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Prüfen wir die Neigung, Leistungen, die einem obliegen, als besonders schwer und bedeutungsvoll hinzunehmen, auf ihr Gewicht, indem wir versuchen, uns vorzustellen, was ein solches Benehmen in einer Gruppe von Menschen oder in einer Ehe bedeutet, so können wir uns des Eindruckes nicht erwehren, daß diese Neigung einem Appell an die Umgebung ähnelt, keine weiteren Belastungen mehr vorzunehmen, da bereits die allernotwendigsten Arbeiten nicht mehr recht bewältigt werden können.
Was wir bisher über die Frau wissen, kann uns noch nicht genügen. Wir müssen versuchen, sie zu weiteren Mitteilungen zu bewegen. Bei solchen Untersuchungen muß mit entsprechender Delikatesse vorgegangen werden, ohne Selbstüberhebung, die sofort eine Kampfstellung des Patienten hervorrufen würde, eher vermutungsweise und auch nicht ungefragt. Hat man die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, dann kann man — wie in unserem Fall — langsam andeuten, eigentlich zeige ihr ganzes Wesen, ihr ganzes Benehmen, daß sie einem anderen, der wahrscheinlich ihr Gatte sein dürfte, zu verstehen geben wolle, daß sie eine weitere Belastung nicht vertrage, daß sie auf eine vorsichtige Behandlung, auf Zartheit Anspruch erhebe. Man kann weiterfühlen und andeuten, das alles müsse einmal irgendwo seinen Anfang genommen und eine Förderung erfahren haben. Es gelingt, sie zu der Bestätigung zu bewegen, daß sie vor Jahren eine Zeit habe überstehen müssen, wo ihr nichts weniger als Zartheit widerfahren sei. Nun erkennen wir schon besser ihr Verhalten als eine Unterstützung ihrer Forderung nach Rücksichtnahme und als ein Bestreben, die Rückkehr einer Situation, in der ihr Verlangen nach Wärme etwa verletzt werden könnte, zu vermeiden.
Unser Befund wird durch eine weitere Mitteilung erhärtet. Sie erzählt von einer Freundin, die in vieler Hinsicht ihr Gegenteil sei, die in einer unglücklichen Ehe lebe, der sie gerade entfliehen möchte. Einmal traf sie diese an, wie sie gerade, ein Buch in der Hand, mit gelangweilter Stimme ihrem Manne bedeutete, sie wisse eigentlich nicht, ob sie heute das Mittagsmahl rechtzeitig werde zustande bringen können, wodurch sie ihn in eine derartige Erregung versetzte, daß er sich zu einer heftigen Kritik ihres Wesens hinreißen ließ. Zu diesem Vorfall fügte unsere Patientin hinzu: »Wenn ich das so recht betrachte, so ist meine Methode doch eine viel bessere. Mir kann man einen solchen Vorwurf nie machen, denn ich bin doch von Früh bis Abend mit Arbeit überbürdet. Wenn bei mir einmal ein Mittagessen nicht rechtzeitig fertig wird, kann mir, deren Zeit mit Hast und fortwährender Aufregung ausgefüllt ist, niemand etwas sagen. Und diese Methode soll ich nun aufgeben?«
Man sieht, was sich in diesem Seelenleben abspielt. In verhältnismäßig harmloser Art wird der Versuch gemacht, ein gewisses Übergewicht zu bekommen, jedes Vorwurfes überhoben zu sein und immer für zarte Behandlung und zartes Wesen zu plädieren. Da dies gelingt, erscheint die Forderung, davon Abstand zu nehmen, nicht recht verständlich. Hinter diesem Verhalten steckt aber noch anderes. Der Appell an die Zartheit, der schließlich ebenfalls das Übergewicht über den anderen sucht, kann nie dringend genug gemacht werden. Und so stellen sich in diesem Zusammenhang Widerwärtigkeiten verschiedenster Art ein. Es gerät etwas in Verlust, man findet etwas nicht, es entsteht ein Durcheinander, eine »Wirtschaft«, die der Frau immer Kopfschmerzen bereitet, sie nicht ruhig schlafen läßt, weil sie immer wieder mit der Sorge befaßt ist, die sie riesengroß sieht und aufbauscht, nur um ihre Anstrengungen ins rechte Licht zu setzen. Eine Einladung, die an sie ergeht, ist schon eine schwierige Angelegenheit. Ihr nachzukommen, dazu bedarf es größerer Vorbereitungen. Die kleinste Leistung erscheint ihr übermäßig groß und so ist ein gastlicher Besuch eine schwere Arbeit, die Stunden, ja Tage beansprucht. In einem solchen Fall darf mit ziemlicher Sicherheit damit gerechnet werden, daß eine Absage erfolgen wird, zumindest ein Zuspätkommen. Die Gesellschaftlichkeit wird im Leben eines solchen Menschen gewisse Grenzen nicht überschreiten.
Nun gibt es in einem Verhältnis zweier Menschen, wie es die Ehe ist, eine Menge Beziehungen, die durch den Appell an die Zartheit in ein besonderes Licht gerückt werden. Es kann sein, daß der Mann beruflich abwesend sein muß, daß er einen Freundeskreis hat, auch allein Besuche machen oder bei Sitzungen von Vereinen erscheinen muß, denen er angehört. Würde es nicht die Forderung auf Zartheit, auf Rücksichtnahme verletzen, wenn er in solchen Fällen die Frau allein zuhause ließe? Im ersten Moment wären wir vielleicht geneigt — und das ist in der Tat sehr häufig — anzunehmen, daß die Ehe dazu berechtigt, den anderen Teil so stark wie möglich ans Haus zu fesseln. So sympathisch diese Forderung zum Teil erscheinen mag, in Wirklichkeit zeigt sich, daß so etwas für einen im Beruf stehenden Menschen eine unüberwindliche Schwierigkeit bedeutet. Störungen sind dann unvermeidlich, und so kann es, wie in unserem Fall kommen, daß der Mann, der nach Torsperre vorsichtig und bescheiden sein Bett aufsuchen will, dadurch überrascht wird, daß er seine Frau noch wach findet, die ihn nun mit einer vorwurfsvollen Miene empfängt. Die genügsam bekannten Situationen dieser Art sollen hier nicht weiter ausgemalt werden. Auch darf man nicht übersehen, daß es sich da nicht etwa nur um kleinere Fehler der Frau handelt, sondern daß es ebensoviele Männer gibt, die ebenso eingestellt sind. An dieser Stelle handelt es sich aber darum, zu zeigen, daß das Verlangen nach besonderer Zartheit gelegentlich auch einen anderen Weg einschlagen kann. In unserem Fall spielt sich ein solches Ereignis gewöhnlich so ab: Muß der Mann einen Abend außer Haus verbringen, so erklärt ihm die Frau, er gehe so selten in die Gesellschaft, daß er diesmal nicht zu frühe nach Hause kommen dürfe. Obwohl sie dies in scherzhaftem Ton sagt, enthalten ihre Worte dennoch einen sehr ernsthaften Kern. Es widerspricht scheinbar dem bisher entworfenen Bild. Sieht man aber näher zu, so erkennt man die Übereinstimmung. Die Frau ist so klug, daß sie, auch ohne daran zu denken, nicht zu streng vorgeht. Sie bietet auch äußerlich das Bild äußerster Liebenswürdigkeit in jeder Beziehung. Unser Fall ist an sich völlig untadelig und beschäftigt uns nur wegen des psychologischen Interesses. Die wahre Bedeutung ihrer Worte an den Mann liegt nun darin, daß es nunmehr die Frau ist, die das Diktat gegeben hat. Jetzt, nachdem sie es gestattet, ist es erlaubt, während sie äußerst beleidigt gewesen wäre, wenn es der Mann aus eigenem Antrieb getan hätte. Ihre Äußerung wirkt somit wie eine Verschleierung des ganzen Zusammenhanges. Jetzt ist sie der dirigierende Teil und der Mann ist, obwohl er nur einer gesellschaftlichen Verpflichtung nachgeht, von Wunsch und Willen der Frau abhängig geworden.
Verbinden wir die Forderung nach besonderer Zartheit nun mit unserer neuen Erkenntnis, daß diese Frau nur verträgt, was sie selbst kommandiert, dann fällt uns plötzlich ein, daß das ganze Leben dieser Frau von einem unerhörten Impuls durchzogen sein muß, keine zweite Rolle zu spielen, immer die Überlegenheit zu behalten, durch keinerlei Vorwurf aus ihrer Stellung geworfen zu werden, immer das Zentrum ihrer kleinen Umgebung zu sein. Diese Linie werden wir bei ihr in jeder Situation finden. So, wenn es sich darum handelt, eine Hausgehilfin zu wechseln. Da gerät sie in größte Aufregung, deutlich in der Besorgnis, ob sie die bisher gewohnte Herrschaft auch bei der neuen Hausgehilfin werde aufrecht erhalten können. Ähnlich, wenn sie sich zu einem Ausgang rüstet. Es ist etwas anderes für sie, in einer Sphäre zu leben, in der ihre Herrschaft unbedingt gesichert erscheint, als das Haus zu verlassen, sich »in die Fremde« zu begeben, auf die Straße, wo auf einmal nichts mehr ihrem Willen unterworfen ist, wo man jedem Wagen ausweichen muß, wo man also eine ganz kleine Rolle spielt. Ursache und Bedeutung dieser Spannung wird also erst klar, wenn man bedenkt, welche Machtfülle diese Frau zu Hause beansprucht.
Solche Erscheinungen treten oft in einer so sympathischen Schablone hervor, daß man im ersten Augenblick gar nicht auf den Gedanken verfällt, daß so ein Mensch leidet. Dieses Leiden kann hohe Grade erreichen. Man braucht sich nur derartige Spannungen, wie in unserem Fall, vergrößert denken. So gibt es Menschen, die eine Scheu davor haben, die Straßenbahn zu benutzen, weil sie dort keinen eigenen Willen haben. Das kann so weit gehen, daß solche Menschen schließlich überhaupt nicht mehr das Haus verlassen wollen.
In seiner weiteren Entwicklung ist unser Fall ein lehrreiches Beispiel dafür, wie Kindheitseindrücke im Leben eines Menschen immer wieder nachwirken. Man kann nicht leugnen, daß diese Frau, von ihrem Standpunkt gesehen, recht hat. Denn wenn einer sich darauf einstellt und sein ganzes Leben danach einrichtet, mit unerhörter Intensität auf Wärme, Verehrung und Zartheit zu dringen, dann ist das Mittel, sich immer überlastet und aufgeregt zu gebärden, nicht so schlecht, weil es ihm dadurch nicht nur gelingen kann, jede Kritik von sich fernzuhalten, sondern dadurch auch die Umgebung zu veranlassen, immer sanft abzumahnen, zu helfen und alles zu vermeiden, was das seelische Gleichgewicht dieses Menschen stören könnte.
Gehen wir um eine größere Spanne im Leben unserer Patientin zurück, dann hören wir, daß sie bereits in der Schule, wenn sie ihre Aufgabe nicht konnte, in außerordentliche Aufregung geriet und dadurch die Lehrer zwang, mit ihr recht zart zu verfahren. Dazu gibt sie noch folgendes an: Sie war die älteste von drei Geschwistern, ihr folgte ein Bruder, nach diesem wieder ein Mädchen. Mit dem Bruder gab es immer Kämpfe. Er erschien ihr immer als der Bevorzugte und ganz besonders ärgerte es sie, daß man seine Schulleistungen stets mit großer Aufmerksamkeit verfolgte, während sie, die anfangs eine gute Schülerin war, mit ihren guten Leistungen einer derartigen Gleichgültigkeit begegnete, daß sie es kaum mehr vertrug und fortwährend nachgrübelte, warum hier mit ungleichem Maß gemessen werde.
Wir verstehen bereits, daß dieses Mädchen nach der Parität suchte, daß sie von Kindheit an ein starkes Minderwertigkeitsgefühl gehabt haben mußte, das sie auszugleichen trachtete. In der Schule tat sie das auf die Weise, daß sie eine schlechte Schülerin wurde. Sie versuchte durch schlechte Schulerfolge den Bruder zu übertreffen, nicht etwa im Sinne einer höheren Moral, sondern in ihrem kindlichen Sinn, um die Aufmerksamkeit der Eltern besonders stark auf sich zu lenken. Ein wenig bewußt sind diese Vorgänge doch gewesen, denn heute stellt sie ganz deutlich fest, sie wollte eine schlechte Schülerin werden. Aber auch um ihre schlechten Schulerfolge kümmerten sich die Eltern nicht im geringsten. Und da geschah wieder etwas Interessantes: sie zeigte plötzlich wieder gute Schulerfolge. Aber nun trat ihr jüngstes Geschwister, ihre Schwester, in auffälliger Weise in Szene. Auch diese hatte nämlich schlechte Schulerfolge, aber um sie kümmerte sich die Mutter fast ebensosehr wie um den Bruder, und zwar aus einem merkwürdigen Grund: während unsere Patientin nur in den Lehrfächern schlechte Noten hatte, war die Schwester in Sitten schlecht qualifiziert. Auf diese Weise gelang es dieser viel besser, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, weil ja schlechte Noten in Sitten einen ganz anderen sozialen Effekt haben. Sie sind mit besonderen Maßnahmen verbunden, die die Eltern zwingen, sich stärker um das Kind zu bekümmern.
Der Kampf um die Parität war also vorläufig gescheitert. Wir müssen nun daran festhalten, daß das Scheitern eines Kampfes um die Gleichwertigkeit nie dazu führt, daß nun ein Ruhepunkt in diesem Prozeß eintritt. Kein Mensch verträgt eine solche Situation. Von hier aus werden immer wieder neue Regungen ablaufen und neue Bemühungen einsetzen, die dazu beitragen, das Charakterbild dieses Menschen zu formen. Wir verstehen jetzt wieder um etwas besser dieses Geschichtenmachen, das Hasten, das Bestreben, sich den andern immer als bedrückt und überlastet hinzustellen. Ursprünglich hat das alles der Mutter gegolten, es sollte ein Zwang sein für die Eltern, deren Aufmerksamkeit ebenso stark auf sich zu lenken wie auf die andere Schwester, gleichzeitig ein Vorwurf dafür, daß man sie schlechter behandelte als diese. Die Grundstimmung der Frau, die damals geschaffen wurde, hat sich bis heute erhalten.
Man kann in ihrem Leben auch noch weiter zurückgehen. Als ein besonders eindrucksvolles Kindheitserlebnis führt sie an, daß sie in ihrem dritten Lebensjahre einmal ihren Bruder, der vor kurzem zur Welt gekommen war, mit einem Stück Holz habe schlagen wollen und nur die Vorsicht der Mutter größeren Schaden verhütet hatte. Mit außerordentlich feiner Witterung hatte dieses Mädchen schon damals herausgefunden, daß die Ursache für ihre Zurücksetzung und geringere Einschätzung der Umstand war, daß sie bloß ein Mädchen war. Sie erinnert sich ganz genau, daß in jener Zeit unzähligemal der Wunsch über ihre Lippen kam, ein Knabe zu werden. Sie sah sich also durch die Ankunft des Bruders nicht nur aus der bisherigen Wärme ihres Nestes herausgehoben, sondern ihre Stimmung wurde noch dadurch besonders getrübt, daß ihm als Knaben eine viel ausgezeichnetere Behandlung zuteil wurde als ihr selbst. In ihrem Bestreben, diesen Mangel auszugleichen, verfiel sie mit der Zeit auf die Methode, immer als überlastet dazustehen.
Noch ein Traum soll zeigen, wie tief die Bewegungslinie eines Menschen in seinem Seelenleben verankert ist. Diese Frau träumt, daß sie zu Hause mit ihrem Mann ein Gespräch führe. Dieser sieht aber gar nicht so aus wie ein Mann, sondern ist eine Frau. Dieses Detail zeigt wie in einem Symbol die Schablone, mit der sie an ihre Erlebnisse und Beziehungen herantritt. Der Traum bedeutet, daß sie die Parität mit dem Manne gefunden habe. Er ist nicht mehr der überlegene Mann wie seinerzeit ihr Bruder, er ist schon fast wie eine Frau. Zwischen ihnen besteht kein Höhenunterschied mehr. Sie hat im Traum das erreicht, was sie eigentlich schon in der Kindheit immer gewünscht hatte.
So haben wir durch Verbindung zweier Punkte im Seelenleben eines Menschen seine Lebenslinie, seine Leitlinie aufgedeckt und konnten von ihm ein einheitliches Bild gewinnen, das wir zusammenfassend folgendermaßen bezeichnen können: Wir haben einen Menschen vor uns, der das Streben hat, mit liebenswürdigen Mitteln die überlegene Rolle zu spielen.
VI. Kapitel:
Die Vorbereitung auf das Leben
Inhaltsverzeichnis
Ein Grundsatz der Individualpsychologie lautet: Alle Erscheinungen des Seelenlebens sind als Vorbereitungen für ein vorschwebendes Ziel aufzufassen. Die bisher beschriebene Gestaltung des Seelenlebens hat für uns den Sinn einer Vorbereitung für eine Zukunft, in der die Wünsche des Individuums erfüllt erscheinen. Das ist eine allgemein menschliche Erscheinung, und alle Menschen müssen diesen Prozeß durchmachen. Dies erzählen uns auch alte Mythen, Sagen und Legenden, die von einem Idealzustand schwärmen, der einmal kommen werde oder schon einmal da war. Hierher gehört die Überzeugtheit aller Völker von der Vergangenheit eines Paradieses, und ein weiterer Abklang dieser Sehnsucht der Menschheit findet sich in allen Religionen, wo mit einer Zukunft gerechnet wird, wo alle Schwierigkeiten überwunden sind. Nicht anders zu deuten ist der Hinweis auf die Seligkeit oder auf die ewige Wiederkehr, der Glaube, daß sich die Seele immer wieder neu zur Gestaltung bringen könne. Alle Märchen geben uns Zeugnis davon, daß die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft nie in der Menschheit geruht hat.
1. Spiel
2. Aufmerksamkeit und Zerstreutheit
3. Fahrlässigkeit und Vergesslichkeit
4. Das Unbewusste
5. Träume
6. Begabung
1. Spiel
Inhaltsverzeichnis
Es gibt im kindlichen Leben eine Erscheinung, die sehr deutlich die Vorbereitung auf die Zukunft zeigt, die Spiele. Sie sind durchaus nicht als eine Art launischer Einfall von Eltern oder sonstigen Erziehern zu betrachten, sondern als Behelfe der Erziehung, als Anregungen für den Geist, für die Phantasie und Geschicklichkeit. Im Spiel zeigt sich regelmäßig die Vorbereitung für die Zukunft. So in der Art, wie sich das Kind zum Spiel stellt, in der Auswahl desselben, in der Bedeutung, die es ihm beimißt. Ebenso wird sich im Spiel immer zeigen, wie das Verhältnis des Kindes zu seiner Umgebung beschaffen ist, wie es den Mitmenschen gegenübersteht, ob freundlich oder feindlich und ob insbesondere die Neigung zu herrschen besonders unterstrichen ist. Auch kann man beim Spiel beobachten, wie das Kind zum Leben eingestellt ist. Das Spiel ist also für das Kind von außerordentlicher Wichtigkeit. Die Aufdeckung dieser Tatsachen, die uns lehren, die Spiele der Kinder als Vorbereitungen für die Zukunft aufzufassen, stammt von Groß, Professor der Pädagogik, welcher zeigte, daß diese Tendenz auch den Spielen der Tiere zugrunde liegt.
Damit ist nun noch nicht jeder Gesichtspunkt erschöpft. Vor allem sind Spiele auch eine Betätigung des Gemeinschaftsgefühls, das beim Kind so groß ist, daß es unter allen Umständen darin seine Befriedigung sucht und mächtig davon angezogen wird. Kinder, die dem Spiel ausweichen, sind immer eines Fehlschlages verdächtig. Es sind das solche, die sich gern zurückziehen und, wenn sie mit andern zusammengebracht werden, gewöhnlich nur Spielverderber sind. Hochmut, mangelhafte Selbsteinschätzung und demzufolge Furcht, seine Rolle schlecht zu spielen, sind die Hauptgründe hierfür. Im allgemeinen wird man das Maß des Gemeinschaftsgefühls bei Kindern mit großer Sicherheit bei ihren Spielen bestimmen können.
Ein anderer Faktor, der im Spiel sehr deutlich in Erscheinung tritt, ist das Ziel der Überlegenheit, das sich in der Neigung zum Befehlen, zum Herrschen verraten wird. Man wird dies daran erkennen, ob und wie sich das Kind vordrängt und inwiefern es Spiele bevorzugt, die ihm Gelegenheit geben, solche Neigungen zu befriedigen und eine herrschende Rolle zu spielen. Man wird wenig Spiele finden, die nicht wenigstens einem dieser drei Faktoren, Vorbereitung für das Leben, Gemeinschaftsgefühl und Herrschsucht, Rechnung tragen.
Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der dem Spiel anhaftet. Das ist die Möglichkeit für das Kind, sich spielerisch zu betätigen. Im Spiel ist das Kind mehr oder weniger auf sich selbst gestellt und seine Leistungen sind im Zusammenhang mit den andern durch das Spiel erzwungen. Es gibt eine große Anzahl Spiele, die gerade das schöpferische Moment in den Vordergrund rücken. Besonders die Spiele, die dem Kind ein großes Feld zur Betätigung ihres schöpferischen Hanges bieten, bergen ein für den zukünftigen Reruf bedeutsames Element in sich. Und es ist sicher in der Lebensgegeschichte vieler Menschen vorgekommen, daß sie z. B. zuerst Kleider für Puppen machten und später für Erwachsene.
Das Spiel ist untrennbar mit der seelischen Entwicklung des Kindes verbunden. Es ist sozusagen seine Berufstätigkeit und auch so aufzufassen. Daher ist es auch keine so harmlose Sache, ein Kind in seinem Spiel zu stören. Das Spiel darf nicht als ein Vertrödeln der Zeit aufgefaßt werden. Mit Rücksicht auf das Ziel einer Vorbereitung für die Zukunft steckt in jedem Kind schon etwas von einem Erwachsenen, den es einmal vorstellen wird. Daher ist es für uns eine wichtige Erleichterung bei der Beurteilung eines Menschen, auch seine Kindheit kennenzulernen.
2. Aufmerksamkeit und Zerstreutheit
Inhaltsverzeichnis
Eine Fähigkeit des seelischen Organs, die im Vordergrund der Leistungsfähigkeit eines Menschen steht, ist die Aufmerksamkeit. Wenn wir unsere Sinnesorgane aufmerksam mit einem Vorgang außer- oder innerhalb unserer Person in Beziehung bringen, dann haben wir das Gefühl einer besonderen Anspannung, und zwar einer solchen, die nicht über den ganzen Körper verbreitet, sondern auf ein bestimmtes Sinnesgebiet, z. B. auf das Auge, beschränkt ist. Wir haben das Gefühl, als ob hier etwas in Vorbereitung wäre. In der Tat kann man feststellen, daß es sich hierbei um Bewegungsvorgänge (in unserem Fall Richtung der Augenachsen) handelt, die uns die Empfindung dieser besonderen Anspannung verleihen. Wenn nun die Leistung der Aufmerksamkeit eine Spannung auf einem bestimmten Gebiet des seelischen Organs und unseres Bewegungsorganismus hervorruft, so ist damit gleichzeitig gesagt, daß andere Spannungen abgehalten werden sollen. So erklärt es sich, daß wir, sobald wir uns aufmerksam einer Sache widmen, jede Störung beiseiteschieben wollen. Die Aufmerksamkeit bedeutet also für das seelische Organ eine Bereitschaftsstellung, eine ganz spezielle Verknüpfung mit Tatsachen, die Vorbereitung zu einem Angriff oder zu einer Abwehrbewegung, die uns aus einer Not erwächst, aus einer ungewöhnlichen Situation, bei der unsere ganze Kraft in den Dienst eines besonderen Zweckes gestellt werden soll.
Die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit besitzt jeder Mensch, es sei denn, daß er krank oder geistig minderwertig sei. Dennoch geschieht es oft, daß man bei einem Menschen die Aufmerksamkeit vermißt. Hierfür gibt es eine Anzahl Gründe. Zunächst sind Müdigkeit oder Krankheit Faktoren, die die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu entfalten, beeinträchtigen. Ferner gibt es Menschen, deren mangelhafte Aufmerksamkeit darin ihren Grund hat, daß sie gar nicht aufmerken wollen, weil der Gegenstand, auf den sie aufmerken sollen, nicht zu ihrer Lebenseinstellung, zu ihrer Bewegungslinie paßt. Dagegen wird ihre Aufmerksamkeit sofort wach, wenn es sich um eine Angelegenheit handelt, die irgendwie mit ihrer Lebenslinie zusammenhängt. Ein weiterer Grund mangelnder Aufmerksamkeit kann in einem Hang zur Opposition gelegen sein. Kinder sind zur Opposition überaus leicht geneigt und es kommt vor, daß solche Kinder jede Anregung, die man ihnen bietet, mit einem Nein beantworten. Hierbei müssen sie ihre Opposition nicht geradezu zur Schau tragen. In solchen Fällen ist es Sache der Unterrichtsmethode und des erzieherischen Taktes, die Verknüpfung des Lehrgegenstandes mit dem unbewußten Lebensplan, der Leitlinie des Kindes herzustellen, das Kind sozusagen damit auszusöhnen.
Es gibt auch Menschen, die alles sehen und hören, die jede Erscheinung, jede Veränderung wahrnehmen. Andere stehen der Welt gleichsam nur mit ihrem Sehapparat gegenüber, wieder andere nur mit ihrem Hörapparat; diese sehen gar nichts, nehmen von nichts Notiz und sind nicht zu haben, solange es sich um sehbare Dinge handelt. Auch das sind Gründe dafür, daß man so oft eine Aufmerksamkeit dort vermißt, wo man sie eigentlich erwarten müßte.
Der wichtigste Faktor zur Erweckung der Aufmerksamkeit ist ein wirklich tief begründetes Interesse. Dasselbe liegt in einer viel tieferen seelischen Schichtung als die Aufmerksamkeit. Ist Interesse vorhanden, dann ist Aufmerksamkeit eine Selbstverständlichkeit, auf die die Erziehung keinerlei Einfluß zu nehmen braucht. Sie ist das bloße Mittel, sich eines Gebietes, für das man Interesse hat, zu einem bestimmten Zweck zu bemächtigen. Da nun die Entwicklung eines Menschen nicht fehlerlos vor sich geht, geschieht es regelmäßig, daß sie auf irrtümlichen Wegen wandelt. Von dieser irrtümlichen Einstellung eines Menschen wird selbstverständlich auch sein Interesse mitergriffen werden, so daß sich dieses auf Dinge richten kann, die mit Rücksicht auf die Vorbereitung auf das Leben nicht bedeutsam sind. Ist so das Interesse eines Menschen z. B. zu sehr auf die eigene Person gerichtet, insbesondere auf die Macht, die er besitzt, so wird sich zeigen, daß er überall aufmerksam ist, wo sein Machtinteresse berührt ist, sei es, daß für ihn etwas zu gewinnen oder daß- seine Macht bedroht ist. Andernfalls wird seine Aufmerksamkeit so lange nicht zu fesseln sein, als nicht an die Stelle seines Machtinteresses ein anderes Interesse getreten ist. Besonders bei Kindern kann man deutlich beobachten, wie sie sofort aufmerksam werden, wenn es sich für sie darum handelt, Geltung zu gewinnen, daß aber ihre Aufmerksamkeit rasch erlischt, wenn sie die Empfindung haben, daß für sie nichts zu holen ist. Hier können die mannigfachsten Zusammenhänge und Merkwürdigkeiten auftreten.
Mangel an Aufmerksamkeit sagt eigentlich nichts anderes, als daß sich ein Mensch einer Angelegenheit, für die seine Aufmerksamkeit erwartet wird, lieber entziehen will. Die Ablenkung der Aufmerksamkeit wird dadurch bewerkstelligt, daß man sie einfach auf etwas anderes lenkt. Es ist daher eine Unrichtigkeit, zu sagen, es könne sich jemand nicht »konzentrieren«. Es wird sich immer herausstellen, daß er das sehr gut kann, nur in bezug auf etwas anderes. Ähnlich wie mit dem Konzentrationsmangel verhält es sich in Fällen der sog. Willen- oder Energielosigkeit. Auch hier findet man meist einen recht unbeugsamen Willen und eine ebensolche Energie, aber nach einer anderen Richtung.



