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»Und es hatte Folgen?
Sie blieb stumm, doch als er die Faust schwang, sagte sie:
»Du würdest mir ja doch nicht glauben.«
»Sprich nur ... Also keine Folgen?«
Sie antwortete durch ein Schütteln mit dem Kopfe. So war es am besten. Er aber ließ nicht locker, er wollte die Szene bis in alle Einzelheiten kennen lernen. Aus anzüglichen Worten und gemeinen Redensarten bestand sein Fragen. Sie brachte die Zähne nicht mehr auseinander, sie blieb dabei, durch Zeichen mit dem Kopfe ja und nein zu sagen. Vielleicht hätte es beiden einige Linderung verschafft, wenn sie alles gestanden haben würde. Sie fürchtete aber durch Wiedergabe der Einzelheiten keine Erleichterung, sondern noch größeres Ungemach. Und auch ihn würden die haarsträubendsten Thatsachen nicht so gepeinigt haben, wie jetzt die Einbildung. Dieses wollüstige Wühlen aber nach der Wahrheit nährte und trieb die vergifteten Wogen der Eifersucht in seiner Brust wieder zur Empörung. Es war nun geschehen. So lange er lebte, konnte er jetzt nicht mehr diese abscheuliche Vorstellung aus seinen Gedanken bannen.
Das Schluchzen würgte sie fast.
»Ah, verflucht ... ah, verflucht ... nein, das kann nicht möglich sein, das ist zu viel, das kann nicht möglich sein!« Von Neuem schüttelte er sie.
»Warum hast Du mich dann geheirathet. Du gottvergessene Dirne? ... Wie ehrlos, mich so hintergangen zu haben! Die Verbrecherinnen im Gefängnisse sind nicht so schuldbelastet wie Du ... Du verachtetest mich also, Du liebtest mich gar nicht? ... He, warum hast Du mich geheirathet?«
Sie machte eine flüchtige Bewegung. Wußte sie es in diesem Augenblicke selber? Als sie ihn heirathete, fühlte sie sich glücklich, war es doch nun mit dem Andern zu Ende. Giebt es doch so viele Dinge, die man nicht thun möchte und doch thut, weil es noch das Vernünftigste ist. Nein, sie liebte ihn nicht. Sie hütete sich aber, ihm zu sagen, daß sie ihn nie geheirathet haben würde, wenn ihre Vergangenheit eine andere gewesen wäre.
»Ihm lag natürlich daran. Dich zu versorgen, nicht? Er fand auch solch ein gutes Schaf ... Er wollte Dich versorgen, um auch das Spiel fortzusetzen, nicht? ... Und Ihr habt es fortgesetzt –bei Deinen zweimaligen Besuchen. Deshalb hat er Dich damals eingeladen?«
Ein Nicken mit dem Kopfe bestätigte es.
»Und auch heute aus demselben Grunde? ... Bis in alle Ewigkeiten also dieses kothige Treiben! Und wenn ich Dich nicht erwürge, geht die Geschichte weiter!«
Seine krampfhaft zuckenden Hände tasteten schon nach ihrer Kehle. Aber diesmal schwieg sie nicht.
»Da sieht man, wie ungerecht Du bist. Ich war es, die sich weigerte, dorthin zu reisen. Du wolltest mich sogar schicken, worüber ich so ärgerlich war, wie Du Dich erinnern wirst ... Du siehst also, daß ich nicht mehr wollte, und nie wieder würde ich gewollt haben.«
Er fühlte, daß sie die Wahrheit sagte, aber eine Erleichterung verschaffte ihm dieses Geständnis nicht. Das Eisen saß zu fest in seiner Brust, das, was zwischen ihr und jenem Manne geschehen, war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Seine Ohnmacht, daß er nichts zur Ausmerzung des Geschehenen unternehmen konnte, peinigte ihn entsetzlich. Ohne sie freizulassen, näherte er sein Gesicht abermals dem ihrigen; er schien von ihrem Anblick wie behext, ihm war, als könnte er sich nicht eher losreißen, als bis er aus dem Blut ihrer blauen Äderchen ihr ganzes Geständniß herausgelesen hätte.
»In la Croix-de-Maufras, in dem rothen Zimmer,« murmelte er wie von einer Vision gepackt. »Ich kenne es, das Fenster führt auf den Bahndamm, das Bett steht dem Fenster gegenüber ... Ich verstehe, warum Du das Haus erben sollst. Du hast es Dir ja verdient. Er hatte gut über Deine Ersparnisse wachen und Dir die Aussteuer bereiten –das war Deine Gefälligkeit schon werth ... Er, ein Richter, ein Millionär, so geachtet, gebildet und so erhaben! Da soll Einem nicht den Kopf drehen ... Und vielleicht ist er auch noch Dein Vater?«
Séverine stand mit einem Sprunge auf den Füßen. Angesichts ihrer Schwäche als armes unterlegenes Wesen, zeugte der Stoß, mit dem sie ihn zurückwarf, von einer außergewöhnlichen Kraft. Sie protestirte energisch.
»Nein, nein, das nicht! Alles was Du willst, nur das nicht. Schlage mich, tödte mich ... Aber sage das nicht. Du lügst.«
Roubaud hielt noch eine ihrer Hände fest.
»Was weißt Du davon? Du selbst zweifelst daran, das ist Dein einziger Trost.«
Als sie ihm ihre Hand entziehen wollte, fühlte er den Ring, die kleine Schlange mit dem Rubinenkopfe an ihrem Finger. Er entriß ihn ihr und zerstampfte ihn in einem abermaligen Wuthanfalle mit dem Absatz auf der Diele. Dann schritt er stumm und aufgeregt durch das Zimmer.
Sie ließ sich, gleichfalls stumm, auf den Rand des Bettes fallen und blickte ihm mit ihren großen starren Augen nach. Das schreckliche Schweigen hielt an.
Die Wuth Roubauds wollte sich nicht legen. Kaum schien sie etwas nachzulassen, gleich war sie wieder da, wie die Trunkenheit, und zwar in großen, noch einmal so ungestümen Wogen und ihr Wirbel riß ihn haltlos dahin. Er hatte keine Macht mehr über sich; der heftige Wind seiner ihn peitschenden Leidenschaft trieb ihn nach allen Richtungen durch die Leere seines Innern, in welchem kein andres Bedürfniß lebte und sich erneute, als die heulende Bestie in ihm zu stillen. Der Durst nach Rache war ihm ein physisches Bedürfniß, das seinen ganzen Körper marterte und sie ahnte, daß sie vor ihm nicht eher Ruhe finden würde, als bis dieses Rachegefühl befriedigt war.
Ohne in seinem Sturmmarsche innezuhalten, hämmerte er mit seinen Fäusten an die Schläfen.
»Was soll ich jetzt beginnen?« stöhnte er mit angsterfüllter Stimme.
Hatte er seine Frau nicht sofort getödtet, jetzt würde er es nicht mehr können, das fühlte er. Seine Feigheit, sie am Leben zu lassen, dämpfte seinen Zorn; es war feige, sie nicht erwürgt zu haben, als sie, die Dirne, vor ihm lag. Natürlich konnte sie nicht mehr bei ihm bleiben. Er würde sie also fort, auf die Straße jagen müssen und sie nie wiedersehen können. Ein neuer Strom tiefen Leides überfluthete ihn, eine verwünschte Uebelkeit stieg ihm in die Kehle bei dem Gedanken, daß er selbst das zu thun nicht im Stande sei. Was also schließlich? Es erübrigte nur noch, den Schimpf auf sich zu nehmen, mit ihr noch Havre zurückzureisen und das ruhige Leben an ihrer Seite fortzusetzen, als wenn nichts geschehen wäre. Nein, nein, eher den Tod, Beiden den Tod und sofort! Es überkam ihn eine so ungeheure Trostlosigkeit, daß er noch lauter schrie:
»Was soll ich jetzt thun?«
Séverine folgte vom Bette aus mit ihren großen Augen seinen Bewegungen. Sie hatte stets eine kameradschaftliche Neigung für ihn empfunden und sein maßloser Schmerz that ihr wehe. Sie würde die Schimpfworte und Schläge entschuldigt haben, aber dieser wahnsinnige Jähzorn kam ihr so überraschend, daß sie sich von dieser Ueberraschung noch immer nicht erholen konnte. Ihr, die in ihrer frühesten Jugend den Wünschen eines Greises nachgegeben hatte, die sich später heirathen ließ, einfach um den Dingen eine Wendung zum Bessern zu geben, war in ihrer Gleichgiltigkeit und Folgsamkeit ein solcher Ausbruch von Eifersucht, längst verjährter Vergehen halber, die sie in der That bereute, durchaus unverständlich. Frei von irgendwelchem Laster oder fleischlicher Lust, in ihrer fast mädchenhaften unbewußten Handlungsweise, keusch trotz Allem, verfolgte sie das Hin- und Herlaufen ihres Mannes, seine wilden Wendungen gerade so wie sie einen Wolf, ein Wesen einer andren Rasse betrachtet haben würde. Was in aller Welt lebte eigentlich in ihm? Sie fühlte mit Schrecken die Bestie in ihm; ihr Vorhandensein hatte sie innerhalb der drei Jahre schon öfter geahnt, ihr dumpfes Knurren von Zeit zu Zeit hatte es errathen lassen, heute aber sah sie die Bestie losgelassen und in ihrer Wuth zum Beißen bereit. Was sollte sie ihm sagen, um ein Unglück zu verhüten?
Dicht beim Bett, vor ihr kehrte er regelmäßig um. Als er wieder in ihre Nähe kam, wagte sie ihn anzureden:
»Höre, mein Freund ...«
Aber er hörte nicht, sondern lief auf die andere Seite des Zimmers, wie ein vom Sturm fortgewehter Strohhalm.
»Was jetzt beginnen? Was soll ich thun?«
Endlich gelang es ihr, sein Handgelenk zu ergreifen und ihn einen Augenblick festzuhalten.
»Höre, mein Freund, war ich es nicht, die nicht mehr dorthin wollte? ... Ich würde nie, nie wieder dorthin gereist sein. Dich allein liebe ich.«
Sie zog ihn zärtlich zu sich herab und reichte ihm ihre Lippen zum Kusse. Er fiel neben sie auf das Bett, stieß sie aber sogleich mit einer Gebärde des Abscheus von sich.
»O Du Dirne, jetzt möchtest Du ... Vorhin wolltest Du nicht, weil Du kein Verlangen nach mir hattest ... Und jetzt willst Du, um mich wieder zu versöhnen, he? Wenn man einen Mann dabei hat, dann hält man ihn fest, denkst Du ... Verbrennen würde ich, wenn ich zu Dir käme, ja, das Gift würde mir meine Eingeweide verzehren, ich fühle es!«
Ihn schauderte. Der Gedanke, sie in den Armen zu haben, das Bild ihrer beiden Körper in einem gemeinsamen Bette durchzuckte ihn wie eine Flamme. Und aus der wirren Nacht seiner Seele, aus seinem verletzten, beschmutzten Verlangen heraus wuchs plötzlich die Vorstellung von der Unvermeidlichkeit des Todes.
»Bevor ich Dich umbringe, verstehst Du, muß ich Jenen umbringen ... Ich muß ihn umbringen, ich muß ihn umbringen!«
Seine Stimme kehrte wieder. Er wiederholte den Ausruf, während er scheinbar noch größer geworden, wieder vor ihr stand. Es schien als hätte ihm dieses Wort, das einem Entschlüsse gleich war, endlich seine Ruhe wieder gegeben. Weiter sagte er nichts. Dann schritt er langsam zum Tische und betrachtete dort das Messer, dessen große, offene Klinge ihm entgegenleuchtete. Mechanisch klappte er es zu und schob es in die Tasche. Mit herabhängenden Armen, mit den Augen in die Leere starrend, blieb er an derselben Stelle stehen. Er überlegte. Zwei große Falten zeigte seine Stirn, ein Zeichen, daß gewisse Hindernisse ihn keinen Entschluß fassen ließen. Um zu einem solchen zu kommen, trat er an das Fenster, er öffnete es und lehnte sich an das Fensterkreuz, um sein Gesicht dem kühlen Luftzuge der Dämmerung darzubieten. Seine Frau hatte sich nun ebenfalls erhoben und stand von Furcht gepackt, hinter ihm. Sie wagte nicht ihn zu fragen, sondern versuchte zu errathen, was in diesem harten Schädel vorging. So wartete sie stehend im Angesicht des weiten Himmels.
In dem herniedersinkenden Abend spiegelten sich die fernen Häuser nur noch in schwarzen Umrissen wieder; über den mächtigen Eisenbahndamm lag ein violetter, dichter Nebel. Namentlich nach les Batignolles zu war die Strecke wie in Asche getaucht, durch welche die Eisenrippen des Pont de l'Europe nur noch undeutlich herüberschimmerten. Der über Paris noch schwebende letzte Wiederschein des untergegangenen Tages reflectirte auf den Scheiben der großen Ankunftshallen, während sich unter ihnen die Finsternis; immer massiger ansammelte. Jetzt blitzten kleine Lichtpunkte auf, man zündete die Gaskörper längs der Bahnsteige an. Auch ein mächtiger, weißer Lichtschein war vorhanden, die Laterne der Lokomotive eines Zuges nach Dieppe, dessen Koupeethüren schon geschlossen waren. Der Maschinenführer wartete nur noch auf das Zeichen des diensthabenden Unterinspectors. Es war da etwas nicht in Ordnung gewesen, der Weichensteller hatte durch ein rothes Signal mitgetheilt, daß der Fahrweg noch nicht offen sei; eine Rangirmaschine hatte erst einige Waggons fortholen müssen, welche durch ein schlecht ausgeführtes Manöver mitten auf der Hauptader stehen geblieben waren. Unaufhörlich sausten zwischen dem unentwirrbaren Knäuel von Rädern hindurch und an den auf den Wartesträngen unbeweglich stehenden Waggonreihen vorüber Eisenbahnzüge durch das starker und stärker werdende Dunkel. Einer ging nach Argenteuil, ein andrer nach Saint-Germain; nach langer Fahrt traf ein dritter von Cherbourg ein. Die Signale, das Gepfeife, die Töne der Signalhörner folgten sich ununterbrochen; von allen Seiten tauchten nacheinander rothe, grüne, gelbe und weiße Lichter auf; es herrschte um diese unbehagliche Zeit ein Chaos im Bahnbetriebe, daß es aussah, als müßte alles aufeinanderrennen. Aber alles ging glatt vorüber, mit der stets gleichen sanften, in der Dämmerung nur halb erkennbaren Bewegung wickelte sich das Knäuel immer wieder auf. Das rothe Signal des Weichenstellers erlosch jetzt, die Lokomotive pfiff und der Zug nach Dieppe setzte sich in Bewegung. Vom weiten, grauen Himmel begannen vereinzelte Regentropfen zu fallen. Es schien eine regnerische Nacht werden zu wollen.
Als Roubaud sein Gesicht zurückwandte, sah es finster und verbissen aus, als hätte die Nacht da draußen auch auf sein Antlitz ihre Schatten gesenkt. Er war mit sich einig, sein Plan gemacht. Durch das Halbdunkel spähte er nach der Kukuksuhr.
»Fünf Uhr zwanzig Minuten,« sagte er.
Er war betroffen: in knapp einer Stunde hatten sich so viele Dinge abgespielt! Ihm kam es vor, als hätten sie sich hier seit Wochen gegenseitig aufgefressen.
»Fünf Uhr zwanzig Minuten. Wir haben also noch Zeit.«
Séverine wagte nicht ihn zu fragen, doch ihre angsterfüllten Blicke wichen nicht von ihm. Sie sah ihn im Schranke wühlen und Papier, ein Fläschchen Dinte und einen Federhalter hervorziehen.
»Du wirst jetzt schreiben.«
»Wem?«
»Ihm natürlich. –Setze Dich.«
Sie hielt sich instinctiv von einem Stuhle fern, ohne recht zu wissen, was er wollte. Er aber packte sie, führte sie an den Tisch und drückte sie dort mit solcher Wucht auf den Stuhl nieder, daß sie sich nicht wieder erhob.
»Schreibe: »»Reisen Sie heute Abend mit dem Schnellzuge um sechs Uhr dreißig Minuten und zeigen Sie sich erst in Rouen.««
Sie hielt wohl die Feder, aber ihre Hand zitterte, ihre Furcht vermehrte die unbekannte Absicht ihres Mannes. Was bezweckte er mit diesen beiden nichtssagenden Zeilen? Sie wagte sogar, fragend den Kopf zu ihm zu erheben.
»Was willst Du beginnen? ... Ich bitte Dich, erkläre mir ...« »Schreibe, schreibe,« wiederholte er mit seiner harten, befehlenden Stimme.
Dann tauchte er ohne Zorn, ohne Schimpfworte, aber mit einer so eisernen Nachdrücklichkeit, daß es sich wie eine Centnerlast auf sie niedersenkte und ihre Sinne schwinden machte, seine Augen tief in die ihrigen.
»Was ich thun will, Du wirst es bald sehen ... Und daß Du mich nur verstehst, was ich beginne, das thun wir Beide gemeinsam ... Wir bleiben später auch hübsch bei einander, es giebt nämlich dann so etwas Bindendes zwischen uns Beiden.«
Er erschreckte sie so, daß sie es noch einmal wagte, sich zu widersetzen.
»Nein, nein, erst will ich wissen ... Ich schreibe nicht eher, bis ich weiß, um was es sich handelt.«
Er war des vielen Redens müde. Er nahm ihre zarte Kinderhand in die seine und preßte sie in seiner eisernen Faust wie in einem Schraubstock, er hätte sie zerquetscht, wenn sie noch länger widerstrebt haben würde. Sie sollte unter Schmerzen seinen Willen kennen lernen. Sie schrie auf, alles brach in ihrem Innern und widersetzte sich nicht länger. Eine Ignorantin wie sie, die in ihrer passiven Milde nichts gelernt hatte, konnte nicht anders als gehorchen: ein williges Instrument für die Liebe wie für den Tod.
»Also schreibe, schreibe.«
Und sie schrieb mühsam mit ihrer armen gefolterten Hand, was er verlangte.
»Gut so, immer recht artig,« sagte er, als er den Brief in Händen hatte. »Inzwischen bringe hier alles wieder in Ordnung. Ich hole Dich bald ab.«
Er war vollständig gelassen. Er brachte vor dem Spiegel den Knoten seiner Kravatte in Ordnung, nahm seinen Hut und ging. Sie hörte, wie er die Thür zweimal verschloß und den Schlüssel herauszog. Die Dunkelheit wuchs mehr und mehr. Séverine blieb noch einen Augenblick auf dem Stuhle sitzen und lauschte gespannt auf die von draußen hereindringenden Geräusche. Nebenan in dem Zimmer der Zeitungsverkäuferin ein beständiges Heulen und Winseln; wahrscheinlich war ein Hündchen dort eingesperrt. Bei den Dauvergne war das Piano verstummt. Dagegen hörte man ein Geklapper von Topfen und sonstigem Geschirr. Die beiden Wirthschaftsvorsteherinnen hatten jetzt in der Küche zu thun. Claire bei einem Hammel-Ragout, Sophie bei einem Salatkopf. Und sie, allein, halb ohnmächtig hier oben in der schrecklichen Öde der hereinbrechenden Nacht, mußte hören, wie Jene heiter lachten.
Seit sechs und ein viertel Uhr stand die Lokomotive des Schnellzuges nach Havre bereits gekuppelt vor dem Zuge. Die Halle war mit Waggons überfüllt. Daher hatte der Zug nicht in der Halle aufgestellt werden können. Er hielt draußen neben dem Bahnsteig, der in eine Art schmalen Defilées auslief, in dem Dunkel des tintenschwarzen Himmels, das von den wenigen längs des Fußsteiges aufgestellten Gaslaternen, die eher qualmigen Sternlein ähnelten, kaum nothdürftig erhellt wurde. Der soeben vorübergegangene Platzregen hatte einen eisigkalten Windzug hinterlassen, den man hier auf dem freien, mächtigen Raume ganz besonders spürte. Dieser Windhauch drängte auch den Nebel zurück bis zu den spärlichen Lichterreihen der Häuser in der Rue de Rome. Ebenso ungeheuerlich als trostlos der Anblick dieses durchnäßten, hier und dort von einem blutrothen Lichte durchblitzten, mit undurchsichtigen Massen, einzeln stehenden Lokomotiven und Waggons, mit Unmengen von Zugtheilen auf den Remisesträngen besetzten Terrains. Und aus diesem Schattensee heraus schallten Lärm, scheinbar von Riesen ausgestoßene, fieberhaft beschleunigte Athemzüge, das Kreischen der Dampfpfeifen, ähnlich dem Schreien einer vergewaltigten Frau, der Ton jammernder, seiner Signalhörner und daneben das Gebrause in den benachbarten Straßen. Befehle wurden laut ertheilt, es sollte noch ein Waggon herangeschoben werden. Die Schnellzugslokomotive ließ aus einem Ventil einen mächtigen Dampfstrahl heraus. Der weiße Strahl stieg hinauf in all dieses Schwarz und zerstäubte dort in kleine Rauchwölkchen und diese bethauten das so unsäglich weit am Himmel ausgespannte Kleid des Todes mit ihren heißen Thränen.
Um sechs Uhr zwanzig Minuten erschienen Roubaud und Séverine. Sie hatte soeben der Mutter Victoire in der Bedürfnißanstalt neben den Wartesälen den Schlüssel des Zimmers eingehändigt. Er drängte sie vorwärts mit der besorgten Miene eines von seiner Frau aufgehaltenen Gatten: er, den Hut im Genick, ungeduldig und unduldsam, sie mit dem Schleier vor dem Gesicht zögernd, wie gebrochen von Müdigkeit. Eine Fluth von Reisenden wälzte sich über den Perron, sie mischten sich unter die anderen und eilten an der Reihe der Waggons entlang, um noch ein leeres Koupee erster Klasse erhaschen zu können. Und immer lebhafter wurde hier das Gewühl, die Gepäckträger rollten die vollen Karren zum Gepäckwagen hinter der Lokomotive, ein Beamter bemühte sich, eine zahlreiche Familie unterzubringen, der Unter-Inspector im Dienst beleuchtete mit der Signallaterne die Kuppelungen der Wagen, um zu sehen, ob sie fest aufgeschraubt wären. Roubaud hatte soeben ein leeres Koupee entdeckt und wollte Séverine gerade beim Einsteigen behilflich sein, als ihn der Bahnhofsvorsteher Herr Vandorpe bemerkte, der gemeinsam mit seinem ersten Assistenten für den Fernverkehr, Herrn Dauvergne, beide Hände auf dem Rücken, den Veranstaltungen zur Anhängung des verlangten Waggons zusah. Man begrüßte sich und mußte natürlich plaudern.
Zuerst sprach man über den Vorfall mit dem Unterpräfecten, der zu Jedermanns Befriedigung nun beigelegt war. Dann war die Rede von einem frühmorgens in Havre geschehenen und telegraphisch mitgetheilten Unfall: die Treibstange einer Lokomotive, der Lison, welche am Donnerstag und Sonnabend den um sechs Uhr dreißig Minuten abgehenden Schnellzug zu führen hatte, war gebrochen, gerade als man in den Bahnhof einfuhr. Die nothwendig gewordene Reparatur zwinge nun den Maschinenführer Jacques Lantier, einen Landsmann von Roubaud, und seinen Heizer Pecqueux, den Mann der Mutter Victoire, zu einer zweitägigen Unthätigkeit. Vor der Waggonthür stand Séverine, sie war noch nicht eingestiegen; ihr Gatte trug bei der Unterhaltung mit den Herren eine auffallende Heiterkeit zur Schau, auch sprach er sehr laut. Jetzt gab es einen Ruck, der Zug rollte um einige Meter weit zurück: die Lokomotive stieß die vorderen Waggons auf den zur Schaffung eines reservirten Koupees verlangten. Es war der Wagen Nummer 293. Henri Dauvergne junior, welcher in seiner Eigenschaft als Zugführer mitfuhr und Séverine durch den Schleier erkannt hatte, zog sie noch rechtzeitig zur Seite, sonst wäre sie von der offen stehenden Koupeethür getroffen worden. Dann entschuldigte er sich lächelnd und erzählte in aufmerksamer Weise, daß jenes Koupee für einen der Verwaltungsräthe der Gesellschaft reservirt werde, der es erst eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges bestellt habe. Sie lächelte nervös, sie wußte eigentlich nicht warum, und er ging seinem Dienste wieder nach. Er war von ihr entzückt, er hatte bei sich schon oft gedacht, daß ein Verhältniß mit ihr keine unangenehme Sache sein müßte.
Die Uhr wies auf sechs Uhr siebenundzwanzig Minuten. Noch drei Minuten Zeit. Roubaud, der selbst während seines Plauderns mit dem Vorsteher die Thüren der Wartesäle nicht außer Augen gelassen hatte, verließ plötzlich diesen und trat zu Séverine. Der Waggon war inzwischen rückwärts gerollt, sie mußten also einige Schritte bis zu ihrem Koupee zurücklegen. Er stieß seine Frau in den Rücken, als sie vor ihm ging und zwang sie durch einen Druck am Handgelenk, einzusteigen, wobei sie es trotz ihrer angstvollen Folgsamkeit nicht unterließ, rückwärts zu blicken, um zu sehen, was hinter ihr vorging. Es kam noch ein verspäteter Reisender. Er hielt nur eine Reisedecke in der Hand, der breite Kragen seines dicken blauen Ueberziehers war so weit heraufgeklappt, der Rand seines runden Hutes so tief in das Gesicht heruntergezogen, daß man bei dem unstäten Flackern der Gasflammen von seinem Gesicht nur einen Theil des weißen Bartes erkennen konnte. Trotz des durchsichtigen Verlangens des Reisenden, nicht gesehen zu werden, konnten es die Herren Vandorpe und Dauvergne nicht unterlassen, ihm zu folgen. Erst als er vier Waggons weiter das reservirte Koupee bestieg, grüßte er sie. Er war es. Séverine zitterte am ganzen Körper und sank auf das Polster. Ihr Gatte brach ihr fast den nicht losgelassenen Arm, als wollte er ihr frohlockend zu verstehen geben, daß er seine Beute jetzt halte und seiner Sache nun gewiß sei.
In einer halben Minute mußte es halb schlagen. Ein Zeitungsverkäufer bot die Abendblätter an, auf dem Perron wandelten noch einige Reisende umher, um ihre Cigarretten zu Ende zu rauchen. Jetzt stiegen Alle eine: man hörte von beiden Enden des Zuges her die Beamten die Thüren zuschlagen. Roubaud war unangenehm überrascht, als er in der einen Ecke des Koupees, das er für leer gehalten hatte, stumm und unbeweglich eine dunkle Masse lehnen sah, eine Dame in Trauer, es entfuhr ihm aber ein lauter Ausdruck des Zornes, als die Thür plötzlich nochmals geöffnet wurde und ein Beamter ein Paar hereindrängte, einen dicken Mann und eine dicke Frau, die pustend auf die Sitze sanken. Der Zug mußte sich sogleich in Bewegung setzen. Der Regen begann von Neuem fein zu fallen und durchnäßte das wieder im Nebel verschwimmende Gelände; unaufhörlich kreuzten sich hier die Eisenbahnzüge, von denen man nur eine Reihe kleiner, erleuchteter Fenster im Vorüberfahren erkennen konnte. Grüne Lichter tauchten auf und zur ebenen Erde tanzten einige Laternen. Nichts zu sehen als eine unermeßliche Dunkelheit, aus welcher nur die vom schwachen Widerschein des Gaslichts erhellten riesigen Glasdächer der Fernverkehrshallen auftauchten. Alles war düster, selbst die Geräusche klangen abgeschwächt; alles erstickte der Lärm von der Lokomotive, die jetzt ihre Ventile geöffnet hatte und zischende Wirbel von weißen Dämpfen hinausließ. Eine Wolke stieg herauf und schwebte wie ein Bahrtuch empor; dichte schwarze Rauchsäulen, von denen man nicht wußte, woher sie kamen, hoben sich von ihr ab. Und der Himmel schien sich noch mehr zu verdunkeln, ein Gewölk von Ruß schien sich über das nächtliche, von der eigenen Gluth verzehrte Paris zu lagern.
Jetzt hob der Unter-Inspector die Laterne empor, damit der Maschinist das Signal zur Abfahrt geben konnte. Zweimaliges Pfeifen und dort unten, wo der Weichensteller seinen Posten hatte, verschwand das rothe Licht, um einem weißen Platz zu machen. An der Thür des Gepäckwagens stand der Zugführer und wartete auf den Befehl zur Abfahrt, welchen er weitergab. Abermals ein langgedehnter Pfiff, der Maschinist öffnete seinen Regulator und setzte die Lokomotive in Bewegung. Man fuhr, zuerst kaum merklich, dann ging es schneller und schneller. Der Zug fuhr unter dem Ponte de l'Europe hindurch und stürzte sich dem Tunnel von Les Batignolles entgegen. Man sah von ihm nur noch, wie blutende offene Wunden, die drei Schlußlaternen, das rothe Dreieck. Einige Sekunden noch konnte man seinen Weg in dem schwarzen nächtlichen Schauer verfolgen. Jetzt flog er dahin und nichts konnte mehr seinen Lauf unter vollem Dampfe aufhalten. Er verschwand.




