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„Die Band trat am Hackney Technical College auf und Ant drehte durch“, seufzt Macphail. „Niemand war gekommen und er flippte aus. Er hatte Drüsenfieber und schmiss alles hin. Er ist seitdem nie wieder auf einer Bühne gestanden. Er geht immer noch total in der Musik auf, aber er ist nie wieder aufgetreten.“ Anthony Phillips’ letzte Show fand vor ungefähr 25 Menschen im King’s Arms in Hayward’s Heath, Sussex, am 18. Juli 1970 statt. Er hatte mehr als 60 Gigs mit Genesis absolviert. Es war wie das Ende einer Ära.
„Das war bis jetzt der schwerste Rückschlag“, sagte Gabriel im Mai 1971 in ZigZag. „Er ging nicht gern auf Tour. Es machte ihn nervös, wenn er vor Leuten spielen musste – und er dachte, dass wir stagnierten, weil wir Abend für Abend dieselben Nummern spielten. Aber es ergibt sich einfach nicht die Gelegenheit, das Repertoire zu erweitern, wenn man in unserer Lage ist.“ Die Band stand unter Schock und zog es kurz in Erwägung, sich aufzulösen – so wie nach der Reaktion auf From Genesis To Revelation im Jahr zuvor. „Als Anthony Phillips die Band verließ, wollte ich eigentlich ebenfalls aussteigen“, erzählte Banks fünf Jahre später in Sounds. „Aber man begreift rasch, dass man realistisch sein muss – dass es weitergehen muss. Was bringt es denn, alles hinzuschmeißen?“
Phillips Abschied zog enorme Konsequenzen nach sich. „Es hätte unser Ende bedeuten können, da er so wichtig war“, erinnert sich Macphail. „Einer seiner letzten Gigs war im Marquee und wir mussten durch diesen kleinen Hof. Ich war im Van mit Peter, Mike und Tony, wo sie diskutierten, ob sie weitermachen sollten oder nicht. Für mich war das keine Frage: Sie mussten weitermachen und einen Ersatzmann für Ant finden. Sie waren zu gut, um aufzugeben. Ich sagte ihnen das auch. Sie teilten mir später mit, dass genau das der Moment gewesen sei, als sie entschieden hätten weiterzumachen. Es hatte ihnen das Selbstvertrauen gefehlt, das ich ihnen unbewusst vermittelt hatte. Es war auch der Zeitpunkt, als Tony sagte, dass sie einen neuen Drummer bräuchten, wenn sie zusammenbleiben wollten.“
Anthony Phillips blieb ein enger Freund der restlichen Formation. Er studierte klassische Komposition und sollte schließlich 1977 mit The Geese And The Ghost ein rätselhaftes Soloalbum veröffentlichen, das sich aus Material zusammensetzte, das er und Rutherford 1969 im Christmas Cottage geschrieben hatten. Phil Collins sang auf zwei der Tracks und Steve Hacketts Bruder John spielte Flöte. Außerdem spielte Phillips Gitarre auf den ersten Demos, die Gabriel nach seinem Ausstieg bei Genesis 1975 aufnahm. „Es ist unglaublich. Er schaffte eine sehr gute Karriere als Songwriter, obwohl mehr nie wer was von ihm gehört hatte“, sagt Macphail. „Er hat ein Heimstudio eingerichtet und sein Ding durchgezogen. Aber mit einer Band auf Tour zu gehen, war wirklich nicht nach seinem Geschmack.“
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Genesis nutzten die Gelegenheit, um einen klaren Strich zu ziehen. Da er spürte, dass Veränderung definitiv nötig war, unterstützte Gabriel den Vorschlag von Banks, Mayhew, der nie wirklich zur Gruppe gepasst hatte, den Laufpass zu geben. Seine Verabschiedung kam nicht gänzlich überraschend – und da Genesis in ihrer kurzen Existenz bereits genügend Schlagzeuger verbraucht hatten, hatten sie sich nicht allzu sehr auf ihn eingelassen. Gabriel und Rutherford feuerten ihn in einem Café im Londoner West End. Gabriel übernahm den Großteil des Redens. Wie Mayhew später erwähnte: „Die Nachrichten übermittelte er auf seine typische, stotternde Art, aber er tat es sehr würdevoll. Er sagte: ‚John, ich denke, es ist an der Zeit, dass du die Band verlässt.‘“ Gabriel sprach 2011 mit Al-Jazeera über einen der Gründe für den Rauswurf: Mayhew war ein langsamer Lerner und hatte selbst zugegeben, kein Naturtalent an den Drums zu sein.
Mayhew spielte weiterhin professionell bis Mitte der Achtziger, als er sich zum Kulissenmaler und Möbelbauer umschulen ließ sowie zuerst nach Neuseeland und dann nach Australien emigrierte. Er starb 2001.
Trespass sollte im Herbst von Charisma veröffentlicht werden und es war an der Zeit, potenziellen neuen Bandmitgliedern auf den Zahn zu fühlen. Gabriel und die Band begriffen, dass es für die Aggressivität, die sie während des stürmischen Schlussparts von „The Knife“ transportieren wollten, einen furchtlosen Vollblut-Drummer bräuchten.
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Der ehemalige Kinderdarsteller und Flaming-Youth-Drummer Phil Collins schloss sich Genesis im August 1970 an, nachdem er sich auf eine Anzeige im Melody Maker gemeldet hatte. In der Anzeige stand, dass Tony Stratton-Smith auf der Suche war nach einem „Drummer, der das Gefühl für akustische Musik und zwölfsaitige Gitarren mitbringt“.
Als er bei Flaming Youth spielte, hatte Collins zu seinem Manager gesagt, dass Genesis ständig auftreten würden und seine Band fast gar nicht. Ruhelos bewarb er sich bei Bands wie Manfred Mann Chapter Three und Dada. Er kannte Stratton-Smith aus dem Marquee, wo er für freien Einlass mit den Stühlen half, und aus dem Russell Hotel, was ein beliebter Treffpunkt für Musiker war. Er fragte Stratton-Smith nach der Band, die auf der Suche nach einem Drummer sei. Er erfuhr, dass sie ziemlich wählerisch seien. Strat sagte ihm, dass er ihn der Band nicht aufdrängen würde können, aber ihm ein Vorspielen beschaffen könnte. In Begleitung von Ronnie Caryl, der bei Flaming Youth Gitarre spielte, tauchte Collins zu dem Vorspielen auf der Deep Pool Farm auf. „Wir fuhren in Ronnies Morris Minor dorthin. Das Schlagzeug hinten, rollten wir all diese dreispurigen Fahrbahnen nach Chobham entlang“, erzählte er in Genesis: Chapter And Verse. „Da ich aus Hounslow stammte, war es für mich, als würde ich von Harlem aus plötzlich die Fifth Avenue runterfahren.“ Gabriel, der alte Schlagzeuger, hatte sich eine Reihe von Tests für den potenziellen Drummer ausgedacht. Insgesamt waren 15 Jungs vor Ort, weshalb Gabriel Collins und Caryl sagte, dass sie doch, solange sie warten müssten, ein Bad im Pool nehmen sollten. Während das Vorspielen vonstattenging und man vom Innenhof aus gut mithören konnte, absorbierte Collins, was die anderen Drummer spielten, damit er, wenn er an die Reihe käme, bereits wüsste, was man von ihm erwartete. Collins erinnert sich, dass er aufgrund der Harmonien, die er hörte, einen starken Einfluss von Crosby, Stills & Nash ausmachen konnte. Obwohl er Genesis zuerst für „ein Haufen Noel Cowards“ gehalten hatte, bekam er den Job. Rutherford hatte anfangs noch Bedenken, aber Banks und Gabriel sprachen sich für ihn aus: „Ich war vom ersten Moment an überzeugt“, sagte Gabriel 2005. „Ich wusste es bereits, als sich Phil hinter das Schlagzeug setzte. Bevor er auch nur irgendetwas gespielt hatte, wusste ich, dass er ein Typ wäre, der alles unter Kontrolle haben würde, weil er so selbstbewusst war. Es war, als würde man einen Jockey auf einem Pferd sitzen sehen.“ Er fügte hinzu: „Ich hatte viel Spaß dabei, den Drummern zu erklären, was sie zu tun hätten. Als Phil hereinkam, hörte das auf.“
Collins war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als die restliche Gruppe. Geboren am 30. Januar 1951 in West London, war er in puncto seines sozialen Hintergrundes Welten von seinen neuen Bandkameraden entfernt. Sein Vater arbeitete in der City und seine Mutter betrieb ein Spielzeuggeschäft. Er hatte im Alter von fünf zu trommeln begonnen und war in Oliver Twist am Londoner West End aufgetreten. Außerdem hatte er noch als Statist in A Hard Day’s Night und Chitty Chitty Bang Bang mitgewirkt. Seine unkomplizierte, liebenswürdige und extrovertierte Persönlichkeit stand im starken Kontrast zu den Jungs von der Privatschule, was sich auf alle Beteiligten positiv auswirken sollte. „Durch Phils Einstieg kehrte die Leichtigkeit zu uns zurück. Es machte Spaß, mit ihm zu spielen“, sollte Gabriel sagen. „Er war ein echter Drummer – etwas, von dem ich bei Chris Stewart oder John Mayhew nie überzeugt gewesen war. Bis dahin waren wir eine Gruppe von eher biederen Musikern gewesen, die große Mühe hatten, sich durch ihre Musik auszudrücken. Phil veränderte unsere Einstellung und brachte uns als Band näher zusammen.“
Genesis nahmen sich eine zweiwöchige Auszeit, bevor sie sich am 24. August zum Proben im Maltings, einem frühen Trockenschuppen in Farnham, versammelten – zuerst noch zu viert, da man noch keinen geeigneten Gitarristen hatte auftreiben können. Obwohl er bei einer der bevorstehenden Auftritte aushelfen sollte, war Ronnie Caryl als zu bluesig befunden worden. Die Band begann zu proben und zu komponieren, wobei Banks die Parts für die Leadgitarre auf seinem Keyboard spielte und Rutherford als Rhythmusgitarrist einsprang. „Das Maltings war praktisch eine Bruchbude“, erinnert sich Macphail. „Ich schlief dort auf dem Boden. Wir bauten alles auf und Mike brachte Phil die Songs bei. Man kann sich gar nicht vorstellen, was für einen Unterschied er machte. Es war verblüffend. Als sie zu viert spielten, stand da Ants Verstärker und Tony spielte seine Solos auf dem elektrischen Piano. Das funktionierte, weil Phil so ein Gigant war und es möglich machte.“ Rutherford genoss die Tatsache, dass die Gruppe mit einem Schlag alle Kraft aufwenden musste, um mithalten zu können.
Collins würde bald schon die Rivalitäten und Spannungen in der Gruppe mitbekommen und herausfinden, welche Vermittlerrolle Phillips gespielt hatte. „Nachdem Ant weg war“, sagt Banks, „stritten Peter und ich ein bisschen miteinander, da wir beide sehr stark unsere Meinungen vertraten. Wenn wir einer Meinung waren, stritten wir uns halt über Akkorde. Oft hatte es einfach damit zu tun, dass wir noch recht unreif waren.“ Dadurch wurde Collins prompt in die Rolle des Friedensstifters gedrängt. „Sie waren immer sehr ehrgeizig. Als Phil von Flaming Youth dazustieß – mit denen er auch moderat erfolgreich gewesen war –, war er sogar noch ehrgeiziger geworden“, lacht Paul Conroy. Collins war ein Arbeitstier. „Wenn die Chance bestand, um zwei Uhr früh eine Session im Olympic zu spielen, war er da. Er war ein toller Katalysator für die ganze Gruppe. Aber er kannte seinen Platz. Er wusste immer, wann er sich zurückzuhalten hatte. Aber er war ein wenig sensibel angesichts der Tatsache, dass er kein Gründungsmitglied war, dass die Privatschul-Ausrichtung den Ton angab.“
In dieser Zeit entstanden zwei Songs, die die nächste Phase in der Karriere von Genesis prägen sollten: „The Musical Box“ und „The Return Of The Giant Hogweed“. Die Band arbeitete eine Weile mit dem Gitarristen Mick Barnard zusammen, den ihnen David Stopps empfohlen hatte. Barnard hatte zuvor bei einer Gruppe namens The Farm gespielt und obwohl er technisch auf der Höhe war, fanden ihn Genesis letztlich doch zu reserviert. Sie brauchten einen Teamspieler, jemanden, der in der Lage wäre, etwas beizusteuern und den Schreibprozess voranzutreiben.
Genesis mussten eine Reihe von Auftritten absagen, da Collins noch Verpflichtungen mit Flaming Youth nachkommen musste. Er feierte seinen Einstand bei Genesis schließlich am 2. Oktober 1970 in Chatham, Kent, wo die Gruppe am Medway Technical College auftrat. Obwohl diese frühen Shows noch sehr zaghaft waren, war ein neuer Biss spürbar. Gabriel musste sich nun keine Sorgen mehr bezüglich der Drums machen und konnte sich voll auf seine Performance konzentrieren, was bald dazu führte, dass er einen neuen Level an Kühnheit auf der Bühne erreichte.
„Am Anfang eines Auftritts im Friars verkündete er, dass das Publikum seine Wertschätzung durch Buhrufe zum Ausdruck bringen sollte“, erzählt David Stopps. „Jemand kam etwas später rein und wusste nicht, was zur Hölle da vor sich ging, da die Songs eigentlich gut anzukommen schienen. Er konnte sich keinen Reim auf die Publikumsreaktion machen. Das war sehr witzig. Sie spielten einen Gig irgendwo anders und ein paar der mitgereisten Leute aus Aylesbury fingen wieder zu buhen an, was wiederum die Zuschauer vor Ort sehr schockierte.“
Mittlerweile vollführte Gabriel beinahe immer etwas Besonderes. Am 6. Oktober in der British Legion Hall in Princes Risborough versagte ihre Ausrüstung. „Es war einer der ersten Gigs mit Collins“, sagt Stopps. „Pete begann diesen Gesang anzustimmen, nur er und sein Tamburin am Mikro. Später sollte daraus ‚Biko‘ werden. Das ging wahrscheinlich zehn Minuten so dahin.“ Bei Gabriel wurde nie etwas verschwendet.

„Unstet, unausgegoren und manchmal richtig öde. Wirklich nur etwas für die fanatischsten Genesis-Jünger.“
– Rezension von Trespass, Rolling Stone, 1974
Als ihr Debüt für Charisma unter dem Titel Trespass am 23. Oktober 1970 veröffentlicht wurde, bestand immer noch keine Klarheit in Bezug auf die künftige Besetzung. Zwar war das Album gerade einmal vier Monate zuvor aufgenommen worden, aber es schien mittlerweile so, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Mit seinen nur sechs Tracks, von denen der kürzeste knapp über vier Minuten lang war, verkörperte das Album die neue Vision der Band von getragenem Progressive Rock. Als Peter „Looking For Someone“ sang, war das der Beginn seiner Karriere, wie wir sie heute kennen.
„Looking for someone“ waren auch die ersten Wörter, die man auf diesem ersten ordentlichen Album der Band zu hören bekam. Gabriels Stimme intonierte sie mit gefühlvoller Stimme und einem leichten Beben im Gesang, womit der Kurs für die folgenden vierzig Jahre und mehr gesetzt war. Ursprünglich stammte der Song aus Gabriels Feder. Später feilte die gesamte Band daran und Anthony Phillips übernahm den Gesang im Refrain. „Looking For Someone“ wies alle Merkmale des zukünftigen Genesis-Sounds auf, vor allem die lange instrumentale Passage, von denen sich viele in ihren besten Arbeiten der Siebzigerjahre finden würden.
Das Intro zu „White Mountain“ klang nicht unähnlich dem, was ein paar Pauschaltouristen nur ein paar Jahre später von einer Balearen-Insel mitbringen würden, und war außerdem eine kleine Hommage an „Those Were The Days“ von Mary Hopkin. Der inoffizielle Titeltrack des Albums hatte einen von der Hammond-Orgel geprägten Refrain, der schließlich in das Zusammenspiel zweier zwölfsaitiger Gitarren überging, was schon bald zu einer Art Markenzeichen werden würde. Gabriels Pfeifen nach fünfeinhalb Minuten kam unerwartet und vermittelte das Feeling von Krimi-Begleitmusik.
„Visions Of Angels“, großteils von Phillips geschrieben, ist ein Überbleibsel von From Genesis To Revelation. Dieser zarte Popsong mitsamt seinem wehmütigen Piano-Riff und dem effektbeladenen Gesang Gabriels zeichnet sich vor allem durch eine der besten Arbeiten von Banks an der Hammond-Orgel aus, bevor die Nummer schließlich in einem frühen Einsatz des Mellotrons ihren Höhepunkt findet.
Der Schlusspart von „Stagnation“ gibt wieder einen Hinweis auf einen großen Teil der Zukunft der Band. Der Wechsel in Dur nach sechs Minuten verleiht dem Song eine triumphale Note, bis er durch ein kurzes Zwischenspiel Gabriels auf der Flöte kurz innehält, um dann in ein Outro überzugehen, das die Band in ihre Liveshow einbaute und letztlich auch für den Schluss ihrer Single von 1973, „I Know What I Like (In Your Wardrobe)“, wiederverwenden sollte. Gabriel beschrieb „Stagnation“ als ein „Reiselied“, das sich abseits vom üblichen Format von Strophe und Refrain bewegte. „Dusk“ wiederum bietet ein hübsches Intermezzo, das am ehesten an Crosby, Stills & Nash erinnert, und ist aus einem Song namens „Family“ hervorgegangen, der aus dem Christmas Cottage stammte und fester Bestandteil der frühen Gigs gewesen war.
Obwohl erst in letzter Minute zum Album hinzugefügt, sollte „The Knife“ Genesis endgültig auf Kurs bringen. Für die Musik des Stücks, das von Gabriel und Banks stammte, waren The Nice Pate gestanden – tatsächlich war „The Nice“ sogar der Arbeitstitel gewesen. Keith Emersons Angewohnheit, auf der Bühne Dolche auf seine Hammond-Orgel zu werfen, hinterließ bei Gabriel und Banks einen tiefen Eindruck. Mit seinem mitreißenden Beat wurde „The Knife“ zu einer beliebten Live-Nummer, die in den kommenden fünf Jahren regelmäßig zum Einsatz kommen würde. Im Vergleich zu den restlichen Nummern geradezu aggressiv, sind die Lyrics des Songs von Gabriels Bewunderung für Mahatma Gandhi geprägt: „Die Lyrics zu ‚The Knife‘ drücken teilweise meine Rebellion gegen meinen sozialen Hintergrund als Privatschüler aus“, sagte Gabriel in den Siebzigern. „Ich war schwer beeinflusst von einem Buch über Gandhi, das ich in der Schule gelesen hatte. Ich denke, es war mitverantwortlich dafür, dass ich einerseits Vegetarier wurde und andererseits an gewaltlosen Widerstand als Form des Protests zu glauben begann. Außerdem wollte ich versuchen auszudrücken, dass alle gewaltsamen Revolutionen letztlich einem Diktator zur Macht verhelfen.“ Stratton-Smith erkannte in dem Song ein sonderbares kommerzielles Potenzial und veranlasste, dass er im Mai 1971 als Single (CB 101) ausgekoppelt wurde. Sie verkaufte sich ursprünglich zwar praktisch überhaupt nicht, wurde jedoch im Verlauf der Zeit zu einem der größten Genesis/Gabriel-Sammlerstücke.
Die sechs Tracks von Trespass nahmen das Territorium in Beschlag, auf dem Genesis sich während des ersten Jahrzehnts ihrer Karriere bewegen würden. Obwohl es wenig Beachtung unter den Arbeiten von Genesis und Peter Gabriel findet, ist Trespass ein außergewöhnlich gutes Album und das Resultat monatelanger intensiver Proben. Laut Rutherford ist es außerdem das einzige Album der Gruppe, an dem alle Mitglieder beim Aufnahmeprozess in gleichem Maße beteiligt waren – im Gegensatz zu vorher und nachher, als Songs oft in Paararbeit entstanden. Angesichts der Tatsache, dass die Bandmitglieder sich gerade einmal in ihren frühen Zwanzigern befanden, klang die LP sehr reif und versiert. Die nicht sehr zahlreichen Rezensionen waren zumindest in Großbritannien zögerlich positiv. Als das Album 1974 in Amerika herauskam, brachte Rolling Stone die Diskrepanz zwischen der amerikanischen und britischen Herangehensweise an die Gruppe ungewollt auf den Punkt: „Aufgenommen, lange bevor die Band ihr Handwerk beherrscht … Unstet, unausgegoren und manchmal richtig öde. Wirklich nur etwas für die fanatischsten Genesis-Jünger.“ Es war klar, dass es sich hier nicht um Musik handelte, die sich mit ihrer Bezugnahme auf die Klassik und der wunderlichen Wahl des Takts leicht definieren ließ.
Peter Gabriel war damals schon besessen von Details und der genauen Optik einer Veröffentlichung. Tony Stratton-Smith hatte der Band Paul Whitehead, einen Grafikdesigner, den er durch John Anthony kannte, vorgestellt. Whitehead, einer der Gründer sowie der Art-Director der Londoner Ausgabe des Veranstaltungsmagazins Time Out, begann zunächst für Van Der Graaf Generator und in weiterer Folge für Genesis Artwork zu designen. Seine drei Albumcovers, die er für Genesis entwarf, sind legendär. „Für Genesis wurde ich zu so etwas wie einem ‚Art-Director‘“, erzählte er 1997 Jim Christopulos. „Ich lernte sie kennen und im Laufe der Zeit stellte ich ihnen verschiedene Künstler, unterschiedliche Stile und Bücher vor. Jedes Mal, wenn ich sie traf, hatte ich einen Stapel Bücher dabei und sagte: ‚Seht auch das an, ist das nicht hübsch?‘“ Nachdem er von der Gruppe mit der Gestaltung der Plattenhülle zu Trespass betraut worden war, entwarf Whitehead ein schmuckvolles, beinahe mittelalterlich anmutendes Design – ein Paar, das vor einem mit Säulen verzierten Fenster steht und den Blick über ein gebirgiges Panorama schweifen lässt. Aber durch „The Knife“ hatte sich die allgemeine Stimmung des Albums bedeutend geändert, was in Gabriel den Wunsch aufkeimen ließ, das Artwork entsprechend abzuändern. Whitehead reagierte mit einer schnellen, effektiven wie denkwürdigen Lösung. Er schlitzte die Leinwand mit einem Dolch auf und ließ ihn stecken, wie man auf der Rückseite des Gatefold-Covers gut erkennen kann. Der künstlerische Ansatz ist eindrucksvoll und fasste die Bedrohung, die sich hinter Genesis’ idyllischer Fassade verbarg, gut zusammen. Obwohl das Album in Großbritannien deutlich hinter den Verkaufserwartungen zurückblieb, bewertete es Gabriel im Rahmen seiner Neuveröffentlichung im Jahr 2007 wie folgt: „Ich denke, es war ein guter Start … es war die erste Sache, durch die wir uns abhoben.“
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Im selben Monat Ende 1970, in dem er sich mit Jill Moore verlobte, sah Peter Gabriel eine Kleinanzeige im Melody Maker: „Ideenreicher Gitarrist/Songwriter sucht Zusammenarbeit mit aufgeschlossenen Musikern, die gewillt sind, sich auch abseits der Stagnation der üblichen Musikformen zu betätigen.“ Der in Pimlico wohnende Gitarrist Steve Hackett hatte die Annonce in Auftrag gegeben.
Hacketts Working-Class-Background war ein ganz anderer als der der Kernmitglieder, die sich an der Charterhouse-Privatschule kennengelernt hatten. Er, ein stiller und lernbegieriger Junge, wollte, seit er 16 war, in einer Band spielen und hatte sich, gleichermaßen beeinflusst von Blues und Beat sowie Bach und dem Barock, das Spielen autodidaktisch beigebracht. Nun suchte er nach einer Möglichkeit, seine musikalischen Vorlieben zu kombinieren. Zuvor hatte er bereits in den Bands Sarabande, Steel Pier und Canterbury Glass mitgewirkt. Seit einem Jahr gab er nun Anzeigen im Melody Maker auf. Zunächst hatte er sich der quasi-religiösen Formation Quiet World angeschlossen, die bei Pye unter Vertag stand und vom südafrikanischen Brüder-Trio John, Lea und Neil Heather angeführt wurde. Als diese Kollaboration allerdings zu nichts führte, gab Hackett seine Anzeige erneut auf.
Gabriel rief Hackett an, und als er herausfand, dass dem Gitarristen Genesis unbekannt waren, empfahl er ihm, sich Trespass anzuhören, wobei er vor allem auf „Stagnation“ verwies – er sah in diesem Track das beste Beispiel für die von ihm angestrebte musikalische Ausrichtung. Hackett verspürte eine gewisse Synchronität, da sowohl er als auch Gabriel das Wort „Stagnation“ gebrauchten.
Hackett und sein jüngerer Bruder John – beide ebenso glühende Anhänger von King Crimson – hörten sich Trespass an. Hackett fand es „interessant“. Banks und Gabriel organisierten ein Vorspielen in der Wohnung der Hacketts in Victoria, London, weit weg von den grünen Landstrichen Surreys. Hackett und sein Bruder spielten ein Duett mit Gitarre und Flöte, was dazu führte, dass ihm der Posten angeboten wurde. Gabriel sagte zu ihm: „Wenn du bei uns einsteigst, schließt du dich einem Kollektiv von Songwritern an.“
„Ich weiß noch, dass Pete das Reden übernommen hat“, erinnert sich Hackett 2013 an das Treffen. „Tony wirkte nachdenklich. Ich spielte ihnen drei verschiedene Musikrichtungen mit meinem Bruder John an der Flöte und Gitarre vor – getragen idyllisch, dann atonal und abschließend bluesig. Zwischendurch wechselte ich schnell an die Mundharmonika. Pete gefiel eher die melodische, idyllische Musik. Wir beide liebten zwölfsaitige Gitarren.“
Um zu demonstrieren, wie gern sie auftreten wollten, spielten Genesis am 16. Dezember dieses Jahres 1970 ein besonderes Konzert an der Aylesbury Grammar School: „Jedes Jahr an Weihnachten gab es eine Tanzveranstaltung für die Sechstklässler der Schule, die von einem Lehrer namens Robin Pike mit Hilfe von David Stopps auf die Beine gestellt wurde“, erinnert sich Kris Needs. „1969 demolierten Mott die Halle und verwirrten die feinen Pinkel. 1970 traten Genesis mit dem Rückenwind der Auftritte im Friars auf. Noch weiter weg von einer Schultanzband wäre gar nicht gegangen, aber sie begeisterten das Publikum so sehr, dass sich die meisten für die erste Hälfte des Sets sogar hinsetzten. Die Kulisse einer Schulaula brachte den Geschichtenerzähler in Gabriel noch mehr zu Tage. Ein paar der größten Fans aus dem Friars hatten sich ebenfalls hineingeschmuggelt, was zum interessanten Ambiente noch zusätzlich beitrug. Ich glaube, David hatte sie für 30 Pfund hereingelassen. Es war ein großer Erfolg. Gerappelt voll und die Band in guter Form.“
Um die Festtage abzurunden, spielten Genesis am 28. Dezember 1970 noch im Lyceum. Es war eine der letzten Show mit Mick Barnard als Gastgitarristen. Hackett befand sich im Publikum und schloss sich der Band kurze Zeit später als Vollzeit-Gitarrist an. Gabriel erzählte ZigZag im Mai 1971: „Wir haben in den letzten Monaten mit zwei neuen Leadgitarristen gespielt und mussten sehr viel proben, aber der Letztere ist nun fest bei uns, wie wir hoffen … Wir haben ihn durch eine Anzeige im Melody Maker gefunden und er scheint gut zu uns zu passen.“
Hackett wurde vielleicht nie im selben Maße wie Phillips respektiert, aber er trug einiges dazu bei, den Sound von Genesis mitzuformen.




