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Was Arthur betraf, so schrie er mir seinen Gruß schon von ferne zu und lief mir wohl fünfzig Schritt von der Seite seiner Mutter her entgegen. Wenn ich zufällig zu Pferde war, so machte er immer einen Trab oder Galopp darauf mit, oder wenn sich eines von den Zugpferden in nicht zu großer Entfernung befand, so machte er einen langsamen Ritt darauf, der ihm fast eben so gut gefiel.
Aber seine Mutter folgte und ging stets neben ihm her — ich glaube nicht sowohl um zu sehen, daß er nicht zu Schaden komme, als um zu verhindern, daß ich seinem Kindergeiste keine ihr unangenehmen Gedanken einflößte, denn sie war immer auf ihrer Hut und gestattete nie, daß er ihr aus dem Gesichte kam.
Was ihr am besten gefiel, war, ihn mit Sancho spielen und wettlaufen zu sehen, während ich neben ihr hin ging — ich fürchte allerdings, nicht aus Vorliebe für meine Gesellschaft — obgleich ich mich zuweilen auch mit dieser Idee schmeichelte — als wegen der Freude, die es ihr machte, ihren Sohn mit denjenigen Leibesübungen beschäftigt zu sehen, welche für seinen zarten Körper so stärkend waren, die er aber doch ans Mangel an einem seinem Alter entsprechenden Spielgefährten so selten genießen konnte. Und ihre Freude wurde vielleicht auch nicht wenig durch den Umstand versüßt, daß ich bei ihr und nicht bei ihm und daher unfähig war, ihm direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich Uebles zuzufügen — wofür ich ihr jedoch wenig dankte.
Mitunter glaube ich aber, daß es ihr wirklich etwas Vergnügen machte, mit mir zu sprechen, und an einem schönen Februarmorgen legte sie bei einem zwanzig Minuten langen Gange aus dem Moor ihre gewöhnliche Rauhheit und Zurückhaltung ab, und begann ein ordentliches Gespräch mit mir, bei dem sie mit solcher Beredtsamkeit und Tiefe des Gedankens und Gefühles von einem Gegenstande sprach, der glücklicher Weise mit meinen eignen Ideen übereinstimmte, wobei sie so schön aussah, daß ich bezaubert nach Hause ging und auf dem Wege — moralisch —— zusammenschrack, als ich mich bei dem Gedanken ertappte, daß es, Alles recht bedacht — am Ende doch besser sein würde, wenn man seine Tage mit einer solchen Frau verlebte, als mit Elise Milward — und dann erröthete ich — figürlich — über meine Unbeständigkeit.
Als ich in das Wohnzimmer trat, fand ich dort Elisen bei Rosa, aber sonst Niemand. Die Ueberraschung war mir nicht ganz so angenehm, wie sie hätte sein sollen. Wir plauderten lange Zeit zusammen, aber ich fand sie im Vergleich mit der reiferen und ernsteren Mrs. Graham etwas frivol und selbst etwas abgeschmackt, — ach, über die menschliche Beständigkeit!
Ich dachte jedoch, ich darf Elisen nicht heirathen, da meine Mutter so sehr dawider ist, das Mädchen aber auch nicht mit der Idee täuschen, daß ich es im Sinne habe. Wenn nun diese Laune anhält, so werde ich um so weniger Schwierigkeiten haben, mich von ihrer milden, aber unausgesetzten Herrschaft zu befreien, und wenn auch gegen Mrs. Graham so viele Einwendungen vorhanden sein sollten, so wird es mir am Ende doch gestattet sein, wie die Aerzte ein größeres Uebel durch ein kleineres zu heilen denn ich denke nicht, daß ich mich ernstlich in die junge Witwe verlieben werde, — noch sie in mich — das ist gewiß — wenn ich aber etwas Vergnügen an ihrer Gesellschaft finde, so mag es mir wohl gestattet sein, es zu suchen, und wenn der Stern ihrer Gottheit glänzend genug ist, um die Strahlen von dem Elisens zu verdunkeln, dann ist es um so besser, — aber ich kann es kaum glauben.
Und von da an ließ ich selten einen schönen Tag vorübergehen, ohne um die Zeit, wo meine neue Bekannte ihre Einsiedelei zu verlassen pflegte, einen Besuch in Wildfell zu machen, aber so häufig wurde ich in meinen Aussichten auf eine Zusammenkunft getäuscht, so veränderlich war die Zeit ihres Ausgehens, und die Lokalität, nach welcher sie sich begab, so flüchtig waren die Gespräche, welche ich erlangen konnte, daß ich mich halb und halb zu dem Gedanken neigte, daß sie sich ebenso viele Mühe gebe, um meine Gesellschaft zu vermeiden wie ich, die ihre zu suchen.
Das war jedoch ein zu unangenehmer Gedanke, um mir ihn einen Augenblick länger, als ich ihn passender Weise im Kopfe behalten konnte, zu bewahren.
An einem ruhigen, hellen Märznachmittage sah ich indeß, als ich das Walzen der Wiese und die Ausbesserung einer Hecke im Thale beabsichtigte, Mrs. Graham unten am Bache mit einem Skizzenbuche in der Hand und gänzlich von ihrer Lieblingskunst in Anspruch genommen, während Arthur sich damit die Zeit vertrieb, in dem flachen, steinigen Gewässer Dämme und Wehre zu erbauen. Ich verlangte gerade sehr nach Unterhaltung und eine so seltene Gelegenheit durfte nicht versäumt werden, weshalb ich so wohl Wiese als Hecke verließ und mich schnell hinab begab — aber nicht vor Sancho, der sobald er seinen jungen Freund bemerkte, augenblicklich in vollem Galopp hinab sprang und auf ihn mit einer lustigen Heiligkeit lossetzte die das Kind fast in die Mitte des Baches stürzte, wo es aber glücklicher Weise durch die Steine vor einer ernstlichen Durchnässung geschützt wurde, während dieselben zu glatt waren, als daß er sich hätte an ihnen verletzen können.
Mrs. Graham studierte die Unterscheidungszeichen der verschiedenen Bäume in ihrer winterlichen Nacktheit und kopierte ihre Verästungen mit geistreichen, zarten Strichen. Sie sprach nicht viel, aber ich blieb stehen und beobachtete die Fortschritte ihres Bleistiftes, es war ein wirkliches Vergnügen, denselben von den schönen, graziösen Fingern so geschickt geführt zu sehen. Bald aber verminderte sich ihre Geschicklichkeit, sie begann zu zaudern, zu zittern und falsche Striche zu machen und dann trat plötzlich eine Pause ein, in der die Eigenthümerin lachend ihr Gesicht zu dem meinen emporrichtete und mir sagte, daß ihre Skizze durch mein Zusehen nicht gewinne.
»Dann,« sagte ich, »will ich mit Arthur plaudern, bis Sie fertig sind.«
»Ich möchte einmal reiten,« Mr. Markham, wenn mich die Mama lassen will,« rief das Kind.
»Worauf« mein Junge?«
»Dort ist ja ein Pferd auf dem Felde,« antwortete er, nach der kräftigen, schwarzen Stute zeigend, welche die Walze zog.
»Nein, mein Arthur, es ist zu weit,« wendete seine Mutter ein
Ich versprach ihn aber wohlbehalten zurückzubringen, wenn er ein paar mal auf der Wiese hin und hergeritten sein würde, und als sie sein begieriges Gesicht sah, lächelte sie und ließ ihn gehen.
Es war das erste Mal, daß sie mir gestattet hatte, ihn auch nur ein halbes Feld weit von ihrer Seite zu entführen.
Auf seinem riesenhaften Rosse thronend und feierlich auf der großen steilen Wiese auf und ab reitend, sah er wie die Inkarnation stiller, heiterer Zufriedenheit und Freude aus. Das Walzen war jedoch bald zu Ende; als ich aber den wackeren Reiter herabnahm und seiner Mutter wieder zustellte, schien sie etwas unwillig zu sein, daß ich ihn so lange zurückgehalten habe. Sie hatte ihr Skizzenbuch geschlossen und wahrscheinlich seit einigen Minuten schon ungeduldig auf seine Rückkehr gewartet.
Es war jetzt sehr Zeit, nach Hause zu gehen, »wie sie sagte und wollte mir guten Abend wünschen; ich hatte aber noch keine Lust, sie zu verlassen und begleitete sie daher halbwegs den Berg hinauf. Sie wurde geselliger und ich fing an, mich sehr glücklich zu fühlen, als sie aber die düstere, alte Halle erblickte, stand sie still und wendete sich im Sprechen zu mir, als erwarte sie, daß ich nicht weiter gehen, sondern daß das Gespräch hier enden und ich jetzt Abschied nehmen werde, — wozu es in der That auch Zeit war, denn der helle, kalte Abend brach schnell herein, die Sonne war untergegangen und die Mondsichel wurde am blassen, grauen Himmel sichtlich glänzender, aber ein Gefühl fast des Mitleids nietete mich an die Stelle fest.
Es schien hart zu sein, sie nach einem so einsamen, unfreundlichen Hause gehen zu lassen; ich schaute hinauf, es erhob sich schweigend und düster vor uns. Aus den unteren Fenstern des einen Flügels schimmerte ein schwaches, rothes Licht — alle übrigen Fenster aber waren dunkel und viele zeigten schwarze Glas- und rahmenlose Fenster höhlen.
»Finden Sie es nicht öde, dort zu wohnen?« fragte ich nach einem Augenblicke schweigender Betrachtung.
»Mitunter!« entgegnete sie; »an Winterabenden, wenn Arthur zu Bett ist und ich dort allein sitze und den kalten Wind um mich her heulen und in den verfallenen, alten Gemächern seufzen höre, kann kein Buch, keine Beschäftigung die trüben Gedanken und Befürchtungen, welche sich mir aufdrängen, unterdrücken. Ich weiß aber, daß es thöricht ist, solcher Schwäche nachzugehen — Wenn Rahel mit einem solchen Leben zufrieden ist, muß ich es auch sein — ich kann wirklich Gott für ein solches Asyl nicht genug danken, so lange es mir bleibt.«
Der letzte Satz wurde halblaut gesprochen und eher an sie selbst als an mich gerichtet. Hieran bot sie mir guten Abend und entfernte sich.
Ich war auf meinem Heimwege noch nicht weit gekommen, als ich Mr. Lawrence auf seinem hübschen grauen Pony den unebenen Heckenweg, welcher über den Hügel führte, heraufreiten sah. Ich ging ein Stück von meinem Pfade ab, um mit ihm zu sprechen, denn wir hatten einander seit einiger Zeit nicht getroffen.
»War das Mrs. Graham, mit der Sie so eben sprachen?« fragte er, nachdem die ersten Begrüßungsworte zwischen uns Vorüber waren.
»Ja.«
»Hm, ich dachte es mir.«
Er blickte bei den Worten die Mähne seines Gaules nachdenklich an, als habe er ernstlichen Grund, mit ihr oder etwas Anderem unzufrieden zu sein
»Nun, was ist weiter dabei?«
»O nichts!« antwortete er; »Ich dachte nur, daß sie Ihnen mißfiel,« fügte er ruhig hinzu, indem sich seine klassische Lippe zu einem leichten, sarkastischen Lächeln kräuselte.
»Nun, wenn dem auch so gewesen wäre, kann man seine Ansicht bei näherer Bekanntschaft nicht ändern?«
»Ja natürlich,« entgegnete er, während er vorsichtig einen Knoten in der rauhen, üppigen Mähne des Ponys auflöste.
Hierauf wendete er sich plötzlich zu mir, heftete seine scheuen, braunen Augen mit Einem festen, durchdringenden Blicke auf mich und fügte hinzu:
»Sie haben also Ihre Ansicht verändert?«
»Das kann ich gerade nicht sagen, — nein, ich denke, daß ich, noch meiner früheren Ansicht über sie bin, — sie aber etwas verbessert habe.«
»O!« — Er sah sich um, um etwas ausfindig zu machen, worüber er sprechen könne, blickte zum Monde auf und machte eine Bemerkung über die Schönheit des Abends, welche ich, als nicht zur Sache gehörig, nicht beantwortete.
»Lawrence,« sagte ich, ihm ruhig ins Gesicht blickend; »sind Sie in Mrs. Graham verliebt?«
Statt hiervon tief beleidigt zu sein, wie ich mehr als halb erwartet hatte, folgte dem ersten Anfall des Erstaunens über eine so kühne Frage, ein kicherndes Lachen, als sei er von der Idee höchlich belustigt.
»Ich in sie verliebt?« wiederholte er, »was bringt Sie auf einen solchen Gedanken?«
»Nach dem Interesse, welches Sie an den Fort schritten meiner Bekanntschaft mit der Dame und der Veränderung meiner Ansicht über sie nehmen, dachte ich, Sie könnten etwa eifersüchtig sein.«
Er lachte von Neuem.
»Eifersüchtig? — nein! — aber ich dachte, daß Sie im Sinne hätten, Elise Milward zu heirathen.«
»Dann haben Sie falsch gedacht; ich habe, so viel ich weiß, nicht im Sinne, die Eine oder die Andere zu heirathen.«
»Dann, denke ich, würden Sie am besten thun, sie ungeneckt zu lassen.«
»Haben Sie im Sinne, Jane Wilson zu heirathen?«
Er erröthete und spielte von Neuem mit der Mähne, antwortete aber:
»Nein, ich denke nicht.«
»Dann würden Sie am besten thun, sie ungeneckt zu lassen.«
Er hätte sagen können, sie läßt mich nicht ungeneckt, aber er machte nur ein verlegenes Gesicht und sagte etwa eine halbe Minute lang nichts, worauf er einen neuen Versuch machte, das Gespräch abzulenken, und diesmal ließ ich es so hingehen, denn er hatte bereits genug ertragen. Noch ein weiteres Wort über den Gegenstand würde das Stäubchen gewesen sein, welches den Rücken des Kameels gebrochen hätte.
Es war zu spät zum Thee, aber meine Mutter hatte die Theekanne und das Weißbrod heißgestellt und nahm, obgleich sie mich ein wenig ausschalt, meine Entschuldigungen bereitwillig genug an, und als ich mich über den Geschmack des Thees, welcher zu lange gezogen hatte, beklagte, schüttete sie das Uebrige aus und trug Rosa auf, frischen in die Kanne zu thun und neues Wasser zu kochen, was mit bedeutender Geschäftigkeit und unter gewissen auf fallenden Commentaren vor sich ging.
»Nun! — wenn ich es gewesen wäre, so würde ich gar keinen Thee erhalten haben, wäre es selbst Fergus gewesen, so würde er sich mit dem haben begnügen müssen, welcher da war und man hätte ihm gesagt, daß er dafür dankbar sein solle, denn er wäre noch zu gut für ihn, aber Du — für Dich können wir nie zu viel thun. — So geht es immer — wenn es bei Tische etwas besonders Gutes gibt, so blinzelt und nickt mir die Mama zu, mich dessen zu enthalten, und wenn ich darauf nicht achte, so flüstert sie: — Iß nicht zu viel davon, Rosa — Gilbert wird es gern zum Abendbrod genießen: ich bin ganz und gar nichts — im Wohnzimmer heißt es: — Komm Rosa, räume Deine Sachen auf und mache das Zimmer hübsch nett, daß sie sich freuen, wenn sie nach Hause kommen, und schier das Feuer gut, Gilbert sieht es gern, wenn das Feuer hellauflodert. In der Küche: Mache die Pastete groß, Rosa, die Jungen werden wohl hungrig sein — und pfeffere sie nicht zu sehr, es wird ihnen gewiß recht schmecken, oder: Rosa, thue nicht zu viel Gewürz in den Pudding, Gilbert hat ihn so nicht gern — oder: Backe eine gute Menge kleine Rosinen in den Kuchen, denn Fergus ißt ihn gern so. Wenn ich sage: aber ich, Mama, thue es nicht, so heißt es: an mich soll ich nicht denken — du weißt, Rosa, daß wir in allen Haushaltungsdingen nur zweierlei zu bedenken haben, erstlich was sich paßt, und zweitens was den Männern im Hause am angenehmsten ist — für die Damen ist Alles gut genug.«
»Das ist eine sehr gute Lehre,« sagte meine Mutter »Gilbert denkt sicherlich auch so.«
»Auf alle Fälle ist es eine sehr bequeme Lehre für uns,« sagte ich, »aber wenn Sie meine Behaglichkeit wirklich befördern wollen, Mutter, so müssen Sie Ihre Bequemlichkeit und Behaglichkeit etwas mehr berücksichtigen, als sie es thun. — Was Rosa betrifft, so zweifle ich nicht, daß sie für sich sorgen wird, und wenn sie einmal ein Opfer bringt, oder eine besondere Hingebung beweist, so wird sie schon Licht unterlassen, mir es vorzuhalten. — Sie thun so viel, daß ich in die gröbste Sorglosigkeit in Bezug auf Andere und die größte Genußsucht versinken könnte, blos weil ich gewohnt werde, beständig für mich gesorgt, alle meine Bedürfnisse im Voraus oder doch augenblicklich, nachdem ich sie äußere, befriedigt zu sehen — während ich in vollkommener Unwissenheit über das, was für mich gethan wird, bleibe, wenn mich nicht Rosa von Zeit zu Zeit darüber aufklärte, und ich würde Ihre Güte als eine Sache, die sich von selbst versteht, aufnehmen und nie erfahren, wie viel ich Ihnen zu verdanken habe.«
»Ja, das wirst Du auch nicht eher, Gilbert, als bis Du verheirathet bist. Wenn Du dann ein leichtsinniges, eingebildetes Mädchen, wie Elise Milward, hast, das sich um weiter nichts kümmert, als ihren augenblicklichen Vortheil und ihr Vergnügen, oder eine irregeleitete, hartnäckige Frau, wie Mrs. Graham, die über ihre vornehmsten Pflichten in Unwissenheit schwebt und nur in Bezug auf das, was ihr am wenigsten angeht, klug ist, — dann wirst Du den Unterschied finden.«
»Es wird mir gut thun« Mutter. Ich bin nicht blos dazu in die Welt geschickt worden, um die guten Eigenschaften und Gefühle Anderer zu üben, sondern um — auch die meinigen für sie anzustrengen, und wenn ich heirathe, erwarte ich mehr Vergnügen darin zu finden, meine Frau glücklich und es ihr behaglich zu machen, als daß sie dies gegen mich thäte: ich möchte lieber geben als empfangen.«
»O, das ist Alles Unsinn, lieber Junge — das ist Jungengeschwätz! Du wirst es bald müde werden, Deine Frau anzubeten und ihren Launen nachzuleben, wenn sie auch noch so reizend ist, und dann kommt die Prüfung.«
»Nun wohl, dann muß das Eine die Last des Andern tragen.«
»Dann muß Jedes in seine gehörige Stelle treten. Du wirst Deine Geschäfte verrichten, und sie, wenn sie Deiner würdig ist, die ihrigen, aber es ist Dein Geschäft, es Dir selbst recht zu machen, und das ihre, es Dir recht zu machen. Sicherlich war Euer armer, lieber Vater ein so guter Ehemann, wie nur je einer gelebt hat; nachdem aber die ersten sechs Monate oder so vorüber waren, hätte ich eben so gut erwarten können, daß er fliegen würde, als daß er einen Schritt mir zu Gefallen aus seinem Wege gegangen sei. Er sagte immer, ich sei eine gute Frau und thue meine Schuldigkeit — Gott habe ihn selig — that immer die seine, war fleißig und pünktlich, tadelte selten ohne Grund, ließ meinem guten Essen immer Gerechtigkeit widerfahren und verdarb meine Speisen nie durch zu langes Ausbleiben, und mehr kann eine Frau von ihrem Manne nicht verlangen.«
Ist dem so, Halfords — ist dies der Umfang Ihrer häuslichen Tugenden? — und verlangt Ihre glückliche Frau weiter nichts, als dies?
Siebentes Kapitel.
Die Excursionen.
Nicht lange nachher, an einem milden, sonnenhellen Morgen, an dem es sich ziemlich weich ging, denn der letzte Schnee war kaum erst verschwunden, und hatte nur hier und da auf dem frischen, grünen Grase unter den Hecken noch einen schmalen dünnen Streifen zurückgelassen, neben dem jedoch hier und da bereits die jungen Himmelschlüsselchen unter ihrem feuchten, dunkeln Laube hervorlugten, und die Lerche über mir sang ihr Lied vom Sommer, und Hoffnung und Liebe und allen himmlischen Dingen, — befand ich mich draußen auf dem Hügelabhange, gab mich dem Genusse dieser Naturreize hin, und sah zu, wie es meinen jungen Lämmern und deren Müttern erging. Als ich mich, dabei einmal umschaute, erblickte ich drei aus dem Thal herauskommende Personen. Es war Elise Milward, Rosa und Fergus; ich ging ihnen also über das Feld entgegen, und erklärte mich, als sie mir sagten, daß sie nach Wildfell Hall gingen, bereit, mitzukommen, bot Elisen meinen Arm, den sie statt desjenigen meines Bruders auch gern annahm, und sagte diesem, daß er zurückgehen könne, da ich die Damen begleiten werde.
»Da bitte ich sehr um Entschuldigung!« rief er — »die Damen begleiten mich, aber nicht ich sie. Ihr habt alle die merkwürdige Fremde gesehen, nur ich bin noch nicht so glücklich gewesen, und ich konnte meine bedauernswürdige Unwissenheit nicht länger ertragen, und mußte, was auch kommen möge, meine Wißbegier ebenfalls befriedigen, weshalb ich Rosa bat, mit mir nach der Halle zu gehen und mich auch dort vorzustellen. Sie schwor hoch und theuer, daß sie es nicht thun werde, außer wenn Miß Elise auch mitkomme; ich lief also nach dem Pfarrhause und holte sie, und wir haben den ganzen Weg zusammengehakt und zärtlich wie ein Liebespaar miteinander gemacht — und jetzt nimmst Du sie mir ab und willst mich auch noch meines Sgazierganges und Besuches berauben. — Geh zu Deinem Felde und Vieh zurück, Du Bauer, Du passest nicht dazu, mit Damen und Herren umzugehen, wie wir, die weiter nichts zu thun haben, als in die Häuser unsrer Nachbarn zu laufen, in ihre geheimsten Winkelchen zu spionieren, ihre Geheimnisse auszuspionieren, und ihnen Löcher in den Rock zu hacken, wenn er nicht nach unserm Geschmacke gemacht ist — Du verstehst Dich gar nicht auf dergleichen feine Genüsse.«
»Könnt ihr nicht Beide gehen?« meinte Elise, ohne auf seine letzten Reden zu achten.
»Ja, gewiß, kommt alle Beide,« rief Rosa — »je mehr, desto lustiger — ich bin so überzeugt, daß wir alle gute Laune, die wir haben, brauchen werden, um sie in das große, finstre, düstre Zimmer mit seinen schmalen Gitterfenstern und trübseligen alten Möbeln mitzunehmen — wenn sie uns nicht etwa wieder in ihr Atelier führt.«
Wir gingen also Alle in copore, und die magere alte Magd, die uns die Thüre öffnete, führte uns in ein Gemach, wie mir es Rosa von ihrem ersten Besuch bei Mrs. Graham her beschrieben hatte — es war ein ziemlich geräumiges und hohes Zimmer, das aber von den altmodischen Fenstern nur schwach erhellt wurde — die Decke, Vertäfelung und das Kaminsims von düsterem, schwarzen Eichenholz — letzteres fleißig, aber nicht eben geschmackvoll geschnitzt — mit eben solchen Stühlen und Tischen, auf der einen Seite des Kamines einem alten, mit einer bunten Auswahl von Büchern vollgestopften Bücherschranke, und einem ältlichen Spinett auf der andern.
Die Dame saß in einem steifen, hochlehnigen Armstuhle, mit einem runden Tischchen, worauf sich ein Schreibpult und Arbeitskörbchen befand, auf der einen Seite, und auf der andern ihrem kleinen Sohne, der mit auf ihrem Knie gelehnten Ellbogen dastand und ihr mit ausfallender Geläufigkeit aus einem kleinen, in ihrem Schooße liegenden Buche vorlas, während sie ihre Hand auf seine Schulter gelehnt hatte, und zerstreut mit den langen Ringellocken spielte, die auf seinen elfenbeinweißen Nacken fielen. Sie bildeten einen angenehmen Contrast mit allen Gegenständen um sie her, da sie aber natürlich bei unserm Eintritte sogleich ihre Stellung veränderten, konnte ich das Familienbildchen nur während den, wenigen kurzen Sekunden, wo Rahel die Thüre offen hielt, um uns einzulassen, beobachten.
Ich glaube nicht, daß Mrs. Graham von unserm Anblicke besonders entzückt war; ihre ruhige Höflichkeit hatte etwas unbeschreiblich Frostiges; ich sprach jedoch nicht viel mit ihr, sondern setzte mich, ein wenig von dem Kreise entfernt, an das Fenster, rief Arthur zu mir, und unterhielt mich mit ihm und Sancho sehr angenehm, während die beiden jungen Damen seine Mutter mit unbedeutenden Redensarten abquälten, und Fergus mit übereinander geschlagenen Beinen und in die Hosentaschen gesteckten Händen ihr gegenüber in seinem Stuhl zurückgelehnt saß, und bald an die Decke, bald seiner Wirthin gerade ins Gesicht starrte, daß ich große Lust hatte, ihn zur Thüre hinauszuwerfen, bald leise ein Stück von einer seiner Lieblingsmelodieen vor sich hin pfiff, bald das Gespräch unterbrach, oder eine Pause mit einer impertinenten Frage oder Bemerkung ausfüllte. Einmal hieß es:
»Ich bin erstaunt, Mrs. Graham, wie Sie sich eine so verfallene, wackliche, alte Boutique, wie diese, zum Wohnen aussuchen konnten. Warum haben Sie nicht eine nette, kleine Cottage gemiethet, wenn Sie nicht im Stande waren, das ganze Haus mit Ihren Leuten zu füllen und es renovieren zu lassen?«
»Vielleicht war ich zu stolz dazu, Mr. Fergus,« antwortete sie lächelnd; »vielleicht hatte ich auch eine besondere Vorliebe für dieses romantische, altmodische Gebäude gefaßt — aber es besitzt wirklich auch viele Vorzüge vor einer Cottage — erstens, sehen Sie, sind die Zimmer größer, und höher, zweitens können die unbewohnten Gemächer, für die Ich nichts bezahle, zu Rumpelkammern dienen, wenn ich etwas hineinzustecken habe; und dann sind sie von großem Vortheil für meinen kleinen Sohn, der an Regentagen, wo er nicht ausgehen darf, darin herumlaufen kann, und dann habe ich auch den Garten für ihn zum Spielen, und für mich zum Arbeiten. Sie sehen, daß ich bereits einige Verbesserungen angebracht habe,« fuhr sie, zum Fenster gewendet, fort: »Dort in der Ecke ist ein Beet mit jüngeren Gemüse, und hier blühen schon einige Schneeglöckchen und Schlüsselblumen — und dort, im Sonnenscheine, öffnet sich eben ein gelber Crokus.«
»Wie können Sie es aber in einer solchen Lage aushalten — Ihre nächsten Nachbarn in zwei Meilen Entfernung, und keinen Menschen, der Sie besucht, oder hier vorübergeht? — Rosa würde in einer solchen Wohnung Wahnsinnig werden. Sie kann nicht leben, wenn sie des Tages nicht wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene Kleider und Hüte sieht — von den Gesichtern darunter gar nicht zu sprechen; aber Sie können den ganzen Tag hier am Fenster sitzen und aufpassen, ohne auch nur eine alte Frau zu erblicken, die ihre Eier zu Markte trägt.«
»Ich möchte sagen, daß die Einsamkeit des Hauses eine seiner besten Empfehlungen gewesen ist — ich finde kein Vergnügen daran, am Fenster zu sitzen und nach den Vorübergehenden auszuschauen; und ich habe es gern still.«
»O, das ist so viel, als wollten Sie sagen, Sie wünschten, daß wir uns Alle um uns selbst bekümmern und Sie ungeschoren lassen.«
»Nein, ich bin einer weit ausgebreiteten Bekanntschaft abgeneigt; wenn ich aber einige Freunde habe, so sehe ich sie natürlich gern von Zeit zu Zeit. Kein Mensch kann in ewiger Einsamkeit glücklich leben. Wenn Sie daher mein Haus als Freund betreten, Mr. Fergus, so werde ich Sie willkommen heißen, wo nicht, so muß ich allerdings gestehen, daß es mir lieber ist, wenn Sie wegbleiben.«




