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Im Ganzen war unser vertrautes Verhältniß eher gegenseitiges Vorziehen unseres Umgangs, als eine tiefe feste Freundschaft, wie sie sich seitdem zwischen mir und Ihnen, Halford, erhoben hat, den ich trotz seiner gelegentlichen Rauhheit mit nichts besser vergleichen kann, als mit einem alten Rocke von untadelhaftem Gewebe, aber bequemer Facon, der sich der Gestalt des ihn Tragenden angeschlossen hat, und den er gebrauchen kann, wie er will, ohne sich von der Furcht, ihn zu verderben, quälen zu lassen — während Mr. Lawrence einem neuen Kleide glich, dessen Aussehen wohl recht nett und fein, das aber in den Ellbogen so eng ist, daß man fürchten muß, durch die freie Bewegung der Arme die Nähte aufzusprengen und eine so platte feine Oberfläche besitzt, daß man Anstand nimmt, es auch nur einem einzigen Regentropfen auszusetzen.
Bald nach der Ankunft der Gäste erwähnte meine Mutter der Mrs. Grahams, bedauerte, daß sie nicht da sei, erklärte den Milwards und Wilsons, welche Gründe für die Vernachlässigung, ihre Besuche zu erwiedern, gegeben, und hoffte, daß diese sie entschuldigen würden, da sie sicherlich keine Unhöflichkeit beabsichtigt habe und jederzeit erfreut sein würde, sie bei sich zu sehen.
»Aber sie ist eine höchst sonderbare Dame,« Mr. Lawrence, fügte sie hinzu. — »Wir wissen nicht, was wir aus ihr machen sollen — aber Sie, werden uns wohl etwas von ihr sagen können, denn Sie sind ja ihr Gutsherr, wissen Sie, — und sie sagte, daß sie Sie ein wenig kenne.«
Alle Augen richteten sich auf Lawrence, es war mir, als sähe er unnöthig verwirrt aus, als man sich so auf ihn berief.
»Ich, Mrs. Markham,« sagte er, »Sie irren sich — ich weiß nicht — das heißt — ich halbe sie allerdings gesehen, bin aber die letzte Person, an die Sie sich wenden dürfen, um Auskunft über Mrs. Graham zu erlangen.«
Hierauf wendete er sich augenblicklich zu Rosa und bat sie, die Gesellschaft mit einem Liede oder einem Clavierstücke zu erfreuen.
»Nein,« sagte sie, »da müssen Sie Miß Wilson fragen, die uns im Gesang und in der Musik Alle verdunkelt.«
Miß Wilson erhob dagegen Einwendungen
»Sie wird zum Singen bereit genug sein,« warf Fergus ein, »wenn Sie ihr versprechen, bei ihr zu stehen, Mr. Lawrence, und ihr die Noten umzuwenden.«
»Ich werde dies mit dem grüßten Vergnügen thun,« Miß Wilson; wollen Sie mir erlauben, Sie an’s Clavier zu begleiten.«
Sie streckte ihren langen Hals in die Höhe, und lächelte, und ließ sich von ihm an das Instrument führen, wo sie auf das Beste ein Stück nach dem andern hören ließ, während er geduldig dabeistand, die eine Hand auf die Lehne ihres Stuhles legte und mit der andern die Notenblätter umwendete. Er war vielleicht von ihrem Spiele eben so sehr entzückt, als sie; es war in seiner Art recht schön, ich, kann aber nicht sagen, daß es mich sehr tief gerührt hätte, es war Geschicklichkeit und Brillanz genug darin, aber ausnehmend wenig Gefühl.
Wir waren mit Mrs. Graham aber noch nicht fertig.
»Ich trinke keinen Wein, Mrs. Markham,« sagte Milward, als die Gläser kamen; »ich will lieber etwas von ihrem Hausbiere trinken. Ich ziehe Ihr Hausbier allem andern vor.«
Von diesem Complimente geschmeichelt, zog meine Mutter die Klingel und bald darauf erschien ein Porzellankrug von unserm besten Ale und wurde vor den hochmütigen Herrn gesetzt, der dessen gute Eigenschaften so zu schätzen verstand.
»Nun, das ist das Rechte!« rief er, indem er sich in einem langen Strome, der geschickt aus dem Kruge in das Glas gegossen wurde, so daß er eine Menge von Schaum hervorbrachte, ohne einen Tropfen zu verschütten, einfüllte, und nachdem er es einen Augenblick gegen das — Licht betrachtet, that er einen tiefen Zug, schwatzte dann mit den Lippen, athmete tief auf und füllte sein Glas abermals, wobei ihm meine Mutter mit der größten Zufriedenheit zuschaute.
»Es giebt nichts Besseres als dies, Mrs. Markham,« sagte er, »ich bleibe dabei, daß sich mit Ihrem Haus-Ale nichts vergleichen läßt.«
»Ich bin wirklich froh, daß es Ihnen behagt, Sir, ich beaufsichtige das Brauen eben so gut wie das Käse und Butter-machen immer selbst — ich habe es gern, wenn Alles gut gemacht wird.«
»Ganz richtig« Mrs. Markham.«
»Aber, Mr. Milward, Sie halten es doch nicht für unrecht, von Zeit zu Zeit etwas Wein oder etwas Branntwein zu genießen?« fragte meine Mutter, als sie einen dampfenden Becher mit Gin und Wasser gegen Mrs. Wilson hinreichte, die behauptete, daß ihr der Wein schwer im Magen liege, und deren Sohn Robert sich in diesem Augenblicke ein ziemlich starkes Glas von demselben Getränke bereitete.
»Keineswegs,« antwortete das Orakel mit jupitergleichem Kopfnicken. »Diese Dinge sind Segensgaben Gottes, wenn wir nur den rechten Gebrauch davon machen.«
»Aber Mrs. Graham denkt nicht so. — Hören Sie, was sie neulich zu uns sagte — ich habe es ihr aber gesagt, das kann ich Ihnen sagen.«
Hierauf beglückte meine Mutter die Gesellschaft mit einer ausführlichen Darstellung der irrigen Ideen und Benehmungsweise dieser Dame in Bezug auf den vorliegenden Gegenstand und schloß mit:
»Nun, denken Sie nicht, daß es unrecht ist?«
»Unrecht!« wiederholte der Vikar mit mehr als gewöhnlicher Salbung; »sündhaft würde ich es nennen — sündhaft! — sie macht nicht nur aus dem Jungen einen Narren, sondern verachtet auch die Gaben der Vorsehung und lehrt ihm, sie mit Füßen zu treten.«
Hierauf ging er tiefer in den Gegenstand ein und — erklärte die Thorheit und Gottlosigkeit solchen Gebahrens auf das ausführlichste.
Meine Mutter hörte ihm mit der grüßten Ehrerbietung zu und selbst Mrs. Wilson gewann es über sich, ihre Zunge einen Augenblick ruhen zu lassen und schweigend zuzuhören, während sie gemächlich ihren Gin-Grog schlürfte.
Mr. Lawrence saß, mit dem Ellbogen auf den Tisch gestützt da, spielte nachlässig mit seinem halb geleerten Weinglase und lächelte verstohlen vor sich hin
»Denken Sie aber nicht, Mr. Milward,« meinte er, als Jener endlich seine Predigt geendet hatte, daß, wenn ein Kind von Natur zur Unmäßigkeit geneigt ist — zum Beispiel von seinen Eltern oder Voreltern her — einige Vorsichtsmaßregeln räthlich sind.« — (Man glaubte allgemein, daß Mr. Lawrence’s Vater sein Leben durch Unmäßigkeit verkürzt habe.)
»Einige Vorsichtsmaßregeln wohl, aber Mäßigkeit ist Eines und Enthaltsamkeit ein Anderes.«
»Aber ich habe gehört, daß für manche Personen Mäßigkeit fast unmöglich ist, und wenn Enthaltsamkeit ein Uebel ist — was Manche bezweifeln — so wird Niemand leugnen, daß Uebermaß ein noch größeres ist. — Manche Eltern verbieten ihren Kindern gänzlich, berauschende Getränke zu berühren, aber die elterliche Gewalt kann nicht ewig dauern. Die Kinder sind von Natur geneigt, sich nach dem Verbotenen zu sehnen, und ein Kind würde in einem solchen Falle höchst wahrscheinlich sehr neu gierig sein, dasjenige, was von Andern so gelobt und genossen wird, aber ihm so streng verboten ist, zu kosten und dessen Wirkungen zu versuchen, eine Neugier, die gewöhnlich bei der ersten Gelegenheit befriedigt würde und wenn der Zwang einmal durchbrochen wäre, so könnten daraus ernstliche Folgen entstehen. Ich gebe mich für keinen Kenner in dergleichen Dingen aus, es scheint mir aber, als ob das von Ihnen, Mrs. Markham, beschriebene System der Mrs. Graham, so ungewöhnlich es auch ist, seiner Vortheile nicht ermangelt, denn hier sehen Sie, daß dem Kinde die Versuchung gänzlich benommen ist — es hat keine Neugier, keinen verstohlenen Wunsch, ist mit den verlockenden Flüssigkeiten so bekannt, wie es nur je wünschen kann, und dieselben ekeln es an, ohne daß es von ihren Wirkungen zu leiden gehabt hat.«
»Und ist das recht, Sir? — Habe ich Ihnen nicht bewiesen, wie unrecht — wie sehr im Widerspruche mit der heiligen Schrift und der Vernunft es ist, wenn man einem Kinde lehrt, die Segensgaben der Vorsehung mit Verachtung und Ekel anzublicken, statt sie richtig zu benutzen.«
»Sie mögen das Opium auch für eine Segensgabe der Vorsehung ansehen, Sir,« antwortete Mr. Lawrence lächelnd, »und doch werden Sie zugestehen müssen, daß die Meisten von uns am besten thun werden, sich selbst des mäßigen Genusses desselben zu enthalten; aber,«i fügte er hinzu, »ich wünsche nicht, daß Sie mein Gleichniß zu streng ausführen und leere zum Zeichen davon mein Glas.«
»Und genießen doch hoffentlich noch eines, Mr. Lawrence,« sagte meine Mutter, indem sie ihm die Flasche hinschob.
Er lehnte es höflich ab, rückte seinen Stuhl etwas von dem Tische fort, neigte sich zu mir zurück — ich saß im Hintergrunde auf dem Sopha neben Elise Milward und fragte mich nachlässig, ob ich Mrs. Graham kenne.
»Ich habe sie ein paar Mal gesehen und gesprochen,« entgegnete ich.
»Was denken Sie von ihr?«
»Ich kann nicht sagen, daß sie mir sehr gefällt, sie ist von schönem — oder ich sollte vielmehr sagen, vornehmen und interessantem Aeußern, aber keineswegs liebenswürdig; sie kommt mir vor wie eine Frau, die gern starke Vorurtheile annimmt und durch Dick und Dünn mit ihnen geht, wobei sie Alles in Uebereinstimmung mit ihren vorgefaßten Meinungen zu drehen und zu wenden sucht — zu hart, zu schroff, zu bitter für meinen Geschmack.«
Er antwortete nicht, sondern blickte nieder und biß sich die Lippen und kurz nachher stand er auf und schlenderte zu Miß Wilson hin, wie es mir vorkam, gleich stark von mir zurückgestoßen, wie von ihr angezogen. Ich bemerkte es zu jener Zeit kaum, später aber erinnerte ich mich an diese und andere Kleinigkeiten ähnlicher Art, als — doch ich darf meiner Erzählung nicht vorgreifen.
Wir beendigten den Abend mit einem Tänzchen, dem beizuwohnen unser guter Pfarrer für keine Sünde hielt, obgleich einer von den Dorfmusikanten gemiethet worden war, um unsere Evolutionen mit seiner Violine zu leiten.
Mary Milward weigerte sich indeß hartnäckig, daran Theil zu nehmen und das Gleiche that Richard Wilson, obgleich meine Mutter ernstlich in ihn drang und sich ihm sogar zur Tänzerin anbot.
Es ging jedoch auch ohne sie recht gut. Mit einem einzigen Quarré zum Contretanze und einigen Anglaisen trieben wir es bis ziemlich spät und endlich rief ich unsern Musikus auf, einen Walzer aufzuspielen und wollte, von Lawrence mit Jene Wilson und Fergus mit Rosa gefolgt eben anfangen, Elisen in diesem schönen Tanze umherzuwirbeln, als sich Mr. Milward in’s Mittel legte und sprach:
»Nein, nein, das erlaube ich nicht! — Komm, es ist jetzt Zeit zum Gehen.«
»Ach nein, Papa,« bat Elise
»Hohe Zeit, meine Tochter — hohe Zeit! — Seid mäßig in allen Dingen! das ist mein System.«
Zur Rache aber folgte ich Elisen in den schwach erleuchteten Hausgang, wo ich unter dem Vorwande, ihr den Shawl umzulegen, mich leider schuldig bekennen muß, ihr hinter dem Rücken ihres Vaters einen Kuß geraubt zu haben, während Jener Hals und Kinn in einen ungeheuren, wollenden Shawl wickelte. Aber ach, als ich mich umwendete, stand meine Mutter dicht neben mir, und die Folge davon war, daß ich, sobald die Gäste Abschied genommen hatten, eine äußerst ernsthafte Strafpredigt anhören mußte, die den Galopp meiner guten Laune auf unangenehme Weise zügelte und einen häßlichen Schluß des Abendvergnügens abgab.
»Mein lieber Gilbert,« sagte sie, »ich wollte, Du thätest das nicht! — Du weißt, wie sehr mir Dein Wohl am Herzen liegt, wie ich Dich über Alles in der Welt liebe und schätze und wie sehr ich mich sehne, Dich im Leben gut untergebracht zu sehen, — und wie bitterlich es mich bekümmern würde, wenn ich Dich mit diesem Mädchen oder irgend einem andern in der Nachbarschaft verheirathet erblicken sollte. Ich weiß nicht, was Du an ihr siehst, ich denke nicht nur an ihre Vermögenslosigkeit — ganz und gar nicht — aber sie besitzt weder Schönheit noch Talente, noch Güte, noch irgend etwas Anderes, was man sich sonst wünschen könnte. Wenn Du Deinen Werth so gut kenntest, als ich, so würdest Du nicht im Traume an sie denken. Warte doch noch eine Weile und sieh zu — wenn Du Dich an sie, bindest, so wirst Du es lebenslänglich bereuen, sobald Du Dich nachher umschaust und siehst, wie viele Bessere es gibt, als sie. — Nimm mein Wort darauf, daß es so kommen wird.«
»O Mutter, sei doch ruhig! — ich hasse die Vorlesungen! — ich denke noch nicht an’s Heirathen, das sage ich Dir, aber Du lieber Gott, soll ich denn mein Leben gar nicht genießen?«
»Ja, lieber Junge, aber nicht aus diese Art. Du solltest wirklich dergleichen Dinge nicht thun, Du würdest dem Mädchen Unrecht zufügen, wenn sie das wäre, was sie sein sollte; aber ich versichere Dir, daß sie eine schlaue kleine Kröte ist, wie man sie nur zu sehen wünschen kann, und Du wirst Dich in ihren Netzen fangen, ehe Du weißt wo Du bist, und wenn Du sie heirathest, Gilbert, so wirst Du mir das Herz brechen. — Weiter sage ich Dir nichts.«
»Nun. weine nicht darum, Mutter,« sagte ich, denn die Thränen standen ihr in den Augen. »Da, laß diesen Kuß denjenigen, den ich Elisen gegeben, verwischen, schilt nicht mehr auf sie und beruhige Dich, denn ich verspreche Dir, nie — das heißt, ich will Dir versprechen, mich — mich zweimal zu bedenken — ehe ich einen wichtigen Schritt thue, den Du ernstlich mißbilligst.«
Hiermit zündete ich mein Licht an und ging mit bedeutend gedämpfter guter Laune zu Bett.
Fünftes Kapitel.
Das Atelier.
Es war gegen das Ende des Monats, als ich endlich dem eifrigen Drängen Rosa’s nachgab und sie zu einem Besuche nach Wildfell Hall begleitete
Zu unserm Erstaunen wurden wir in ein, Zimmer gewiesen, wo der erste Gegenstand, welcher mein Auge traf, eine Malerstaffelei mit einem Tische daneben war, worauf Leinwandrollen, Oel und Firnißflaschen, eine Palette, Pinsel, Farben u. s. w. umherlagen. An der Wand lehnten mehrere Skizzen auf verschiedenen Stufen der Ausführung und einige ausgeführte Gemälde, meist Landschaften und Figuren.
»Ich muß Sie in meinem Atelier willkommen heißen,« begann Mrs. Graham, »es ist heute im Wohnzimmer kein Feuer und das Wetter etwas zu kalt, um Sie in ein Zimmer mit kaltem Kamin zu weisen.«
Hierauf räumte sie die Malergeräthschaften von ein paar Stühlen, nöthigte uns zum Sitzen und nahm ihren Platz wieder vor der Staffelei ein, nicht gerade derselben gegenüber, sondern so, daß sie während des Gespräches von Zeit zu Zeit auf das Gemälde blickte und mitunter einen Pinselstrich daran that, als ob ihr es unmöglich wäre, ihre Aufmerksamkeit der Beschäftigung, wobei wir sie fanden, gänzlich zu entziehen und sie auf ihre Gäste zu heften. Es war eine Ansicht von Wildfell Hall, wie man es am frühen Morgen von dem Felde darunter aus dunkel gegen einen Himmel von hellem, silbernen Blau aufsteigen sah, mit einigen, wenigen rothen Streifen am Horizonte, mit vieler Treue gezeichnet und gefärbt und äußerst elegant und künstlerisch behandelt.
»Ich sehe, daß Ihr Herz bei Ihrer Arbeit ist, Mrs. Graham,« bemerkte ich; »ich muß Sie bitten, darin fort zufahren, denn wenn Sie sich von unserer Gegenwart unterbrechen lassen, so werden wir uns als unwillkommene Eindringlinge betrachten müssen.«
»O nein,« antwortete sie indem sie wie in die Höflichkeit geschreckt, ihren Pinsel auf den Tisch warf. »Ich werde von Besuchern nicht so überlaufen, daß ich den Wenigen, die mich mit ihrer Gesellschaft beehren, nicht ein paar Minuten widmen könnte.«
»Ihr Gemälde ist beinahe fertig,« sagte ich näher tretend, um es deutlicher zu betrachten und es mit mehr Bewunderung und Entzücken anblickte, als ich laut werden lassen wollte. »Ich sollte meinen, daß es mit einigen weiteren Strichen im Vordergrunde beendigt werden wird. — Warum haben Sie es aber Fernley Maner, Cumberland, statt Wildfell Hall, — schon genannt?« fragte ich, mich auf den Namen beziehend, den sie in kleinen Buchstaben unten auf die Leinwand geschrieben hatte.
Ich bemerkte jedoch augenblicklich daß ich mir eine Impertinenz zu schulden kommen gelassen hatte, denn sie erröthete und zauderte; nach einer momentanen Pause antwortete sie aber mit einer Art von verzweifelter Freimüthigkeit:
»Weil ich Freunde — wenigstens Bekannte — in der Welt habe, vor denen ich meinen gegenwärtigen Aufenthalt verheimlichen möchte, und da sie vielleicht das Gemälde sehen und die Manier, trotz der falschen Anfangsbuchstaben, die ich in die Ecke gesetzt habe, wieder erkennen könnten, so gebrauche ich die Vorsicht, dem Gegenstande ebenfalls einen falschen Namen zu geben, um sie auf die unrechte Spur zu bringen, wenn sie versuchen sollten, mich in Folge derselben aufzusuchen.«
»Sie haben also nicht im Sinne, das Gemälde zu behalten?« fragte ich, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen
»Nein, ich bin nicht reich genug, um blos zu meinem Vergnügen zu malen.«
»Die Mama schickt alle ihre Bilder nach London,« sagte Arthur, »und dort verkauft sie Jemand für sie und schickt uns das Geld.«
Als ich die übrigen Gemälde ansah, bemerkte ich eine hübsche Skizze von Lindenhope, vom Gipfel des Hügels, eine zweite Ansicht der alten Halle im sonnigen Dufte eines stillen Sommer-Nachmittags, und ein einfaches, aber rührendes Bildchen von einem Kinde, das mit schweigen dem, aber tiefem, kummervollen Bedauern über eine Hand voll verwelkter Blumen gebeugt war, mit dunkeln, niedrigen Hügeln und herbstlichen Feldern dahinter und einem düstern, bewölkten Himmel darüber.
»Sie sehen, daß ich einen trübseligen Mangel an Gegenständen habe,« bemerkte die schöne Künstlerin. »Ich habe die alte Halle einmal in einer Mondnacht aufgenommen und werde sie wohl wieder einmal an einem Winterschneetage und dann wieder einmal an einem dunkeln, bewölkten Abend aufnehmen müssen, denn ich habe wirklich weiter nichts zu malen. — Man hat mir gesagt, daß sich in der Nachbarschaft eine schöne Seeaussicht befindet — ist dies wahr? — und ist sie nicht zu weit, um zu Fuße, dahin zu gehen?«
»Ja, wenn Sie sich nichts daraus machen — vier — Meilen —— oder beinahe so viel — fast acht Meilen hin und zurück — und auf einem etwas rauhen, anstrengenden Wege zu gehen.«
»In welcher Richtung liegt sie?«
Ich beschrieb die Situation, so gut ich konnte, und wollte eben eine Erklärung der verschiedenen Straßen Heckenwege und Felder, durch die man gehen mußte, um sie zu erreichen, der Wege geradezu, und Wendungen zur Rechten und zur Linken beginnen, als sie mir Einhalt that und sagte:
»O« halten Sie ein — sagen Sie es mir jetzt nicht, ich werde alle Ihre Anweisungen vergessen haben, ehe ich sie brauche. Vor dem nächsten Frühjahr kann ich doch nicht daran denken, hinzugehen und dann werde ich Sie vielleicht bemühen. Jetzt haben wir den Winter vor uns —« sie hielt plötzlich inne, sprang mit einem unterdrückten Ausrufe von ihrem Stuhle auf, und sagte:
»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, eilte aus dem Zimmer und schloß die Thüre hinter sich.
Ich war neugierig, was sie so aufgeschreckt haben konnte, und blickte nach dem Fenster, denn ihre Augen waren im Augenblicke vorher demselben nachlässig zugewendet gewesen, und sah den Rock eines Mannes hinter einem großen Stechpalmenbusche, welcher zwischen dem Fenster und dem Vorhause stand, verschwinden
»Es ist der Freund der Mama,« sagte Arthur.
Rosa und ich blickten einander an.
»Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihr denken soll,« flüsterte Rosa.
Das Kind sah sie in ernsthaftem Erstaunen an. Sie begann augenblicklich von gleichgültigen Dingen zu ihm zu sprechen, während ich mich mit Betrachten der Bilder unterhielt. In einem dunkeln Winkel befand sich eines, das ich früher nicht bemerkt hatte; es war ein kleines Kind, das mit von Blumen gefülltem Schooße auf dem Rasen saß. Die kleinen Züge und großen, blauen Augen, welche durch eine Fülle hellbrauner Locken, die, als es sich über seinen Sohns bog, über die Stirn herabgefallen waren, hervorlächelten, besaßen Aehnlichkeit genug mit denen des jungen Herrn vor mir, um es als ein Portrait Arthur Grahams in seiner frühen Kindheit zu erkennen.
Als ich dasselbe in die Höhe nahm, um es an das Licht zu bringen, entdeckte ich dahinter ein anderes, das der Wand zugekehrt war. Ich erlaubte mir, auch dieses aufzuheben; es war das Portrait eines Mannes in der Blüthe des jugendlichen Mannesalters — hübsch genug und nicht schlecht ausgeführt, aber wenn es von der gleichen Hand wie die übrigen herrührte, so war es offenbar vor mehreren Jahren gemalt, da es weit mehr Sorgfalt und Ausführlichkeit im Detail und weniger von der frischen Färbung und freien Behandlung besaß, wovon ich in diesem überrascht und entzückt worden war.
Dessenungeachtet betrachtete ich es mit bedeutendem Interesse.
Die Züge und der Ausdruck hatten eine gewisse Individualität, welche es zu einem ähnlichen Portrait stempelte. Die hellen, blauen Augen sahen den Beschauer mit einer Art von verstecktem Humor an — man erwartete fast, sie blinzeln zu sehen. Die etwas zu üppig-vollen Lippen schienen in ein Lächeln ausbrechen zu wollen, die warm-gefärbten Wangen waren von einem dichten, röthlichen Backenbart geziert, während das glänzend-kastanienbraune Haar in reichlichen, wellenförmigen Locken etwas zu weit in die Stirn ging und anzudeuten schien, daß der Besitzer desselben auf seine Schönheit stolzer, als auf seinen Verstand war, wozu er vielleicht auch Grund hatte, und doch sah er nicht wie ein Narr aus.
Ich hatte das Portrait noch keine zwei Minuten in der Hand, als die schöne Künstlerin zurückkehrte.
»Nur Jemand, der nach dem Gemälde kommt,« sagte sie, um ihre schnelle Entfernung zu entschuldigen. Ich sagte ihm, daß er warten solle.«
»Ich fürchte, daß Sie es für eine Impertinenz halten werden,« sagte ich, »daß ich es gewagt, ein Gemälde anzusehen, welches der Maler der Wand zugekehrt hat; darf ich eben fragen —«
»Es ist eine sehr große Impertinenz, Sir,I und ich bitte Sie daher, nichts weiter darüber zu fragen, denn Ihre Neugier wird nicht befriedigt werden,« antwortete sie, in dem sie sich bemühte, die Strenge ihres Tadels mit einem Lächeln zu verdecken — ich konnte aber an ihrer erhitzten Wange und ihrem funkelnden Auge sehen, daß sie sich ernstlich ärgerte.
»Ich wollte nur fragen, ob Sie es selbst gemalt hätten,« fragte ich, indem ich ihr das Gemälde verdrießlich überließ, denn sie nahm es mir ohne alle Umstände aus der Hand, stellte es schnell wieder mit der Vorderseite nach der Wand in den dunkeln Winkel, das ändere wie früher dagegen und wendete sich dann lachend zu mir.
Ich war aber in keiner scherzhaften Laune; ich wendete mich nachlässig nach dem Fenster und blickte in den Garten hinaus, indem ich sie ein paar Minuten lang mit Rosa sprechen ließ, sagte dann, daß es Zeit zum Gehen sei, schüttelte dem Kleinen die Hand, verbeugte mich kühl gegen die Dame und bewegte mich der Thüre zu.
Nachdem Mrs. Graham jedoch von Rosa Abschied genommen, hielt sie mir die Hand hin und sagte mit sanfter Stimme und keineswegs unangenehmem Lächeln:
»Lassen Sie die Sonne nicht über Ihrem Zorne untergehen, Mr. Markham; es thut mir leid, daß ich Sie durch meine Unfreundlichkeit beleidigt habe.«
Wenn sich eine Dame herabläßt, Entschuldigungen zu machen, so ist es natürlich unmöglich zornig zu bleiben. Wir trennten uns also zum ersten Male als gute Freunde und diesmal gab ich ihrer Hand einen herzlichen und nicht einen malitiösen Druck.
Sechstes Kapitel.
Fortschritte.
In den nächsten vier Monaten trat weder ich in Mrs. Grahams Haus noch sie in das unsere, dessenungeachtet aber fuhren die Damen fort über sie zu sprechen und dessenungeachtet machte unsere Bekanntschaft, wenn auch nur langsame, Fortschritte. Was ihr Gerede betraf, so bewies ich demselben nur geringe Aufmerksamkeit — wenn es sich auf die schöne Einsiedlerin bezog, meine ich — und die einzige Belehrung, welche ich dadurch erhielt, war die, daß sie sich an einem schönen, frostigen Tage hinausgewagt und ihren kleinen Knaben bis zum Pfarrhause mitgenommen hatte, wo unglücklicher Weise Niemand als Miß Milward zu Hause war. Trotzdem war sie lange dort geblieben und Beide hatten, allen Berichten nach, viel miteinander gesprochen und sich mit dem gegenseitigen Wunsche, wieder zusammenzutreffen, getrennt. — Mary hatte aber die Kinder gern und zärtliche Mamas lieben diejenigen, welche ihre Schätze gehörig würdigen.
Mitunter sah ich sie aber auch selbst — nicht nur wenn sie in die Kirche kam, sondern auch wenn sie mit ihrem Sohne im Freien war und entweder einen langen entschlossenen Spaziergang mit ihm machte, oder — an besonders schönen Tagen gemächlich über das Moor oder das öde Weideland um die alte Halle her hinstreifte und mit einem Buche in der Hand dahinging, während ihr Knabe um sie her sprang, und bei allen diesen Anlässen wußte ich es, wenn ich sie auf meinen einsamen Spaziergängen oder Ritten erblickte oder meinen ländlichen Geschäften folgte, meist so einzurichten, daß ich mit ihr zu sammentraf oder sie einholte, denn ich fand Behagen daran, Mrs. Graham zu sehen und mit ihr zu sprechen und entschiedene Freude am Plaudern mit ihrem kleinen Gefährten, an dem ich, nachdem einmal das Eis seiner Schüchternheit gebrochen war, einen recht liebenswürdigen, intelligenten und unterhaltenden kleinen Burschen fand, und wir wurden bald vortreffliche Freunde, inwiefern zur Zufriedenheit seiner Mama, kann ich mich nicht zu sagen erkühnen. Ich argwöhnte anfänglich, daß sie kaltes Wasser über diese zunehmende Vertraulichkeit zu schütten, — so zu sagen, die auflodernde Flamme unsrer Freundschaft zu verlöschen wünschte — als sie aber endlich, trotz ihrer Vorurtheile gegen mich, entdeckte, daß ich vollkommen harmlos war und selbst gute Absichten hatte, und daß ihr Sohn von der Bekanntschaft mit mir und meinem Hunde viele Freuden hatte, die er sonst nicht gekannt haben würde, so hörte sie endlich auf, Einwendungen dagegen zu machen, und bewillkommnete mich selbst, wenn ich erschien, mit einem Lächeln.



