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Gacalo und Mugdi freuten sich, dass er darauf brannte, nach Mogadischu zu reisen. Von den musikalischen Ambitionen seines Sohnes war Mugdi allerdings weniger begeistert.
»Und was ist mit Schule?«, fragte Mugdi.
»Keine Schule. Ich will Sänger werden.«
»Dann ist ja alles geklärt«, sagte Gacalo und kaufte in einem libaneischen Laden, der auf arabische Musikinstrumente spezialisiert war, eine Kaman. Zwei Wochen später flogen Mutter und Sohn nach Mogadischu. Dhaqanehs Interesse am Oud spielen und Songs schreiben verflog allerdings schnell, sodass sie keine drei Monate später wieder nach Bonn zurückkehrten. Außerdem war Somalia gar nicht nach Dhaqanehs Geschmack. Er war in Europa geboren und aufgewachsen, und Mogadischu unterschied sich sehr von Moskau, London, Brüssel oder Rom, den Städten, die er von den Botschafterstationen seines Vaters gewohnt war. Weder Gacalo noch Mugdi waren überrascht, als Dhaqaneh sagte, er könne sich Somalia nicht als sein Land vorstellen.
Mugdi musste zugeben, dass Gacalo den Jungen in den frühen Jahren, als er gearbeitet hatte und sie Hausfrau gewesen war, gut erzogen hatte. Als sie die Rollen tauschten und sie für den Broterwerb zuständig war und es ihm zufiel, der geduldige, taktvolle und liebende Ratgeber des Jungen zu sein, hatte er versagt.
Als Mugdi und Gacalo wieder einmal versuchten, die Beziehung zu ihrem Sohn zu verbessern, fing Dhaqaneh an, eifrig und regelmäßig in die Moschee zu gehen. Er verbrachte seine Zeit abwechselnd an der Universität, wo er ernsthaft für seinen Abschluss in Kommunikationswissenschaft arbeitete, und dem Gotteshaus, wo er leidenschaftlich betete. Seine Eltern wussten allerdings nicht, dass dort ein wegen seiner radikalen Ansichten berüchtigter Imam Einfluss auf ihn gewann. Dhaqaneh war in seinem vorletzten Studienjahr, als er erstmals sein Missfallen über das säkulare Leben seiner Familie zum Ausdruck brachte. In den folgenden Wochen wurden seine Kritik immer schärfer und die Differenzen schließlich unüberbrückbar.
Dhaqaneh war immer ein Mensch der Extreme. Oft sagte er: »Ich liebe das und nichts anderes«, oder »Ich hasse das mehr als alles andere.« Beispielsweise hatte er schon als Kind wochenlang nur Spaghetti gegessen, um dann zu verkünden, jetzt wolle er keine Spaghetti mehr, und hat dann auch monatelang keine mehr angerührt. Die Eltern haben sich irgendwann mit seinen Entscheidungen abgefunden.
Dhaqaneh studierte in Mogoadischu, und Mugdi fand, dass ein Gespräch mit ihm dringend nötig sei, sodass er nach Hause kommen musste. Er war inzwischen ein hoch aufgeschossener Mann mit Brille und Vollbart und nach vier Jahren in Mogadischu ruhiger als in seiner Jugend.
Im Laufe dieser Jahre hatte der Einfluss des Imams Wirkung gezeigt. Dhaqaneh liebte jetzt Somalia und kam nur noch zu Besuch nach Oslo, vor allem wenn er Geld brauchte. Bei diesen Besuchen tat er geheimnisvoll, behielt für sich, was er in Somalia tat oder wo er wohnte. Es ärgerte Mugdi maßlos, wenn sein Sohn sich in hochtrabenden Worten darüber ausließ, »den Islam vom westlichen Einfluss, der seine Ursprünglichkeit zugrunde richtete, zu reinigen«.
Eines Abends beim Essen, als sie auf die Bombenanschläge von al-Qaida auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dares-Salam und auf 9/11 zu sprechen kamen, erklärte Dhaqaneh, nur der Islam könne die Welt und jeden ihrer Bewohner vor der Verdammnis retten, und dass er, falls nötig, bereit sei, für das Erreichen dieses Ziels zu töten.
Ein heftiger Streit entbrannte, hitzige, harte Worte fielen. Gacalo flehte ihren Sohn an, den Vater nicht zu provozieren, und bekniete Mugdi, das alles als das zu betrachten, was es sei: die Loslösung eines Sohnes von seinem Vater, um den eigenen Weg in der Welt zu finden.
Zu dieser Zeit arbeitete Dhaqaneh in Oslo als Freiwilliger in einer islamischen, von den Saudis finanzierten Wohltätigkeitsorganisation, lebte in einer Einzimmerwohnung in der Nähe der Moschee, wo er jungen somalischen Studenten kostenlose Nachhilfe in Mathematik und Naturwisschenschaften erteilte. Außerdem gab er Abendkurse für Erwachsene und fuhr Taxi, womit er gerade genug verdiente, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Gacalo spürte, dass Mugdi unglücklich darüber war, dass ihr Sohn keinen Ehrgeiz entwickelte. Aber es freute sie, dass er in der somalischen Community beliebt war.
Als man einige Monate später Dhaqanehs religiösem Mentor am Flughafen die Ausreise verweigerte, weil er verdächtigt wurde, Verbindungen zu den 9/11-Attentätern zu haben, fragte Mugdi seinen Sohn, was er davon halte. Ob er gewusst habe, dass der Imam nach Mogadischu fliegen wollte? »Hattet ihr vor, euch da zu treffen?«, fragte er ihn.
Das folgende Schweigen war so eisig wie vielsagend. Vater und Sohn starrten sich an. Keiner wollte nachgeben.
Mugdi sprach als Erster. Er erinnerte Dhaqaneh daran, dass die Menschen und die Regierung von Norwegen rechten Politikern und Ausländerfeinden unerschrocken die Stirn böten und weiterhin Tausende von Migranten und Flüchtlingen aufnähmen, von denen viele Muslime seien. »Ich hoffe, du und deine gleichgesinnten Freunde wissen die großzügige und linksgerichtete Politik der Regierung zu schätzen.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«
»Wie sollten deiner Meinung nach Muslime auf Norwegens Willkommenskultur der Offenheit reagieren?«
»Das ist irrelevant«, sagte Dhaqaneh.
»Was meinst du?«
»Für mich sind alle Nichtmuslime Kreaturen ohne Seele, und als solche sind sie auch nicht in der Lage, über ihre Handlungen zu entscheiden. Es ist vielmehr Allahs Wille, dass sie Muslime willkommen heißen und die hungernden Massen in Somalia mit Lebensmitteln versorgen. Kurz gesagt, sie haben gar keine Wahl.«
Das verschlug Mugdi erst mal die Sprache. Dann fragte er seinen Sohn nach den nichtmuslimischen Freunden der Familie, zum Beispiel Johan und Birgitta. »Was ist mit denen? Sind das auch Kreaturen ohne Seele?«
»In meinen Augen sind sie keine vollwertigen Menschen«, sagte Dhaqaneh. »Wenn es darauf ankäme, dann würde ich nicht zögern, sie auszumerzen.«
Wieder kam Mugdi der Gedanke, seinen Sohn aus dem Haus zu werfen und ihn aufzufordern, sich nie mehr blicken zu lassen. Aber er wusste, dass Gacalo da niemals mitziehen würde.

Er geht durch die Ankunftshalle und versucht vergeblich, sich daran zu erinnern, was er direkt nach dieser Unterhaltung getan oder gesagt hat. Gacalo weiß, dass er und Dhaqaneh einen Krach hatten, aber worum es dabei zwischen Vater und Sohn genau ging, das weiß sie nicht. Und nach wie vor ist Mugdi fest entschlossen, es dabei zu belassen.
Mugdi geht in ein Café gegenüber der Fluginformationstafel, holt sich einen Kaffee und ein Croissant und beobachtet die Männer und Frauen, die ebenfalls vor dem Ankunftsgate warten. Manche halten Schilder in die Höhe mit den Namen der Personen, die sie abholen wollen.
Er geht davon aus, dass Waliya und ihre Tochter Saafi aus religiöser Überzeugung den physischen Kontakt zwischen Mann und Frau, wenn sie nicht verheiratet sind, ablehnen. Als er kürzlich einer Frau, die er schon seit Jahren kennt, zur Begrüßung die Hand geben wollte, sagte diese nur: »Tut mir leid, kein Händeschütteln.« Nicht, dass er eine Erklärung verlangt hätte, aber sie sagte: »Früher waren wir keine guten Muslime, aber jetzt wissen wir es besser.« Mugdi glaubte ganz im Gegenteil, dass die Somalis die besseren Muslime waren, bevor der Bürgerkrieg 1991 ihren Geist vergiftet und ihr Herz verdorben hatte.
Mugdis Blick wandert vom Gesicht einer weißen Frau zu einem Mann mit orientalischen Zügen, von einer Frau in einem Sari zu einem afrikanischen Mann in einem Boubou. Und ihm geht durch den Kopf, dass ein solches Bild der Vielfalt an einem öffentlichen Platz in Mogadischu unmöglich wäre. Traurig. Bei einigen Norwegern beobachtet er, wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, wenn sie eine muslimische Frau in Vollverschleierung sehen. Vielleicht empfinden sie sie als Bedrohung. Eine Frau im Sari dagegen gilt hier als ungewöhnlich und faszinierend. Mugdi erinnert sich an einen Artikel über einen Richter im amerikanischen Bundesstaat Georgia, der einer Frau mit Kopftuch den Zutritt zu seinem Gerichtssaal verwehrte. Würde derselbe Richter einen Juden mit einer Kippa auf dem Kopf oder eine Nonne in Ordenstracht abweisen? Mugdi hält sich für einen spirituellen Menschen, auch wenn er nicht die Disziplin aufbringt, jeden Tag zu bestimmten Stunden zu beten, und seine Spiritualität nicht den Zwängen und Ritualen eines formelhaften Glaubens unterwerfen will. Jede Form der Reglementierung widerstrebt ihm.
Sein Handy vibriert, und er schaut auf das Display. »Ja, Liebling?«
»Wir haben gerade Teepause. Ich sehe im Internet, dass der Flug Verspätung hat.«
»Ja, ich sehe es auch gerade an der Informationstafel.«
Eine Stunde später kommt die Durchsage, dass der Flug mit Waliya und ihren Kindern gelandet ist. Mugdi schickt Gacalo eine SMS: »Sie sind da.«
KAPITEL ZWEI
In der nächsten Sekunde überlegt Mugdi, ob es überhaupt zutrifft, dass sie »da« sind. Gacalo hat nie eine Bestätigung erhalten, dass die drei Nairobi tatsächlich verlassen haben. Waliya hätte sie anrufen sollen, nachdem sie die rigorosen und für Somalis besonders strengen Sicherheitskontrollen in Kenia passiert hatten. Und sie hätte sich nach der Ankunft in Brüssel und vor dem Weiterflug nach Oslo melden sollen.
Mugdi stellt sich darauf ein, lange warten zu müssen, vielleicht Stunden.
Waliya und ihre Kinder waren fast zwei Wochen unterwegs gewesen, mit gefälschten tansanischen Pässen und mit Flugtickets, die Gacalo bezahlt hatte: zuerst von Nairobi nach Entebbe in Uganda; dann weiter nach Damaskus. Dort hielten sie sich eine gute Woche in einem Hotel auf, in dem auch die Schlepper absteigen, die auf die Beförderung von illegalen Migranten nach Europa spezialisiert sind. Gacalo rief Waliya jeden Tag an, um auf dem Laufenden zu sein, mit wem Waliya verhandelte, und für den Fall, dass sie Geld überweisen müsse.
Von Damaskus flogen sie mit einem Aufpasser des Schleppers nach Nikosia auf Zypern, dort kam die Familie für ein paar Tage in einem Hotel im türkischen Teil des Landes unter, bevor es weiterging nach Rom. Dort wurden sie von einem italienischen Grenzbeamten, den ihr Aufpasser offenbar kannte, durchgewunken und zu einem Hotel in Roms Peripherie gebracht. Ob sie es jemals bis nach Oslo schaffen würden, war unsicher. Waliyas Sohn Naciim rebellierte, und seine Schwester war kurz davor, aber Waliya konnte sie beruhigen. »Allah ist auf unserer Seite«, sagte sie.
Zwei Tage später wurden sie von einem Taxi abgeholt, das sie vom Hotel zum Hauptbahnhof von Rom brachte. Die somalische Fahrerin gehörte zu dem Schlepperring, vermutete Waliya, denn sie gab ihnen Schlafwagenkarten für den Zug nach Brüssel und die Tickets für den Flug nach Oslo.
Waliya und ihre Kinder ahnten nichts von den Streitereien in Gacalos Familie. Sie ahnten nicht, dass Timiro sich unverblümt zu den Kosten geäußert hatte. »Fast neuntausend Dollar! Ist es das wert?«
Natürlich gab es keine Garantie, dass die drei nicht von einem gerissenen Schlepper übers Ohr gehauen oder im Gefängnis landen würden. Und selbst wenn sie unversehrt ankämen, würden sie wahrscheinlich, das vermutete Gacalo jedenfalls, wie die meisten Asylsuchenden erst einmal verhaftet werden. In diesem Fall würden sie wohl erst mit ihnen sprechen können, wenn sie die quälende Befragung durch die norwegische Grenzpolizei hinter sich hätten.
Sollten die norwegischen Behörden Mugdi befragen wollen, wäre das nutzlos, da er in die Reisevorbereitungen nicht eingebunden war. Seine Entscheidung, sich allen Details der Reise zu verweigern, war die richtige, davon ist er überzeugt. Es verstößt gegen seine Prinzipien, auch als ehemaliger Diplomat, die Gesetze Norwegens zu verletzen, des Landes, das ihn freundlich aufnahm, als er nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte. Es würde ihn nicht überraschen, wenn das Ansehen seiner Familie noch mehr Schaden nähme, wenn etwas schiefgehen würde und Waliya und ihre Kinder zurück nach Nairobi oder, im schlimmsten Fall, zurück nach Mogadischu geschickt würden.
Die Wohnung, in die Waliya und ihre Kinder einziehen werden, glaubt Mugdi, ist vielleicht die größte und schönste, die sie jemals ihr Zuhause genannt haben. Außerdem werden sie reichlich von Gacalos großzügig zubereitetem Essen vorfinden. Sobald er sie abgesetzt hat, denkt Mugdi, hat er seine Schuldigkeit getan und wird wieder fahren.
Er sitzt jetzt gegenüber dem Ausgang, durch den die Passagiere kommen müssen. Er holt einen Ausdruck der Episode aus Giants in the Earth hervor, die er gerade übersetzt. Der Norweger Per Hansa begegnet einer Gruppe Indianer, die ihr Lager eine Meile entfernt von der kürzlich errichteten bäuerlichen Ansiedlung der Norweger aufgeschlagen haben. Die Anwesenheit der Indianer macht seiner Frau Beret Angst. Die armen, hart arbeitenden norwegischen Fischer, die als Auswanderer im Dakota-Territorium gelandet sind, sind nicht nur vor der Armut geflohen, sondern auch vor den Schrecken der Mitternachtssonne im Sommer und der kräftezehrenden Winter. Wie viele seiner Landsleute verfügt Per Hansa über die unerschütterliche Tatkraft eines Mannes, der zur Führung und zum Durchhalten geboren ist und damit etwas aus seinem Leben macht.
Mugdi liest sich seine Übersetzung halblaut vor und findet, dass den Sätzen der Rhythmus des Originals fehlt. Auch das Pathos dieser Episode, das Misstrauen und die Angst der norwegischen Siedler vermitteln sich nicht. Sie unterstellen den »Indianerhorden« schreckliche Absichten. Sie fürchten, von ihnen skalpiert, ihres Viehs und des Landes beraubt zu werden, für das sie nur einen halben Dollar je Morgen bezahlt haben. Per Hansa ist ein überaus feinfühliger Mensch, dem jedoch zu keinem Zeitpunkt in den Sinn zu kommen scheint, dass sie, die norwegischen Siedler, die Indianer von ihrem Land vertrieben haben.
Mugdi fällt ein, dass er Gacalo erzählt hat, diese erste Begegnung der Norweger mit den nordamerikanischen Indianern interessiere ihn am meisten, deshalb habe er seine Übersetzung mit dieser Episode begonnen. Per Hansa und seine norwegischen Landsleute repräsentieren eine mächtigere, stärkere Art des Denkens. Mugdi grübelt darüber nach, was die Norweger mit den Indianern tauschen, und fragt sich, ob der Handel ein fairer ist: Per Hansa versorgt einen kranken Indianer mit Salben und Verbandstoff und erhält dafür Pfeifentabak.
Inzwischen sind immer mehr Leute gekommen, die Schilder mit Namen von Passagieren in die Höhe halten. Und plötzlich vernebelt sich ihm aus unerklärlichen Gründen das Gehirn mit lauter Fragen, auf die er keine Antwort hat. Was soll er tun, wenn man Waliya und ihren Kindern den Flug nach Oslo verwehrt hat? Ihm ist klar, dass die Frau am Schalter das auch nicht weiß, und wenn sie etwas wüsste, dürfte sie ihm die Passagierliste nicht zeigen. Was wäre, wenn Waliya eine Betrügerin ist, eine Spionin, mit einem Auftrag von Dhaqanehs Dschihadistengruppe? Er sagt sich, dass er das unmöglich wissen könne, aber es macht ihn unsicher und gereizt.
Möglich ist auch, dass die Dinge sich nicht zu Gacalos Zufriedenheit entwickeln. Auch wenn Waliya kein »Schläfer« ist, es beunruhigt ihn, dass ihre Kinder vielleicht nicht nach dem Geschmack der Familie sind, dass die Frau, die eindeutig eine Sympathisantin radikaler Dschihadisten ist, in das Leben seiner Familie eindringt, ohne durchleuchtet worden zu sein. Die ewig optimistische Gacalo vertraut darauf, dass am Ende schon alles gut ausgehen werde. Wann immer sie auf seine Fragen keine zufriedenstellende Antwort wusste, sagte sie nur, er solle sich keine Sorgen machen. »Waliya wird begreifen, dass sie hier die einmalige Chance hat, in Frieden zu leben«, sagte sie. »Die Kinder bekommen von uns jede Unterstützung, damit sie hier Fuß fassen und zur Schule gehen können.«
»Und die Witwe?«
»Sie lernt die Sprache und geht arbeiten.«
Mugdi ist nicht so zuversichtlich, trotzdem versprach er seiner Frau, seine Abneigung gegen somalische Flüchtlinge, die seiner Erfahrung nach nur selten arbeiteten, wenn sie vom Staat Almosen erhielten, im Zaum zu halten. Mit seiner Meinung wollte er trotzdem nicht hinter dem Berg halten. »Ich wette, sie will nicht arbeiten.«
»Dann bekommt sie es mit mir zu tun.«
Die Lage von Saafi, der Tochter, sei komplizierter, hat Gacalo gesagt. Sie habe keine Grundbildung erhalten und spreche nur wenig Englisch. Sie müsse am Pflicht-Sprachunterricht teilnehmen, um ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz zu verbessern. Bei diesem Gespräch war Timiro dabei gewesen.
Wenn Gacalo sich in die Ecke getrieben fühlte, ging sie zum Gegenangriff über. »Glaubt ihr, wir sollten solche Gespräche gerade jetzt führen, zwei Wochen vor ihrer Ankunft? Ihr hört euch an, als müsste nur ich Lösungen finden für die tausend Probleme, die auf uns zukommen werden.«
Worauf Timiro sagte: »Das liegt daran, Mama, dass du ihnen das alles ermöglicht hast.«
Mugdi glaubt, dass Gacalo unrecht hat, aber er will sich nicht Elitismus, mangelnde Empathie oder ewige Nörgelei vorwerfen lassen. Birgitta hatte ihn sogar einmal als sich selbsthassenden Somali bezeichnet.
Johan war ihm bei einer dieser ständigen Auseinandersetzungen zur Seite gesprungen: »Er will, dass es den Somalis gut geht, dass sie jede Gelegenheit ergreifen, und daran ist ja nichts Schlechtes. Heutzutage kann man in ein paar Stunden von einem Eck der Welt ins andere fliegen, aber richtige Integration dauert eben ein paar Jahre.«
Das vibrierende Handy in seiner Tasche reißt ihn aus seinen Gedanken. Auf dem Display sieht er die Uhrzeit und ist überrascht, wie spät es schon ist. Von der Witwe und ihren Kindern ist aber immer noch nichts zu sehen.
»Und, wo sind sie?«, fragt er.
»Die Einwanderungspolizei hat mich gerade vom Flughafen angerufen«, sagt Gacalo. »Sie haben alle drei festgenommen.«
»Das bedeutet nichts Gutes. Sonst noch was?«
»Der Beamte hat mich darüber informiert, dass wir demnächst zu einer Befragung im Flughafenbüro zu erscheinen haben.«
Mugdi glaubt aus ihrer Stimme so etwas wie Triumph heraushören zu können – als betrachte sie es als ihren Erfolg, dass Waliya und ihre Kinder die erste und schwierigste Hürde geschafft haben.
»Heißt das, sie werden nicht abgeschoben?«
»Zumindest nicht sofort.«
»Dann kann ich jetzt also nach Hause fahren?«
»Natürlich, mein Liebling.«
Im Auto schaltet Mugdi das Radio an. Bei Ausschreitungen im amerikanischen Bundesstaat Virginia machen Mitglieder einer rechten Bürgerwehr gemeinsame Sache mit dem Ku Klux Klan. Dreihundert Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten ertrinken im Mittelmeer. In Myanmar massakrieren buddhistische Mönche Muslime der Rohingya-Minderheit. Ein Bus voller Schulkinder kommt von einer Bergstraße in Serbien ab. In Kairo stürzt ein Hochhaus aufgrund baulicher Mängel ein. Mugdi schaltet das Radio aus. Er ist davon überzeugt, dass die Welt auf dem falschen Weg ist. Die vielleicht beste Nachricht des Tages ist die, dass man einer Witwe und ihren Kindern zumindest die Einreise erlaubt hat und sie die Entscheidung abwarten können, ob sie als Flüchtlinge anerkannt werden. Mugdi hofft es.
KAPITEL DREI
Mugdi sitzt oben in seinem Arbeitszimmer und arbeitet an seiner Übersetzung von Giants in the Earth ins Somalische. Bevor sie zur Arbeit gegangen ist, hat Gacalo ihm gesagt, dass es keine Neuigkeiten von der Bundespolizei gebe. Die Beamten im internationalen Flughafen hatten versprochen, ihnen den genauen Termin für die Befragung noch durchzugeben, wo sie über ihre Beziehung zu den Neuankömmlingen, ihre Einkommensverhältnisse und ihre Bereitschaft zur Hilfe Auskunft geben sollen. Mugdi sitzt seit über drei Stunden am Schreibtisch. Vor ihm liegen nebeneinander das norwegische Original und die englische Übersetzung. Abwechselnd liest er in dem norwegischen, dem englischen und dem frischen somalischen Text.
Jetzt liest er noch einmal einen Teil der Episode, die er gerade übersetzt hat. Darin schlägt eine Gruppe »Rothäute« in der Nähe der norwegischen Siedler ihr Lager auf. Als sie weiterziehen, sind unerklärlicherweise ein halbes Dutzend Kühe verschwunden, auf deren Milch die Siedler angewiesen sind. Einige verdächtigen die Indianer, das Vieh gestohlen zu haben. Als die Kühe nicht wieder auftauchen, breitet sich tiefe Verzweiflung unter den Siedlern aus. Beret, Per Hansas Frau, plagt die Angst, das ungezähmte Land, die endlose Prärie könne für die menschliche Existenz nicht geeignet sein. Kein Wunder, dass sie fast wahnsinnig wird. Mugdi kritzelt eine Notiz an den Rand, dass sich die Norweger im Dakota-Territorium genauso von ihrem früheren Leben abgeschnitten fühlten wie heute die Somalis in Norwegen. Sie kommen in ein verschneites Land, in dem es das halbe Jahr dunkel ist und die Sonne nicht scheint und in dem die sogenannte Offenherzigkeit seiner Bewohner für Fremde nur schwer zu verstehen ist, wenn sie nicht mit ihnen trinken und ihre Sprache nicht sprechen.
Es ist unmöglich vorherzusagen, denkt er, wie es Waliya und ihren Kinder ergehen wird, obwohl Naciim sich leichter tun wird als seine Schwester Saafi. Gacalo hat ihm von der Gruppenvergewaltigung erzählt, die das Mädchen im Flüchtlingslager in Kenia durchlitten hat und die sie traumatisiert habe. Sie wird besonders zärtliche, liebevolle Zuwendung benötigen. Was Waliya angeht, so sagt ihm seine Erfahrung mit anderen somalischen Frauen in ihrem Alter und mit ihrem Hintergrund, dass sie sich wie eine Schildkröte in ihren Panzer zurückziehen und ihre Gedanken kaum mit ihm teilen wird. Er wird das respektieren, Abstand halten und Gacalo alle wichtigen Entscheidungen überlassen, weil Waliya und Saafi sich in ihrer Gesellschaft sicher wohler fühlen werden. Laut Gacalo ist Naciim intelligent, fleißig, aufgeschlossen und ehrgeizig. Obendrein hat ihn sein Stiefvater Dhaqaneh bevorzugt behandelt und von klein auf in die Rolle des Mahram eingewiesen, des männlichen Oberhaupts des Haushalts.
Mugdi geht nach unten in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen, stellt fest, dass keine Milch mehr da ist, und beschließt, einkaufen zu gehen. Bevor er das Haus verlässt, klopft er an Timiros Tür, die sich nun doch entschlossen hat, länger in Oslo zu bleiben. Sie antwortet mit schwacher, kaum hörbarer Stimme. »Ja?« Er sagt, dass er Milch holen gehe, ob sie mitkommen wolle, etwas frische Luft schnappen.
»Ich bin nicht in der Stimmung, Papa.«
»Soll ich dir was mitbringen?«
»Nein, danke.«
Das Geschäft, zu dem Mugdi geht, hat geschlossen. Wegen einer Hochzeit steht auf dem Zettel an der Tür. Er überlegt kurz, geht über die Straße und dann nach Süden zu einem Supermarkt, an dem er auf dem Weg zur Tramhaltestelle oft vorbeikommt.
Unterwegs denkt er über die Parallelen von Berets Leben im Dakota-Territorium und dem somalischer Frauen in Norwegen nach. Aus Angst vor der Prärie verhängt Beret die Fenster ihrer Lehmhütte und verriegelt jedes Mal, wenn ihr Mann nicht im Haus ist, die Tür. Wenn somalische Frauen das Haus verlassen, verbergen sie ihre Körper aus Angst, wem sie über den Weg laufen könnten, in alles verhüllenden Ganzkörpergewändern.
Während Mugdi mit seiner Milch an der Kasse des Supermarkts ansteht, verfolgt er auf einem Fernsehschirm die Nachrichten. In Großbritannien sind gerade zwei Terroranschläge verübt worden – einer in London, der andere in Glasgow. Die Angreifer seien wahrscheinlich »radikale Muslime« gewesen, sagt der Sprecher. In London hätten sie mithilfe von Handys Bomben zünden wollen, was misslungen sei, wohingegen in Glasgow ein mit Bomben beladener SUV in einen der Eingänge des Glasgower Flughafens gerast und in Flammen aufgegangen sei. Die britische Polizei gehe davon aus, dass die beiden Anschläge miteinander in Verbindung stünden.
In den Nachrichten geht es weiter mit Sport. Das fassungslose Schweigen der Kunden ist ohrenbetäubend. Mugdi denkt sofort an seinen jüngeren Bruder Kaluun, der gerade in Schottland ist. Er kann sich nicht erinnern, ob in Edinburgh oder in Glasgow, wo er eine Gruppe junger Afrikaner, Stipendiaten des British Council, in Radiojournalismus unterrichtet. Hoffentlich ist ihm und seiner Partnerin Eugenia nichts passiert. Er muss sie anrufen, denkt er, da dreht sich ganz vorn in der Kundenschlange eine Frau mit gepiercter Zunge um und sagt laut und wütend zu den anderen Kunden: »Stellt euch vor, die Muslime und Schwarzen haben erst mal die Mehrheit. In zwanzig Jahren ist es so weit, wenn wir sie weiter ins Land lassen. So schnell, wie die sich vermehren, sind die jetzt schon gefährlich.«




