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Draußen waren schwere Reifen auf Schotter zu hören und Lucas fühlte sich zum Eingang hingezogen. Ben und Walker folgten ihm auf dem Fuß, die Neugierde war schließlich stärker.
Lucas schob die Glastür auf und trat auf die Veranda, um das Gefolge zu begrüßen. Das grelle Morgenlicht blendete und er hielt sich die Hand über die Augen, als er zusah, wie mehrere enorme Menschen aus dem Wagen stiegen. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, schließlich würde er einem Pack Wölfe niemals mit einem begehrenswerten Weibchen wie Aurelia trauen.
Einer von ihnen öffnete die Hintertür und machte dem Passagier auf dem Rücksitz ein ungeduldiges Zeichen. Ein langer Moment verging, in dem Lucas die Tür beobachtete und ihm der Atem stockte.
Zwei schlanke Beine kamen zum Vorschein, gefolgt von einem perfekt gerundeten Torso. Schließlich tauchte Aurelias kupferfarbener Lockenschopf auf, wie Honigfeuer unter der Sonne. Sie trug enge, ausgefranste Shorts, rote Cowboystiefel und ein durchsichtiges gelbes T-Shirt. Eine große schwarze Sonnenbrille verschleierte ihr Gesicht, aber die unverwechselbare Herzform und die kecke Nase waren sichtbar. Volle rosa Lippen, die einfach nur sündhaft aussahen und sicherlich alles zerstörten, womit sie in Berührung kamen.
Und jetzt blickte sie zur Veranda auf und checkte ihn aus. Der Rest der Welt schien wie ausgeblendet, die Bäume und Berge waren verblasst. Ihre Lippen verzogen sich zu einem herausfordernden Grinsen.
Lucas schluckte und strich mit den Händen über seine Hemdfront, sein Puls pochte vor Aufregung. Da war sie, nur eine Unterhaltung davon entfernt sich unter ihm drunter wiederzufinden. Er würde sich in ihr vergraben und das wahnwitzige Verlangen stillen, das ihn plagte. Und sie würde zu ihm gehören, sodass er sie genießen könnte, wann immer er wollte.
Sein Wolf erhob sich und war erfreut über die Aussicht auf Aurelia.
Sie stieg die Treppen hinauf, ihre Cowboystiefel stellten ihre nackten, blassen Beine zur Schau. Zwei der Männer folgten ihr mit einem einzigen, abgenutzten Koffer voll Habseligkeiten.
“Aurelia,” sprach Lucas und musterte sie. Er mochte die Art, wie ihr Name über seine Zunge rollte.
Sie hielt an, stellte sich breitbeinig hin und spannte die Schultern an. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und musterte ihn unverhohlen.
“Deinetwegen bin ich also hier?” sprach sie nüchtern. Ihr Akzent entsprach so gar nicht dem süßen südlichen Näseln, das er von einem Texas-Girl erwartet hatte. Er hatte eine stark neuseeländische Note, was ihn überraschte.
“Ja,” erwiderte Lucas.
“Diese Männer haben mich von der Straße gezerrt. Sie haben nicht gesagt, wo sie mich hinbringen, oder warum. Ich war sechsunddreißig Stunden unterwegs und keiner von ihnen wollte auch nur mit mir reden. Sie haben nur immer wieder gesagt, dass Lucas Kiern mich sehen will.”
“Ich nehme an, dass sie dich gut behandelt haben?” wollte Lucas wissen und sein Blick wanderte zum Chef des Teams.
“Wir haben sie auf der Straße aufgelesen, kurz bevor vier bewaffnete Männer sie umzingelt hätten. Wir haben gesehen, wie sie sie in eine Ecke gedrängt haben und haben erst eingegriffen, als klar war, dass sie in der Falle saß,” sprach der Mann und zuckte die Achseln.
“Sie waren nicht zimperlich,” sprach sie und machte ein wütendes Gesicht.
“Sie haben das getan, was ich von ihnen verlangt habe,” erwiderte Lucas. Er blickte zu den Männern und machte ihnen ein Zeichen, dass sie gehen konnten.
Aurelia drehte sich um und blickte ihnen nach, als die Männer zurück zum Wagen gingen und davon fuhren.
“Das ist alles?” wollte sie wissen. “Sie liefern mich hier einfach ab, ohne eine Erklärung, was ihr überhaupt mit mir vorhabt?”
“Du traust ein paar Menschen eher, als dreien deiner eigenen Art?” sprach Walker und sträubte sich.
“Sieh an, es kann reden!” sprach Aurelia und klatschte einmal mit den Händen. “Wer seid ihr beide dann? Die Betas?”
“Wir sind kein Rudel,” warf Ben ein.
“Oh, einsame Wölfe, die einfach zusammenarbeiten. Was für eine Vorstellung. Das hier wird echt immer besser,” schnappte sie.
“Aurelia, das ist Ben, und das ist Walker. Wir kennen uns schon lange,” erklärte Lucas.
Aurelia verschränkte die Arme und drückte die Hüfte durch. Die Geste war typisch für Texas und entlockte Lucas ein Lächeln. Das bodenständige Mädchen existierte noch irgendwo da drin.
“Was nun? Warum bin ich hier?” fragte sie mit versteinerter Miene.
“Komm erstmal rein. Walker und Ben werden sich zurückziehen und du und ich werden uns unterhalten,” sprach Lucas. Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern machte kehrt und scheuchte seine Kumpels wieder rein. Genau wie sie es versprochen hatten, gingen sie direkt in ihre Suiten. Lucas führte sie in den Bau.
“Hast du Hunger? Durst?” fragte er, damit sie sich entspannte.
“Nein,” schnappte sie.
“Setz dich,” bot er an und deutete auf die schwarzen Ledersofas. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, wählte aber eine Ecke des Sofas und nahm Platz. Lucas ließ ihr etwas Raum und setzte sich aufs andere Ende. Sie waren jetzt drinnen und er konnte sich nicht davon abhalten ihren Duft aufzuschnappen. Neben dem Geruch von Menschen und Kerosin von ihren Reisen konnte er Noten von Hibiskus und Verbena auf ihrer Haut ausmachen. Sein Wolf fing regelrecht an zu japsen und bettelte darum, dass er tiefer einatmete und diesen Geruch einsog.
Sie rührte sich unbehaglich und schaute sich um, was ihn daran erinnerte, dass er ihr besser eine Erklärung bot, ehe sie gänzlich die Flucht einschlug.
“Ich möchte dir einen Deal anbieten,” sprach er und brachte es gleich auf den Punkt.
“Einen Deal?” fragte sie und lenkte ihren azurblauen Blick auf ihn. Aus der Nähe konnte er sehen, dass ihre Augen einen kupferbraunen Schimmer hatten, genau in derselben Farbe wie ihre langen Locken.
“Relative Freiheit. Eine Rückkehr in die Staaten,” erklärte er.
Überraschung machte sich auf ihrem Gesicht breit, aber sie bemerkte es sofort und fing sich wieder ein. Ihre Selbstbeherrschung beeindruckte ihn.
“Ich bin hier in den Staaten, oder nicht?” antwortete sie. “Irgendwo an der Ostküste.”
“North Carolina,” räumte er ein. “Aber das habe ich nicht gemeint. Ich meinte eine dauerhafte Lösung für dein Problem.”
“Mein Problem? Und was genau weißt du alles über mich und meine Probleme?”
Lucas hielt inne, er versuchte die richtigen Worte zu finden.
“Ich weiß, dass du verfolgt wirst. Regierungsbehörden, Großkonzerne … du hast dir viele Feinde gemacht und jetzt, da du verwundbar bist, haben es alle auf dich abgesehen. Irgendeiner davon wird dich erwischen, dir wahrscheinlich wehtun und dich dann dem Höchstbietenden überlassen.”
“Ich bin nicht verletzlich!” schnappte sie und sprang auf die Füße. “Ich bin sehr gut alleine klargekommen.”
Sie verschränkte die Arme und marschierte durch den Bau. Die Bewegung schien ihre Wut zu lindern.
“Der Mensch hat die Wahrheit gesagt. Wahrscheinlich hätten sie dich kurz danach geschnappt. Bis jetzt hast du dich gut geschlagen, ja. Du bist in einer riesigen Stadt in einem Drittweltland abgetaucht und dazu noch in einem kommenden Hackerparadies. Das war clever. Aber auf dich wurden zu viele Kopfgelder ausgesetzt und du wirst dich nicht retten können, egal wie clever oder schnell du bist. Es ist zu viel Geld im Spiel, zu viel Blut im Haifischbecken,” führte Lucas aus.
“Das ist es also? Du bist ein Kopfgeldjäger, der auf seine eigene Spezies Jagd macht?” sprach sie, ohne ihn anzublicken. Sie marschierte weiter hin und her. “Du willst mich ausliefern, mir einen Gnadendeal oder so aushandeln?”
“Nein. Das würde nicht mal ansatzweise deine Probleme lösen. Wenn du zum Staatsanwalt gehst und um eine Verständigung bittest, dann würde diese nur eine der vielen Parteien ansprechen, die dich verfolgen und die wollen dich wahrscheinlich im Knast sehen. Das wäre nur eine Verschwendung deiner Talente. Deiner Schönheit.”
Darauf blieb sie stehen, ihr Blick sprang zu ihm.
“Meine Schönheit? Soll dieser Deal eine Art Anmache sein?” fragte sie entsetzt.
“In gewisser Weise schon. Ich gebe zu, ich habe dich ausfindig gemacht. Dich beobachtet, deine Vergangenheit durchleuchtet. Du bist interessant, Aurelia. Aus mehreren Gründen, aber bleiben wir einfach dabei, dass du zu meiner Art gehörst und dazu noch total umwerfend bist … das hat definitiv dazu beigetragen, dass du es bis ganz oben auf meine Liste geschafft hast.”
“Und wie kommt es, dass du Listen aufstellst und Deals anbietest?” fragte sie.
“Ich bin Geschäftsführer von Lunacorp,” sprach er. Wie erwartet erkannte sie den Namen sofort. Sie musste lächeln.
“Ich wusste, dass Lunacorp von Wölfen geführt wird,” sprach sie leicht triumphierend. Kurz darauf verflüchtigte sich jedoch ihr Lächeln.
“Du bist also der Boss. Was bringt mir das?” wollte sie wissen.
“Wie du weißt, ist Lunacorp in den vergangenen Jahren exponentiell gewachsen. Wir haben mehr Geld, als wir jemals ausgeben könnten, als unsere Enkelkinder jemals ausgeben könnten und wir langweilen uns. Wir sind einsam. Von Menschen umgeben und von anderen Wölfen isoliert. Das möchten wir gerne ändern.”
“Wir? Wer sind bitteschön wir?”
“Ich bin der Federführer, wenn man so will. Aber Ben und Walker befinden sich auf demselben Weg wie ich und sind genauso isoliert. Wir haben nur uns drei.”
“In den Staaten gibt es tausende Wölfe. Du könntest einfach nach New York fliegen und etwas sagen. Hunderte Weibchen würden sich dir an den Hals werfen und sich um deinen Lifestyle reißen. Ich aber … ich bin in Indien. Ich werde gesucht. Warum ausgerechnet ich?”
“Wie gesagt, deiner Talente wegen. Und wegen deiner Schönheit.”
“Dann spuck es aus,” sprach sie. “Wie lautet dein Angebot?”
Lucas nickte, er leckte sich die Lippen.
“Ich will dich. In meinem Haus, hier. In meinem Bett. Ich möchte dir eine Reihe an Verträgen anbieten. Einen für deine Computerkenntnisse. Damit du mit Ben zusammenarbeitest und neue Programme entwickelst. Einen Vertrag, um meine Geliebte zu sein, oder eine davon. Ich möchte mehreren Weibchen diese Art von Deal anbieten, einen Deal, der ihnen zugutekommt und mich oder einen der anderen Jungs involviert. Wir wären nicht exklusiv, es sei denn, es ergibt sich ganz von selbst.”
“Du willst mich mit ihnen teilen? Sie könnten sich nehmen, was immer sie wollten, wann immer sie wollten?” sprach sie neugierig und beleidigt zugleich.
“Du könntest mit ihnen anbandeln oder nicht. Deine Wahl. Im Vertrag wird nur festgelegt, dass du bei mir bleibst und dass ich dich verführen darf.”
“Und was würde dabei für mich herausspringen?”
“Ich sorge dafür, dass deine Kopfgelder widerrufen werden und dass jede Organisation, die hinter dir her ist, auf andere Weise zufriedengestellt wird. Nach Ende deines Vertrags könntest du dich frei in den USA bewegen. Du wirst nie in einer Gefängniszelle einsitzen. Und solange du mit mir zusammen bist, wirst du alles bekommen, was du begehrst. Kleider, Schmuck, Wellness, was immer du willst. Zugang zur neuesten Technologie, ich weiß, dass dir das gefehlt hat.”
Aurelia musterte ihn, ging zur Couch zurück und setzte sich.
“Und wenn ich ablehne? Was, wenn ich meine Tasche schnappe und verschwinde?” fragte sie und neigte den Kopf zur Seite.
Lucas griff in seine Hosentasche und holte sein Smartphone raus. Er öffnete die Fotogalerie und reichte ihr das Telefon. Zu sehen waren dutzende Bilder von ihrem Bruder, ihrer Schwägerin und den beiden Kindern.
Aurelia atmete scharf ein. Wut brodelte so rasant in ihr auf, dass sein Wolf ihre Emotionen wahrnahm.
“Du wagst es, meine Familie zu bedrohen?” hisste sie und hielt ihm das Handy hin. Das Foto zeigte ihren Bruder Edgar, wie er seine kleine Tochter auf dem Arm hielt.
“Nein, du verstehst nicht. Ich habe diese Fotos vom Laptop eines Polizeiagenten in Dubai kopiert.”
Aurelia beruhigte sich leicht und biss ihre Lippe.
“Ich war sicher, dass ich unsere Verbindung vergraben habe. Ich habe monatelang jeden digitalen Hinweis gelöscht, der zeigte, dass wir uns je begegnet waren,” flüsterte sie, als sie durch die Fotos scrollte.
“Leider ist er ein Softwareingenieur bei einem führenden Tech-Unternehmen und ihr habt denselben Namen. Abgesehen davon und der Tatsache, dass er weiter über dich redet und deinen vollen Namen benutzt … kannst du ihn unmöglich verstecken,” erklärte Lucas höflich.
“Wenn ich also nein sage, dann wirst du ihnen meinen Bruder ausliefern?” fragte sie.
“Nein, ganz und gar nicht,” sprach Lucas und rückte näher. Er streckte die Hand aus und hob ihr Kinn, sodass sie ihm in die Augen blickte.
“Nehmen wir an, du bist einverstanden und deine Schulden werden beglichen. Genau das biete ich dir an, zusammen mit einem ständigen Security-Team für deinen Bruder und seine Familie. Solange du bei mir bleibst, wird ihm niemand Schaden zufügen können, um so an dich heranzukommen.”
Aurelias Lippe bebte, ihre Hände zitterten leicht, als sie das Telefon auf dem Sofa ablegte.
“Werde ich meinen Bruder sprechen können?” fragte sie.
“Wir können ihn für einen Besuch herholen. Wenn dein Vertrag vorbei ist, kannst du dir in seiner Nähe ein Haus kaufen, wenn du möchtest.”
Aurelia entzog sich seiner Berührung und presste den Handrücken an ihr Auge. Sie fuhr mit den Händen über ihre von der Reise zerdrückten Haare, atmete tief ein und machte den Rücken gerade. Fast musste Lucas lächeln, als er beobachtete, wie sie ihre Haltung ausrichtete, um eine Entscheidung zu treffen.
Sie blickte ihm in die Augen, dann reichte sie ihm die Hand.
“Einverstanden,” sprach sie mit gestählter Stimme.
Lucas nahm ihre Hand, er schätzte ihren festen Griff. Die Berührung ließ seinen Wolf hervorkommen, der sich überaus für die atemberaubende Frau interessierte.
“Wenn das so ist,” sprach er. Er ließ ihre Hand los, beugte sich vor und atmete ihren Duft ein. Er konnte ihre Wölfin spüren, ihre wachsende Aufgeregtheit und Unruhe, das Flattern ihres Herzschlags in seiner Nähe.
Seufzend atmete er aus.
“Ich muss zugeben, mein Wolf steht auf dich,” sprach er mit einem Grinsen.
Aurelia schenkte ihm ein unsicheres Lächeln und Lucas wurde klar, dass sie überwältigt und müde war.
“Na schön. Wir werden Folgendes tun,” sprach er und übernahm wieder die Kontrolle. “Ich werde dir dein Zimmer zeigen und deinen Koffer bringen. Ich werde dir Essen und den Vertrag bringen. Du kannst schlafen oder ein Bad nehmen. Was immer du willst. Du kannst dir das Kleingedruckte ansehen und mir alle nötigen Fragen stellen …” Er verstummte und winkte mit der Hand.
“Okay,” sprach Aurelia. Sie war sichtlich ermüdet.
“Dann werde ich dich zu unseren Suiten führen.” Er stand auf und reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und er zog sie auf die Füße hoch. Statt wieder loszulassen, verschränkte er die Finger in ihre und führte sie zum hinteren Ende des Hauses.
Er führte sie nach oben bis zum Abschnitt, wo zwei Flure waren.
“Du und ich sind auf dieser Seite,” erklärte er ihr. “Mein Zimmer ist ganz am Ende. Zwischen unseren Schlafzimmern gibt es große Bäder und Wohnzimmer, alles miteinander verbunden. Die erste Tür ist für dich.”
Er hielt inne und hob ihre Hand an seine Lippen. Er verpasste ihr einen flüchtigen Kuss.
“Ich verabschiede mich. Dein Gepäck wird in Kürze in deinem Wohnzimmer stehen,” sprach er.
“Ich – ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken soll,” sprach Aurelia und ihr Duft und leichter Akzent wirkten auf ihn wie ein Schlag in die Magengegend.
“Du wirst dir schon etwas einfallen lassen,” neckte Lucas und schüttelte den Kopf. “Ruh dich aus. Ich warte auf dich, wenn du soweit bist.”
Und so ließ er sie an der Tür stehen. Es fiel ihm wirklich schwer, sie ohne einen richtigen Kuss zu verlassen, aber Lucas war lange genug in der Geschäftswelt unterwegs, um zu wissen, wann es besser war abzuwarten. Er wollte Aurelia, aber mehr noch wollte er, dass sie zu ihm kam. Jetzt musste er einfach nur warten … vielleicht würde er rausgehen und laufen oder im Pool ein paar Runden ziehen. Als ob das seine Lust auf Aurelia dämpfen würde.
Lucas musste schmunzeln, als er wieder nach unten ging.
3
Aurelia war schlichtweg verblüfft. Nachdem Lucas sie vor ihrem neuen Schlafzimmer abgeliefert hatte, hatte sie die Tür aufgemacht und fast den Verstand verloren. Der Raum war phänomenal, die untere Hälfte der Wände war mit cremefarbenen Täfelungen verziert, die mit weißen Ästen bedruckt waren, die obere Hälfte war mit einem zarten Kirschblütenmuster bedeckt. Der Fußboden war anders als der vom Rest des Hauses, er war aus leicht polierter Eiche. Ein massives weißes Himmelbett dominierte die Mitte des Raums und war mit weißen und pastellfarbenen Vorhängen geschmückt. An der Seite standen ein passender Schminktisch und Schrank, ein prächtiger Eichenholzschreibtisch nahm die mittlere Wand ein und die verbleibende Wand bestand fast gänzlich aus Fenstern, die sorgfältig mit durchscheinenden weißen Vorhängen verhangen waren.
Eine ganze Minute lang stand Aurelia einfach nur in der Tür und bekam den Mund nicht mehr zu. Selbst wenn sie aus hunderten Einrichtungsmagazinen eine Collage geschnipselt hätte, hätte sie niemals so perfekt ihren Geschmack treffen können wie dieses Zimmer.
Sie trat ein und machte sowohl die Tür als auch ihren Mund wieder zu, dann bewunderte sie die Details. Auf dem Schreibtisch stand eine Schreibmaschine, komplett mit einem weißen Blatt Papier, das auf ihre Worte wartete. Orchideen und Kirschblüten zierten den Schminktisch. Ein cremefarbener Liegestuhl am Fenster. Ein Nachttisch mit Wasserflaschen, die in einem silbernen Champagnereimer gekühlt wurden; als sie näher trat, bemerkte sie, dass es sich um ihre Lieblingsmarke handelte.
Sie machte den Schrank auf und sah, dass er mit allen erdenklichen Kleidungsstücken gefüllt war. Der Schminktisch hatte einige ihrer bevorzugten Make-up-Produkte, ihr Lieblingsparfum …
Sie erstarrte, als sie den Schminktisch genauer unter die Lupe nahm und zupfte eine verblasste Karteikarte vom Rand des Spiegels. Sie brauchte den Text nicht zu lesen, denn sie wusste, was darauf geschrieben stand.
“Du bist wunderschön, wunderschön!” war in ihrer kurvigen Teenie-Handschrift darauf gekritzelt.
Wo zum Teufel hatte Lucas etwas aus ihrem Zimmer bei ihrer Lieblingspflegefamilie von vor über zehn Jahren aufgetrieben?
Aurelia steckte vorsichtig die Karte wieder zurück und ging zum Bett. Sie kletterte drauf und ließ sich mit dem Gesicht nach unten auf die Decke fallen.
Dutzende, nein Millionen verschiedener Gefühle rauschten ihr durch den Kopf. Anspannung, Erleichterung, Furcht, Erschöpfung, Dankbarkeit, Fassungslosigkeit … alles drehte sich in ihrem Kopf, sodass ihr schwindelig wurde. Sie kniff die Augen zusammen und atmete tief ein.
Nein, es gab kein Entkommen. Die Tränen stiegen auf und auf einmal musste sie schluchzen. Dann bekam sie Schluckauf. Dann heulte sie endgültig und schnappte nach Luft, als ihr heimwehkrankes Herz sie als Geisel nahm.
Die Karte war einfach zu viel gewesen. Aurelia weinte und weinte und mit ihren salzig-süßen Tränen vergoss sie jeden verbleibenden Tropfen des Widerstands, der Wut und Angst in ihr. Irgendwann, als die Tränen schließlich nachließen, kam die Einsicht, dass jemand das alles nur für sie getan hatte …
Dann schlief sie fest ein.
4
Ganze zwölf Stunden waren vergangen, als Aurelia schließlich aus ihrem Zimmer auftauchte. Sie hatte den Rest der Suite erkundet und einen ansprechenden Salon vorgefunden, komplett mit Teeservice und Klingelknopf, allerdings war sie nicht sicher, ob es Bedienstete gab oder nicht. Dann hatte sie ein makelloses, weiß gefliestes Badezimmer gefunden, das von einer riesigen Klauenfußwanne dominiert wurde. All ihre Lieblingsbadeprodukte, Dinge, die sie in Indien oder selbst in Neuseeland nie gefunden hatte, waren jetzt in Reichweite.
Sie hatte ein Schaumbad genommen und gründlich ihre Haut und Haare verwöhnt, sich die Fußnägel lackiert …
Und dann hatte sie sich auf ihre neue Garderobe gestürzt. Weil sie nicht der Auffassung gewesen war, dass sie alles auf einmal hätte sichten können, hatte sie sich einfach den erstbesten Fummel genommen … nun, dabei hatte es sich um ein edles Cocktailkleid von Christian Siriano gehandelt, also hatte sie es wieder in den Schrank gehängt. Das zweite Teil war ein helles, apricotfarbenes Maxi-Kleid, das im Nacken gebunden wurde und eng an der Taille saß, ehe es zu ihren Füßen einen anmutigen Pool bildete. Der Stoff war dermaßen zart, dass sie tatsächlich seufzte, als sie es überzog.
Sie ließ ihr langes Haar an der Luft trocknen und verzichtete auf Parfum und Make-up. Es fühlte sich gut an, so natürlich und frei zu sein, also ließ sie auch ihre Schuhe weg. Die Männer waren barfüßig, als sie sie gesehen hatte und es gefiel ihr. Es war so ungezwungen.
Dann ging Aurelia zum Schreibtisch und hob das geordnete Bündel voll bedruckter Seiten auf, das dort auf sie wartete. Sie schob den Stuhl zurück, setzte sich und las die erste Seite ihres Vertrags.
Sie war nicht sicher, was genau sie erwartet hatte. Lucas war ein Geschäftsmann, womöglich also eine detaillierte Liste mit Dingen, die sie ihm schulden würde: Häufigkeit der sexuellen Zusammenkünfte, absoluten Gehorsam, ein zu allen Zeiten gepflegtes Äußeres.
Stattdessen war alles ganz einfach. Der Vertrag listete ihre Namen und die Adresse des Anwesens auf. Es besagte, dass Aurelia ihm für den Zeitraum von einem Jahr Gesellschaft leisten würde und dass Lucas im Gegenzug ihre Probleme mit dem Gesetz lindern würde. Außerdem würde er ihr für die Dauer ihres Vertrags ein großzügiges Taschengeld gewähren und ihr am Ende ihrer gemeinsamen Zeit mindestens 250,000 Dollar überlassen. Aurelia musste lange auf die Summe starren. 250,000 Dollar war enorm viel Geld, in ihrer Welt.
Am Ende der Seite befanden sich zwei Zeilen für Datum und Unterschriften. Die obere Zeile war bereits mit Lucas’ eleganter Krakel signiert.
Aurelia runzelte die Stirn und blätterte zur zweiten Seite um. Sie war leer.
“Das ist alles?” fragte sie sich laut.
Sie hob einen eleganten Füllfederhalter auf, der ihr für diese einzige Gelegenheit hinterlegt worden war und seufzte. Warten wäre sowieso sinnlos, oder?
Sie nahm die Kappe ab und unterzeichnete den Vertrag. Ihr wurde leicht flau im Magen, aber sie unterdrückte das Gefühl. Sie ließ ohne Anstalten den Füller fallen, drückte sich vom Schreibtisch ab und stand auf. Es war Zeit, Lucas gegenüberzutreten und ihm jene Begleitung zu leisten, die ihren Lebensunterhalt gesichert hatte.
Aurelia ging nach unten und hob dabei vorsichtigen den Saum ihres langen Kleides an. Es war einen Tick zu lang für sie und dieser kleine Makel machte sie irgendwie weniger beeindruckt von Lucas’ Gastfreundschaft.
Unten an der Treppe angekommen, überhörte sie einen Gesprächsfetzen.
“-du weißt nicht mal, ob sie überhaupt noch lebt,” sagte Ben.
“Ich würde sagen, es geht ihr gut,” sprach Lucas und wandte sich sogleich zu ihr um. Sie hatte keinen Mucks von sich gegeben und doch hatte er ihre Anwesenheit gespürt.
Der Mann, den Lucas ihr als Walker vorgestellt hatte, wollte aufstehen und ihr mehr Raum geben, aber sie wiegelte ab.
“Alles bestens. Bleib ruhig sitzen,” sagte sie und näherte sich der Sofaecke, auf der die drei Männer lungerten.
“Du hast gut geschlafen?” erkundigte sich Lucas. “Wie ich sehe, hast du die Kleider gefunden, die ich für dich bestellt habe.”
Aurelia wurde ganz rot und strich ihre Hände über das Kleid.
“Ja, das habe ich. Dankeschön.”
“Du siehst echt hübsch aus,” platzte es aus Ben heraus und er wurde ebenfalls rot. Dann fuhr er sich unbeholfen mit der Hand durchs Haar.
“Danke,” erwiderte sie und schenkte ihm ein warmes Lächeln. Ben war hinreißend, schlanker und unverkrampfter als die anderen zwei. Seine zerknitterten Jeans und sein Streifenshirt, das dunkelbraune Haar, das ihm in die Stirn hing, sein schüchternes Lächeln … oh ja. Er war auf jeden Fall ein heißer Geek.




