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Für meine liebe Tochter Lena.

akademische
STUDIEN & VORTRÄGE

herausgegeben von Matthias Kaufmann und Günter Schenk
Nr. 7

Peter Danz

Der moralische Status von Tieren
–
Der philosophische Umgang
mit widersprüchlichen Intuitionen


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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© Hallescher Verlag 2019
Manfred Schwarz, Reilstraße 33, 06114 Halle/Saale
Herstellung Hallescher Verlag
Umschlaggestaltung und Layout: Beate Schwarz
ISBN Buch: 978-3-929 887-40-2
ISBN PDF: 978-3-929 887-46-4
ISBN EBook: 978-3-929 887-47-1
Editorial
Mit der Reihe „Akademische Studien & Vorträge“ werden die Herausgeber in Zusammenarbeit mit dem Halleschen Verlag Beiträge aus der Forschungsarbeit akademischer Einrichtungen vorstellen. Darüber hinaus soll diese Reihe auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein Diskussionsforum bieten und für eine angemessene Interdisziplinarität werben.
Die Herausgeber
1. Einleitung
2. Der anthropozentrische Standpunkt
2.1 Die imago-dei-These
2.2 Die Überlegenheit des Menschen als Verstandeswesen
2.3 Fähigkeit zur sozialen Reziprozität
3. Der pathozentrische Standpunkt
4. Der biozentrische Standpunkt
5. Der holistische Standpunkt
6. Die permanente Gefahr des naturalistischen Fehlschlusses
7. Bisheriges Fazit
8. Offene Rationalität
9. Die vorläufige Rechtmäßigkeit unserer Intuitionen: Chancen und Grenzen der offenen Rationalität
Literatur
1. Einleitung
In den allermeisten Situationen unseres Lebens neigen wir dazu, menschlichem Leben den Vorrang vor tierischem zu geben, falls eine entsprechende Entscheidung von uns gefordert wird. Fast niemand würde, wenn er die Wahl hätte, einen Hund aus einem brennenden Haus retten, ein Kind aber dafür sterben lassen. Neue Medikamente und andere Produkte werden zunächst am Tier erprobt; die versuchsweise Anwendung am Menschen, die viel genauere Ergebnisse verspricht,1 erfolgt – wenn überhaupt – erst dann, wenn die Tierversuche ein geringes Risiko für den menschlichen Organismus nachgewiesen haben.2
Im Allgemeinen denken wir über die Gründe, die zu dieser Präferenzhaltung führen, nicht weiter nach. Zwingen wir uns zu einer entsprechenden Reflexion, so bemerken wir einen erstaunlichen Kontrast zwischen der Bereitwilligkeit, die menschliche Existenz jeder anderen vorzuziehen, und der Schwierigkeit, eine wirklich überzeugende moralische Begründung für unser Handeln zu formulieren.
Gerne wird die Vorrangstellung des Menschen aus dessen höherem „Wert“ abgeleitet, der ihm gestatte, mit nicht-menschlichen Seinsformen anders umzugehen als mit anderen Menschen. Diese Argumentation mag vielen unmittelbar einleuchten, birgt jedoch mehr Schwierigkeiten, als es zunächst den Anschein hat.
Zum einen müssen wir hinterfragen, ob unser spontanes Empfinden einer genauen Prüfung standhält: Lässt sich der vermeintlich höhere Wert des Menschen rational begründen, oder spüren wir nur, was wir spüren wollen?
Zum zweiten bleibt es fraglich, ob sich aus einem höheren oder niedrigeren Wert irgendwelche Konsequenzen für eventuelle Berechtigungen oder Berücksichtigungen ergeben; vielleicht ist der Mensch wertvoller als ein Regenwurm, doch wissen wir damit noch nicht, ob ihm sein höherer Wert das Recht gibt, den Wurm zu zertreten.
Im Zusammenhang mit diesen Überlegungen ergeben sich weitere Probleme.
Zwar gehen wir von der genannten Intuition aus, die der menschlichen Existenz einen höheren Wert als dem übrigen Seienden zuschreibt, doch räumt etwas in uns zumindest den tierischen Lebensformen ebenfalls einen Wert ein. Wir legen lediglich eine Werthierarchie fest, nicht aber eine absolute Entwertung der nichtmenschlichen Existenz: Der Mensch steht über dem Tier und ist in Entscheidungssituationen gegenüber dem Tier zu begünstigen; das Tierleben an sich sollte aber auch geschützt werden – solange die menschlichen Belange eine solche Rücksichtnahme zulassen. Grundlose, d. h. nur zum Zwecke des Vergnügens geschehende Tierquälerei wird von den meisten Menschen abgelehnt;3 und selbst wenn ein unserer Meinung nach triftiger Grund besteht, ein Tier zu töten (z. B. einen Hund, der Tollwut hat), so ist den meisten von uns nicht wohl, wenn wir dieses Leben beenden.
Die Werthierarchie ist komplexer, als es zunächst den Anschein hat: Wir stellen nicht nur den Menschen als in jedem Falle zu berücksichtigendes Lebewesen dem Tier als bedingt zu berücksichtigendem Lebewesen gegenüber; innerhalb der zweiten Gruppe sorgen unsere Empfindungen für die Herausbildung einer weiteren Rangfolge: Gewisse Tiere erregen unser Mitleid eher als andere. Die meisten Menschen töten ohne große Bedenken oder Gewissensbisse eine lästige Mücke; einen Schimpansen oder einen Delphin hingegen möchte man nicht umbringen, wenn nicht die Not uns dazu zwingt. Manche Menschen spüren zudem eine Nähe zum „eigenen“ Tier, z. B. zu einem Hund oder einer Katze. In einigen Religionen werden bestimmte Tiere sogar als heilig verehrt wie z. B. Kühe oder Affen.4
Diese Ordnung gestaltet sich bei näherem Hinsehen noch facettenreicher. Pflanzliches Leben erscheint uns in vielen Fällen weniger wertvoll als tierisches: Einen Hund werden wir eher vor dem Tod retten als eine Blume. Warum? Noch komplizierter wird diese Vorrangstellung dadurch, dass wir sie nicht konsequent anwenden: Manchen Pflanzen gewähren wir nämlich doch den Vorzug vor manchen Tieren. Wohl kaum jemand wird behaupten, eine Fliege verdiene mehr moralische Berücksichtigung als die Eiche, auf der sie lebt.
Allgemein sind wir uns in den meisten Fällen wohl darüber einig, dass Belebtes irgendwie einen höheren Wert darstellt als Unbelebtes: Ein Pferd oder einen Baum berücksichtigen wir eher als einen Kieselstein. Eine Spinne allerdings, die auf einem Gemälde von Picasso sitzt, töten wir ohne Bedenken, um den Wert des Bildes zu bewahren. Ebenso bereitwillig werden Tauben vergiftet, die auf alten Kirchen sitzen und mit ihrem Kot die Bausubstanz beschädigen. Sogar die Empfindungen gegenüber ein und demselben nichtmenschlichen Lebewesen sind unter Umständen Schwankungen unterworfen, die von der jeweiligen Lebenssituation des Besitzers und dem damit einhergehenden Wandel seiner Prioritäten bestimmt werden: Viele Menschen schätzen und verwöhnen Hunde, die ihnen Gesellschaft leisten und unser Haus bewachen – dennoch werden jedes Jahr viele von ihnen an Autobahnraststätten ausgesetzt, wenn ihre Herrchen in den Urlaub fahren wollen.
Obwohl wir dem lebenden Seienden einen Wert attestieren, tun wir dennoch alles in unser Macht Stehende, um bestimmte Lebensformen zu vernichten, und zwar nicht einzelne Exemplare, sondern möglichst alle Vertreter ihrer Gattung. Es gibt wohl kaum Menschen, die bedauern, dass der modernen Medizin die fast vollständige Ausrottung der Pestbakterien gelungen ist.
Unsere Meinungen und Überzeugungen hinsichtlich des Werts der belebten und unbelebten Materie sind, wie wir sehen, zum Teil chaotisch und inkonsequent. Wir wollen sie im Folgenden genauer betrachten und versuchen, zu größerer Klarheit zu gelangen.
Zunächst soll der Versuch unternommen werden, den Begriff „Wert“ näher zu bestimmen, von dem im Zusammenhang mit den eben besprochenen Präferenzhaltungen die Rede ist. Es lässt sich wahrscheinlich nicht genau sagen, was ein Wert an sich tatsächlich ist;5 offensichtlich hängt seine Bedeutung vom Zusammenhang ab, in welchem er verwendet wird.
Wert bedeutet im vorliegenden Kontext demnach etwas anderes als in anderen Situationen. Im Satz Der Mensch hat einen höheren Wert als das Tier bezieht sich Wert auf eine andere Größe als in Diese goldene Halskette ist von außerordentlichem Wert, aber auch eine andere als in Dieses Foto hat für mich einen sehr hohen Wert. Die Halskette erachten wir wahrscheinlich wegen des Materials, aus dem sie besteht, für wertvoll. Der hohe Wert manifestiert sich in diesem Fall im Kaufpreis.
Das Foto ist nur für einen bestimmten Menschen wertvoll, da er Erinnerungen an die Situation, die Landschaft, die Stadt, den oder die Menschen hat, die auf ihm zu sehen sind. Er würde es anderen Fotos vorziehen, die aus demsel-
ben Material oder teurerem bestehen.6
Wert in unserem Zusammenhang ist kein materieller (Die chemischen Elemente, aus denen sich ein Mensch zusammensetzt, also größtenteils Kohlen- und Kohlenwasserstoffe, sind zum einen nicht besonders teuer, zum zweiten sind es mehr oder weniger dieselben wie die, aus denen manche Lebewesen bestehen, denen ein geringerer Wert attestiert wird, z. B. Gorillas, Schimpansen oder Schweine). Auch über einen ideellen Wert kann der Mensch an sich nicht verfügen, denn es liegt im Wesen des ideellen Werts, dass er die Eigenschaft eines Einzelobjekts darstellt; der Wert, den wir suchen, hebt aber den Menschen als Spezies – das bedeutet hier: jeden einzelnen Menschen – von der übrigen Schöpfung ab.
Der Wert, von dem von nun an die Rede ist, kann also nur einer sein, der Hierarchien im Umgang miteinander regelt, der Aussagen darüber trifft, wem mehr, wem weniger Rechte einzuräumen sind, wer zugunsten eines anderen auf Dinge, die ihm eventuell lieb sind, zu verzichten hat. Der gesuchte Wert legt den Modus des Zusammenlebens der menschlichen und der nichtmenschlichen Existenzformen fest; mithin ist er ein moralischer:
„Moral values ‘summon’ or ‘command’ us. They are not matters of choice, of take it or leave it, but what we ought to consider, to respect, cherish, realise, protect and enhance.“7
Unter Wert wollen wir auf der Basis dieser Überlegungen eine Eigenschaft verstehen, die die moralische Berücksichtigung ihres Trägers bedingt, d. h. die Nichteinmischung in seine Interessen, das Nichtverhindern seiner Selbstentfaltung:8
„The assertion that an entity has inherent worth is here to be understood as entailing two moral judgments: (1) that the entity is deserving moral concern and consideration, or, in other words, that it is to be regarded as a moral subject, and (2) that all moral agents have a prima facie duty to promote or preserve the entity’s good as an end in itself and for the sake of the entity whose good it is.“9
In unserem Zusammenhang ist also ein Wert gemeint, über den Angehörige der Spezies Mensch eventuell in so hohem Maße verfügen, dass ihre privilegierte Stellung innerhalb der Gesamtheit des Seienden gerechtfertigt ist.
Nachdem wir nun den Begriff des Werts bestimmt haben, wollen wir jetzt unsere Empfindungen genauer untersu-chen, die mit diesem Begriff zusammenhängen. Aus dem Gemenge unserer ungeordneten und einander teils widersprechenden Wertempfindungen ragen zwei Überzeugungen heraus, die sich – in vorläufiger und vereinfachender Darstellung – folgendermaßen darstellen lassen:10
1. Menschen sind jeder anderen Existenzform vorzuziehen.
2. Allgemein verdient jedes Leben größtmöglichen Schutz und ist nichtbelebten Existenzformen vorzuziehen.
Aus der Formulierung der Überzeugung 1 wird deutlich, dass sie in Entscheidungssituationen im Allgemeinen stärker ist als Überzeugung 2 und sie deshalb auch überwiegt. In uns arbeiten also zwei Überzeugungen, die nicht immer miteinander in Einklang zu bringen sind, deren eine im Konfliktfall aber ziemlich regelmäßig den Sieg über die andere davonträgt.11 Diese Vorrangstellung hat aber nicht zur Folge, dass Überzeugung 2 zu existieren aufhört, sobald sie mit Überzeugung 1 kollidiert, so wie in bestimmten Fällen ein Gesetz ein anderes außer Kraft setzt12 und das zweite dann für den entsprechenden Fall nicht anwendbar und damit nicht mehr vorhanden ist: Überzeugungen lassen sich nicht „ausschalten“, sondern nur von anderen überlagern. Überzeugung 1 ist stärker als Überzeugung 2, aber Überzeugung 2 wird dennoch mit der ihr eigenen Intensität auch dann empfunden, wenn sie Überzeugung 1 den Vortritt lässt. Fast alle Menschen würden, wenn keine andere Nahrung zur Verfügung stünde, ein Schwein töten, um ein kleines Kind zu versorgen, doch würde den meisten der Vorgang des Schlachtens keine Freude bereiten.
Im Folgenden sollen die Argumentationsstrategien, die zur Legitimierung der beiden Überzeugungen entworfen wurden und werden, auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft werden. Als wichtigste Frage wird zu klären sein, ob es wirklich statthaft ist, der ersten Überzeugung den Vorrang vor der zweiten zu gewähren, d. h. ob ein Satz, der einen entsprechenden Sachverhalt zum Ausdruck bringt, entweder selbst als bedingungslos wahr gelten kann oder ob er sich mit den gängigen Regeln des logischen Schließens von einem anderen Satz ableiten lässt, der seinerseits als richtig anerkannt wird. In diesem Zusammenhang werden wir später auf das reflective equilibrium nach Rawls und auf Quines holistisches Verfahren zur Überprüfung wissenschaftlicher Sätze eingehen.
Zunächst erscheint es aber notwendig, die Forderungen an unser Verhalten, die in den Überzeugungen mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck kommen, inhaltlich genauer zu fassen.
Die Dramatik und Eindeutigkeit der eingangs geschilderten Situation des brennenden Hauses hatte höchstwahrscheinlich Auswirkungen auf die Bereitschaft, schnell und kategorisch eine Entscheidung für das Kind und gegen den Hund zu treffen – eben weil jede andere Wahl den für die meisten Menschen völlig inakzeptablen Tod des Kindes zur Folge gehabt hätte. Im Allgemeinen kommen wir jedoch selten in die Lage einer – zumindest auf den ersten Blick – einfachen und unkomplizierten Entscheidungsnotwendigkeit. Die Bevorzugung der menschlichen Existenz vor der nichtmenschlichen ist zwar manchmal eine Frage von Leben und Tod, aber nicht immer. Oft werden Tiere auch ohne zwingende Notwendigkeit getötet, insbesondere, damit wir sie verzehren können (obwohl eine vegetarische Ernährung durchaus möglich wäre13), aber auch zu anderen Zwecken, z. B. auf der Jagd, die zum Teil keinen Hegecharakter hat, sondern ausschließlich dem Vergnügen dient, oder bei religiös motivierten Tieropfern. Genmanipulierte Tiere werden wahrscheinlich in näherer Zukunft zum Zwecke der so genannten Xenotransplantation als Ersatzteillager für menschliche Organe dienen.14 Wir töten Tiere bisweilen auch, um ihre Haut oder andere Organe zur Herstellung von Kleidungsstücken, Kosmetika, Medikamenten oder Schmuck zu nutzen. Auch zur „Marktbegradigung“ werden Tiere umgebracht; nur so erreicht die Fleischindustrie eine künstliche Verknappung des Überangebots und damit die gewünschten Preise.15 Um der Kaufzurückhaltung der Konsumenten infolge des BSE-Skandals zu begegnen, veranlassten die EU-Agrarminister die Tötung tausender von Rindern, um so den Preis für Rindfleisch zu stützen.16 Um die Ausdehnung der Vogelgrippe einzudämmen, wird das gesamt Nutzgeflügel im Umkreis eines Kilometers von einem infizierten Tier getötet; entsprechende Prophylaxemaßnahmen werden nicht unternommen, wenn Menschen gefährliche Krankheiten übertragen könnten.17
Unsere Präferenzhaltung gegenüber der menschlichen Spezies manifestiert sich aber auch in der Tatsache, dass wir manchen Tieren – ohne sie zu töten – Dinge zumuten, die bei der Anwendung am Menschen einem Straftatbestand entsprächen oder zumindest als Unverschämtheit gälten. Tiere werden von Menschen eingesperrt, direkt körperlich gequält (zum Beispiel für medizinische Experimente); wir rauben ihre organischen Erzeugnisse wie Wolle, Milch und Eier und machen sie zu Nutzprodukten zu unserem Gebrauch; wir nehmen uns das Recht, sie in einem Zustand sklavenähnlicher Abhängigkeit als Haustiere zu halten, nur weil wir uns einsam fühlen18 oder sie für unsere Zwecke brauchen (zum Beispiel als Zugtiere,19 Polizei- oder Blindenhunde); wir dringen in ihre Privatsphäre ein, um sie zur Befriedigung unserer Neugier zu beobachten und zu erforschen. Solche Verhaltensweisen gelten als verpönt und werden entsprechend geahndet – wenn sie Menschen zum Objekt haben.20
Die „Bevorzugung“ des Menschen erschöpft sich demnach nicht allein in unserer Bereitschaft, Angehörige anderer Existenzformen zu töten, sondern sie auch sonst irgendwie in ihrer Entfaltung einzuschränken.
Somit stehen auch diese weniger lebensbedrohenden Umgangsformen des Menschen mit allen ihn umgebenden Wesen – lebend oder nichtlebend – auf dem Prüfstand. Die Frage, ob der Mensch vor bestimmten Existenzformen Vorrang genießen soll, ist eng verknüpft mit der Frage, wie sich dieser Vorrang – vorausgesetzt, er ist legitimiert – auswirken soll – vor allem, wenn wir von eindeutigen „er-oder-ich“-Situationen absehen, die uns eine Antwort in oftmals unrealistischer Weise erleichtern. Anders formuliert: Worin besteht die moralische Relevanz, die der streng anthropozentrische Standpunkt nur dem Menschen zugesteht? Dieselbe Frage lässt sich auch aus der Perspektive des Patho- und Biozentrismus und des Holismus stellen: Falls wir als Menschen (doch) nicht legitimiert sind, eine Vorrangstellung innerhalb der uns umgebenden Welt zu proklamieren, was dürfen wir den uns umgebenden Tieren, Pflanzen, Steinen (oder jedenfalls den Wesen, die irgendeinen Anspruch auf Gleichbehandlung vorweisen könnten), nicht antun?
Wir spüren also, um das Problem kurz zu skizzieren, zwei Überzeugungen in uns, die beide eine Art von Rücksichtnahme gegenüber uns umgebenden Seinsformen fordern. Die erste hat Menschen zum Gegenstand, die zweite nichtmenschliche Existenzformen, besonders Tiere. Geraten diese beiden Überzeugungen in Konflikt miteinander, so scheint regelmäßig die erste stärker zu sein als die zweite. Die Legitimität dieser Vorrangstellung soll geprüft werden.
Zunächst müssen wir untersuchen, welcher Art die Überzeugungen sind. Fragt man einen Vertreter des Anthropozentrismus, worin der höhere Wert des Menschen liege, so begründet dieser sein Urteil in der Regel mit vermeintlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, die angeblich nur oder jedenfalls nur in dieser Extensität am Menschen zu beobachten sind; es ist die Rede von Gottesähnlichkeit, Vernunft, Verantwortungs- und Moralbewusstsein u. a.21
Es ergibt sich folgende Argumentationskette:
(1) Menschen verfügen als einzige Lebewesen (zumindest in diesem Maße) über die Eigenschaft X.
↓
(2) Menschen sind deshalb wertvoller als die übrigen Seinsformen.
↓
(3) Menschen genießen weitergehende Rechte als alle anderen uns bekannten Existenzen.
Sollte es gelingen, diese Eigenschaft X zu finden, dürften der höhere Wert und damit auch die Vorrangstellung des Menschen bewiesen sein, an deren Existenz wir ohnehin glauben.
Manche mögen diese gesamte Untersuchung für überflüssig halten, da die Richtigkeit der Überzeugung 1 in ihren Augen absolut evident ist und ihre Legitimität damit außer Frage steht. Ehe wir ins Detail gehen, sollten wir deshalb darüber nachdenken, ob der Intuitionismus eine akzeptable Antwort auf unsere Fragen geben kann.
Unter der Voraussetzung, dass die Grundannahmen des Intuitionismus von der Existenz von uns unabhängiger Werte und Normen und ihrer Verstehbarkeit durch uns22 richtig sind, trägt die Offensichtlichkeit, mit der sich vielen Menschen die Überzeugung 1 aufdrängt, wesentlich zur Klärung des Problems bei.
Es bleiben allerdings einige beträchtliche Schwierigkeiten.
Auf unsere Intuitionen ist nur bedingt Verlass, wie schon Moore formuliert:
„In order to shew that any action is a duty, it is necessary to know both what are the other conditions, which will, conjointly with it, determine its effects; to know exactly what will be the effects of these conditions; and to know all the events which will be in any way affected by our action throughout an infinite future. (…) we can never be sure that any action will produce the greatest value possible.“23
Diesen Einwand könnte man (wie auch Moore selbst argumentiert24) durch die Entgegnung entkräften, intuitives Werten und Handeln könne zwar zu Irrtümern führen, dass aber Intuitionen dennoch eine Hilfe darstellten, die zumindest in der Regel mit recht großer Wahrscheinlichkeit zu brauchbaren Resultaten führte.
Ist intuitives Wissen wirklich von einer anderen Qualität als festes Glauben? Es mag durchaus etwas geben, das Menschen als Intuitionen spüren, doch bleibt zu fragen, ob die derart zustandegekommenen Einsichten sicherer sind als das, was wir als gut durchdachte Überzeugungen oder Meinungen bezeichnen.25
Vielleicht ist der Intuitionismus als Instrument der Begründung moralischer Aussagen nicht abwegig; einige Argumen-te sprechen für ihn, vor allem die Tatsache, dass oft Gegner in einer Debatte über richtiges Handeln sich auf dieselben Grundüberzeugungen berufen.26 Fraglich bleibt dann aber dennoch, ob es bestimmte unhinterfragbare Intuitionen gibt, insbesondere solche, die uns hinsichtlich des vorliegenden Problems weiterhelfen.27 Mit anderen Worten: Selbst wenn wir den Intuitionismus und die ihm zu Grunde liegenden Voraussetzungen hinsichtlich der Existenz objektiver Werte akzeptieren, hilft er uns im vorliegenden Fall nur bedingt weiter, da wir, wie wir gesehen haben, zwei unvereinbare Intuitionen spüren, deren eine die andere zwar überlagert, von denen die schwächere aber trotzdem weiterhin existiert und uns den Eindruck vermittelt, verwerflich zu handeln, wenn wir der ersten folgen.
Wir werden uns also mit beiden Überzeugungen auseinandersetzen müssen.
Lässt sich Ethik überhaupt rational legitimieren, oder müssen wir uns der Kritik von Kutscheras anschließen:
„Eine solche (rationale; P. D.) Begründung hätte (…) nur dann eine Chance, wenn man die Zuständigkeit der Vernunft nicht auf die Konstatierung von Fakten beschränkt, sondern ihr im traditionellen Sinn auch die Fähigkeit zuspricht, Werte und Ziele zu bestimmen.“28




