Wie zerplatzte Seifenblasen ...

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Ben
Mai
Cagney war ein komischer Kauz. Wenn er rauchte, hörte er nicht beim Filter auf, sondern sog die Giftstoffe umso genüsslicher durch die Atemwege in die Lunge. Er war kein Italiener, obwohl ihm sein südländisches Aussehen den Job bei Luigi verschafft hatte – den er laut eigenen Angaben am liebsten stündlich hinschmeißen würde. Ständig sprach er davon, dass er selbst Geld verdienen müsste, weil er seine Eltern enttäuscht habe und nicht mehr auf deren Unterstützung zählen könne. Inwiefern er eine Enttäuschung war, wollte er mir nicht verraten.
Wenn unsere Schichten aneinandergrenzten, rauchten wir gemeinsam auf dem stinkenden Hinterhof. Bald entwickelten sich aus den gemeinsamen Raucherpausen zarte Anflüge einer Freundschaft. Und dann kam der Tag, an dem Cagney mir seine Geschichte erzählte. Der Imbiss war schon wie ausgestorben, als ich reinkam, um Cagney abzulösen. Unsere Schichten grenzten dienstags und sonntags aneinander, und Cagney hatte mich schon von Beginn an darüber aufgeklärt, dass die Zahl der Menschen, die das Bedürfnis nach fettiger Tiefkühlpizza á la Luigi hatten, sich grundsätzlich auf ein Minimum beschränkte.
„Ich frag’ mich, wie der Typ Gewinn macht“, lachte Cagney an diesem Dienstagnachmittag, als wir uns auf dem Hinterhof gemeinsam die Frühlingssonne auf die Schädel scheinen ließen. Eine Antwort auf seine Frage hatte ich nicht, weswegen ich nur lachend mit den Schultern zucken konnte. Cagney ließ sich nach hinten auf den Rücken fallen. Ich tat es ihm gleich und ließ den Stein die Haut unter meinem T-Shirt kühlen. Beide starrten wir in den blauen Himmel. Wie Bekloppte.
„Meine Eltern haben mich rausgeschmissen vor zwei Jahren.“
Ich war verblüfft, dass Cagney mir das erzählte. Sein Körper lag in unveränderter Position neben meinem, die Zigarette in seiner Hand brannte herunter, ohne dass er neue Züge nahm. „Ich habe Scheiße gebaut“, fuhr er fort, doch dann schluckte er und schüttelte den Kopf, als wolle er die Gedanken an die Vergangenheit vertreiben. Ich beließ es bei den lückenhaften Informationen, die er mir gab, und drängte ihn nicht dazu, mir mehr zu erzählen. Er war einsam und rastlos, aber waren wir das nicht alle? Konnten wir nicht alle erst mit dem Tod endgültig zur Ruhe kommen?
Klopf, Klopf.
Ich wusste, wer da wieder an meine Zimmertür klopfte, also bewegte ich meine müden Füße in Richtung Tür. Natürlich öffnete Lina sie selbst, sobald sie hörte, dass ich mich im Raum bewegte.
„Okay, ich erklär’ dir jetzt mal was“, begrüßte ich sie seufzend. Von ihren großen, blauen Augen fühlte ich mich immer noch hypnotisiert, wenn ich sie zu lange ansah. Keine Ahnung, was das für ein komisches Gefühl war, das sie in mir auslösten, es war mir fremd. Ich beschloss, ihr von nun an einfach nicht mehr in die Augen zu sehen. „Wenn man klopft, dann wartet man auf eine Antwort. Eine Antwort wie: Komm doch rein, Lina. Verschwinde, Lina. Oder ich öffne die Tür für dich. Aber es macht keinen Sinn, an eine Tür zu klopfen, wenn du anschließend einfach hereinspazierst.“
Der Blick, mit dem Lina mich ansah, war zur Hälfte spöttisch und zur anderen Hälfte amüsiert. „Ich hatte Angst um dich. Hätte schließlich auch sein können, dass du gerade im Sterben liegst. Dann hätte dich niemand gefunden, wenn ich nicht reingeschneit wäre“, scherzte sie. Sie rauschte durch das Zimmer, setzte sich vorsichtig auf die Kante des Bettes und merkte nicht, was ihre Worte in mir auslösten. Denn sie hatte recht. Niemand hätte mich gefunden, weil niemand nach mir gesucht hätte. „Also, was ich dich fragen wollte…“ Sie schluckte. Plötzlich sah sie ganz kleinlaut aus. „Kann ich heute vielleicht bei dir schlafen?“
Wäre ich in einer besseren Verfassung gewesen, dann hätte ich sie mitleidlos sofort rausgeschmissen. Ich hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. Aber sie hatte mich gerade daran erinnert, wie furchtbar mein Leben war. Denn so war es nun einmal, wenn man mutterseelenallein war und keiner mehr da war, an den man sich wenden konnte. Obwohl ich es nie zugegeben hätte, war ich sogar froh darüber, dass sie hier übernachten wollte.
„Ben?“
„Okay, ja. Kannst hier übernachten. Stört mich nicht.“
Lina verließ das Zimmer und kam etwa eine halbe Stunde später wieder im Schlafanzug zurück. Sie sah aus wie ein Kind. Ein Kind mit Albträumen. Ein Kind, das große Angst davor hatte, verletzt zu werden. Allein zu sein.
„Soll ich auf dem Sofa schlafen?“ Unschlüssig sah sie zwischen Bett und Sofa hin und her.
„Wie du willst.“ Ich putzte mir meine Zähne und schlüpfte im Gemeinschaftswaschraum in mein stinkendes Schlaf-T-Shirt. Der Flur war menschenleer und dunkel, der Boden eigentlich viel zu kalt, um barfuß zu laufen. Als ich die Zimmertür wieder aufschob, sah ich, dass Lina sich auf dem Sofa zusammengerollt hatte. Die Knie hatte sie an die Brust gezogen. Ihr Atem ging gleichmäßig, ihr Gesichtsausdruck war friedlich. Ungeschminkt sah sie nicht aus wie ein Kind – sie war ein Kind. Eine Weile stand ich mitten im Zimmer, ohne einen Laut von mir zu geben. Dann begann ich, mich bescheuert zu fühlen. Ich bewegte mich auf meine schlafende Zimmergenossin zu, breitete vorsichtig meine Bettdecke über ihrem Körper aus und bemühte mich dann, sie zu ignorieren. Ich hatte mich ganz sicher nicht einmischen wollen. Ich war derjenige gewesen, der von Beginn an auf seine Privatsphäre bestanden hatte und Lina jede Information über mich, mein Privatleben und meine Vergangenheit vorenthalten hatte.
Dann klingelte das bescheuerte Handy. Und ich war der Blödmann, der begann, sich einzumischen. Ihr Klingelton war ein furchtbarer Song aus den Charts und so laut eingestellt, dass er mich erschreckte und sie aufgeweckt hätte, wenn er weiterhin diese gehaltlosen, schrecklichen Töne produziert hätte. Nachgedacht hatte ich darüber nicht wirklich. Ich drückte den Anruf einfach weg. Als ich das leuchtende 1 verpasster Anruf von Luis auf dem Display aufleuchten sah, da wusste ich, dass ich Mist gebaut hatte. Denn mehr war nicht erforderlich gewesen: Ich hatte mich eingemischt und schämte mich dafür. Deshalb ließ ich Lina weiterschlafen, erzählte ihr auch anschließend nichts von ihrem verpassten Anruf und ließ das Handy in ihre Handtasche zurückgleiten, als sei nichts gewesen. Eigentlich war ich nie der Typ gewesen, der sich einmischte.
Das letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen hatte ich, bevor alles passiert war. Seit dem Unfall war ich jede Nacht aufgewacht – schweißgebadet, schreiend oder geräuschlos weinend. Manchmal war mein Albtraum nämlich so real, dass ich nicht einmal aufhören konnte zu weinen, wenn der Traum vorbei war. Und wie gesagt – schwitzen, schreien oder weinen musste ich nächtlich. Aber nicht in dieser Nacht. In dieser Nacht konnte ich durchschlafen.
Zu Mittag essen wollten wir auch am nächsten Tag gemeinsam. Lina trug ihre Converse und ließ jeden zweiten Pflasterstein aus, der ihren Weg kreuzte. Ich beobachtete das kindische Spielchen eine Weile und Lina erwischte mich dabei. „Was guckst du so?“, fragte sie und ihr rechter Fuß berührte einen Pflasterstein, den sie eigentlich hätte überspringen müssen.
„Letztes Mal dachte ich, du bist eine Rentnerin. Wegen deiner Pizza-Ränder-Phobie. Jetzt kommt es mir irgendwie so vor, als würde ich ein Kindergartenkind zum Essen begleiten“, grinste ich.
Sie kniff die Augenbrauen zusammen und machte demonstrativ weiter damit, jeden zweiten Stein auszulassen. „Früher habe ich immer Wetten mit mir selbst abgeschlossen. Wenn du das schaffst, dann hast du eine gute Note im Vokabeltest. Weißt du, was ich meine?“
Ich wusste genau, was sie meinte. „Warum machst du es noch? Welche Wette hast du am Laufen?“
Sie hörte auf, wie ein ausgelassenes Kind über die Straße zu hüpfen. „Keine“, sagte sie dann. Plötzlich war die Freude über ihr Pflastersteinspiel aus ihrem Gesicht verschwunden und sie wurde ernst. „Keine“, wiederholte sie. Wenn Lina und ich uns anschwiegen, war es keine unangenehme Stille. Dadurch, dass wir übereingekommen waren, Abstand zu halten, endeten Gespräche zwischen uns oft mit dieser Art des Schweigens. Nämlich immer dann, wenn einer die Linie übertreten hatte.
Sie saß mir gegenüber an einem wackligen Tisch vor dem Café. Die Beine hatte sie überschlagen, die Haare zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengefasst. Unerlässlich tippte sie mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte, was ein nervtötendes, hohles Geräusch erzeugte. Als sie sah, dass mich das Geräusch ihrer Nägel auf der Glasplatte aufregte, nahm sie die Hände vom Tisch und legte sie in den Schoß.
„Nervige Angewohnheit“, kommentierte ich.
„Du hast bestimmt auch viele nervige Angewohnheiten“, feuerte sie zurück.
„Du kennst mich nicht.“
„Aber du kennst mich, oder was?“ Sie lachte verächtlich. „Du kommst dir vielleicht toll vor mit deiner bescheuerten Übereinkunft. Ich weiß ganz genau, dass du meinen Anruf weggedrückt hast. Wenn du an mein Handy gehst, um meinen Anruf abzulehnen, dann musst du dich auch nicht beschweren, wenn ich dir Fragen stelle. Die sind zumindest ehrlich und direkt!“ Jetzt war sie sauer. Sie stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf und funkelte mich an.
Ich war zu überrumpelt davon, dass sie von meiner nächtlichen Aktion wusste, als dass ich mir kurzfristig eine schlaue Antwort hätte überlegen können. Die helle, strahlende Farbe ihrer blauen Augen irritierte mich. „Ich hab’s einfach gemacht, ohne darüber nachzudenken. Du wärst sonst aufgewacht. Und du hast …“ Ich brach den Satz ab. „Und du hast so friedlich geschlafen“, hatte ich sagen wollen. Aber dann hätte sie gewusst, dass ich sie im Schlaf beobachtet hatte. Das wäre irgendwie demütigend gewesen.
„Und ich habe ...?“ Sie sah über den Tisch zu mir herüber, aber ich starrte auf meine Serviette.
„Du hast geschlafen.“
„Als ob es dich interessiert hätte, wenn ich aufgewacht wäre – mach dich nicht lächerlich!“
„Es hätte mich interessiert.“
Sie schnaubte. „Wenn du etwas über mich wissen möchtest, dann frag doch einfach.“ Es lag Hoffnung in ihrer Stimme, ganz so, als würde ich wirklich anfangen, zu fragen. Vielleicht wollte sie, dass ich ihr alles erzählte. Aber das konnte ich nicht. Ihre klaren, blauen Augen sahen mich verständnislos an, als ich aufstand und den Stuhl zurückschob.
„Ich habe keinen Hunger mehr“, hörte ich meine Stimme sagen. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ließ Lina allein am Tisch zurück. Sie blickte mir kopfschüttelnd nach.
„Du bist ein Arschloch“, sagte Cagney begeistert, als ich ihm erzählte, was passiert war.
Ich boxte ihn an die Schulter. „Ich kann mit der komischen Situation einfach nicht umgehen. Ich will sie nicht hier haben. Wegschicken will ich sie aber auch nicht.“
„So ist das mit den Weibern!“ Cagney zog den rechten Mundwinkel zu einem halben Grinsen in die Höhe.
Was ich gesagt hatte, war nicht die ganze Wahrheit. Ich tat, als wäre ich der edle Ritter, als sei Lina auf mich angewiesen, aber in Wirklichkeit brauchte ich sie genauso wie sie mich. Ihre Gesellschaft war ein Zeichen dafür, dass die Welt sich Tag für Tag weiterdrehte.
„Ich würde sie trotzdem wegschicken. Mit einem Tritt in den Arsch. Zumindest, wenn sie nervt.“
„Sie nervt.“
„Dann schick sie weg.“ Cagney beobachtete eine Reihe von Ameisen, die die Wände der Mülltonne emporkletterten, neben der wir uns auf dem Boden niedergelassen hatten. Er feuerte kleine Spuckfontänen auf die Tierchen ab und versuchte, sie damit zu ertränken, aber er verfehlte die Insekten. Sein Speichel bildete schleimige, kleine Pfützen auf dem Boden. „Blöde kleine Scheißviecher“, brummte er. Dann griff er in seine Hosentasche und förderte ein Päckchen Zigaretten zutage. Das Feuerzeug klickte, als er sich eine anzündete. „Ich bin keine Tussi“, sagte Cagney, obwohl das offensichtlich war. Er schnipste die Asche weg und begrub kaltherzig zwei Ameisen unter dem Haufen. „Wir könnten reden.“
„Du könntest reden. Vielleicht kann ich dir helfen.“ Ich stocherte mit der Schuhspitze in die Ameisenstraße auf dem Boden. „Für immer können deine Eltern dich nicht hassen.“
„Da ist die Königin“, sagte Cagney und deutete auf ein im Vergleich zu seinen Artgenossen riesiges Insekt mit Flügeln. Er lenkte vom Thema ab.
Ich sprang darauf an. „Die Ameisenkönigin ist arm dran. Wusstest du, dass sie nur dafür lebt, Eier zu legen? Den ganzen Tag. Immer. Sie sichert das Fortbestehen des Stammes“, setzte ich ihn in Kenntnis.
Er sah mich stirnrunzelnd an und antwortete: „Kein sehr schönes Leben.“ Vorsichtig nahm er das Tierchen auf die Hand.
„Vielleicht wird sie wiedergeboren. Als etwas viel Besseres. Oder sie war in ihrem vorherigen Leben ein Schwerverbrecher und das ist ihre Strafe.“
„Alter, Ben, wie schräg bist du denn bitte? Du glaubst doch nicht ernsthaft an Wiedergeburt und so einen Mist?“ Er entließ unsere Ameisenkönigin zurück in die Freiheit.
Ich fragte mich, wo ihr Nest war. „Wieso nicht?“
„Weil es keinen Sinn macht.“
„Natürlich macht es Sinn. Alles, was du in diesem Leben ertragen musst, wird im nächsten Leben belohnt. Oder andersherum. Es ist absolut logisch.“
Cagney antwortete nicht mehr und ich beobachtete die untergehende Sonne, die den verdreckten kleinen Hinterhof in warme, rote Farben tauchte. Wir saßen still nebeneinander.
Erst Minuten später antwortete er: „Es ist falsch, Ben. Du hast ein Leben. Eine Chance. Du kannst was daraus machen. Oder du kannst deine Chance verspielen und hoffen, dass in deinem angeblichen nächsten Leben alles besser wird. Aber egal, was dir passiert ist: Es wird dich nicht davor retten, dich auf deinen Arsch zu setzen und dir Mühe zu geben. So läuft das nun mal.“
Ich starrte in die Sonne, bis das Einzige, was ich hinter meinen Lidern noch erkennen konnte, springende rote und grüne Punkte waren. Cagney schien noch immer über das Leben zu sinnieren. Schon wieder steckte er sich eine Kippe an. „Wenn es nur ein Leben und eine Chance gibt, warum bist du dann hier?“, fragte ich ihn.
Er zuckte mit den Schultern. „Es ist alles nicht so einfach, Ben.“
„Warum rauchst du, wenn du nur ein Leben hast und Zigaretten dich krank machen?“, fuhr ich fort, aber Cagney winkte ab.
„Weil es egal ist. Weil meine Chance verstrichen ist.“
Als ich weit nach ein Uhr die Zimmertür aufschob, lag Lina mit offenen Augen in der Dunkelheit und starrte an die Decke. Sanft zog ich die Tür hinter mir zu. „Was machst du da?“, fragte ich sie flüsternd.
„Ich kann nicht schlafen“, gab sie knapp zurück.
Ich fühlte mich schlecht, weil ich mittags einfach abgehauen war. „Es tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin. Und dass ich den Anruf weggedrückt habe.“ Ich flüsterte noch immer.
„Es ist nicht schlimm. Dein Essen war lecker.“
Ich lachte leise. Sie warf mir einen Blick aus ihren kristallklaren blauen Augen zu, den ich nicht deuten konnte. In der Dunkelheit sah ich, wie Lina ihr Gesicht im Kopfkissen vergrub. „Lina?“ Immer noch flüsterte ich, obwohl kein Anlass dazu bestand.
„Hm?“
„Was ich dir gesagt habe, über Glück und all das – denkst du, es ist Blödsinn?“
Sie drehte sich in meine Richtung und legte den Kopf auf dem Unterarm ab. „Wieso fragst du das?“
Im abgedunkelten Zimmer sah ich nur die Silhouette ihres Körpers unter der dünnen, weißen Decke.
„Warum?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, warum.“
„Ich glaube nicht, dass es falsch ist. Ich finde die Vorstellung schön, dass jeder das kriegt, was er verdient. Das spendet Trost, oder?“
Ich nickte, und als mir auffiel, dass sie mich nicht sehen konnte, war sie bereits verstummt und mit dem Kopf müde auf das Kissen gesunken.
Ich musste lächeln. „Schlaf gut, Lina.“ Es störte mich nicht, dass sie mich nicht mehr hören konnte.
*
Lina
Mai
Die Zimmertür, an die ich jeden Tag mindestens einmal klopfte – mal entschlossen, mal zaghaft – trug die Zimmernummer 27. Als die Tür von innen geöffnet wurde, waren es aber nicht Bens Schokoaugen, die in meine blickten.
„Abend“, sagte die tiefe Stimme, die dem südländisch aussehenden Fremden gehörte, der mir gegenüber stand. Der Fremde war gebräunt und muskulös, sein Blick hatte etwas Spielerisches.
„Ähm. Abend“, erwiderte ich verunsichert. Er machte einen Schritt zur Seite und gab mir dadurch den Weg frei. Beim Reingehen stolperte ich über die Schwelle und Ben, der selbstverständlich rauchend am Fenster stand, grinste blöd.
„Das war dann wohl mein Stichwort“, sagte der Fremde. Er räusperte sich. Es war mehr als deutlich, dass er sich unwohl fühlte in meiner Gegenwart.
Ben stieß sich vom Fensterbrett ab und schnippte den Zigarettenstummel nach unten auf die Straße. „Sie beißt nicht“, sagte er mit einem Seitenblick auf mich. Sein blödes Grinsen klebte ihm noch im Gesicht, während sich bei seinem Freund nur der rechte Mundwinkel hob und sein Lächeln ihm beinahe schief im Gesicht zu liegen schien, so, als hätte er vergessen, auch den linken Mundwinkel in die Höhe zu ziehen.
„Dafür, dass sie nicht beißt, hat sie sehr spitze Eckzähne“, observierte der Fremde. Er starrte auf meine oberen Zahnreihen.
„Scharf wie ein Säbelzahntiger!“, scherzte Ben, der sich neben seinem Kumpel positioniert hatte. Beide hatten sie unheimliche Freude daran, sich mit kindischen Vergleichen zu übertreffen.
„Wie ein Piranha!“
„Wie ein Vampir!“
„Wie ein weißer Hai!“
Auf der Suche nach neuen Tiergebissen, die er mit meinen Zähnen vergleichen konnte, blieb Bens Blick für einen kurzen Moment an meinen Lippen hängen. Ich hatte nicht einmal Zeit, zu erröten, so schnell hatte er sich wieder gefangen und seinen Blick von mir abgewandt. Kurze Zeit später kündigte der Fremde an, dass er jetzt gehen müsse. Ben bot ihm sofort an, ihn ein Stückchen zu begleiten. Er schien erleichtert, dass er mich nicht mehr ansehen musste.
„Du isst immer Marmelade. Jeden Tag. Kommt es dir nicht langsam wieder zum Hals raus?“, fragte ich Ben beim Frühstück am nächsten Morgen im Hostel. Es war die einzige Mahlzeit, die man hier bekam. Ben saß mir gegenüber am Tisch und strich hoch konzentriert Erdbeermarmelade auf sein Brot. Dabei war er stets darauf bedacht, den Aufstrich gleichmäßig zu verteilen und keine Stelle unbedeckt zu lassen.
Ohne den Blick von seinem Brot abzuwenden, schüttelte er den Kopf. „Es erinnert mich an zu Hause“, sagte er.
Mit der Aussage überraschte er mich. Es war das erste Mal, dass er von der Zeit sprach, die unserem Zusammentreffen am Bahnhof vorausging. Als ich versuchte, Emotionen in seinem Gesicht zu finden, war sein Blick neutral und gab mir keinen Aufschluss darüber, was Zuhause für ihn bedeutete.
„Was ist für dich zu Hause?“ Er legte das Messer mit einem leisen Klirren auf dem Tellerrand ab. Sein perfekt geschmiertes Marmeladenbrot verströmte einen süßlichen Geruch. Es sah etwas verloren aus auf dem riesigen Frühstücksteller. Aber waren wir das nicht alle?
„Das Quietschen der dritten Treppenstufe“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
Er lachte. Es war dieses Lachen, das ich nur von Ben kannte. Das Lachen, das abgrundtief traurig war. „Wirklich?“
Ich musste kichern.
„Das Quietschen der dritten Treppenstufe?“
„Wirklich.“
Über den Tisch hinweg grinsten wir uns an und Ben hielt sein Brot in diesem Moment schief, sodass ein Marmeladenklecks auf seinem Teller landete. Als es ihm auffiel, legte er das Brot weg, stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf und sah mich an. „Du bringst mich … irgendwie zum Lachen“, sagte er leise.
Ich spürte, wie ich errötete. „Ist doch gut, oder nicht?“
Ben hob das Brot wieder auf, zuckte mit den Schultern. „Es ist ungewöhnlich.“
Ich mochte ihn. Zwar wusste ich nicht, warum, und eigentlich hatte er das nicht verdient, aber in seiner Nähe fühlte ich mich gelöst. Vielleicht rührte dieses Gefühl einfach nur daher, dass er nichts über mich wusste und ich ihm keinerlei Erklärungen schuldig war, aber das war egal. In dieser Stadt hatten wir uns eine geschützte, kleine Blase geformt, in der wir nun lebten, ohne dass es irgendjemanden zu interessieren schien. Es war wie ein Stillstand. Die Uhren blieben nicht stehen, doch die Zeit lief weiter. Alles, vor dem ich geflüchtet war, existierte noch. Aber es existierte in weiter Ferne und ich brauchte noch Zeit. Ich war noch nicht bereit dazu, meine Blase zu verlassen. Manchmal braucht man den Stillstand.
Meine Mutter rief drei Tage später an, als Ben und ich gerade am Ufer des Flusses saßen, der mitten durch die Stadt floss und den man nur über eine monströse, steinerne Brücke überqueren konnte. Der Boden war schmutzig und noch kühl, aber wir froren nicht, als wir auf unseren Hosenböden saßen und den Fluss betrachteten. Die Frühlingssonne spiegelte sich im Wasser und erzeugte Tausende schimmernde und funkelnde Reflexionen. Es sah magisch aus.
„Wie ein Feenzauberstab“, sagte ich.
Ben schwieg und genoss mit geschlossenen Augen die wärmenden Strahlen der Sonne auf seiner Haut. Ich tat es ihm gleich und plötzlich konnte ich mich voll und ganz auf das sanfte Rauschen und Plätschern des Wassers konzentrieren. Als er zu sprechen begann, flogen meine Augenlider auf. Seine Schokoaugen waren hinter den Lidern verborgen und er wirkte vollkommen entspannt, als er fragte: „Wusstest du, dass Wasser im Buddhismus als Sinnbild gilt?“
Ich drehte mich auf den Rücken, starrte ihn an. „Sinnbild für was?“
„Als Sinnbild für den Strom des Lebens.“
„Warum bist du so fasziniert vom Buddhismus?“, fragte ich ihn, während ich die Unterarme auf die kühle Erde aufstützte.
Ben bemerkte meine Bewegung, öffnete die Augen in Zeitlupe und blinzelte in das gleißende Sonnenlicht. „Weil es Sinn macht“, entgegnete er. Das Licht verwandelte seine Augen in Schokokaramellbonbons. Als mein Handy klingelte, übertönte es das entspannende Geräusch des rauschenden Flusses und zerstörte die schläfrige Ruhe des Moments. Ich sprang auf die Füße.
„Es ist Zeit, nach Hause zu kommen“, sagte meine Mutter ohne Begrüßung. Sie klang krank vor Sorge.
„Es geht mir gut. Wirklich. Ich brauche nur … ein bisschen Abstand von allem.“
Stille am anderen Ende der Leitung.
Während ich auf ihre Antwort wartete, lief ich unruhig am Ufer entlang, zeichnete mit meiner Schuhspitze matschige Kreise in die Erde, sah in Bens Richtung, der meinen Blick auffing. Ich hörte meine Mutter durchs Telefon seufzen.
„Es ändert nichts, Schatz, du hast Abstand genommen, aber irgendwann musst du doch zurückkommen. Es ist eine Geldverschwendung, was du da machst. Du kannst auch daheim in deinem Selbstmitleid baden. Da musst du wenigstens nicht für deine Unterkunft bezahlen. Wenn du so weitermachst, dann kannst du deinen Amerikatraum gleich begraben.“ Sie klang sauer, aber ich wusste, dass sie das nicht war. Sie versuchte nur alles, um mich zurückzuholen.
„Ich gehe nicht nach Amerika“, sagte ich. Dann legte ich auf.
Als ich zu Ben zurückstapfte, hatte sich eine steile Falte zwischen meinen Augenbrauen gebildet. „Ich gehe zurück ins Hostel“, kündigte ich an und konnte die schlechte Laune nicht vor ihm verstecken.
„Wer auch immer angerufen hat, du solltest dir nicht diesen wunderschönen Tag verderben lassen“, erwiderte Ben. Als er zu mir hochsah, blendete ihn die Sonne. Er stand auf und war plötzlich nur wenige Zentimeter von mir entfernt. „Du hast da was“, sagte er leise, während er auf die Stelle zwischen meinen Augenbrauen starrte.
Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. „Was?“
„Eine Schlechte-Laune-Falte.“
Wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, bewegten sich Bens raue, warme Finger zu meiner Stirn, um die Falte glatt zu streichen. Er nahm die Hand nicht weg, als er die Falte geglättet hatte. Die Wärme seiner Finger schien sich auf meinen ganzen Körper zu übertragen. Die Stelle, die er in meinem Gesicht berührte, schien zu brennen. Er sah auf mich herunter und die Farben in seinen Augen verschwammen, sodass ich nicht mehr sagen konnte, was ich da sah. Waren sie haselnussfarben? Schokoladenfarben? Oder sahen sie eher aus wie flüssiges Karamell?



