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Die Gedankengänge an den vorangegangenen Traum wurden von den Erinnerungen an Messdaten und mathematischen Gleichungen verdrängt. Ich holte meine Mappe mit den Messunterlagen hervor und verglich mehrere Zahlen miteinander, wandte einige geometrische Formeln an und wunderte mich darüber, dass ein solches Wissen in meinem Hirn verankert war.
Es dauerte nicht lange, da hatte ich das Ergebnis und wusste, wo sich die Anomalie des Kellers befand. Es konnte sich eigentlich nur um ein zugemauertes Zimmer im Ostflügel des Kellers handeln. Ich studierte veraltete Baupläne und kontrollierte meinen Verdacht. Dann zog ich mich an, nahm die Messgeräte und eine Lampe, und begab mich wieder hinunter in die Keller. Ich durchquerte ein weiteres Mal den Weinkeller, nahm mir aus einer der Rumpelkammern, die meinen Weg kreuzten, einen kräftigen Spaten und ging weiter, auf die linke Hälfte des Kellers zu.
Einige Male blieb ich stehen, weil ich vermeinte, ein Klopfen zu hören, doch ich irrte mich wohl. Die drückende Schwüle der Sommernacht war in den vermoderten Kammern des Kellers kaum zu spüren. Es erschien mir eher etwas frisch. Nur der Geruch erinnerte mich wieder an warme, stinkende Gase, an Fäulnis und Gedärm. Während des Tages erschien mir jener Geruch nicht so penetrant, doch nun war er allgegenwärtig. Er schien von jedem Gebälk zu tropfen, moderte durch die grob behauenen Wände und kroch aus dem, mit grauen Moosen bewachsenem Boden hervor.
Dann erreichte ich endlich die Wand, hinter der ich meinte, dass sich ein weiteres Zimmer befinden musste. Die Lampe dicht an die Wand haltend, auf jede Unebenheit im Gemäuer achtend, tastete ich mich Zentimeter um Zentimeter an der verputzten Mauer entlang.
Man mochte diese Aktion fanatisch nennen, doch ich wollte um alles in der Welt hinter das Geheimnis der Anomalie in diesem Keller kommen. Doch wie gesagt, vielleicht war dies alles auch nur ein Traum. Ich hatte bereits am Anfang erwähnt, dass dies durchaus der Fall sein konnte. Immerhin träumte ich ja in den vorangegangenen Nächten schon schlecht. Außerdem, so hatte ich erfahren, war es durchaus nichts Ungewöhnliches, während zwei traumreichen Tiefschlafphasen kurz zu erwachen.
Vielleicht lief ich gar schlafwandelnd durch Watheley-Castle?
Ich konnte mich nur wiederholen, ich hatte keinerlei Beweise in der Hand. Die Tatsache, dass ich scheinbar im Keller bewusstlos wurde, und erst Stunden später in meinem Bett von einem Arzt geweckt wurde, sprach alles andere, als für mich. Selbst die unabhängige Prüfungskommission hatte nichts Belastendes in dem alten Anwesen finden können.
Ich fand schließlich eine kaum merkbare Vertiefung unter dem Putz, den ich an manchen Stellen abgeklopft hatte. Dieser Vertiefung folgte ich nun mit meinen Fingerspitzen und legte so eine Art Rahmen fest, in dem sich einmal eine Tür befunden haben musste. Mit Hilfe des Spatens machte ich mich an die Arbeit, auf die Wand innerhalb jenes Rahmens einzuschlagen.
Zu Anfangs sah es so aus, als würde ich auf diese Art nicht weit kommen. Doch schon bald erzielte ich die ersten größeren Fortschritte in meinen Bemühungen und wurde kaum eine halbe Stunde später für meine Anstrengungen belohnt, in dem ich ein erstes winziges Loch durch die Wand gehauen hatte. Zu meinem Bedauern war es jedoch zu klein, als dass ich hätte gleichzeitig hindurchschauen und das Innere des Hohlraumes mit meiner Lampe ausleuchten können.
Nun benutzte ich den Stiel des Spatens als Hebel, rammte ihn in eben dieses Loch und stemmte mit aller Kraft die anderen Steine heraus, sodass sich das Loch rasch vergrößerte. Durch diese Herangehensweise zusätzlich angespornt, stieß ich mit meinen letzten körperlichen Kräften, aber voller Zuversicht, die restlichen Steine in das Loch hinein. Kurze Zeit später war die Öffnung groß genug, dass ich durch sie hindurchklettern konnte.
Zunächst jedoch, sah ich gar nichts. Ich musste den Docht der Lampe weiter aufdrehen, damit es heller wurde. Wer wusste schon, wie viele Jahre in diesen Bereich des Hauses kein Licht mehr gedrungen war?
Und auch das, was ich sah, schien an und für sich nicht besonders entsetzlich gewesen zu sein, und dennoch stellen sich bei mir die Nackenhaare auf, je öfter ich nur an diesen Moment des Erkennens zurückdenke.
Der verborgene Raum war nicht sonderlich groß, er maß in etwa drei mal vier Meter. Die Einrichtung hingegen schien äußerst spektakulär zu sein. Mit Holz verkleidete Wände, ein großer Schreibtisch, Regale mit schweren Büchern, eine ansehnliche Bar und eine hübsche Sitzgruppe, auf deren Lehne ich blickte.
Ich trat tiefer in die Kammer ein, denn ganz deutlich spürte ich die Anwesenheit einer weiteren Person in diesen vier Wänden. Man sagte mir, es sei Christopher gewesen, doch das konnte nicht sein. Der Diener hätte nämlich von hinten kommen müssen, da das eingeschlagene Loch der einzige Zugang zu dem Raum war. Die Gestalt aber, deren Anwesenheit ich so deutlich wahrnahm, sei es aufgrund von Atemgeräuschen oder weil ich eben ein Gespür für solche Dinge hatte, saß eindeutig vor mir auf dem Sofa, dessen Lehne so hoch war, dass ich die Person nicht sehen konnte. Mein Puls raste, als ich langsam auf das Sofa zuging. Mit jedem Schritt, der mich dem Sofa näher brachte, wurde ich unruhiger. Das Blut rauschte mir in den Ohren und abermals fühlte ich kalten Schweiß auf meiner Stirn. Als ich das Sofa erreicht hatte und die Person sah, die sich auf eben diesem lümmelte, traute ich meinen Augen kaum. Und wie die Person mit mir zu reden anfing, musste ich das Bewusstsein verloren haben.
Wie gesagt, den Rest der Geschichte kennt man ja: Ein Arzt weckte mich, ich lag auf dem Bett in meinem Zimmer in Watheley-Castle und redete scheinbar wirres Zeug. Der Keller wurde überprüft, doch es wurde kein Loch in der Mauer und auch keine zugemauerte Tür gefunden. Zudem bestätigten ausgerechnet meine eigenen Messdaten in den Formularen, dass das Anwesen frei von Anomalien jeglicher Art sei.
Doch ich wusste, was ich erlebt und gesehen hatte. Christopher musste es gewesen sein, der den Raum wieder zugemauert und meine Messdaten gefälscht hatte. Es war alles nur eine geniale Verschwörung. Wer einen Grund dazu gehabt hätte, ein solches Komplott aus skrupellosen Täuschungen zu kreieren? Woher sollte ich das wissen? Was wusste ich denn schon vom Jenseits? Hier fragte man wohl besser einen Gott oder einen Priester. Ich konnte lediglich die Ewigkeit beschreiben:
Ich selbst war es, der da auf diesem Sofa saß. Eben jenes Sofa, auf dem ich just in diesem Augenblick sitze. Und ich, der mich dort sitzen sah, ich war Sie und hörte mir zu.
»Verstehen Sie denn nicht?«, schrie ich mich selbst an. »Ich durchlebte immer wieder dieselben Ereignisse, und wenn ich sie heil überstanden hatte, war ich auch noch dazu gezwungen, mir diese selbst zu erzählen. Immer und immer wieder!«
Doch bedenken Sie: Diese Anomalie des Hauses war in Wirklichkeit eine zeitliche. Und dass Zeit nicht ortsgebunden ist, wird Ihnen sicherlich bekannt sein. Die Öffnung wieder zuzumauern hatte nicht das Geringste dagegen bewirken können. Die Zeitanomalie war bereits daraus entfleucht und sie würde sich wie ein Meer giftiger Tentakel ausbreiten und sich bald über unseren gesamten Planeten erstrecken.
Woher ich das weiß?
Ich habe es gemessen.

Ein sauberer Abgang
(Liber Nominum Montuorum, 2014)
»I`m a suicidal failure, I`ve got to get some help
I have suicidal tendencies, but I can`t kill myself.«
- SUICIDAL TENDENCIES: »Suicidal Failure« (1983) -
Benno wusste, dass man das Haus sprengen würde; und das war ihm nur recht. Er wollte einen sauberen Abgang.
Sauber in dem Sinne, dass es seinen Angehörigen erspart bleiben würde, seinen Leichnam identifizieren zu müssen.
Schon immer hatte er viel Wert auf Sauberkeit gelegt. Die Sprengung des Hauses würde dafür sorgen, dass von ihm nichts übrig blieb.
Eine saubere Sache.
Das Gebäude befand sich inmitten des Industriegebietes der Stadt. Zu Fuß waren es von dort keine zwanzig Minuten zum Zentrum. Das Industriegebiet bestand neben einer Großmolkerei, einem Zementwerk und einer Firma für Solaranlagen zum größten Teil aus Lagerhallen, LKW-Fuhrunternehmen und einem bedeutenden Spielzeughersteller. Umringt wurde der Gewerbepark von wenigen Quadratkilometer unberührten Waldes, der darauf wartete, dem nächsten Firmenmonopol zu weichen. Die Immobilienagentur der Firma hatte das alte, leerstehende Herrenhaus gleich mitgekauft, und da Benno als Notar die Kaufverträge erarbeitet hatte, wusste er, dass das Haus am nächsten Morgen in Schutt und Asche liegen würde. Die Aufsichtsbehörde hatte die Sprengung für halb sechs in der Früh genehmigt.
Noch vor sechzehn Jahren hatte darin ein gewisser Albert Denovali gelebt, der von dem altehrwürdigen Herrenhaus aus seine Firmengeschäfte abgewickelt hatte. Denovali war einer der letzten Großindustriellen der alten Schule gewesen. Er hielt sein Monopol im Bekleidungssektor, bis er herausgefunden hatte, dass seine zwölf Jahre jüngere Gattin ihn nicht nur mit einem Liebhaber hinterging, sondern auch noch großangelegte Industriespionage zu Lasten Denovalis beging. Denovali hatte kurzen Prozess gemacht und seine Frau vor die Tür gesetzt. Alle Angelegenheiten wurden testamentarisch so geregelt, dass der untreuen Dame nur noch die Kleider blieben, die sie am Leibe trug und Denovali erhängte sich im Dachgebälk seines Hauses.
Ein würdevoller Abtritt, wie Benno befand, doch für seine Verhältnisse nicht sauber genug. Alleine die Vorstellung, dass man während des Erhängens seine Schließmuskeln nicht mehr unter Kontrolle hat, die Zunge heraushängt und der Kopf blau anläuft, gefiel ihm überhaupt nicht.
Auch andere Möglichkeiten des Suizids war Benno durchgegangen. Alles hatte er hinterfragt und war alsbald zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht seinem Typus entsprach, als hässliche, aufgequollene, verunstaltete Leiche aufgefunden zu werden. Daher musste er dafür Sorge tragen, dass von seinem Körper nichts übrigblieb. Nach genauer Kalkulation blieben daher nur zwei Möglichkeiten: Ein Säurebad - was jedoch aus organisatorischen Gründen ausschied - oder sein aktuelles Vorhaben: das Haus betreten, sich an der Stelle aufhalten, an der die Sprengung am zerstörerischsten wüten würde, und abwarten.
Sah man einmal von der Warterei ab, wäre die Sache schnell vorüber. Bemerken würde Benno von seinem eigenen Tod nichts. Und es würde auch kein Fitzelchen von ihm übrigbleiben. Sein Körper würde in Millionen kleinster Teile zerfetzt, und unter Kubiktonnen Schutt und Geröll begraben werden.
Etwas Besseres konnte es doch gar nicht geben. Die Möglichkeit auf einem pathologischen Seziertisch zu landen, war damit auch passé und das Einzige, was man finden würde, wären DNA-Spuren, sofern man überhaupt nach diesen suchen würde.
Als er das Gebäude erreichte, war er zunächst enttäuscht. Es war das erste Mal, dass er das Grundstück persönlich betrat. Zuvor hatte er das Haus nur auf einer Fotografie gesehen, die zu Denovalis Lebzeiten geschossen worden war. Nun, nicht Mal ein Vierteljahrhundert später machte es auf Benno ein schäbiges Bild. Der Wildwuchs hatte deutlich zugenommen und verschiedenste Gräser, Moose und Flechten waren dabei, das Haus für sich zu erobern. Bäume hatten ihr Laub über die Zufahrt verstreut und überhaupt erweckte das zugewucherte Grundstück den Eindruck, als sei hier nichts mehr zu holen.
Die Bagger und Abrissbirnen standen bereit, und könnten rein theoretisch jeden Moment mit der Arbeit beginnen. Doch sonntags wurde nicht gearbeitet. Benno hatte die ganze Nacht Zeit, es sich in dem Haus gemütlich zu machen und sich auf seinen Tod vorzubereiten. Vielleicht würde er einschlafen. Dann wäre alles noch erträglicher für ihn.
Mühsam bestieg er die zugewucherten Stufen der Eingangsempore und blieb vor der messingbeschlagenen Tür aus dunklem Holz stehen. Grauschwarze Flechten hatten sich auf dem Türgriff gebildet. Benno vermutete eine Art Schimmelbefall.
In seiner Aktentasche suchte er nach dem Schlüssel, und als er ihn herausgeholt hatte, führte er ihn in das verrostete Schlüsselloch ein. Zwar knirschte es verdächtig, als er das Ding herumdrehte, um die Tür zu öffnen, doch ohne Schwierigkeiten gab das Schloss nach und die Tür schwang auf. Der Muff, der ihm entgegenschlug, roch nach Staub, Fäulnis und Moder. Als hätte er das Grab eines Pharaos geöffnet.
Benno trat über die Schwelle, hinein in diffuses Dämmerlicht, in dem er nur die vagen Konturen des Inventars erahnen konnte. Als er seine Taschenlampe einschaltete, stellte er überraschend fest, dass die Einrichtung nahezu vollständig und intakt zu sein schien. Auf der linken Seite stand eine weißlackierte Garderobe, an der sogar noch ein alter Mantel hing. Gegenüber wurde das Bild von einem mannshohen Spiegel reflektiert, der nur einen kleinen Sprung in der linken unteren Ecke aufwies.
Verwundert ging Benno weiter. Hatte man das Haus nach Denovalis Ableben nicht leergeräumt? Wahrlich seltsam, dachte er, während er mit dem Lichtkegel seiner Taschenlampe die geschwungene Treppe, hinauf in den ersten Stock entlangfuhr. Die Treppenstiege bestand aus marmornen Stufen und wirkte noch jetzt, nach dem vermeintlichen Verfall des Anwesens, wie frisch poliert. Einzig die daumendicke Staubschicht störte den Anblick. Doch sicherlich: Zum Putzen kam hier schon lange niemand mehr vorbei. Aber dass sich nicht einmal ein paar Obdachlose dieses bequeme Domizil ausgesucht hatten oder gar eine Horde neugieriger Jugendliche sich Zutritt in das Haus verschafft hatten, verwunderte Benno, der ein zertrümmertes, kaltes Inneres erwartet hatte.
Obgleich die Szenerie unwirklich erschien, verspürte Benno keinerlei Furcht. Er hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren oder gar etwas, wovor er hätte Angst haben können. Obwohl das Dunkel und die Schatten nach ihm zu greifen schienen.
Vorsichtig durchforschte er die anderen Räume. Im Erdgeschoss durchlief er eine voll ausgestattete Küche und entdeckte eine - zu seinem Erstaunen noch gut befüllte - Speisekammer. Nur bei den ehemaligen Frischwaren hatte sich der Zustand gewandelt. Doch der Inhalt der Dosen und Gläser mit Eingemachten wäre sicherlich noch genießbar.
Das geräumige Wohnzimmer lud trotz der Staubschichten, die sich auf den unverhüllten Polstermöbeln niedergelassen hatten, zum Verweilen ein. Spinnweben erstreckten sich um die Flaschen der gut bestückten Hausbar: Bourbon, Cognac, Rum, schottischer Whiskey und viele weitere Tropfen mochten den Liebhaber in Versuchung führen. Doch die Zeiten, in denen Benno sich zum Zwecke des Genusses hier niedergelassen hätte, waren schon lange vorbei. Die letzten Stunden seines Lebens wollte er nüchtern verbringen. Sauber - auch innerlich. Sollte man wider Erwarten doch seinen Leichnam bergen, würde er garantiert einer Autopsie unterzogen werden - und Benno wollte um keinen Preis, dass man aufgrund des Alkoholgehaltes in seinem Blut Rückschlüsse auf seine Zurechnungsfähigkeit schließen würde.
Im ersten Stock befand sich neben einigen Schlafgemächern mit ordentlich hinterlassenen Betten und gefüllten Kleiderschränken das Arbeitszimmer des verstorbenen Denovali und dessen herrschaftliches Bibliothekszimmer.
Der mit dunklen Wandtafeln verschalte Raum mit seinem in der Mitte wartenden Schreibtisch wirkte auf Benno wie das Vermächtnis alter Zeiten. An diesem Ort Bittsteller zu empfangen musste für die Besucher erniedrigend gewesen sein. Der mächtige Chefsessel war mit glänzenden Nieten versehen und Benno ließ sich darauf nieder. Hinter sich eine Wand aus dickleibigen Folianten und vor sich der Schreibtisch, auf den er seine Aktentasche legte. Er lehnte sich zurück und dachte über die Beweggründe nach, die ihn hierher führten. Diese zu spezifizieren, war gar nicht so einfach. Benno wusste tief in seinem Inneren, dass sich aufgrund einer ellenlangen Aneinanderreihung verschiedenster Geschehnisse und Schicksalsschläge ein Weiterleben nicht mehr lohnte.
Da wäre zunächst die Tragödie seiner Geliebten. Einen schrecklichen Autounfall versetzte sie in ein Koma, aus dem sie nach eineinhalb Jahren nicht mehr erwachte. Von dem Baby, das sie in sich getragen hatte, erzählte man ihm erst nach ihrem Tod. Nachdem er zugestimmt hatte, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten. Doch es wäre für Benno ein Leichtes gewesen, dies als einzigen Grund für seine Selbstmordgedanken anzugeben. Hinzu kam jedoch die finanzielle Lage, in die er sich mit seinem Privatvermögen gewirtschaftet hatte, Schulden im sechsstelligen Bereich. Den Rest seines Lebens würde er da nicht mehr herauskommen; obwohl er einen wirklich gut bezahlten Job innehatte. Was das Fass aber endgültig zum Überlaufen gebracht hatte, war die Erniedrigung der letzten Wochen. Jemand hatte ihn gefilmt, wie er in einer Waldlichtung masturbiert hatte und den Film auf einer einschlägigen Internetplattform onlinegestellt. Es hatte nicht allzu lange gedauert, bis das Video unter seinen Kollegen und Geschäftspartnern herumgereicht wurde. All die Verleumdungen und beschämenden Kommentare hatten ihn nunmehr hierher getrieben.
Benno blickte auf die Uhr. Sieben Stunden blieben ihm noch, bis zur Sprengung des Gebäudes. Sein Plan war es, eine Henkersmahlzeit zu sich zu nehmen, die er sich mitgebracht hatte und sich danach eine kuschelige Ecke irgendwo im Keller zu suchen. Davor jedoch würde er seine Geschichte niederschreiben. Einfach nur so, für sich. Es war ein Spontanentschluss, der ihn soeben erst ereilt hatte. Das Schreiben soll ja auch therapeutische Wirkung haben und so würde es ihn nur in seinem Vorhaben bestärken. Es war richtig, aus dem Leben zu treten. Die Hintergründe niederzuschreiben wäre zudem ein netter Zeitvertreib. Er öffnete die Schubladen des Schreibtisches und suchte nach Schreibmaterialien. Er fand tatsächlich einen Block mit kariertem Papier, legte ihn vor sich und schlug die Deckpappe auf. Der Block war beschrieben. Benno wollte schon weiterblättern, als sein Blick doch noch an der Handschrift Denovalis haften blieb:
Schon wieder kann ich es hören. Dieses nervtötende Klopfen begleitet von abstoßendem Schmatzen. Die wievielte Nacht ist dies nun der Fall? Längst habe ich aufgehört zu zählen. Die Geräusche begleiten mein Leben, seit ich es alleine führe. Jede Nacht. Stets zu mitternächtlicher Stunde. Doch seit heute weiß ich endlich, was die Geräusche verursacht. Über dieses Wissen werde ich mir nun Gewissheit verschaffen. Und ohne jeden Zweifel werde ich entweder meinem Leben ein Ende setzen, oder aber ES wird dies für mich tun.
Für die Nachwelt indes breche ich mein Gelübde und halte hier meine letzten Erkenntnisse fest. Mögen die nachfolgenden Aufzeichnungen in die rechten Hände geraten.
Die Signatur unter der Handschrift trug Denovalis Namen.
Benno blickte auf die Uhr. Noch war es nicht Mitternacht. Dennoch lauschte er aufgrund des Textes in die Dunkelheit, leuchtete mit der Taschenlampe umher, doch weder war etwas zu hören noch zu sehen.
Er blätterte die Seite des Blocks um, doch die folgenden Blätter waren leer.
Handelte es sich hier nur um das aufgesetzte Manuskript, das Denovali zu einem späteren Zeitpunkt auf der Maschine ins reine getippt, und den benannten Aufzeichnungen beigefügt hatte? Oder war dem Verfasser keine Zeit mehr geblieben, den Text zu vollenden? Wo befanden sich jene Aufzeichnungen, von denen im Text die Rede war? Da auch sonst nichts in Denovalis Anwesen fehlte und es in jedem Raum so aussah, als habe der Bewohner nur kurz seine Behausung verlassen, ging Benno davon aus, dass sich jene Aufzeichnungen irgendwo befinden mussten. Dass ausgerechnet diese von irgendjemandem beiseitegeschafft worden waren, war unwahrscheinlich.
Neugierig begann Benno damit, den Inhalt der Schreibtischschubladen zu durchforsten. Er entdeckte allerhand, jedoch nichts, was mit dem geheimnisvollen Vermächtnis Denovalis etwas zu tun haben könnte. Er stand auf und besah sich die Buchrücken mit ihren kryptischen Titelintarsien: Von Junzts »Unaussprechliche Kulte«, »Der kleinere Schlüssel Salomonis«, das »Buch Abremalin«, datiert auf das Jahr 1458, Charles Laughtons »Dämonen und ihre Widersacher«, »De Occulta Philosophia« von Agrippa von Nettesheim, das »Buch Soyga«, das »Necronomicon«, das »de pseudomonarchia daemonum« von Johann Weyer und viele andere schwarzmagische, alchemistische und okkulte Schriften, mit denen Benno in erster Linie überhaupt nichts anzufangen wusste. Aus einigen Seiten sprießten gelbe Post-it Zettel und er zog den entsprechenden Band heraus, um ihn an jenen Stellen aufzuschlagen. Doch all das zusammenhanglose Geschwafel, die magischen Traktate mit ihren unaussprechlichen Wörtern und undurchführbaren Anweisungen, stießen bei Benno auf achselzuckendes Unverständnis.
Fest stand für ihn nur, dass Denovali an irgendeiner Sache dran war, die sich hier in seinem Haus abgespielt hatte. Etwas, vor dem er sich selbst gefürchtet, das ihn vielleicht sogar in den Wahnsinn getrieben hatte.
Allerdings behandelte er die antiken Werke mit Ehrfurcht. Ihm war bewusst, dass sie in ein paar Stunden allesamt vernichtet werden würden. Hätte er ein Verständnis für die alten Schriften, so würde er die Hände über dem Kopf zusammenschlagen; doch da dem nicht so war, konnte er nur die Unachtsamkeit der rechtmäßigen Erben bedauern. Da diese das Haus zum Abriss freigegeben hatten, ohne das Inventar im Vorfeld zu sichten beziehungsweise es gewinnbringend zu veräußern.
Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. Er beschloss, in den Keller zu gehen. Vielleicht würde er dort fündig werden, wo in Denovalis Handschrift von diesem Ort die Rede war.
Vorsichtshalber wechselte er die Batterien der Taschenlampe. Ersatz hatte er mitgebracht. Seine Tasche ließ er hier. Er würde später zurückkommen, sich an diesen Schreibtisch setzen und auf sein Ende warten.
Oberflächlich betrachtet bestand der Keller neben dem Heizungsraum aus nur drei Räumen: einem durchaus beeindruckend zu nennenden Weinkeller, einem Abstellraum und einem Schwimmbad. Das Schwimmbecken war gut drei Meter breit und sechs Meter lang. Es roch nach abgestandenem Chlor und auf dem milchigen Wasser hatte sich eine Algenschicht gebildet. Des Weiteren gab es noch einen Umkleideraum und eine integrierte Sauna.
Klopfende oder gar schmatzende Geräusche indes konnte Benno auch hier nirgends ausmachen. Er beendete den Rundgang und stieg wieder die Stufen nach oben, als er seine Meinung änderte. War da nicht soeben doch ein Geräusch gewesen? Ganz kurz nur, am Rande seiner Wahrnehmung?
Benno blickte auf die Armbanduhr. Es war zehn Minuten vor Mitternacht.
»Weshalb nur immer Mitternacht?«, intonierte er. Unheimliche Klopfgeräusche - seien sie von Geistern verursacht oder nur eingebildet - scheint es stets nur zu dieser vermaledeiten Uhrzeit zu geben. Was machte die erste Stunde eines jeden neuen Tages nur so magisch?
Er beschloss, den Eintritt der sogenannten Geisterstunde im Keller abzuwarten, machte auf den Stufen kehrt und ging wieder nach unten. Instinktiv suchte er den Weinkeller auf. Der Raum maß in etwa dreißig Quadratmeter und war zu allen Seiten mit gefüllten Weinregalen bestückt. Im Zentrum des Raumes befand sich ein altes Weinfass und auf diesem warteten mehrere Kerzenstummel darauf, entzündet zu werden.
Benno kramte in der Hosentasche nach den Zündhölzern, die er sich ohne besonderen Grund für seine letzte Nacht auf Erden eingepackt hatte. Er entfachte die Kerzen und schaltete die Taschenlampe aus. Das Licht langte, um die Atmosphäre, den die unzähligen Flaschen auf ihn ausübten, wirken zu lassen.
Nun reizte es ihn doch, den einen oder anderen Tropfen zu kosten. Doch er widerstand der Versuchung.
Er ließ die Kerzen brennen und bahnte sich seinen Weg in die Abstellkammer. Hier schaltete er die Lampe wieder ein und ließ den Lichtstrahl durch den wirbelnden Staub und die Intarsien des stinkenden Kellerabteils wandern. Er erkannte ein altes Fahrrad, das an einem großen Schrankkoffer lehnte. Aufgeplatzte Plastiksäcke verrieten, dass sie die Kleidung kaum noch halten konnten. Mit der Zeit hielt der Kunststoff nicht mehr. Kleiderbügel hatten sich durch die blaufarbene Haut hindurchgebohrt und Benno erkannte, dass es sich um Frauenkleidung handelte. Vermutlich die vormalige Bekleidung Denovalis Exgattin.




