Sergia - Sklaven des 22. Jahrhunderts

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Jones nickte und löste die aufgerollte Peitsche von seinem Gürtel.
»Laut mitzählen, Junge«, sagte er.
Dann holte er aus und ließ die Peitsche mit einem Knall auf Luke herab sausen. Luke schrie vor Schmerz laut auf, als das Leder seinen blanken Rücken traf.
»Mitzählen, habe ich gesagt«, blaffte Jones.
»Eins«, keuchte Luke.
Kaum hatte er das gesagt, traf ihn auch schon der nächste Peitschenhieb. Luke biss die Zähne zusammen, konnte aber den Schmerzensschrei nicht unterdrücken.
»Zwei«, keuchte er.
Und wieder sauste die Peitsche auf ihn herab.
»DREI«, schrie Luke vor Schmerz laut auf.
Luke schrie eine Zahl nach der anderen wie im Wahn für jedes Mal, das die Peitsche auf seinen Rücken knallte.
Als er schließlich seinen letzten Hieb erhalten hatte, lösten die Wachen seine Fesseln und Luke sackte benommen auf den Boden.
»Bringt ihn in seine Zelle und legt ihn auf die Pritsche«, wies Jones sie an.
Die Wachen gehorchten und schleppten Luke zurück ins Gebäude. Als sie außer Sicht waren, wandte Jones sich an Charles.
»Sir, meinen Sie nicht, das war ein bisschen viel für’s erste Mal?«
»Mir ist nicht entgangen, Mr. Jones, dass Sie die Peitschenhiebe nicht versehentlich vergessen haben«, antwortete Charles scharf.
Jones schwieg einen Moment und senkte betreten den Blick.
»Nein, Sir.«
»Zumindest lügen Sie mich nicht an«, sagte Charles nun etwas milder.
»Niemals, Sir«, antwortete Jones sofort.
»Aber Sie sind doch mit mir einer Meinung, dass wir Strafen, die wir ankündigen, auch vollstrecken müssen, Mr. Jones.
Ansonsten werden wir unglaubwürdig.«
Jones nickte.
»Der Junge soll schnell lernen, wie es hier zugeht. Und er soll noch schneller kapieren, dass es keine Familienbande mehr gibt. Dass ein familiäres Verhältnis zwischen uns bestanden hat, muss innerhalb dieser Mauern bleiben, Mr. Jones. Bitte sorgen Sie auch dafür, dass Ihre Wachleute entsprechend instruiert werden.«
»Natürlich, Sir«, antwortete Jones.
Luke lag auf dem Bauch und versuchte, sich nicht zu bewegen. Sein ganzer Körper schmerzte und sein Rücken brannte wie Feuer. An ein paar Stellen war die Haut von den Schlägen aufgeplatzt und Blut tropfte auf die Matratze.
Aber noch schlimmer als der körperliche Schmerz waren seine seelischen Qualen. Das Gesicht seines Onkels ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Das Gesicht, das ihn so kalt und erbarmungslos angestarrt hatte.
Luke verstand noch immer nicht, welche Veränderung in dem Mann, den er so liebte, vorgegangen war. Luke schloss die Augen und versuchte zu schlafen, aber er war einfach zu aufgewühlt, um Ruhe zu finden.
Er drehte den Kopf in Richtung Fenster und stöhnte sofort leise auf. Sogar diese Bewegung schmerzte. Außerdem brannte sein Nacken, wo man ihm den Sender unter die Haut gespritzt hatte, und der enge Reif um seinen Hals reizte die Stelle noch zusätzlich.
Luke hob vorsichtig den Arm und berührte den Reif behutsam. Er war nur ein paar Millimeter dick und bestand aus glattem Metall. Die Kanten waren abgerundet, so dass sie nicht all zu schmerzhaft in sein Fleisch schneiden konnten, aber durch die Enge spürte Luke ständig einen leichten Druck auf seinem Adamsapfel. Dies war ein unangenehmes Gefühl und er befürchtete, dass er eine ganze Weile brauchen würde, um sich daran zu gewöhnen.
Er folgte mit den Fingern dem Verlauf des Reifs und suchte die Stelle, an der er zusammen geschmolzen war, fand sie jedoch nicht. Die beiden Enden hatten sich nahtlos miteinander verbunden, es gab keine Kante, nichts, das darauf hingedeutet hätte, dass sich der Reif jemals wieder öffnen ließ.
Würde er ihn jetzt tragen, bis er eines Tages starb?
Durch das Fenster schien das rötliche Licht der untergehenden Sonne. Das warme Licht hatte etwas Tröstliches und Luke konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Warum war dies alles geschehen? Wie würde sein weiteres Schicksal wohl aussehen?
Luke beobachtete, wie die Schatten der Gitterstäbe immer länger und länger wurden. Als sie fast die Tür erreicht hatten, öffnete diese sich plötzlich. Luke drehte sich blitzartig um und erkannte den Supervisor Jones. Ängstlich kroch Luke in die hinterste Ecke.
»Bitte nicht«, flüsterte er mit rauer Stimme.
»Hat die Lektion von vorhin so wenig Eindruck hinterlassen?«, fragte Jones barsch.
»Sir«, flüsterte Luke noch leiser.
Jones schien zufrieden.
»Na also. Ich bin nicht gekommen, um dir die nächste Lektion zu erteilen. Leg dich wieder hin und zeig mir deinen Rücken.«
Seine Stimme klang plötzlich nicht mehr so kalt wie zuvor.
Luke zögerte einen Moment, gehorchte dann aber. Was blieb ihm auch anderes übrig?
Jones schloss die Tür hinter sich und trat an Lukes Pritsche.
Er seufzte leise, als er den geschundenen Rücken des Jungen näher betrachtete. Dann zog er eine kleine Flasche mit Desinfektionsmittel aus der Tasche und betupfte die Wunden vorsichtig. Luke zischte leise, als Jones die offenen Stellen berührte.
»Ja, das brennt ein bisschen. Aber das geht gleich vorbei.
Dafür wird sich nichts entzünden.«
Jones Stimme klang nun fast freundlich und erinnerte kaum noch an den Mann, der Luke vor nicht einmal einer Stunde so gefoltert hatte. Schweigend verarztete er eine Wunde nach der anderen, während Luke immer wieder zusammenzuckte.
»So, das war’s«, sagte Jones als er fertig war. »Versuch’ heute Nacht auf dem Bauch zu schlafen, damit die Wunden heilen können.«
»Ja, Sir«, antwortete Luke gehorsam.
Jones nickte zufrieden und ging in Richtig Zellentür. Kurz bevor er sie erreicht hatte, hielt er jedoch inne. Einen Moment stand er reglos da. Er schien zu überlegen, führte einen inneren Kampf mit sich selbst.
Schließlich drehte er sich wieder um und ging zurück zu Lukes Pritsche. Vor Luke blieb er stehen und verschränkte die Hände auf dem Rücken. Er blickte in Richtig Decke und atmete tief durch. Dann sah er Luke direkt an.
»Ich gebe dir einen guten Rat, Junge. Tu was man dir sagt und vergiss, dass er dein Onkel ist. Du bist doch nicht dumm, Kleiner, und du bist auch keiner von diesen aufsässigen Rebellen, die meinen, sie könnten etwas mit ihrer Halsstarrigkeit erreichen. Dieses Center haben schon Sergia verlassen, denen die Haut in Fetzen herunter hing. Und es hat ihnen nichts gebracht – auch sie haben schließlich aufgegeben.«
Luke blickte den Supervisor stumm an. Er fühlte sich elend.
Er hatte an einem einzigen Tag nicht nur seinen Vater, sondern auch noch seinen geliebten Onkel verloren.
»Füge dich in dein Schicksal, erweise ihm und den Supervisoren den gebührenden Respekt, und dein Leben wird gar nicht mal so schrecklich sein«, unterbrach Jones Lukes trübe Gedanken.
»Aber warum tut er das … Sir?«, fragte Luke vorsichtig.
»Warum?«, wiederholte Jones fast belustigt. »Das liegt doch auf der Hand. Er ist ein Master. Du bist ein Sergia.«
»Aber …«
»Kein Aber, Junge. So funktioniert dieses System nun mal.
Mr. Dumare ist der Inhaber eines riesigen Geschäftsimperiums. Barmherzigkeit ist da nicht vorgesehen.«
Er machte eine kurze Pause.
»Er hat dich geliebt, Luke. Bringe ihn nicht dazu, dass er dich hasst.«
»Aber er hasst mich«, entgegnete Luke verzweifelt.
»Nein, das glaube ich nicht. Ich denke er weiß noch nicht, was er empfinden soll.«
Jones betrachtete Luke noch einen kurzen Moment, dann drehte er sich um und ging erneut zur Tür.
»Danke, Sir«, sagte Luke leise.
Jones antwortete nicht. Er öffnete die Tür, und verließ den Raum. Bevor er sie hinter sich schloss, drehte er sich noch einmal kurz um.
»Morgen werden wir sehen, ob du die Lektion verstanden hast, Sergia«, sagte er barsch.
Dann fiel die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss und Luke war mit seinem Kummer wieder alleine.
Luke schlief in dieser Nacht sehr schlecht. Zu viele Dinge gingen ihm durch den Kopf, zu viel war in den letzten Stunden geschehen. Er dachte an seinen Vater, der nun alleine in ihrem kleinen Häuschen saß und sich sicherlich große Sorgen um ihn machte. Er dachte daran, dass er ihn vielleicht niemals wiedersehen würde und bei diesem Gedanken wurde ihm noch schwerer ums Herz.
Und nicht zuletzt dachte er daran, wie wohl sein weiteres Schicksal aussehen würde. Ihm graute bereits vor dem nächsten Tag, an dem die nächsten Demütigungen und Schläge auf ihn warteten. War das nun sein Leben? Erniedrigung und Gewalt?
Trotz der vielen Sorgen, der Zukunftsangst und des Kummers musste Luke wohl doch eingeschlafen sein, denn als er erwachte, war es in seiner Zelle bereits taghell. Luke erhob sich und stellte erleichtert fest, dass ein Großteil seiner Schmerzen abgeklungen waren. Nur die Wunden auf seinem Rücken spannten unangenehm.
Gerne hätte er sich die Zähne geputzt, denn er hatte ein unangenehmes, pelziges Gefühl im Mund. Aber es gab in seiner Zelle nicht einmal ein Waschbecken, geschweige denn irgendwelche Hygiene-Artikel.
Er setzte sich auf den Rand seiner Pritsche und wartete.
Wartete, dass irgendetwas passierte. Mehr konnte er nicht tun.
Dabei versuchte er an nichts zu denken, doch die Angst, die ihn schon die ganze Nacht begleitet hatte, ließ sich nicht so einfach abschütteln.
Luke hatte noch nicht lange so dagesessen, als seine Zellentür sich öffnete und ein Wachmann ihm ein Tablett entgegen hielt. Luke erhob sich und nahm das Tablett in Empfang.
»Na?«, sagte der Wachmann fordernd.
»Danke, Sir«, sagte Luke mit trockener Stimme.
Erst jetzt, als er sprach, merkte er, wie ausgetrocknet sein Hals war. Seit gestern Mittag hatte er nichts mehr getrunken und seine Kehle brannte vor Durst. Luke betrachtete den Inhalt des Tabletts und rümpfte angewidert die Nase. Neben dem Becher mit Wasser stand eine Schale mit einer undefinierbaren, schleimigen Masse.
»Wenn du schlau bist, isst du das auf«, brummte der Wachmann, dem Lukes Reaktion nicht entgangen war. »Du wärst nicht der Erste, dem wir das Zeug in den Rachen stopfen.«
Bei diesen Worten grinste er, als könne er dies gar nicht erwarten. Erneut stieg Panik in Luke auf, denn er zweifelte nicht daran, dass der Mann es ernst meinte.
»Ja, Sir«, antwortete er schnell, um dem Wachmann keinen Grund zu geben, sein Versprechen wahr zu machen.
Dann ging er zurück zu seiner Pritsche und stellte das Tablett ab. Der Wachmann schlug die Tür hinter sich zu und Luke war wieder alleine.
Gierig leerte er den Becher, dann musterte er die Schale mit ihrem undefinierbaren Inhalt. Sein Magen knurrte, trotzdem kostete es ihn einiges an Überwindung, den Zeigefinger in die Schüssel zu stecken, um etwas von der Masse zu probieren.
Der Brei fühlte sich tatsächlich noch schleimiger an, als er aussah. Luke unterdrückte ein Würgen. Langsam führte er seinen Finger zum Mund und probierte etwas davon. Angeekelt verzog er das Gesicht und spuckte den Brei sofort wieder aus. Wie konnte man so etwas nur Essen nennen.
Kurzerhand ging er mit der Schale zur Toilette und ließ den Inhalt mit einem ekelerregenden ‚gulp‘ ins Wasser gleiten.
Dann setzte er sich wieder auf seine Pritsche und wartete.
Dabei versuchte er, seinen knurrenden Magen zu ignorieren.
Es musste wohl später Vormittag sein, Luke wusste es nicht genau, da er keine Uhr hatte, als die beiden Wachleute von gestern seine Zelle öffneten.
»Mitkommen«, blaffte einer der Beiden ihn an.
Gehorsam erhob Luke sich und ging mit den beiden Männern nach draußen auf den kahlen Hof. Dort wartete bereits Jones, der ihn mit versteinerter Miene fixierte. Neben ihm stand sein Onkel. Luke verspürte einen schmerzhaften Stich, als er das Gesicht seines Onkels sah. Seine Augen betrachteten Luke, als wäre er ein Fremder, und Lukes letzte Hoffnung starb, dass Onkel Charly seine Meinung vielleicht geändert hatte.
Auf dem Weg zu ihnen atmete Luke tief durch. Er würde gehorsam sein. Seinen Willen hatten sie deswegen noch lange nicht gebrochen, aber ihm war klar, dass seine neuen Herren mit ihren Peitschen, Knüppeln und Elektroschocks Argumente hatten, denen man sich fügen musste. Vielleicht würde er diesen Tag dann ohne weitere Schmerzen überstehen.
Ein paar Meter bevor sie die beiden Wartenden erreicht hatten, zog einer der Wachen seinen Schlagstock aus dem Gürtel und hielt ihn ausgestreckt vor Lukes Brust, als Zeichen, stehen zu bleiben. Luke gehorchte.
Einen Moment stand er reglos da. Er wusste, was jetzt von ihm erwartet wurde. Es kostete ihn unglaubliche Überwindung, doch dann senkte er den Kopf und sank vor den beiden Männern auf die Knie. Seine Hände waren schweißnass. Er spürte den bohrenden Blick der beiden Männer und musste sich zwingen, nicht nach oben zu blicken.
Charles hob überrascht eine Augenbraue. Diese schnelle Unterwerfung hatte er nicht erwartet.
»Mr. Jones.«
»Ja, Sir?«
»Haben Sie ihm gestern Abend ohne mein Wissen noch eine zweite Lektion erteilt?«, fragte er.
»Eine Lektion, Sir? Nein, ganz sicher nicht. Sie hatten schließlich ausdrücklich angeordnet, dass Sie dabei sein wollten.«
»So ist es.«
»Luke 74«, sagte Charles nun an seinen Neffen gewandt.
Luke zuckte bei dieser Anrede zusammen, blieb aber in seiner knienden Position, den Kopf weiterhin demütig gesenkt, so wie man es ihm beigebracht hatte.
»Wie ich sehe, hast du dich dazu entschlossen gehorsam zu sein.«
»Ja, Master«, antwortete Luke.
Seine Stimme zitterte.
»Gute Arbeit, Mr. Jones«, sagte Charles nun wieder an seinen Supervisor gewandt. Luke beachtete er nicht mehr. »Sie haben ein außerordentliches Geschick mit den Sergia umzugehen«, fuhr Charles fort.
»Danke, Sir.«
»Aus diesem Grund würde ich mich freuen, wenn ich Ihre Dienste zukünftig auf meinem Anwesen in Anspruch nehmen könnte. Diese grobschlächtige Arbeit im Integrations-Center kann wahrlich auch ein weniger qualifizierter Supervisor übernehmen.«
»Ich fühle mich geehrt, Sir«, antwortete Jones überrascht.
»Bitte sorgen Sie dafür, dass Luke 74 auf die Double Oaks Ranch überstellt wird. Dort soll seine Arbeitkraft zukünftig eingesetzt werden.«
»Ja, Sir, ich werde mich persönlich darum kümmern.«
Charles nickte, dann drehte er sich um und verließ den Hof.
Als das Tor sich wieder hinter ihm geschlossen hatte, wandte Jones sich an seine Wachen.
»Danke meine Herren, ich brauche Sie nicht mehr. Ich bringe diesen Sergia selbst zum Transporter.«
Die beiden Männer nickten und verschwanden im Gebäude.
»Steh auf«, sagte Jones, als sie endlich alleine auf dem Hof waren.
Luke erhob sich augenblicklich.
»Wie ich sehe, hast du dir meine Worte zu Herzen genommen.«
»Ja, Sir«, antwortete Luke.
Seine Stimme war ihm völlig fremd. Sie klang hohl, genauso hohl, wie er sich selbst fühlte.
Beide schwiegen einen Moment, dann nahm Luke sich ein Herz. Was hatte er schon zu verlieren.
»Sir?«, fragte er vorsichtig.
Jones blickte Luke erwartungsvoll an.
»Sir, weiß mein … er nicht, dass Sie gestern Abend noch mal bei mir waren?«
»Doch, er weiß es«, antwortete Jones.
»Aber wenn er es nicht wollte?«
»Wenn es nicht in seinem Sinne gewesen wäre, hätte er mich bereits strafversetzt oder entlassen«, sagte Jones etwas barscher, als er eigentlich wollte.
Luke zuckte bei der schroffen Antwort des Supervisors zusammen. War er vielleicht zu weit gegangen? Würde Jones ihn für seine vorlaute Frage jetzt zurechtweisen? Ihn gar schlagen?
Doch nichts dergleichen geschah. Wortlos bedeutete Jones ihm, sich in Bewegung zu setzen und Luke gehorchte, erleichtert, dass Jones ganz offensichtlich von einer Strafe absah.
Schweigend gingen sie nebeneinander her.
»Sir, darf ich noch eine Frage stellen?«, nahm Luke nach einigen Minuten erneut all seinen Mut zusammen.
»Hast du das nicht bereits getan?«, konterte Jones brüsk, aber der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen.
»Was ist Double Oaks?”
»Double Oaks ist eine kleine Ranch, etwa 200 Kilometer von hier. Dort wird hauptsächlich Mais und Weizen angebaut. Der Supervisor Edward Barnes ist in Ordnung. Solange du dich an seine Regeln hältst, wird es dir nicht schlecht ergehen. Jetzt komm mit, der Transporter wartet.«
Luke saß im hinteren Teil eines alten VW-Busses, und beobachtete durch die Seitenscheibe die eintönige Landschaft, die an ihm vorbei flog. Es handelte sich hauptsächlich um weitläufige Felder, die nur selten von kleineren Ansiedlungen unterbrochen wurden.
Ohio wurde nicht umsonst die Kornkammer der Vereinigten Staaten genannt, und nun verstand Luke auch warum. Nach dem großen Börsenkrach vor etwa 80 Jahren, hatten sich hier die ersten, großen Landwirtschaftsbetriebe niedergelassen und so wurde das Landschaftsbild heute hauptsächlich von Mais- und Getreidefeldern geprägt.
Lukes Hände und Füße waren mit Handschellen gefesselt und wie zur Warnung, nicht auf dumme Gedanken zu kommen, kribbelte sein Halsband unangenehm.
Seit ihrer Abfahrt vom Integrations-Center verspürte er ein flaues Gefühl im Magen, das sich mit jedem Kilometer, den sie ihrem Ziel näher kamen, noch verstärkte.
Obwohl Supervisor Jones ihm versichert hatte, dass der Leiter der Double-Oaks Ranch ein fairer Mann war, fühlte Luke sich elend. Was konnte für einen Mann wie Jones schon ‚fair‘ bedeuten, der so selbstverständlich von seiner Peitsche Gebrauch machte?
Oder durfte Luke tatsächlich darauf hoffen, in die Obhut eines gnädigen Herrn übergeben zu werden?
Als sie nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt durch einen schäbigen Torbogen fuhren, steigerte sich Lukes Nervosität ins Unermessliche.
Sie ließen den hohen Elektrozaun, der das gesamte Farmgelände umgab, hinter sich, und folgten einer holprigen Schotterstraße. Nach ein paar Minuten konnte Luke am Horizont einige Gebäude erkennen. Das musste wohl die Farm sein.
Als die Gebäude näher kamen, rümpfte Luke angewidert die Nase. Alles wirkte sehr heruntergekommen, fast baufällig.
Der Putz bröckelte an einigen Stellen bereits von den Wänden, das Holz hatte einen neuen Anstrich bitter nötig und überall lag Unrat, der vor sich hin rostete.
Der Wagen hielt neben dem kleineren der beiden Gebäude.
Der Fahrer stieg aus, ging um das Fahrzeug herum und öffnete Lukes Tür. Dann befreite er ihn von seinen Fesseln und bedeutete ihm, auszusteigen. Luke gehorchte.
In diesem Moment kam auch schon ein Mann aus dem Gebäude. Er wirkte gedrungen, hatte einen ausgeprägten Bierbauch und schütteres, dunkelbraunes Haar. Luke nahm an, dass er etwa so alt war, wie sein Vater.
»Guten Tag, Mr. Barnes«, begrüßte der Fahrer den näherkommenden Mann.
»Mr. Pockets, schön Sie mal wieder auf Double Oaks zu sehen«, begrüßte Barnes den Fahrer herzlich.
Doch die Freude über das Wiedersehen schien recht einseitig zu sein. Der Fahrer nickte nur kurz.
»Wie ich sehe, hat man endlich mein Gesuch um neue Arbeitskräfte erhört«, fuhr Barnes fort. »Aber haben Sie nur den Einen für mich?«
Sein Blick wanderte suchend zu dem nun leeren VW Bus.
»Mehr können wir zur Zeit in Medikon-City nicht entbehren«, brummte Pockets.
Barnes verzog das Gesicht.
»Wie soll ich mit so wenigen Leuten meine Quote erfüllen?
Wie stellt Dumare sich das vor?«, fragte er sein Gegenüber.
»Das dürfen Sie mich nicht fragen, Mr. Barnes, ich befolge lediglich meine Anweisungen«, antwortete Pockets.
»Jaja, schon gut«, seufzte Barnes. »Und was haben Sie mir hier mitgebracht?«
Er musterte Luke neugierig.
»Einen Chuvai. Wir haben ihn erst gestern rein bekommen«, antwortete Pockets.
Barnes seufzte enttäuscht.
»Gestern? Und ich dachte, Medikon-City schickt mir endlich mal wieder vernünftige Arbeitskräfte. Wir sind mitten in der Weizenernte und mir fehlen die Leute an allen Ecken und Enden.«
»Dann sollten Ihre Aufseher die Sergia dazu anspornen, härter zu arbeiten«, konterte Pockets.
Barnes verzog erneut das Gesicht.
»Meine Sergia arbeiten hart genug, das können Sie mir glauben.«
Dann zuckte er die Achseln.
»Nun gut, es ist, wie es ist. Haben Sie den Chip mit den Überführungsdaten dabei?«
»Selbstverständlich«, antwortete Pockets.
Ihm war anzumerken, dass Barnes ihm durch und durch unsympathisch war.
»Dann lassen Sie uns in mein Büro gehen, um die Formalitäten zu erledigen«, sagte Barnes, der die Abneigung des Fahrers nicht zu bemerken schien oder sie schlichtweg ignorierte.
»Wollen Sie den Sergia nicht zuerst sichern?«, fragte Pockets und warf einen kurzen Blick auf Luke.
»Ach ja, natürlich, der Sergia«, antwortete Barnes.
Er blickte sich suchend um, bis er gefunden hatte, nach was er Ausschau hielt.
»Ben!«, rief er laut.
Nur einen Augenblick später kam ein älterer Mann angerannt.
Er hatte schulterlanges, weißes Haar, das ihm wirr vom Kopf abstand, und einen dichten, ebenso weißen Bart. Seine Haut war von der Sonne gegerbt und Luke schien es unmöglich zu sagen, wie alt er tatsächlich war.
»Sie haben gerufen, Sir«, sagte er, als er die drei Männer erreicht hatte.
»Ja, Ben. Das hier ist«, er blickte Luke fragend an.
»Luke 74«, antwortete Pockets, bevor Luke auch nur den Mund öffnen konnte, um etwas zu sagen.
»Das hier ist Luke«, fuhr Barnes fort. »Er wird uns ab sofort unterstützen. Bitte zeig ihm die Unterkünfte, geh mit ihm in die Kleiderkammer und dann erkläre ihm die Arbeit.«
»Natürlich, Sir«, antwortete Ben und nickte eifrig.
Pockets starrte Barnes an.
»Halten Sie das für eine gute Idee?«, fragte er.
»Was meinen Sie?«, fragte Barnes und blickte sein Gegenüber irritiert an.
»Ich sagte Ihnen doch, dass der Junge ein Frischling ist. Ich an Ihrer Stelle würde ihn für die nächsten Wochen in Ketten legen um sicher zu gehen, dass er nicht auf dumme Gedanken kommt.«
Luke starrte Pockets mit aufgerissenen Augen an.
Doch Barnes zuckte nur mit den Schultern. Er musterte Luke noch einmal eingehend, dann sagte er: »Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird. Der Junge sieht mir sehr verständig aus.«
Dann wandte er sich zum ersten Mal an Luke.
»Glaubst du es ist notwendig, dass wir dir Ketten anlegen?«, fragte er ihn.
Luke starrte den Supervisor überrascht an.
»Nein, Sir«, stammelte er.
Barnes lachte.
»Sehen Sie«, sagte er an Pockets gewandt, »nicht nötig.«
Pockets verzog das Gesicht.
»Können wir uns nun um die Formalitäten kümmern? Ich will heute noch zurück nach Medikon-City.«
Barnes nickte.
»Natürlich. Folgen Sie mir.«
Gemeinsam gingen sie zu dem zweistöckigen Verwaltungsgebäude, aus dem Barnes zuvor gekommen war, und ließen die Sergia alleine.
Luke blickte den beiden Männern nach, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatten.
»Komm«, sagte Ben.
Luke fuhr vor Schreck zusammen. Er hatte Ben völlig vergessen. Ben lächelte.
»Du bist also ein Chuvai?«, fragte Ben neugierig.
Luke nickte stumm.
»Na, gesprächig bist du ja nicht gerade«, sagte Ben grinsend.
»Ich … ich weiß nicht«, antwortete Luke unsicher.
Ben lachte.
»Na, komm erst mal mit. Du wirst dich hier im Handumdrehen einleben. Barnes und die Aufseher sind in Ordnung.
Wenn du dich an ihre Regeln hältst, hast du nichts zu befürchten.«
Luke nickte, und langsam fiel ein Teil seiner Anspannung von ihm ab. Auf Double Oaks schien es offensichtlich deutlich entspannter zuzugehen, als im Integrations-Center.
Ben führte ihn zu dem zweiten, größeren Gebäude.
»Das hier sind die Sergia-Unterkünfte«, erklärte er.
Es handelte sich um einen schmucklosen Betonbau mit vergitterten Fenstern und einer schweren Eisentür. Luke blieb stehen und starrte auf die massiven Gitter.
Ben schien seine Gedanken zu erraten.



