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Genau in dieser Sekunde berührten seine Fingerkuppen die Oberfläche, und er schrie auf. Es war noch schlimmer, als er es erwartet hatte. Aber nicht, weil es heiß war, sondern weil es vollkommen normal temperiert war. Hatte er etwas anderes erwartet? Sein Schreien ging über in leises Gelächter.
„Wie kommst dieser verfluchte Laptop zurück auf den Schreibtisch? Ich weiß doch genau, dass ich ihn vom Tisch gekickt habe! Und seitdem war ich nicht mehr hier drinnen. Wie also kommt er hier hoch?“
Er redete mit leiser, brüchiger Stimme. Und da er in dem Zimmer allein war, richtete er seine Frage an die vertrocknete Pflanze auf dem Fußboden.
Seine Finger glitten über die Tastatur hinweg und zitterten. Wer wusste, wie viele Stunden er auf sie eingedroschen und versucht hatte, einen einigermaßen brauchbaren Text aus ihr herauszuholen? An schlechten Tagen, wenn es nicht so gut lief, hatte er das verdammte Ding gehasst und an guten heiß und innig geliebt. Gott sei Dank hatte es mehr gute als schlechte Tage gegeben. All das führte er sich jetzt in Erinnerung und dennoch: Das Ding fühlte sich fremd an und schien ihm nicht mehr zu gehören. Ob das nun daran lag, dass es auf wundersame Weise den Weg zurück auf den Tisch gefunden hatte oder weil er ihm die Schuld dafür gab, dass Jeannette abgehauen war, wusste Paul nicht.
Während er noch darüber nachsann, sanken seine Finger plötzlich tiefer und drückten irgendwelche Tasten. Auch diesmal erschrak er. Ein Summen kam aus dem Gehäuse, und ein Text erschien auf dem Bildschirm.
„Aha“, flüsterte Paul etwas ruhiger. Schließlich war das etwas, was er verstand. Obwohl er zugeben musste, dass er gar nichts mehr verstand. „Bildschirmschoner also, soso.“
Wo kam der verdammte Text her? Er konnte sich weder daran erinnern, wann er den Laptop aufgehoben haben sollte noch, wann er in den letzten Tagen etwas geschrieben hatte. Obwohl ihm dies alles ein Rätsel war, konnte er nicht anders: Er musste den Text lesen.
Er hatte Mühe, die Schrift zu entziffern. Sie war viel kleiner als die, die er sonst zum Schreiben benutzte – vorausgesetzt natürlich, er war es gewesen, der den Text geschrieben hatte. Aber wer sollte es sonst gewesen sein? Wer?
Es war kalt. Viel zu kalt für die Jahreszeit. Der Wind pfiff eisig durch die dunklen Straßen, kroch in jede Ecke und Ritze, wirbelte Blätter auf und spielte damit sein Spiel. Nur vereinzelt standen ein paar Laternen auf den Straßen. Sie waren entweder kaputt oder zu schwach, um noch ihren Zweck zu erfüllen. Aber all das war unwichtig. Was einzig und allein zählte, war Jeannine und das, was sie trug.
Schon als sie um die Ecke bog (da war es noch etwas heller und nicht so kühl wie jetzt) hatte ihr Anblick ausgereicht, um bei ihm alle Sicherungen durchbrennen zu lassen. Und das, obwohl sie gar nichts Besonderes trug. Aber an einer schönen Frau sieht einfach alles atemberaubend aus. An den Füßen trug sie Stiefel, die ihr bis zu den Knien reichten; sie waren pechschwarz, und das weiße Futter schaute oben frech heraus. Ob sie eine kurze Hose trug oder einen kurzen Rock, war nicht ganz zu erkennen, denn ihre Jacke endete kurz über den Knien. Auch sie war pechschwarz, und ein Blinder mit Krückstock hätte sehen können, dass sie schon oft in der Waschmaschine gewesen war. Auf dem Kopf hatte sie eine Mütze, von der bunte Bommeln hingen wie lustige Zöpfe. Also alles durchaus normal, nichts Berauschendes. Aber, wie gesagt: Eine schöne Frau könnte auch einen zerlöcherten Kartoffelsack überziehen, sie würde einem trotzdem den Atem nehmen. Und Jeannine war eine wunderschöne Frau. Oh ja, das war sie. Sie hatte etwas an sich, das man nicht beschreiben konnte. War es dieses süße, unwiderstehliche Lächeln? Vielleicht. War es dieser tolle Körper? Dieser runde, wohlproportionierte Busen? Die herrlich prallen Pobäckchen? Die schönen langen Beine? Oder das Glitzern in ihren Augen? Man konnte sich nicht genau festlegen. Sie war einfach durch und durch eine Augenweide. Sie rannte mit den Armen wild wedelnd auf ihn zu und hüpfte auf und ab. Sogar das wirkte sexy.
Paul fand sich selbst nicht halb so anziehend. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und in ein Schaufenster geguckt, in einen Blumenladen. Dass Grün der Blumen und Blätter hatte ihn an den Sommer erinnert. Er hasste es, wenn es so kalt war. Doch Wind und Kälte waren sofort vergessen, als Jeannine auf ihn zugestürmt gekommen war. Ihm wurde nicht nur warm ums Herz, sondern auch heiß im Schritt.
Sie waren nun schon seit fast sieben Monaten ein Paar. Und in dieser Zeit war einiges passiert. Sie hatten sich gestritten, so wie es überall vorkommt, und hatten sich wieder vertragen, was auch mal vorkommt. Hatten sich geküsst und auch ein wenig am anderen herumgekrabbelt. Sie empfanden das als schön und intim, aber so richtig miteinander geschlafen hatten sie noch nicht. Trotz mancher Gelegenheiten war es noch nicht dazu gekommen. Sie ließen sich Zeit, den Körper des anderen zu entdecken. Niemand hetzte sie. Sie hatten alle Zeit der Welt für diesen letzten Schritt. Und wer weiß, vielleicht würde es ja heute geschehen? Vielleicht war ja heute der große Tag?
Das Glühen in seinem Schritt war zu einem Feuer geworden. Sein Penis hatte sich erregt aufgerichtet. Und obwohl es das natürlichste der Welt war, schämte Paul sich etwas dafür. Noch bevor sie ihn erreicht hatte, versuchte er, seinen kleinen Paul durch die Hosentasche greifend so hinzulegen, dass er nicht sofort zu erkennen war. Kein leichtes Vorhaben, schließlich ist so eine pralle Stange widerborstig. Aber Jungs in diesem Alter haben damit Erfahrung. Ihm war es schon mehr als einmal so ergangen, dass er mit den Gedanken abdriftete, meist in der Schule, weil es da ja langweilig war. Nicht selten handelte es sich um sexuelle Gedanken, in denen er sich selbst als tollen Hecht sah, der die Mädchen reihenweise abschleppte. Und wenn man dann in der Sekunde an die Tafel gebeten wird, in der man gerade ein riesiges Rohr in der Hose hat, konnte man schon schön in Bedrängnis geraten. Wohin mit dem ausgefahrenem Periskop? Draufhauen? Keine gute Idee, fällt auf und tut höllisch weh. Warten, bis er von allein wieder einschrumpft? Auch eine Möglichkeit, aber wie lange hätte er sitzen bleiben sollen? Und vor allem: Wohin mit den ganzen Sechsen, die er sich dann reihenweise einhandeln würde? Oder aber man knebelte ihn so in der Hose zusammen, dass von ihm nur noch ein Beulchen zu sehen war. Mit ein wenig Übung hatte man diesen Trick schnell raus, und Paul hatte genug Übung. Es dauerte also nicht lange, bis er ihn versteckt hatte und Jeannette entgegenlaufen konnte.
Der Schnee knirschte bei jedem Schritt. Es war schweinisch glatt und er strauchelte; dennoch konnte er es nicht lassen, ihr entgegenzustürmen und dabei wie ein Karnickel in die Höhe zu springen. Nach wenigen Sprüngen kam er vor ihr zum Stehen. Sie sahen einander in die Augen, beide außer Atem (vielleicht rauchten sie ja zu viel?) und fielen sich in die Arme. Er bewunderte ihre Schönheit und sog ihren erregenden Duft in sich ein. Jeannine ließ sich in seine Arme fallen und empfing einen heißen Kuss auf die kalten Lippen. Schlagartig wurde es ihnen wärmer.
Nachdem sie sich den Magen mit Ananaspizza vollgeschlagen hatten, gingen sie ins Kino. Auf dem Weg dorthin wären beide oft auf der Nase gelandet, hätte Paul sie und sich selbst nicht im letzten Moment abfangen können. Leider gelang das nicht immer, aber Jeannine (und das machte sie nur noch sympathischer) nahm es mit Humor. Er benötigte alle seine Kraft, und seine Muskeln schmerzten schon nach kurzer Zeit. Insgeheim verfluchte er diejenigen, die es nicht für nötig hielten, Sand oder Salz zu streuen. Jeannine schimpfte wie ein Rohrspatz über die Kälte, aber es war unschwer zu erkennen, dass es ihr trotzdem einen riesigen Spaß machte. Sie lachte und gackerte vor sich hin, und auch Paul wurde davon angesteckt.
Einige geglückte Stürze später kamen sie mit heiler Haut im Kino an. Sie lachten sogar noch, als sie längst in den Sesseln vor der Leinwand hingen.
„Wie oft bist du hingeplumpst?“
Paul sah an sich herunter, überschlug die nassen Flecken in der Hose und verkündete: „Mindestens fünfhundert Mal. Und du?“
„So an die tausend Arschrutscher waren es bestimmt.“ Das war natürlich bei beiden maßlos übertrieben.
„Weißt du, dass du mich mit deiner dicken Jacke an einen Seelöwen erinnerst?“
„Häh? Wie das denn?“
„Ja, ohne Scheiß.“ Sie lachte jetzt, und auch Paul lachte, obwohl er nicht so recht wusste, warum.
„Du hattest eine ziemliche Ähnlichkeit mit diesen Viechern! Jedes Mal, wenn du versucht hast, einen von uns wieder aufzurichten und sich deine Jacke ausbeulte, warst du ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich weiß auch nicht, wie ich’s anders erklären soll. Haben nur noch die Stoßzähne gefehlt und der Bart.“ Ihr Lachen klang fast schon ein wenig hysterisch, und Paul stimmte mit ein, obwohl der Scherz ja eigentlich zu seinen Lasten ging. Aber das war das Schöne an Jeannette: Er wusste, dass sie nur Spaß machte und ihn hochnehmen wollte. Und darum war er ihr auch nicht böse.
Sie knutschten den ganzen Film über, und am Ende wusste keiner so genau, um was es da eigentlich gegangen war. Sie wussten noch nicht mal den Namen des Schinkens.
Paul blickte vom Notebook auf und sah traurig an die Wand. An das, was er soeben gelesen hatte, hatte er seit Jahren nicht mehr gedacht. Es war vollkommen aus seinen Gedanken verschwunden. Er hielt das für etwas Normales. Schließlich waren seitdem mehr als zwanzig Jahre vergangen. Was ihn wunderte, war, dass er das jetzt ausgerechnet auf dem Bildschirm lesen musste. Das war nun alles schon so lange her. Er wusste ja noch nicht einmal mehr, wie dieser Abend weitergehen würde. Und jetzt fand er das ausgerechnet auf dem Bildschirm. Sonderbar.
Fragen über Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Das alles ging weit über sein Verständnis hinaus und gab eine Menge Rätsel auf. Wann er das geschrieben haben sollte, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Wenn man es genau betrachtete, konnte er es im Suff getan haben. Das würde zumindest erklären, warum er sich nicht daran erinnern konnte. Das klang plausibel, aber er glaubte es dennoch nicht. Etwas daran war seltsam.
Um das Rätsel zu lösen, blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterzulesen. Aber genau das wollte er nicht. Davor hatte er Angst. Schließlich war es ja gut möglich, dass er statt Antworten noch mehr Fragen erhielt.
Er überlegte, einfach aus dem Arbeitszimmer zu verschwinden. Einfach abhauen, die Tür hinter sich ins Schloss knallen lassen und nie wieder zurückkommen. Verdammt, das war mal eine richtig gute Idee. Genau das würde er tun.
Er sah von der Wand weg, blickte zur Tür und steuerte sie an. Er spürte, dass seine Beine einen Schritt gehen wollten, doch statt ihn dorthin zu bringen, sorgten sie dafür, dass er sich auf den Stuhl setzte. Das Merkwürdige daran war, dass er es zuerst nicht bemerkte. Vor seinem inneren Auge sah er sich zu Tür schlendern, raus aus dem Haus, weg von hier, irgendwo ein neues Leben anfangen, und dann verwehte dieser schöne Traum und was blieb, war die traurige Realität.
„Langsam glaube ich“, murmelte er, „ich verliere den Verstand. Ich sehe Dinge, die gar nicht da sind.“
Seine rechte Hand ruhte auf der Tastatur und bewegte mit dem Cursor den Text. Und da seine Neugier um einiges stärker war als seine Angst, las er weiter.
Langsam fiel die Wohnungstür ins Schloss. Die Eltern schliefen bestimmt schon längst, und sie wollten sie auf keinen Fall wecken. Außerdem durften sie nicht erfahren, dass Jeannette ihren Freund zu solch später Stunde mitbrachte. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würden. Sie kannten ihn bereits und schienen ihn zu mögen. „Aber um Mitternacht ist Zapfenstreich“, hatte ihr Vater immer gepredigt, und da duldete er keinen Widerspruch, „da liegst du in der Falle – und zwar allein!“
Bisher hatten sie sich immer danach gerichtet. Aber heute knisterte es zwischen ihnen viel mehr als sonst. Als läge etwas in der Luft. Wie Elektrizität. Sie konnten förmlich auf der Haut spüren, wie sie kribbelte und nach und nach ihr Denken übernahm. Aber auch der verrückte Abend hatte sie wohl übermütig werden lassen … Auf Zehenspitzen schlichen sie am Schlafzimmer der Eltern vorbei. Auf der anderen Seite der Tür schnarchte ihr Vater ausdauernd. Er erinnerte an einen Holzfäller, der mit einer dröhnenden Kettensäge durch den Wald saust und unschuldigen Bäumen nachstellt. Paul konnte nicht anders, er musste kichern. Jeannine fand das gar nicht drollig: Sie stupste ihn in die Seite und sah ihn scharf an. Sein Lachen war leise, konnte also unmöglich in den Schlaf dringen. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen. Es konnte ganz fix gehen, und ihr Vater stand schlaftrunken in der Tür. Daran wollte sie lieber nicht denken.
„Was gibt’s da zu kichern?“, wollte sie wissen, als sie ihn endlich in ihr Zimmer bugsiert hatte.
„Wie kann deine Mom nur neben so einem Sägewerk pennen? Da braucht man ja einen Gehörschutz!“
„Das hab ich sie auch schon oft gefragt. Und weißt du, was sie darauf immer sagt?“
„Nö. Woher denn?“
„Ich habe halt einen festen Schlaf. Ist sie nicht süß? Sie liegt da, mausetot, und nennt das einen festen Schlaf! Man könnte sie mitsamt Bett auf die Straße stellen, sie würde keinen Furz davon mitkriegen und fröhlich weiterpennen. Ich springe bei jedem Geräusch aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen, und sie schläft neben einem startenden Jumbo. Manchmal glaub ich echt, ich bin im Krankenhaus vertauscht worden!“
„Du glaubst ihr nicht, oder?“
„Ich hab dich nicht mit hergebracht, um über meine Familie zu quatschen.“
„Hört, hört. Warum bin ich denn hier?“
„Was für eine blöde Frage. So halt, aus irgendeinem Grund … Und weil ich Lust dazu hatte. Es war ein schöner Abend, heute. Und ich will noch nicht allein sein.“ Ihre Stimme klang sanft, noch sanfter als sonst.
„Ja, es war ein wundervoller Abend“, stimmte Paul mit der gleichen Säuselstimme zu. Und da er nicht wusste, was er sonst hätte sagen sollen, blickte er sich im Zimmer um. Wie schaffen es hübsche Mädchen nur immer, einen Mann fusselig und sprachlos zu kriegen? Hat darüber noch niemand eine Doktorarbeit geschrieben? Obwohl er nun schon ein paar Male hier gewesen war (am helllichten Tag, wohlgemerkt), tat er jedes Mal so, als wäre es das erste Mal. Jeannine fand das süß.
Paul bewunderte die Poster an der Wand. Er hatte noch nie ein Mädchen kennengelernt, das The Police oder die Beatles an der Wand hängen hatte. Allerdings konnte er die Mädchen, die er bislang näher kennengelernt hatte, an einer Hand abzählen. Aber sonst war es in diesem Zimmer nicht anders als in jedem anderen Zimmer in dieser Zeit. Außer vielleicht, dass Jeannine darin lebte, das Mädchen seiner Träume. Sie beschnupperten sich zwar noch immer gegenseitig, aber Paul glaubte fest daran, dass diese Liebe, ihre Liebe, ein Leben lang halten würde.
Ihr Zimmer war spärlich ausgestattet. In einer Ecke eine Couch, daneben ein Sessel, ein Bett und ein Schrank, und das war es auch schon. Kaum der Rede wert, würde man heute meinen, wo in fast jedem Zimmer ein Computer, ein DVD-Player, eine Stereoanlage und ein Fernsehgerät stehen. Aber für Paul war es etwas Besonderes. Hier verströmte alles ihren Duft. Und er liebte diesen Duft. Er war so schön blumig und erregend, und am liebsten würde er …
„Magst du was trinken? Ne Coke oder so was?“
„Oh ja, `ne Cola wäre echt klasse.“
Jeannine schlich aus dem Zimmer. Paul hockte sich auf das Bett. Ihm taten die Beine weh, am schlimmsten schmerzten die Ellenbogen.
Nach wenigen Sekunden kam Jeannine zurück. In den Händen hielt sie zwei Colaflaschen und eine Schachtel Zigaretten. Und in ihrem Gesicht stand etwas, was er noch nie zuvor an ihr wahrgenommen hatte. Dass es Lust war, sollte er erst später begreifen.
Sie setzte sich neben ihm auf das Bett und reichte ihm eine Flasche und eine Zigarette. Die Matratze ächzte kurz unter dem Gewicht ihrer Körper. Ihre Nähe tat ihm so gut. Er liebte sie, das stand außer Frage. Er roch den Duft ihrer Haare und schmeckte sogar noch ihren letzten Kuss auf seinen Lippen.
Paul war erregt. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits war er spitz wie ein Seemann nach monatelanger Fahrt, aber andererseits wollte er sie nicht durch irgendwelche unbedachten Aktionen überfahren. Schließlich wusste er nicht, wie sie darauf reagieren würde. Wenn er Pech hatte, schmiss sie ihn in hohem Bogen aus der Wohnung. Wenn er aber Glück hatte …
„War ein schöner Abend, heute Abend.“ Sie schien sich einen Jux daraus zu machen, immer die Hälfte zu wiederholen. Vielleicht wollte sie auch nur die Stille unterbrechen, die sich einzuschleichen drohte.
„Oh ja. Das war er, dieser Abend.“ Allem Anschein nach war es ansteckend.
Und da war sie wieder, diese Stille. Nichts Besonderes, ruhige Momente kamen immer wieder vor, sogar mit Jeannine, die für ihr Leben gern quasselte. Manchmal ist Ruhe ja sogar erwünscht. Aber in diesem speziellen Fall war sie es nicht. Hier war die Stille erdrückend. Sie musste unterbunden werden, bevor sie etwas zerstören konnte.
Paul kratzte sich am Hinterkopf, und Schuppen rieselten wie Schnee herunter. Er schämte sich deshalb, konnte aber nichts dagegen tun. Egal, was er alles schon ausprobiert hatte: die Schuppen blieben. Eine schwache Schamesröte kroch ihm ins Gesicht. Jeannine störte sich nicht daran. Sie fand es sogar süß, vor allem, wenn sein Gesicht so schlagartig die Farbe wechselte. Dann sagte sie immer: „Ach Paulchen, ich glaube fast, dir rieselt der Kalk aus dem Hirn.“ Sie lachte jedes Mal, wenn sie es sagte. Diesmal schwieg sie.
Sie schnippte mit den Fingern gegen den Hals der Flasche, beobachtete, wie die Kohlensäurebläschen die Oberfläche durchbrachen und trank einen Schluck. Auch für sie war die Situation ungewohnt. Sie war so schweigsam; das kannte sie sonst gar nicht von sich. Das Eigenartigste aber war, dass sie sich noch mehr zu ihm hingezogen fühlte als sonst. Sie war hibbelig und spürte so einen seltsamen leichten Druck in der Magengegend, der aber keineswegs unangenehm war. Sie verzehrte sich nach ihm und hatte eine schier unbändige Lust, ihn zu berühren und sich von ihm berühren zu lassen. Doch auch sie steckte in der Zwickmühle, haargenau in der gleichen, die Paul plagte. Auch sie wollte die knisternde Atmosphäre keinesfalls zerstören.
Nach ein paar Hin und Her hatte sie sich zwei Möglichkeiten ausgedacht. Zugegeben, sie waren vielleicht nicht originell, aber sie wollte es jetzt sofort und nicht noch minutenlang wie die Katze um den heißen Brei herumschleichen. Sie hatte also die Qual der Wahl. Die eine Möglichkeit war ein kleiner privater Striptease, nur für ihn. Das hatte bei ihren Exfreunden immer hingehauen. Und wie das hingehauen hatte! Oder aber sie wählte die zweite Möglichkeit. Sie würde wesentlich länger dauern, aber todsicher zum Erfolg führen: Schmusen, Küssen, Streicheln. Das ganze Programm. Und dann, wenn er nicht mehr imstande war zu protestieren, ihm die Hose öffnen und den kleinen Paul aus seinem Gefängnis befreien. Es würde das erste Mal sein, dass sie ihn in den Händen hielte. Wie er wohl aussah? Durch die Hose hindurch jedenfalls hatte er sich immer ziemlich gut angefühlt … Wollen mal sehen, was er so zu bieten hatte! Sie würde ihn in die Hand nehmen, ihn sanft streicheln und wer weiß, vielleicht hauchte sie ihm ja auch einen kleinen Kuss darauf? Das hatte sie bisher noch nie getan.
Jeannine entschied sich für Letzteres und atmete gerade noch einmal tief durch, als Paul plötzlich aufstand und sagte: „Ich glaube, ich muss jetzt gehen. Sehen wir uns morgen?“
Statt einer Antwort gab sie ihm etwas anderes. Diesmal wollte sie ihn nicht gehen lassen! Also warf sie alle ihre Bedenken über Bord und machte sich daran, seine Hose aufzuknöpfen. Vor Überraschung sperrte Paul den Mund weit auf, aber noch ehe er etwas sagen konnte, hatte sie ihn mit einem langen, erregenden Kuss verschlossen. Vielleicht fürchtete sie ja, er wollte protestieren. Damit aber war Jeannine auf dem Holzweg. Sie ahnte nicht, dass auch er an diesem Abend mehr wollte. Aber er war zu schüchtern, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Vielleicht war es auch Feigheit, wer weiß. Jedenfalls hatte er sich am Ende nicht genug Chancen ausgerechnet und hatte daraufhin heimgehen wollen, um sein Bedürfnis bei einer anderen Freundin, der Marie Faust, zu befriedigen. Die würde ihn nie für einen Schlappschwanz halten, weil die Pistole vielleicht zu schnell losfeuerte. Und das war zweifellos ein unschlagbarer Vorteil. Diese Befürchtung kam nicht von ungefähr. Das war echt ein Problem; das verdammte Ding war meist schon fertig, da hatte er noch gar nicht richtig losgelegt …
Paul war angenehm überrascht. Gerade entwickelte sich das, was er nicht zu hoffen gewagt hatte. Ohne an etwas zu denken, erwiderte er die Berührungen, und das erstaunte wiederum Jeannine. Bislang war er immer schüchtern und zurückhaltend gewesen, doch in diesem Moment schien er eine Wandlung um hundertachtzig Grad zu vollziehen. Wie ein Wirbelwind, aber zugleich unendlich zärtlich, glitten seine Hände über ihren Körper hinweg, waren in einer Sekunde hier und in der nächsten schon wieder woanders. Vor Wonne und Überraschung seufzte sie leise, und Paul drückte seine Lippen noch etwas fester auf ihre Lippen.
Ehe sie wusste, wie ihr geschah, war sie wie eine Kartoffel aus ihrem Pullover und der Jeans gepellt. Der Anblick ihres fast nackten Körpers machte Paul rasend. Er wollte sie haben, nein, er musste sie haben, unbedingt! Jetzt, sofort! Trotzdem stand er nur langsam auf und zog sich aus. Er zog alles aus. Alles, bis auf den Slip.
Den Bruchteil einer Sekunde später war er wieder bei ihr, küsste ihren Mund, und seine Hände wanderten über ihren weißen Büstenhalter, strichen über das weiche Fleisch darunter und kniffen zärtlich in die prall aufgerichteten Nippel. Aus seinem Mund drang ein Stöhnen. Noch nie war er so aufgeregt und gleichzeitig so Herr der Lage gewesen wie jetzt. Noch ehe sie seine Hände richtig genießen konnte, waren sie auch schon wieder woanders. Sie wollte protestieren, wollte sie dort haben, wo sie eben noch gewesen waren. Aber noch ehe sie den Verlust bedauern konnte, fühlte sie sie wieder: Sie machten sich am Verschluss ihres BHs zu schaffen. Ein kurzes Schnapp, und er war auf.
Plötzlich lagen ihre weichen Brüste in seinen warmen Händen. Es ging schneller, als sie es registrieren konnte. Er hielt sie fest, aber nicht zu fest, umschloss sie mit den Fingern, und sein Daumen rieb ihre Brustwarzen. Diesmal seufzte sie nicht; die Gefühle waren zu intensiv. Die Küsse wurden stürmischer, wilder, hemmungsloser.
Paul drückte sie mit seinem Gewicht nach hinten. Sie lag auf dem Bett, nur ihre Füße berührten noch den Boden. Rasch zog er erst ihr und dann sich selbst den Slip aus. Dabei hüpfte ihr sein Penis entgegen. Er war prall und steif und pulsierte.
Nun spreizte er sacht ihre Beine, und sie schloss voller Verlangen ihre Augen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, ihr Atem ging so schnell, als hätte sie eben einen Hundertmetersprint hingelegt, und Unterleib und Brüste kribbelten erwartungsvoll. Sie wollte ihn haben, wollte ihn in sich haben, tief in sich spüren. Sie verging fast vor Lust.
Es verrann eine Sekunde.
Es verrann eine zweite Sekunde, und noch immer spürte sie ihn nicht.
Und plötzlich geschah es. Ihre Schamlippen wurden auseinandergepresst. Zischend zog sie die Luft ein, obgleich er längst nicht so groß und ausfüllend war, wie sie es erwartet hatte. Irritiert öffnete sie die Augen. Warum fühlte er sich so klein und weich an? Er hatte doch eben noch viel größer ausgesehen!




