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Günter Grass ist tot – er starb am 13. April, meinem Geburtstag, und erst jetzt kann ich ermessen, was er für mich und meine Generation bedeutet hat. Grass war eine Vaterfigur, die ein halbes Jahrhundert lang der deutschen Literatur ihren Stempel aufgedrückt und die Wahrnehmung der Bundesrepublik im In- und Ausland geprägt hat. Der Schatten, den dieser Übervater warf, war übergroß, und vielleicht erklärt das, warum ich mich seinem Einfluss entzog und nicht in seine Fußstapfen trat, obwohl er trotzdem bestimmend blieb. Dabei denke ich an seine moralisch-politische Haltung, nicht an den barock verschnörkelten Stil und die mäandernde Erzählweise, die kaum Nachahmer fanden, während seine mit Selbstherrlichkeit gepaarte Rechthaberei eher zum Widerspruch reizte als zur Zustimmung. Doch selbst dort, wo er sich vergaloppierte mit Vorurteilen gegen abstrakte Kunst und postmoderne Literatur, Computer und Handys oder gegen Angela Merkel, die er »Petzliese« nannte, waren seine Irrtümer getragen von bürgerschaftlichem Engagement, das nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch, nein: von Herzen kam und deshalb Respekt verdient.
Auf dem Campus der Freien Universität wurde Grass ausgebuht, als er im Juni 1967, nach den Schüssen auf Benno Ohnesorg, für das Existenzrecht Israels plädierte, das er kurz vor dem Sechstagekrieg besucht hatte. Das Pfeifkonzert der Studenten gellt mir noch jetzt in den Ohren. Aber das war harmlos verglichen mit der Entrüstung, die ihm entgegenschlug, als er vor Israels Atombombe warnte in einem Gedicht, das eher einem Leitartikel ähnelte. Wie im Gleichnis vom Schmetterlingsflügel, der einen Orkan verursacht, lösten die prosaisch klingenden Verse eine Medienkampagne aus. Doch die vermeintliche Gleichsetzung Israels mit dem Iran rechtfertigt es nicht, Grass als Antisemiten an den Pranger zu stellen, und es spricht für Martin Walser, dass er sich bei einer Diskussion im Springer-Verlag weigerte, den Freund und Kollegen in Grund und Boden zu verdammen.
All das wiederum war ein Sturm im Wasserglas verglichen mit der geballten Empörung, die Grass traf, als er in seiner Autobiographie Vom Häuten der Zwiebel seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS gestand – im Gespräch mit Klaus Wagenbach soll er dies schon früher angedeutet haben. Doch selbst wenn Grass ein von der NS-Ideologie verführter Kindersoldat war, drängt sich der Verdacht auf, dass er die Wahrheit für sich behielt, weil sie seiner Anwartschaft auf den Nobelpreis geschadet hätte – ein taktisches Kalkül, das den moralischen Anspruch des Autors konterkariert.
Unabhängig davon ist zu unterscheiden zwischen Grass als öffentlicher Person, die wie ein heidnischer Donnergott Blitze schleuderte, verletzend grob und übellaunig sein konnte, und der Privatperson, die höflich, zuvorkommend und aufmerksam, ja liebenswert war, ein perfekter Gastgeber und begnadeter Koch. Dazu gehört, dass er notleidenden Kollegen schnell und unbürokratisch half mit privaten Darlehen, Stipendien und von ihm gestifteten Literaturpreisen, ohne sich seiner guten Taten zu rühmen.
Literarisch war Günter Grass kein Vorbild für mich, obwohl er mir näherstand als etwa Heinrich Böll, der mir eher wie ein weiser Großvater erschien. Was mich als angehenden Autor faszinierte, war das Frühwerk von Peter Weiss, vom Schatten des Körpers des Kutschers bis zu seinem Drama Marat/Sade, das Grass mit Die Plebejer proben den Aufstand vergeblich zu toppen versuchte. Der Autor der Blechtrommel war selbst ein Plebejer, kein klassenbewusster Proletarier, sondern ein Kleinbürger, der den Kolonialwarenladen nicht verleugnete, für den er Schulden eingetrieben hatte, und zugleich ein genialer Vermarkter des eigenen Ruhms. »Dein Name muss jede Woche in der Zeitung stehen – egal womit«, sagte er in der Paris Bar bei einem Steak Minute, zu dem er mich einlud, nachdem ich ihm klargemacht hatte, dass und wie ich die Blechtrommel zu überbieten gedachte.
Unter der Ägide von Günter Grass schrieb ich im Sommer 1965 Wahlreden und Slogans für Willy Brandt – zusammen mit Nicolas Born, Hubert Fichte und anderen Autoren, aber 1968 trennten sich unsere Wege: Grass plädierte für Reformen, während ich, Hans Magnus Enzensberger folgend, für die Weltrevolution optierte, die unter dem Motto Schreibmaschinen für Vietnam im Berliner Bundeseck tagte – ein Massenwahn, der selbst kluge Köpfe ergriff. In seinem Tagebuch einer Schnecke hat Grass Nicolas Born und mich mit Hohn und Spott karikiert.
Die Verstimmung währte nicht lange, denn bald darauf sahen wir uns wieder bei privaten Lesungen in Ostberlin, die Staat und Partei in Verwirrung stürzten, weil sie weder erlaubt noch verboten waren. Unsere Gespräche wurden abgehört, doch die Stasi wurde nicht schlau daraus, weil sie von Literatur handelten – Politik blieb außen vor. Doch das Versprechen des SED-Vorsitzenden, in Kunst und Literatur gäbe es fortan keine Tabus, schien ein Versprecher zu sein, denn der Honeymoon von Geist und Macht endete mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns, die einen Exodus der DDR-Literatur nach sich zog – unsere Gesprächspartner fanden sich nolens volens im Westen wieder.
Bei privaten Treffen in Ostberlin las Grass aus Der Butt und Das Treffen in Telgte, zwei Texte, die mir bis heute gut gefallen, während ich mit der Rättin und dem Wende-Roman Ein weites Feld nichts anfangen konnte – letzterer schien mir gründlich missraten. Mit der Novelle Im Krebsgang über den Untergang der Wilhelm Gustloff fand Grass zu alter Form zurück, und sein Roman über Grimms Wörterbuch harrt einer Wiederentdeckung.
Nach seiner Übersiedlung von Berlin nach Lübeck sahen wir uns nur noch sporadisch: Bei sogenannten »Friedensgesprächen« mit DDR-Autoren, die ihre Treue zur SED bekundeten. Oder bei einer Diskussion mit Wolfgang Thierse in der Akademie der Künste, wo ich, aus dem Grenzgebiet Pakistan-Afghanistan zurückgekehrt, von Grass zurechtgewiesen wurde, weil er keinen Widerspruch vertrug. Sowie, last but not least, in seinem Landhaus an der Algarve, wo er sich mit einem gebratenen Butt dafür revanchierte, dass ich Jahre zuvor in New Yorks Chinatown die Zeche bezahlt hatte, weil Grass wie immer kein Geld bei sich hatte. Das Knacken, mit dem er die Schwanzflosse des Butts zwischen den Kiefern zermalmte, nahm das Geräusch vorweg, das aus seinem Grab dringt, wenn er, wie in seinem letzten Willen angedroht, unter der Erde Nüsse knackt.
Nachmittag eines Fauns
Zu Gast bei Martin Walser
Er sieht aus wie Bismarck, nur ohne dessen eisgrauen Schnurrbart, und seine sonst volltönende Stimme klingt brüchig und heiser, obwohl Bismarcks Stimme – das geht aus einem kürzlich entdeckten Tondokument hervor – flach und blechern klang. Seine buschigen Augenbrauen erinnern an Breschnew, aber hier hören die Vergleiche auch schon auf. Die Rede ist von Martin Walser, dem ich auf der Terrasse seines Hauses in Nussdorf gegenübersitze, und statt den Ausblick auf den vom Wind bewegten Bodensee zu genießen, muss ich erzählen, was mich hierher verschlagen hat.
Es war im Sommer 2012, und ich hatte mich selbst eingeladen, um Martin Walser Dank abzustatten für die Herausgabe von Vorzeichen zwei, einer Anthologie junger, damals noch unbekannter Autoren, die meine ersten, unverlangt eingesandten Texte enthielt. Das ist über ein halbes Jahrhundert her, und es wäre nicht der Rede wert, hätte der von Walser betreute Sammelband mir nicht einen Vertrag mit Suhrkamp und eine Einladung zur Gruppe 47 eingebracht. Dabei bin ich kein Walser-Fan und auch kein Kenner seines Werks. Weder habe ich all seine Bücher gelesen noch war und bin ich mit seinen politischen Interventionen immer einverstanden: Walsers frühzeitiges Eintreten für die Wiedervereinigung imponierte mir, aber seine Paulskirchen-Rede irritierte mich. Aus seiner Dissertation über Kafka habe ich viel gelernt, wie auch aus seinem theologischen Essay über Rechtfertigung. Und es gefiel mir, wie er kürzlich im Springerhaus alle Versuche, ihn zur Verdammung von Günter Grass zu bewegen, von sich abtropfen ließ, ohne dessen Israel-Kritik gutzuheißen. Doch mein Wunsch, Martin Walser zu treffen, hatte nichts zu tun mit dem durch inflationären Gebrauch entwerteten Antisemitismus-Vorwurf, sondern mit dem Wunsch, den letzten Dinosaurier der deutschen Literatur in seiner natürlichen Umgebung agieren zu sehen.
Ist Walser ein Tyrannosaurus Rex? Diese Charakterisierung passt eher auf Günter Grass, denn trotz oder wegen seines cholerischen Temperaments ist Martin Walser ein Pflanzenfresser, der Bäume abweidet, um Literatur daraus zu machen, also ein Papiertiger: Wenn ich richtig gezählt habe, hat er dreißig Romane veröffentlicht, dazu je zehn Theaterstücke, Essay- und Erzählbände – Tagebücher, Gedichte, Hörspiele und Filmszenarien nicht mitgerechnet. Martin Walser ist der produktivste Autor der Gegenwart, kein Vielschreiber, sondern ein springender Brunnen – so der Titel eines Romans – dessen Vitalität auch im Alter ungebrochen ist. Die Schaffenskraft hat ihren Preis, denn anders als die ständige Einmischung in öffentliche Belange vermuten lässt, vollzieht sich die Umwandlung des Lebensstoffs zu Lesestoff in der Stille und Abgeschiedenheit eines ländlichen Domizils, und die Bodenhaftung, nein: Bodenseehaftung war die Voraussetzung für die Entstehung seines Werks. Hier ist ein zusätzliches Paradox zu konstatieren, denn Walsers beredte Klage über den Zwang, recht haben zu müssen, dem er die christliche Rechtfertigungslehre entgegenstellt – wir sind weder durch unsere Taten noch durch den Glauben gerechtfertigt, sondern allein durch Gott –, steht im Widerspruch zu den Wortmeldungen des Autors, die nicht frei sind von Rechthaberei – kein Wunder auf Walsers langem Marsch von der SPD über die DKP zur CSU, der er sich in Wildbad Kreuth andiente.
In seiner Phänomenologie kritisiert Hegel die »geistlose Freiheit des Meinens«, die nur »Anspielungen auf witzige und scheinbare Beziehungen« darbiete, und als ich diesen Satz zitiere, bricht Martin Walser in Gelächter aus und stößt mir den Ellbogen in die Rippen, eine Geste, mit der er spontane Zustimmung wie auch jugendlichen Übermut zum Ausdruck bringt. Dazu passt seine Antwort auf die Frage, was ihn kürzlich nach Hildesheim geführt habe, eine Buchpremiere oder ein Vortrag? Nichts dergleichen: Es war sein Freund Georg Olms, Chef des bekannten Reprint-Verlags, dem Martin Walser, Jahrgang 1927 wie Olms, zum Geburtstag eine Festrede hielt. Georg Olms ist ein passionierter Pferdezüchter und Pistolenschütze, aber als er vorschlug, nach dem Essen zum Schießstand in den Keller zu gehen, lehnte Walser ab, um den Jubilar nicht versehentlich totzuschießen.
Martin Walser hat eine jungenhafte Unbekümmertheit, ja Naivität, gepaart mit lausbübischer Ironie, die in erzählender Prosa gut rüberkommt, bei seinen politischen Interventionen aber oft überhört oder überlesen wird, so als seien öffentliche Stellungnahmen Gesetzestafeln und nicht bloß Wegmarken am Straßenrand. »Ich hatte nicht das Gefühl, einem Mönchsorden beizutreten, als ich 1968 den Boykottaufruf gegen die Springerpresse unterschrieb«, sagte Walser bei dem oben erwähnten Gespräch im Springerhaus, und es sei durchaus möglich, dass er sich mit dem Zeitungsverleger gut verstanden hätte, dessen Engagement für die Wiedervereinigung, aber auch für Israel, er nachträglich Respekt erweist, obwohl er ihm nie persönlich begegnet ist.
Umgekehrt, erzählt Martin Walser am Kaffeetisch, während seine Frau Aprikosenkuchen kredenzt, wollte Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld von seinen Autoren nicht nur als Verleger ernst genommen werden, sondern als Intellektueller, der er nicht wirklich gewesen sei: Fürs Geistige seien die Lektoren zuständig gewesen – allen voran Walter Boehlich. Ich weiß, wovon Martin Walser spricht, denn im Umgang mit Siegfried Unseld hatte ich eher das Gefühl, einem Skilehrer zu begegnen als einem feinsinnigen Literaten, und habe seinen Genius als Verleger, aber auch seine intellektuelle Kapazität unterschätzt. Martin Walser lacht hell auf, als ich ihm erzähle, dass Unseld mich mit einem Salär von hundert Mark im Monat für Suhrkamp köderte – 1963 war das viel Geld, und er boxt mich in die Seite, als er hört, dass der Verlagschef meine Frau, um mit ihr anzubändeln, zum Skiurlaub einlud. »Das Skifahren habe ich ihm beigebracht«, sagt Walser stolz, aber Siegfried Unseld sei der bessere Schwimmer von beiden gewesen. Und er erzählt nicht ohne Bitterkeit, wie der Verleger und er sich in den achtziger Jahren entfremdet hätten, weil eine neu hinzugekommene Person einen Keil in ihre Freundschaft trieb.
»Und wer war diese Person?« – »Namen sind Schall und Rauch!«
Das stimmt nicht ganz, denn die Namen von Walsers Romanhelden sind Programm – ähnlich wie bei Kafka, dessen Protagonisten Gregor Samsa und Josef K. schon in der Namensgebung auf den Autor verweisen. Gottlieb Zürn zum Beispiel, »ein leidenschaftlicher Verundeutlicher, der an allem, was er verundeutlicht, keinen Zweifel lässt, und Wendelin Krall, der darauf besteht, ein rückhaltloser Verdeutlicher zu sein«. In der doppelten Bewegung dieses Satzes (aus Der Augenblick der Liebe) charakterisiert Walser sich selbst als Doktor Jekyll und Mr. Hyde, aber das dahinterstehende Prinzip hat er schon Anfang der fünfziger Jahre in seiner Doktorarbeit benannt: »Soll man mir nachsagen dürfen, dass ich am Anfang des Prozesses ihn beenden wollte, und jetzt, an seinem Ende, ihn wieder beginnen will?«, fragt Josef K. in Kafkas Process, und Martin Walser kommentiert: »Dass jeder Existenzbehauptung die Aufhebung folgt, aber der Lebenswille eines Menschen durchbricht sie insofern, als er seine Existenz trotz der immerwährenden Aufhebung weiter behauptet.«
Dialektisch gesprochen, geht es um die Negation der Negation, und hier wird sichtbar, dass und wie die Infragestellung des eigenen Ichs im Existenzialismus der Nachkriegszeit wurzelt, als Martin Walser Theologie und Philosophie studierte – die Spätfolgen dieser frühen Prägung lassen sich an seinem Essay über Rechtfertigung ablesen, der um Karl Barth kreist. Anders ausgedrückt: Schreiben ist ein Modus des Seins, und die Literatur hat ihre eigene Wahrheit, die mit den Pseudogewissheiten der Politik nicht oder nur begrenzt kompatibel ist. Politische Meinungen dagegen sind etwas Erworbenes, das man wie Kleider zur Schau stellen und auch wieder ablegen kann. Vielleicht hat Kafka deshalb zu Gustav Janouch gesagt, auf politischen Versammlungen hätten ihn die Redner aller Parteien stets vollkommen überzeugt – ein Satz, der Martin Walser so gut gefällt, dass er mir zum dritten Mal an diesem Tag in die Rippen boxt.
Hans Magnus Enzenbergers langer Weg nach Westen
Wer war oder ist Hans Magnus Enzensberger? Obwohl ich ihn seit über einem halben Jahrhundert kenne und nie aus den Augen verlor, bleibt seine Persönlichkeit mir so rätselhaft wie seine literarische Physiognomie. Beim Schreiben seines Erinnerungsbuchs mit dem sprechenden Titel Tumult muss es ihm ähnlich ergangen sein, denn der Blick zurück auf die Zeit um 1968, eine wichtige Weichenstellung seines Lebens, fördert zwar unbekannte, wissenswerte und überraschende Einzelheiten zutage, aber Enzensberger tut sich schwer, zu sagen, was er wollte und wer er war. Beim Häuten der Zwiebel hat Günter Grass das jedem Memoirenschreiber vertraute Dilemma genannt, doch der Verfasser der Blechtrommel blieb seiner Geburtsstadt, sich selbst und der SPD treu und legte, von Buch zu Buch, neue und aktualisierte Versionen der Danzig-Trilogie vor. Anders Hans Magnus Enzensberger, der sich in jeder Schaffensphase neu erfand, bis er selbst nicht mehr wusste, hinter welcher Facette seiner multiplen Persönlichkeit das Ich des Autors sich verbarg:
»Sein wahres Wesen kennen wir nicht; ein Geschöpf, an dem seine und unsre Einbildungskraft nicht weniger teilhat als die Geschichte: ein Kobold und Bürgerschreck, Komödiant, erotisches Genie, genialer Sammler wunderbarer Geistesschätze, aber auch ein radikaler Artist, der Verse ohne Vorbild schrieb, auf der Höhe seines Lebens von einer Bekehrung ereilt, die sein Leben in zwei Stücke gespalten hat, unberechenbar, nie ganz zu durchschauen …«
Ich habe mir die Freiheit genommen, stark verkürzt aus Enzensbergers Doktorarbeit über Brentano zu zitieren, ohne den Dichter beim Namen zu nennen, um deutlich zu machen, wie verblüffend genau der in den fünfziger Jahren geschriebene Text den Werdegang seines Autors vorwegnimmt, einschließlich der politischen Bekehrung, die diesen zehn Jahre später »ereilte«.
Damit nicht alles falsch wird, eine Einschränkung: Enzensbergers Wandlung vom Dichter zum Revolutionär geschah nicht über Nacht, und anders als etwa Peter Weiss hat er sich nie zum »real existierenden« Sozialismus bekannt und blieb auch in seiner dogmatischen Phase ein Nonkonformist. Aber es gibt einen Text vom Februar 1968, der einer Konversion zum Marxismus nahekommt, ein politisches Fanal, das Enzensberger nachträglich zu bagatellisieren versuchte mit dem Hinweis, der offene Brief an den Präsidenten der Wesleyan University sei ohne sein Zutun an die Öffentlichkeit gelangt:
»Herr Präsident, ich halte die Klasse, die die USA beherrscht, und die Regierung, die ihr als Werkzeug dient, für die gefährlichste menschliche Gruppierung der Erde … Sie führt gegen mehr als eine Milliarde Menschen einen nicht erklärten Krieg … Ihr Ziel ist es, ihre politische, ökonomische und militärische Vorherrschaft über jede andere Macht der Welt zu errichten. Ihr Todfeind ist die revolutionäre Umwälzung … Ich habe mich entschieden, nach Cuba zu gehen und dort geraume Zeit zu arbeiten. Das bedeutet für mich kaum ein Opfer; ich fühle einfach, dass ich vom cubanischen Volk mehr lernen und dass ich ihm von größerem Nutzen sein kann als den Studenten der Wesleyan Universität.«
Ich weiß noch, mit welcher inneren Erregung ich diese Sätze las. Ich studierte damals am Writers’ Workshop der University of Iowa und erwog ernsthaft, mein Stipendium aufzukündigen, statt einer verbrecherischen Großmacht als Feigenblatt zu dienen. Für Autoren meiner Generation war Enzensberger eine unbezweifelte Autorität, und ich beneidete ihn um das Privileg, nach Kuba zu gehen, damals eine terra incognita, deren Betreten wenigen Auserwählten vorbehalten war. Dass Enzensbergers Kuba-Aufenthalt zum Fiasko werden würde, ahnte weder er noch ich. Aber es kam noch dicker: Im nächsten oder übernächsten Kursbuch, der Hauspostille der Neuen Linken, empfahl Enzensberger jungen Autoren wie mir Günter Wallraff als Vorbild und verkündete den Tod der Literatur mit den Worten: »Für literarische Kunstwerke lässt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben.«
Beim Wiederlesen dieses und anderer Texte von 1968 fällt auf, dass sie ein dadaistisches Element enthalten: Die Lust an der Provokation geht einher mit der augenzwinkernden Versicherung, es sei nicht so ernst gemeint. Enzensberger hielt sich eine Hintertür offen: Statt ihn zu lähmen, scheint die These vom Tod der Literatur seine Produktivität beflügelt zu haben. Mir ging es umgekehrt; ich war zutiefst verunsichert, als habe man mir den Boden unter den Füßen weggezogen, denn seit der ersten Begegnung mit ihm blickte ich bewundernd zu Enzensberger auf. Gegen die einschüchternde Kritik von Ernst Bloch, der mich auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollte, verteidigte Enzensberger meinen Text mit den Worten, es handle sich um Kaspertheater. Auch die Studentenrevolte war Kaspertheater – bekanntlich folgt auf die Tragödie die Farce. Aber statt weiter herumzualbern, studierte ich marxistische Theorie, die – von Marx bis Marcuse – weit entfernt war von linksradikaler Verachtung der Literatur: Klassisches Erbe hieß der Fachausdruck dafür.
Was erlebte Enzensberger in Kuba? In einem im Kursbuch abgedruckten Aufsatz bekannte er sich halbherzig zur kubanischen Revolution, und man musste sehr genau zwischen den Zeilen lesen, um die Desillusion zu spüren, die der Autor dabei empfand. Der Text war eine lustlose Pflichtübung – nicht nur wegen der Rekordernte von einer Million Tonnen Zuckerrohr, für die Enzensberger selbst die Machete schwang: ein von Castro diktiertes Produktionsziel, das Kubas Wirtschaft um Jahre zurückwarf. Schlimmer noch war die Verhaftung des mit Enzensberger befreundeten Dichters Padilla, der zu demütigender Selbstkritik gezwungen wurde; noch schlimmer die von Che Guevara lancierte Kampagne gegen Schwule, die in Umerziehungslager gesteckt wurden, weil sie »die Reinheit der Revolution beschmutzten«. Doch es dauerte Jahre, bis Enzensberger Tacheles redete – nicht im Kursbuch, sondern dort, wo man es am wenigsten erwartete, in seinem Poem vom Untergang der Titanic:
»Schuhe gab es nicht und keine Spielsachen / und keine Glühbirnen und keine Ruhe, / Ruhe schon gar nicht, und die Gerüchte / waren wie Mücken. Damals dachten wir alle: / Morgen wird es besser sein, und wenn nicht / morgen, dann übermorgen. Na ja – / Wir wussten nicht, dass das Fest längst zu Ende, / und alles Übrige eine Sache war / für die Abteilungsleiter der Weltbank / und die Genossen von der Staatssicherheit.«
Enzensberger nennt hier die Dinge beim Namen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war Gastprofessor in Havanna und bekam am Ende des Semesters mit großer Geste eine Papiertüte mit sechzehn Dollar überreicht, dem Spitzengehalt eines Chefarztes – Prostituierte verdienten in einer Nacht zehnmal so viel. »Das höchste Stadium der Unterentwicklung«: So nannte Enzensberger, auf Lenin anspielend, seine Abrechnung mit dem Realsozialismus, die nicht mehr im Kursbuch, sondern in Transatlantik zu lesen war – schon der Titel des an amerikanischen Vorbildern orientierten Magazins signalisiert, dass der Autor auf seinem langen Weg im Westen angekommen war.
Auf Kursbuch und Transatlantik folgte Die Andere Bibliothek – jeder Band war ein Geniestreich, für den Enzensberger ein Logenplatz im Pantheon der Herausgeber und Verleger gebührt. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, die offizielle Geschichte, deren inoffizielle Version er in den Memoiren erzählt, wo er dem Leser erstmals Einblick in sein sorgsam abgeschirmtes Privatleben gewährt.
Russischer Roman heißt der Hauptteil seines Buchs, den er in einem Schuhkarton im Keller entdeckt haben will, Aufzeichnungen von Reisen der sechziger Jahre in die UdSSR, wo Enzensberger seiner zweiten Frau Maria Makarowa begegnete und zusammen mit Sartre und anderen Koryphäen der Literatur Nikita Chruschtschow vorgestellt wurde. Das Porträt des bauernschlauen Parteichefs ist ein Kabinettstück präziser Beobachtung, gipfelnd in der Feststellung: »Von seiner größten politischen Leistung ahnt er nichts. Sie liegt in der Entzauberung der Macht … Den Personenkult dementiert er nicht allein ideologisch, sondern durch seine Person.« Dramatischer als jede Haupt- und Staatsaktion aber war die Liebe zu Mascha, der Tochter des Schriftstellers Alexander Fadejew, die Enzensberger, bürokratische Hürden überwindend, in Moskau heiratete und die sich Jahre später in London, dem Beispiel ihres Vaters folgend, das Leben nahm.
Anders als gewöhnliche fellow travellers ließ Enzensberger sich kein X für ein U vormachen und hatte den Propagandaschwindel durchschaut, noch bevor er die oben erwähnte Konversion vollzog. Der Verfasser der Memoiren bekennt seine Ratlosigkeit angesichts dieser Paradoxie, die er nachträglich so kommentiert: »Auch der Mensch war mir fremd, den ich in den Papieren, die ich in meinem Keller fand, angetroffen habe … Ich sah nur eine Möglichkeit, mich ihm zu nähern: Ich wollte ihn ausfragen. Doch war mir weder an einem Verhör noch an einer Beichte gelegen … Das Einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Lieber, was hast du dir bei alledem gedacht?«
»Sag mir wo du stehst«, lautete ein besonders dümmlicher Refrain aus der ehemaligen DDR, und wer Antworten auf diese und ähnliche Fragen erhofft (Warum schreiben Sie? Wen oder was wollen Sie mit Ihren Büchern erreichen?), der ist bei Enzensberger an der falschen Adresse. Auch Liebhaber erotischer Indiskretionen kommen nicht auf ihre Kosten: Nur einmal vergreift der sonst so stilsichere Autor sich im Ton, wenn er von »nie gevögelten Mädchen« spricht. »Notwendige Fehler sind solche, die jeder andere würde vermieden haben«, schreibt Lessing in seinem Laokoon-Essay, und dazu gehören gelegentliche Ausrutscher wie die Gleichsetzung Saddam Husseins mit Hitler oder die Aufforderung an alle, Handys und Smartphones in den Mülleimer zu werfen. Der Dichter braucht »einen Restbestand von Naivität« heißt es im Schlusskapitel seines Erinnerungsbuchs – gerade das sei es, was der Literatur ihren Freiheitsgrad verschafft. Und Enzensberger setzt hinzu: »Ein Schriftsteller, der Vorschriften für andere Schriftsteller aufstellt, ist ein Idiot.« Demgegenüber meinte Walter Benjamin, ein Schriftsteller, der andere Schriftsteller nichts lehrt, lehre niemanden etwas. Diesen Satz könnte ich Enzensberger entgegenhalten, aber ich lasse es bei der Drohung bewenden.




