Der Bauch von Paris: mehrbuch-Weltliteratur

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Claude und Florent gingen schlendernd wieder zurück und verweilten inmitten der Blumen. Neugierig blieben sie vor Frauen stehen, die Farnkrautbündel und Päckchen von Weinblättern, schön regelmäßig je fünfundzwanzig zusammengelegt, verkauften. Dann bogen, sie in ein überdachtes Straßenstück ein, das fast menschenleer war und in dem ihre Schritte wie unter einem Kirchengewölbe hallten. Dort fanden sie ein ganz kleines Eselchen, das vor einen Wagen, so groß wie ein Handkarren, gespannt war, sich zweifellos langweilte und bei ihrem Anblick so laut und langgedehnt zu schreien begann, daß die riesigen Bedachungen der Markthallen davon erzitterten. Pferdewiehern antwortete; es gab ein Stampfen, ein Getöse in der Ferne, das anschwoll, weiterrollte und sich verlor. Inzwischen sah man ihnen gegenüber in der Rue Berger in den weit offenstehenden kahlen Buden der Makler im grellen Schein des Gaslichts zwischen den drei schmutzigen, mit Bleistiftadditionen bedeckten Wänden Haufen von Körben und Obst. Und als sie dort waren, bemerkten sie eine gutgekleidete Dame, die mit dem Ausdruck glücklicher Ermattung in der Ecke einer mitten im Gedränge des Fahrdamms verlorenen Kutsche kuschelte und sich heimlich aus dem Staube machte.
»Aschenbrödel, das ohne Pantoffeln heimkehrt«, meinte Claude mit einem Lächeln.
Als sie nun in die Markthallen zurückgingen, plauderten sie. Die Hände in den Taschen, pfiff Claude vor sich hin und erzählte von seiner großen Liebe für die Nahrungsmittelflut, die jeden Morgen mitten in Paris ansteigt. Ganze Nächte streife er auf dem Pflaster herum und träume von riesigen Stilleben und unerhörten Gemälden. Eins habe er sogar angefangen, zu dem ihm sein Freund Marjolin und diese Hure Cadine Modell gestanden hatten; aber es sei schwer, es sei zu schön, diese verteufelten Gemüse und das Obst und die Fische und das Fleisch! Florent lauschte der Begeisterung des Künstlers, während sich ihm der Bauch zusammenkrampfte. Offenbar dachte Claude in diesem Augenblick nicht einmal daran, daß diese schönen Dinge zum Essen da waren. Er liebte sie wegen ihrer Farben. Plötzlich schwieg er, zog mit einer ihm eigentümlichen Bewegung den langen roten Gürtel, den er unter seinem grünlichen Überzieher trug, enger und fuhr mit verschmitzter Miene fort:
»Außerdem frühstücke ich hier, wenigstens mit den Augen, und das ist immer noch besser, als gar nichts zu sich zu nehmen. Manchmal, wenn ich am Abend vorher zu essen vergessen habe, verderbe ich mir am nächsten Morgen den Magen, wenn ich all diese guten Dinge ankommen sehe. An solchen Morgen hege ich noch mehr Liebe für mein Gemüse ... Nein, sehen Sie, es ist empörend, es ist ungerecht, daß diese verfluchten Bourgeois das alles auffressen!«
Er erzählte von einem Abendessen, das ein Freund bei Baratte für ihn an einem glanzvollen Tag bezahlt hatte; es hatte Austern gegeben, Fisch, Wild. Aber Baratte sei sehr heruntergekommen; der ganze Karneval des alten Marché des Innocents9 sei jetzt zu Grabe getragen. Man habe ihn in den Zentralmarkthallen, in diesem Eisenkoloß, in dieser neuen, so eigenartigen Stadt. Die Schwachköpfe mochten sagen, was sie wollten, das ganze Zeitalter sei da enthalten. Und Florent wußte nicht mehr, ob er die malerische Gegend oder das gute Essen bei Baratte verwünschte. Dann schimpfte Claude auf die Romantik; er zog seine Kohlhaufen dem Plunder des Mittelalters vor. Schließlich warf er sich seine Radierung von der Rue Pirouette vor wie eine Schwäche. Die alten Buden solle man dem Erdboden gleichmachen und Modernes schaffen.
»Hier«, sagte er stehenbleibend, »sehen Sie an der Ecke des Bürgersteigs! Ist das nicht ein richtiges Gemälde, das menschlicher wäre als deren vermaledeite schwindsüchtige Malereien?«
Längs der überdachten Straße verkauften Frauen jetzt Kaffee und Suppe. An der Ecke des Bürgersteigs hatte sich um eine Händlerin, die Kohlsuppe ausschenkte, ein großer Kreis von Kunden gebildet. Der verzinnte Weißblecheimer mit Brühe dampfte auf einem kleinen, niedrigen Kohlenbecken, dessen Löcher einen fahlen Glutschein ausstrahlten. Die Frau war mit einem Schöpflöffel ausgerüstet, schwappte die Suppe in gelbe Tassen und entnahm einem mit Leinwand ausgeschlagenen Korb dünne Brotscheiben. Sehr reinliche Händlerinnen, Gemüsebauern in Kitteln, schmutzige Lastträger in Überziehern, die von den auf den Schultern herumgeschleppten Lebensmittelladungen speckig waren, zerlumpte arme Teufel, alle, die morgens Hunger hatten in den Markthallen, standen dort, aßen, verbrannten sich, streckten das Kinn ein wenig vor, um sich nichts vom Löffel auf die Kleidung tropfen zu lassen. Entzückt kniff der Maler die Augen zusammen und suchte den Blickpunkt, um das Gemälde auf eine gute Gesamtwirkung hin zu gliedern. Aber diese verteufelte Kohlsuppe verbreitete einen entsetzlichen Gestank. Belästigt durch die vollen Tassen, die die Essenden stillschweigend mit dem scheelen Blick mißtrauischer Tiere leerten, wandte Florent den Kopf ab. Claude selber wurde mürbe, als die Frau einen Neuangekommenen bediente und ihm der starke Dampf eines Löffels voll Suppe mitten ins Gesicht wehte.
Lächelnd und unwillig zog er seinen Gürtel enger; beim Weitergehen meinte er dann, auf das von Alexandre gespendete Glas Punsch anspielend, halblaut zu Florent:
»Das ist komisch. Es muß Ihnen auch schon aufgefallen sein? – Immer findet man jemand, der einem was zu trinken bezahlt, aber man begegnet niemand, der einem was zu essen bezahlt.«
Der Tag brach an. Am Ende der Rue de la Cossonnerie standen ganz schwarz die Häuser des Boulevard Sébastopol; und oberhalb der deutlichen Linie der Schieferdächer schnitt das hohe Bogengerüst der großen überdachten Straße einen Halbmond von Helligkeit aus dem fahlen Blau. Claude hatte sich über einige vergitterte Luken gebeugt, die sich in Höhe des Bürgersteigs über den Kellertiefen auftaten, in denen trübe Gaslichter brannten, und schaute jetzt zwischen den hohen Pfeilern hindurch in die Luft und suchte etwas auf den blau wirkenden Dächern am Rande des hellen Himmels. Schließlich blieb er abermals stehen, die Augen auf eine der dünnen eisernen Leitern gerichtet, die die beiden Dachgeschosse miteinander verbinden und den Zugang zu ihnen ermöglichen.
Florent fragte ihn, was er da oben sehe.
»Dieser verteufelte Marjolin«, sagte der Maler, ohne darauf zu antworten. »Sicher liegt er in irgendeiner Dachrinne, wenn er nicht gar die Nacht mit den Tieren im Geflügelkeller verbracht hat ... Ich brauche ihn für eine Studie.« Und er erzählte, daß sein Freund Marjolin eines Morgens von einer Händlerin in einem Kohlhaufen gefunden worden und ungebunden auf der Straße aufgewachsen sei. Als man ihn in die Schule schicken wollte, wurde er krank; und man mußte ihn in die Markthallen zurückbringen. Er kannte ihre kleinsten Schlupfwinkel, liebte sie mit der Zärtlichkeit eines Sohnes, hauste mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens inmitten dieses Eisenwaldes. Sie gaben ein hübsches Paar ab, er und dieses Frauenzimmer, die Cadine, die Mutter Chantemesse eines Abends an der Ecke des alten Marché des Innocents aufgelesen hatte. Er war prächtig, dieser große dumme Junge, goldbraun wie ein Rubens, mit einem rötlichen Bartflaum, in dem das Tageslicht hängenblieb; sie, die Kleine, war schmächtig und gerissen und hatte ein neckisches Frätzchen unter dem schwarzen Gestrüpp ihres Kraushaars.
Beim Sprechen beschleunigte Claude seine Schritte. Er brachte seinen Begleiter zur Pointe SaintEustache zurück, der sich hier in der Nähe des Omnibusbüros auf eine Bank fallen ließ und dem die Beine wieder wie zerschlagen waren. Die Luft wurde frischer. Hinten in der Rue Rambuteau war der milchige Himmel von rosigem Schein geädert und weiter oben von großen grauen Rissen zersäbelt. Von dieser Morgenröte ging ein so balsamischer Duft aus, daß Florent für einen Augenblick glaubte, draußen auf dem Lande zu sein, auf irgendeinem Hügel. Aber Claude zeigte ihm auf der anderen Seite der Bank den Gewürzmarkt. Längs des Kaldaunenmarktes hätte man meinen können, in Feldern von Thymian, Lavendel, Lauch und Schalotten versetzt zu sein; und um die jungen Platanen auf dem Bürgersteig hatten die Händlerinnen lange Lorbeerzweige geschlungen, die Trophäen von Grün abgaben. Der kräftige Duft des Lorbeers überwog alles.
Das beleuchtete Zifferblatt von SaintEustache verblich, starb hin wie ein vom Morgen überraschtes Nachtlicht. Bei den Weinhändlern hinten in den benachbarten Straßen erloschen eine nach der andern die Gaslampen wie in Licht fallende Sterne. Und Florent sah zu, wie die großen Hallen aus dem Dunkel, aus dem Traum hervortraten, in dem er sie gesehen hatte, und ihre Paläste sich grenzenlos im Tageslicht dehnten. Sie nahmen feste Formen von grünlichem Grau an, wurden noch riesenhafter mit ihrem gewaltigen Mastwerk, das die unendlichen Flächen ihrer Dächer trug. Sie schichteten ihre geometrischen Körper aufeinander, und als alle innere Helligkeit erloschen war und sie viereckig und gleichförmig im aufgehenden Tageslicht badeten, erschienen sie wie eine über alles Maß hinausgehende große moderne Maschine, wie eine Dampfmaschine, ein für die Verdauung eines ganzen Volkes bestimmter Kessel, ein riesiger metallischer Bauch, verbolzt, vernietet, aus Holz, Glas und Eisen zusammengesetzt, von der Eleganz und Leistungsfähigkeit eines Antriebmotors, der dort in Tätigkeit war mit der Hitze der Heizung, dem schwindelnden Drehen, dem rasenden Beben der Räder.
Claude aber war vor Begeisterung auf die Bank gestiegen. Er zwang seinen Begleiter, den über dem Gemüse aufgehenden Tag zu bewundern. Es war ein Meer, das sich zwischen den beiden Gruppen der Hallen von der Pointe SaintEustache bis zur Rue des Halles erstreckte. Und an beiden Enden, an den beiden Kreuzungen, stieg die Flut noch an, überschwemmte das Gemüse das Pflaster. Langsam erhob sich der Tag in ganz zartem Grau und wusch alle Dinge in einem hellen Aquarellton. Diese wie dichte Wellen wogenden Haufen und dieser Strom von Grün, der in der Eindeichung des Fahrdamms zu fließen schien gleich dem Hereinbrechen der Herbstregen, nahmen zarte und beperlte Schatten, weiches Veilchenblau, milchig getöntes Rosa, in Gelb ertrunkenes Grün, alle bleichen Farben an, die beim Sonnenaufgang den Himmel zu schillernder Seide werden lassen; und in dem Maße, wie der Brand des Morgens in Stichflammen hinten in der Rue Rambuteau emporstieg, erwachte das Gemüse mehr und mehr und stach ab von der tiefen Bläue, die sich schwer über die Erde hinzog. Salat, Endivie, Lattich, Schikoree zeigten, noch von der fetten Gartenerde bedeckt, ihre strahlenden Herzen; die Spinat und Ampferpacken, die Artischockensträuße, die Bohnen und Erbsenhaufen, die Stapel von mit Strohhalmen zusammengebundenem römischem Salat sangen die ganze Tonleiter des Grüns vom Lackgrün der Schoten bis zum derben Grün der Blätter, eine anhaltende Tonleiter, die erst bei den Flecken der Selleriestengel und den Porreebunden erstarb. Aber die gellendsten Töne, die am lautesten erklangen, waren noch immer die lebhaften Flecke der Möhren und die reinen Flecke der Kohlrüben, die in ungeheurer Menge über den ganzen Markt verstreut waren und ihn mit der grellen Zusammenstellung ihrer beiden Farben erhellten. An der Kreuzung der Rue des Halles türmte sich der Kohl zu Bergen: riesige Köpfe Weißkohl, fest und hart wie Kugeln aus bleichem Metall, Wirsingkohl, dessen große Blätter flachen Bronzebecken ähnelten, Rotkohl, den die Morgenröte in herrliche weinrote Blütenpracht mit karmin und dunkelpurpur Druckstellen verwandelte. Am anderen Ende, an der Kreuzung bei der Pointe SaintEustache, war der Zugang zur Rue Rambuteau durch eine Barrikade von orangefarbenen Kürbissen versperrt, die sich in zwei Reihen zur Schau stellten und ihre Bäuche vorstreckten. Und hier und da entflammten der Goldkäferlack eines Korbes Zwiebeln, das blutige Rot eines Haufens Tomaten, das verwischte Gelb einer Ladung Gurken, das dunkle Violett einer Traube Eierfrüchte, während große, zu Trauertüchern nebeneinandergelegte Schwarzrettiche Löcher von Finsternis inmitten der bebenden Freuden des Erwachens übrigließen.
Claude klatschte bei diesem Anblick in die Hände. Er fand »dieses lumpige Gemüse« überspannt, toll, erhaben. Und er behauptete, es sei nicht tot; am Abend vorher ausgerissen, erwarte es die Sonne des nächsten Tages, um ihr auf dem Pflaster der Markthallen Lebewohl zu sagen. Er sah es leben, seine Blätter öffnen, als steckten seine Wurzeln noch ruhig und warm in der gedüngten Erde. Er sagte, er höre hier das Röcheln aller Gemüsegärten im Weichbild der Stadt. Inzwischen erfüllte die Menge weißer Hauben, schwarzer Mieder und blauer Kittel die engen Durchgänge zwischen den Haufen. Das Ganze war ein summendes Feld. Schwer schwankten die großen Kiepen der Lastträger über den Köpfen. Die Hökerinnen, die Straßenhändler und die Obstverkäufer kauften ein und hatten es eilig. Korporale und Gruppen von Nonnen umstanden die Berge von Kohl, während Internatsköche umherschnüffelten und einen guten Fund suchten. Immer noch wurde abgeladen; die Fuhrwerke warfen ihre Ladung auf die Erde wie eine Ladung Pflastersteine und gossen eine neue Woge zu den anderen Wogen, die jetzt an den gegenüberliegenden Bürgersteig brandeten. Und hinten aus der Rue du PontNeuf trafen unaufhörlich Wagenzüge ein.
»Das ist trotz allem verwegen schön«; murmelte Claude verzückt.
Florent litt. Wie eine übermenschliche Versuchung kam ihm das vor. Er wollte nichts mehr sehen; er betrachtete die Kirche SaintEustache, die schräg vor ihm stand, wie mit Sepia10 auf das Blau des Himmels getuscht mit ihren Rosetten und breiten Bogenfenstern, ihrem Glockenturm und ihren Schieferdächern. Er verweilte beim dunklen Einschnitt der Rue Montorgueil, wo Enden von schreienden Schildern aufblitzten, und bei der stumpfen Ecke der Rue Montmartre, deren mit goldenen Buchstaben überladene Balkons glänzten. Und als er sich wieder der Straßenkreuzung zuwandte, bestürmten ihn weitere Schilder, wie »Drogerie und Apotheke«, »Mehl und Dörrgemüse«, mit dicken roten und schwarzen Großbuchstaben auf verschossenem Grund. Die winkligen Häuser mit schmalen Fenstern erwachten nun und fügten in das breite Straßenbild der neuen Rue du PontNeuf einige gelbe und schöne alte Fassaden des Paris von einst. An der Ecke der Rue Rambuteau standen in den leeren Schaufenstern des großen Neuheitenwarenhauses gutgekleidete Handlungsgehilfen in Weste mit ihren enganliegenden Hosen und ihren breiten blendenden Manschetten und ordneten die Auslage. Weiter weg stellte die Firma Guillot, streng wie eine Kaserne, hinter ihren Fensterscheiben goldgelbe Biskuitpäckchen und Kompottschalen voller Petitfours zur Schau. Alle Läden waren geöffnet. Arbeiter in weißen Kitteln, die ihr Werkzeug unter dem Arm hielten, beschleunigten ihre Schritte und überquerten die Straße.
Claude war noch immer nicht von seiner Bank heruntergestiegen. Er reckte sich hoch, um bis hinten in die Straßen zu sehen. In der Menge, die er überschaute, gewahrte er einen blonden Kopf mit üppigem Haar, dem ein ganz krauses und zerzaustes schwarzes Köpfchen folgte.
»He! Marjolin! He! Cadine!« rief er. Und da sich seine Stimme in dem Getümmel verlor, sprang er von der Bank herunter und lief davon. Dann fiel ihm ein, daß er Florent vergessen hatte. Mit einem Satz war er wieder zurück und sagte rasch: »Das letzte Haus der Impasse des Bourdonnais, Sie wissen ja ... Mein Name ist mit Kreide an die Tür geschrieben, Claude Lantier ... Kommen Sie hin und sehen Sie sich die Radierung von der Rue Pirouette an.«
Er verschwand. Er wußte nicht Florents Namen. Wie er ihn aufgegriffen am Rande eines Bürgersteigs, so verließ er ihn, nachdem er ihm erklärt hatte, was er als Künstler bevorzugte.
Florent war allein. Er fühlte sich zunächst glücklich in dieser Verlassenheit. Seit ihn Frau François in der Avenue de Neuilly aufgelesen hatte, ging er vor sich hin in einem Zustand von Schlaftrunkenheit und Leiden, der ihm die genaue Vorstellung der Dinge entzog. Er war endlich frei, er wollte sich schütteln, diesen unerträglichen riesenhaften Nahrungstraum abschütteln, von dem er sich verfolgt fühlte. Aber sein Kopf blieb leer; er vermochte in seinem Innern nur eine dumpfe Angst wiederzufinden. Es wurde immer heller, man konnte ihn jetzt sehen. Er betrachtete den jämmerlichen Zustand seiner Hose und seines Überziehers. Er knöpfte den Überzieher zu, klopfte den Staub von der Hose, versuchte sich ein wenig herzurichten und glaubte dabei zu hören, wie diese schwarzen Lumpen ganz laut erzählten, wo er herkam. Er saß in der Mitte der Bank neben armen Teufeln, Herumtreibern, die dort gestrandet waren und auf die Sonne warteten. Die Nächte in den Markthallen sind wohltuend für die Vagabunden. Zwei Schutzleute, noch in Nachtuniform mit Umhang und Käppi, gingen, die Hände auf dem Rücken, auf dem Bürgersteig hin und her. Jedes Mal, wenn sie an der Bank vorbeikamen, warfen sie einen Blick auf das Wild, das sie hier witterten. Florent bildete sich ein, daß sie ihn erkannten, daß sie schon zu Rate gingen, um ihn zu verhaften. Da packte ihn die Angst. Es überkam ihn ein wahnsinniges Verlangen, aufzustehen und davonzulaufen. Aber er wagte es nicht mehr; er wußte nicht, wie er sich aus dem Staube machen sollte. Und die regelmäßigen Blicke der Schutzleute, dieses langsame und kalte Examinieren der Polizei, spannten ihn auf die Folter. Endlich verließ er die Bank, an sich haltend, um nicht mit der ganzen Länge seiner großen Beine zu fliehen, Schritt für Schritt sich entfernend und die Schultern einziehend in dem Entsetzen, die rohen Hände der Schutzleute zu spüren, die ihn von hinten am Kragen packten.
Er hatte nur noch einen Gedanken, nur noch ein Bedürfnis: fortzukommen von den Markthallen. Er würde abwarten, würde später noch suchen, wenn die Straße frei war. Die drei Straßen an der Kreuzung, die Rue Montmartre, die Rue Montorgueil und die Rue Turbigo, beunruhigten ihn. Sie waren mit Wagen aller Art verstopft. Gemüse bedeckte die Bürgersteige. Er ging also geradeaus bis zur Rue PierreLescot, wo ihm der Kresse und der Kartoffelmarkt undurchdringlich erschienen. Er zog es vor, die Rue Rambuteau hinunterzugehen; aber am Boulevard Sébastopol stieß er auf einen derartigen Wirrwarr von Rollwagen, Karren und Breaks11, daß er zurückging, um in die Rue SaintDenis einzubiegen. Dort geriet er wieder in das Gemüse. Auf beiden Seiten hatten die Markthändler gerade ihre Stände aus auf hohe Körbe gelegten Brettern errichtet, und die Sintflut von. Kohl, Möhren und Kohlrüben begann von neuem. Die Hallen flossen über. Er trachtete aus dieser Woge herauszukommen, die ihn in seiner Flucht einholte. Er versuchte es mit der Rue de la Cossonnerie, der Rue Berger, dem Square des Innocents, der Rue de la Ferronnerie und der Rue des Halles. Und er blieb stehen, entmutigt, verstört, weil er sich aus diesem Teufelsreigen von Kraut nicht zu befreien vermochte, der schließlich um ihn herumtanzte und mit seinem feinen Grün seine Beine umschlang. In der Ferne verloren sich bis zur Rue de Rivoli, bis zum Place de l'HôteldeVille hin endlose Züge von Rädern und vorgespannten Tieren in dem Durcheinander der Waren, die aufgeladen wurden. Große Rollwagen schafften den Einkauf der Obsthändler eines ganzen Viertels weg; Breaks, deren Seitenwände krachten, fuhren in die Außenbezirke ab. In der Rue du PontNeuf verirrte er sich vollends. Er stolperte mitten in einen Abstellplatz für Handwagen hinein; Straßenhändler richteten hier ihre fliegenden Stände her. Unter ihnen erkannte er Lacaille, der, eine Karre voll Möhren und Blumenkohl vor sich her schiebend, in die Rue SaintHonoré einbog. Florent folgte ihm in der Hoffnung, daß er ihm helfen werde, aus dem Gewühl herauszukommen. Das Pflaster war glitschig geworden, obwohl trockenes Wetter herrschte: Haufen von Artischockenstielen, welken Blättern und Stengeln machten die Fahrbahn gefährlich. Bei jedem Schritt strauchelte er. Er verlor Lacaille in der Rue Vauvilliers. Bei der Getreidehalle waren die Straßenenden durch ein neues Hindernis von Fuhrwerken und Karren versperrt. Er versuchte nicht mehr dagegen anzukämpfen; die Markthallen hatten ihn wieder eingefangen, die Woge trug ihn zurück. Langsam kehrte er um und fand sich erneut an der Pointe Saint Eustache.
Jetzt vernahm er ein anhaltendes Rollen, das von den Markthallen ausging. Paris zerkaute die Bissen für seine zwei Millionen Einwohner. Es war, als schlage ein mächtiges Herz wie rasend und schleudere das Blut des Lebens in alle Adern. Geräusch riesiger Kinnladen, polternder Lärm der Nahrungsbeschaffung, vom Peitschenknallen der zu den Märkten der Stadtviertel aufbrechenden Großhändler bis zu den schlürfenden Schlappen der armen Frauen, die von Tür zu Tür gehen, um aus Körben Salatköpfe anzubieten.
Er betrat eine überdachte Straße links in der Gruppe der vier Hallen, deren großen schweigenden Schatten er in der Nacht bemerkt hatte. Er hoffte, sich dorthin zu flüchten, dort irgendeinen Schlupfwinkel zu finden. Aber um diese Stunde waren sie erwacht wie die andern. Er ging bis ans Ende der Straße. Im Trab kamen kleine Rollwagen angefahren und überfüllten den Markt von La Vallée mit Käfigen voll lebendem Geflügel und viereckigen Körben, in denen totes Geflügel eng aufeinandergeschichtet war. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig luden andere Rollwagen ganze Kälber aus, die in ein Tuch gewickelt waren und der Länge nach wie Kinder in Waschkörben lagen, aus denen nur die vier blutigen, weitauseinandergespreizten Stümpfe herausragten. Außerdem waren da ganze Hammel, Rinderviertel, Lenden und Schulterstücke. Die Fleischer mit großen weißen Schürzen zeichneten das Fleisch mit einem Stempel, fuhren es weg, wogen es ab und hängten es an Stangen zur Versteigerung aus. Das Gesicht an die Gitter gepreßt, beobachtete Florent diese Reihen herunterhängender Leiber, die roten Rinder und Hammel, die vom Fett und den Sehnen gelbgefleckten blasseren Kälber mit ihren aufgeschlitzten Bäuchen. Weiter ging er zum Kaldaunenmarkt hinüber, unter die bleichen Kalbsköpfe und füße, die säuberlich zu Packen zusammengerollten Kaidaunen in Kisten, die lecker in flachen Körben aufgereihten Hirne, die blutigen Lebern, die blaßvioletten Nieren. Er blieb bei den langen zweirädrigen, mit bauschigen Planen gedeckten Karren stehen; sie brachten halbe Schweine heran, die zu beiden Seiten an den Wagenleitern oberhalb einer Strohschicht befestigt waren. Die offenen Hinterteile der Karren ließen im flammenden Schimmer dieser regelmäßigen und nackten Fleischmassen von brennenden Kerzen umgebene Katafalke und Tabernakelvertiefungen sehen, und auf der Strohschicht standen Weißblechbüchsen voll Schweineblut. Eine dumpfe Wut erfaßte Florent; der fade Schlachthofgeruch und der scharfe Kaldaunengeruch brachten ihn zur Verzweiflung. Er trat aus der überdachten Straße und zog es vor, noch einmal zum Bürgersteig der Rue du PontNeuf zurückzukehren.
Es war ein Ringen mit dem Tode. Morgendliches Frösteln überkam ihn, er klapperte mit den Zähnen; er hatte Angst, hinzufallen und auf der Erde liegenzubleiben. Er suchte und fand nicht eine Ecke auf einer Bank; er wäre dort eingeschlafen, und es war ihm gleich, von Schutzleuten geweckt zu werden. Dann lehnte er sich, die Augen geschlossen, ein Sausen in den Ohren, mit dem Rücken an einen Baum, als blende ihn ein Flimmern. Die rohe Mohrrübe, die er, fast ohne sie zu kauen, hinuntergeschlungen hatte, zerriß ihm den Magen, und das Glas Punsch hatte ihn benebelt. Er war benebelt vor Elend, Erschöpfung und Hunger. Ein glühendes Feuer brannte ihm von neuem in der Brusthöhle; für Augenblicke faßte er mit beiden Händen dahin, wie um ein Loch zu verstopfen, durch das er, wie er glaubte, sein ganzes Sein entfliehen fühlte. Der Bürgersteig schwankte weit; sein Schmerz wurde so unerträglich, daß er wieder gehen wollte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er ging geradeaus, geriet in Gemüse und verlor sich darin. Er schlug einen schmalen Seitenweg ein, bog in einen anderen ab, mußte umkehren, irrte sich und war wieder mitten im Gemüse. Einige Haufen waren so hoch, daß die Menschen zwischen zwei aus Packen und Bunden errichteten Mauern umhergingen. Die Köpfe ragten ein wenig darüber hinaus; an dem weißen oder schwarzen Fleck der Kopfbedeckungen sah man sie vorüberziehen, und die großen, in Höhe der Blätter schwankenden Kiepen glichen Nachen aus Weidenruten, die auf einem See von Moos schwammen. Florent stieß gegen tausend Hindernisse, gegen Träger, die Lasten aufnahmen, gegen Händlerinnen, die mit ihren rauhen Stimmen herumstritten. Er glitt aus auf der dicken Schicht von Kehricht und Obstresten, die den Fahrdamm bedeckte. Der starke Geruch der zertretenen Blätter benahm ihm den Atem. Da blieb er stumpfsinnig stehen; er nahm die Stöße der einen und die Schimpfworte der anderen hin. Er war nur noch eine Sache, die auf dem Grunde des steigenden Meeres hin und her geschlagen und gewälzt wurde.



