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Kein Taxifahrer erklärte sich bereit, mich aus der Stadt herauszubringen. Ein Fußmarsch über die Stadtgrenzen wurde vereitelt, da ich diese nicht finden konnte. Es schien, als liefe ich unentwegt im Kreis herum. Ständig verirrte ich mich in den trostlosen Gassen der Randbezirke Kingsports. Oder Kadaths. Ich glaube immer mehr daran, dass es sich so verhält, wie ich es bereits gemutmaßt habe.
Als ich einen kleinen Jungen traf und ihn fragte, wie ich hier aus der Stadt herauskommen würde, sagte mir dieser ins Gesicht: »Gar nicht. Es gibt keinen Ausgang. Man ist hier gefangen. Für immer.«
»Ach ja?«, sagte ich, als seine Mutter aus dem Haus gerannt kam und rief: »Hören Sie nicht auf den Bengel. Er redet nur Blödsinn.«
Sie gab ihrem Jungen eine Ohrfeige und dieser machte sich mit seinem Fußball von dannen.
»Vielleicht könnten Sie mir verraten, wie ich aus Kingsport herausfinde.«
»Versuchen Sie es über den Seeweg«, sagte sie und verschwand wieder im Haus.
Ich beherzigte ihren Ratschlag und begab mich zum Hafen. Doch betrübt musste ich feststellen, dass es keinen Fährverkehr gab. Ich lief am Kai entlang, um die Fischer und Seeleute zu befragen, doch keiner schien bereit, mich für ein noch so stattliches Entgelt mit seinem Boot zu transportieren. Als die Dämmerung einsetzte, kehrte ich entmutigt zu meinem Hotel zurück. Aber auch hier hatte ich keinen Erfolg. Das Zimmer, das ich heute Morgen geräumt hatte, sei anderweitig vergeben worden. Ein freies Zimmer gäbe es momentan nicht. Und es sei das einzige Hotel der Stadt. Ich war fassungslos. Man hielt mich in der Stadt gefangen und verwehrte mir nun auch noch jegliche Form einer sicheren Zuflucht. Wo sollte ich hin, wenn die Nacht hereinbricht, und die grässlichen und abscheulichen Dinge kommen, die dort in den Schatten lauern und schmatzen und kichern und stöhnen und näherkommen … kriechend näherkommen, um mich zu betasten, zu umschlingen, zu packen und …

Schließlich wird mir klar: Es gibt keinen Silberschlüssel, mit dem man den Ort des Grauens verlassen könnte. Keinen Physischen zumindest. Stattdessen glaube ich an die Theorie, dass Carter selbst der Schlüssel ist, der einem die Türen in die Traumlande öffnet. Seit jener Nacht suche ich ihn, denn ich beabsichtige keineswegs, fortan hierzubleiben. Im Gegenteil. Ich möchte fliehen. Diesem Wahnsinn entrinnen, bevor er von mir Besitz ergreift.
Ich muss Carter finden.
Doch einen solchen gibt es nicht in der Stadt, wird mir gesagt, gleich, wen ich nach dem Verbleib Randolph Carters befrage. Einen Randolph Carter hat es in Kingsport angeblich nie gegeben.
Die Dunkelheit kommt.
Ich renne durch die Straßen und Gassen mit ihren schwarzen Pflastersteinen. Dichter Nebel wabert mir entgegen und ich verfluche ihn, da ich deswegen noch weniger im Dunkel ausmachen kann, als es ohnehin schon möglich ist.
Mein Gepäck habe ich bereits aufgegeben. Es liegt irgendwo am Straßenrand. Wenn es jemand findet, wird er sich an meinen Kleidungstücken nebst einigen Büchern erfreuen.
Während ich durch die Gassen Kingsports irre, hoffe ich unentwegt darauf, jenes Plattenbaugebäude mit Carters Wohnung darin zu erreichen.
In meiner Fantasie sehe ich mich, wie ich mit beiden Fäusten gegen Carters Wohnungstür hämmere. Die Tür wird aufgerissen und der alte Mann packt mich am Arm und zieht mich ins Innere seiner schwarzen aber sicheren Höhle. Dort hält er mir zunächst eine Standpauke: »Sehen Sie! Ich habe Sie doch gewarnt! Solche Dinge passieren eben, wenn man alle Warnungen in den Wind schlägt. Weshalb nur haben Sie den Stein berührt? Wieso?«
Die Wirklichkeit aber sieht anders aus: Nie erreiche ich Carters Wohnung. Genauso wenig, wie ich den Hinterhof erreiche, aus dem mich ein Unbekannter in letzter Sekunde errettete.
Stattdessen renne ich über den Stadtpark, wo ich vor wenigen Tagen neben Carter herlief, der seinen Einkaufswagen geschoben hatte. Ich befinde mich im relativen Zentrum des Parks, drehe mich im Kreis und beobachte, wie aus allen Richtungen die schwarzen Schatten auf mich zukriechen.
Keiner wird mich retten.
Es sei denn, das kriechende Chaos ist die Rettung.
Meine Erlösung.
Mit etwas Glück nimmt mich dieses Ding mit, in sein Onyxschloss, das sich hoch oben auf dem unbekannten Kadath befindet, irgendwo in einer kalten Einöde, fern dessen, was wir als Wachzustand und Realität bezeichnen.
Nyarlathothep wird mich erretten.
Leben Sie wohl, Carter. Leben Sie wohl.
Leben Sie …

Der Hausvermesser
(Das Arkham-Sanatorium, 2008)
War es Zufall? Vielleicht hatte ich es geträumt. War alles nur ein Traum, der stetig wiederkehrte? Ein böser und schlechter Traum, den mir der Alb, der während des Schlafes auf meiner Brust wachte, in den Kopf gepflanzt hatte?
Fest stand, wenn ich dies alles wirklich und wahrhaftig erlebt und es mit eigenen Augen gesehen hatte, mir dies wirklich widerfahren war, dann widerlegte es meinen Glauben an jeglichen Gott oder den Glauben an ein Jenseits, gleich welcher Art.
Eine bekannte Immobilienagentur beauftragte mich in einem Brief, ein Haus zu vermessen, das etwas weiter Abseits von Dunwich lag.
»Es ist ein sehr geräumiges und altes Anwesen«, hieß es darin, »schwer zugänglich in den Bergen gelegen, dessen Gesamtwohnfläche kaum geschätzt werden kann. Sie werden sicherlich einige Tage für diese Aufgabe benötigen, weswegen wir Sie dazu einladen, für die gesamte Dauer ihrer Arbeit auf Watheley-Castle bei freier Kost und Logis (neben Ihrem üblichen Honorar) zu wohnen.«
Es war absolut keine Frage, ob ich über dieses Angebot nachdenken musste und so nahm ich den Auftrag dankend an.

Die Fahrt dorthin erwies sich als beschwerlicher als von mir angenommen. Dunwich lag in Massachusetts, in den Vereinigten Staaten. Gleich nach Dean’s Corners, an der Kreuzung des Aylesbury Pike nahm ich eine Abzweigung und erreichte ein mir einsam erscheinendes Land. Die Straße stieg neben kaum bebauten Feldern immerwährend an und die Häuser machten auf mich einen alten, verwahrlosten Eindruck. Ich wagte es nicht, die wenigen, einfältigen Einheimischen zu fragen, ob ich auf dem richtigen Weg sei. Schließlich stieg die Straße noch weiter an, und über tiefen Wäldern konnte ich die Berge sehen, wobei sich in mir gleichzeitig ein Gefühl des Unbehagens breitmachte. Ich überquerte unsichere, morsche Holzbrücken und die Anzahl tiefer Schlaglöcher stieg kontinuierlich. Dann fiel der Weg wieder etwas ab, und ich fuhr lange Zeit, an mir unwirklich erscheinendem Marschland vorbei.
Aufgrund der schwülen Sommerhitze kurbelte ich mein Fenster runter und lauschte somit zwangsläufig dem unbeholfenen allabendlichen Schreien der Ziegenmelker, die sich meinem Sichtfeld entzogen, so als seien sie unsichtbar.
Dann war ich in Dunwich.
Ein beunruhigender Ort.
Die Häuser wirkten verlassen und gleichfalls verfallen, wie jene, die etwas außerhalb des Örtchens lagen. Ich erreichte einen alten, unsorgsam eingerichteten Kaufmannsladen, der mir nur deshalb auffiel, weil er von einer Kirche beherbergt wurde, deren Turm auf wundersame Weise geborsten war. Über alledem lastete ein Geruch von äonenalter Fäulnis und Pestilenz. Anders vermag ich diese Widerwärtigkeit gar nicht zu umschreiben.
Die Aufforderung, hierher zu reisen lag bereits eine Woche zurück und nun fand ich mich in einer Gaststätte ein, wo ich bei einem Glas Wein auf die Ankunft des Dieners wartete, der mich zu dem Anwesen geleiten würde. Der Erwartete erschien erst eine halbe Stunde nach der verabredeten Zeit, und so hatte ich bereits ein weiteres Glas bestellt, was ihn dazu bewog, sich zu mir zu setzen, ebenfalls etwas zu bestellen und ein paar Worte mit mir zu wechseln.
»Sie kommen also aus Arkham, ja?«, begann er das Gespräch, »und waren noch nie in dieser Gegend?«
Ich bedauerte, meinte aber scherzhaft, dass ich es ja nun doch geschafft hätte. Der Diener jedoch, Christopher war sein Name, schien gar nicht so erfreut darüber zu sein.
»Sehen Sie, in unserem Dorf geschehen viele eigenartige Dinge«, sagte er.
»Welcher Art?«, wollte ich wissen.
Er überlegte und es schien mir einen Wimpernschlag lang, als wolle er nicht so gerne darüber reden. Dann erzählte er: »Die Bewohner von Dunwich entstammen nur ein paar wenigen Familien. Niemand ist hier jemals zugereist, allerhöchstens weggezogen. Wer einmal hier lebt, kommt nur schwer fort, doch hierher zu finden ist gar nicht so leicht.«
»Nun, ich habe dieses Örtchen eigentlich sehr schnell gefunden. Immerhin ist es auf der Landkarte verzeichnet.«
»Ich habe es anders gemeint. Ach, Sie verstehen es ja doch nicht.«
Und so zog sich das Gespräch weiter hin. Christopher machte rätselhafte Andeutungen, erzählte dann aber doch nichts. Er war ein seltsamer Kauz, ähnlich den übrigen Bewohnern Dunwichs, von denen sich ebenfalls einige in der Gaststätte eingefunden hatten. Sie alle waren von grenzenloser Hässlichkeit, einem knorrigen Eindruck voll einsiedlerischer Verschrobenheit.
Schließlich hatten wir unsere Gläser ausgetrunken, der Diener beglich die Rechnung und wir machten uns daran, zu Fuß die nahen Berge zu begehen.
»Wir werden ein ganzes Stück laufen müssen«, prophezeite Christopher und half mir mit meinem Gepäck.
Ich wusste ja, dass es sich um unwegsames Gelände handelte, in dem sich das Anwesen befand. Aber wie die Immobilienagentur ein Gebäude zu vermitteln gedachte, dass so weit abgelegen war, wollte mir beim besten Willen nicht in den Sinn kommen.
Fast zwei Stunden waren wir unterwegs. Anfangs passierten wir Felder, die wie unfruchtbar dalagen. Später, als es anfing zu dämmern, steiles Waldgebiet, in dem ganze Wolken von Glühwürmchen aufstiegen. Am Ende kamen wir zu einem Anwesen, bei dessen Anblick mir sofort klar wurde, warum mich meine Auftraggeber dazu einluden, gleich mehrere Tage hier zu verbringen.
Es war riesig. Ein unbeschreiblich großer Bau, der schon diverse Anbauten und Erweiterungen über sich hatte ergehen lassen. Alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten, stellenweise sogar in verschiedenen Epochen erbaut.
Christopher zeigte mir mein Zimmer und wenig später lag ich müde und unbekümmert in einem bequemen Bett. Der Kamin war erloschen und als Lichtquelle diente mir eine alte Petroleumlampe, denn elektrischen Strom oder eine Heizanlage besaß das Anwesen noch nicht. Durch das, aufgrund der Sommerhitze weit geöffnete Fenster, vernahm ich von einem nahe gelegenen Teich den schrillen Gesang von Ochsenfröschen.

Am nächsten Tag machte ich mich, nach einem wohlschmeckenden Frühstück, an meine Arbeit. Ich begann, wie ich es gelernt hatte, in den obersten Stockwerken des Hauptgebäudes. Danach kamen die darunterliegenden Stockwerke und ihre Zimmer an die Reihe und erst, nachdem ich das gesamte Gebäude vermessen hatte, machte ich mich daran, Dachboden und Keller zu erforschen.
Diese Herangehensweise hatte ich mir im Laufe der Jahre, in denen ich den Beruf eines Haus- und Landvermessers nachging, angeeignet. Es hing damit zusammen, dass es eine Leidenschaft von mir war, in alten Dachböden oder Kellern herumzustöbern.
Meistens vergaßen ehemalige – und verstorbene natürlich zwangsweise – Hausbesitzer die unglaublichsten Dinge in eben diesen Bereichen ihres Hauses. Der Vorteil war, dass wenn ich etwas finden sollte, das mir gefiel und der oder die Auftraggeber nichts dagegen hatten, was meist der Fall war, durfte ich das entsprechende Teil behalten. Schätze, die auf diese Art und Weise in meinen Besitz gerieten, waren vielfältig.
Ein alter Globus etwa, der in einem rustikalen aber schönen Holztisch eingearbeitet war, und in dessen Inneren man seine Hausbar unterbringen konnte. Er zierte eine Ecke in meinem Wohnzimmer, ebenso ein antiquierter, schon über hundert Jahre alter Stuhl, der mir sehr ans Herz gewachsen war.
So verging der erste Tag. Außer Christopher schien ich der einzige Bewohner Watheley-Castle’s zu sein, zumindest traf ich niemand weiteren an.
Christopher war eine Art Mädchen für alles. Er bereitete die Mahlzeiten zu, fungierte als Gärtner und besserte die kleineren Beschädigungen des Hauses aus. Abends saßen wir bei gutem Wein, Käse und Brot beisammen und unterhielten uns über die verschiedensten Themen.
So brachte ich einmal das Gespräch zurück auf jene Scheuseligkeiten des Dorfes, von denen er mir berichtet hatte. Doch wie bereits am Tag zuvor, wich Christopher jeder direkten Frage aus.
Nähere Einzelheiten, als alte Gespenstermärchen, von Inzest geprägte Familiengeschichten und mittelalterlich anmutende Sagen brachte ich nicht aus ihm heraus.
Am nächsten Abend - ich schaffte das rechte Nebengebäude, sowie den Verbindungsflur, mitsamt Erkern und bislang unverzeichneten Transportschächten - lenkte ich unser Gespräch wieder zurück auf Dunwich.
Hierbei erfuhr ich von Christopher, dass ein entsetzliches Geschöpf, ein Mitglied der Familie Watheley, die auch dieses Anwesen hier erbauen ließen, ein grausiges Monstrum gewesen sei.
Diese kaum beschreibbare Kreatur solle eines Nachts während eines einzigen Blitzschlages getötet worden sein. Seitdem erfülle dieser schreckliche Gestank die Luft in und um Dunwich.
Ein wütender Sturm sei aufgekommen und habe Bäume, Gras und Gebüsch wie nie zuvor gepeitscht, und danach sei das Laub zu einem kränklichen Gelb-grau verdorben. Auf den Feldern und Wäldern habe es die Kadaver vieler Vögel geregnet.
»Der Gestank war früher noch viel schlimmer«, versicherte mir Christopher, »aber seitdem ist Dunwich nicht mehr, wie es einmal war. Dies alles war vor meiner Zeit, doch jeder Einwohner kann Ihnen die Geschichte bestätigen, insbesondere die Ältesten unter ihnen.«
Ich versicherte ihm, dass er mir diese Geschichte bereits sehr glaubwürdig geschildert hatte und ging, unter dem Vorsatz müde zu sein, vorzeitig zu Bett.
Bei all diesen fremden Geschichten, die sich mit meinen Eindrücken deckten, war mir nicht wohl in meiner Haut. Und so war die Nacht von schauderhaften Alpträumen geprägt.

Tags darauf galt es für mich, das linke Nebengebäude zu vermessen. Es fehlten nur noch die Dachkammern und die Keller des Anwesens. Zum Vermessen benötigte man nicht viel Werkzeug. Zunächst einen Zollstock und ein Winkelmaß, sowie eine spezielle Wasserwaage, mit der man Gefälle zu berechnen vermochte. Diverse Pendel konnten die Berechnungen genauer machen. Eine ausführliche Formelsammlung hatte für einen Hausvermesser bedeutenden Wert, zählten doch die Berechnungen selbst zu den Arbeitsschritten, die mit am längsten dauerten.
Der Stil der Einrichtung im gesamten Watheley-Castle war einheitlich gehalten. Viele Zimmer waren leer und diejenigen, die ein Mobiliar aufweisen konnten, wirkten schäbig, alt und antiquiert. Staub gewischt wurde hier schon seit Ewigkeiten nicht mehr, erfuhr ich von Christopher und er gehe davon aus, dass der Interessent es nach seiner ersten Besichtigung wohl doch nicht kaufen würde. Wer wollte schon hier, in dieser abstoßenden Einöde freiwillig seinen Ruhestand verbringen?
Es handele sich um einen alten Seefahrer, mehr wusste der Diener auch nicht. Anscheinend habe er die Immobilienfirma beauftragt, für ihn ein großes, herrisches Gebäude aufzutreiben. Da es von dieser Sorte nicht mehr allzu viele gäbe, die nicht von der Regierung, der jeweiligen Gemeinde oder aber irgend einer städtischen Universität genutzt wurde, könnte er eigentlich froh über das Angebot von Watheley-Castle sein.
»Nunja, wir werden sehen«, fügte er resignierend hinzu. »Eigentlich ist es mir ja egal, so lange ich meine Stellung hier behalte.«
»Von wem werden Sie eigentlich bezahlt?«, hakte ich nach.
»Oh, von der Gemeinde Dunwich.«
»Und wann möchte dieser Seefahrer Watheley-Castle besichtigen?«
»In zwei Tagen, wurde mir gesagt. Wenn Sie bis dahin fertig sind, dann können Sie gleich mit mir hinunter gehen, wenn ich ihn abhole.«
»Es sieht so aus, als könnte ich das schaffen. Heute werde ich mit diesem Teil des Gebäudes fertig und dann habe ich nur noch die Keller und die … «
»Die Keller vermessen Sie auch?«, unterbrach mich Christopher.
»Selbstverständlich«, antwortete ich leicht verwundert über seine unerwartet heftige Reaktion.
»In allen drei Gebäudeteilen?«, wollte er nun wissen, was ich wiederum bejahen musste.
»Das ist nicht gut.«
»Wieso sollte das nicht gut sein? Die Immobilienagentur hat mich damit beauftragt, das gesamte Gebäude zu vermessen, und dazu gehören sämtliche Keller und Dachgeschosse.«
Misstrauen machte sich in mir breit und ich nahm mir vor, bereits heute schon mit der Arbeit im Keller fortzufahren.
»Die Keller von Wathebey-Castle sind alt und gefährlich. Manche sind teilweise eingestürzt, und bestimmte Bereiche seit Hunderten von Jahren schon nicht mehr zugänglich. Überlegen Sie es sich gut. Wollen Sie wirklich dort hinuntersteigen? Die Treppenstufen sind ein Quell von Unfallgefahren. Dort unten lauern Fledermäuse und Ratten, bestimmt auch noch weitere Tiere, die nur Unheil anrichten. Ich warne Sie. Lassen Sie die Keller Keller sein.«
Ich schüttelte nur ungläubig den Kopf. Warum nur war Christopher so aufgebracht, als ich die Keller erwähnte? Meine Güte, ich hatte schon gefährlichere Bauwerke vermessen, musste sogar einmal in eine Höhle hinabsteigen, welche als Eisenbahntunnel verwendet werden sollte und hatte auf diese Art und Weise schon schlimmere Gefahren durchlebt, als sie von einem alten Keller jemals ausgehen konnten. Doch bevor ich Christopher zur Rede stellen konnte, war dieser bereits mit seinem Werkzeugkasten durch eine der vielen Türen im Flur verschwunden.
Eindeutig war es ein Versuch, mich davon abzuhalten, auch nur in die Nähe des Kellers zu gelangen, was jedoch nur das Gegenteil bewirkt hatte. Nun wollte ich es wissen, und zwar sofort.
Ich räumte meine Vermessungsgeräte zusammen, und machte mich auf den Weg zum Treppenhaus. Was Watheley-Castle anging, so traf die Bezeichnung Treppenhaus auf jeden Fall zu, denn es befand sich in der Tat jeweils zwischen den Nebengebäuden und dem Hauptgebäude ein Haus, das nichts anderes, als eine Treppe beherbergte.
Die Türe, die ich am Ende der letzten, abwärts führenden Stufe erreichte, war verschlossen, doch ich fand schnell den passenden Schlüssel an dem Bund, den mir Christopher überlassen hatte. Hier war er also unvorsichtig gewesen. Wenn er wirklich versuchen wollte, mich mit allen Mitteln daran zu hindern, nicht in die Kellerräume zu gelangen, so hätte er den entsprechenden Schlüssel nur entfernen müssen. War es Leichtsinn, Unachtsamkeit oder einfach nur fahrlässige Provokation? Am Ende machte er sich vielleicht nur einen Spaß mit mir. Das unheilige Dunwich und dieses pompöse Gemäuer lieferten alleine ja schon Stoff für Hunderte von Schauermärchen. Es war ja beinahe schon zum Volkssport geworden, dass Einwohner gemiedener Orte wie diesem, gerne den Reisenden ihre schaurigen Geschichten erzählten, damit die Einheimischen auch weiterhin ungestört und unter sich sein konnten.
Hinter der Türe erwartete mich ein nahezu endloser Gewölbegang. Es roch nach modriger, feuchter Luft und das wenige Licht, das zu den einzelnen Kellerfenstern hineinkam, blieb vollkommen wirkungslos. Es half alles nichts. Ich musste noch einmal zurückgehen, um mir einige Kerzen oder eine Lampe zu besorgen.
Christopher konnte ich nirgendwo finden. Er war vermutlich in der überschaubaren Parkanlage und jätete Unkraut. So suchte ich selbst nach dem Benötigtem und fand bald in einer Küchenschublade ein kleines Kästchen, in dem sich mehrere Kerzen und Kerzenstummel befanden, sowie zwei Päckchen Streichhölzer. Ich nahm die Schachtel an mich und begab mich wieder zurück in den Keller. Es würde beschwerlich werden, mit den paar Kerzen die einzelnen Räume so zu erhellen, dass es eine einwandfreie Messung ergeben würde.
Ich entschied mich dafür, die Keller nach der üblichen Vorgehensweise zu vermessen und keinen Gedanken an Christophers lächerliche Warnung zu verschwenden, oder gar nach etwas zu suchen, was besser verborgen bleiben sollte. Doch ehe ich mit meiner Arbeit beginnen konnte, hatte ich schon den halben Gewölbegang durchschritten und die angrenzenden Kellerzimmer inspiziert. Natürlich fand ich nichts, was von sonderlicher Bedeutung gewesen wäre.
Ich schalt mich einen Narren und begab mich wieder zu meinen abgestellten Messutensilien, um mit der Aufgabe fortzufahren.
Raum für Raum erhellte ich zunächst mit den Kerzen, baute dann die Geräte auf, trug die Ergebnisse in ein speziell für solche Messungen angefertigtes Formular ein und brachte alles in den nächsten Raum.
Ein Großteil der Kellerabteile war leer. Ein anderer etwas geräumigerer Raum, nahe des rechten Treppenhauses, diente als Weinkeller. Der Vorratskeller befand sich gegenüber. Waschküche, Kohlenkeller und Rumpelkammer waren ebenfalls deutlich als solche zu erkennen. Die übrigen Räume schienen nur als Aufbewahrungsort für Schrott, Scherben und anderen Müll zu dienen. Der überwiegende Anteil der leeren Kellerabteile lagen in der linken Hälfte des gesamten Hauses.
Dort fand ich auch einige eingestürzte und stark baufällige Kammern.
Zudem entdeckte ich mehrere verschlossene und zugemauerte Türen, die offenbar in stollenähnliche Gänge mündeten, welche tief ins Innere der Berge führten. Dies erzählte mir zumindest Christopher, den ich während des Abendessens darauf ansprach.
Der Diener war ein schroffer Kerl. Ich hatte das Gefühl, als empfände er eine immer stärker werdende Abneigung mir gegenüber.
War er am Abend zuvor zwar schon distanziert, aber immerhin freundlich gewesen, so beschimpfte er mich heute, ich solle nicht zu viel Käse nehmen und ein Glas Wein sei genug. Mit seinem unangemessenen Befehlston schüchterte er mich dermaßen ein, dass ich es nicht wagte, zu protestieren. Stattdessen begab ich mich abermals vorzeitig auf mein Zimmer, diesmal jedoch unter dem Vorsatz, dass dort noch Arbeit auf mich wartete.
Und in der Tat hatte ich ausnahmsweise auch wirklich etwas zu erledigen; die Formulare mit den Messdaten mussten noch geprüft und ausgewertet werden.
Sinn und Zweck dieser Prüfung war es, dass einem eine eventuelle Anomalie der Zimmer oder der Mauerstärke auffiel, die nicht zu den Gesamtmaßen des jeweiligen Hauses passten. Diese Überprüfung war bei neueren Bauten unnötig.
Doch gerade in alten Gebäuden war es oft der Fall, dass ganze Stockwerke im Laufe der Jahrhunderte umgebaut oder gar einzelne Zimmer zugemauert wurden, auf dass sie über die Generationen von Hausbesitzern in Vergessenheit gerieten.
Die Kellergemäuer von Watheley-Castle wiesen eine solche Anomalie auf. War es das, was Christopher vor mir verbergen und geheim halten wollte?
Erschwerend kam hinzu, dass der teilweise eingestürzte Bereich der Keller nur schätzbar war, mir jedoch keine genauen Daten zur Verfügung standen.
Abermals träumte ich schlecht.
Im Traum hörte ich das Rasseln von Ketten, das schäbige Knirschen loser Dielenbretter und ich erinnerte mich an die vagen Konturen einer schwarzen Masse, die sich durch die Ritzen meiner Tür wand und mit langen Fühlern eifrig nach mir schnappte. Eine Stimme schien mich aus dem Verborgenen zu rufen, doch ich konnte nicht zu ihr, da sich das pulsierende Dunkel nun vollends durch die Tür gepresst hatte, um sich in seiner ganzen ungeheuerlichen Größe vor mir aufzubauen.

Mir stand kalter Schweiß auf der Stirn, als ich drei Stunden nach Mitternacht ruckartig erwachte. Die ängstlichen Erinnerungen an den Traum von mir abschüttelnd, blieb ich eine Weile orientierungslos im Bett sitzen, nur um alsbald festzustellen, dass an ein weiteres Schlafen nicht mehr zu denken war.




