Wie zerplatzte Seifenblasen ...

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Plötzlich wusste ich es nicht mehr und ich wollte mich auch nicht darauf konzentrieren, mich auf eine dieser Farben festzulegen. Ich wusste nicht, was Ben in diesem Moment dachte – eigentlich wusste ich nie, was in ihm vorging – und genauso schnell, wie seine Hände mein Gesicht berührt hatten, verschwanden sie auch wieder von dort. Er sah verwirrt aus. „Keine Ahnung, warum ich das gerade gemacht habe“, sagte er und räusperte sich verlegen.
Ich schluckte. Mein Herzschlag war in diesem Moment so schnell und laut, dass ich mir sicher war, er müsste ihn hören.
„Wegen der Falte?“
„Richtig.“ Er räusperte sich. „Wegen der Falte.“
Ich beobachtete, wie er einen Rückwärtsschritt machte, um Abstand zu mir herzustellen. Während ich noch immer die warme Berührung seiner Finger auf meiner Haut fühlen konnte, schien er bemüht, den Gedanken schnellstmöglich zu vertreiben. Seine Knie knacksten, als er sich bückte und wieder auf dem erdigen Boden vor dem Fluss Platz nahm. Mit seinen Augen folgte er dem Strom des Wassers. So konnte er jeglichen Blickkontakt vermeiden. Die entstandene Stille war unbehaglich. Es war nie merkwürdig gewesen, wenn wir uns angeschwiegen hatten. Jetzt war es das.
Mit geschlossenen Lidern lag ich in der Sonne und versuchte die Tatsache, dass Ben nur wenige Zentimeter von mir entfernt lag, zu verdrängen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sein Blick meinen Körper streifte, aber wenn ich die Augen aufschlug und mich in seine Richtung drehte, schien er zu schlafen und sich nicht dafür zu interessieren, was ich tat.
Immer wieder drängten sich die Worte meiner Mutter in meine Gedanken: „Du kannst nicht ewig bleiben. Nicht ewig Auszeit nehmen und vor den Tatsachen fliehen.“ Obwohl ich es nicht zugeben wollte, hatte sie natürlich recht. Aber ich war noch nicht bereit, nach Hause zurückzukommen. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es falsch wäre, jetzt zu gehen. Dass es einen Grund dafür gab, warum Ben und ich in derselben Nacht an derselben Haltestation ausgestiegen waren. Allein schon der Gedanke an eine Abreise fühlte sich nicht richtig an. Und was würde mich zu Hause erwarten? Eine kaputte Familie, eine kaputte Beziehung, eine kaputte Freundschaft. Zwar hatte ich mein ganzes Leben vor mir, aber alles, was ich mir für die Zukunft gewünscht und worauf ich hingearbeitet hatte, war innerhalb einer einzigen Nacht zerstört worden.
„Ich gehe“, unterbrach ich die Stille.
„Wohin denn?“, fragte Ben mich schläfrig.
Ich fühlte mich kein bisschen schlecht, als ich seine Frage ignorierte, meine Sachen zusammenpackte und mich mit hastigen Schritten vom Flussufer entfernte.
„Was soll das?“, rief Ben mir nach, aber ich antwortete ihm nicht.
Sobald ich den ersten Schritt auf die asphaltierte Straße gemacht hatte, verschwand der Geruch der feuchten Erde und des Wassers. Die Erinnerung an Bens Karamellaugen direkt vor meinem Gesicht verschwand nicht. Ich hatte es satt, mich von ihm herumschubsen zu lassen. Wenn er ein Problem damit hatte, Nähe zwischen uns herzustellen, dann sollte er seine Finger gefälligst bei sich lassen. Grundsätzlich waren es immer seine unüberlegten Handlungen, die uns beide in Verlegenheit und merkwürdige Situationen brachten. Grundsätzlich war ich am Ende diejenige, die mit Schweigen gestraft und behandelt wurde, als hätte sie einen Fehler gemacht. Aber ich hatte keinen Fehler gemacht. Schon bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass Ben mir gefolgt war. Ich beschleunigte meine Schritte, rannte fast. Aber er war schneller. „Ich habe es kapiert, Ben, du hast keinen Bock auf mich. Weißt du, wenn du mich so scheiße findest, dann solltest du mir vielleicht nicht hinterherlaufen“, fauchte ich. Als ich abrupt zum Stehen kam, war er mir so dicht auf den Fersen, dass er mich fast über den Haufen rannte. „Also, was willst du hier?“
„Was willst du hier?“, entgegnete er. Er meinte nicht den Platz am Fluss, er meinte die Stadt, die ihm ebenso fremd war wie mir.
„Was willst du mir damit ...“
Er berührte mich an der Schulter und ich brach meinen Satz ab, als mich sein Blick aus warmen Schokoaugen traf.
„Ich will doch gar nicht, dass du abhaust, verdammt“, sagte er dann und zog die Hand wieder zurück. Diesmal tat er nicht, als hätte er sich verbrannt.
„Was willst du dann?“
„Dass du bleibst.“
Beide starrten wir auf unsere Schuhspitzen.
„Ich weiß nicht … Ich hatte das Gefühl so lange nicht mehr … Es überfordert mich“, sagte Ben und sprach zusammenhangsloses, wirres Zeug.
Während wir nebeneinander die Straßen entlangliefen, spürte ich seine flüchtigen Seitenblicke. Sobald ich ihn ansah, senkte er jedoch den Blick und starrte auf den Boden, als wären die schmutzigen Pflastersteine das Interessanteste, was er seit Langem gesehen hatte.
„Denkst du eigentlich schon manchmal daran, zurückzugehen?“, fragte ich ihn vorsichtig.
Obwohl er ganz genau wusste, was ich meinte, stellte er sich ahnungslos. „Zurückzugehen?“ Sein Körper spannte sich an und seine Schritte wurden hektischer.
„Ob du darüber nachgedacht hast, wann du abreisen und dein altes Leben weiterführen willst“, erklärte ich. Obwohl er so schnell lief, dass ich Mühe hatte, sein Tempo zu halten, schien er gar nicht zu merken, wie nervös ihn meine Frage gemacht hatte.
Den Blick hatte er starr auf den Boden gerichtet, als er sagte: „Nein, habe ich nicht. Will ich auch nicht.“
Ich gab es nicht zu, aber seine Antwort erleichterte mich. Solange er da war, konnte ich auch hier sein. Solange er da war, war ich nicht allein. „Okay“, sagte ich.
Ben sagte nichts, aber als ich ihn sacht am Jackenärmel zupfte, wurde er langsamer und versuchte, seine Schritte an meine anzupassen. „Du kannst das Spiel spielen, wenn du willst“, sagte er nach einer Pause.
„Was für ein Spiel?“
„Das Pflastersteinspiel.“
Ich hatte aufgehört, zu zählen, wie oft er heute schon gegrinst und gelacht hatte. Mittlerweile hatte ich begonnen, es nur noch zu genießen und darauf zu warten, dass ich seinen süßen unvollständigen Frontzahn sehen konnte. „Das fandest du doch so furchtbar kindisch.“ Ich musste an den Tag denken, an dem er sich über mich lustig gemacht hatte, nachdem er mich beim Pflastersteinspiel beobachtet hatte.
„Es ist auch kindisch“, sagte Ben schulterzuckend. „Aber was ist falsch daran?“
Abends gesellte sich der Fremde wieder zu uns in Bens Hotelzimmer. So fand ich endlich heraus, dass er Cagney hieß und kein Italiener war. Auch hier gab es etwas, das im Raum schwebte, dass ihn beschäftigte, stets begleitete und nicht loszulassen schien. Aber er sprach nicht darüber. Ben und Cagney spielten ein Trinkspiel, betranken sich mit billigem Schnaps und schienen minütlich Tausende Gehirnzellen abzutöten, da ihre Kommentare immer stumpfsinniger wurden.
„Wir sollten never have I ever spielen“, schlug ich ihnen vor.
Sofort flog Bens Blick zu mir. „Willst du mich herausfordern?“ Er war schon betrunken, sah aus geröteten, glasigen Augen zu mir hoch. Unbeeindruckt von seiner Fahne setzte ich mich neben ihn auf den Teppich. Im Gegensatz zu Ben schien Cagney noch nichts von dem Alkohol zu merken.
„Was ist das, never have I ever?“, fragte er interessiert. Mit dem Rücken lehnte er sich am Sofa an.
„Ich sage irgendetwas, was ich in meinem Leben gemacht habe, und ihr müsst trinken, wenn ihr es auch gemacht habt“, erklärte ich.
Ben und Cagney wechselten einen Blick und Cagney öffnete schon den Mund, um meinen Spielvorschlag abzulehnen, aber Ben war betrunken. „Sehr gut!“
Ich dachte nach und sagte: „Ich habe noch nie ... gespickt.“ Anschließend hob ich die Wodkaflasche und trank zum Zeichen, dass ich sehr wohl schon gespickt hatte. Es schmeckte furchtbar. Ich war nicht an den Geschmack gewöhnt und schüttelte mich vor Ekel. Der flüssige Alkohol fühlte sich warm und kribbelnd in meinem Magen an. Nachdem wir eine Runde durchlaufen hatten, landete die Flasche wieder bei mir und ich gab sie an Ben weiter. Er saß so nah neben mir auf dem kratzigen Teppich, dass mein Knie fast seines berührte. Fast.
Als Ben zum Zuge kam, grinste er schon verschmitzt. „Ich habe noch nie eine Prügelei angefangen! Prost!“, rief er fröhlich, hob die Flasche an die Lippen und trank um einiges mehr, als nötig gewesen wäre. Sein T-Shirt roch nach Schweiß und sein Atem nach Alkohol.
Cagney nahm ihm die Flasche ab. „Du?“, lachte er ungläubig.
Auch ich konnte mir Ben nicht in einer Prügelei vorstellen. Bei näherer Betrachtung vermittelte einem sein Körperbau nämlich eher, dass er das Weite suchte, sobald er sich in eine gefährliche Situation manövriert hatte. Ben schienen unsere Zweifel nicht im Geringsten zu interessieren. „Natürlich ich!“ Er nahm einen weiteren Schluck. Cagney und ich wechselten einen zweifelnden Blick. „Ihr glaubt mir nicht!“, bemerkte Ben beleidigt.
Ich zuckte mit den Schultern und passte, als Cagney die Flasche an mich weitergeben wollte, nachdem auch er einen kräftigen Schluck genommen hatte.
„Ich musste meinen Bruder verteidigen. Das war Ehrensache“, erläuterte Ben, obwohl niemand ihn danach gefragt hatte.
Die Flasche stand jetzt in der Mitte des Kreises, den wir gebildet hatten, und es war still im Raum geworden. Gespannt wartete ich darauf, dass Ben noch mehr erzählte. Ich stellte mir vor, wie er zu seinem Bruder hielt, wie er ihn beschützen wollte. Und plötzlich gefiel er mir noch besser. Erst als Cagney sich laut und vernehmlich räusperte, merkte ich, dass ich Ben anstarrte und sich ein bescheuertes Grinsen in meinem Gesicht ausgebreitet hatte. Ich schluckte unbehaglich und konzentrierte mich darauf, die Fusseln auf dem Teppich zu zählen, um mich nicht in weitere peinliche Situationen zu manövrieren. „Du bist dran, Cagney“, sagte ich.
Er nickte, machte aber keine Anstalten, mit dem Spiel fortzufahren. Stattdessen saß er stumm und im Schneidersitz in unserem Kreis auf dem Teppich und schaute von Ben zu mir. Dann wieder zu Ben. Zurück zu mir. Dabei sah er irgendwie fassungslos aus. Zwar wollte ich mir das nicht eingestehen, aber es kränkte mich. Es kränkte mich sehr.
Meine Mutter rief täglich an und versuchte, mich zu überreden, nach Hause zu kommen. Irgendwann begann ich, sie zu ignorieren. Ich rief sie nicht zurück und ich hörte auch die verzweifelten Nachrichten nicht ab, die sie mir auf meiner Mailbox hinterließ. Ben rief niemand an – oder ich bekam es nicht mit. Ich wusste nicht wirklich, wo ich war oder was ich eigentlich machte – aber ich fühlte mich, als wäre ich an der richtigen Stelle. Für den Moment fühlte sich dieser Zustand zu gut an, um an etwas anderes zu denken.
Als ich mit Ben darüber geredet hatte, konnte er es mit seinen Worten auf den Punkt bringen: „Was zählt, ist der Moment.“
Und wir taten Tag für Tag nichts anderes, als diesen Moment zu leben, zu lieben und zu ehren. Die Zeit, die ich mit Ben verbrachte, erschien mir kostbar. Ich versuchte, mir jede dieser wertvollen, gemeinsamen Minuten einzuprägen. Es entwickelte sich eine untypische Freundschaft zwischen uns, eine Freundschaft, die weder Worte noch große Taten brauchte. Eine Freundschaft, die daraus bestand, gemeinsam zu schweigen. Gemeinsam die wärmenden Strahlen der Sonne zu genießen, sich die Pizza zu teilen, dem Rauschen des Wassers zuzuhören und über unwichtige Dinge zu quatschen. Niemand konnte uns unsere Leichtigkeit nehmen, wir achteten schließlich selbst darauf, dass die Unbeschwertheit nie gefährdet wurde.
„Cagney und ich haben etwas verdammt Cooles gefunden“, erzählte mir Ben aufgeregt, als die zweite Woche angebrochen war.
Ich hatte Cagney seit den Trinkspielen in Bens Zimmer nicht mehr gesehen. Es interessierte mich nicht, was die beiden Tolles gefunden hatten, und ich beschränkte mich darauf, lustlos in meinem Müsli herumzurühren. „Keinen Hunger mehr?“, fragte Ben, der mich aufmerksam beobachtet hatte.
„Nicht wirklich“, gab ich zurück.
Er streckte die Hand nach der Müslischale aus und ich reichte sie ihm über den Tisch. Er hielt die Schüssel schief. Kleine Milchtropfen sprenkelten über den Holztisch. Mit vollem Mund begann er dann zu erzählen: „Wir haben versucht, ein bisschen rauszukommen aus der Stadt. Wir sind ein Stückchen gelaufen und dann ... “ Er hob die Schüssel an, um die übrig gebliebene Milch auszuschlürfen.
Stirnrunzelnd sah ich ihm dabei zu. „Und dann?“, hakte ich nach, als er nicht weitersprach.
„Das kann man nicht beschreiben“, behauptete er. „Das muss man gesehen haben. Es würde sich blöd anhören, wenn ich es dir nur erzählen würde.“
Ich lächelte. „Also?“
„Na ja … Ich denke, ich sollte dir das nach dem Frühstück zeigen.“
Wir verließen das Hostel, direkt nachdem Ben in den Gemeinschaftsräumen seinen Milchbart abgewaschen hatte. Obwohl ich am Himmel zahlreiche Schleierwolken sehen konnte, war es warm, als wir das Foyer verließen und nebeneinander auf der Straße vor unserem Hostel standen.
„Da lang“, wies Ben mich an und deutete auf einen schmalen Weg, der scheinbar ins Nirgendwo zu führen schien. Rechts und links entlang des Weges blühten Gänseblümchen und riesiger Löwenzahn, die den Anschein erweckten, dass sich niemand um die Grünflächen und das Unkraut kümmerte.
„Wohin soll das führen, wenn ich fragen darf?“
Ben schob mich einfach vorwärts, als hätte er meinen skeptischen Tonfall und meine Frage einfach überhört. Seine Hände berührten meinen Rücken, als wäre ich blind und er müsste mich führen. Die Berührungen seiner Hände an meinen Schulterblättern genoss ich, das konnte ich nicht leugnen. Komisch, wie schön solche riesigen, schwieligen Hände sein können.
„Es ist nicht weit, vielleicht zehn Minuten“, informierte mich Ben.
Im Laufen drehte ich mich zu ihm um. „Hoffentlich ist es das wert“, erwiderte ich, obwohl ich ihm vermutlich auch gefolgt wäre, wenn wir zwei Stunden hätten laufen müssen. Oder noch länger.
„Glaub mir, ich weiß, es ist das wert“, sagte Ben bestimmt.
Und ich glaubte ihm. Er führte mich den Weg entlang, bis die Rasenflächen an den Seiten endeten und ich plötzlich Lärm vernahm. Geräusche, die Autos bei schneller Geschwindigkeit machten. Fernes Rauschen.
„Pass auf!“, sagte er gespannt. Dann sah ich, wo er mich hingeführt hatte: Wir standen auf einer Autobahnbrücke. „Es fühlt sich an, als würde alles vorbeifliegen, nicht?“, fragte Ben und deutete nach unten auf die Autos und Lkw. Mit den Fingern umklammerte ich die kühlen, grün bepinselten Eisenstäbe, die uns davon abhielten, in die Tiefe zu stürzen. Unter uns rauschten die Autos auf der Straße entlang, eines nach dem anderen, in jedem Auto eine Person, ein Leben, eine Geschichte. Doch kaum hatte ich mich auf eines konzentriert, verschwand das Auto wieder.
„Wahr“, sagte ich fasziniert. Es war komisch, hier oben zu stehen, nach unten zu sehen und keinen Bezug zu den Menschen unter uns zu haben, obwohl wir nur Meter von ihnen entfernt waren und sie sehen konnten.
Ben zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich mit dem Oberkörper gegen die Eisenstäbe. Er beugte sich immer tiefer hinunter, sah den Autos entgegen und lachte leise. „Schon komisch“, sagte er und blies mir dabei den Zigarettenrauch ins Gesicht. „Schon komisch, wie schnell sie da sind – und wie schnell sie wieder verschwinden.“ Er klopfte mit dem Finger auf die Zigarette und ich beobachtete, wie sich Asche löste und langsam von der Brücke herabsegelte. Bald hatte ich die winzigen schwarz-weißen Pünktchen aus den Augen verloren. „Es ist ... gewissermaßen zu schnell“, sagte Ben.
Ich hatte keine Ahnung, was er mir damit sagen wollte. „Was meinst du?“ Mit meinem Rücken an den Stäben sank ich hinunter auf den Asphalt und streckte die Füße aus.
Er sah zu mir hinunter, blieb aber stehen und setzte sich nicht zu mir auf den Boden. „Ich meine: Es ist zu schnell, wie die Menschen sich bewegen. Sie verlieren das Wesentliche aus den Augen, sie kriegen nicht einmal mehr mit, was auf der Reise passiert, weil sie so auf das Ziel konzentriert sind. Aber hier oben ist es so, als würde die Zeit stillstehen. Aber nur für uns. Und da unten ...“ Ben deutete auf die Straße und die vorbeifliegenden Autos. „Da unten läuft sie weiter.“
Das hatte er schön gesagt, aber ich musste trotzdem lachen. „Unglaublich philosophisch, Ben“, kicherte ich. Er verdrehte die Augen, setzte sich nun doch zu mir. Ein Zentimeter näher, und unsere Knie hätten sich berührt. Die Geräusche auf der Straße waren plötzlich ganz leise, ich konnte mich nur noch darauf konzentrieren, dass ich seinen Atem hören konnte und meine Nasenflügel seinen Zigarettengeruch aufnahmen. Nach einem Moment der Stille begann Ben, sich zu räuspern. „Was ich dir eigentlich sagen wollte …“, begann er und sah mir direkt in die Augen. „... ist, dass alles vorbeigeht. Aber wir haben den Moment. Und es muss uns nicht interessieren, was sonst noch so passiert, weil es das Wichtigste ist, was hier passiert.“ Es hörte sich an wie ein Versprechen, als er das sagte.
*
Ben
Mai
Cagney war überrascht, mich zu sehen, weil ich mittwochs meinen freien Tag hatte. Als ich in den Imbiss gestürmt kam und der mittlerweile vertraute Gestank nach verbranntem Käse meine Nasenflügel erreichte, tat er ausnahmsweise einmal etwas anderes, als Kette zu rauchen, er fror Pizzateige ein. Sobald er mich sah, begann er dümmlich zu grinsen.
„Na, meine kleine Ameisenkönigin? Wer hat dir denn ins Hirn geschissen? Hast du so starke Sehnsucht nach mir, dass du mich an deinem freien Tag besuchen kommst?“ Er versuchte, mir in die Backe zu kneifen, und ich schlug seine eisige Hand, die zuvor in der Tiefkühltruhe gesteckt hatte, reflexartig weg. „Wir liegen beide richtig“, setzte ich ihn in Kenntnis.
Er sah mich verständnislos an. „Wovon redest du?“
„Vom Erreichen des Glückszustands. Man muss auch kämpfen, wenn man weiß, dass man wiedergeboren wird. Weil man daran arbeitet, irgendwann aus dem Kreislauf zu verschwinden. Ich glaube, du hast recht. Aber ich habe auch recht. Und deine Chance ist nicht verstrichen. Du hast noch dein ganzes Leben Zeit, um alles richtig zu machen.“
Mir erschien plötzlich alles ganz logisch, aber Cagney schüttelte nur den Kopf und griff wieder in die Tiefkühltruhe, als würde er meine Gedanken als Hirngespinste und mich als Vollidioten abstempeln.
„Ich habe es dir gestern schon gesagt, Ben, manchmal kriegt man keine zweite Chance.“
„Also hast du aufgegeben?“
„Kann man so sagen.“
„Warum?“ „Du nervst, Ben, ehrlich. Lass mich meine Arbeit machen, vielleicht können wir wann anders schwule Gespräche führen.“
Es war nicht okay und er machte mich WAHNSINNIG. Er hatte eine Familie, zu der er zurückkehren konnte. Und er behauptete einfach, er habe seine Chance gehabt und es lohne sich nicht mehr, zu kämpfen. Könnte ich irgendetwas ändern, dann würde ich kämpfen. Jeden Tag. Ich würde alles dafür tun, nur für eine Stunde meine Familie wiederzusehen. Und Cagney gab einfach auf.
„Weißt du, was du in deinem nächsten Leben sein wirst?“, fuhr ich ihn beim Herausgehen an. „Eine Eintagsfliege. Weil du zu blöd bist, um zu erkennen, dass du ein ganzes Leben hast und nicht nur einen Tag.“
Ich wusste nicht, ob es meine Worte waren, die Cagney dazu brachten, alles auszuspucken. Aber am Abend stand er wie ein Häufchen Elend vor meiner Zimmertür. Ich machte eine einladende Kopfbewegung und sah zu, wie Cagney kurz im Türrahmen verharrte, um sich aus dieser Perspektive das unaufgeräumte Zimmer anzusehen, bevor er mit großen Füßen große Schritte ins Zimmer machte und seinen Hintern auf der Couch platzierte. Ich öffnete das Fenster und lehnte mich heraus, während ich rauchte. Die weiße Farbe auf dem Fensterrahmen war abgeplatzt. Der Rauch, den ich ausstieß, tanzte durch die Luft, bevor er verblasste und unsichtbar wurde.
Als Cagney zu sprechen begann, hatte ich ihm den Rücken zugewandt. „Es war vor vier Jahren. Ich war neunzehn und ich hatte eine Freundin.“
Ich schwieg und wartete darauf, dass er weiterredete. Es dauerte eine Weile, bis er die Worte fand.
„Alles war … irgendwie in Ordnung, verstehst du? Alles war okay.“
Ohne den Blick von der Straße ein Stockwerk tiefer abzuwenden, nickte ich. Ein kleiner Junge fuhr auf seinem roten Fahrrad mit Stützrädern die Straße entlang und lachte. Ich sah ihm hinterher, bis er hinter der nächsten Ecke verschwunden und die Straße wieder menschenleer war.
„Wir waren auf derselben Schule“, fuhr er fort.
Als ich mich zu ihm herumdrehte, sah ich, dass er beim Gedanken an die Vergangenheit traurig lächelte. Er hatte die Schuhe abgestreift und die Knie an die Brust angezogen, in dieser Position sah er nicht aus wie der dreiundzwanzigjährige Kettenraucher, den ich vor wenigen Tagen in der Imbissbude kennengelernt hatte. Stattdessen war er plötzlich ein kleiner Junge. Ein Kind.
„Wir haben darüber geredet, zusammenzuziehen, später. Im Vergleich zu ihr war ich der totale Versager. Die Schule hat mich nie interessiert. Ich hatte nicht einmal ein Lieblingsfach, ich war wirklich überall nur mittelmäßig oder unterdurchschnittlich.“ Cagney strich mit seinen rauen Händen nervös über den Sofabezug. „Sie war schwanger.“
Als er schwer schluckte, erschien mir das Geräusch zu laut. „Schwanger von dir?“
„Natürlich von mir, du Vollidiot.“
Ich war vollkommen perplex. Ich hätte alles erwartet. Alles, aber bestimmt nicht das. Ich konnte mir meinen nach Rauch stinkenden Freund in den zerrissenen Jeans nicht als Vater vorstellen. Es ging nicht. „Aber …“, begann ich, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Meine Stimme klang belegt und Cagney lachte bitter.
„Das wollte ich nicht, Ben. Ich wollte kein Vater sein. Ich hätte keinem Kind der Welt etwas bieten können ohne richtige Ausbildung, ohne Job. Ich hätte ihr nichts bieten können.“ Er starrte in die Ferne. Es gab keine Worte, um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu beschreiben.
Nach einer langen Pause schaute er mich an. Wie ein geprügelter Hund sah er aus, als er sagte: „Deshalb habe ich zu ihr gesagt, sie soll es wegmachen lassen. Und dann bin ich abgehauen.“
*
Cagney
Mai
Ich grinste, weil ich drauf war. Vor lauter Grinsen taten mir schon die Mundwinkel weh. Ben saß neben mir auf dem Hosenboden, war ein alter Spießer und wollte nichts von dem Joint. „I-D-I-O-T“, buchstabierte ich. Er warf mir einen genervten Blick zu. Hätte er nur mitgekifft. Ich fühlte mich entspannt und warm, als hätte mein Gehirn alle Gedanken zerlegt – ich musste mich mit keinem davon mehr quälen.
„Du solltest das lassen, Cag“, sagte Ben nüchtern.
Ich kiffte weiter. „Bald wird das Zeug eh legalisiert, du kleiner Hosenscheißer. Dann kannst du nichts mehr dagegen sagen. Es gibt… Petitionen. Überall. Wirst schon noch sehen.“
„Denkst du nicht manchmal an das Kind?“, nervte Ben weiter.
Das Gras beschützte mich vor meinen Schuldgefühlen, ich hatte mir eine Mauer gebaut, die nicht einmal Ben zerschlagen konnte. Alles war verlangsamt durch das Gras, aber die Mauer war in meinem Kopf in rasender Geschwindigkeit in die Höhe geschossen. „Es gibt kein Kind, Ben. Es gibt kein Kind, weil wir es so ausgemacht haben. Sie und ich. Wir beide“, antwortete ich. Ich nahm einen tiefen Zug, schloss die Lippen und bemühte mich, das Ausstoßen des Rauches hinauszuzögern, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ben neben mir den Kopf schüttelte.
„Das meinte ich doch gar nicht!“, sagte er.
Langsam drehte ich den Kopf in seine Richtung. „Was meintest du dann?“ Ich hielt ihm den Joint unter die Nase, obwohl ich wusste, dass er den Geruch nicht ausstehen konnte.
Ärgerlich schob er meine Hand weg. „Fragst du dich nicht manchmal, wie es geworden wäre, das Kind? Wie es ausgesehen hätte. Denkst du nicht manchmal, es wollte existieren? Und du hast alles in den Sand gesetzt? Vielleicht wäre es der neue Bundeskanzler geworden. Oder würde Siedlungen auf dem Mars bauen.“



