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I. Die Entwicklung der deutschen Großraumwirtschaft nach 1933 und die Eingliederung der Slowakei in diesen Prozess
Bei der Bewertung der slowakisch-deutschen Beziehungen in den Jahren 1939–1945 ist es notwendig, die Slowakei als Bestandteil eines größeren Wirtschaftsraums in Mittel- und Südosteuropas zu verstehen. NS-Deutschland sah in dieser Region nicht nur nach nationalsozialistischer, rassisch motivierter Vision einen deutschen Lebensraum, sondern auch einen Großwirtschaftsraum. Dieser Konzeption hingen die führenden Vertreter der deutschen Wirtschaft seit Anfang der 1930er Jahre an. Nach 1933 verbanden sich beide Vorstellungen zwar, doch behielten sie ein gewisses Maß an Autonomie: Während die erste Vision ideologisch-rassisch orientiert war, war die zweite pragmatisch-wirtschaftlich geprägt. Den Kern des angedachten Großwirtschaftsraums bildete Mittel- und Südosteuropa. Von dort aus sollte sich diese wirtschaftliche Konzeption über den ganzen europäischen Kontinent verbreiten.
Die Idee eines deutschen Großwirtschaftsraums nahm konkrete Gestalt an und ging in praktische Politik über, bevor die nationalsozialistische Ideologie die Erschließung neuen Lebensraums für Deutsche vorsah. Ursprünglich waren die Überlegungen zu einem Großwirtschaftsraum die Lösung für akute Bedürfnisse der deutschen Wirtschaft, die sich nach 1918 in Isolation befand und die Möglichkeit einer Expansion über die Grenzen des europäischen Kontinents verloren hatte. Die deutsche Wirtschaft lenkte daher ihre Aufmerksamkeit auf Mittel- und Südosteuropa. Die Führungskräfte deutscher Banken und Konzerne belebten ältere Pläne einer wirtschaftspolitischen Expansion nach Osten und Südosten wieder und nannten diese Bemühungen angelehnt an das romantische Schlagwort „Drang nach Osten“ „Drang nach Südosten“. Zugleich suchten sie so nach einer Ausdehnung ihres Einflusses. Sie traten Körperschaften zur Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in der Region bei oder gründeten selbst Gesellschaften mit derartiger Orientierung. Von diesen Gesellschaften war, insbesondere nach 1930, der Mitteleuropäische Wirtschaftstag mit Sitz in Wien von richtungsweisender Bedeutung. Er wurde 1925 von den liberal orientierten Unternehmern und Volkswirten Elemér Hantos und Julius Meinl mit dem Ziel gegründet, den freien Handel im Donauraum zu expandieren1. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurde der Verband jedoch von deutschen Unternehmern übernommen und in ein Werkzeug der wirtschaftlichen Expansion gewandelt. Geführt wurde er nunmehr von Max Hahn2 und Tilo von Wilmowsky3, dem Schwiegersohn der mächtigsten Person der deutschen Schwerindustrie, Gustav Krupp.4 Somit war der Verband mit Führungskräften der Schlüsselindustrien Deutschlands verknüpft. Mit dem Anbruch der Wirtschaftskrise erhielt die Gesellschaft neue Aufgaben. Auf dieser Grundlage erlangte die Idee eines deutschen Großwirtschaftsraums neuen Aufschwung. Die Krise bestätigte die Notwendigkeit des Aufbaus eines wirtschaftlich eigenständigen, unter deutscher Hegemonie stehenden Raums in Mittel- und Südosteuropa, der durch Planung und Regulierung gemeinsamer Wirtschaftsbeziehungen den Einflüssen der Wirtschaftskrise Widerstand leisten konnte. Nach diesem neuen Konzept sollten die Staaten der europäischen Region samt der Slowakei als sogenannte Ergänzungsräume die Aufgabe eines Rohstoff- und Lebensmittellieferanten übernehmen.5
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland ging die Idee des deutschen Großwirtschaftsraums in einen völlig neuen ideologischen und wirtschaftspolitischen Kontext über. Die Führungskräfte der nationalsozialistischen Wirtschaft, darunter die Vertreter des Chemiekonzerns I.G. Farbenindustrie, Max Ilgner6 und Heinrich Gattineau7, und Staatssekretär Wilhelm Keppler8, Siemens-Vertreter Ludwig von Winterfeld, Vertreter der Finanzinstitute Otto Ch. Fischer und Ernst Justus Ruperti und viele andere, übernahmen diese Idee sehr schnell. Die oben genannten Vertreter übernahmen die Leitung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags (nachfolgend nur "MWT"). Ilgner wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden der I.G. Farben.9 Mehrere der oben genannten Volkswirte griffen später in die wirtschaftliche Entwicklung der Slowakei ein. Mit dem Ziel der Überwindung der Krise und des Ankurbelns des wirtschaftlichen Wachstums übernahm Hjalmar Schacht10, Präsident der Reichsbank, das Konzept des deutschen Großwirtschaftsraums bzw. der deutschen Großraumwirtschaft in den „Neuen Plan“ der wirtschaftlichen Entwicklung. Anschließend entwickelte er die Theorie der wirtschaftlichen Ergänzungsräume.11
Für die Vorbereitung des deutschen Vierjahresplans, der durch das Reichsamt für Wirtschaftsausbau unter Hermann Göring erstellt wurde, begann man in der zweite Hälfte der 1930er Jahre den Aufbau des Großwirtschaftsraums in die Praxis umzusetzen. Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft waren sich bewusst, dass, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, im Falle eines neuen Krieges, der zu beginnen drohte, durch die westlichen Großmächte eine Wirtschaftsblockade über Deutschland verhängt werden konnte. Diese Bedrohung verstärkte die Bemühungen zur Autarkie in Mittel- und Südosteuropa. Deutschland wollte in dieser Region genügend Rohstoffe und Lebensmittel für eine Friedenswirtschaft wie auch für die Kriegsführung sichern. Gefragte Rohstoffe und Produkte waren Erdöl, Buntmetalle, Eisenerz, Holz, Getreide, Obst und viele andere Rohstoff- und Lebensmittelarten. Für Importe von Antimon, Magnesit, Holz und landwirtschaftlichen Produkten war das slowakische Gebiet für die deutsche Wirtschaft bereits vor 1939 wichtig.12 Große Erwartungen wurden in die geologische Erschließung neuer Rohstoffressourcen gesetzt. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre formte Deutschland mit den Staaten Südosteuropas neue wirtschaftliche Beziehungen, die auf bilateralen Verträgen, genau festgelegten Kontingenten gegenseitiger Lieferungen und einer Clearing-Abrechnung des Handels- und Zahlungsverkehrs beruhten. Auf diese Weise baute Deutschland die Basis eines neuen internationalen und zur Autarkie führenden Systems der Großraumwirtschaft auf. Nach 1938 erweiterte Deutschland die erwähnten Formen der wirtschaftlichen Beziehungen räumlich in die selbstständige Slowakei und folglich auf Gesamteuropa, sodass ein kontinentales Wirtschaftssystem unter Kontrolle Deutschlands entstand.13
Die Führungskräfte des MWT setzten die wirtschaftlichen Beziehungen in Südosteuropa um. Sie stützten sich dabei auf Interessen und Pläne der Repräsentanten des politischen und wirtschaftlichen Projektes „Kleine Entente“. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre versuchte Milan Hodža, Ministerpräsident der Tschechoslowakei (nachfolgend nur "ČSR"), das Projekt neu zum Leben zu erwecken und zu erweitern. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges traf die Idee des deutschen Großwirtschaftsraums unter deutscher Führung auf den Plan der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der gleichberechtigten Länder Mittel- und Südosteuropas mit düsteren Aussichten zu ihrer politischen Annäherung. Während der wirtschaftspolitische Einfluss Deutschlands zunahm, geriet das Projekt der "Kleinen Entente" im Angesicht der internationalen Entwicklung in die Defensive. Zum Umbau der Innenwirtschaft nach nationalsozialistischen Plänen transformierte Deutschland schnellstmöglich ältere und gründete neue Wirtschaftsorganisationen, -behörden, -körperschaften und -institute, die bereits vor 1939 das Vorhaben der Großraumwirtschaft Mittel- und Südosteuropas zielbewusst umsetzten.14 Sie förderten und erweiterten den Aktionsradius der wirtschaftspolitischen Tätigkeiten des MWT in der Region wesentlich. Während der Zwischenkriegszeit war das Projekt der "Kleinen Entente" eher eine Ideensammlung als dass es praktisch umgesetzt worden wäre. Zum Kampf um den wirtschaftspolitischen Einfluss trat ein harter Konkurrenzkampf zwischen deutschen und tschechischen Konzernen, wobei die tschechischen schlechtere Karten hatten.15
Deutschland setzte auf Mittel- und Südosteuropa für die weitere Rohstoff- und Lebensmittelversorgung, insbesondere in Bezug auf Erdölressourcen. Zu diesem Zweck existierte bereits seit 1936 ein langfristiger Plan des Verbrauchs in Friedenszeiten, der sogenannte N-Fall oder Normalplan, und ein Plan für Kriegsbedarf, der sogenannte Mob-Fall oder Mobilisierungsplan, mit Hochrechnungen bis 1942. Der Plan zur Versorgung mit Erdöl, Buntmetallen sowie anderen Rohstoffen wurde von einem Expertenteam namens "Göring-Krauch-Gruppe" ausgearbeitet. Diese arbeitete unter Hermann Göring und Carl Krauch16, Spitzenkraft der I.G. Farben, der zum Generalbeauftragten für außerordentliche Fragen der chemischen Produktion ernannt wurde. Es ist kaum bekannt, dass Göring im wirtschaftlichen Bereich neben dem Amt des Beauftragten für den Vierjahresplan auch das Amt des Reichsbeauftragten für Rohstoff- und Devisenfragen bekleidete. Im Juli 1938 stellte Krauch einen Rüstungsplan für die Kriegswirtschaft vor, der auch Wehrwirtschaftlicher Neuer Erzeugungsplan oder Carinhall-Plan, nach Görings Anwesen, dem Ort seiner Verabschiedung, genannt wurde. Dessen Autoren sahen eine der wichtigsten Quellen der Versorgung der deutschen Kriegswirtschaft mit Rohstoffen „... in der Einschaltung des Wirtschafts- und Rohstoffgebiets Südosteuropas ... in den Großwirtschaftsraumblock Deutschlands…“17. Die Möglichkeiten der Nutzung des Rohstoffreichtums Mittel- und Südosteuropas waren Forschungsgegenstand mehrerer deutscher Institutionen und Vertreter des Wirtschaftslebens. Zu den Schlüsselfiguren dieser Forschung gehörte Wilhelm Keppler, Staatssekretär und enger Mitarbeiter des MWT, der bereits 1936 von Göring zum Generalsachverständigen für deutsche Roh- und Werkstoffe ernannt wurde. Im Herbst 1938 wurde er mit der Leitung geologischer Forschung und der Auswertung der Reserven an Bodenschätzen in der behandelten Region beauftragt, wobei der Hauptfokus auf Erdöllagerstätten lag. Keppler wurde von Geologen der neu gegründeten Reichsstelle für Bodenforschung unterstützt. Eine weitere wichtige Figur dieser Institution war Prof. Alfred Bentz18, einer der bedeutendsten deutschen Geologen. Bereits 1938/1939 wurde das Gebiet der Slowakei zum wichtigen Objekt der Forschungstätigkeiten der genannten Reichsstelle und ihrer Vertreter, die das Ziel einer Rohstoffnutzung für die Wehrwirtschaft verfolgten.19
Zur selben Zeit, als die Vorbereitungen für die Eingliederung des Großwirtschaftsraums Mittel- und Südosteuropas in die Pläne der deutschen Wehrwirtschaft ihren Höhenpunkt erreichten, begab sich die Slowakei auf den Weg in die Selbstständigkeit. Die Slowakei war aus deutscher Sicht in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Sie wurde zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Pläne zum Aufbau einer Großraumwirtschaft und sollte zu einem Instrument zur Auflösung der Tschechoslowakischen Republik werden. Vertreter Deutschlands setzten die slowakische Autonomieregierung unter Druck, die Unabhängigkeit der Slowakei zu erklären und damit den Zerfall der zweiten Tschechoslowakischen Republik zu beschleunigen. Mit der Erlangung der Selbstständigkeit im März 1939 erhielt die Slowakei im geopolitischen und wirtschaftspolitischen Sinne eine neue Position. In den Plänen des Aufbaus des deutschen Großwirtschaftsraums wurde das slowakische Gebiet zusammen mit Ungarn von Mitteleuropa nach Südosteuropa verschoben, sodass die beiden Länder sich im „Konzept Südosteuropa“ zusammen mit den damaligen Balkanstaaten und der Türkei befanden. Der deutsche Volkswirt Hermann Gross erklärte die neue Stellung der Slowakei aus der Perspektive der wirtschaftlichen Pläne NS-Deutschlands in seiner Studie über die Stellung des Slowakischen Staates im deutschen Großwirtschaftsraum wie folgt: „… Obwohl die Slowakei nur mit ungefähr 20 km an dem Donaustrom Anteil hat, so gehört sie doch – auf Grund ihrer geographischen Lage im Donau-Karpatenraum wie auch dank ihrer Geschichte – zu den Donauländern und Südosteuropas …“20 Auch in der Monografie „Die deutsche Wirtschaft und Südosteuropa“ von 1939 über die Bedeutung und Nutzung des Potenzials Südosteuropas für den Bedarf Deutschlands wird die Slowakische Republik unter den sieben Ländern Südosteuropas genannt. Der Autor verweist auf das Reichtum der Slowakei an Wäldern, an Buntmetallen, besonders an Antimon und Eisenerz, als auch auf den großen Anteil an landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Er schloss daraus, dass künftig insbesondere die Verarbeitung von Holz zu Zellulose und Viskosefasern unterstützt und der Erzbergbau mit Schwerpunkt auf die Förderung von Erzen mit Gehalt an Nichtmetallen erweitert werden sollten. Angesicht des Mangels an Kohle empfahl er jedoch zugleich, anstatt der Entwicklung des slowakischen Hüttenwesen primär aufbereitetes, geröstetes Erz ins Deutsche Reich auszuführen. Die weiteren Rohstoffquellen in der Slowakei sollten landwirtschaftlicher Natur sein.21
Der Charakter der slowakischen Wirtschaft näherte sich Ende der 1930er Jahre dem der südosteuropäischen Agrarländer an. 1938 beschäftigte die slowakische Landwirtschaft etwa 54% aller Erwerbstätigen, während die Industrie nur einen 21%-igen Anteil hatte. Gerade in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gelang es der Slowakei, die andauernde Stagnation der Industrialisierung zu überwinden. Der Ausbau der Infrastruktur, insbesondere des Eisenbahnnetzes und der Straßen, wie auch die Elektrifizierung wurden beschleunigt und neue Investitionen flossen in die slowakische Industrie. Beide Trends standen mit dem Verteidigungsbedarf des Landes in Verbindung. Nach der Überwindung der wirtschaftlichen Stagnation zog die Slowakei zugleich Investoren an, wozu die Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte beitrug.22
Die industrielle Entwicklung der Slowakei war nach der Erklärung der Autonomie im Oktober 1938 relativ positiv. Negative Konsequenzen hatte jedoch der anschließende Wiener Schiedsspruch im November 1938, der für die Slowakei einen Verlust von etwa ein Drittel der fruchtbarsten Böden und von beinahe einem Fünftel des Industriepotenzials, insbesondere in den südlichen, an Ungarn abzugebenden Regionen, bedeutete. Ein weiteres Problem der nun autonomen Slowakei mit eigenem Haushalt und eigenen Wirtschaftsministerien war das Defizit an Staatsfinanzen, das im für 1939 aufgestellten Staatshaushalt 1,2 Mrd. Kč (Tschechoslowakische Kronen) betrug. Für die Slowakei gab es aus dieser Krise zwei Auswege. Sie konnte sich entweder hilfesuchend an die Zentralregierung in Prag oder an NS-Deutschland wenden. Damit wurde die Zusage Deutschlands, wirtschaftliche Hilfe unter der Voraussetzung zu leisten, dass die autonome Regierung die von deutschen Vertretern gestellten Forderungen zu staatsrechtlichen Fragen erfüllt und die absolute Unabhängigkeit des Slowakischen Staates anstrebt, zum bedeutenden Ausgangspunkt der weiteren politischen und staatsrechtlichen Entwicklung der Slowakei. Dies entsprach den Interessen Deutschlands nach Expansion. Wirtschaftliche Aspekte trugen demnach im März 1939 zu den staatsrechtlichen Änderungen, die zur absoluten Unabhängigkeit der Slowakei führten, erheblich bei.23
Göring als Hauptkoordinator der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands verkündete bereits im Oktober 1938 das Vorhaben, die Slowakei in den Vierjahresplan einzubinden. Diese Ziele bestätigte er auch gegenüber Ferdinand Ďurčanský24 und Alexander Mach, Vertreter des radikalen Regierungsflügels der autonomen Slowakei, bei ihrem Besuch in Berlin am 12. Oktober 1938.25 In den nachfolgenden Monaten fanden mehrere bedeutende deutsch-slowakische Verhandlungen zur Konzeption der gemeinsamen wirtschaftlichen Zusammenarbeit unter Teilnahme von Keppler statt. Sie erreichten ihren Höhenpunkt am Vorabend der Auflösung der zweiten ČSR Anfang März 1939 beim offiziellen Besuch der Delegation slowakischer Volkswirte unter Mikuláš Pružinský, dem Wirtschaftsminister, in Berlin auf Görings persönliche Einladung. Die Vertreter Deutschlands bestätigten ihr großes Interesse an Bodenschätzen und Lebensmittelressourcen der Slowakei. Auch Lieferungen von halbfertigen Produkten und einiger industrieller Erzeugnisse seien für die deutsche Industrie von Bedeutung. Keppler interessierte sich besonders für die Ölwirtschaft. Im Rahmen der Verhandlungen schloss er mit der slowakischen Delegation am 2. März 1939 eine vorläufige Vereinbarung über die Erschließung von Erdöllagerstätten und die Nutzung der Verarbeitungskapazitäten für Erdöllieferungen nach Deutschland. Desgleichen initiierte er eine systematische geologische Suche nach Rohstoffen in der Slowakei, die anschließend durch die Reichsstelle für Bodenforschung wie auch weitere deutsche Institutionen und Körperschaften durchgeführt wurden.26 Die deutsche Regierung versprach der slowakischen Regierung Hilfe und wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Zentralregierung der Tschechoslowakischen Republik unter der Voraussetzung der vollständigen Eingliederung der Slowakei in die wirtschaftlichen und politischen Pläne des entstehenden Dritten Reiches. Die komplizierte wirtschaftliche Lage der Slowakei zwang die Regierungsvertreter, einschließlich gemäßigter Vertreter des neuen politischen Regimes, das Angebot der wirtschaftlichen Hilfe zu akzeptieren. An den Berliner Verhandlungen nahmen auch einige Volkswirte teil, die noch mit dem Regime der ČSR der Zwischenkriegszeit verbunden waren, darunter Peter Zaťko. Wirtschaftliche Fragen trugen somit zur definitiven Auflösung der ČSR am 14./15. März 1939 bei.
Grundlegend für die wirtschaftliche Entwicklung des selbstständigen Slowakischen Staates mit eigenem Wirtschaftsraum, eigener Währung und eigener Zentralbank war, wie angeführt, die wirtschaftliche Verbundenheit mit NS-Deutschland. Mit der Entstehung des neuen Staates begann auch der Prozess der Eingliederung der Wirtschaft in den deutschen Großwirtschaftsraum. Grundlage für die wirtschaftlichen Beziehungen waren das Vertrauliche Protokoll über die wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit zum Schutzvertrag vom März 193927 und weitere von diesem Protokoll ausgehende Wirtschaftsverträge und Abkommen, die bis Anfang 1940 abgeschlossen wurden. Sie waren ambivalenter Natur. Einerseits verfestigten sie die Vasallenbeziehung des Slowakischen Staates zu Deutschland, andererseits schrieben sie ihm die Rolle einer zuverlässigen Quelle für Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte für die Wehrwirtschaft des Dritten Reiches zu. Es wurde ein fester Wechselkurs der neuen slowakischen Währung zur Deutschen Mark sowie die Grundsätze der Verrechnung des gegenseitigen Handelswechsels und des Zahlungsverkehrs mittels eines Clearingverfahrens bestimmt. Ähnlich wie in anderen, direkt oder indirekt von Deutschland gesteuerten Ländern, stellte dieses System später eines der Schlüsselinstrumente zur Ausbeutung der Wirtschaft dar. Die Vereinbarungen versprachen jedoch zugleich fachliche, technische und teilweise auch finanzielle Hilfe Deutschlands, was zur Beschleunigung der wirtschaftlichen und insbesondere der technologischen Entwicklung der Slowakei führte.28
Der Niedergang der ČSR im März 1939 beschleunigte zudem die wirtschaftliche Expansion Deutschlands nach Südosteuropa. Bereits die Schwächung der ČSR auf international-politischer Ebene im Herbst 1938 und die nachfolgende vollständige Auflösung des tschechoslowakischen Staates schwächten die international-politische Stellung der ehemaligen Mitglieder der "Kleinen Entente", Rumänien und Jugoslawien. Deutschland konnte daher in die nächste Phase des Aufbaus des Großwirtschaftsraums übergehen. Diese Idee erhielt nach der Auflösung der ČSR eine neue ideologische Basis, die sogenannte „deutsche Monroe-Doktrin“. Deutsche Auslandsvertreter rechtfertigten vor westlichen Weltmächten den Anschluss der tschechischen Länder im März 1939 mit dem Aufbau eines eigenen Interessengebietes nach dem Vorbild der Monroe-Doktrin. Ähnlich wie die USA ihr Interessengebiet in Südamerika und in anderen Teilen der Welt auf Grundlage der Monroe-Doktrin erweiterten und Kanonenbootpolitik betrieben, habe Deutschland das Recht auf ein eigenes Interessengebiet, sowohl auf einen wirtschaftlich orientierten Großraum als auch auf einen erweiterten Lebensraum für das deutsche Volk. Während der Gedanke der Erschließung neuen Lebensraums zu diesem Zeitpunkt noch in seinen Anfängen war, wurde der Aufbau eines Großwirtschaftsraums bereits seit längerer Zeit in der Wirtschaftspraxis umgesetzt. Auf diese Art und Weise wurde die wirtschaftliche Basis für die Neuordnung eines nationalsozialistischen Neuen Europas gelegt.29
Von etwa Mai bis Oktober 1939 arbeitete das Amt des Beauftragten für den Vierjahresplan und weitere deutsche Wirtschaftsinstitutionen an einer Konzeption zur Rohstoffnutzung und zur wirtschaftlichen Nutzung einzelner europäischer Regionen. Mit südeuropäischen Satellitenstaaten, einschließlich der Slowakei, wurden zugleich einige neue Vereinbarungen zu den Wirtschaftsbeziehungen verabschiedet. Deutschland verlangte von diesen Staaten die Einschränkung des Handels mit westlichen Weltmächten wie auch mit neutralen Staaten, eine sukzessive Einschränkung des Eigenverbrauchs, die Anpassung der Wirtschaftsstruktur an deutsche Bedürfnisse und eine größere Beteiligung Deutschlands am Außenhandel. Zur Umsetzung dieser Forderungen musste der wirtschaftspolitische Einfluss Deutschlands mittels eines Systems vertraglicher Beziehungen vertieft werden. Muster für den Systemaufbau in Gesamtsüdosteuropa waren zwei Verträge: das Vertrauliche Protokoll über die wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit zum slowakisch-deutschen Schutzvertrag und der Vertrag über die Förderung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Rumänischen Königreich, die zur gleichen Zeit, Mitte März 1939, unterzeichnet wurden.30 1939/1940, noch vor dem Kriegszug nach Westeuropa, verfügte das Amt des Beauftragten für den Vierjahresplan über ein fertiges Konzept für einen autarken Wirtschaftsraum Mittel- und Südosteuropas. Bestehen sollte er aus der Slowakei, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Albanien, Griechenland und der Türkei, zusammen mit dem Deutschen Reich und dem Protektorat Böhmen und Mähren. Auf einer Gesamtfläche von 2,4 Mio. km2 würde er 163 Mio. Einwohner zählen, was der Einwohnerzahl der USA und der UdSSR entsprochen hätte. Nach dem Infrastrukturaufbau sollten die südöstlichen Länder den gemeinsamen Raum mit Lebensmitteln und Rohstoffen, namentlich mit Erdöl, beliefern, sodass der Großraum einer durch westliche Weltmächte verhängten Blockade Widerstand leisten könnte. Zu diesem Konzept gehörte der Aufbau einer Erdölleitung mit einer Gesamtlänge von 2.000 km, die von Ploiești über Ungarn und Österreich, an Wien vorbei bis nach Regensburg geführt werden sollte. In die Erdölwirtschaft Deutschlands sollten jedoch der gesamte Donauraum mit seinen Erdöllagerstätten in weiteren Ländern und auch die dazu gehörenden Raffinerien und Infrastrukturen des Eisenbahn-, Straßen- und Donauer Schiffverkehrs eingegliedert werden. Des Weiteren enthielten die Pläne des Infrastrukturaufbaus für den künftigen Großwirtschaftsraum den Ausbau eines internationalen Autobahn-Systems nach deutschem Vorbild, die Elektrifizierung von Eisenbahnnetzwerken und die Vereinheitlichung technischer Normen für die Bahn in den jeweiligen Ländern wie auch die Entwicklung eines Telekommunikationsnetzwerks mit modernen Kabelverbindungen, die Fertigstellung des Aufbaus von Wasserstraßen und die Verknüpfung sowie der Aufbau der ersten internationalen Gasleitungen.31
An der wirtschaftlichen Expansion Deutschlands nach Südosteuropas beteiligten sich Vertreter des MWT auch nach 1938 wesentlich. Anfang 1940 erweiterte die ideologisch aggressivere Südosteuropa-Gesellschaft (nachfolgend "SOEG" genannt) die Tätigkeiten des MWT. Neben wirtschaftlichen Beziehungen war die SOEG auch für die kulturelle Zusammenarbeit und den ideologischen Einfluss Deutschlands in den Satellitenstaaten der Region zuständig. Zur Erweiterung des Einflusses nach Südosteuropa wurden eigenständige Körperschaften deutscher Konzerne gegründet, wie z.B. der Südosteuropa-Ausschuss, dessen Gründer der Chemiekonzern I.G. Farben war.32 Die nächste Phase der Stärkung der wirtschaftspolitischen Machtposition Deutschlands in Südosteuropa erfolgte nach der militärischen Niederlage der westlichen Weltmächte im Frühling 1940. Der Sieg im Westen stärkte die internationale Position Deutschlands, sodass es folglich seine wirtschaftliche Hegemonie in den Ländern Südosteuropas direkter einfordern konnte. Zugleich erweiterte Deutschland das Konzept zum Aufbau eines Großwirtschaftsraums auf Westeuropa und begann mit der Durchführung der Pläne einer einheitlichen Kontinentalwirtschaft. 1940 erarbeitete das Ministerium für Wirtschaft auf Anweisung von Göring einen Plan zum Umbau der Kontinentalwirtschaft nach Deutschlands Interessen.33 Dieser Plan enthielt folgende Punkte:




