- -
- 100%
- +
»Fahren wir mit dem Zug?«, fragt Naciim.
»Nein, ich bin mit einem Mietwagen gekommen.«
Mugdi geht mit dem Jungen voraus, die beiden Frauen folgen mit Abstand. Mugdi und Naciim warten vor dem Lift.
Mugdi ist klar, dass es für einen Jungen, der fast sein ganzes Leben in einem Flüchtlingslager in einer staubigen Grenzstadt verbracht hat, fernab von den Annehmlichkeiten einer großen Stadt, eine große Sache ist, in einem Auto zu fahren. In Mugdis Jugend in Somalia bekamen die die Mädchen ab, die ein Auto hatten.
»Wo bleiben sie bloß«, sagt der Junge leicht genervt.
Die Frauen gehen langsam auf sie zu.
»Jetzt schau sie dir an«, sagt Naciim. »Mein Stiefvater Dhaqaneh hat immer gesagt, in Europa ist Zeit Geld. Die beiden müssen lernen, schneller zu gehen.«
Zusammen steigen die vier in den Lift. Als noch drei groß gewachsene, laute Norweger einsteigen, bemerkt Mugdi die Angst in den Augen der Frauen. Einer der Männer spricht laut und gestikulierend, wobei er Waliya mit einer Hand fast berührt. Panisch weicht die Witwe zurück und sagt laut auf Somalisch: »Sag doch einer was!«
Auf höchste Korrektheit bedacht, wendet sich Mugdi nicht an Waliya, sondern leise an ihren Sohn, der seiner Mutter sagen möge, dass die Männer sich nur gut gelaunt unterhalten und es keinerlei Grund zur Sorge gebe.
In der Parkgarage will Mugdi Naciim helfen, den Gepäckwagen zu schieben, aber der Junge besteht darauf, das allein zu machen. Waliya und Saafi steigen hinten ein, Naciim setzt sich auf den Beifahrersitz.
»Ein wunderschönes Auto«, sagt Naciim.
Der Junge streicht bewundernd über das Armaturenbrett und die Innenverkleidung des Wagens. »Wenn ich erwachsen bin, kaufe ich mir auch so ein Auto«, sagt er.
»Da musst du aber gut verdienen, wenn du dir so ein Auto leisten willst.«
»Von dem Reisegeld, das Großmama Gacalo uns geschickt hat, habe ich fünf Dollar gespart. Davon kaufe ich mir ein Lotterielos und gewinne den Jackpot.«
»Im Islam ist Glücksspiel ein Verbrechen«, sagt Waliya, die seit der Begegnung im Lift geschwiegen hat. »Das werde ich nicht erlauben.«
Naciim verzieht spöttisch den Mund. Mugdi ist versucht, den Jungen wegen seines unmöglichen Benehmens zurechtzuweisen und ihm außerdem zu sagen, dass ihm in Oslo niemand ein Lotterielos verkaufen wird, bevor er nicht achtzehn ist. Er lässt es bleiben und beschließt, eine bessere Gelegenheit abzuwarten.
Mugdis Handy klingelt, und er berichtet Gacalo kurz, dass sie auf dem Weg sind. Er spricht italienisch mit ihr, weil er annimmt, dass Waliya und die Kinder das nicht verstehen.
Er sagt Naciim, dass er sich anschnallen soll und das auch seiner Mutter und seiner Schwester sagen soll. Er findet es lästig, dass die neuen Umgangsformen unter Islamisten in Somalia heutzutage verlangen, dass Frauen von Männern – Mahrams ausgenommen – nicht direkt angesprochen werden sollen.
Unterwegs schaut Mugdi in den Rückspiegel und sieht, dass die Lippen der beiden Frauen sich bewegen. Anscheinend rezitieren sie Koranverse. Er schaut wieder auf die Straße. Sie sind keinen halben Kilometer gefahren, da fragt Naciim, ob er eben Italienisch gesprochen habe.
»Verstehst du Italienisch?«, fragt er.
»Noch nicht, aber ich will viele Sprachen lernen«, sagt der Junge. »Norwegisch, Französisch, Italienisch. Und ich will mein Englisch verbessern.«
Zum ersten Mal sagt Saafi etwas. »Und was ist mit Arabisch?«, fragt sie mit leiser Stimme.
»Was soll mit Arabisch sein?«, fragt Naciim.
»Es ist die Sprache des Propheten, Allah möge ihn segnen. Es ist die Sprache, die jeder Muslim lernen muss.«
Naciim schneidet eine Grimasse, und Saafis Gesichtsausdruck verdüstert sich.
Inzwischen ist Mugdi aufgefallen, dass Saafi und Waliya ihren Sicherheitsgurt nicht angelegt haben. Er hält an, lässt den Motor aber laufen. Er sagt Naciim, dass er seine Mutter und Schwester noch einmal darauf hinweisen soll, den Gurt anzulegen, das sei in Norwegen Pflicht.
»Wir werden an dem Tag sterben, den Allah für uns bestimmt hat«, erwidert Waliya. »Egal, ob wir diese Dinger anschnallen oder nicht.«
»Wenn wir erwischt werden, muss ich eine hohe Strafe zahlen«, sagt Mugdi. »Wollt ihr das?«
Widerwillig geben sie nach, und auf dem Rest des Weges herrscht Stille. Als sie das Mietshaus erreichen, ruft Mugdi Gacalo noch einmal an. Sie sagt, dass sie schon in der Wohnung ist.
Als sie die Wohnung betreten, umarmt Gacalo ihren Mann und sagt: »Danke, Liebling.« Sie trägt den somalischen Rock mit Blumenmuster, ist aber nicht verschleiert, sondern trägt einen Schal und ein Kopftuch. Waliya und Saafi begrüßen Gacalo flüchtig und verlassen bei erster Gelegenheit das Zimmer. Naciim jedoch steht dicht neben Mugdi und tut so, als gehöre er mehr zur Welt des alten Mannes als zu der, in der die Frauen Zuflucht gefunden haben.
Der Junge kann nicht still stehen. Er schaut aus den Fenstern, berührt die Wände und bewundert die luftige Sauberkeit der Wohnung. Er geht auf und ab, als wolle er ausmessen, wie groß die Wohnung im Vergleich zu den Hütten im Flüchtlingslager ist. »Komm, zeig mir bitte die Zimmer«, sagt er dann zu Mugdi. »Ich will mir eins aussuchen.«
Naciim nimmt Mugdis Hand, und zusammen gehen sie in einen spärlich eingerichteten Raum. Naciim schaut sich um und sagt: »Das könnte Saafi nehmen.«
Er geht aus dem Zimmer, dann nach links, und Mugdi folgt ihm. Sie kommen zur nächsten Tür. Sie ist verschlossen. Naciim klopft leise an. Als niemand antwortet, sagt er: »Vielleicht sind Mama und Saafi da drin.«
Schließlich kommen sie in ein Zimmer mit eigenem Bad und Blick auf den Garten. Naciim setzt sich auf das Doppelbett. Er ist begeistert. »Das hier wird mein Zimmer«, sagt er im dreisten Tonfall eines Menschen, der entschlossen ist, sich durchzusetzen.
»Wie wär’s, wenn du vorher deine Mutter fragst?«
»Aber das ist das Zimmer mit der besten Aussicht.«
Mugdi versteht, was der Junge meint: Das Beste von allem geht an den Mann im Haushalt, und da er der Mann ist, steht das größte Zimmer mit der besten Aussicht von Rechts wegen ihm zu. Mugdi ist wütend. Nicht so sehr auf den Jungen wie auf die Tradition, die die männliche Spezies verhätschelt.
»Woher hast du dieses Machogehabe?«, sagt Mugdi. »Es macht mich traurig, wenn du schlecht über deine Mutter und deine Schwester redest. Sie behandeln dich, als wärst du ihr Mahram, ihr männlicher Beschützer. In unserer Familie heißen wir so ein Verhalten nicht gut.«
Naciim schaut ihn mit gespieltem Zorn an und sagt nichts.
»Was würde dein Stiefvater sagen, wenn er dich so reden hörte? Würde er dich zur Rede stellen oder würde es ihn gar nicht kümmern?«
»Er würde nichts Unrechtes daran finden. Tatsächlich würde Stiefvater Dhaqaneh mich darin bestärken, als Herr des Hauses aufzutreten, als Oberhaupt der Frauen, als Mahram.«
Der Mann als Beschützer der Frauen, dessen oberste Aufgabe ist, die Familienehre auf jede nur mögliche Art zu bewahren. Mugdi kennt solche Männer, und ihm drängt sich der Gedanke auf, dass Naciim ihm und Gacalo noch viel Ärger machen könnte.
»Stiefvater Dhaqaneh würde wollen, dass ich als sein Stellvertreter einspringe«, fährt Naciim fort.
»Und das heißt was?«
»Dass meine Mutter und meine Schwester nichts tun können ohne meine ausdrückliche Zustimmung«, sagt Naciim. »Und dass ich sie bestrafen kann, wenn sie aus der Reihe tanzen.«
»Glaubst du, für einen Jungen deines Alters ist das das richtige Verhalten?«
»Einmal, als mein Stiefvater nicht da war, sind meine Mutter und Saafi zu einer Hochzeitsfeier gegangen, ohne mir vorher Bescheid zu geben«, sagt Naciim. »Als er zurückkam und ich ihm berichtet habe, was passiert war, hat er sie zurechtgewiesen. Er hat gesagt, in seiner Abwesenheit müssten sie meinen Anweisungen folgen.«
»Hat er deine Mutter jemals geschlagen oder misshandelt?«
»Er hat sie oft gemaßregelt«, sagt Naciim.
»Gehörte zu maßregeln auch schlagen?«
»Ja, aber nicht so oft, wie er mich geschlagen hat.«
»Warum das denn?«
»Weil ich sein ›auserwählter‹ Mann war.«
»Was hat er damit gemeint?«
»Dass ich mehr wert bin als die Frauen.«
Vom Flur hörte man Gacalo fragen. »Wo sind die Männer?«
»Wir sind hier, Liebling«, ruft Mugdi.
Gacalo kommt ins Zimmer. »Was macht ihr hier?«, fragt sie.
»Der junge Mann und ich lernen uns gerade kennen. Kommt mir vor, als müsste sich der Junge so einiges abgewöhnen.«
Nach ein paar Minuten Smalltalk geht Gacalo Richtung Küche. Mugdi und Naciim folgen ihr. In der Küche schaut Gacalo ihren Mann liebevoll an, bedankt sich bei ihm und sagt ihm auf Italienisch, dass sie sich jetzt um alles kümmern werde, er könne nach Hause fahren.
Als Naciim merkt, dass Mugdi gehen will, fragt er ihn, ob er mitkommen dürfe. »Heute nicht«, sagt Mugdi.
»Habt ihr zu Hause einen Fernseher?«
»Ja«, sagt Mugdi.
»Kann ich manchmal vorbeikommen und schauen?«
»Wenn du uns besuchst, gern.«
»Ich habe gehört, dass du haufenweise Bücher hast.«
»Jede Menge«, sagt Gacalo.
»Was für Bücher?«
»Alles Mögliche. Jede Größe, jedes Genre. Auf Italienisch, Englisch, Russisch, Somalisch, Arabisch, Norwegisch.«
»Stiefvater Dhaqaneh hatte mehr Bücher als alle, die ich kannte«, sagt Naciim. »Er hat viel gelesen. Er hat mir lesen und schreiben beigebracht. Mit dem Lesen habe ich mich schwergetan, ich konnte nie gut lesen, bis er mir geholfen hat. Früher fand ich Lesen langweilig, jetzt nicht mehr.«
»Wenn du nicht liest, was machst du sonst noch gern?«
»Im Fernsehen Fußball schauen.«
»Spielst du Fußball?«
»Ja, sehr gern.«
Mugdi dreht sich zu Gacalo um. »Wir sehen uns dann zu Hause.«
»Danke fürs Abholen und Herbringen«, sagt sie.
Er ist gegangen, bevor Naciim ihn fragen kann, wann sie sich wiedersehen.
KAPITEL FÜNF
Zum dritten Mal hintereinander kommt Gacalo abends später nach Hause als sonst. Sie sagt, sie sei erschöpft. Sie habe nach der Arbeit die Witwe und ihre Kinder besucht, um ihnen bei ihrem Neustart zu helfen. Es passt nicht zu ihr, so oft von Zuhause weg zu sein und ihren Ehemann allein zu lassen. Aber sie hält es für gerechtfertigt, den drei Neuankömmlingen mit ihren jeweils eigenen Ansprüchen und Interessen so viel Zeit zu widmen. Mugdi hat eigentlich damit gerechnet, dass sie ihm von ihren Gesprächen mit ihnen berichten würde, aber das tut sie nicht. Sie sagt nur, es habe Probleme gegeben.
Mugdi ist oben im Bad und putzt sich bei offener Tür die Zähne. Das Licht hat er ausgeschaltet, die Helligkeit aus dem Schlafzimmer reicht ihm. Er geht gerne in kaum beleuchteten Räumen umher. Wenn unten das Licht an ist, dann lässt er es oben oft aus. Er sagt, er fühle sich dann ausgeruhter und sehe auch besser. Timiro frotzelt, er komme ihr vor wie eine verstohlen durchs Haus schleichende Katze. Bevor man sich versehe, sagt sie, habe er einen schon am Wickel.
In letzter Zeit schweigen sich Gacalo und Mugdi fast nur noch an. Sie sind mit Gedanken beschäftigt, die keiner von beiden in Worte fassen möchte. Gestern Abend warf Gacalo ihrem Mann vor, er beneide Waliya und die Kinder um die Fürsorge, die sie ihnen zukommen lasse, er sei so verbittert, dass er die Witwe nicht mal beim Namen nenne. Sie wünsche sich, dass er zu seiner alten Gutmütigkeit zurückfinden möge.
Sie treffen sich oben im Flur, als Mugdi gerade ins Schlafzimmer geht und Gacalo die Treppe hinaufkommt. Gacalo lässt ihn vorbei und folgt ihm ins Schlafzimmer.
Er wartet schweigend, bis sie sich ausgezogen und ihren Pyjama angezogen, die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hat und dann unter die Decke auf der linken Seite des Bettes geschlüpft ist.
»Und, wie war dein Tag?«, fragt sie.
»Timiro macht gerade eine schwere Zeit durch.«
Im Halbdunkel runzelt Gacalo die Stirn und wickelt sich in die Bettdecke. Timiro und Xirsi sind seit fünf Jahren verheiratet, und sie ist ihm immer noch treu, obwohl Xirsi sie regelmäßig belügt und manchmal monatelang fremdgeht. Mugdi und Gacalo konnten den Kerl nie ausstehen, und selbst Kaluun, der sie miteinander bekannt gemacht hat und Xirsis Charme mag, räumt ein, dass er ein Problem mit dessen Glaubwürdigkeit hat. Kaluun besteht allerdings darauf, dass Timiro gewusst habe, auf wen sie sich da einlässt, sich davon aber nicht habe beirren lassen. »Man kann jeden Weiberheld von seinem Laster heilen«, pflegte sie zu sagen.
Gacalo denkt, dass es ihre Ehe belastet hat, dass Dhaqaneh gestorben ist, bevor er ihnen einen Enkel hat schenken können. »Was für ein großes Glück, dass wir bald Timiros Baby in unserem Leben begrüßen dürfen«, sagt sie jetzt zu Mugdi. »Ein Enkelkind, das wir auf unsere alten Tage lieben und verhätscheln dürfen. Ich kann es gar nicht erwarten.«
Mugdi unterdrückt ein Gähnen. »Ich freue mich genauso auf das Baby. Es wird uns ein Segen und eine Freude sein.«
Dann dreht sich Gacalo auf die Seite, rutscht etwas von ihm weg und stopft sich das Kissen unter den Kopf. »Nacht, mein Schatz.« Aber sie ist nicht sicher, ob er sie gehört hat.
Als Mugdi schließlich einschläft, träumt er von Kaluun und Eugenia, dass er sie in London besucht und im Abney Park Cemetery spazieren geht. Er besucht die Gräber von mehreren Männern und Frauen, die gegen die Sklaverei gekämpft haben. Irgendwann fängt es fürchterlich an zu regnen, und er sucht Unterschlupf in einer Höhle, die so groß und dunkel ist wie eine Kellerwohnung.
Schon bald gesellt sich eine Gruppe Männer, Frauen und Kinder dazu. Alle sind weiß gekleidet, die Männer tragen dichte Bärte und Scheitelkappen, die Frauen sind verschleiert und barfuß, die Kinder tragen Bücher mit heiligen Texten unter dem Arm. Nachdem es aufgehört hat zu regnen, verlässt Mugdi die Höhle und geht zur Wohnung von Kaluun und Eugenia zurück.
Am nächsten Morgen stehen Mugdi und Gacalo früh auf. In der Küche gesellt sich Timiro zu ihnen. »Wann kann ich Waliya und die Kinder besuchen? Wie ist sie? Glaubt ihr, sie kommt hier zurecht und kann sich einleben?«
»Ich glaube, das wird ziemlich lange dauern, bis sie sich eingewöhnt hat«, sagt Gacalo. »Nicht viele ungebildete Frauen schaffen das in ihrem Alter, wenn sie selbst nicht daran glauben, dass sie es schaffen können. Und Waliya scheint mir jemand zu sein, die das für sich schon entschieden hat.«
»Wie alt ist sie?«
»Neunundzwanzig, dreißig, würde ich sagen.«
»Nach allem, was sie durchgemacht hat, hätte ich sie älter eingeschätzt. Wo ist sie aufgewachsen?«
»Laut ihrem gefälschten tansanischen Pass ist sie in Mogadischu geboren«, sagt Gacalo. »Aber auf die Angaben in einem gefälschten Pass kann man sich ja wohl kaum verlassen.«
»Was ist mit den Kindern, Saafi und Naciim? Wie sind die?«
»Der Junge ist ein ganz Spezieller«, sagt Mugdi.
»Wenn der sich hier in seiner neuen Umgebung zurechtfinden will, dann muss er noch viel lernen«, sagt Gacalo. »Aber mindestens genauso viel muss er sich auch abgewöhnen. Saafi ist friedlich und sanftmütig, etwas zu schüchtern vielleicht, zierlich und hübsch.«
»Streiten die beiden viel, so wie Dhaqaneh und ich früher?«, fragt Timiro. »Immer drauf, ohne Rücksicht auf Verluste?«
»Wenn Dhaqaneh auf Unsicherheiten bei dir gelauert hat, wie damals, als du zum ersten Mal deine Periode bekommen hast, dann hast du gekämpft wie eine Wildkatze, die ihr Territorium markiert«, sagt Gacalo.
»Papa hat mich immer beschützt«, sagt Timiro. »Auch wenn ich Schuld hatte. Ich musste nur sagen, ›Papa, Dhaqaneh ist gemein zu mir.‹ Ich konnte sicher sein, dass Papa ihn dann bestraft.«
»Du wusstest es nicht besser«, sagt Mugdi.
»Aber du warst auch eine leichte Beute«, sagt Gacalo.
Mugdi wirft Gacalo einen strengen Blick zu und geht dann ohne ein weiteres Wort nach oben in sein Arbeitszimmer.
Er und Gacalo gerieten oft aneinander, wenn es darum ging, das Rätsel Dhaqaneh zu entschlüsseln. Seit seinem Tod weist jeder dem anderen einen Teil der Schuld zu. Aber keiner will, dass darunter ihre Verbundenheit irreparablen Schaden nimmt. Und doch schikaniert Gacalo ihn mit dem Vorwurf, er habe Timiro bevorzugt und mehr geliebt. Bei einem besonders hitzigen Streit hat er einmal zu seiner Verteidigung gesagt: »Machen wir uns doch nichts vor. Sie war einfach ein angenehmerer Mensch.«
»Wie kannst du so was sagen?«, erwiderte sie.
Und bevor er sich zurückhalten konnte, schoss er zurück: »Und, wo ist er denn jetzt, und wo ist Timiro? Die eine ist hier und lebt, und der andere ist tot, nachdem er so viel Tod über andere gebracht hat.«
Mugdis Offenheit machte Gacalo wütend, aber eine passende Erwiderung fiel ihr nicht ein. Sie wandte den Blick ab und starrte ins Leere. Sie war wie betäubt von Mugdis Worten.
KAPITEL SECHS
Zwei Tage später herrscht gute, lockere Stimmung. Gacalo freut sich, dass Timiro wieder so weit obenauf ist, dass sie auf einen Höflichkeitsbesuch bei der Witwe und den Kindern vorbeischauen kann. »Wird höchste Zeit, dass ich sie kennenlerne«, sagt Timiro. »Außerdem ist es eine willkommene Abwechslung.« Kurz zuvor hat sie mit Eugenia telefoniert, die für sie einen Anwaltstermin ausmachen wird, damit Timiro die Scheidung von Xirsi einreichen kann.
Mugdi überfällt die beiden Frauen mit einer Frage. »Habt ihr nicht gesagt, dass Saafi unter schrecklichen Albträumen leidet?«
»Ja«, sagt Gacalo.
»Was passiert in den Albträumen?«
»Im Traum ist alles pechschwarz«, sagt Gacalo. »Sie wird von einem bärtigen, lüsternen Mann mit einer Fackel verfolgt.«
»Wie wollt ihr dem Mädchen helfen?«
»Ich habe schon Kontakt zu einer befreundeten Psychologin aufgenommen«, sagt Timiro. »Qumman, du kennst sie ja, Papa. Sie hat zugesagt, Saafi zu treffen.«
»Ich dachte, Qumman hat ihre Praxis in Stockholm«, sagt Mugdi. »Ist sie nach Oslo umgezogen und praktiziert jetzt hier?«
»Inzwischen ist die Nachfrage nach Somalisch sprechenden Therapeuten in Skandinavien so groß, dass sie jetzt in beiden Städten praktiziert«, sagt Timiro.
»Hast du daran gedacht, wie Waliya darauf reagieren könnte, dass ihre Tochter zu einem Psychologen geht?«
»Das ist Mamas Problem, nicht meins.«
»Ich glaube eher, dass für Saafis Heilung in Waliyas Augen nur eine einzige Methode annehmbar ist«, sagt Mugdi. »Und zwar die Lektüre des Korans. Wenn Qumman aber regelmäßige Sitzungen für nötig hält, einmal im Monat oder so, wie wollt ihr das bewerkstelligen?«
»Ich finde schon eine Lösung«, sagt Gacalo zuversichtlich.
Als Gacalo und Timiro sich wenig später auf den Weg zur Trambahn machen wollen, kommt Mugdi gerade aus seinem Arbeitszimmer, um sich in der Küche Kaffee nachzuschenken. Er fragt Gacalo: »Es würde mich interessieren, was Waliya und Timiro voneinander halten.«
Er erinnert sich daran, das Timiro die Witwe mal als »Opfer der Umstände« bezeichnet hat. Er fragt sich, ob die Begegnung ihre Meinung über die Witwe ändern wird. Er hofft, dass das Gespräch höflich bleibt und es nicht zu Verwerfungen kommt, die Gacalo nicht mehr kitten kann.
Bester Laune schlendern die beiden Arm in Arm zur Haltestelle der Tram. Die Tochter genießt die Gesellschaft ihrer Mutter. Als sie im Hauptbahnhof ankommen, beschließen sie, nicht in eine andere Tram umzusteigen, sondern den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Sie haben keine Eile. Der kleine Ausflug macht Gacalo mehr Spaß, als sie für möglich gehalten hätte. Immerhin hat sie das Versprechen an ihren Sohn gehalten und für Waliyas sichere Ankunft in Oslo gesorgt. Außerdem freut sie sich, dass die mit ihrem Enkel schwangere Timiro bei ihr ist und dass sie zusammen die Mutter von Dhaqanehs Stiefkindern besuchen – wenn er ihr schon keine leiblichen Enkel geschenkt hat.
Timiro schlägt vor, die Witwe vor ihrer Ankunft anzurufen, aber Gacalo meint, das sei nicht nötig. »Sie sind sicher da«, sagt sie. »Wohin sollen sie gegangen sein? Und dass sie einen Spaziergang durch die Nachbarschaft machen, ist auch nicht gerade wahrscheinlich.«
Timiro holt ihr Handy aus der Tasche. »Schadet nicht, wenn wir kurz Bescheid sagen«, sagt sie. Aber es hebt niemand ab.
Als sie den Wohnblock erreichen, tippt Gacalo den vierstelligen Code in den Ziffernblock neben dem Eingang. Im Lift begegnen sie einer alten Frau, die Gacalos freundlichen Gruß nicht erwidert. Die für ihre Schnellschüsse berüchtigte Timiro sagt auf Somalisch: »Wenn die Leute in der Anlage alle so unfreundlich sind wie die Frau hier, na dann, danke.« Gacalo bittet ihre Tochter, nett zu Waliya zu sein und nichts zu sagen, was sie provozieren könnte. »Bitte keine von deinen üblichen Kraftproben.« Gacalo erinnert sich an Mugdis Warnung, dass Timiro sicher Streit mit Dhaqanehs Witwe anfangen werde – als wolle sie klarstellen, dass die Geschwisterrivalität immer noch lebe.
Der Lift hält im dritten Stock, und die alte Frau steigt aus. Gacalo und Timiro fahren noch einen Stock weiter, wo der Lift mit einem zischenden Geräusch zum Stehen kommt.
Gacalo klingelt. Keine Antwort. Dann klopft sie an die Wohnungstür, erst leise, dann lauter. Timiro steht hinter ihr. Nach ein paar Minuten sagt Timiro: »Genug gewartet, Mama. Gehen wir. Sehr schlau von Papa, erst gar nicht mitzukommen.« Ungeduldig drückt sie auf den Liftknopf.
Ungefragt hebt Gacalo zu einer Erklärung an. »Seit einiger Zeit praktizieren viele Muslime eine andere Art des Islam als den, mit dem du und ich aufgewachsen sind. Früher haben die Somalis das Verhältnis zwischen Mann und Frau entspannter gesehen, Räume wurden nicht zwangsläufig nur einem bestimmten Geschlecht zugeordnet. Unser Volk hat sich in letzter Zeit einer konservativeren, rigideren Tradition zugewandt, dem Wahhabismus, der zum Beispiel verlangt, dass es für die beiden Geschlechter verschiedene Hauseingänge geben muss.«
»Und was passiert, wenn es nur eine Tür gibt? Wie regeln sie dann das Kommen und Gehen?«
»Tja, wenn es nur einen Eingang gibt, so wie hier, dann darf nur ein Mann einen Fremden hereinlassen.«
»Schrecklich«, sagt Timiro.
»Du darfst eins nicht vergessen«, sagt Gacalo. »Zum ersten Mal gibt es Millionen von Muslimen, die mit anderen Religionen in Berührung kommen. Es ist in Mode gekommen, von der Bewahrung der islamischen Kultur in ihrer reinsten Form zu reden. Deshalb haben sich immer mehr Muslime für den wahhabatischen Weg des konservativen Islam entschieden. Und nach deren Regeln dürfen sich die Geschlechter nicht vermischen und müssen Frauen einen männlichen Beschützer haben.«
»Glaubt Naciim deshalb, dass er der Obermacker ist? Weil einige Scheichs behaupten, dass das der wahre Islam ist?«
»Ja. Der konservative Islam schreibt vor, dass weder Waliya noch Saafi uns die Tür öffnen dürfen, wenn Naciim, der Ersatzbeschützer, nicht im Haus ist.«
»Das ist nicht zu fassen«, sagt Timiro.
Der Lift kommt und kommt nicht. Timiro drückt permanent auf den Knopf und flucht. Gacalo hingegen behält die Wohnungstür im Auge und hofft, sie möge sich doch noch öffnen.
»Ich kann Waliyas Vorsicht verstehen«, sagt Gacalo. »Ihre Tochter ist vergewaltigt worden. Außerdem haben in letzter Zeit Männer, die so alt sind wie dein Vater, in vielen Gegenden Somalias Mädchen geheiratet, die noch jünger sind als Saafi.«
Timiro ist sauer, dass der Aufzug nicht kommt. Erst tritt sie gegen die Lifttür und dann gegen die Tür von Waliyas Wohnung. Ein paar Sekunden später öffnet sich die Tür, und Naciim steht vor ihnen. Er entschuldigt sich. »Ich stand unter der Dusche, ich hatte keine Ahnung, dass ihr da seid. Erst den Krach habe ich gehört.«
Der Junge ist sichtlich überrascht. Er freut sich so, Gacalo zu sehen und Timiro kennenzulernen, dass er anscheinend nicht weiß, was tun: Soll er ihnen die Hand schütteln, oder soll er warten, ob sie ihn einer Umarmung für würdig befinden. Dann bemerkt Gacalo ein leichtes Stirnrunzeln bei ihm. Kann es sein, dass er sich darüber klarzuwerden versucht, wie wohl seine Mutter auf Timiro reagieren wird, die wie eine Norwegerin gekleidet ist, nicht wie eine Somali?




