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Bei der Prüfung von Kinderphantasien erweist sich, daß bei ihnen als wesentlicher Faktor das Spiel der Macht einen weiten Raum einnimmt, daß es immer Ziele des Ehrgeizes sind, die sich wiederspiegeln. Die meisten Phantasien beginnen mit Worten wie: »wenn ich einmal groß sein werde« und ähnlichen. Es gibt auch Erwachsene, die noch immer so leben, als ob sie erst einmal groß sein müßten. Die deutliche Ausprägung der Machtlinie weist wieder darauf hin, daß ein Seelenleben sich nur entwickeln kann, wenn vorher die Zielsetzung erfolgt ist. In der menschlichen Kultur ist dieses Ziel ein Ziel der Geltung. Bei neutralen Zielen bleibt es fast nie, denn das gemeinsame Leben der Menschen ist von einem fortwährenden Sich-Messen begleitet, wobei die Sehnsucht nach Überlegenheit entsteht und das Verlangen, die Konkurrenz siegreich zu bestehen. Es ist daher erklärlich, daß jene Formen der Voraussicht, wie wir sie in den Phantasien der Kinder finden, regelmäßig Machtvorstellungen sind.
Für den Umfang dieser Vorstellungen, für die Größe der Phantasie lassen sich keine Regeln aufstellen oder mit anderen Worten: Man darf auch hier nicht in den Fehler verfallen zu generalisieren. Das oben Gesagte gilt für eine große Anzahl von Fällen, kann sich aber in einzelnen Fällen auch als anders geartet feststellen lassen. Es ist naheliegend, daß jene Kinder ihre Phantasie stärker entwickeln werden, die das Leben mit feindlichen Augen betrachten, mit welcher Einstellung gewöhnlich auch eine stärkere Anspannung der Vorsicht verbunden ist. So haben schwächliche Kinder, denen das Leben so manches Üble bietet, eine verstärkte Phantasie und die Neigung, sich mit Phantasien zu beschäftigen. In weiterer Folge tritt oft ein Entwicklungsstadium ein, in dem die Phantasie zuhilfe genommen wird, um sich aus dem realen Leben herauszuschleichen, also die Phantasie gleichsam für die Verurteilung des realen Lebens benutzt erscheint. Sie ist dann der Machtrausch eines Menschen, der sich über die Niedrigkeit des Lebens erhoben hat.
Nicht nur die Machtlinie allein ist es, die man in den Phantasien feststellen kann, auch das Gemeinschaftsgefühl spielt in ihnen eine große Rolle. Die Kinderphantasien sehen fast nie so aus, daß nur die Macht des Kindes darin zur Geltung kommt, sondern diese Macht erscheint irgendwie als zum Nutzen anderer mitverwendet. Das ist z. B. der Fall bei Phantasien, deren Inhalt darin gipfelt, ein Retter zu sein, ein Helfer, ein Sieger über ein den Menschen schädliches Ungetüm u. dgl. Häufig vorzufinden ist die Phantasie, nicht aus der Familie zu sein, in der man aufwächst. Eine Menge Kinder hält den Gedanken fest, daß sie eigentlich aus einer andern Familie stammen, daß sich eines Tages die Wahrheit zeigen und der wirkliche Vater (immer irgendeine hohe Persönlichkeit) kommen und sie abholen werde. Dies ist meist bei Kindern der Fall, die ein starkes Minderwertigkeitsgefühl haben, die Entbehrungen ausgesetzt sind, Zurücksetzungen zu erdulden haben oder die mit der Zärtlichkeit ihrer Umgebung unzufrieden sind. Oft verraten sich solche Größenideen schon in der äußeren Haltung der Kinder, die so tun, als ob sie schon erwachsen wären. Beinahe krankhafte Ausartungen der Phantasie findet man in der Form, daß z. B. ein Kind eine besondere Vorliebe für steife Hüte oder für Zigarrenspitzen empfindet, oder wenn Mädchen sich vornehmen ein Mann zu werden. Es gibt viele Mädchen, die eine Haltung oder Kleidung vorziehen, die eher für Knaben passen würde.
Es gibt auch Menschen, von denen geklagt wird, sie hätten zu wenig Phantasie. Das ist sicher ein Fehlschluß. Entweder äußern sich solche Kinder nicht oder es liegen andere Gründe vor, aus denen sie sogar dazu gelangen können, einen Kampf gegen das Auftauchen von Phantasien zu führen. Es kann sein, daß ein Kind darin ein Stärkegefühl empfindet. In einem krampfhaften Bestreben, sich der Wirklichkeit anzupassen, erscheint diesen Kindern die Phantasie als unmännlich oder kindisch und wird von ihnen abgelehnt. Es gibt Fälle, bei denen diese Ablehnung zu weit geht und die Phantasie fast vollkommen zu fehlen scheint.
4. Träume (allgemeines)
Inhaltsverzeichnis
Außer den oben beschriebenen Tagträumen gibt es noch eine andere, sehr früh auftauchende Erscheinung, die eine große Wirksamkeit verrät und auch entfaltet. Es sind die Schlafträume. Im allgemeinen kann man feststellen, daß sich in ihnen die gleiche Methode des Kindes, zu träumen, wiederfindet, wie in den Tagträumen. Alte, erfahrene Psychologen haben darauf hingewiesen, daß sich aus den Träumen des Menschen sein Charakter leicht enthüllen lasse. In der Tat ist der Traum eine Erscheinung, die das Denken des Menschen zu allen Zeiten außerordentlich in Anspruch genommen hat. Wie die Tagträume Erscheinungen sind, die das Voraussehenwollen begleitet, die auftreten, wenn sich der Mensch damit beschäftigt, einen Weg in die Zukunft zu bahnen und ihn sicher zu gehen, so ist es auch mit den Schlafträumen. Der auffallende Unterschied ist, daß man Tagträume zur Not noch versteht, während dies bei den andern Träumen sehr selten der Fall ist. Diese Unverständlichkeit ist eine besondere Merkwürdigkeit und man wird leicht versucht sein, darin ein Zeichen der Oberflüssigkeit solcher Erscheinungen zu vermuten. Vorläufig sei hervorgehoben, daß sich auch in den Träumen wieder dieselbe Machtlinie eines Menschen zeigt, der die Zukunft festhalten will, der vor einer Frage steht und deren Bewältigung anstrebt. Sie liefern uns bei der Betrachtung des Seelenlebens wichtige Handhaben, auf die wir noch zurückkommen werden.
5. Einfühlung
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Bei der Funktion des Voraussehens, die bei beweglichen Organismen eine unerläßliche Notwendigkeit ist, weil sie immer vor Fragen der Zukunft gestellt sind, kommt dem seelischen Organ noch die Fähigkeit zu Hilfe, nicht nur zu empfinden, was in der Wirklichkeit ist, sondern auch zu fühlen, zu erraten, was etwa in der Zukunft sein wird. Man nennt diesen Vorgang »Einfühlung«. Diese Fähigkeit ist bei den Menschen außerordentlich stark entwik-kelt. Sie ist ein so weit reichender Vorgang, daß man sie an jeder Stelle des Seelenlebens findet. Bedingung ist auch hier die Notwendigkeit zur Voraussicht; denn wenn ich genötigt bin, mir vorzustellen, zu denken, wie ich mich im Falle einer auftauchenden Frage benehmen werde, so bin ich auch gezwungen, über jene Empfindungen ein festes Urteil zu bekommen, die sich aus der gegenwärtig noch nicht herangereiften Situation ergeben könnten. Erst durch das Zusammenfassen des Denkens, Fühlens und Empfindens einer erst zu erlebenden Situation kann wieder ein Standpunkt gewonnen werden, etwa der, einen bestimmten Punkt entweder mit besonderer Kraft anzustreben, oder ihm mit besonderer Vorsicht auszuweichen. Einfühlung kommt schön zustande, wenn man mit jemand spricht. Es ist unmöglich, mit einem Menschen Fühlung zu bekommen, wenn keine Einfühlung in die Lage des andern vorhanden ist. Eine besondere künstlerische Ausgestaltung erfährt die Einfühlung im Schauspiel. Weitere Erscheinungen der Einfühlung sind die Fälle, in denen den Menschen ein eigentümliches Gefühl überkommt, wenn er merkt, daß einem andern irgendeine Gefahr droht. Hier ist die Einfühlung manchmal so stark, daß man unwillkürlich selbst, obwohl nicht gefährdet, Abwehrbewegungen ausführt. Bekannt ist ferner die zurückziehende Bewegung, die man mit der Hand ausführt, wenn man z. B. ein Glas fallen läßt. Oft kann man beim Kegelschieben beobachten, wie einzelne Spieler gleichsam die Bewegung der Kugel mitmachen wollen, sie mit ihrem ganzen Körper vorwegnehmen, als ob sie deren Lauf dadurch beeinflussen wollten. Weitere Erscheinungen sind die Gefühle, von denen man befallen wird, wenn man jemand in einem hochgelegenen Stockwerk Fenster putzen sieht, oder wenn man erlebt, daß ein Redner das Unglück hat, stecken zu bleiben. Im Theater wird man es kaum vermeiden können, mitzufühlen und die verschiedensten Rollen in seinem Innern mitzuspielen. — Unser gesamtes Erleben hängt also mit der Einfühlung innig zusammen.
Suchen wir danach, wo diese Funktion ihren Ursprung hat, diese Möglichkeit, so zu empfinden, als ob man ein anderer wäre, so finden wir die Erklärung nur in der Tatsache des angeborenen Gemeinschaftsgefühls. Diese ist eigentlich ein kosmisches Gefühl, ein Abglanz des Zusammenhanges alles Kosmischen, das in uns lebt, dessen wir uns nicht ganz entschlagen können und das uns die Fähigkeit gibt, uns in Dinge einzufühlen, die außerhalb unseres Körpers liegen.
Wie es verschiedene Grade des Gemeinschaftsgefühls gibt, gibt es auch verschiedene Grade der Einfühlung, die man ebenfalls schon im Kindesalter beobachten kann. Es gibt Kinder, die sich mit Puppen so beschäftigen, als ob es lebendige Wesen wären, während andere vielleicht nur das Interesse haben, nachzusehen, was darinnen ist. Durch Ablenken der Gemeinschaftsbeziehungen von den Mitmenschen auf leblose oder wenig wertvolle Dinge, kann die Entwicklung eines Menschen sogar völlig zum Scheitern gebracht werden. Fälle von Tierquälerei, die man so oft bei Kindern beobachtet, sind nur denkbar bei Annahme eines fast völligen Mangels von Einfühlung in das Empfinden anderer Wesen. In weiterer Folge können solche Kinder dazu gelangen, sich für Dinge zu interessieren, die für ihre Entwicklung zum Mitmenschen bedeutungslos sind, Interessen anderer völlig zu übersehen und nur an sich zu denken. Alle diese Erscheinungen hängen mit dem geringen Grade der Einfühlung zusammen. Schließlich kann Mangel an Einfühlung dazu führen, die Aufnahme der Mitarbeit völlig zu verweigern.
6. Einwirkung eines Menschen auf den andern
(Hypnose und Suggestion)
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Die Frage, wieso Einwirkungen auf einen anderen Menschen überhaupt Zustandekommen können, ist im Sinne der Individualpsychologie dahin zu beantworten, daß es sich auch hier um Zusammenhangserscheinungen handelt. Unser ganzes Leben rollt unter der Voraussetzung ab, daß gegenseitige Einwirkung möglich ist. Dieselbe ist in gewissen Fällen ganz besonders akzentuiert, wie im Verhältnis von Lehrer und Schüler, Eltern und Kindern, Mann und Frau. Unter dem Einfluß des Gemeinschaftsgefühls besteht bis zu einem bestimmten Grade ein Entgegenkommen gegenüber Einwirkungen eines andern. Der Grad dieser Beeinflußbarkeit ist aber auch davon abhängig, inwiefern die Rechte des zu Beeinflussenden durch den Beeinflusser sichergestellt erscheinen. Eine dauernde Einwirkung auf einen Menschen, dem man Unrecht tut, ist ausgeschlossen. Man wird auf ihn dann am besten einwirken können, wenn der andere in eine Stimmung versetzt ist, in der er sein eigenes Recht als gewährleistet empfindet. Das ist besonders für die Erziehung ein wichtiger Gesichtspunkt. Es ist möglich, eine andere Form von Erziehung vorzuschlagen oder gar durchzuführen. Eine Erziehung, die diesen Gesichtspunkt berücksichtigt, wird deshalb wirksam sein, weil sie an das Ursprünglichste anknüpft, an das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie wird nur dann versagen, wenn es sich um einen Menschen handelt, der sich absichtlich dem Einfluß der Gesellschaft zu entziehen sucht. Auch dies tut er nicht ohne weiteres; es muß ein längerer Kampf vorausgegangen sein, in dessen Verlauf sich allmählich seine Zusammenhänge mit der Umwelt gelöst haben, so daß er also in voller Opposition gegen das Gemeinschaftsgefühl dasteht. Dann ist jede Art von Einwirkung erschwert oder unmöglich und man erlebt das Schauspiel, daß ein Mensch jeden Versuch einer Einwirkung mit einer Gegenaktion beantwortet (Oppositionsgeist).
Wir dürfen daher bei Kindern, die sich durch ihre Umgebung irgendwie bedrückt fühlen, erwarten, daß sie eine geringere Fähigkeit und Neigung haben werden, Einwirkungen ihrer Erzieher Folge zu leisten. Wohl gibt es zahlreiche Fälle, wo der Druck von außen so stark ist, daß er alle Widerstände hinwegfegt, wo scheinbar jede Einwirkung aufgenommen und befolgt wird. Man kann sich aber bald überzeugen, daß diesem Gehorsam keinerlei Wert zuerkannt werden darf, der fruchtbar wird. Manchmal tritt er in einer derartig grotesken Weise auf, daß er für das Leben unfähig macht (blinder Gehorsam), so daß man einen Menschen vor sich hat, der immer darauf wartet, daß man ihm die notwendigen Handlungen und Schritte befiehlt. Die große Gefahr, die diese weitgehende Unterwerfung in sich birgt, kann man an dem Umstand ermessen, daß aus diesen Kindern oft jene Menschen hervorgehen, die jedem gehorchen, der sie einmal in die Gewalt bekommt und auf Befehl sogar Verbrechen begehen. Sie spielen besonders in den Banden eine unheimliche Rolle, weil sie immer die ausführende Rolle spielen, während sich der Kopf der Bande meist abseits hält. Fast bei jeder auffälligen Strafhandlung, die von einer Bande begangen wurde, war ein derartiger Mensch das ausführende Organ. Solche Menschen legen einen unglaublich weitgehenden Gehorsam an den Tag und können darin sogar eine Befriedigung ihres Ehrgeizes empfinden.
Wenn wir uns aber bloß an die normalen Fälle der Einwirkung halten, so können wir feststellen, daß am geneigtesten, auf sich einwirken zu lassen, sich zu verständigen und mit sich rechnen zu lassen jene sein werden, deren Gemeinschaftsgefühl am wenigsten gedrosselt ist, während es am schlechtesten mit jenen bestellt sein wird, bei denen der Hang nach oben, die Sehnsucht nach Überlegenheit einen besonders hohen Grad erreicht hat. Die Beobachtung lehrt das alle Tage. Wenn Eltern über ein Kind klagen, dann geschieht dies äußerst selten wegen blinden Gehorsams, sondern wegen Ungehorsams, und die Untersuchung solcher Kinder zeigt, daß sie in dem Streben begriffen sind, über ihre Umgebung hinauszuwachsen, daß sie bei dieser Gelegenheit die Normen ihres kleinen Lebens durchbrechen, weil sie durch eine fehlerhafte Behandlung für erzieherische Eingriffe unzugänglich gemacht worden sind. Das intensive Streben nach Macht steht somit zur Erziehbarkeit im umgekehrten Verhältnis. Trotzdem ist unsere Familienerziehung meist darauf bedacht, den Ehrgeiz des Kindes besonders aufzustacheln und in ihm Größenideen zu erwecken. Nicht etwa aus Unbesonnenheit, sondern weil unsere ganze Kultur, die selbst von einer solchen zu Größenideen hinneigenden Tendenz durchzogen ist, ihnen solche Impulse gibt, so daß es auch in der Familie, wie in unserer Kultur, in erster Linie darauf ankommt, daß der Einzelne mit besonderem Glanze im Leben dasteht und möglichst alle andern in irgendeiner Weise übertrifft. In dem Kapitel über die Eitelkeit wird weiter ausgeführt werden, wie ungeeignet diese Methode der Erziehung zum Ehrgeiz ist und an welchen Schwierigkeiten in diesem Fall die Entwicklung eines Seelenlebens scheitern kann.
In einer ähnlichen Lage wie jene, die zufolge ihrer Neigung zum unbedingten Gehorsam in weitgehender Weise auf die Forderungen der Umgebung eingehen, befindet sich auch jedes Medium. Man braucht nur den Vorsatz durchzuführen, einmal eine Zeitlang alles zu tun, was von einem verlangt wird. Ein derartiger Vorgang liegt den Vorbereitungen zur Hypnose zugrunde. Im allgemeinen ist hierzu folgendes zu bemerken: Es kann einer sagen oder glauben, er habe den Willen zur Hypnose. Trotzdem wird ihm die seelische Bereitschaft zur Unterwerfung fehlen. Und es kann einer ganz entschieden Widerspruch leisten und doch innerlich zur Unterwerfung bereit sein. In der Hypnose kommt es eben ausschließlich auf die seelische Haltung des Mediums an, nicht auf dessen Worte oder Glauben. Aus der Verkennung dieser Tatsache ist große Verwirrung entstanden, weil man in der Hypnose meist mit Menschen zu tun hat, die sich zu sträuben scheinen und schließlich doch geneigt sind, den Forderungen des Hypnotiseurs nachzugeben. Diese Bereitwilligkeit kann verschiedene Grenzen haben, so daß die Resultate der Hypnose bei jedem Menschen andere sind. In keinem Fall hängt aber die Grenze der Bereitwilligkeit zur Hypnose vom Willen des Hypnotiseurs ab, sondern von der seelischen Einstellung des Mediums.
Was das Wesen der Hypnose betrifft, so stellt sie eine Art Schlafzustand vor. Rätselhaft ist sie nur deshalb, weil dieser Schlaf erst erzeugt werden muß, sich erst im Auftrag eines andern einstellt. Der Auftrag ist nur wirksam, wenn er auf jemand trifft, der bereit ist ihn anzunehmen. Entscheidend hierfür sind, wie erwähnt, Wesen und Entwicklung der Persönlichkeit des Mediums. Nur wenn jemand so geartet ist, daß er den Einflüssen eines andern kritiklos Raum gibt, ist es möglich, diesen eigenartigen Schlafzustand bei ihm hervorzurufen, der mehr als der natürliche Schlaf, auf eine Ausschaltung der Bewegungsfähigkeit hinausläuft, soweit, bis endlich auch die Bewegungszentren vom Auftraggeber mobilisiert werden können. Vom normalen Schlaf bleibt nur eine Art Dämmerzustand übrig, der es auch ausmacht, daß das Medium nur nach dem Willen des Auftraggebers von den Vorgängen in der Hypnose Erinnerungen aufbewahren kann. Was am stärksten ausgeschaltet ist, ist die für unsere Kultur bedeutendste Errungenschaft des seelischen Organs, die Kritik. Das Medium ist nun sozusagen die verlängerte Hand, das Organ des Hypnotiseurs, und funktioniert in seinem Auftrag.
Die meisten Menschen, die einen Hang haben auf andere einzuwirken, schreiben diese Fähigkeit, wie überhaupt jede Möglichkeit des Einwirkens, einem geheimnisvollen Fluidum, einer besonderen Kraft zu, die ihnen eigen sein soll. Das führt zu einem ungeheuren Unfug, zu Ausartungen, insbesondere zu den abstoßenden Exzessen von Telepathen und Hypnotiseuren. Von ihnen müßte man eigentlich behaupten, daß sie die Menschenwürde in einem solchen Grade verletzen, daß jedes Mittel gerecht wäre, um ihnen das Handwerk zu legen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Erscheinungen, die sie vorführen, auf Schwindel beruhen. Nein, die menschliche Kreatur ist eben derart zur Unterwerfung geneigt, daß sie einem Menschen, der mit der Pose der Plusmacherei auftritt, zum Opfer fallen kann, nur weil die Menschen in ihrer Mehrzahl so oft in einer Stimmung dahingelebt haben, sich ohne Prüfung zu unterwerfen, Autorität anzuerkennen, sich bluffen und hinreißen zu lassen, sich kritiklos unterzuordnen, was alles natürlich nie eine Ordnung in das menschliche Zusammenleben bringen konnte, sondern immer wieder zu nachträglichen Revolten der Unterworfenen geführt hat. Noch kein Telepath oder Hypnotiseur hat mit seinen Experimenten auf längere Zeit Glück gehabt. Sehr oft war es so, daß er auf einen Menschen stieß, auf ein sogenanntes Medium, das ihn einfach »hineingelegt« hat. Dies ist schon bedeutenden Männern der Wissenschaft widerfahren, die ihre Kraft auf Medien einwirken lassen wollten. Manchmal gibt es auch Mischfälle, wo das Medium sozusagen ein betrogener Betrüger ist, zum Teil betrügt, zum Teil sich unterwirft. Aber die Kraft, die wir hier scheinbar am Werke sehen, ist nie die des Hypnotiseurs, sondern immer die Geneigtheit des Mediums, sich zu unterwerfen, keine Zauberkraft, die auf das Medium einwirkt, sondern höchstens die Kunst des Hypnotiseurs, zu bluffen. Ist aber jemand gewohnt, ein Leben zu führen, in dem er sich selbst alles überlegt und seine Entschlüsse nicht ohne weiteres von einem andern entgegennimmt, dann ist er natürlich nicht zu hypnotisieren und wird auch nie die sonderbaren Erscheinungen der Telepathie aufweisen. Denn all diese Erscheinungen sind nur Erscheinungen des blinden Gehorsams.
In diesem Zusammenhang ist auch die Suggestion zu erwähnen. Ihr Wesen kann man erst verstehen, wenn man sie im weitesten Sinn unter die Eindrücke einreiht. Es ist selbstverständlich, daß der Mensch nicht nur jeweils Eindrücke aufnimmt, sondern stets auch unter ihrer Wirkung steht. Das Aufnehmen der Eindrücke ist nicht ganz belanglos, sie wirken weiter. Und wenn sie Anforderungen eines anderen Menschen sind, Versuche, zu überzeugen, zu überreden, dann können wir von Suggestionen sprechen. Dann betrifft es die Umänderung oder Festigung einer wirkenden Anschauung, die bei ihrem Träger deutlich hervortritt. Das schwierigere Problem beginnt eigentlich bei dem Umstand, daß Menschen auf von außen kommende Eindrücke verschieden reagieren. Auch diese Einwirkung hängt mit dem Grad der Selbständigkeit des betreffenden Menschen zusammen. Zwei Typen sind da besonders ins Auge zu fassen. Die einen sind die, welche die Meinung des andern gern überschätzen, also von der Richtigkeit ihrer eigenen Anschauungen wenig halten, ob sie nun richtig oder falsch sind. Sie überwerten die Bedeutung anderer Personen, so daß sie sich leicht der Meinung derselben anpassen. Sie sind für Wachsuggestionen und Hypnose außerordentlich geeignet. — Der andere Typus wird alles, was von außen kommt, wie eine Beleidigung aufnehmen, nur seine eigene Meinung für richtig halten und, unbekümmert um Richtigkeit oder Unrichtigkeit, alles verwerfen, was ein anderer bringt. Beide Typen haben ein Schwächegefühl in sich, der zweite Typus ein solches, das nicht duldet, vom andern etwas anzunehmen. Meist treffen wir da Menschen an, die leicht in Konflikt kommen und sehr oft die Auffassung in sich nähren, als ob sie der Suggestion eines andern besonders leicht zugänglich wären. Sie verstärken aber diese Auffassung nur, um nicht zugänglich zu werden, so daß mit ihnen auch sonst schwer etwas anzufangen ist.
V. Kapitel:
Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben
Inhaltsverzeichnis
1. Die frühkindliche Situation
2. Ausgleich des Minderwertigkeitsgefühls, Streben nach Geltung und Überlegenheit
3. Leitlinie und Weltbild
1. Die frühkindliche Situation
Inhaltsverzeichnis
Wir sind bereits so weit um zu wissen, daß Kinder, die von der Natur stiefmütterlich bedacht sind, zum Leben und zu den Menschen eine andere Haltung einzunehmen geneigt sind als solche, denen die Freuden des Daseins schon frühzeitig nähergebracht worden sind. Man kann als einen Grundsatz aufstellen, daß alle Kinder mit minderwertigen Organen leicht in einen Kampf mit dem Leben verwickelt werden, der sie zu einer Drosselung ihres Gemeinschaftsgefühls verleitet, so daß diese Menschen leicht die Schablone annehmen, sich immer mehr mit sich selbst und mit dem Eindruck, den sie auf die Umwelt machen, zu beschäftigen, als mit den Interessen der andern. Was von den minderwertigen Organen gilt, gilt auch von äußeren Einwirkungen auf das Kind, die sich als ein mehr oder weniger schwer auf ihm lastender Druck fühlbar machen und eine feindselige Einstellung zur Umwelt hervorrufen können. Die entscheidende Wendung tritt schon sehr früh ein. Bereits im zweiten Lebensjahr kann man feststellen, daß solche Kinder wenig geneigt sind, sich als gleichermaßen ausgestattet wie die andern und ihnen ebenbürtig und gleichberechtigt zu fühlen, sich ihnen anzuschließen und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, sondern daß sie in einem durch mannigfache Entbehrungen entstandenen Gefühl der Verkürztheit dazu neigen, stärker als andere Kinder ein Gefühl der Erwartung, ein Recht auf Forderungen zu äußern. Bedenkt man, daß eigentlich jedes Kind dem Leben gegenüber minderwertig ist und ohne ein erhebliches Maß von Gemeinschaftsgefühl der ihm nahestehenden Menschen gar nicht bestehen könnte, faßt man die Kleinheit und Unbeholfenheit des Kindes ins Auge, die so lange anhält und ihm den Eindruck vermittelt, dem Leben nur schwer gewachsen zu sein, dann muß man annehmen, daß am Beginn jedes seelischen Lebens ein mehr oder weniger tiefes Minderwertigkeitsgefühl steht. Dies ist die treibende Kraft, der Punkt, von dem alle Bestrebungen des Kindes ausgehen und sich entwickeln, sich ein Ziel zu setzen, von dem es alle Beruhigung und Sicherstellung seines Lebens für die Zukunft erwartet und einen Weg einzuschlagen, der ihm zur Erreichung dieses Zieles geeignet erscheint.
In dieser eigenartigen Stellungsnahme des Kindes, die auch enge mit seinen organischen Fähigkeiten verknüpft und von ihnen mitbeeinflußt ist, liegt die Basis für seine Erziehbarkeit. Diese wird, so allgemein auch das Minderwertigkeitsgefühl bei jedem Kind ist, besonders durch zwei Momente erschüttert. Das eine ist ein verstärktes, intensiveres und länger anhaltendes Minderwertigkeitsgefühl, das andere ein Ziel, das nicht mehr bloß Beruhigung, Sicherheit, Gleichwertigkeit gewährleisten soll, sondern ein Streben nach Macht entwickelt, das bestimmt ist, zur Überlegenheit über die Umwelt zu führen. Auf diesem Weg sind sie weiterhin jederzeit zu erkennen. Ihre Erziehbarkeit ist erschwert, weil sie sich unter allen Umständen immer zurückgesetzt fühlen, sich von der Natur benachteiligt glauben und sich oft auch von den Menschen, mit Recht oder Unrecht, zurückgesetzt sehen. Wenn man all diese Beziehungen genauer durchschaut, dann kann man ermessen, mit welcher Zwangsläufigkeit sich eine schiefe, von allerhand Fehlschlägen begleitete Entwicklung vollziehen kann.




