. Oben ging hinter den Vorhängen eines schmalen Giebelfensters ein Licht hin und her. Aber der Laden unter dem Regenschutzdach schien Florent in ungewöhnliche Erregung zu versetzen. Eben wurde er geöffnet. Es war ein Laden, in dem es gekochtes Gemüse gab. Im Hintergrund glänzten Kochkessel. Spinat und Schikoreepasteten in Terrinen auf dem Auslagetisch waren abgerundet und liefen spitz aus, bereits aufgeschnitten mit kleinen Schaufeln, von denen nur der blanke Metallgriff zu sehen war. Bei diesem Anblick blieb Florent wie festgenagelt stehen. Er erkannte den Laden wohl nicht wieder. Er las den Namen des Kaufmanns Godebœuf auf einem roten Schild und verharrte bestürzt. Die Arme hängen lassend, betrachtete er die Spinatpasteten mit dem verzweifelten Gesicht eines Menschen, dem ein außerordentliches Mißgeschick widerfährt.
Inzwischen hatte sich das Giebelfenster geöffnet; eine kleine alte Frau beugte sich heraus, blickte nach dem Himmel und dann weiter zu den Markthallen hinüber.
»Sieh einmal an! Mademoiselle Saget ist ja früh auf«, sagte Claude, der in die Höhe gesehen hatte. Und er fügte hinzu, sich an seinen Begleiter wendend: »Ich habe eine Tante in diesem Hause gehabt. Das ist hier vielleicht eine Klatschbude ... Ah! Jetzt regt es sich bei Méhudins; im zweiten Stock brennt Licht.«
Florent wollte Fragen an ihn richten, aber er fand ihn besorgniserregend in seinem weiten, verschossenen Mantel; er folgte ihm weiter, ohne ein Wort zu sagen, während der andere von Méhudins erzählte. Sie seien Fischhändlerinnen. Die ältere sei prachtvoll, die jüngere, die Süßwasserfische verkaufe, ganz blond und ähnele inmitten ihrer Karpfen und Aale einer Madonna von Murillo. Und ärgerlich bemerkte er dabei, daß Murillo8 doch wie ein toller Bursche male. Dann blieb er plötzlich mitten auf der Straße stehen:
»Also, wohin gehen Sie nun eigentlich?«
»Ich will im Augenblick nirgendwohin«, antwortete Florent niedergedrückt. »Gehen wir, wohin Sie wollen.«
Als sie aus der Rue Pirouette kamen, wurde Claude von einer Stimme hinten aus dem Laden eines Weinhändlers an der Ecke angerufen. Claude trat ein und zog Florent mit sich. Nur an der einen Seite waren die Fensterläden abgenommen. Das Gas brannte in der noch schläfrigen Luft des Raums; ein vergessener Lappen und Karten vom Abend vorher lagen auf den Tischen herum, und der Luftzug von der großen offenen Tür drang frisch und scharf in den warmen, eingeschlossenen Weindunst. Der Wirt, Herr Lebigre, bediente die Gäste in einer Unterjacke, seine Bartkrause noch ganz zerzaust und sein grobes, regelmäßiges Gesicht ganz blaß vom Schlaf. Männer mit blauen Rändern um die Augen standen in Gruppen vor der Theke, tranken hustend und spuckend und machten sich mit Weißwein und Schnaps vollends wach. Florent erkannte Lacaille, dessen Sack jetzt von Gemüse überquoll. Er war bei der dritten Runde mit einem Kumpel, der lang und breit vom Kauf eines Korbes Kartoffeln erzählte. Als er sein Glas geleert hatte, ging er mit Herrn Lebigre in ein kleines verglastes Gelaß im Hintergrund, wo das Gas nicht angezündet war, etwas besprechen.
»Was wollen Sie trinken?« fragte Claude Florent.
Beim Eintreten hatte er dem Mann, der ihn hereingerufen, die Hand geschüttelt. Es war dies ein kräftiger, gut aussehender Bursche von höchstens zweiundzwanzig Jahren, der rasiert war, nur einen kleinen Schnurrbart trug und fidel aussah mit seinem weiten kreidebeschmierten Hut und seinem Nackenschutz aus Teppichstoff, dessen Gurte seine blaue Jacke zusammenschnürten. Claude redete ihn mit Alexandre an, schlug ihm auf die Arme und fragte ihn, wann sie nach Charentonneau gehen würden. Und sie sprachen von einem großen Ausflug, den sie zusammen in einem Boot auf der Marne unternommen hatten. Am Abend hatten sie dann Kaninchen gegessen.
»Also, was trinken Sie?« fragte Claude von neuem.
Florent sah sehr verlegen auf die Theke. An dem einen Ende wurden mit Kupferreifen versehene Teekannen mit Punsch und Glühwein über den kleinen blauen und rosa Flammen eines Gaskochers heiß gemacht. Er gestand schließlich, daß er gern etwas Heißes zu sich nehmen würde. Herr Lebigre brachte drei Gläser Punsch. Bei den Teekannen stand ein Korb mit Butterbrötchen, die soeben gebracht worden waren und noch dampften. Aber die anderen nahmen nicht davon, und Florent trank sein Glas Punsch; er fühlte das Getränk in seinen leeren Magen hinabfallen wie einen Strahl geschmolzenes Blei. Alexandre bezahlte.
»Ein guter Kerl, dieser Alexandre«, meinte Claude, als sie beide wieder auf dem Bürgersteig der Rue Rambuteau standen. »Bei Ausflügen aufs Land ist er sehr spaßig; er macht Kraftstücke. Außerdem ist er prachtvoll, der Bengel; ich habe ihn nackt gesehen, und wenn er mir Modell stehen wollte im Freien ... Jetzt wollen wir, wenn Sie mögen, einen Gang durch die Markthallen machen.«
Florent folgte ihm und ließ sich völlig willenlos führen. Ein heller Schein hinten in der Rue Rambuteau kündigte den Tag an. Die mächtige Stimme der Markthallen grollte lauter; für Augenblicke durchschnitten Glockenschläge aus einer entfernten Halle diesen rollenden und anschwellenden Lärm. Die beiden betraten eine der überdachten Straßen zwischen der Seefischhalle und der Geflügelhalle. Florent blickte hoch und betrachtete das hohe Gewölbe, dessen innere Holzverkleidung zwischen den schwarzen Kanten der Eisengerüste aufleuchtete. Als er in den großen Mittelgang einbog, mußte er an eine seltsame Stadt denken mit ihren unterschiedlichen Vierteln, ihren Vorstädten, ihren Dörfern, ihren Promenaden und ihren Straßen, ihren Plätzen und ihren Kreuzungen, die aus einer gigantischen Laune heraus an einem Regentage ganz und gar unter einen Schuppen gebracht worden ist. Der in den Ausbuchtungen des Daches schlummernde Schatten vervielfachte den Wald der Pfeiler, dehnte die zarten Rippen, die sich abhebenden Emporen und die durchsichtigen Jalousien ins Unendliche; und über der Stadt bis in die Tiefe des Dunkels hinein war alles ein Wuchern, ein Blühen, ein ungeheuerliches Entfalten von Metall, dessen spindelartig hochsteigende Stämme, dessen sich windende und einander umschlingende Äste eine Welt mit dem anmutigen Laub eines hundertjährigen Hochwaldes bedeckten. Ganze Viertel schliefen noch hinter ihren verschlossenen Gittern. In der Butterhalle und der Geflügelhalle standen die kleinen vergitterten Stände in einer Linie und dehnten sich die menschenleeren Gassen unter den Reihen der Gaslaternen. Soeben war die Seefischhalle geöffnet worden. Frauen schritten über die weißen, vom Schatten der Körbe und liegengelassener Lappen gefleckten Steinplatten. Beim Grobgemüse, bei den Blumen und beim Obst wurde der Lärm immer stärker. Nach und nach erfaßte das Erwachen die Stadt, von dem volkreichen Viertel an, wo sich der Kohl von vier Uhr morgens an aufhäuft, zum trägen und reichen Viertel, an dessen Häusern die Masthühnchen und Fasanen erst gegen acht Uhr aufgehängt werden.
In den großen überdachten Straßen aber strömte das Leben. Längs der Bürgersteige standen auf beiden Seiten noch die Gemüsebauern, kleine Landwirte, die aus der Umgebung von Paris gekommen waren und in Körben ihre Ernte vom Abend vorher ausbreiteten, ein paar Bund Gemüse, einige Handvoll Obst. Mitten durch das unaufhörliche Hin und Her der Menge fuhren die Wagen, den dröhnenden Trapp ihrer Pferde verlangsamend, in die Gewölbe ein. Zwei von diesen Wagen, die man quer hatte stehenlassen, versperrten die Straße. Florent mußte sich, um vorbeizukommen, auf einen der grauen Säcke stützen, die aussahen wie Kohlensäcke und unter deren riesiger Last sich die Wagenachsen bogen. Die Säcke waren feucht und strömten einen frischen Duft nach Seetang aus; einer von ihnen, der an einem Ende geplatzt war, ließ einen schwarzen Haufen großer Miesmuscheln herausrutschen. Bei jedem Schritt mußten sie jetzt stehenbleiben. Die Seefische trafen ein; die Lastwagen folgten einer auf den andern und fuhren hohe Holzgestelle mit Deckelkörben heran, die die Eisenbahn vollbeladen vom Ozean herbringt. Um dem immer dichter und beunruhigender werdenden Gedränge der Wagen mit den Seefischen auszuweichen, flüchteten sie sich zwischen die Räder der Wagen mit Butter, Eiern und Käse, großen gelben vierspännigen Fuhrwerken mit bunten Laternen. Lastträger bemächtigten sich der Kisten mit Eiern, der Körbe mit Käse und Butter und brachten sie in die Versteigerungshalle, wo Angestellte in Mützen beim Schein des Gaslichts in kleine Notizbücher Eintragungen machten. Claude war entzückt von diesem Getümmel; er vergaß alles um sich bei einer Lichtwirkung, bei einer Gruppe Kittel, beim Abladen eines Wagens. Endlich rissen sie sich los. Da sie noch immer die große Straße hinuntergingen, schritten sie in einem herrlichen Duft dahin, der um sie her aufstieg und ihnen zu folgen schien. Sie befanden sich mitten im Schnittblumenmarkt. Rechts und links auf dem Pflaster saßen Frauen, vor sich viereckige Körbe voller Bunde von Rosen, Veilchen, Dahlien, Margeriten. Die Bunde wurden düster gleich Blutflecken und erbleichten sanft in ungemein zarten silbrigen grauen Tönungen. Neben einem Korb brannte eine Kerze und brachte in all das Schwarz ringsum einen gellenden Farbensang, die lebhaften weißen Flecken der Margeriten, das blutige Rot der Dahlien, das Blau der Veilchen, die lebendige Sinnlichkeit der Rosen. Und nichts war süßer und frühlingshafter als die Liebkosungen dieses Duftes, die einem auf dem Bürgersteig begegneten, wenn man aus den scharfen Ausdünstungen der Seefische und dem verpesteten Geruch von Butter und Käse kam.



