Der Weg des Psychonauten – Band 2

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Die Weltanschauungen der indigenen Völker, der Antike, der Klassik und des Mittelalters postulierten ebenfalls die Existenz einer wesentlichen Alternative zur linearen Kausalität in Form einer höheren Kraft. Selbst für Gottfried Wilhelm Leibniz, den deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, war Kausalität weder die einzige noch die hauptsächliche Auffassung. Beispiele für eine Alternative zur linearen Kausalität sind die Prozesse des Filmemachens und des Betrachtens von Filmen, bei welchen die Kausalität, die wir beobachten, nur scheinbar wahr ist; in Wirklichkeit ist sie nur eine Methode, um eine Geschichte zu vermitteln. Die Personen, die die Filme gestaltet haben, ordneten die Abfolgen von Szenen und Bildern so an, dass wir sie als kausal verbunden wahrnehmen.
Die Hindus, die das Universum als Lila verstehen, ein göttliches Spiel, das von einem kosmischen Bewusstsein geschaffen wurde, das Erfahrungen arrangiert, wenden dieselbe Art des Denkens auf die Welt der Materie an. Alle magischen und divinatorischen Vorgänge früherer Zeitalter basierten auf einem ähnlichen Weltverständnis. Mit dem Aufkommen der physikalischen Wissenschaften verschwand die Entsprechungslehre vollständig, und die magische Welt früherer Zeitalter verschwand. An ihre Stelle trat das Denken in linearen Kausalzusammenhängen, das zum Eckpfeiler der materialistischen Wissenschaft wurde.
Synchronistisches Denken ist außerdem von wesentlicher Bedeutung für ein angemessenes Verständnis der Astrologie der Archetypen. Jung benutzte die Astrologie in seinem Aufsatz, um die vielfältigen synchronistischen Zusammenhänge zwischen der materiellen Welt und der menschlichen Psyche aufzuzeigen. In seinen späteren Lebensjahren befasste er sich regelmäßig mit den astrologischen Horoskopen seiner Patienten, bevor er mit ihnen zu arbeiten begann. Seine Tochter, Gret Baumann-Jung, studierte eigens Astrologie, um für ihn die Horoskope seiner Patienten zu erstellen und um 1974 für den Psychologischen Klub in Zürich eine Arbeit über das Horoskop ihres Vaters vorzustellen. Gegen Ende seines Lebens war Jung von der Bedeutung der Synchronizität in der natürlichen Ordnung der Dinge so überzeugt, dass er sie als Leitprinzip in seinem täglichen Leben verwendete.
Der berühmteste Fall von Synchronizität in Jungs eigenem Leben ereignete sich während einer Therapiesitzung mit einer seiner Patientinnen. Diese Patientin war sehr resistent gegen die Psychotherapie, gegen Jungs Interpretationen und gegen die Vorstellung von transpersonalen Realitäten. Während der Analyse eines ihrer Träume mit einem goldenen Skarabäus, als die Therapie in eine Sackgasse geraten war, hörte Jung, wie etwas gegen die Fensterscheibe prallte. Er schaute nach, was passiert war, und fand auf der Fensterbank einen glänzenden Rosenkäfer (Cetonia aurata), der versuchte, ins Haus zu gelangen. Es handelte sich um ein sehr seltenes Exemplar, die engste Entsprechung zu einem goldenen Skarabäus, der in diesen Breitengraden zu finden ist. Nichts dergleichen war Jung jemals zuvor oder danach begegnet. Er öffnete das Fenster, brachte den Käfer hinein und zeigte ihn seiner Klientin. Diese außergewöhnliche Synchronizität wurde zu einem wichtigen Wendepunkt in der Therapie dieser Frau.

Cetonia aureata, der »Skarabäus« aus der Synchronizitäts-Geschichte von C. G. Jung.
Beobachtungen von Synchronizitäten beeinflussten Jungs Denken und seine Arbeit tiefgreifend, insbesondere sein Verständnis der Archetypen, der universalen Urbilder und der ordnenden Prinzipien des kollektiven Unbewussten. Die Entdeckung der Archetypen und ihrer Rolle in der menschlichen Psyche ist Jungs wichtigster Beitrag zur Psychologie. Über weite Strecken seiner beruflichen Laufbahn war Jung sehr stark von der kartesisch-kantischen Perspektive beeinflusst, welche die westliche Wissenschaft mit ihrer strikten Trennung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven, dem Innen und dem Außen dominiert. Unter ihrem Einfluss sah er die Archetypen zunächst als transindividuelle, aber im Wesentlichen innerpsychische Prinzipien, vergleichbar mit biologischen Instinkten. Er ging davon aus, dass die Grundmatrix für sie im Gehirn fest verankert ist und von Generation zu Generation vererbt wird.
Die Existenz von synchronistischen Ereignissen ließ Jung erkennen, dass Archetypen sowohl die Psyche als auch die materielle Welt transzendieren. Er war überzeugt, dass es sich um autonome Bedeutungsmuster handelt, die sowohl die Psyche als auch die Materie beeinflussen. Er sah, dass sie eine Brücke zwischen Innen und Außen bilden, und schlug die Existenz einer Grauzone zwischen Materie und Bewusstsein vor. Aus diesem Grund begann Jung, sich auf Archetypen als »psychoide« (psyche-ähnliche) Qualitäten zu beziehen, wobei er den Begriff verwendete, der von Hans Driesch, dem Begründer des Vitalismus, geprägt wurde (DRIESCH 1914). Stephan A. Hoeller beschrieb Jungs vertieftes Verständnis der Archetypen in poetischer Sprache auf prägnante Art und Weise: »Der Archetyp ist, wenn er sich in einem synchronistischen Phänomen manifestiert, wahrhaftig ehrfurchtgebietend, wenn nicht geradezu wunderbar – ein unheimlicher Bewohner auf der Schwelle. Psychisch und zugleich physisch könnte man ihn mit dem doppelgesichtigen römischen Gott Janus vergleichen. Die beiden Gesichter des Archetyps sind in dem gemeinsamen Kopf der Bedeutung vereint« (HOELLER 1982).
Psychiater hören von ihren Patienten oft von »phantastischen Zufällen«; das bemerkenswerte Phänomen der Synchronizität ist jedoch von der konventionellen Psychologie und Psychiatrie nicht erkannt worden. Verweise auf »unglaubliche Zufallsereignisse« werden nicht ernst genommen und als pathologische Verzerrungen der Wahrnehmung und des Urteilsvermögens oder als »Beziehungswahn« angesehen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, die Fakten zu überprüfen, muss zugeben, dass die Wahrscheinlichkeit, dass viele dieser Koinzidenzen zufällig sind, verschwindend gering ist.
In den sechzig Jahren, in denen ich mich mit Bewusstseinsforschung befasse, habe ich viele außergewöhnliche Synchronizitäten bei meinen Patienten beobachtet, insbesondere bei denen, die sich einer psychedelischen Therapie unterziehen und spirituelle Krisen erleben, sowie bei Teilnehmern an Workshops und Schulungen zum Holotropen Atmen. Ich habe auch viele Geschichten über sie von meinen Kollegen in Forschung und Therapie gehört und hunderte davon persönlich erlebt. Ich möchte diese Erörterung der Synchronizität mit einigen Beispielen illustrieren. Interessierte Leser können in meinem Buch Impossible – Wenn Unglaubliches passiert (GROF 2006) weitere Beispiele für bemerkenswerte Synchronizitäten finden.
Das erste dieser Beispiele ist eine außergewöhnliche Geschichte im Zusammenhang mit meinem verstorbenen Freund und Lehrer, dem berühmten Mythologen Joseph Campbell. Sie weist insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit Jungs Begegnung mit dem Goldkäfer auf, als dass sie das Erscheinen eines Insekts zu einer höchst unwahrscheinlichen Zeit und an einem äußerst unwahrscheinlichen Ort zum Inhalt hat. Während einem seiner vielen Workshops am Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien, hielt Joe einen langen Vortrag über sein Lieblingsthema: die Arbeit von C. G. Jung und seine revolutionären Beiträge zum Verständnis der Mythologie und Psychologie. In diesem Vortrag sprach er flüchtig über das Phänomen der Synchronizität. Einer der Teilnehmer, der mit diesem Begriff nicht vertraut war, unterbrach Joe und bat ihn um eine Erklärung.
Nachdem er Jungs kurze, allgemeine Definition und Beschreibung dieses Begriffs dargelegt hatte, beschloss Joe, den Zuhörern ein Beispiel für eine bemerkenswerte Synchronizität aus seinem eigenen Leben zu präsentieren. Bevor er später nach Hawaii gezogen war, hatten Joe und seine Frau, Jean Erdman, in Greenwich Village in New York City gelebt. Ihre Wohnung befand sich im vierzehnten Stock eines Hochhauses am Waverly Place an der Sixth Avenue. Joes Arbeitszimmer hatte zwei Doppelfenster, eines mit Blick auf den Hudson River und das andere zur Sixth Avenue. Das erste Fensterpaar bot einen schönen Blick auf den Fluss, und bei schönem Wetter war es immer geöffnet. Der Blick aus dem anderen Doppelfenster war uninteressant, und die Campbells öffneten es nur sehr selten. Laut Joe hatten sie es in den rund vierzig Jahren, die sie dort lebten, nicht öfter als zwei oder drei Mal geöffnet, außer zum Putzen.
Eines Tages in den frühen 1980er Jahren saß Joe in seinem Arbeitszimmer an seinem monumentalen Werk The Way of the Animal Powers, einer umfassenden Enzyklopädie der schamanischen Mythologien der Welt (CAMPBELL 1984). Er schrieb gerade das Kapitel über die Mythologie der afrikanischen !Kung, einer Untergruppe der San, die in der Kalahari-Wüste leben. Eine der bedeutendsten Gottheiten im Pantheon der San ist die Gottesanbeterin Mantis, welche die Merkmale einer Trickster-Figur und des Schöpfergottes in sich vereint.

Christina und Stanislav Grof mit Jean Erdman und Joseph Campbell bei einem Seminar in Honolulu, Hawaii.
Joe war ganz in diese Arbeit vertieft, umgeben von Artikeln, Büchern und Bildern zum Thema. Besonders beeindruckt war er von der Geschichte, die Laurens van der Post über sein Kindermädchen Klara, eine San-Mischlingsfrau, schrieb, die sich seit seiner Geburt um ihn gekümmert hatte. Van der Post erinnerte sich lebhaft an Fälle aus seiner Kindheit, in denen Klara mit einer Gottesanbeterin (Mantis religiosa) kommunizieren konnte. Wenn sie mit einem Exemplar dieser Art sprach und ihm bestimmte Fragen stellte, schien das Insekt darauf zu antworten, indem es seine Beine und seinen Körper bewegte.

Gottesanbeterin (Mantis religiosa), das Insekt in Joseph Campbells Synchronizitätsgeschichte.
Mitten in seiner Arbeit verspürte Joe plötzlich einen unwiderstehlichen und völlig irrationalen Impuls, aufzustehen und eines der Fenster zur Sixth Avenue (Fenster mit langweiliger Aussicht, die normalerweise die ganze Zeit geschlossen blieben) zu öffnen. Nachdem er es geöffnet hatte, schaute er sofort nach rechts, ohne zu verstehen, warum er das tat. Das Letzte, was man in Manhattan erwarten würde, ist eine Gottesanbeterin. Und doch war sie da, im 14. Stock eines Hochhauses in Lower Manhattan, ein großes Exemplar ihrer Art, das langsam nach oben kletterte. Laut Joe drehte sie ihren Kopf und warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
Obwohl diese Begegnung nur wenige Sekunden dauerte, hatte sie etwas Unheimliches und hinterließ bei Joe einen starken Eindruck. Er sagte, er könne bestätigen, was er wenige Minuten zuvor in Laurens van der Posts Geschichte gelesen hatte: Das Gesicht der Gottesanbeterin hatte etwas eigenartig Menschliches an sich; ihr »herzförmig zugespitztes Kinn, die hohen Wangenknochen und die gelbe Haut ließen sie genau wie die eines San aussehen«. Das Erscheinen einer Gottesanbeterin mitten in Manhattan ist an und für sich schon ein sehr ungewöhnliches Ereignis, gelinde gesagt. Betrachtet man jedoch den Zeitpunkt ihres Erscheinens, der mit Joes intensiver Vertiefung in die Mythologie der San und seinem unerklärlichen irrationalen Drang, das Fenster zu öffnen, zusammenfiel, ist die statistische Unwahrscheinlichkeit dieses Ereignisses wirklich astronomisch. Und die Tatsache, dass die San die Mantis als kosmischen Trickster sehen, scheint für diese Situation sehr passend. Nur ein eingefleischter Materialist, der sich seiner Weltsicht mit quasi-religiöser Leidenschaft verschrieben hat, könnte glauben, dass so etwas rein zufällig geschieht.
Die in der folgenden Geschichte beschriebenen Vorfälle ereigneten sich während einem unserer einmonatigen Seminare in Esalen, zu einer Zeit, als Christina ihre spirituelle Krise durchlebte. Ihre spontanen Erfahrungen waren sehr intensiv und ergiebig und kombinierten Elemente aus verschiedenen Ebenen des persönlichen und kollektiven Unbewussten. Eines Tages hatte sie besonders intensive und bedeutsame Visionen mit einem weißen Schwan. Unser Gastdozent für den folgenden Tag war Michael Harner, ein bekannter Anthropologe und lieber Freund. Michael gehörte zu einer oft als »visionäre Anthropologen« bezeichneten Gruppe. Im Gegensatz zu den traditionellen Anthropologen nahmen sie aktiv an den Zeremonien der Kulturen teil, die sie untersuchten, unabhängig davon, ob es sich dabei um bewusstseinserweiternde Substanzen wie Peyote, Zauberpilze, Ayahuasca oder Stechapfel handelte oder um nächtelange Trance-Tänze und andere nicht-pharmakologische »Technologien des Heiligen«.

Michael Harner (1929–2018), berühmter amerikanischer Anthropologe und praktizierender Schamane.
Michaels Entdeckung der Arbeitsweise der Schamanen und ihrer unglaublichen inneren Welt begann 1960, als das American Museum of Natural History ihn einlud, eine ganzjährige Expedition in das peruanische Amazonasgebiet zu unternehmen, um die Kultur der Conibo im Gebiet des Ucayali-Flusses zu studieren. Seine Führer sagten ihm, wenn er wirklich lernen wolle, müsse er das heilige Getränk der Schamanen einnehmen. Ihrem Rat folgend, trank er Ayahuasca, ein Gebräu aus dem Sud der Dschungelliane Banisteriopsis caapi und der Cawa-Pflanze (Psychotria viridis), die die Indios »Seelenranke« oder »Kleiner Tod« nannten. Er unternahm eine erstaunliche visionäre Reise durch zumeist unsichtbare Dimensionen der Existenz, auf der er seinen eigenen Tod erlebte und außergewöhnliche Einsichten und Offenbarungen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit erhielt.
Als er später herausfand, dass ein Conibo-Ältester, ein Meisterschamane, mit allem, was er selbst gesehen hatte, ziemlich vertraut war und dass seine Ayahuasca-Erfahrungen bestimmten Passagen aus dem Buch der Offenbarung entsprachen, gewann Michael die Überzeugung, dass es tatsächlich eine verborgene Welt gab, die es zu erkunden galt. Er beschloss, alles über den Schamanismus zu lernen, was er konnte. Drei Jahre später kehrte Michael nach Südamerika zurück, um mit den Jívaro, einem ecuadorianischen Kopfjägerstamm, bei denen Michael 1956 und 1957 gelebt und studiert hatte, Feldforschung zu betreiben. Hier erlebte er eine weitere wichtige Initiationserfahrung, die ausschlaggebend für seine Entdeckung des Weges der Schamanen war. Akachu, ein berühmter Jívaro-Schamane, und dessen Schwiegersohn brachten ihn zu einem heiligen Wasserfall tief im Amazonasdschungel und gaben ihm Maikua zu trinken, den Saft einer Brugmansia-Sorte des Stechapfels (Brugmansia arborea), einer Pflanze mit starken psychoaktiven Eigenschaften.
Infolge dieser und anderer Erfahrungen wurde Michael – ein Anthropologe mit guten akademischen Qualifikationen – zu einem versierten Praktiker und Lehrer des Schamanismus. Er und seine Frau Sandra gründeten außerdem die Foundation for Shamanic Studies, eine Institution, die sich der Vermittlung schamanischer Methoden an interessierte Studenten und dem Angebot schamanischer Workshops für die Öffentlichkeit widmet. Michael hatte ein Buch mit dem Titel Der Weg des Schamanen geschrieben, in dem er verschiedene Methoden schamanischer Arbeit aus der ganzen Welt sammelte und sie für den Gebrauch in erfahrungsorientierten Workshops und in der schamanischen Ausbildung für Westler adaptierte (HARNER 1980).
Während unseres einmonatigen Workshops in Esalen führte uns Michael auf eine Heilreise mit der Methode des Geistkanus (Spirit Canoe), wie sie vom Stamm der Salish-Indianer im amerikanischen Nordwesten praktiziert wird. Er eröffnete die Sitzung, indem er auf seine Trommel schlug, und forderte die Teilnehmer auf, sich zu bewegen und zu tanzen, bis sie sich mit einem bestimmten Tier identifizierten. Es dauerte nicht lange, und schon bald kauerten die Menschen, krochen auf allen Vieren, sprangen herum und ahmten dabei zahlreiche Kletter-, Grab-, Greif-, Schwimm- und Flugbewegungen nach. Der Hauptraum im Großen Haus von Esalen war erfüllt von verschiedenen erkennbaren und nicht erkennbaren Tier- und Vogelstimmen.
Als alle die Verbindung zu einem bestimmten Tier hergestellt hatten, bat Michael die Gruppenmitglieder, sich in einer spindelförmigen Anordnung auf den Boden zu setzen, sodass ein imaginäres »Geistkanu« entstand. Dann fragte er, ob es eine Person gäbe, die Heilung benötige, und Christina meldete sich freiwillig. Michael stieg in das »Boot«, hielt seine Trommel, winkte Christina zu sich und wies sie an, sich hinzulegen. Als die Szenerie für die Heilreise bereit war, bat Michael uns, uns vorzustellen, wir seien eine Crew von Tieren, die mit einem Kanu in die Unterwelt fährt, um Christinas Krafttier zurückzuholen. Der spezifische Ort, den Michael für diese imaginäre Expedition wählte, war das System miteinander verbundener, mit heißem Wasser gefüllter unterirdischer Höhlen, das sich angeblich unter einem großen Teil Kaliforniens erstreckt. Der Eingang dazu war leicht zu finden, da dieses System die heißen Quellen von Esalen speist.
Als Kapitän dieses Geistkanus, erklärte Michael, würde er das Tempo des Paddelns durch den Schlag seiner Trommel vorgeben. Während der Fahrt würde er nach Krafttieren Ausschau halten. Wenn ein bestimmtes Krafttier dreimal auftauche, wäre dies das Zeichen dafür, dass er das gesuchte Tier gefunden hatte. An diesem Punkt würde er es packen und der Besatzung des Bootes durch das schnelle Schlagen der Trommel signalisieren, dass es Zeit für eine rasche Rückkehr war. Wir hatten das Salish-Geistkanu schon einige Male mit Michael gemacht. Beim ersten Mal gingen wir ohne große Erwartungen an die Sache heran. Das Ganze klang nach einem harmlosen Vergnügen – eine großartige Idee für ein Kinderspiel, aber eine eher alberne Aktivität für reife Erwachsene.
Doch schon das allererste Erlebnis mit dem Geistkanu brachte uns dazu, unsere Einstellung zu ändern. In der Gruppe befand sich eine junge Frau, die durch ihr Verhalten die gesamte Gruppe gegen sich aufgebracht hatte. Sie war darüber sehr unglücklich, denn das Gleiche war ihr schon früher in ihrem Leben in fast jeder Gruppe passiert, mit der sie zu tun hatte, und sie beschloss, sich freiwillig für die Geistkanufahrt zu melden, um geheilt zu werden. Als das imaginäre Boot durch die »Unterwelt« fuhr, reagierte sie genau in dem Moment sehr heftig, als Michael ihr signalisierte, dass er ihr Krafttier erkannt und eingefangen hatte. Plötzlich setzte sie sich auf, und während Michael mit schnellen Trommelschlägen das Signal zur Rückkehr gab, durchlief sie mehrere krampfartige Episoden von schwallartigem Erbrechen.
Während sie sich übergab, hob sie den vorderen Teil ihres Kleides, versuchte das, was aus ihrem Mund kam, aufzufangen, und füllte ihn vollständig mit ihrem Erbrochenen. Diese Episode, die kaum eine halbe Stunde dauerte, hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf ihre Persönlichkeit. Ihr Verhalten änderte sich so dramatisch, dass sie noch vor dem Ende des einmonatigen Workshops zu einer der beliebtesten Personen in der Gruppe wurde. Zusammen mit vergleichbaren späteren Vorkommnissen ließ uns das diesen Prozess mit Respekt angehen.
Michael begann zu trommeln, und die Reise in die Unterwelt begann. Wir alle paddelten und ahmten die Laute der Tiere nach, mit denen wir uns identifiziert hatten. Christina wurde von intensiven Krämpfen erfasst, die ihren ganzen Körper erschütterten. An und für sich war dies nicht ungewöhnlich, da sie sich mitten im Prozess des Kundalini-Erwachens befand, bei dem Erfahrungen von starken Energien und Zittern (Kriyas) sehr häufig sind. Nach etwa zehn Minuten beschleunigte Michael den Rhythmus seiner Trommelschläge stark und ließ uns wissen, dass es ihm gelungen war, Christinas Krafttier zu finden. Alle begannen schnell zu paddeln und stellten sich eine rasche Rückkehr in die Mittlere Welt vor. Michael hörte auf zu trommeln und deutete an, dass die Reise beendet sei.
Er stellte die Trommel ab, presste seinen Mund auf Christinas Brustbein, blies mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, und machte dabei ein lautes Geräusch. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »Dein Krafttier ist ein weißer Schwan.« Daraufhin forderte er sie auf, vor der Gruppe einen Tanz zu zeigen, der ihre Schwanenenergie zum Ausdruck brachte. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Michael keine Vorkenntnisse über Christinas inneren Prozess besaß und dass dieser Vogel bei ihren Erlebnissen am Tag zuvor eine wichtige Rolle gespielt hatte. Er hatte auch keine Ahnung, dass der Schwan ein sehr wichtiges persönliches Symbol für Christina war. Sie war eine glühende Verehrerin von Swāmī Muktananda und eine Schülerin des Siddha-Yoga, in dem der Schwan als Symbol für Brahma eine wichtige Rolle spielte.
Die Geschichte setzte sich am nächsten Morgen fort, als Christina und ich zu unserem Briefkasten am Highway 1 gingen, um unsere Post zu holen. Christina erhielt einen Brief von jemandem, der einige Monate zuvor an einem Workshop von uns teilgenommen hatte. Darin befand sich ein Foto von Christinas spirituellem Lehrer, Swāmī Muktananda, von dem der Absender dachte, dass es Christina interessieren könnte. Es zeigte ihn, wie er mit schelmischem Ausdruck auf einer Gartenschaukel neben einem großen Blumentopf in Form eines weißen Schwans saß. Der Zeigefinger seiner linken Hand zeigte auf den Schwan; die Spitzen seines rechten Daumens und seines Zeigefingers waren miteinander verbunden und bildeten das universelle Zeichen, das für einen Volltreffer und Begeisterung steht. Obwohl es zwischen Christinas inneren Erfahrungen, Michaels Wahl des weißen Schwans als ihr Krafttier und dem Foto von Muktananda keine kausalen Zusammenhänge gab, bildeten sie doch eindeutig ein bedeutungsvolles psychologisches Muster. Dieses erfüllte die Kriterien für Synchronizität oder ein »akausales Verbindungsprinzip«, wie es C. G. Jung definiert hat.
Im Zusammenhang mit einem unserer Ausbildungsmodule kam es zu noch bemerkenswerteren Ereignissen. Es wurde in einem wunderschönen Seminarzentrum namens Pocket Ranch in der Nähe von Healdsburg, Kalifornien, nördlich von San Francisco abgehalten. Das Zentrum befand sich in den Bergen, in einer Naturlandschaft, in der es von Wildtieren wie Hirschen, Kaninchen, Klapperschlangen, Waschbären, Stinktieren und verschiedensten Vögeln nur so wimmelte. Eine der Teilnehmerinnen hatte eine sehr kraftvolle und bedeutungsvolle Sitzung mit vielen schamanischen Motiven. Ein wesentlicher Teil davon war die Begegnung mit einem Virginia-Uhu; sie hatte das Gefühl, dass der Uhu ihr persönliches Krafttier geworden war.
Nach der Sitzung machte sie einen Waldspaziergang und kam mit den Überresten (Knochen und Federn) eines Virginia-Uhus zurück. Zwei Tage später, als sie von der Ausbildung nach Hause fuhr, bemerkte sie, dass sich im Graben am Straßenrand etwas bewegte. Sie hielt an und fand einen großen verwundeten Virginia-Uhu. Der Uhu erlaubte ihr, ihn aufzuheben, nach Hause zu fahren und ihn wieder gesund zu pflegen. Dies war ein äußerst seltenes Ereignis, aber in Kombination mit ihrer bewegenden und wichtigen Erfahrung, einen Uhu als Krafttier zu erhalten, ergibt dies sicherlich eine außergewöhnliche Synchronizität.
Wie ich bereits erwähnt habe, hatte Jung ein so großes Vertrauen in die Authentizität und Zuverlässigkeit der Synchronizität, dass er sie als Leitprinzip in seinem Leben anwandte. Ich habe im Laufe der Jahre ebenfalls gelernt, Synchronizitäten in meinem Leben zu würdigen, aber etwas zurückhaltender, indem ich ihre überwältigende Wirkung durch kritisches intellektuelles Urteilen mildere. Ich habe festgestellt, dass es besonders wichtig ist, nicht unter ihrem Einfluss zu handeln, wenn ich mich in einem holotropen Bewusstseinszustand befinde, und ich rate meinen Freunden, Auszubildenden und Patienten dasselbe. Wie ich auf die harte Tour gelernt habe, mit Synchronizitäten und archetypischen Erfahrungen umzugehen, habe ich in meinem Buch Impossible – Wenn Unglaubliches passiertim Kapitel »Die Regenbogenbrücke der Götter: Im Reich der nordischen Sagen« (GROF 2006) beschrieben.
Die ersten fünf Wochen meiner Beziehung mit der Anthropologin Joan Halifax aus Florida, die schließlich ihren Höhepunkt in unserer Hochzeit in Island fand, waren voll von außergewöhnlichen und herrlichen Synchronizitäten, die darauf hinzudeuten schienen, dass unsere Verbindung eine »Ehe wie im Himmel« sein würde. Die Hochzeitszeremonie fand während der Ersten Internationalen Transpersonalen Konferenz statt, und 74 enthusiastische Teilnehmer teilten unsere Euphorie. Unser Tischgenosse war Huston Smith, der bekannte Philosoph, Religionswissenschaftler und Verfasser von The World’s Religions (SMITH 1991). Joseph Campbell und der isländische Mythologe Einar Pálsson rekonstruierten für uns ein altes Ritual der Wikinger, das in Island seit der Ankunft der Christen auf der Insel nicht mehr vollzogen worden war.



