Sergia - Sklaven des 22. Jahrhunderts

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Als Luke sich beruhigt hatte, ließ Charles seinen Neffen los und legte seine Hände auf Lukes Schultern.
»Das nächste Mal werde ich dir nicht mehr helfen«, sagte er.
Luke schüttelte energisch den Kopf.
»Es wird kein nächstes Mal geben, das verspreche ich dir.«
»Das will ich hoffen. Hoffentlich hast du aus dieser Geschichte etwas gelernt.«
Luke nickte und wischte sich die letzte Träne von der Wange.
»Onkel Charly«, begann er vorsichtig, »müssen wir Dad davon erzählen?«
Charles seufzte, und senkte kurz den Blick, bevor er Luke wieder direkt ansah.
»Eigentlich sollte ich es ihm erzählen«, begann er.
»Bitte, Onkel Charly«, flehte Luke und erneut traten ihm Tränen in die Augen.
»Ich bin unter zwei Bedingungen bereit, diese Geschichte zu vergessen.«
»Alles«, versprach Luke.
»Erstens wirst du diese Jungs nie wieder sehen. Wenn mir zu Ohren kommt, dass du dich noch einmal mit ihnen triffst …«
»Ganz bestimmt nicht«, fiel Luke ihm ins Wort.
»Außerdem wirst du dich bei deinem Vater für dein unmögliches Verhalten entschuldigen«, fuhr Charles fort.
»Ich war wohl ein ganz schöner Dummkopf«, murmelte Luke.
»Dein Vater hat sich wirklich Sorgen um dich gemacht. Ich glaube nicht, dass er so eine Behandlung verdient hat.«
Luke atmete tief durch.
»Du hast Recht, ich werde mich entschuldigen«, sagte er schließlich. »Aber was soll ich ihm erzählen, wo ich heute Nacht war?«
»Das musst du schon selbst wissen. Doch ich würde zumindest bis zu einem gewissen Punkt bei der Wahrheit bleiben.
Und ich erwarte, dass du den Hausarrest, oder was immer Albert sich für dein Fortbleiben und deine Aufsässigkeit einfallen lässt, klaglos annimmst.«
Luke nickte erneut.
»Ja, Onkel Charly«, sagte er ergeben.
»Guter Junge«, sagte Charles lächelnd und packte Luke freundschaftlich am Genick.
Gemeinsam gingen sie weiter den Wiesenweg entlang, doch jetzt war die Stimmung gelöster.
»Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt«, sagte Luke nach einer Weile.
»Nein, das hast du nicht«, bestätigte Charles.
»Danke«, murmelte Luke.
Charles lächelte erneut.
»Was wäre ich für ein Onkel, wenn ich meinem Lieblingsneffen nicht ab und zu aus der Patsche helfen würde«, erklärte er.
»Aber ich bin dein einziger Neffe«, entgegnete Luke verwirrt.
Charles zwinkerte seinem Neffen zu und Luke musste gegen seinen Willen ebenfalls lächeln. Dann griff Luke in seine Tasche, und holte ein kleines Päckchen hervor. Charles erkannte es sofort, es war das Päckchen, das er Luke vor zwei Wochen, nach ihrem gescheiterten Gespräch, gegeben hatte.
Die Verpackung war noch unangetastet, Luke hatte es noch nicht geöffnet.
»Ich glaube, ich sollte langsam mal hier rein schauen«, sagte er, und riss das Papier auf.
Als er auf den Inhalt starrte, schnappte er überrascht nach Luft.
»Ein 5000 Exabyte Speicherchip?«, fragte er.
»Ich dachte, er würde dir gefallen. Es ist ein Prototyp«, antwortete Charles.
Luke starrte noch immer auf den kleinen Chip.
»Wow, Onkel Charly, das ist der Hammer«, japste er begeistert.
»Verdient hast du ihn nicht«, sagte Charles.
Luke schwieg betreten.
»Aber ich hoffe trotzdem, dass du ihn gebrauchen kannst«, fügte Charles nach einer kurzen Pause lächelnd hinzu.
»Und ob«, sagte Luke, und strich mit einer Hand ehrfürchtig über den Speicherchip.
Wie zu erwarten war, hatte Albert sich über den nächtlichen Ausflug seines Sohnes furchtbar aufgeregt, doch Lukes kleinlaute Entschuldigung hatte ihn ein wenig besänftigt. Als Konsequenz verlangte er von seinem Sohn, genau wie Charles, dass er jeglichen Kontakt zu den ‚Bike Bandidos‘ abbrach, außerdem hatte Luke vier Wochen Hausarrest – und das genau in den Frühjahrsferien. Aber wie Luke seinem Onkel versprochen hatte, nahm er die Strafe ohne zu murren an. Er war sich durchaus bewusst, dass er sie verdient hatte.
Als die Schule nach drei Wochen wieder begann, und Luke das Haus zum ersten Mal verlassen durfte, hatte er einen dicken Kloß im Hals. Die Bandidos wussten noch nicht, dass Luke sich von ihnen los gesagt hatte und nun befürchtete er, dass die Gang vor der Schule auf ihn warten würde. Und er hatte Recht.
Als er um die letzte Ecke bog, und das Schulgebäude in Sicht kam, schwebten dort, vor dem Haupteingang, fünf Hoverbikes.
Luke atmete tief durch und ging zögernd weiter.
»Hey, Bad Luke«, wurde er sofort von einem vierschrötigen Jungen begrüßt.
»Hallo Kevin«, antwortete Luke reserviert.
»Wo bist du die ganze Zeit gewesen?«, fragte Kevin vorwurfsvoll.
»Ich hatte Hausarrest«, antwortete Luke.
Die fünf Biker lachten laut.
»Hausarrest?«, fragte der Junge zu Kevins Linken belustigt.
»Du lässt dir von deinem Alten vorschreiben, wann du aus dem Haus gehen darfst?«
Luke schwieg. Seine fünf ehemaligen Freunde hatten ihn stets spüren lassen, dass sie sich für selbstständiger und reifer hielten. Luke hatte versucht mit ihnen mitzuhalten - und war grandios gescheitert.
»Wohin bist du eigentlich so schnell verschwunden, als der Bulle dich damals aus der Zelle geholt hat?«, fragte nun der Junge zu Kevins Rechten.
»Mein Onkel hat mich abgeholt«, antwortete Luke.
Die Bandidos lachten wieder.
»Der kleine Luke möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden«, äffte einer von ihnen.
Luke antwortete nicht.
»Ist dein Onkel der Polizei-Präsident, oder was?«, fragte Kevin.
»Nein«, antwortete Luke.
»Wie konnte er dich dann so schnell da raus holen?«, fragte Kevin weiter.
Seine Stimme hatte jetzt einen gefährlichen Unterton.
»Was hast du ihnen erzählt?«
»Nichts«, sagte Luke sofort. »Ich weiß doch nicht mal genau, was ihr da in dem Laden vor hattet.«
»Und das ist auch gut so«, knurrte der Junge zu Kevins Linken.
»Mike«, sagte Kevin streng und der Angesprochene schwieg augenblicklich.
»Also, warum konnte dein Onkel dich da raus holen?«, wandte Kevin sich wieder an Luke.
»Mein Onkel ist Charles Dumare«, murmelte Luke kaum hörbar.
»Wow«, entfuhr es dem Biker zu Kevins Rechten.
Dafür kassierte er einen missbilligenden Blick seines Anführers.
»Soso, der mächtige Dumare«, sagte Kevin. »Dann hast du wohl zu Hause deinen eigenen kleinen Haus-Sergia, der dir den Arsch abwischt und dir hinterher negert.«
Luke schüttelte den Kopf.
»Onkel Charly spricht bei uns nicht über sein Geschäft.«
»Stellt euch vor, wir hätten ein paar Sergia, die die Brüche für uns machen würden«, sagte Mike und grinste breit.
Auch Kevin grinste jetzt.
»Nun zum Geschäft, Luke. Wir geben dir noch eine Chance.
Wir treffen uns heute Abend um halb zwölf in der Jacobstreet. Dort gibt es einen kleinen Supermarkt.«
»Nein«, stieß Luke erschrocken hervor.
»Was meinst du mit ‚nein‘?«, fragte Kevin drohend.
Er stieg von seinem Hoverbike ab, und baute sich vor Luke auf.
»Ich werde nicht mitmachen«, sagte Luke.
Seine Stimme zitterte und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Dies war das erste Mal, dass er Kevin die Stirn bot.
»Das war keine Frage, Kleiner«, blaffte Kevin sein Gegenüber an, und kam noch einen Schritt näher, so dass sein Gesicht direkt vor Lukes war.
Eingeschüchtert wollte Luke einen Schritt zurück weichen, prallte dabei aber gegen Mike, der sich unbemerkt hinter ihn gestellt hatte, um ihm den Fluchtweg zu verbauen.
»Du wirst tun, was wir dir sagen«, fuhr Kevin drohend fort.
»Nein, ich bin da raus«, japste Luke.
Er starrte Kevin mit angstgeweiteten Augen an.
Kevin musste Mike wohl ein für Luke unsichtbares Zeichen gegeben haben, denn plötzlich packte Mike Luke und drehte ihm die Arme auf den Rücken. Luke stöhnte vor Schmerz auf.
Kevin ballte seine rechte Hand zur Faust und hielt sie Luke vor das Gesicht.
»Ich lasse mich von dir nicht verarschen, Kleiner«, zischte er.
Luke konnte nicht mehr antworten. Sein Mund war zu trocken und obwohl sein Hirn fieberhaft arbeitete fiel ihm nichts ein, was er dem Bandenchef noch hätte sagen können, um aus dieser Situation wieder heraus zu kommen.
»Mr. Williams sagte nein«, ertönte plötzlich eine Stimme zu ihrer Linken.
Die Gruppe der Jugendlichen wirbelte überrascht herum. Vor ihnen stand ein uniformierter Mann, doch es war kein Polizist. Luke erkannte die Kleidung des Mannes sofort, er trug die Uniform eines Supervisors von Onkel Charly.
Ein Glücksgefühl breitete sich in ihm aus, wie er es noch nie verspürt hatte. Er war gerettet.
»Halten Sie sich da raus, Mann«, blaffte Kevin den Uniformierten an.
»Sie werden Mr. Williams augenblicklich loslassen«, fuhr der Mann ruhig fort.
Kevin lachte laut auf.
»Warum sollte ich?«, konterte Kevin.
Der Uniformierte blickte sich kurz um und die sechs Jungen folgten seinem Blick. An der nächsten Straßenecke, etwa zehn Meter von ihnen entfernt, standen sieben weitere Männer.
Mike lockerte seinen Griff und Luke eilte zu seinem Retter.
Dieser nickte Luke zu, dann wandte er sich wieder an die Gangmitglieder.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Mr. Williams nicht mehr belästigen werden«, sagte er warnend.
Leise fluchend packte Kevin sein Bike. Er startete den Elektromotor und raste davon. Seine Anhänger folgten ihm augenblicklich.
»Danke«, sagte Luke zu dem Supervisor, als die ‚Bike Bandidos‘ verschwunden waren.
Er wollte dem Supervisor so viel mehr sagen, doch er konnte die Erleichterung, die er verspürte, nicht in Worte fassen. Sein Kopf schien vollkommen leer.
»Ihr Onkel hatte erwartet, dass diese Rocker Ihnen noch einmal Ärger machen würden«, antwortete der Supervisor.
»Dann richten Sie bitte auch Onkel Charly meinen Dank aus.«
»Selbstverständlich«, antwortete der Supervisor.
Er wandte sich ab und verschwand mit seiner Verstärkung so schnell, wie er gekommen war.
Als Luke am Nachmittag nach Hause kam, zitterten ihm noch immer die Knie. Er hatte die fünf Biker für seine Freunde gehalten, doch sie hatten ihn nur ausgenutzt. Er konnte nur inständig hoffen, dass die Warnung des Supervisors sie tatsächlich beeindruckt hatte. Luke betrat das Wohnzimmer und stutzte. Auf dem Sofa saß sein Vater.
»Was machst du hier? Hast du heute Urlaub?«, fragte Luke überrascht.
Albert seufzte, stand auf und ging zu seinem Sohn.
»Sie haben mich gefeuert«, antwortete Albert.
»Was?«, fragte Luke. »Warum?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe versucht mit dem Boss zu sprechen, aber seine Sekretärin ließ mich nicht durch. Heute Morgen, als ich kam, war bereits eine Mitteilung in meiner Mailbox, dass ich das Gebäude innerhalb einer Stunde zu verlassen habe.«
Luke starrte seinen Vater entgeistert an.
»Aber das können die doch nicht so einfach machen«, ereiferte er sich.
»Natürlich können sie«, seufzte Albert.
»Aber das ist nicht fair, du arbeitest seit zwanzig Jahren in dieser Firma und hast dir nie etwas zu Schulden kommen lassen«, sagte Luke.
»Was ist in der heutigen Zeit schon noch fair?«, entgegnete Albert.
Er ging zurück zum Sofa und ließ sich in die schäbigen Polster fallen.
»Wir werden nun erst mal den Gürtel ein wenig enger schnallen müssen«, fuhr er fort.
»Noch enger?«, murmelte Luke mehr zu sich selbst als zu seinem Vater.
Sein Vater blickte ihn finster an.
»Du weißt, ich habe immer alles getan, damit es uns an nichts fehlt.«
»Ja, natürlich, entschuldige«, sagte Luke und senkte beschämt den Kopf. »Aber könntest du nicht Onkel Charly fragen, er würde uns bestimmt helfen.«
»Nein, niemals«, unterbrach Albert seinen Sohn heftig. »An seinem Geld klebt das Blut von unzähligen Sergia, ich werde keinen Cent von ihm annehmen.«
Luke starrte sein Gegenüber bestürzt an. Im Gegensatz zu seinem Vater war es ihm egal, wie sein geliebter Onkel seinen Lebensunterhalt verdiente.
»Wir werden das schon schaffen«, sagte Albert, und zwang sich zu einem Lächeln. »Du wirst sehen, ich habe im Handumdrehen einen neuen Job. Und wenn alle Stricke reißen nehmen wir einen zusätzlichen Kredit auf.«
»Glaubst du denn, dass die Bank dir noch einen zweiten Kredit gewährt?«, fragte Luke.
»Lass das mal meine Sorge sein«, sagte Albert ausweichend.
»Aber was, wenn du keinen neuen Job findest? Und dann die Schulden nicht mehr bezahlen kannst?«
Luke machte eine kurze Pause, bevor er leiser weiter sprach.
»Was, wenn sie dich am Ende abholen?«
»Luke, mach dir bitte keine Sorgen.«, versuchte Albert seinen Sohn zu beruhigen.
»Vielleicht könnte ich einen Nebenjob annehmen«, überlegte Luke laut.
»Nein«, sagte Albert bestimmt. »Ich möchte, dass du dich voll auf die Schule konzentrierst.«
»Wie du meinst«, sagte Luke.
Er war davon überzeugt, dass seine schulischen Leistungen nicht darunter leiden würden, wenn er ein paar Stunden in der Woche jobben würde. Aber er wollte sich nicht schon wieder mit seinem Vater streiten. Die letzten Spannungen waren einfach noch nicht lange genug her, um neue Meinungsverschiedenheiten zu provozieren.
Es war später Vormittag. Albert lag auf seinem abgewetzten Sofa, und starrte an die Zimmerdecke. Es war nun acht Wochen her, seit er seinen Job verloren hatte, und die Aussichten auf eine neue Anstellung waren sehr trübe. Er hatte unzählige Bewerbungen geschrieben und genauso viele Absagen erhalten.
Er grübelte darüber nach, wie es weiter gehen sollte, denn das Geld war nun mehr als knapp und er wusste noch nicht einmal, wie er die nächste Rate für seine Kredite aufbringen sollte.
In diesem Moment klopfte es. Albert fuhr erschrocken hoch und blickte verstört zur Tür. Wer in Gottes Namen kam ihn mitten am Tag besuchen? Niemand außer Luke wusste, dass er arbeitslos und somit tagsüber zu Hause war.
Es klopfte erneut, dieses Mal energischer.
Albert erhob sich schwerfällig, schlurfte zur Tür und öffnete.
Vor ihm stand sein Schwager, flankiert von zwei seiner uniformierten Supervisoren. Albert starrte die drei Männer verblüfft an.
»Charly«, sagte er, »ich hatte dich nicht erwartet.«
»Ich bin geschäftlich hier«, antwortete Charles.
Er stand wie versteinert in der Tür, kein Muskel regte sich in seinem Gesicht.
Albert starrte ihn einen Moment verständnislos an, dann weiteten sich seine Augen angstvoll.
»Charly, nein!«, keuchte er.
»Geh zur Seite, Albert«, befahl Charles.
Auf den ersten Blick schien er gänzlich unbeeindruckt von der Angst seines Gegenübers und starrte seinen Schwager an, als wäre er ein Fremder. Doch seine Hände hatte er zu Fäusten geballt.
»Charly, NEIN!!!«, stieß Albert hervor.
»Ist er da?«, fragte Charles.
»In seinem Zimmer«, antwortete Albert mit zitternder Stimme.
Charles wandte sich an seine Supervisoren.
»Den Flur entlang, zweite Tür rechts.«
Die beiden Männer drängten sich an dem erstarrten Albert vorbei und marschierten den Flur entlang.
»Charly, er ist dein Neffe!«, schrie Albert jetzt verzweifelt, und packte sein Gegenüber am Revers.
»Ich mache nur meinen Job«, entgegnete Charles.
Seine steinerne Maske bekam allmählich Risse und ihm war anzumerken, dass er sich nur noch mit Mühe beherrschen konnte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und sein ganzer Körper bebte vor unterdrückter Wut.
»Wir sind doch deine Familie, Charly«, jammerte Albert weiter und schüttelte sein Gegenüber heftig. »Deine Schwester würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, was du hier tust.«
Das war zu viel für Charles. Er riss sich wutentbrannt von seinem Schwager los und funkelte ihn zornig an.
»Meine Schwester würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, dass du bei der Beantragung deiner beiden Kredite nicht dich, sondern euren Sohn als Pfand angegeben hast, du feiger Hund«, brüllte er.
»Versteh doch, Charly. Ich bin über 50 und nicht mehr gesund. Darum wollte die Bank mir nicht mal 300 Dollar geben. Luke hingegen war ihnen ganze 10.000 wert. Was zum Teufel hätte ich denn tun sollen?«
»Du hättest zu mir kommen können, verdammt«, brüllte Charles. »Stattdessen verkaufst du deinen eigenen Sohn!«
»Ich habe ihn nicht verkauft«, verteidigte Albert sich verzweifelt. »Ich habe doch immer pünktlich bezahlt. Bitte Charly, lass mich bei der Bank anrufen, sie werden die kommenden Raten stunden, bis ich eine neue Arbeit gefunden habe.«
»Sie werden deine Raten nicht stunden«, knurrte Charles.
Er atmete tief durch, bemüht, seine Fassung wieder zu erlangen.
»Woher willst du das wissen?«, stammelte Albert.
»Warum glaubst du wohl bin ich hier?«, blaffte Charles seinen Schwager an. »Luke stand bereits auf der Liste.«
»Er … WAS? WARUM?«
»Wie du schon sagtest: Du bist über 50 und hast Vorerkrankungen. Statistisch gesehen geht deine Chance einen neuen Job zu finden gegen null«, sagte Charles.
Er bebte zwar noch immer vor Wut, hatte sich nun aber wieder unter Kontrolle.
»Aber könnte ich nicht bei dir?«, begann Albert vorsichtig.
»Nein«, entgegnete Charles sofort. »Du hättest zu mir kommen können, als es noch nicht zu spät war. Deine Kredite wurden gestern Abend an die Dumare Corporation überschrieben und somit ist dein Sohn nun Eigentum der Dumare Sergia Corporation.«
»Aber du bist die Dumare Corporation«, flehte Albert mit tränenerstickter Stimme. »Du könntest …«
»Sei froh, dass ich die Listen ein paar Stunden vor den anderen Mastern bekomme«, unterbrach ihn Charles barsch. »Was glaubst du, wie begehrt ein gesunder 18-Jähriger ist? Daniel Gardner hätte sich alle zehn Finger nach ihm geleckt. Dann hätte dein Sohn den Rest seines Lebens in den Kohlebergwerken geschuftet.«
Albert starrte seinen Schwager entsetzt an. Er zitterte am ganzen Leib und klammerte sich mit einer Hand an die Klinke der Haustür.
»Charly, bitte«, flehte er erneut. »Er ist dein Neffe, der Sohn deiner Schwester. Deine Familie!!«, jammerte er. »Du kannst doch nicht unsere Familie zerstören!«
»Das werde ich nicht, denn das hast du bereits getan«, blaffte Charles.
Erneut rang er um seine Fassung, doch dieses Mal war er auf seinen aufwallenden Zorn vorbereitet und ließ sich nicht noch einmal von ihm übermannen. Er war ein Profi, und genau so würde er sich auch verhalten.
»Aber du kannst den Jungen doch nicht für meine Fehler büßen lassen«, flehte Albert schluchzend.
Tränen rannen ihm über das erhitzte Gesicht, er war kurz vor einem Zusammenbruch.
»Nicht ich lasse ihn für deine Taten büßen, sondern du!«, konterte Charles.
Er war nun wieder vollkommen beherrscht und seine Stimme war kalt wie Eis.
In ihm jedoch loderte noch immer ein Feuer. Er hatte Albert damals, obwohl er knapp fünfzehn Jahre älter gewesen war als seine Schwester, mit offenen Armen in die Familie aufgenommen.
Mehr noch: Seit dem Tod seines eigenen Vaters hatte er ihn sogar als Vaterersatz gesehen. Umso mehr war er nun von ihm enttäuscht.
Natürlich hatte er von den finanziellen Schwierigkeiten seines Schwagers gewusst und er hatte Albert immer wieder seine Hilfe angeboten, doch dieser war stets zu stolz gewesen, sie anzunehmen.
Nun würde also Luke für den Stolz seines Vaters bezahlen.
Luke, den er selbst liebte wie einen Sohn. Aber zu Gefühlen wie Liebe oder Zuneigung war Charles im Moment nicht fähig. Er war erfüllt von Hass und Verachtung für seinen verstockten Schwager.
Seit er gestern Abend die Vollstreckungslisten der Bank auf den Tisch bekommen hatte brannte ein Feuer in ihm, das er nur mit Mühe im Zaum halten konnte.
Wie hatte Albert nur so etwas tun können? Warum zum Teufel hatte er ihn in solch eine prekäre Situation gebracht?
Was sollte er denn tun? Die Hände in den Schoß legen, so dass Luke in die Hände eines anderen Masters fiel? Niemals.
Sollte er etwa Alberts Kredit bei der Bank auslösen? Sicherlich nicht. Albert hatte vorher sein Geld nicht haben wollen, also musste er jetzt dafür büßen. Oder besser Luke musste dafür büßen. Verdammt. Charles schnaubte innerlich.
In diesem Moment kamen seine beiden Supervisoren zurück.
Sie hatten Luke an beiden Armen gepackt und zerrten den zappelnden Jungen durch den Flur.
»Was zum Henker?«, schrie Luke aufgebracht, unterbrach sich aber, als er Charles in der Tür erkannte.
»Onkel Charly, was ist hier los?«, fragte er, während er weiter versuchte, sich aus dem Griff seiner Häscher zu befreien.
»Luke Williams«, sagte Charles steif, ohne seinen Neffen dabei anzusehen.
Luke gab seine Gegenwehr bei dieser ungewohnt förmlichen Anrede abrupt auf und starrte seinen Onkel verwirrt an.
»Der Kredit Ihres Vaters vom 1. Juli 2110 wurde wegen Gefahr der Nichtzahlung an die Dumare Corporation überschrieben. Bezugnehmend auf das ‚Leibeigenschaft-Dekret‘ aus dem Jahre 2042 gehört Ihr Leben nun der Dumare Sergia Corporation«, fuhr Charles emotionslos fort. »Sie werden augenblicklich an Ihren neuen Master überstellt. Ihr ganzes Sein wird ab heute, bis zu Ihrem Tod, in seinen Diensten stehen. Ein Widerspruch ist nicht möglich.«
»NEIN! DAD! Ich verstehe das nicht«, rief Luke verstört.
»Erklär es ihm«, wandte Charles sich an seinen Schwager.
Albert schüttelte nur den Kopf. Seine Augen waren feucht, doch sein Mund war so trocken, dass er kein einziges Wort heraus brachte.
»Erklär es ihm«, forderte Charles.
Er hatte kein Mitleid mit Albert. Er wollte dass sein Schwager litt, so wie er gelitten hatte, als er die Listen mit Lukes Namen bekommen hatte.
Albert schluchzte.
»Sie haben meine Kredite gekündigt«, sagte er schließlich kaum hörbar.
»Und weiter«, forderte Charles.
»Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es so weit kommen würde«, jammerte Albert.
Tränen liefen ihm die Wange hinab, doch er bemerkte es kaum.
»Ja, aber, ich verstehe das nicht«, stammelte Luke und starrte seinen Vater verwirrt an.
»Ich hatte nicht mich, sondern dich als Pfand angegeben«, flüsterte Albert mit tränenerstickter Stimme.
Luke starrte seinen Vater entsetzt an. Er verstand sofort, was sein Vater ihm damit sagen wollte, und schnappte nach Luft.
Kaum hatte Albert geendet, drehte Charles sich abrupt um, und ging, so schnell es ihm ohne zu rennen möglich war, zu seinem Wagen. Er hätte es keine Sekunde länger ertragen, das Gesicht seines Neffen anzusehen.
»Dad!«, rief Luke erneut.
Aber sein Vater konnte ihm nicht mehr antworten. Albert war in sich zusammengebrochen und lag schluchzend auf dem Fußboden.
Charles eilte weiter. Er atmete erst auf, als er in seinem Wagen saß, und die verzweifelten Rufe und das Schluchzen seiner Familie, die er soeben auseinander gerissen hatte, nicht mehr hören musste.
Tränen glitzerten nun auch in seinen Augen und er hasste sich in diesem Augenblick mehr als jeden Anderen auf dieser Erde.
Zeige niemals Schwäche, weder anderen noch dir selbst gegenüber. Regiere deine Untergebenen stets mit eiserner Hand. In einem Imperium wie dem unseren ist für Mitgefühl kein Platz. Nur durch unsere Stärke wird alles zusammen gehalten. Zeigst du auch nur einmal Schwäche, wird unser Reich unweigerlich zerbrechen.
Das hatte sein Vater ihm immer gepredigt. Und er hatte Recht. Für Mitgefühl war kein Platz. Schon gar nicht mit seinem verstockten Schwager. Er war schließlich selbst Schuld an seiner Situation, also musste er nun auch die Konsequenzen tragen. Warum sollte Charles also Mitleid mit ihm haben?
Er blickte kurz aus der getönten Seitenscheibe seines Wagens und beobachtete, wie seine Supervisoren den sich verzweifelt wehrenden Luke zu einem kleinen Transporter schleiften.
Verdammt. Wenn nur der Junge nicht mit drin hängen würde.



