Vagos, Mongols und Outlaws

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Die Ständer der Motorräder kratzten über den Asphalt. Das Spiel begann. Und das war’s für mich – meine erste bedeutsame Nacht im Rahmen der Infiltration der Vagos war schon beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Als die Bikes mit lautem Krachen auf dem harten Asphalt aufschlugen, verschwanden die Vagos wie Kakerlaken aus der Bar und rannten dem weißen Wagen nach. Truck schnaufte bis zum Rand des Gehwegs und notierte sich das Kennzeichen. Schweiß lief an seinen Schläfen runter.
„Wir finden heraus, wo der wohnt!“ Er steckte sich den Zettel in die Brusttasche. Unbeeindruckt von der Präsenz einer Polizeistreife fluchte er: „Wir werden uns um das Geschäftliche kümmern!“ Instinktiv spürte ich, was das bedeutete. Die Vagos planten, den Mann aus der anderen Gang zu jagen, ihn an einen verlassene Ort zu zerren und ihm dort die Bedeutung des Wortes Respekt einzutrichtern. Nein, kein Austausch der Versicherungskarten oder eine harmlose Abreibung! Falls die Vagos ihr Opfer fänden, würden sie es zusammentreten, seinen Wagen demolieren, die Schweinwerfer einschlagen, die Türen eintreten, die Fenster in kleine Glassplitter verwandeln und den Motor auseinandernehmen. Und natürlich gäbe es weder ein „Opfer“ noch einen Polizeibericht oder eine Strafverfolgung. Die Angst vor der Rache der Clubmitglieder würde den Mann zum Schweigen bringen.
Später saß ich auf dem Rand meines Bettes. Hercules hatte den Kopf auf mein Knie gelegt. Ich telefonierte mit Kiles, doch wusste schon von vorneherein, dass es kaum Hoffnung gab, dass ihre Abteilung etwas gegen die bevorstehende Vergeltungsaktion unternehmen konnte. Das Schicksal des Mannes war besiegelt. Schon bald würde er ein menschliches Wrack sein, ein weiterer Namenloser in einem Krieg, bei dem alles erlaubt war. In dem Augenblick wurde mir klar, dass ich mehr unternehmen musste, als Kiles nur die Informationen zu stecken. Ich wollte etwas bewirken, mich in die Organisation der Vagos einschleichen, mich mit den Anführen gutstellen, ja, ein waschechter Vago werden.
Doch wie sollte ich das ohne ein Bike, ohne jeglichen Schutz und ohne Geld bewerkstelligen?
Nach dem Zwischenfall im Motherlode gab die hässliche, zwergenhafte Besitzerin der Gang Lokalverbot. Vinny trommelte die Biker dann im Hustler zusammen, einer Spelunke, 30 Meilen von meinem Apartment entfernt. Der Laden erinnerte an eine nasse, verschwitzte Höhle. Zigarettenqualm hing in der Luft. Die nur schemenhaft zu erkennenden Gesichter der Biker erinnerten an Gespenster, während sie über einigen Bieren ihre nächste Tour besprachen. Ihr Ziel lag darin, die Polizeiüberwachung ins Leere laufen und die Party ungestört in einer verlassenen Gegend steigen zu lassen. Doch die Besprechung wurde unterbrochen, und zwar von Terrible, einem Neo-Nazi, der ein tiefer gelegtes Bike fuhr und schon lange mit dem Victorville-Chapter der Vagos abhing. Terrible stellte die personifizierte Gewalt dar: Er wirkte hart und unnachgiebig, trug ein 22-Tattoo an seinem Hals, hatte Piercings an der Stirn und sich dort auch zwei hervorstehende Teufelshörner aus Metall implantieren lassen. Innerhalb einer Stunde kippte er fünf Biere und prahlte damit, wie sein Bruder Robbery einem Mann aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen habe. Dieses Geständnis war einfach so aus ihm herausgesprudelt. Ich spürte das Klicken des Mini-Rekorders in meiner Unterhose. Nach Entfernen des Mikrofon-Schutzes hatte ich das Miniteil in der Unterhose über dem Schwanz verstaut. Durch die eng anliegende Unterwäsche blieb es fest an der Stelle. Ich konnte sicher sein, dass niemand die Apparatur dort entdecken würde, mal abgesehen davon, dass derjenige mir voll in den Schritt griff.
Durch Terrible lernte ich die erste Lektion in Sachen „Rückzahlungsbedingungen“: „So ein Typ schuldete ihm Kohle. Er pennte hinter dem Steuer ein, fuhr den Wagen zu Schrott und lag zwei Monate lang im Streckverband im Krankenhaus.“ Sein Lachen klang eher wie ein Würgen, als hätte er sich niemals in seinem Leben über etwas Lustigeres amüsiert. Ich nickte. Rückzahlungsbedingungen der besonderen Art. Terrible zuckte und wurde immer nervöser, brach die Erzählung kurz ab und stotterte dann weiter. Ihm schien nicht klar zu sein, dass er die Geschichte seines Bruders in der Mitte zu erzählen begonnen hatte, so als hätten wir uns vorher schon einmal getroffen, als hätte ich eine direkte Frage danach gestellt, als wüsste ich, dass Terrible eine Familie besaß. Er war von Drogen total benebelt, und seine Welt zog in Bruchstücken an ihm vorbei, Ausschnitte aus Gesprächen flackerten auf, Erinnerungsfetzen kamen in ihm hoch, und dann war da wieder diese weite Leere ohne einen Anhaltspunkt, die ihn panisch machte. Er versuchte krampfhaft Ordnung in seine Welt zu bringen, die das reinste Chaos war.
Vielleicht stachelte ihn die Anspannung an, vielleicht musste er für Ordnung in dem heillosen Chaos sorgen – auf jeden Fall sprang er plötzlich vom Stuhl auf, ballte die Hände zu Fäusten und rannte wie eine Abrissbirne durch den Laden, wobei er jedem Gast, der ihn ein wenig schief ansah, einen Schlag verpasste. Sein ungelenkes Gebaren erweckte einen Eindruck wie in einem Comic, denn als neben ihm die ganzen Leute zu Boden gingen, rutschte er in ranzigem Öl und zerbrochenem Glas aus. Ich spürte, wie das warme Bier mir über die Hände lief, und stand vor dem ersten Test: Sollte ich mich in das Getümmel stürzen oder zurückweichen? Egal, wie ich mich verhielt – ich war kräftig angeschissen. Wenn ich einem Typen die Fresse zu kräftig polierte, würde sich das möglicherweise zwar günstig auf meinen Status bei den Vagos auswirken, doch sicherlich im Sheriff’s Department auf wenig Gegenliebe stoßen. Es war nicht so, dass man mich an der kurzen Leine hielt. Ich musste mich an keine Vorgaben halten, doch sauber bleiben, den Job behutsam erledigen und auf dem schmalen Grat zwischen Gentleman und Biker wandeln. Die Regierung wollte messbare Ergebnisse: Verhaftungen, kiloweise Drogen und brauchbare Informationen. Aber ein Köder, wie ich nun mal einer war, musste mit Bedacht und Vorsicht ausgelegt werden. Ich hing ähnlich einem Wurm an einem Angelhaken, im seichten, klaren Wasser, und konnte jederzeit gefressen werden.
Blitzschnell drehte ich mich herum und sah, wie einer der Gäste sich auf Terrible gestürzt hatte und ihm von hinten die Kehle mit beiden Händen zudrückte. Mit einem gezielten Schlag setzte ich den Mann außer Gefecht. Benommen schlug er auf den Boden auf, stolperte beim Aufstehen, holte tief Luft und rannte auf mich zu. Ich beschränkte mich auf Fair Play und wollte hier keine miesen Tricks abziehen, da ich wusste, dass mich zahlreiche Augenpaare beobachteten und meine Kampfkraft und Loyalität einschätzten. Nach einigen Runden im imaginären Boxring schlug eine unsichtbare Glocke, und der Kampf wurde beendet. Mein Handrücken war rot angeschwollen und glänzte vom Schweiß. Blut tropfte aus der zugeschwollenen Augenhöhlen des Gegners, der geschlagen in seine Ecke kroch. Einige Sekunden lang hörte ich nur noch schweres, bemühtes Atmen. Dann – ähnlich einer wilden Flucht – rannten die Vollmitglieder durch die Eingangstür, um draußen weiterzukämpfen.
Terrible klopfte mir auf die Schulter. Er wirkte erleichtert. Er schnippte mit den Fingern in Richtung Bar: „Ein Bier für den Abhänger.“ So einfach war das. Nur durch diese eine Aktion stieg ich einen Rang in der Hackordnung auf, stand jetzt also über Frauen und Hunden. Ähnlich der Mafia hatten die Vagos und andere Outlaw-Biker einen Kreis von kriminellen Mitläufern, die man je nach Rang als „Prospects“ oder „Abhänger“ bezeichnete. Es waren Typen, bereit dazu, der Gang die Drecksarbeit abzunehmen. Unter dem Schutzmantel des Clubs konnten sie später ihre kriminellen Unternehmungen durchziehen. Terrible ernannte mich also zu seinem offiziellen Chauffeur, dankbar dafür, dass ich einen Wagen besaß und nicht das Statussymbol eines jeden Bikers – eine Maschine.

Einige Tage später reservierten die Vagos eine Bar mitten im Nirgendwo, um ihre nächste Aktion zu bequatschen. Der Ort unterlag von Seiten der Mitglieder allerhöchster Geheimhaltung, um den Cops das Leben so schwer wie möglich zu machen, doch dabei handelte es sich eher um eine Art zusätzlichen Kick, den sie sich davon versprachen, denn am Ende wussten die Überwachungsteams der Polizei immer, wo sich die Gang traf. Für die Beamten stellte es eine besondere Herausforderung dar, möglichst viel Videomaterial zu sammeln, Schnappschüsse zu machen und wichtige Informationen mitzuschneiden. Als wir die Bar erreichten, ein zerfallendes Gebäude, das sich vor dem Hintergrund einer schwarzen, konturlosen Landschaft abzeichnete, schnappten sich die Biker Stühle und Hocker und starrten sich in dem kargen, unfreundlichen Raum mit glasigen, leblosen Augen an. Niemand trank einen Schluck Hochprozentiges. Es war gut möglich, dass sich die Cops irgendwo auf der langen Drecksstraße in einer sandigen Niederung versteckt hielten und nur darauf warteten, einen Biker später wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss festzunehmen.
Eine allgemeine Paranoia vergiftete die Atmosphäre – und Langeweile. Diese Kombination war gefährlich, führte zu Rücksichtslosigkeit und Gewalt. Das Ziel: Frauen! Ich sah sie in der Dunkelheit, ähnlich erlöschenden Kerzenflammen, einige teilweise nackt, andere mit Kleidungstücken, die man eigentlich nicht als solche bezeichnen konnte. Ohne den geringsten Respekt, von Anstand ganz zu schweigen, wurden sie von den Bikern betatscht, die sie in den Arsch kniffen oder eine Brustwarze zwirbelten. Sie bedienten sich der Frauen, als wären es Snacks auf einem Tisch. In einer Ecke standen die Vagos in einer Schlange breitbeinig vor einem Billardtisch, auf dem ein namenloser Körper lag. Ich sah Beine, die hilflos in der Luft strampelten – wie weißes Fleisch. Verdammt, ich steckte in der Klemme! Es war eine Sache, einem Angreifer die Luft aus den Lungen zu prügeln, denn man wusste, dass es ihm zwar danach einige Tage schlecht ging, er Blessuren davontrug, sich dann aber wieder erholte. Doch eine brutale Vergewaltigung zu sehen oder – was noch viel schlimmer war – dabei mitmachen zu müssen, das hatte eine völlig andere Dimension! Als die Auktion um den heißesten Körper begann, verzog ich mich schnell aufs Klo.
Der ätzende Gestank der Urinale brachte mich zum Würgen. Die mit Scheiße und Graffiti beschmierten vier Wände boten im Moment Schutz. Ich klatschte mir eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht, mit dem mulmigen Gefühl, mir hier angesichts all der Bakterien eventuell noch eine hinterhältige Krankheit einzufangen. Mein Gesicht im Spiegel wirkte verzerrt, unwirklich, und ich erkannte dunkle Augenringe. Der emotionale Stress, in die Rolle eines anderen Menschen zu schlüpfen und diesen zu spielen, forderte seinen Tribut. Ich war kein Monster, kein Psychopath, ähnelte nicht den Vagos, denen ich vorgaukelte, sie so sehr zu schätzen. Hinter der Maske der Besonnenheit explodierte ich innerlich. Konnte ich das durchziehen? Ein „echtes“ Mitglied einer Outlaw-Biker-Gang werden? Ohne Waffe, ganz auf mich allein gestellt, ohne eine einzige Sekunde der Ruhe und Entspannung, blieb mir nur der tiefsitzende Überlebensinstinkt, auf den ich mich verlassen konnte. Ich musste mich auf die älteste Intuition der Menschheit verlassen und darauf hoffen, den richtigen Weg einzuschlagen.
Würde das aber ausreichen?
Mit Sicherheit unterzögen sie mich einem Test. Ein Kampf? Drogen? Eine Vergewaltigung? Eine Straftat? Vielleicht sogar ein Mord für den Club!? Als ich zum Tisch zurückkehrte, konzentrierten sich die Vagos auf eine Spezialität, für die man bei den Hells Angels den Aufnäher „Red Wings“ verliehen bekam – Cunnilingus mit einer menstruierenden Frau. Umgeben von ehemaligen Marines des Victor-Valley- und Victorville-Chapters suchten sich zwei Vagos ihr Opfer aus. Rhino, der für die Waffen des Clubs zuständig war, ein wahrer Panzer von einem Mann, dessen Oberarme fast jedes Hemd zum Platzen brachten und der riesige Ohrpiercings trug, sowie Twist, sein Speichellecker, ein emotionsloser Psychopath, übernahmen den Job. Eine Blondine, ein Groupie des Clubs, stellte sich freiwillig als Belohnung für die Biker, als spezieller „Preis“, zur Verfügung. Wahrscheinlich hoffte sie auf einen besseren Status, vielleicht darauf, der „Besitz“ oder die „alte Dame“ eines Vollmitglieds zu werden.
Sie strahlte eine verruchte Schönheit aus. Ich hatte sie schon früher gesehen. Sie lehnte gegen eine Wand und wurde nacheinander von drei Vagos rangenommen. Mit geschlossenen Augen und versteinertem Gesichtsausdruck ließ sie die Erniedrigung protestlos über sich ergehen. Ohne auf herumstehende geifernde Zuschauer zu achten oder die Umgebung wahrzunehmen, fickten die Biker sie wie Tiere. Sie grunzten, verdeckten das Gesicht der Frau mit ihren großen Pranken, kamen und drehten sich dann weg, als hätten sie gerade gepisst. Das zerzauste blonde Haar fiel ihr über die Schultern.
Das „Red Wings“-Ritual wurde streng nach Protokoll durchgezogen, was bedeutete, dass mindestens zwei Vollmitglieder dabei sein mussten. Rhino und Lizard meldeten sich freiwillig, und ich trottete ihnen als Zeuge hinterher, nicht weil ich sehen wollte, wie drei Männer den Kopf einer Frau auf die Klobrille schlagen und ihr die Beine spreizen – allein ihre Sicherheit, für die ich mich verantwortlich fühlte, lag mir am Herzen. Das Mädchen, das ausgewählt wurde, war dünn und sehr blass. Ich hatte den Eindruck, dass der leiseste Windhauch sie umwerfen könnte. Twist zog sie auf das Frauenklo, ein stinkendes Loch mit zwei verdreckten Toiletten. Unter den Wasserrohren hatten sich lange Roststreifen gebildet. Die Kloschüsseln waren von festgebackenem Urin und trockenen Fäkalien bedeckt.
Es stank nach Fäulnis und abgestandenem Wasser. Twist befahl der Frau, sich die Hose runterzuziehen. Lizard, 55 Jahre alt und drogenabhängig, wirkte, als schwebe er immer noch auf einem schlechten LSD-Trip. Er schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich wartete in der beklemmenden Dunkelheit auf spöttische Bemerkungen, Schreie oder lautes Knallen, doch ich hörte rein gar nichts. Der Raum schien jedes Geräusch zu verschlucken, den kleinsten Laut zu einem düsteren, unvorstellbar schrecklichen Ort umzuleiten. Als sie einige Minuten später wieder vom Klo kamen, spuckte Twist einige Male auf sein Stirnband und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Lizard und Rhino klopften ihm anerkennend auf den Rücken. Mit einem Quietschen schloss sich die Klotür. Ich blinzelte hinein und sah auf dem Boden einen zusammengerollten Schatten, hörte ein leises Schluchzen.
Lizard lauerte im Schatten, beobachtete und prüfte mich. Würde ich etwas Ungewöhnliches unternehmen, mich wie ein Mensch mit einem Gewissen verhalten? Doch ich blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete die Frau, die sich vom Boden hochquälte, der mit Glassplittern übersät war. Scherben von Bierflaschen glitzerten in der Kloschüssel wie dunkles Eis. Die Frau kroch zu der Tür, wo ich stand. Ihre Jeans hingen in Höhe der Füße, das zerrissene Höschen war voller Blutflecken. Ich presste mich gegen die Wand, unterdrückte den Drang zu helfen, denn jedes Mitgefühl, jegliche menschliche Regung hätte meine Tarnung auffliegen lassen.
1 Pseudonym.
2 Strafverfolgungsbehörde bei Drogendelikten.
3 Der Ausdruck „One Percenter“ entwickelte sich zu einem stehenden Begriff, der sich mittlerweile auf allen Kutten der OMG (Outlaw-Motorcycle-Gangs)-Mitglieder findet.

Die Vagos brauchten Schlägereien wie andere einen Drogen-Fix. Es war egal, wem es an den Kragen ging oder ob überhaupt ein Sinn dahintersteckte – das Spiel des Gewinnens oder Verlierens verschaffte den Bikern eine Art Erleichterung. Meine Nächte verwandelten sich in einen undurchdringlichen Nebel aus Faustschlägen und Nackenhebeln. Mein Gesicht schlug so lange auf dem Betonboden auf, bis die Zähne die Wangeninnenseiten blutig aufrissen. Meine Augen waren geschwollen, so dass ich nur noch durch schmale Schlitze blinzeln konnte, und meine Stiefel hinterließen blutige Abdrücke auf den Fliesen. Die Polizei schritt niemals ein, da kein Opfer sie je verständigte. Zwischen all dem Grunzen, dem Krach und den hysterischen Schreien tat ich mein Bestens und schlug zu – immer und immer wieder, bis die Gewalt mich nicht mehr juckte, zur Gewohnheit wurde. Ich erwartete sie förmlich. Schlag. Ducken. Schlag. Wegducken. Mein Leben bestand nur aus dem blitzartigen Auflodern der Brutalität vor einer tiefen Finsternis. Die Angst, die ich mal gehabt hatte, schwand mit jedem Zweikampf mehr. Auch wenn ein stechender Schmerz meine rechte Schulter durchzuckte oder mein Kopf dröhnte, machte mir das nichts mehr aus.
Meine Haltung blieb den Bikern nicht verborgen, und so lud mich Terrible zur Feier des achten Gründungstags des Victor-Valley-Chapters ein. Sie fand im Screaming Chicken Saloon in Devore statt, einem Gebiet des San Bernardino County, auf das der Sheriff keinen Zugriff hatte und das zwischen zwei Freeways an der Route 66 lag. Der Saloon, eine umgebaute Tankstelle aus den Vierzigern, schenkte nur Bier und Wein aus, keine harten Alkoholika. Innen drin war es verdammt staubig. Die Barkeeper sahen ziemlich abgerissen aus, wie Fossilien aus einer längst vergangenen Ära, die mal dringend ein gründliches Bad nötig gehabt hätten. Dollarscheine flatterten an der Wand. Ein großes Motorradschutzblech hing ebenfalls dort, gleich neben den grellen Neonröhren, die ein „V“ bildeten. Mehr als 200 Vagos hatten sich in den Laden gequetscht und vermischten sich mit den Mitgliedern anderer Chapter oder von Clubs, die sie unterstützten. Der Tresen war so lang, dass er bis in einen überdachten Außenbereich hineinragte, in dem man mit Hufeisen Wurfübungen machen konnte. Um mich herum sah ich das metallische Glitzern von Waffen und Stahlketten. Pinkfarbene Flyer, die für eine Wohltätigkeitsveranstaltung zur Unterstützung einer Kampagne gegen Brustkrebs warben, lagen auf dem Boden und klebten an den Stiefeln der Männer. Die Frauen stolzierten in Bikinis durch den Laden.
Einige Vagos trugen noch ihre Helme, die an die Nazi-Sturmtruppen des Zweiten Weltkriegs erinnerten. Vor der Bar standen Bikes aneinandergereiht – meist in Schwarz, Bronze, Silber, Rot oder Blau –, deren Lenker mit Walküre-ähnlichen Metallschwingen verziert waren. Das Leben der Onepercenter drehte sich vornehmlich um Motorräder und das Ausschlachten alter Maschinen bzw. den Diebstahl von Ersatzteilen. Terrible drängte sich zwischen den Leuten hindurch und kam auf mich zu, in der Hand ein großes Glas mit kühlem Bier. Er wirkte heute besonders aufgeregt, denn die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Er sprach davon, es Drogendealern heimzuzahlen, die Stoff mit gefälschten Banknoten gekauft hatten, von einer Jagd auf Menschen, die er anleiere, da sie den Vagos Kohle schuldeten, von Anschlägen, die er verüben wolle, und Gesichtern und Augenhöhlen, die er in blutigen Brei zu verwandeln gedachte. Von ihm unbemerkt steuerte ich den Rekorder aus.
Terrible machte mich verdammt nervös. Es war nicht nur seine dämonenhafte Erscheinung, sondern seine Unberechenbarkeit. Er prügelte sich, ohne provoziert worden zu sein, verlor beim Erzählen den roten Faden und beendete Gespräche mitten im Satz. Wenn er unter Stress stand, schlug er auf imaginäre „Schattenmenschen“ ein. Doch er war für mich auch der ideale Türöffner, um an Schlüsselfiguren wie Twist vom Victor-Valley-Chapter oder Rhino vom Victorville-Chapter heranzukommen. Die beiden tauchten just in diesem Moment im dunklen Eingang des Screaming Chicken auf und trugen Tüten voll mit weißem Pulver. In den vorderen Taschen der Kutten steckten kleinkalibrige Pistolen. Ich prägte mir die tätowierten, muskulösen Arme ein und die überdimensionalen Piercings in Rhinos Ohrläppchen. Die beiden durchdrangen mich beim Näherkommen mit ihrem ausdruckslosen Starren. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie eine schwere Kindheit hinter sich hatten, in ihren frühen Jahren emotionaler Vernachlässigung ausgesetzt waren und sich mit den ständigen Gewaltdarstellungen im Fernsehen konfrontiert sahen, während ihre Eltern aus der Arbeiterschicht einen beständigen Kampf führten, damit genügend Essen auf dem Tisch stand. Ich kannte sie gut, Menschen, die so drauf waren wie diese beiden. Gespräche führten da zu nichts. Niemand stellte sich gegen von ihnen gefällte Entscheidungen. Es war ja auch egal. Widerworte hätten sie wahrscheinlich nur zu einem Schlag in die Fresse provoziert. Und mal davon abgesehen, bestand mein Job darin zu beobachten, Gespräche aufzuzeichnen und zu manipulieren, und nicht darin, solche Typen zu läutern, aus ihnen womöglich noch gute Menschen zu machen.
In dieser Nacht ahnte ich noch nicht, dass ich zwei der brutalsten Killer der Vagos begegnet war.

Zu Beginn des Jahres 2004 kontaktierte die Criminal Intelligence Division aus San Bernardino Special Agent John Carr vom Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives [ATF], um sich zu erkundigen, ob er mich für eine sinnvollere Aufgabe einsetzen konnte. Special Agent Carr und Special Agent Darrin „Koz“ Kozlowski trafen sich also mit Vertretern der DEA und mir im Büro in San Bernardino. Carr hatte schon einen Informanten, der in Riverside bei einer Ermittlung gegen die Vagos eingesetzt wurde. Das ATF und die DEA kamen schließlich zu einer Übereinkunft, und von nun an stand ich auf der Gehaltsliste des ATF. Der legendäre Koz, ein Bundesagent, der die Vagos 1997 in einem Undercover-Einsatz infiltriert und es sogar bis zum Rang eines Vollmitglieds geschafft hatte, fungierte als mein Kontaktmann.
Um in die Gang zu kommen, hatte er einen Informanten wie mich eingeschleust, der aber schon einen Monat später bei einem schweren Motorradunfall auf dem Hollywood Boulevard ums Leben gekommen war. Die Vagos besorgten sich daraufhin den Unfallbericht vom LAPD und erfuhren so, dass die Karre auf eine Regierungsstelle zugelassen war. Die Biker nahmen sich die Frau des Spitzels zur Brust und wollten wissen, warum ihr Mann ein Bike der Regierung „geschrottet“ habe. Die arme Frau wurde bedroht – entweder rede sie, oder man schlachte ihre Familie ab. Schließlich gab sie die wahre Identität ihres Mannes preis und verriet, dass er als ATF-Informant gearbeitet habe. Gleichzeitig zeigte sie den Vagos Koz’ Visitenkarte, die ihn als Bundesagenten auswies. Die Biker machten es von da an zu ihrer dringlichsten Aufgabe, den Mann namens Koz zu eliminieren. Zum Ende der ATF-Ermittlung im Jahr 1998 hin fanden die Typen seine Privatadresse heraus, terrorisierten ihn und bedrohten ihn mit Mord, weshalb das ATF ein bewaffnetes Krisenteam zur Überwachung seines Hauses abstellte. Die Vagos verzogen sich daraufhin – und Koz zog den Undercover-Job unbeeindruckt bis zum Ende durch, da noch niemand sein Gesicht gesehen hatte!
Als Koz mir die Hand schüttelte, umspielte ein sympathisches Lächeln seine Lippen. Er warnte mich: „Sie wissen, dass wir alles improvisieren?“ Bedächtig erläuterte er die Mission. Ich sollte im Rahmen der Operation 22 Green in den inneren Kreis der Vagos vordringen. Das Ziel: Den Vagos Verstöße gegen das Bundesgesetz VICAR (Violent Crime in Aid of Racketeering4) nachzuweisen, bei dem im Gegensatz zum RICO-Act den Bikern nur ein einziger Gesetzesverstoß nachgewiesen werden musste, und die Identifikation der Chefs des Clubs und der Anführer der einzelnen Chapter.
„Was haben Sie für einen Rang bei den Vagos?“
„Meinen Rang?“
„Ja, was machen Sie da?“
„Ich hänge mit denen ab!“
„Wissen Sie überhaupt, was das bedeutet?“ Ein Anflug des Zweifels huschte über Koz’ Gesicht, während er mir die Club-Hierarchie erklärte. Das Ziel jedes Hangers oder Abhängers war es, sich zum Prospect hochzuarbeiten und schließlich Vollmitglied zu werden. Die besonders vielversprechenden Vollmitglieder nahmen dann Führungspositionen ein: Präsident, Vizepräsident, Sekretär, Schatzmeister und Waffenmeister. Besondere Brutalität wiederum qualifizierte einen Mann für die Elite-Kampftruppe des Clubs – er konnte Killer werden, Dealer oder spezielle Härtefälle übernehmen. Jeder Outlaw-Club besaß so eine Truppe, die auch einen Namen trug. Bei den Outlaws war es die SS, für die Hells Angels erledigten die Filthy Few oder die Death Squad die Drecksarbeit, bei den Pagans stand die Black T-Shirt Squad Gewehr bei Fuß, und das Nomad Chapter übernahm die Jobs bei den Bandidos.



