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Wenn ich Dein Denkvermögen lobe, so meine ich damit eher logischen Scharfsinn als dialektisches L’art pour l’art, weshalb die 1968er Linke wenig Freude an Dir hatte, denn statt unwiderruflicher Dogmen predigtest Du den radikalen Zweifel an liebgewordenen Überzeugungen, auch wenn diese beglaubigt waren durch damals nicht hinterfragbare Autoritäten wie Mao oder Marx. Dein radikalster Text, die auf den Langen Marsch bezugnehmende Rede an die deutschen Leser und ihre Schriftsteller, trieb Dich nicht in die Arme der damals wie Pilze aus dem Boden schießenden maoistischen Sekten, sondern hat Dich gegen deren Anspruch, die revolutionäre Avantgarde zu sein, auf Dauer immun gemacht. Und Deine zum Kultbuch avancierte Novelle Lenz stellte ebenso einen Abgesang auf die Studentenbewegung dar, deren Verfallssymptome sie thematisierte, wie eine Rechtfertigung des ursprünglichen Impulses der Revolte, den Du gegen dogmatische Besserwisser verteidigt hast, weil Dir die Infragestellung von Autoritäten gerade im deutschen Kontext wichtig war. Der Text der Novelle ist häufig mit Büchners Lenz verglichen worden, mit dem er, bei Licht betrachtet, nur wenig gemein hat; ein Vergleich mit den Leiden des jungen Werther wäre aufschlussreicher, sowohl was Dein Italienbild wie auch was die Utopie des erotischen Begehrens betrifft, das den Rahmen der politisch-sozialen Revolte sprengt: »Wie froh bin ich, dass ich weg bin!« Der oft überlesene Eingangssatz von Goethes Werther hätte Deinem Lenz als Motto voranstehen können.
Hättest Du rechtzeitig Copyrightschutz beantragt, lieber Peter, wärst Du heute mehrfacher Millionär, denn der nach 1989 inflationär gebrauchte Slogan von der »Mauer im Kopf« tauchte zum ersten Mal in Deiner Erzählung Mauerspringer auf. Das 1984 erschienene Buch hatte prophetischen Charakter: Noch vor Martin Walser, dessen patriotische Denkanstöße eher Gefühlsaufwallungen waren, warst Du der Erste, der den Abriss der Mauer forderte, nicht mit nationalistischem Schaum vorm Mund, sondern mit logisch stringenten Argumenten. Berlin vor und nach dem Mauerfall – dieses Dir wohlvertraute Terrain hast Du in den Romanen Paarungen und Eduards Heimkehr erneut abgeschritten. Zusammen mit Deinen zeitgleich entstandenen Essays stellte die Berlin-Trilogie einen Höhepunkt Deines Schaffens dar und löste die Forderung der Feuilletons nach dem großen Roman zur deutschen Wiedervereinigung glaubhaft ein: als Chronik der Hoffnungen und Enttäuschungen, Irrtümer und Illusionen der Wendezeit.
Hier ist nicht der Ort, Dein Gesamtwerk vorzustellen, dessen Facettenreichtum sich der einengenden Festlegung auf Literatur oder Politik entzieht: von Deinem Drama über die Eroberung Mexikos bis zu lakonisch verknappten Kurzgeschichten, in denen Du private Abgründe ausgelotet hast; und vom mit Charlton Heston in der Titelrolle verfilmten Mengele-Buch Vati bis zum Bericht über den jüdischen Musiker Konrad Lattek, der in Berlin versteckt die NS-Zeit überlebte. Ich weiß noch, wie der »Held« dieser Geschichte im Publikum der Berliner Festspiele saß, während wir mit Gerhard Schröder über Dein Buch diskutierten oder vielmehr nicht diskutierten, weil der Bundeskanzler den Text gar nicht oder nur oberflächlich gelesen hatte.
Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache. Vermutlich bist Du es leid, lieber Peter, von einer Art jüngerem Bruder verfolgt zu werden, den Redakteure und Kritiker gelegentlich mit Dir verwechseln, denn mit Deinen vielen Geschwistern bist Du schon gesegnet und gestraft genug. Ich weiß nicht, ob Du die Rolle selbst angestrebt hast oder ob sie Dir von der Umwelt zudiktiert wurde: Aber für Autoren meiner Generation warst Du der Vordenker der Studentenrevolte, der eloquenter als andere deren Anliegen vertrat, und hast »avant la lettre« den kulturrevolutionären Aufbruch von 1968 legitimiert. Auch wenn Dir manches, was Du damals geäußert hast, im Nachhinein fragwürdig erscheint, brauchst Du nichts zu bereuen oder zu widerrufen, weil Du weder mit Terroristen sympathisiertest noch stalinistischen Parteien auf den Leim gingst. In der hysterisierten Atmosphäre des »deutschen« Herbsts 1977 gehörte Mut dazu, der Verschwörungstheorie zu widersprechen, wonach »der Staat« Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin ermordet habe. In diesem Sinne war und ist auf Deine Stellungnahmen Verlass, weil sie auf Qualitäten beruhen, die Seltenheitswert haben im öffentlichen Diskurs der BRD: Spontaneität, Neugier und Unerschrockenheit – ein Denkansatz, der auch dann nicht veraltet, wenn die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen revisionsbedürftig sind.
PS
Beim Wiederlesen dieser Zeilen fällt mir auf, wie verzweifelt unpersönlich sie klingen. Weder ist von der Lähmung die Rede, die das rhythmische Klappern Deiner Schreibmaschine im Nebenzimmer hervorrief, während Du in unserer Moabiter Gemeinschaftswohnung den Text Wir haben Fehler gemacht tipptest, eine Agitationsrede, deren Grundstruktur: »Wir dachten, die Dinge seien soundso, doch in Wahrheit waren sie ganz anders« in vielen Deiner Essays wiederkehrt. Auch von der gemeinsamen Chinareise oder von unseren Eskapaden in Hongkong und Bangkok ist hier nicht die Rede, ganz zu schweigen von unseren Abenteuern in Venedig, Madrid und Montreal, wo ich an Deiner Stelle interviewt wurde. Das lag nicht allein daran, dass ich schlecht höre: Als drittes von vier Geschwistern habe ich mich an meinem älteren Bruder orientiert, der für mich die Stelle des Vaters vertrat, und ohne diesen Fixpunkt kommt die Gesellschaft mir vaterlos vor. Damit ist weder der große Bruder aus Orwells Roman 1984 gemeint noch der Präsidentendarsteller im Weißen Haus, sondern jemand, dessen »auffälligste Eigenschaft ist / im Plural zu leben und zu denken«, wie Du nach dem Attentat auf Rudi Dutschke schriebst: »Beim Croquet sagt er zum Beispiel / Schnauze halten, wenn er am Schlag ist / und einer, um ihn durcheinanderzubringen / dazwischenredet. Er muss das sagen / weil er sich tatsächlich stören lässt / Er ist unglücklich, wenn er einen Namen / auch einen beiläufigen, vergessen hat / Da er großes Vertrauen zu den Menschen hat / hat er Selbstvertrauen, auch umgekehrt.« Damit, lieber Peter, hast Du nicht nur Rudi Dutschke, sondern auch Dich selbst charakterisiert. Mach weiter so, denn Literatur ist nicht nur eine Frage des Talents, sondern auch des Charakters! In alter Freundschaft – Dein H. C.
Wird’s bald besser?
Klaus Schlesinger zum Beispiel
Als ich Klaus Schlesinger Mitte der siebziger Jahre kennenlernte – das genaue Datum ist aus den Stasi-Akten ersichtlich, denn er wurde rund um die Uhr observiert –, lebte er in einem Hochhaus an der Leipziger Straße: aus westlicher Sicht eher bescheiden, für einen DDR-Bürger jedoch äußerst privilegiert. Unser konspirativer Kaffeekranz, bei dem Günter Grass, Nicolas Born, Reinhard Lettau, Günter Kunert, Hans Joachim Schädlich und Sarah Kirsch sich aus in Arbeit befindlichen Manuskripten vorlasen, fand in Schlesingers Wohnung statt; auf der Straße vor dem Haus parkte ein Kleinbus, dessen Insassen das Kommen und Gehen der Dichter observierten, ohne zu verstehen, was diese miteinander besprachen. In meiner Erinnerung war dies das letzte einer Serie informeller Treffen in Ostberlin, die die Stasi misstrauisch überwachte. Als nach der Wende die Akten geöffnet wurden, stellte sich heraus, dass sie bis zuletzt im Dunkel getappt hatte über Sinn und Zweck der privaten Zusammenkünfte, weil es ihr nicht gelungen war, einen Spitzel in den hochkarätigen Gesprächskreis einzuschleusen. Rückblickend von der fünfzehn Jahre später erfolgten Wiedervereinigung, will es mir scheinen, als hätten die Kontakte einem ersten, vorsichtigen Kennenlernen ost- und westdeutscher Literaten gedient.
Der Rest der Geschichte ist bekannt. Weniger bekannt sind die Umstände von Schlesingers Übersiedlung nach Westberlin, die keine Ausbürgerung war: Auf eigenen Wunsch durfte er seinen DDR-Pass behalten und – ein Privileg, das zu Gerüchten Anlass gab – auch nach Ostberlin zurückkehren. Kurz vor der Ausreise begegnete er in der Leipziger Straße Erich Honecker, der gerade seine im gleichen Haus wohnende Tochter besuchte. Als die Aufzugtür aufglitt, stand Schlesinger Auge in Auge mit dem Parteivorsitzenden, der nach kurzem Zögern, flankiert von zwei Leibwächtern, den Lift betrat. Beide kannten sich von früher, und Honecker war über Schlesingers Ausreiseantrag informiert. Er blickte verlegen an die Decke, und um das Schweigen zu brechen, stellte Klaus Schlesinger ihm eine Frage, die nur aus drei Worten bestand: »Wird’s bald besser?« Honeckers Antwort war genauso knapp und klingt in ihrer kaustischen Kürze wie eine Übersetzung aus dem Russischen: »Andere sind zufrieden.«
Nach der Ankunft in Westberlin beteiligte Schlesinger sich an sozialen Protesten in der Bundesrepublik. Zu Besuch im Wendland, wo er vorübergehend bei mir wohnte, fuhr er in das von Demonstranten errichtete Hüttendorf auf dem Bauplatz für ein geplantes Endlager bei Gorleben, um mit den Atomgegnern zu diskutieren. Im Garten meines Hauses machte er Schießübungen mit der Luftpistole auf eine am Scheunentor angebrachte Zielscheibe, was meinen Nachbarn verdächtig vorkam. Sie alarmierten die Polizei, die beim Anblick des Autos mit Ostberliner Kennzeichen glaubte, endlich den Beweis für die Fernsteuerung der Anti-Atom-Bewegung durch Stasi-Agenten gefunden zu haben. Später tauchte Klaus Schlesinger in die Westberliner Hausbesetzer-Szene ein, der er sich – trotz des Altersunterschieds – mit Haut und Haaren verschrieb, als wolle er nachholen, was die DDR ihm vorenthalten hatte: eine spontane Jugendrevolte, wie sie 1968 die Bundesrepublik erschütterte. 1980 zog er in ein mit Brettern verbarrikadiertes Abbruchhaus auf der Potsdamer Straße, das allen Räumungsversuchen widerstand; später wurde die Besetzung legalisiert und das Kellerlokal im K.O.B. – so hieß das besetzte Gebäude im Szenejargon – erhielt eine Lizenz zum Bierausschank. Schlesingers Erfahrungen schlugen sich literarisch nieder in seinem Buch Matulla & Busch, das schon in der Figurenkonstellation an den als Protest-Opa belächelten Schriftsteller erinnert. Ein Rentner aus dem Ruhrgebiet erbt ein Mietshaus in Westberlin und muss an Ort und Stelle feststellen, dass es von Besetzern okkupiert worden ist. Statt die Polizei zu rufen, solidarisiert er sich mit den Hausbesetzern, wobei der Rentner sich in eine Studentin verliebt: Eros und Anarchie, Sex und Politik gingen in der Literatur wie im Leben eine unauflösliche Verbindung ein. Das Buch wurde von der taz vorabgedruckt und später verfilmt; dass das vom ZDF bestellte Drehbuch zuerst abgelehnt und dann mit Verspätung realisiert wurde, bestärkte Schlesinger in der Überzeugung, zwischen Ost- und Westdeutschland gäbe es keinen prinzipiellen Unterschied: Auch in der DDR habe der Weg durch die Zensur Jahre gedauert.
Im Mai 1984 reiste ich zusammen mit Klaus Schlesinger nach Nicaragua. Die Flugkosten zahlten wir selbst, aber in Managua waren wir Gäste der sandinistischen Regierung, deren Kulturminister Ernesto Cardenal Schriftsteller aus aller Welt einlud, sich ein Bild zu machen vom Überlebenskampf der von den USA bedrängten Revolution. Das Flugzeug war belegt mit Handwerkern aus Baden-Württemberg, die von Kuba verlangten, ihr Übergepäck – Nägel, Werkzeug und Baumaterial – gratis zu befördern. Nach Mitternacht landeten wir in Havanna und schliefen im Transitraum, dessen Verlassen verboten war; selbst ein Gang zur Toilette war nur unter Bewachung erlaubt.
Bei der Ankunft in Managua fühlte Klaus Schlesinger sich an die DDR erinnert, die Nicaraguas Behörden Amtshilfe leistete: Die Prozedur der Pass- und Zollkontrolle ähnelte den Einreiseformalitäten am Bahnhof Friedrichstraße, nur die rauchenden Vulkane und die beim Erdbeben eingestürzten Häuser passten nicht dazu. Seine Wohngemeinschaft hatte Schlesinger beauftragt, sich über Methoden des Kaffeeanbaus zu informieren, obwohl oder weil ihm der Nicaragua-Kaffee, den er aus Solidarität trank, nicht schmeckte. Zu meiner Überraschung nahm er den mir läppisch erscheinenden Auftrag ernst, was zu einem Zerwürfnis zwischen uns führte: Schlesinger weigerte sich, mich nach Puerto Cabezas an der Atlantikküste zu begleiten, wo die Miskito-Indianer gegen die sandinistische Regierung rebellierten – mit Unterstützung der USA, wie man munkelte. Der mehrtätige Aufenthalt im Kampfgebiet war der Höhepunkt der Reise, aber Schlesinger zog es vor, eine Kaffeeplantage zu besichtigen. Erst später begriff ich, dass er Angst hatte: weniger vor Granatwerfern und Minen als vor dem Flug in einer altersschwachen Cessna über den von Contras infiltrierten Dschungel Nicaraguas.
Nach der Rückkehr trennten sich unsere Wege, ohne dass es zum Streit oder Bruch kam. Aber nach Jahren regelmäßigen Umgangs in und außerhalb der Tageszeitung, deren Literaturbeilage, die Literataz, wir gemeinsam herausgaben – hatten wir uns auseinandergelebt. Klaus Schlesingers DDR-Nostalgie ging mir auf die Nerven, hatte er doch längst mit den Füßen für den Westen optiert, und seine Identifikation mit Streetfightern, die dreißig Jahre jünger waren als er, fand ich lächerlich. Umgekehrt muss es ihm ähnlich ergangen sein, denn während er mich in seinem Wendetagebuch Fliegender Wechsel lobend erwähnt, meldete er in späteren Essays Widerspruch an gegen mein JA zur Wiedervereinigung. Dabei hatte ich nicht seine Stellungnahmen, sondern nur deren Begründung kritisiert, ohne zu bedenken, dass Klaus Schlesinger mehr aus dem Bauch argumentierte als aus dem Kopf – darin lag seine Stärke als Erzähler, der psychologisch glaubwürdige Figuren entwirft.
Doch weder politische Meinungsverschiedenheiten noch Stasi-Vorwürfe gegen ihn, die ich mir nie zu eigen machte, taten dem guten Einvernehmen Abbruch. Unser Umgangston blieb freundschaftlich bis zuletzt, als er mir, eine Woche vor seinem Tod, eine Widmung schrieb in sein letztes Buch: »Von Ost nach West« – dass sich dahinter eine Anspielung verbarg auf den Aufbruch in ein fremdes Land, das weiter entfernt und doch näher lag als Westberlin, ahnte weder er noch ich.
Zum Schluss möchte ich ein paar Beobachtungen festhalten, die Schlaglichter werfen auf Schlesingers widersprüchliche Persönlichkeit. Und es liegt in der Natur der Sache, dass sie neben Ernstem auch Komisches enthalten – der Verstorbene hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt:
Klaus Schlesinger war der einzige DDR-Autor, dem es gelang, eine Erzählung zu schreiben über den Mauerbau, die nichts beschönigt oder verschweigt, und diese unzensiert in der DDR zu veröffentlichen – ein Drahtseilakt wie die Flucht über ein durch die Luft gespanntes Seil von Ost- nach Westberlin. Die noch heute lesenswerte Geschichte heißt Am Ende der Jugend und steht in seinem Erzählband Berliner Traum.
Klaus Schlesinger war der einzige mir bekannte DDR-Schriftsteller, der durch die Offenlegung seiner Stasi-Akte nicht beschmutzt, sondern reingewaschen wurde, weil er kein Spitzel gewesen war.
Schlesinger ist die einzige mir bekannte Person, die in einer Berliner Kneipe ein Eisbein in die Küche zurückgehen ließ mit der Begründung, es sei nicht fett genug.
Schlesinger war der einzige Revolutionstourist, der im von Contras verminten Dschungel von Nicaragua Kaffee und Kuchen verlangte – Gerichte, die es dort nicht mal in Friedenszeiten gibt.
Wie Heiner Müller rauchte Schlesinger bis zum letzten Atemzug – auf dem Nachttisch an seinem Sterbebett lag eine angebrochene Schachtel Roth-Händle.
Notiz zu Uwe Johnson
Um meine erste Begegnung mit Uwe Johnson zu schildern, muss ich mich zurückversetzen in den Spätherbst des Jahres 1963 – vielleicht war es auch Anfang 1964 – als Johnson im Literarischen Colloquium Berlin, damals noch in der Carmerstraße, nicht weit vom Savignyplatz, Prosaschreiben unterrichtete. Walter Höllerer hatte ein Dutzend angehende Autoren nach Westberlin eingeladen, um an einem von der Ford-Stiftung finanzierten Creative-Writing-Seminar teilzunehmen. Johnson gab nur ein kurzes Gastspiel. Der damals knapp dreißigjährige Autor der Mutmaßungen über Jakob und des Dritten Buchs über Achim war, ähnlich wie der scheue und wortkarge Peter Weiss, mit seinem eigenen Werk beschäftigt und litt sichtlich unter der ihm nicht gemäßen Rolle eines Präzeptors oder Vermittlers, die Günter Grass und Peter Rühmkorf mit Lust und Verve spielten. Der blonde Hüne mit der Nappalederjacke, von seinen Leipziger Kommilitonen Ossian genannt, schien sich körperlich unwohl zu fühlen unter den nur wenig jüngeren Autoren, die Ansporn und Ermutigung für ihre eigene Arbeit oder geistreiche Aperçus von ihm erwarteten. Er schwieg hartnäckig und hielt sich an seiner Pfeife fest, die wie die Schreibmaschine zum unverzichtbaren Accessoire eines Literaten gehörte. Meine Frage, ob ein zeitgenössischer Schriftsteller sich unbedingt für die Fahrpläne der Deutschen Reichsbahn, die Gangschaltung eines Rennrads oder das Frühwarnsystem der Nato interessieren müsse, statt sich wie Kafka oder Novalis von der Außenwelt zurückzuziehen in eine traumhafte Innenwelt, beantwortete Johnson kurz und bündig mit NEIN, ohne sein apodiktisches Urteil zu begründen. Dass er mit Einsprüchen gegen den Boykott der Berliner S-Bahn beschäftigt war, wusste ich damals nicht, und es hätte mich, auch wenn ich es gewusst hätte, nicht sonderlich interessiert.
Anfang der siebziger Jahre zog ich von Wilmersdorf nach Berlin-Friedenau, wo ich mit Nicolas Born im selben Haus wohnte, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson und zeitweise auch Max Frisch. Wir trafen Johnson gelegentlich im Bundeseck, einer für ihre Hässlichkeit berühmten Eckkneipe, wo sich nach Lesungen im nahgelegenen Buchhändlerkeller eine Gruppe von Literaten versammelte, zu der neben Grass auch dessen Lektor Klaus Röhler gehörte. Johnson und Röhler soffen sich gegenseitig unter den Tisch und, im Gegensatz zum proletarischen Zeitgeist der siebziger Jahre, siezten sie einander dabei. Mittwochs war Markt in Friedenau, und Uwe Johnson war schon vormittags in einer Spelunke neben dem Rathaus anzutreffen, an deren Theke er den über Nacht abgesunkenen Alkoholpegel auffüllte; abends frequentierte er eine Kneipe in der Rheinstraße, deren Wirt keine Ahnung hatte, dass sein wortkarger Stammgast ein weltberühmter Schriftsteller war. Zusammen mit Nicolas Born besuchte ich Johnson in dessen Wohnung – Atelier ist ein besserer Ausdruck dafür – in der Stierstraße. An der Wand hing ein Stadtplan von Großberlin, und überall waren Messtischblätter ausgebreitet, wie Generalstabskarten mit farbigen Punkten und Strichen markiert. Johnson und Grass hatten sich über irgendetwas zerstritten; jahrelang herrschte Funkstille zwischen beiden, bis Günter Grass den früheren Freund überredete, ihn zu einer privaten Lesung nach Ostberlin zu begleiten. Das konspirative Treffen fand in der Wohnung von Krista und Hans Joachim Schädlich in Köpenick statt; außer Nicolas Born und mir waren Günter Kunert, Rainer und Sarah Kirsch sowie Bernd Jentzsch anwesend.
Uwe Johnson schwieg zumeist, aber er war gefürchtet für ins Schwarze treffende Bemerkungen, mit denen er nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch dessen Verfasser demontierte, etwa wenn er einen Text als Nachruf charakterisierte und sich darüber mokierte, dass der Autor noch am Leben sei. Als Sarah Kirsch wissen wollte, warum ihre Anwesenheit beim sogenannten Friedensdialog in der Westberliner Akademie der Künste unerwünscht war, antwortete Johnson sarkastisch, nicht jedermann sei zum Five o’clock tea bei der Königin von England eingeladen. Zum letzten Mal sah ich ihn ein Jahr vor seinem Tod bei dem erwähnten Schriftstellertreffen, wo Johnson souverän, aber mit pedantischer Akribie die Diskussion leitete und das Bekenntnis des DDR-Autors Erik Neutsch, er stimme voll und ganz mit der Politik seiner Partei und Regierung überein, lakonisch kommentierte mit dem Satz: »Das ist bekannt.«
Bei der von Helen Wolff geleiteten Trauerfeier für Uwe Johnson im New Yorker Goethe-Institut saß der Bankier Abs in der ersten Reihe, und erst nachträglich wurde mir klar, dass eine gleichnamige Romanfigur in den Mutmaßungen über Jakob eine zentrale Rolle spielt.
Alles in allem habe ich Uwe Johnson, trotz wiederholter Begegnungen, nur flüchtig gekannt. Seine Person ist mir fremder geblieben als sein Werk, das mit unverstellter Stimme spricht und die Barrieren überwindet, hinter denen dieser spröde und verletzliche Mensch sich zu seinen Lebzeiten verschanzt hat.
II. EIN ZEITALTER WIRD BESICHTIGT
Der Nussknacker
Hommage an Günter Grass
1
Welch ein großmächtiger Kiefer! Und dieses Gehege von Zähnen!
Zwischen die Backen herein nimmt er, was alles zur Hand,
und zerkracht es und weist schon die faul’ oder trockenen Kerne,
leere Schalen, den Wurm – flieht, hört ihr knirschen den Grass!
Diese satirischen Verse dichtete Johannes Bobrowski, nachdem er bei der Gruppe 47 Günter Grass begegnet war. Der Vierzeiler ist mehr als ein Literatenulk: Er charakterisiert in zweifacher Hinsicht den Autor der Blechtrommel und späteren Nobelpreisträger und bringt dessen Kampfeslust auf den Punkt, die Grass’ echte und eingebildete Gegner zu spüren bekamen. Darüber hinaus benennt er ein physiognomisches Detail, die Progenie, zu Deutsch Unterbiss, die Grass mit seinem Schnauzbart kaschierte: laut Wikipedia ein Erkennungsmerkmal von Genies und Wahnsinnigen, Pornodarstellern und Polizisten, Zauberkünstlern und Diktatoren – doch das nur in Klammern. Beides, der Unterbiss und das aggressive Temperament, sind zwei Seiten derselben Sache, und der Schnauzbart wurde ebenso zum Markenzeichen von Günter Grass wie die Blechtrommel, mit der sein zwergwüchsiger Protagonist sich Aufmerksamkeit verschafft. Dass Oskar Matzerath – schon der Name ist Programm – mit schrillem Diskant Gläser zersingt, passte zur Selbstvermarktung des Autors als kaschubischer Rowdy und Provokateur, der nicht nur den Literaturbetrieb, sondern auch die deutsche Politik aufmischte. Schnauzbart, Cordjacke und selbstgedrehte Zigaretten gehörten zum Image des Nonkonformisten wie auch gezielte Verstöße gegen Religion, Moral und guten Geschmack im Text seines Romans. Doch der gegen die Blechtrommel erhobene Vorwurf der Blasphemie und Pornographie, der zur Aberkennung des Bremer Literaturpreises führte, ist aus heutiger Sicht nicht nachzuvollziehen. Günter Grass galt als Schmuddelkind, das mit Behagen im Dreck herumstocherte und dem Ekel kulinarische Effekte abgewann wie in der Schilderung eines von Aalen wimmelnden Pferdekopfs, und er war Welten entfernt von der Tristesse der frühen Nachkriegsliteratur. Das änderte sich erst, als er sich der politischen Vernunft verschrieb und für Willy Brandt in den Wahlkampf zog. Während Grass die Werbetrommel rührte für die ESPEDE, wurde er vom Studentenprotest links überholt, und die Kulturrevolution von 1968 – Drogen, Sex und Rock ’n’ Roll – ließ seine Provokationen harmlos erscheinen. Im Konflikt mit der jüngeren Generation sah er alt aus, und seine Aussage, den Vietnamkrieg könne er nicht beurteilen, weil er kein Vietnamesisch spreche, war ebenso peinlich wie die Schweinskopfsülze, die er dem Beat-Poeten, Juden und Vegetarier Allen Ginsberg auftischte.
2
Es war schwer, fast sogar unmöglich, mit Günter Grass befreundet zu sein, weil er sich mit subalternen Höflingen umgab, die allem, was er sagte, schrieb und tat, ihren Segen erteilten, während er allergisch reagierte auf Kritik und von seinen Freunden Gefolgschaft verlangte: Wie im Fähnlein der sieben Aufrechten gab Grass die Richtung vor, und der Rest der Truppe folgte nach, als habe der Dienst in der Wehrmacht sein Verständnis von Befehl und Gehorsam geprägt – die mit siebzehn erfolgte Einziehung zur Waffen-SS war damals noch nicht bekannt. Alle großen Schriftsteller, mit denen Grass befreundet war, stieß er früher oder später vor den Kopf, von Max Frisch bis zu Heinrich Böll, und die beredte Klage, sein Freund Uwe Johnson fehle ihm, hatte einen schalen Beigeschmack, denn beide wohnten in Berlin-Friedenau fast Tür an Tür, wechselten jahrelang aber kein Wort. Hinzu kommt, dass er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Kollegen ungebetene Ratschläge gab: »Wer schreibt den großen Roman über den blauen Himmel über der Ruhr?«, sagte Grass im Literarischen Colloquium mit Blick auf Nicolas Born, der aus Essen kam und stotternd darlegte, dass er andere Prioritäten habe – »blauer Himmel über der Ruhr« war ein Wahlkampfslogan der SPD. »Und wer schreibt den großen Roman über das Umkippen des Bodensees?« Bei diesen Worten fixierte er mich, der ich in Bonn und Marseille aufgewachsen war und die Bodensee-Region nur vom Hörensagen kannte. Ich verwies stotternd auf den am Bodensee wohnhaften Martin Walser, doch den hatte er schon vergeblich gefragt. Das war im Winter 1963/64 in Westberlin. Kurz zuvor war ich Grass in Saulgau erstmals begegnet, wo er mich in Schutz nahm gegen die vernichtende Kritik der Koryphäen Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens.




