- -
- 100%
- +
Mir stockte der Atem. „Du hast dieses Bild gerade vor dir?“
„Klar. Denkst du, ich habe unseren Familienstammbaum im Kopf? Es befindet sich bei Mutters sonstigen Sachen. Alles, was an verwertbaren Dingen auftaucht und nicht ohnehin bei ihr im Pflegeheim gelandet ist, kommt zu mir ins Gästezimmer. Sogar ein paar ihrer ehemaligen Möbelstücke stehen dort rum. Wenn du zufällig Bedarf an einer wurmstichigen Kommode hast, könnte ich dir behilflich sein.“
„Unter Umständen hätte ich diesen tatsächlich.“ Bei Dingen, für die andere keine Verwendung mehr finden, erwacht in mir immer sofort Ehrgeiz, neue Nutzungsmöglichkeiten zu kreieren. Vielleicht liegt es an meinen schwäbischen Spargenen, in Kombination mit meiner Unfähigkeit, Sachen wegzuwerfen. Oder dass jahrelang, als Mutter nicht mehr arbeiten konnte und sich aus Stolz weigerte, Almosen anzunehmen, es in unserem Leben finanziell eng zugegangen war… Obwohl ich inzwischen ein gutes Einkommen habe, kann ich schwer von diesem Verhaltensmuster lassen. Das wissen die Leute aus meiner Umgebung und fragen nach, bevor sie Möbel auf den Sperrmüll und Kleidungsstücke in den Container geben. Entsprechend sieht es in meiner Wohnung aus und genauso zusammengewürfelt kleide ich mich.
„Wer ist auf dem Foto denn drauf?“
„Im Prinzip alle, von denen wir eben geredet haben, inklusive Uropas Tochter aus erster Ehe. Keine Ahnung, wie sie hieß. Ihr Name ist so stark verwischt, dass ich ihn nicht entziffern kann. Doch ich meine mich zu erinnern, dass sie später Diakonisse wurde. Das Bild muss gemacht worden sein, bevor Uropa in den Krieg zog. Übrigens steht fest, dass du deiner Ur-Uroma erstaunlich ähnlich siehst.“
Mein Mund fühlte sich plötzlich trocken an. „Könntest du das Bild und die Rückseite abfotografieren und mir per WhatsApp schicken?“
Meine Tante ist diesbezüglich modern ausgestattet, vermutlich sogar auf einem neueren Stand als ich. Das kommt davon, weil ein Teil ihrer Töchter fast nur noch auf diesem Wege mit ihr kommuniziert.
„Klar, mach ich.“
Fünf Minuten später brummte mein Handy. Ich öffnete mit zittrigen Händen die Nachricht und wurde nicht enttäuscht. Mir schaute mein Ebenbild vom Spiegel entgegen, samt ihrem Ehemann, Doktor Langholz. Er stand, sie mehr als einen Kopf überragend, neben ihr. Auf dem Arm hielt er ein kleines dunkelhäutiges Mädchen mit wildem lockigem Haar, das seine dicken Ärmchen vertrauensvoll um seinen Hals geschlungen hatte. An seiner anderen Seite befand sich eine ernst dreinblickende Jugendliche mit blonden langen Zöpfen, vermutlich die besagte Tochter aus erster Ehe. Marie, deren vorgewölbter Bauch eine weitere Geburt ankündigte, hatte ihre Hand auf einen schelmisch grinsenden dunkelhaarigen Jungen mit Brille gelegt. Die Sehhilfe wirkte mittlerweile fast wieder modern und hätte aus dem aktuellen Optikerkatalog stammen können. Zwei strohblonde Kinder, bei denen die Verwandtschaft zum Vater schwer zu leugnen war, ein Junge und ein Mädchen, vermutlich Hanna und Daniel, tummelten sich zu Füßen des Ehepaares.
Das Foto kam für die damalige Zeit, in der man Menschen am liebsten geordnet in Reih und Glied positionierte, ausgesprochen lebendig daher. Marie blickte jedoch im Vergleich zu den anderen ziemlich melancholisch drein, wobei das dem Anlass geschuldet sein dürfte. Die Vorstellung, dass Samuel ein Jahr später bereits tot war und auch keine der übrigen Personen mehr lebte, tat mir weh.
Kurz vor dem Einschlafen traf mich dann noch eine weitere Erkenntnis. Etwas, beziehungsweise jemand fehlte auf dem Gruppen-Porträt. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Niemals hätte man diese Person vergessen oder mit Absicht ausgegrenzt. Sophies Abwesenheit konnte folglich nur eines bedeuten…
Kapitel 9:
Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass ich in der nächsten Nacht erneut auf Zeitreise ging. Schließlich hatte ich das Familienbild auf meinem Handy so oft angeschaut, dass mein Display vom ewigen Zoomen demnächst Abnutzungserscheinungen zeigen musste.
Ich fand mich, beziehungsweise Marie mit Onkel Konrad am Tisch beim Abendbrot wieder. Das Esszimmer sah genauso steif und unpersönlich aus wie beim letzten Mal.
Von Tante Klara und Josefine war nichts zu sehen, doch ich meinte im Verlauf des Gespräches herauszuhören, dass die Cousine inzwischen geheiratet hatte und die beiden Frauen einen netten Abend miteinander verbrachten und nebenbei deren neues, häusliches Umfeld aufzuhübschen gedachte. Wahrscheinlich fehlten ein paar gehäkelte Spitzendeckchen oder unpraktische Staubfänger für die Vitrine, musste ich boshaft denken.
Der Onkel schien ausnahmsweise bester Stimmung zu sein und hatte beim Essen kräftig dem Rotwein zugesprochen. „Wie alt bist du letzten Monat geworden? 18 nicht wahr?“, erkundigte er sich plötzlich mehr oder weniger zusammenhangslos.
Marie nickte vorsichtig. Ich nahm diese Information dagegen erstaunt zur Kenntnis, weil ich meine Vorfahrin für deutlich älter geschätzt hätte, als ich sie im Spiegel erblickte. Auf dem Foto, das mir Tante Sabine zugeschickt hatte, war sie es als Mutter von viereinhalb Kindern dann ja auch.
„Somit bist du im heiratsfähigen Alter. Wir sollten uns über deine Zukunft Gedanken machen. Vielleicht hast du ja bereits einen heimlichen Verehrer?“
„Nein. Außerdem möchte ich Diakonisse werden“, packte Marie die Gelegenheit beim Schopf und brachte mutig ihren Berufswunsch vor.
„Im Ernst?“ Man merkte dem Onkel die Verblüffung an. Dann lachte er schallend, als hätte sie einen Witz gemacht. „Du meine Güte. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Eine dunkelhäutige Diakonisse, wo gibt es denn so was? Ich denke, wir finden eine bessere Verwendung für dich.“ Seine Hand legte sich unvermittelt auf ihren Arm.
Ich spürte Maries Abneigung überdeutlich. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und nach draußen gerannt.
„Was hältst du davon, wenn du mich in nächster Zeit vermehrt in der Firma unterstützt?“, schlug er mit schmeichelnder Stimme vor. „Ich kann eine tüchtige, sprachlich begabte Hilfskraft wie dich gut gebrauchen.“ Seine Hand wanderte noch ein Stück weiter nach oben.
In mir begann eine Warnglocke zu läuten.
„Ich möchte lieber mit Krüppeln und Schwachsinnigen arbeiten“, beharrte Marie und ignorierte die Hand so gut sie konnte.
„Das liegt daran, weil du es nicht besser kennst. Wenn du dich in Zukunft etwas entgegenkommender zeigst, finden wir bestimmt eine befriedigende Lösung. Es muss nicht zu deinem Schaden sein. Du wirst dich wundern, wie großzügig ich sein kann. Deine Tante braucht von unserem Abkommen nichts zu wissen.“ Mit einem Mal grabschten die Finger direkt nach ihrer Brust.
Marie schnellte mit einem entsetzten Aufschrei hoch, wurde aber vom Onkel hart gegen den Esszimmertisch gedrängt.
„Jetzt tu nicht so prüde, Mädchen. Du willst es doch in Wirklichkeit ebenso. Deine Mutter hatte schließlich auch nichts dagegen, sich für Geld und eine gesellschaftliche Stellung einem älteren Mann anzubiedern.“
Ich geriet äquivalent zu Marie in Panik. Diese versuchte verzweifelt, die aufdringlichen Finger abzuschütteln und sich von dem zum Unhold mutierten Onkel freizumachen. Keuchend vor Gier und wie von Sinnen umklammerte er seine Nichte und versuchte ihr gleichzeitig das Kleid hochzuschieben. Jetzt näherte sich auch noch sein sabbernder Mund. Als sich seine Lippen fordernd auf ihre pressten und seine Zunge ekelhaft feucht nach einem Zugang suchte, verlieh ihr dies ungeahnte Kräfte. Obwohl Marie keine Übungsstunde in Jiu-Jitsu absolviert hatte, verhielt sie sich angesichts dieser Horrorsituation erstaunlich besonnen. Weil der Onkel mindestens das Doppelte wie sie wog, hatte sie ihm gewichtsmäßig wenig entgegenzusetzen. Aber sie nutzte seine Abgelenktheit, während sich seine Finger am Hosenschlitz zu schaffen machten, trat ihn erst vors Schienbein, stieß anschließend mit aller Kraft ihre Faust in seinen Magen und tauchte, während er japsend nach hinten gegen den Stuhl kippte, unter seinen Armen hindurch.
Aus dem Zimmer stürzend, rannte sie direkt gegen Tante Klaras Korsett versteifte Gestalt. Die schien diese Situation richtig einzuschätzen und bestimmte mit eiskalter, schneidender Stimme: „Geh sofort in deine Kammer, Marie.“
Das ließen wir uns kein zweites Mal sagen. Dennoch hörte ich, wie sie das Esszimmer mit den Worten „Konrad, dafür bist du mir eine Erklärung schuldig“ betrat.
In ihrer Dachstube angekommen, rückte Marie den Tisch vor die Tür, weil diese nicht abschließbar war und lehnte sich schwer atmend dagegen. Voller Abscheu versuchte sie dann, die Speichelspuren von Gesicht und Hals zu wischen. Immer noch zitternd legte sie sich anschließend ins Bett. Sie wagte es nicht einmal, sich auszuziehen, sondern schlüpfte in ihrer kompletten Kleidung unter die Decke.
Sie hatte einen Schock erlitten. Das war glasklar. Bestimmt war sie nicht einmal richtig aufgeklärt worden. Dies fand, wenn man den entsprechenden Romanen und Filmen Glauben schenken mochte, erst kurz vor der Hochzeit statt, wenn überhaupt.
Ich hätte ihr einiges dazu mitteilen können, zumindest theoretisch. Hinter seliger Unwissenheit kann sich im 21. Jahrhundert niemand verstecken. Dafür gibt es bereits ab der Grundschule den entsprechenden Unterricht, von der Freizügigkeit der Medien ganz zu schweigen. Außerdem habe ich ja Mona. Den praktischen Teil der Aufklärung hatte in schöner Regelmäßigkeit, Florian angeboten zu übernehmen, war jedoch auf taube Ohren, abwehrende Hände und zu guter Letzt ein gezielt platziertes Knie gestoßen. Stellte dieser Traum etwa die Konsequenz aus seinem Übergriff von neulich dar? Möglicherweise hatte ich die unerquickliche End-Episode unserer maladen Beziehung doch nicht unbeschadet weggesteckt.
Seltsamer Weise hörte die Geschichte an dieser Stelle nicht auf, was ich eigentlich erwartet hätte. Nach einem gefühlten Sekundenschlaf durfte ich meine Ahnfrau in einen neuen Morgen begleiten.
Wir trafen sehr bald auf ihre Tante. Diese schaute drein, als habe sie über Nacht ein Magengeschwür bekommen. Sie wollte das Frühstück im Wohnzimmer einnehmen. Der Grund dafür dürfte sein, dass der Speiseraum noch Spuren des gestrigen Kampfes trug. Marie hatte es bisher nicht gewagt, ihn zu betreten.
Onkel Konrad konnte ich zu meiner Erleichterung nirgendwo entdecken. Er musste das Haus in den frühen Morgenstunden ohne Mahl verlassen haben.
Tante Klara befahl, kaum, dass das Essen weggeräumt war, ihre Nichte zu sich. „Setz dich“, bestimmte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch erlaubte. Ihr Mund zeigte sich noch schmallippiger als sonst und auf ihrer Stirn standen gleich mehrere neue Falten. „Ich habe heute Nacht kein Auge zugetan und deinem Onkel ergeht es nicht besser. Er ist sehr aufgewühlt.“
Meine Ahnin nahm diese Information erstmal schweigend zur Kenntnis.
„Ich verstehe nicht, wie du uns das antun konntest.“ Die Nasenflügel der Tante begannen zu beben und ihre Stimmlage schraubte sich steil nach oben. „Wir haben unser ganzes Vertrauen in dich gesetzt, dir eine Heimat geboten, dich und deine Schwester all die Jahre finanziell unterstützt und nun das.“
„Was habe ich denn getan?“, brachte Marie entgeistert heraus.
„Das wagst du zu fragen? Tu nicht so unschuldig. Du hast dich gestern deinem Onkel angeboten und Geld dafür verlangt. Und weil er ablehnte, kam es zu dieser unseligen Auseinandersetzung. Du brauchst gar nicht zu versuchen, ihn jetzt bei mir anzuschwärzen.“ Tante Klara rührte bei diesen Worten allerdings nervös in ihrer Kaffeetasse und blickte vorsichtshalber in eine andere Richtung.
„Das stimmt nicht.“
Als Reaktion fiel der Löffel klirrend in die Untertasse. „Schluss, kein weiteres Wort mehr in dieser Sache. Ich dulde deine Aufsässigkeit nicht länger. Allein, wenn ich dran denke, wie schamlos du dich an Josephines Hochzeit aufgeführt hast. Es wird Zeit, dass du unter die Haube kommst und ein Ehegatte dir Manieren beibringt, bevor es zu spät ist.“
„Ich will nicht heiraten“, widersprach Marie angesichts der vorherrschenden, explosiven Atmosphäre überaus mutig. „Ich möchte Diakonisse werden und Krankenpflege lernen.“
„Diakonisse? Wer hat dir denn diesen Unsinn in den Kopf gesetzt? Dazuhin werden sie dich dort kaum nehmen. Bei den barmherzigen Schwestern hält man nichts von mannstollen Weibern. Du kannst von Glück reden, wenn du einen Bräutigam abkriegst. Die Männer werden sich bei deinem Aussehen, deiner mangelhaften Bildung und deinem aufsässigen Wesen keinesfalls um dich reißen. Ganz abgesehen von deiner bedauernswerten Schwester, die mitversorgt werden muss.“
Jetzt war es um Maries Ruhe vollends geschehen. Sie fuhr erschrocken vom Stuhl hoch. „Was? Ihr wollt meine Schwester ebenfalls loswerden?“
Der Drachen von einer Tante hüstelte daraufhin gekünstelt und schlug eine etwas tiefere Tonlage an. „Mein liebes Kind. Du bist hier nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Dein Vater hat uns schließlich nur einen Sack voller Schulden hinterlassen.“
„Drum will ich ja arbeiten gehen.“
Tante Klara seufzte schwer geprüft angesichts von so viel Ignoranz. „Spar dir deine Widerrede. Es ist eine beschlossene Sache. Dein Onkel wird heute anfangen, sich nach geeigneten Kandidaten umzuhören.“ Sie zeigte an, dass das Gespräch an dieser Stelle beendet sei.
Dies hätte Marie besser akzeptiert, aber in ihr kochte angesichts dieser Willkür eindeutig das Blut. „Und was ist, wenn ich mich weigere?“
Daraufhin richtete Tante Klara zum ersten Mal an diesem Morgen den Blick auf ihre junge Verwandte. „Du weißt genau, dass du nicht länger hierbleiben kannst. Dazuhin würde sich dein Onkel bei einer Zuwiderhandlung genötigt sehen, deine Schwester im Armenhaus der Stadt unterzubringen und du kannst dir sicher denken, was das bedeutet.“
An dieser Stelle wachte ich auf. Ich brauchte dieses Mal echt lange, bis ich mich in meiner Gegenwart zurechtfand.
Kapitel 10:
Beim Mittagessen wenige Tage später fragte Mona unvermittelt: „Was ist eigentlich mit dir los, Ronja?“
Aus meinen Gedanken hochschreckend, entgegnete ich reflexartig: „Was soll schon los sein? Nichts.“
„Red keinen Blödsinn. Du wirkst die halbe Zeit abwesend.“
„Es geht mir gut“, erklärte ich reichlich unglaubwürdig. Deshalb schob ich „gerade ist nur jede Menge los“ hinterher.
„Was zum Beispiel?“
„Ach, du kennst doch meinen Hang, unorthodoxe Aufgaben an mich zu reißen. Letztes Wochenende habe im Sternehaus ausgeholfen.“ Das Sternehaus ist eine Unterkunft für Menschen mit Handicap ganz in meiner Nähe, wo ich seinerzeit mein Praktikum hatte machen wollen. Aus irgendeiner Anwandlung heraus war ich neulich auf die Idee gekommen, dort vorbeizuschauen. Das Personal muss mein Interesse gespürt haben und bot mir an, ein Wochenende mitzuarbeiten. Es war herausfordernd gewesen und hatte mir trotzdem sehr gefallen.
„Spielst du immer noch mit der Idee umzusatteln?“ Mona schaute mich forschend an.
Das war eine schwierige Frage. Ich hatte an diesem Wochenende gespürt, dass mein Herz während einer solchen Arbeit deutlich eher bei der Sache war, als beim Bearbeiten von Kundenanfragen. Gleichzeitig weiß ich, dass es verrückt ist, einen gutbezahlten, sicheren Job aufzugeben, um eine Ausbildung anzufangen, die auf lange Sicht zu schlechten Arbeitszeiten, geringer Bezahlung und Knochenschinderei führt. „Vielleicht.“
Mona nickte düster. „Was hältst du davon, wenn du einfach der Reihe nach erzählst, was dir auf dem Herzen liegt.“
Das war mein Startschuss. Ich versuchte in den folgenden Minuten in Worte zu fassen, was eigentlich unmöglich schien, berichtete von meinen letzten Träumen und den Überlegungen dazu, zeigte ihr das Familienbild auf meinem Handy und erzählte von dem Prospekt, auf dem das Schwachsinnigen- und Krüppelheim abgebildet ist.
Mona unterbrach mich kein einziges Mal. Zwischendurch vergaß sie sogar zu kauen, obwohl sich Spaghetti Carbonara auf ihrem Teller befanden, weil sie sich heute ausnahmsweise keine Diät verordnet hatte.
Als ich endete, schwieg sie immer noch und machte den Eindruck, als wolle sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, erst nachdenken, bevor sie losredete. „Die Sache ist fast ein bisschen unheimlich, Ronja. Hast du mal über Seelenwanderung oder Reinkarnation nachgedacht?“, meinte sie schließlich.
„Falsche Fraktion. So was gibt es bei uns Christen nicht.“
„Was hast du sonst für eine Erklärung?“
Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß bloß, dass man das, was ich momentan erlebe, Klarträume oder luzides Träumen nennt.“ Wikipedia hat mir neulich freundlicherweise geholfen, meine nächtlichen Visionen einzuordnen.
„Und das heißt?“
„Man ist sich die ganze Zeit über im Klaren, dass man träumt, auch wenn man, genau wie beim normalen Traum, nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Handlung besitzt. Darüber hinaus hat man aber den Eindruck real zu fühlen, zu hören, riechen, denken, sehen und zu schmecken, teilweise sogar plastischer als im wirklichen Leben. Es gab Leute, die auf diese Weise Probleme gelöst oder komplexe chemische Formeln entdeckt haben. Denn das Schöne daran ist: Wenn man aufwacht, bleibt die Erinnerung an das Erlebte vollständig erhalten, als wäre es in echt passiert.“
„Abgefahren“, sagte Mona, wirkte aber nicht, als ob sie das ebenfalls bräuchte. „Und warum sind deine Träume ausgerechnet hundert Jahre alt und handeln von deinen Vorfahren?“
„Ich schätze mal, weil ich Bilder von ihnen gesehen habe, die mich aus irgendeinem Grund beeindruckten. Das Familienfoto hing jahrelang bei meiner Oma im Schlafzimmer. Als Kind war ich wohl ein paar Mal bei ihr zu Besuch. Und der Prospekt von der Diakonissenanstalt ist für jeden frei zugänglich.“ Woher ich jedoch zu wissen glaubte, wie mein Urahn gerochen hat, überstieg jegliche Logik.
Obwohl ich ihr Letzteres aus gutem Grund unterschlug, erkannte meine Freundin die Mängel in meiner Argumentation sofort. „Von ein paar alten Bildern entsteht normalerweise keine detaillierte Geschichte.“
Das war mir vom Prinzip her klar. Trotzdem entgegnete ich bemüht locker: „Du kennst meine blühende Phantasie.“ Wieso diese aber jede Menge intime Dinge von Menschen zu kennen meint, denen ich nie begegnet bin, finde ich phasenweise selbst äußerst beunruhigend. Beginnt so Schizophrenie? Indem sich ein Gehirn selbständig macht?
Zum Glück riss mich das freche Grinsen meiner selbsternannten Lebensberaterin aus meinen ungemütlichen Überlegungen. „Das ist allerdings ein Pluspunkt für dich, meine Liebe. Ich finde es übrigens echt krass, wie ähnlich du deiner Ur-Großmutter siehst.“ Sie nahm mein Handy, zoomte meine Doppelgängerin zu sich heran und studierte sie nochmals eingehend.
Ich nickte, das zweite fehlende „Ur“ großzügig ignorierend. „Vor allem, weil der Rest meiner Verwandtschaft optisch in eine total andere Richtung geht.“
Monas Zeigefinger verschob daraufhin die Großaufnahme wenige Zentimeter nach rechts. Als Konsequenz tauchten ein Paar charmante Grübchen in ihren Wangen auf, die bei Männern wie Wunderwaffen wirken. Sie flirtete doch nicht etwa mit einem Bild? Ihr Blick verweilte zumindest wohlwollend auf meinem Ahnherrn. „Vermutlich in die deines Urerzeugers, des gutaussehenden Gynäkologen.“ Diesen Teil meiner Geschichte hatte sie vorhin mit sichtlichem Behagen aufgenommen. „Ein bisschen kann ich dich sogar verstehen. Mit so jemand hätte ich auch gern mal eine Hochzeitsnacht verbracht. Wobei die Vorstellung, dass er heutzutage 130 Jahre alt sein dürfte, natürlich etwas pervers und gruselig ist.“ Sie gab mir bedauernd mein Handy zurück.
„Und was soll ich jetzt machen?“ Eigentlich war das eine rein rhetorische Frage. Was konnte man schon gegen verrückte Träume unternehmen? Schlafmittel nehmen? Milch mit Honig trinken? Am besten wäre wohl eine generalisierte Gehirnwäsche, inklusive Fleckenlöser, Weichspüler und gründlichem Schleuderprogramm.
Mona ließ sich von lautem, fatalistischem Denken keineswegs abschrecken. Sie drückte mitfühlend meinen Arm und erklärte: „Auch, wenn dein Uropi voll knackig aussieht, müssen wir versuchen, diese Sache aus deinem Kopf zu bringen. Man darf sein Leben nicht an verstorbene Leute hängen. Es genügt, wenn deine Oma so drauf ist.“ Plötzlich kam ihr eine Idee und sie zeigte sich sogleich wild entschlossen. „Ich werde die nächsten Nächte bei dir schlafen. Wenn ich merke, dass du zu träumen anfängst, männliche Gestalten in weißen Nachthemden auftauchen oder es in irgendeiner Form unheimlich wird, wecke ich dich.“
Als ich widersprechen wollte, weil ein abenteuerlustiger Teil von mir, trotz aller Dramatik, ja auch Gefallen an diesen nächtlichen Ausflügen fand, hob sie gebieterisch die Hand und sprach: „Keine Widerrede. Ich stehe um Punkt zehn Uhr bei dir auf der Matte. Warne deine Mitbewohner bitte vor. Ich will weder hinterrücks einen Minigolfschläger über die Rübe bekommen, noch alten Männern in Feinripp-Unterhosen begegnen.“
Mona hat von meinen letzten, anschaulichen Berichten offenbar ein kleines Trauma zurückbehalten. Andererseits liebäugelt sie mit meiner Eis-Flat und versucht sich deshalb gnadenlos bei meinem Lieblingsitaliener einzuschleimen.
„Und Jochen?“, brachte ich ihren derzeitigen Lebensabschnittsgefährten in Erinnerung.
„Ach, der wird es verschmerzen“, meinte sie leichthin.
Obwohl wir aus dem Alter der Pyjama-Partys längst herauswaren, beließ ich es bei ihrem Vorschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in der kommenden Nacht ins beginnende 20. Jahrhundert katapultiert werden würde, war ohnehin gering. In meinen letzten Träumen hatte ich mich mit versäumten Prüfungen, Ex-Flo und einer nervigen Geburtstagsfeier herumgeplagt.
Ach ja, zum Thema Florian gab es endlich eine frohe Kunde. Er hat es geschafft, eine Freundin zu finden, die seinen moralischen Ansprüchen genügte. Hin und wieder sah man eine der jungen, ansehnlichen und überaus vollbusigen Auszubildenden, die gerade in seiner Abteilung ihren Dienst versahen, mit zerknautschter Bluse und Laufmaschen aus einem leerstehenden Konferenzraum stelzen. Seine christliche Phase ruht äquivalent dazu. Auch die diffamierenden Bemerkungen mir gegenüber werden spärlicher. Er bevorzugt es nun, wo immer dies möglich ist, mich zu übersehen, was mir mein Berufsleben spürbar erleichtert.
„Du trägst also immer noch dieselben braven Schlafanzüge wie vor fünfzehn Jahren“, stellte Mona fest, nachdem sie es sich auf meiner Gästeliege gemütlich gemacht hatte.
„Ich würde sie in erster Linie als bequem bezeichnen.“
„Am bequemsten daran dürfte sein, dass sie dir potentielle Männer auf Abstand halten.“ Was man von Monas Nachtkleidung nicht behaupten konnte. Ihr Shirt war so kurz, dass der Phantasie wenig Raum und Stoff blieb.
Trotz unserer kontroversen Ausstattungen lagen wir anschließend vereint in der Dunkelheit, belebten Erinnerungen an ehemalige Lehrer, verkorkste Frisierversuche mit einem Plätteisen und unsere gescheiterte Karriere als Popstar-Duo. Dabei fühlten wir uns einander nah, wie schon lange nicht mehr.
„Gut, dass du diese Träume hast, Ronja. Sonst würden wir das garantiert nicht machen. Schlaf gut, Süße. Und solltest du gleich deinem Gynäkologen-Opa begegnen, sag ihm, er darf gern einen Abstecher bei mir machen.“
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




