- -
- 100%
- +
Paul, der mit Abstand am meisten gebechert hatte, hatte damit zu tun, nicht vom Sessel zu rutschen. Er bereute es jetzt, dass er es erzählt hatte.
„He, Paul!“
Es dauerte eine Weile, ehe die Worte sein umnebeltes Gehirn erreichten.
„Was ist los, Kleiner?“
Vincent blickte unschlüssig drein. Er überlegte, ob es böse gemeint war, entschied sich dann, dass es das nicht war und suchte nach passenden Worten. Wieder vergingen Sekunden, und dann meldete Vincent sich wieder – allerdings anders als erwartet. Statt etwas zu sagen, schnarchte er lautstark.
Paul lachte. Diese Jugend, dachte er, halten nichts mehr aus, die jungen Burschen! Mit einem fröhlichen Pfeifen zog er an seiner Kippe. Seine gute Laune war schlagartig wieder da. Er drehte sich in Jeromes Richtung und lachte.
„Ist das denn die Möglichkeit? Der pennt wie ein Murmeltier!“
Jerome hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt. Auf den ersten Blick schien es unmöglich, so verdreht dazusitzen und dabei auch noch zu schlafen. Paul musste ein zweites Mal hinsehen. Er konnte es kaum glauben, aber es blieb so: Jerome schnuffelte tief und fest. Paul lachte ohne jegliche Hemmungen, und er hörte erst auf, als jemand hinter ihm unwirsch stöhnte. Da es aber nur ein verschlafenes Stöhnen war, machte er weiter. Irgendwann dann hatte er davon genug. Es kündigte sich bereits ein leichter Kopfschmerz an, und er erhob sich schwerfällig. Das war alles andere als leicht, weil er ziemlich betrunken war und der blöde Sessel partout nicht stehenbleiben wollte. Nach einigem Hin und Her, bei dem er es auch nicht versäumte, dem Sessel ein „Sitz!“ zu befehlen, gelang es ihm schließlich.
Den Frechdachs von Sessel zu besiegen, war aber nur die halbe Miete. Paul stand noch einiges bevor. Auf wackligen Beinen stolperte er durchs Zimmer. Er kam sich fremd vor, wie ein Einbrecher. Alles um ihn herum lag in tiefem Schlaf, und er tappte durch eine fremde Wohnung. Ein Einbrecher machte es nicht anders. Der Gedanke war so absurd und gleichzeitig so komisch, dass er schon wieder zu lachen begann. Diesmal um einiges lauter. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er die ersten aus ihrem Delirium riss. Zum Glück gab es ein totsicheres Mittelchen dagegen: Er biss sich auf die Lippe, und der Schmerz trieb ihm sein Gelächter schnell wieder aus.
Nachdem er sich etwas gefangen hatte, trottete er weiter. Er wusste nicht recht, was er vorhatte, war sich gleichzeitig aber auch nicht sicher, ob er das überhaupt wissen wollte. Langsam schlich er an den Sessel, auf dem Jerome schnarchte und stapfte mit hängenden Schultern an ihm vorbei wie Quasimodo, der Glöckner von Notre Dame. Einen Moment dachte er, es sei sein schlechtes Gewissen, das ihn verleitete, krumm zu gehen, dann merkte er, es lag am Suff.
Was habe ich vor? Warum schleiche ich hier wie ein Dieb in der Nacht rum? Und warum zum Teufel werde ich das Gefühl nicht los, dass es mir kein bisschen gefallen wird? Pauls Unbehagen wuchs mit jeder Sekunde. Vielleicht war es ja doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Wer konnte das so genau sagen?
Schließlich trugen seine Füße ihn zur Hausbar. Sein Erstaunen darüber wich schnell Erleichterung. Im Gedanken hatte er sich schon bei etwas weitaus Schlimmerem gesehen. Er war überzeugt davon gewesen, den Safe plündern zu wollen. Oder, was noch schlimmer gewesen wäre, er hatte sich selbst gesehen, wie er mit Benzinkanister und Streichhölzern bewaffnet irre gackernd durch die Bude rannte. Und er hatte sich mit Jeromes Ferrari auf einen Baum zurasen sehen. Das alles wäre katastrophal gewesen; wenn es dabei blieb, die Hausbar zu plündern, konnte er das gerade noch mit seinem Gewissen vereinbaren. Und während er das noch dachte, griff er schon wie ein Schiffbrüchiger nach allem, was ihm in die Finger kam und stürzte torkelnd damit aus dem Haus.
Das Ergebnis seines Raubzuges konnte sich sehen lassen. Es war so viel, dass es an ein Wunder grenzte, dass er nicht vornüber fiel. In den Händen hielt er eine Schachtel kubanische Zigarren, drei Flaschen edelsten Whiskey und zu guter Letzt noch zwei Flaschen Rum. Ein beachtlicher Fang.
Paul entriegelte die Tür an seinem Wagen, warf alles nach hinten auf den Notsitz, hüpfte hinein und startete.
Keine fünf Minuten später fuhr er lachend durch die Dunkelheit. Sein Gelächter klang hysterisch und es war so laut, dass es sogar den Motor übertönte. Er hatte echt eine Menge gebechert, aber seltsamerweise war von seinem Rausch nicht mehr allzu viel übrig. Jedenfalls empfand er es so. Er fühlte sich so nüchtern wie seit Tagen nicht mehr. Nicht nur das versetzte ihn in Euphorie – es kam auch noch hinzu, dass er sich fühlte, als könne er mit bloßen Händen Bäume ausreißen. Glatt zwanzig Jahre jünger. Ein geiles Gefühl.
Irgendwo tief in seinem Inneren wusste ein verborgener Teil von ihm (sagen wir einfach, sein rationales Denken, okay?), dass er keineswegs nüchtern war, sondern sternhagelvoll. Und dieser tief verborgene Teil wusste auch, dass eine Menge schiefgehen kann, wenn man in diesem Zustand den Fehler beging, ein Fahrzeug zu lenken. Dieser niedliche, klitzekleine Teil hätte am liebsten laut gekreischt – wie eine Frau, der eine Spinne mit langen, eklig behaarten Beinen über den Weg läuft. Da dieser Teil nun aber nur ein niedliches kleines Bürschchen war, vollbrachte er nur ein Flüstern. Schließlich musste er gegen eine nicht unerhebliche Menge Rauschmittel und gegen fast ebenso viele körpereigene Endorphine ankämpfen, und das war für den kleinen Racker einfach zu viel. Egal, was er auch versuchte, um auf sich aufmerksam zu machen: Es reichte nicht, um bis zu Pauls Verstand durchzudringen. Was zu ihm durchkam, war nur die verräterische Stimme des Leichtsinns. Sie sprach so deutlich zu ihm, als säße sie auf seinen Schultern: Gib ruhig noch etwas mehr Gas! Los, komm schon! Oder traust du dich etwa nicht?
Und ob Paul sich traute! Er packte das Lenkrad noch fester, klemmte die Whiskeyflasche zwischen die Oberschenkel und gab Vollgas.
Wie ein Hurrikan sauste der Porsche durch die Dunkelheit. Die Geschwindigkeit wäre schon im nüchternen Zustand grob fahrlässig gewesen, da er aber alles andere als nüchtern war, war es mehr als nur wahnsinnig. Es war selbstmörderisch. Seine Reaktionen und Bewegungsabläufe waren beängstigend langsam. Um die Flasche an seinen Mund zu führen, brauchte er sagenhafte fünfundzwanzig Sekunden. Aber sein Zustand hatte trotz allem einen Vorteil: Er verschwendete weder an Jeannine noch an Jerome einen Gedanken. Einen kurzen Moment fragte er sich, wie er reagieren würde, wenn er sah, was Paul hatte mitgehen lassen. Aber das dachte er nur kurz, bevor er losgefahren war. Jetzt war auch das in weite Ferne gerückt.
Der Porsche schoss wie ein Pfeil durch die Nacht und dröhnte und fauchte wie ein Jet. Gar kein so ungewöhnliches Geräusch, wenn nicht ständig das Getriebe aufgeschrien hätte, weil er beim Gangwechsel das Kuppeln vergessen hatte. Paul litt beinahe mit dem Getriebe mit und nahm sich fest vor, es beim nächsten Mal bestimmt zu tun. Aber als es dann soweit war, war der gute Vorsatz vergessen und das Getriebe kreischte und knirschte, als hätte es Sand als Schmiermittel.
Mit einem Mal wurde es schwarz und still um ihn herum. Die Dunkelheit und Stille kamen so plötzlich, dass er erst gar nicht bemerkte, was da vorging. Als wäre er in eine andere Dimension gewechselt. Alles verschwand. Nichts war mehr da.
Schläfrig blinzelte Paul. Alles um ihn herum war grell, als säße er direkt neben der Sonne. Etwas war ganz und gar nicht so, wie es hätte sein sollen. Aber im Moment bemerkte er davon noch nichts. Er spürte nur einen ungeheuren Druck auf seinem Körper lasten, ohne zu wissen, woher er kam.
Paul schloss die Augen wieder; es war zu grell. Die gleißende Helligkeit drang sogar durch seine Lider. Es war so hell, dass er befürchtete zu erblinden.
Der Druck verstärkte sich noch etwas, aber ohne seine Herkunft preiszugeben. Ihm wurde immer unheimlicher zumute. Nur ein klein wenig stärker, und ich werde zerquetscht wie ein Insekt! Lag er? Saß er? Oder stand er? All das entzog sich seiner Kenntnis. Und das ängstigte ihn so, dass er zitterte wie ein Kind in der Dunkelheit. Paul hatte noch nie zuvor solche Angst gehabt – und seien wir mal ehrlich: Es war auch verständlich. Schließlich weiß man immer, was man gerade tut. Ob man jetzt sitzt, liegt oder steht, man weiß es einfach. Es sei denn …
Es sei denn, man ist tot.
War er das vielleicht? War er gestorben?
Seine Gedanken geisterten fieberhaft umher. Ist das möglich? Ist das möglich? He, du Idiot! Wann willst du denn deiner Meinung nach gestorben sein? Glaubst du nicht auch, dass du das bemerkt hättest? Aber ein anderer Teil seines Verstandes meinte: Was soll ich denn bemerkt haben? Denkst du etwa, der Tod kommt mit Pauken und Trompeten, um einen zu holen? Nein, der kommt lautlos und auf schnellen Sohlen, verrichtet sein Geschäft und zieht weiter zur nächsten bemitleidenswerten Seele, deren Zeit abgelaufen ist! So sieht’s aus, Alter, so und nicht anders! Also, was bitteschön, soll ich bemerkt haben?
Wie lange sann er nun schon darüber nach? Waren es Sekunden? Waren es Tage oder sogar schon Jahrhunderte? Ihm kam es vor wie ein paar Sekunden. Aber konnte er sich dessen sicher sein? Vergeht die Zeit, wenn man tot ist (vorausgesetzt natürlich, es gibt dann noch so was wie Zeit) schneller? Oder langsamer? Niemand kann das beantworten. Die, denen es möglich wäre, schweigen, denn als Leiche schwätzt man bekanntlich nicht viel.
Entgegen aller widrigen Umstände amüsierte ihn diese Vorstellung. In seiner Phantasie sah er sich in einem Eichensarg liegen, stilvoll gekleidet: schwarze, bis zur Perfektion geputzte Schuhe, in denen er sich hätte spiegeln können, tadellos gebügelter Anzug ohne kleinste Falte, und natürlich eine schwarze Krawatte. Wie sie sich mit dem Anzug vertrug! Eine Wucht. Sogar das streng nach hinten gekämmte Haar versprühte Klasse. Die Bartstoppeln waren sauber abrasiert; im Leben war es Paul nicht allzu oft gelungen, die Rasur unbeschadet zu überstehen …
Seine Amüsiertheit ging langsam über in einen Lachanfall, und genau in diesem Moment dämmerte ihm, woher der seltsame Druck kam. Er hatte seinen Ursprung direkt unterhalb seiner Schädeldecke, und durch das Lachen wurde er verstärkt. Trotzdem war es schier unmöglich, damit aufzuhören. Der Drang war einfach unwiderstehlich. Vielleicht lachte er ja auch nur aus Erleichterung darüber, noch nicht den Löffel abgegeben zu haben?
Eine Welle aus Schmerz stieg über ihn hinweg, und mit ihr stürzten Erinnerungsfetzen auf ihn ein. Sie waren klein und bruchstückhaft, aber da er ja momentan nichts anderes zu tun hatte, machte er sich daran, sie zusammenzufügen. Wer weiß, dachte er, vielleicht erfahre ich ja so, wo ich bin.
Irgendwo vor sich sah er eine Straße. Sie war asphaltiert, links und rechts mit Begrenzungspfeilern markiert und schimmerte schwärzlich. Paul sah sie deutlich vor sich, konnte aber nicht erkennen, wohin sie führte. Bäume säumten ihren Rand, aber ob sie der Grund dafür waren, dass er ihrem Lauf nicht folgen konnte, wusste er nicht. Vielleicht lag es nur daran, dass es so dunkel war.
Von irgendwoher tauchte ein Scheinwerferkegel auf und bohrte sich durch die Dunkelheit. Das Licht kam schnell näher, aber es war unschwer zu erkennen, dass es noch ein Stück entfernt war. Es war beängstigend zuzusehen, wie sich der Kegel lautlos seinen Weg durch die Dunkelheit bahnte. Wie ein Geist oder Irrlicht. Er bohrte sich durch die Dunkelheit, als wüsste er genau, wohin er wollte.
Nach kurzer Zeit gesellte sich zu dem Licht ein Brummen. Anfangs hielt Paul es für einen Bären. Aber was sollte bitteschön ein Bär mit Licht anfangen? Also verwarf er den Verdacht. Allem Anschein nach war es ein Fahrzeug.
Wieder verstrich einige Zeit.
Mit einem Mal wurde das Brummen lauter, und auch der Lichtkegel hüpfte hektisch. Was auch immer es sein mochte, es war nicht mehr weit entfernt. Plötzlich richtete der Lichtstrahl sich genau auf ihn, als nähme er ihn ins Visier. Jetzt endlich erkannte Paul, dass das Licht von zwei nebeneinanderliegenden Lampen stammte. Weil sie ihn blendeten, sah er zu Boden, ein Reflex, er tat es unbewusst. Was aber jetzt geschah, war nichts als purer Überlebenswille.
Paul riss die Augen auf. Sein Herz setzte aus. Unter seinen Füßen war Asphalt, vor ihnen war Asphalt, und neben ihnen ebenfalls. Da brauchte man keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, wo man sich befand! Paul warf sich mit der ganzen Kraft seiner Beine nach links. Und genau das war sein Glück. Denn in diesem Moment kam das Fahrzeug herangerauscht. Obwohl Paul alle Kraft in den Sprung gelegt hatte, war es ihm, als käme er keinen Millimeter vom Fleck. Das Fahrzeug war jetzt schon gefährlich nahe. Der Fahrtwind schlug ihm wie eine Faust ins Gesicht. Und während er ihn spürte, war es ihm, als zerbrösele jeder Knochen in seinem Körper zu Mehl. Das war aber nichts im Vergleich dazu, was geschehen wäre, wenn er nur einen Wimpernschlag gezögert hätte. Jetzt erkannte er, dass der Wagen ein Porsche war. Aber es war nicht irgendein Porsche, es war sein eigener.
Wie war das möglich? Er musste sich verguckt haben. Dass er einer Sinnestäuschung erlegen war, war durchaus nicht weithergeholt, vor allem nicht nach diesem Kamikazesprung. Doch diese Erklärung akzeptierte Paul nicht. Er hatte das Kennzeichen gesehen. Alles hatte gepasst, von den Felgen bis zum Dach. Er liebte seinen Flitzer und kannte ihn wie seine Westentasche. Außerdem hatte er den Aufkleber „Stoppt Tierversuche! Nehmt Politiker!“ gesehen. Er pappte genau da, wo er sein sollte: rechts neben dem Nummernschild. Und hatte er nicht auch, als er die Luft gesegelt war, einen Blick auf den Fahrer erhaschen können? Er, Paul war es gewesen, er selbst, zweifellos. Aber wie war das möglich? Wie, zum Teufel?
Paul rollte aus, kam mit dem Rücken an einen Baum gelehnt zum Stillstand und starrte fassungslos dem Wagen hinterher. Die Bremslichter flackerten kurz auf, erloschen wieder, und dann wurde die Fahrt mit zunehmendem Tempo fortgesetzt.
„Scheißkerl, verfluchter!“, schimpfte Paul. „Wohl den Führerschein im Lotto gewonnen, was? Besoffenes Arschloch!“
Und da dämmerte ihm etwas, und er schreckte hoch.
Paul saß kerzengerade im Bett.
Jetzt war ihm endlich gekommen, was die Erinnerung ihm hatte sagen wollen: Er selbst war dieser Trunkenbold gewesen. Aber das war noch längst nicht alles. Das Schlimmste war, dass er in diesem Zustand Auto gefahren war. Benommen sah er sich um. „Wenigstens weiß ich jetzt, wo ich bin.“
Und mit diesen Worten flammte neuer heißer Schmerz in seinem Kopf auf.
Die plötzliche Helligkeit war unangenehm. Auch von ihr kamen die Kopfschmerzen, aber vor allem war der Alkohol schuld. Sein Schlafzimmer war hell, und das konnte nur bedeuten, dass es schon nach Mittag war. Paul seufzte und richtete sich auf. Der Schwindel und sein Kopf, der sich anfühlte, als wäre er zur Größe eines Medizinballes geschwollen, wollten ihn mit vereinten Kräften wieder flachlegen. Er kämpfte mit aller Macht dagegen an und schaffte es schließlich, wankend stehenzubleiben.
Das Schlafzimmer war ein Saustall: Klamotten lagen wild durcheinander, und es stank nach Alkohol und Qualm. Für den schlimmsten Gestank waren die Kotzlachen verantwortlich, die wie Pfützen auf dem Boden standen.
Mit brummendem Schädel stapfte er nach draußen. Diesmal lüftete er nicht. Er wollte nur hier raus. Mit Krachen flog die Tür ins Schloss. Paul erschrak. Und so hielt er erst einmal inne, um zu verschnaufen. Er stand auf dem Flur und hielt noch immer die Türklinke, als wäre seine Hand daran festgeklebt. Ihm war speiübel, sein Körper und sein Atem stanken bestialisch, sein Kopf dröhnte wie ein Presslufthammer, und er fragte sich, ob er den ganzen Alkohol, den er bei Jerome hatte mitgehen lassen, getrunken hatte. Die Frage war einfach zu beantworten. Dazu brauchte er nur in seinen Körper hineinhören, um zu wissen, dass er genau das getan hatte. Glauben konnte er es trotzdem nicht.
„Ich brauche ’ne Tasse Kaffee. Einen extrastarken. Einen, der mich wieder auf die Beine bringt.“
Seine Stimme klang schwach und zittrig.
Eine knappe Stunde später hatte er nicht nur eine Tasse, sondern eine ganze Kanne getrunken. Er war heiß und stark gewesen, aber Paul bezweifelte, dass er ihm nutzte. Er fühlte sich noch ebenso beschissen wie vorher. Das einzige, was sich geändert hatte, war der ständige Harndrang. Mittlerweile war er schon fünf Mal pissen gewesen, und allmählich wurde es Zeit für das sechste Mal. Schweiß lief in Bächen an ihm herunter, und nur eine Sekunde später überkam ihn eine Gänsehaut. Ihm war abwechselnd kalt und heiß, sein Hals kratzte, und seine Stimme war belegt. Nichtsdestotrotz redete er wie ein Wasserfall vor sich hin. Er laberte einfach alles nach, was ihm gerade in den Sinn kam, egal, ob es intelligent war oder Schwachsinn.
„Soso, du bist also noch Auto gefahren? Junge, Junge, Junge, was bist du nur für ein Teufelskerl! Der Kaffee ist schweineheiß. War ’ne tolle Party gestern, oder? Igitt, igitt, ich hab ja noch Kotze am Finger. Scheißegal. Zum Glück ist nix passiert …“
Da wurde ihm siedendheiß und kalt zugleich. Er erinnerte sich plötzlich, wie er sich durch einen Sprung in den Straßengraben gerettet hatte – und zeitgleich war er auch der Fahrer gewesen. Hatte das etwas zu bedeuten? Paul öffnete langsam den Mund, als ob er etwas sagen wollte, schloss ihn aber wieder und starrte in die Kaffeetasse, als stände die Antwort darin. Mit einem Mal sprang er wie von der Tarantel gestochen auf; in seinen Augen lag blankes Entsetzen. Im Hinterkopf registrierte er, dass seine Hand schmerzte, weil der heiße Kaffee, den er eben umgeschmissen hatte, darüber gelaufen war.
Wie von Sinnen sauste er aus der Küche und hastete den Flur entlang auf die Terrasse. Mit einem mächtigen Satz sprang er über die Hecke und kam neben dem Kotflügel seines Wagens zum Stehen. Der Sprint war ihm gehörig auf die Puste gegangen, und er musste erstmal verschnaufen. Aber sein Gehirn lief weiter auf vollen Touren. Es malte sich die schlimmsten Dinge aus. Was, wenn er jemanden angefahren hatte? Ihn verkrüppelt hatte? Seine Nackenhaare richteten sich auf. Vielleicht lebte dieser Jemand ja noch …? Vielleicht lag er ja noch schwerverletzt, blutend und mit gebrochenen Gliedern im Straßengraben …? Unentdeckt …? Noch immer auf Rettung hoffend, während er qualvoll und einsam starb …?
„Schluss damit!“, herrschte Paul sich an. Er war wieder bei Puste und begann den Wagen zu kontrollieren; auf allen Vieren kriechend suchte er jeden Millimeter der Karosserie ab. Er fand jedoch nichts außer einer kleinen Delle am rechten Kotflügel – und die war, da war er sicher, schon um einiges älter.
Obwohl er mit dem Ergebnis hätte zufrieden sein sollen, war er es nicht. Er setzte sich im Schneidersitz neben das rechte Vorderrad, klopfte mit den Fingern auf den Boden und dachte nach. Die Kopfschmerzen, die inzwischen so anschwollen, als starte ein Jumbo in seinem Kopf, waren in weite Entfernung gerückt. Der Boden kühlte seinen Körper aus, doch er blieb sitzen und sann darüber nach, was ihn hier herausgeführt hatte. Er sah aus, als wäre er zu einer Statue geworden; nur seine Finger bewegten sich, und seine Augen wanderten hin und her wie bei einem Träumenden. Seine Gedanken purzelten derweil durch sein Gehirn, und er lauschte ihnen beklommen.
Gut, sagten sie, der Porsche hat also keine neue Delle, Glück für dich! Aber heißt das auch, dass du niemanden angefahren hast? Erinnere dich, mein Bester! Du musstest einen mächtigen Hüpfer in den Straßengraben machen, sonst wärst du jetzt so platt wie eine Briefmarke. Vielleicht hat das ja zu bedeuten, dass es dem anderen genauso erging?
Mehr brauchte er nicht zu hören. Dieser Gedanke ließ die Sache in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wenn es so gewesen war, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bullen hier vor seiner Tür standen und unangenehme Fragen stellten.
„Schöne Scheiße“, sagte er sich, und wie zur Zustimmung nickte er. Er stellte das Geklopfe ein, robbte noch einmal um den Wagen herum (wer weiß, vielleicht hatte er ja beim ersten Mal etwas übersehen?), richtete sich schließlich auf und ging langsam zurück ins Haus. Seine Schultern hingen so tief, dass man meinen konnte, sie schleiften über den Boden, sein Rücken war gekrümmt wie eine Sichel, und seine Arme schlackerten bei jedem Schritt wie Götterspeise. Auch seine Beine zitterten, aber das legte sich nach wenigen Schritten.
Obwohl Paul nun schon eine Kanne Kaffee intus hatte, brauchte er unbedingt noch eine. Noch nie zuvor war sein Bedürfnis nach Kaffee so stark gewesen. Also kochte er sich die zweite Kanne des Tages.
Dreißig Minuten später ging es ihm schon besser. Der erhöhte Koffeinspiegel in seinem Körper beruhigte ihn. Langsamen Schrittes lief er durchs Haus. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie ruhig es hier war. Viel zu ruhig. Mucksmäuschenstill. Die einzigen Geräusche, welche die Stille unterbrachen, waren das gelegentliche Knacksen der Böden und der Möbel. Und seine eigenen Schritte. Ihr Tapsen war ungewöhnlich laut. Paul ermahnte sich, bedächtiger aufzutreten.
Die Finger seiner Rechten umfassten eine halbvolle Kaffeetasse, und zwischen denen der Linken qualmte eine filterlose Lucky. Es erstaunte ihn, wie schnell er wieder in seinen alten Trott gefallen war. Früher war er immer der Ansicht gewesen (und das war er jetzt wieder), dass nichts an den phantastischen Geschmack von Kaffee und Zigaretten herankäme. Jedes für sich war schon ein echtes Leckerli, aber gemeinsam gingen die beiden ein Duett ein, das noch um einiges besser war. Wie die zwei Stimmen einer bezaubernden Melodie gingen sie ineinander über. Da passte einfach alles. Er fragte sich ernsthaft, wie er so lange darauf hatte verzichten können.
Er schlenderte über den Flur und stimmte einen Singsang an. Sein Kopf war zum ersten Mal seit Stunden wieder frei. Er dachte kaum noch an die Fahrt mit dem Wagen und daran, was möglicherweise passiert war. Was kommen mochte, sollte kommen. Es lag nicht mehr in seiner Macht. Auch Jeannine war jetzt vergessen. Er war noch nie mit der Welt so im Reinen gewesen wie in diesem Moment.
Langsam öffnete er die Tür zum Arbeitszimmer (sein kreativer Bereich, wie er immer liebevoll sagte) und steckte den Kopf hinein. Es sah noch genauso aus, wie er es verlassen hatte. Alles lag wild verstreut herum. Außer der Palme war nichts verändert. Nur sah sie noch vertrockneter aus als zuvor.
Nachdem er alles inspiziert hatte und zu der Erkenntnis gekommen war, dass keine akute Gefahr bestand, trat er beruhigt ein. Schnurstracks steuerte er auf den Schreibtisch zu und verharrte mitten in der Bewegung. Sein Mund stand so weit offen, dass man einen Kürbis hätte hineinschieben können, und in seinem Gesicht zeigten sich tiefe Furchen. Es war nicht zu glauben. Einfach unmöglich. Oder vielleicht doch? Nein, unmöglich. Oder? Nein, nie!
Sein Gehirn ballte sich zusammen wie eine Faust, öffnete sich, ballte sich abermals zusammen und öffnete sich schließlich wieder. Es fühlte sich an, als würde es fast platzen, um gleich darauf wieder zusammenzuschrumpfen. War er einer Sinnestäuschung erlegen? Er schloss die Augen. In seinem Leben hatte er noch nicht allzu viel gebetet, doch jetzt tat er es. Obwohl er ungefähr ebenso viel an Gott glaubte wie ein Turnschuh. Er betete dafür, dass es verschwunden war, wenn er die Augen wieder öffnete.
Er wartete eine Sekunde.
Er wartete zwei Sekunden.
Dann öffnete er langsam erst das linke, dann das rechte Auge und lugte zwischen den Fingern hindurch. Es gelang ihm, ein verzweifeltes Seufzen solange zu unterdrücken, bis das rechte offen war. Denn schon als er das linke geöffnet hatte, war ihm klar, dass seine Gebete nicht erhört worden waren. Endlich löste sich die Sperre, und er setzte sich langsam in Bewegung, wie bei einem Spaziergang unter Wasser. So etwas Banales wie einen Fuß vor den anderen setzen kostete Kraft. Erschwerend kam noch hinzu, dass er mehr und mehr den Eindruck gewann, der Boden unter ihm würde wanken wie Schiffsplanken.
Ein paar Sekunden später (oder waren es Stunden?) erreichte er den Schreibtisch und kam, auf den Füßen wippend, vor ihm zum Stehen. In diesem Augenblick kam er sich vor wie ein Käfer: klein und schutzlos.
Seine Hand suchte Kontakt, machte sich eigenmächtig auf den Weg. Paul hielt den Atem an. Er war überzeugt, sich die Finger zu verbrennen, wenn sie die Oberfläche berührten. Die Sekunden, bis es soweit war, zogen sich hin wie Ewigkeiten. Innerlich wappnete er sich gegen den Verbrennungsschmerz. Er würde unerträglich intensiv und quälend sein.




