Hightech-Kapitalismus in der großen Krise

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Wir Heutigen, mit unserem katastrophisch geschärften Bewusstsein, müssen uns eingestehen, dass dieses Postulat in seiner positiven Fassung, wenn es sich nicht auf bestimmte Hinsichten beschränkt, streng genommen als utopisch zu bezeichnen ist. Denn auch wenn Ressourcen »von der Natur gratis geschenkt« zu sein scheinen (23/630), so ist doch in der Natur nichts umsonst. Jedenfalls können wir uns nicht vorstellen, vielleicht noch nicht, wie sich ein entsprechendes gesellschaftliches Naturverhältnis mit Nachhaltigkeitsüberschuss (›verbessert‹) im Ganzen herstellen lassen könnte. Wohl aber können wir zwischen nachhaltigeren und zerstörerisch zurückschlagenden Praxen unterscheiden, und an dieser ökologischen Unterscheidung hat sich unser Handeln auszurichten.
Vom traditionellen Sprachgebrauch abweichend, mag man die Geschehensebene der gesellschaftlichen Naturverhältnisse in diesem Sinn, den Natur ›übergreift‹, als die der menschlichen Naturgeschichte bezeichnen. Ebenso unwiderruflich wie wiederholungslos schreitet auf dieser Ebene die Entwicklung fort. Die Natur an sich ändert sich nur, indem sie sich gleich bleibt, bzw. bleibt sich darin gleich, dass sie sich fortwährend ändert. Die Natur für uns, die wir die »Erde« nennen, ist mit uns auf einer Reise ohne Wiederkehr. Der ungeheure Produktionsapparat, den die gesellschaftliche Menschheit für ihren »Stoffwechsel mit der Natur« errichtet hat und betreibt, wirkt mit seinen Abfällen und Ausscheidungen in der uns umgebenden Natur, verfahrend wie sie selbst. Wenn die Erdgeschichte Jahrmillionen dazu gebraucht hat, die sauerstoffbestimmte Atmosphäre herzustellen und die Reste der Organismen, die den Kohlenstoff gebunden und den Sauerstoff ausgeschieden haben, im Untergrund zusammenzupressen, so führt die industrielle Verbrennung solcher Reste den darin mineralisierten Kohlenstoff in einem Bruchteil jener Zeit als »Treibhausgas« wieder in die Erdatmosphäre zurück. Insofern macht die von den Ausscheidungen der Industriegesellschaft bewirkte Klimaveränderung Epoche nicht nur in der menschlichen, sondern auch in der Erdgeschichte.
Dass nach dem Satz von Marx auch das Wie, mit welchen Arbeitsmitteln der Naturstoff verändert wird, die ökonomischen Epochen unterscheidet, ist im Hauptstrom der kapitalismuskritischen und speziell der marxistischen Literatur unterbelichtet, wenn nicht schlicht abwesend. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, weil damit angestammtes marxsches Terrain preisgegeben wird. Auf den zweiten Blick treten besonders drei Gründe hervor. Der erste Grund für jene Abwesenheit ist der den Stalinismus als Begleitideologie der gewaltgegründeten Industrialisierung prägende Technikdeterminismus, der alles Gesellschaftlich-Politische und Kulturelle diesem Primat unterwarf. Der notwendige Bruch mit dieser Ideologie und Praxis hatte bei vielen die entgegengesetzte Einseitigkeit zur Folge, die den objektiven Möglichkeitsraum bestimmende Determinante der technischen Arbeitsmittel zu vernachlässigen. Ein zweiter Grund dürfte in der Abwehr der Ideologie der »Wissensgesellschaft« liegen, sofern diese vom Kapitalverhältnis schweigt. Im Eifer des Gefechts gegen die Kapitalbestimmtheit vergisst man, das vom Kapital Bestimmte, die Produktivkräfte, zu berücksichtigen. Auch in dieser Hinsicht hätten wir es mit einer reaktiven Einseitigkeit zu tun. Als dritter Grund kommt der Einfluss der nicht genuin marxistischen Regulationsschule in Betracht. Mit Recht betont sie die Notwendigkeit, durch die komplexe institutionelle46 und politisch-kulturelle Einbettung des kapitalistischen Verwertungsprozesses ein konkretes Akkumulationsregime herauszubilden, das die gesellschaftlichen Konflikte zu absorbieren und Produktion und Konsumtion aufeinander abzustimmen vermag. Mit dem theoretischen Defizit fast aller Vertreter dieser Schule, darüber die formative Bedeutung der Produktivkräfte und ihrer Entwicklung zu vernachlässigen, haben wir uns im ersten Buch auseinandergesetzt (vgl. HTK I, 29-34).
46 Institutionen »regulate our economy by coordinating its decentralized decisions and integrating its separate activities into a unified structure« (Gutmann 1994, 56).
3. Produktivkräfte und Möglichkeitsräume von Herrschaft
Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen darf die Entsprechungen nicht vergessen lassen. Wie jede Herrschaft stützt auch die des Kapitals sich auf Herrschaftsinstrumente. Herrschaftstechnik ist ein geläufiger Begriff. Doch er ist besetzt vom Interesse an politischer Strategie und Taktik. Dass Herrschaft und Hegemonie ihre eigene Technobasis haben, tritt für gewöhnlich dahinter zurück. Der Einsatz der Produktionsmittel des materiellen Reichtums sowie derjenigen der Gewalt- und Hegemonieapparate bestimmt das Bild. Nicht weniger wichtig sind indes die Produktivkräfte organisatorischer Rationalität und Wirkungsmächtigkeit, die zu allen Zeiten staatlich reproduzierter Klassenherrschaft eine entscheidende Rolle in der Ökonomie der Macht gespielt haben. Sie muss als Ökonomie begriffen werden, denn auch Herrschaftsmächte ›wirtschaften mit knappen Mitteln‹, was sich zumal dann bemerkbar macht, wenn sie militärisch zusammenstoßen.
Die Dispositive der Digitalisierung haben nun deutlicher als frühere Technologien hervortreten lassen, dass auch die in den Produktionsverhältnissen verankerten Herrschaftstätigkeiten der Planung, Verwaltung, Kommunikation und Kontrolle darauf angewiesen sind, sich auf eigene Produktivkräfte zu stützen, die vom allgemeinen Stand der Produktivkraftentwicklung zehren und den Möglichkeitsraum kapitalistischen Handelns epochenspezifisch determinieren.47 Auf US-amerikanischer Seite realisierte sich die erste Phase des Irakkrieges auf Basis der informationstechnischen Dispositive; nach dem Einsatz der mannlosen »Marschflugkörper« dominierte das an militärischen Massen ausgedünnte »elektronische Schlachtfeld« des Hightech-Krieges (vgl. HTK I, 227). Auch wenn es wie seit alters am Ende die Sprengstoffe waren, die das Zerstörungswerk vor Ort bewirkten, so war die satellitengestützte informatische Koordination das epochal Neue. In der zweiten Phase des Krieges, die den USA nach dem schnellen Sieg die ebenso langsam wie verlustreich sich abzeichnende Niederlage eintrug, schlug die Situation um. Auf die Fernlenkwaffen antworteten die ferngezündeten Sprengfallen, auf den hochtechnologischen Distanzkrieg der Nähekrieg der »Selbstmordattentäter«.
47 Folgt man diesem Gedanken, verweist bereits die Kategorie »Kapital« als das alte Wort für »Hauptsumme« auf die frühkapitalistische Buchführung als versachlichende Produktivkraft kapitalistischer Rationalität zurück.
»Die Produktionsweise denken« – mit dieser Überschrift, die Aufforderung und Programm in einem zum Ausdruck bringt, beginnt das erste Buch. Vereinfacht gesagt, geht es dabei noch immer um die Frage, was für eine Gesellschaft der Computer auf kapitalistischer Grundlage ergibt. Dieses Wissenwollen stößt in der kapitalismuskritischen Literatur noch immer auf die fast durchgängige Abwesenheit der Produktivkräfte und der durch ihren kapitalistischen Einsatz bestimmten Arbeit. Das Zentrum des Erkenntnisinteresses besetzt zumeist das Finanzwesen. Gewiss ist die finanzkapitalistische Dimension von großer Bedeutung, zumal in einer Phase, in der die Finanzspekulation die Staaten des Euro-Raumes vor sich hertreibt. Nicht umsonst hat die Weltwirtschaftskrise als Finanz- bzw. genauer als Kreditkrise begonnen und macht sich bei jedem Schub der »Zweiten großen Kontraktion« (Rogoff 2011) fiktiven Kapitals als solche geltend. Allerdings ist diese Ablaufform als solche kein Alleinstellungsmerkmal der aktuellen Krise. Bleibt man bei der Analyse der Finanzverhältnisse stehen, wird Vernunft zu Unsinn. Eines der Geheimnisse dieser Verhältnisse scheint in den Worten des ehemaligen »Research«-Leiters der DZ-Bank auf: »Die jüngste Wirtschaftskrise ist keineswegs mit dem Begriff Finanzkrise hinreichend erklärt. […] Die amerikanische Immobilienblase, übrigens die fünfte in den letzten sechs Rezessionen, war eine der realwirtschaftlichen Ursachen, die Subprime-Krise die finanzwirtschaftliche Übertreibung dazu. […] Für eine konsumgetriebene Volkswirtschaft sind Wohnungsbau und Autos die wichtigsten zyklischen Faktoren. Wenn der Bau 2007 in die Krise gerät und die Autobranche ölpreisbedingt im Frühsommer 2008, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession fällt.« (Holzschuh 2010)48 Ungeachtet des »astronomischen Umfangs« von Konsumkrediten49 werden wir dennoch nicht von konsumgetriebener Volkswirtschaft statt von finanzgetriebener Akkumulation reden (vgl. Kap. 5). Was fürs mächtige Finanzkapital gilt, dürfte für die Konsumenten, die am schwächeren Hebel sitzen, allemal gelten. Wohl aber werden wir dem Wink folgen, dass der finanzielle Treiber selbst getrieben ist. Es sollte uns nicht wundern, wenn wir im politisch-ökonomischen Getriebe auf eine systemische Verkettung getriebener Treiber stoßen würden. Mit dem Bauplan dieses Getriebes werden wir uns zu befassen haben.
48 Thomas Sablowski hebt hervor, dass es im »globalen Akkumulationsregime«, wie wir es unter dem Titel des transnationalen Hightech-Kapitalismus beschreiben, noch »keinen adäquaten Ersatz für die fordistischen Konsumnormen gibt, die um das standardisierte Wohnen und das Automobil zentriert waren. Darüber kann auch die Ausbreitung von Computern, Handys und anderen elektronischen Konsumgütern nicht hinwegtäuschen. Anders wäre schwerlich zu erklären, dass die gegenwärtige Krise vom Immobiliensektor und vom Automobilsektor ausging.« (2009, 122)
49 »Only the astronomical volume of these liabilities has maintained the buying cycle in a context of decreased savings.« (Katz 2011)
Hier könnte eingewandt werden, dass wir uns damit auf einer ganz allgemeinen Ebene der Kapitaltheorie bewegen, die nichts hightech-kapitalistisch Spezifisches hat. Das ist insoweit richtig, als die Mechanismen des Kapitalprozesses in gewisser Hinsicht Jahrhunderte lang den gleichen Grundmustern folgen. Die hochtechnologischen Produktivkräfte im Fahrwasser der elektronischen Datenverarbeitung ändern zwar alles, doch solange Kapitalismus herrscht, ändert sich auf dessen herrschender Seite auch wieder nichts, ohne noch mehr sich selbst zu gleichen. Innerkapitalistische Veränderungen sind Übersetzungen. Jedes neu unterworfene Gebiet verändert auch die Unterwerfung, aber ändert nichts daran, dass sie Unterwerfung ist. Was sich ändert, sind die Konkretisierungsweisen.50
50 Individuelle Erfahrung und sozioökonomischer Sachverhalt treten hier auseinander. Für die Einzelnen hat sich je nach Lage tatsächlich etwas verändert. Ihnen haben sich neue Möglichkeitsfelder geöffnet. Man sollte jedoch Möglichkeit nicht arglos verstehen. Möglichkeit hat die Verwirklichung erst noch vor sich. Es hängt von der Klassenlage der Einzelnen ab, welche Hindernisse sie auf dem Weg zur Selbstverwirklichung überwinden müssen. Entgrenzte Konkurrenz macht es ständig ebenso möglich, dass man vom Zugang zu den neuen Möglichkeitsfeldern mangels bestimmter Ressourcen abgeschnitten wird.
Dass jene abstrakten Grundmuster aber in ihrer konkreten Ausprägung, ihrer Dynamik und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sich ändern mit den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, also mit den beiden ungleichen, aber interdependenten Determinanten der Produktionsweise, lässt sich gerade auch an der Finanzsphäre ablesen. Auch die »Finanzindustrie« bzw. Finanzbranche – anders als die Industrie produziert sie ja nichts –, diese auf das »imperiale Dollarsystem« gestützte und neben der Informations- und Kommunikationstechnologie zweite neue Wachstumsbranche (Gowan 2007, 156), auf welche die Vereinigten Staaten noch einmal ihre ökonomische Hegemonie gründeten, beruht ja auf dem Einsatz neuartiger Produktivkräfte, und ihre Praxisformen und Akteure ändern sich mit diesen. Wir vergewissern uns dessen am Beispiel der Börse mit Blick auf Phänomene, die sich erst nach dem Erscheinen des ersten Bandes herausgebildet haben. Man stößt dabei sogleich aufs Verhältnis des kapitalismusgeschichtlichen Allgemeinen und seiner hightech-kapitalistischen Besonderung.
Vom transnationalen Hightech-Kapitalismus zu sprechen fordert dazu auf, an der epochal dominanten, auf dem kapitalistischen Einsatz von Informationstechnologie gründenden Produktionsweise Maß zu nehmen. Wenn Marx von den bestimmenden Akteuren und Produktionsverhältnissen einer Epoche sagt, dass sie »allen übrigen Rang und Einfluss« anweisen (42/40), so bedingt in der Gegenwart die Dominanz der Weltmarktakteure Rang und Einfluss der lokal oder national, ja sogar regional begrenzt aktiven Kapitale. Wir beschreiben die Weltmarktakteure als transnationale Konzerne,51 auch wenn sie weiterhin nationalstaatlich verortet und bis zu einem gewissen Grad gesichert sind,52 weil sie »eine neue Phase des Monopolkapitalismus« prägen, »gekennzeichnet durch die Unterwerfung des Ensembles der betroffenen nationalen Produktionssysteme unter die Herrschaft dieser Monopole, die dadurch einen Gutteil des in den beherrschten Sektoren produzierten Mehrwerts absaugen« (Amin 2011, 73). Vor allem richtet »Produktionsweise […] als Begriff für die widersprüchliche Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die [von Marx] als ›ökonomische Struktur‹ begriffen wird« (HTK I, 31), die Aufmerksamkeit auf die Widersprüche zwischen den von der Arbeit bewegten Produktivkräften und den durch diese bedingten transnationalen Produktionsverhältnissen. Die Schicksale des Wissens, die der Name der »Wissensgesellschaft« illusionär anspricht, und die bis zu einem gewissen Grad verselbständigte Bewegungsform und Macht des Geldkapitals und seiner Kreditverhältnisse, die ein Name wie »Finanzmarktkapitalismus« hervorhebt, entscheiden sich in jenen widersprüchlichen Grundverhältnissen der »ökonomischen Struktur«, wenn auch nicht unmittelbar und in jedem einzelnen Moment.
51 »Tatsache ist, dass von den hundert größten Wirtschaftseinheiten der Gegenwart 51 Konzerne und 49 Staaten sind. Walmart produziert in mehr als 161 der 191 Nationalstaaten der Welt, und Mitsubishi produziert mehr als Indonesien, das Land mit der viertgrößten Bevölkerung der Welt.« (Escudero 2011) – In Deutschland ist seit unserem ersten Band die Transnationalisierung des Eigentums am Industriekapital rasant fortgeschritten. Um 2000 gehörten noch zwei Drittel der Dax-Konzerne deutschen Anlegern. 2011 waren 17 der 30 Dax-Unternehmen mehrheitlich in ausländischer Hand. Bei Siemens, Daimler, Bayer und Allianz hielten deutsche Anleger nicht einmal mehr ein Drittel der Aktien. Auch die Eigentümer von BASF, Eon und Deutsche Bank waren mehrheitlich Ausländer. (»Ausverkauf der Deutschland AG«, FAZ, 11.5.2011, 19) Ein Geflecht von Überkreuzbeteiligungen zwischen Großunternehmen hatte zuvor die »Deutschland AG« zusammengehalten. Das entsprach der fordistischen Bindung an den Nationalstaat. Die rot-grüne Bundesregierung stellte dann Beteiligungsverkäufe von der Steuer frei und setzte damit den Entflechtungsprozess in Gang. Die Unternehmensbeteiligungen kamen auf den Markt. Der aber war dank der Liberalisierung des Kapitalverkehrs bereits Weltmarkt.
52 In Teil II wenden wir uns den Widersprüchen und Bewegungsformen der transnationalen Hegemonieverhältnisse und imperialen Strukturen zu, die für Weltmarktakteure notwendig sind.
Viertes Kapitel
Die Zeit der Spekulation
Bet’ und arbeit’!, ruft die Welt.
Bete kurz, denn Zeit ist Geld!
Georg Herwegh, Bundeslied
1. Attraktion und Repulsion von Arbeitszeit
Die Kapitalisierung des Geldes beschreibt Marx phänomenologisch als Verwandlung des von diesem dargestellten Werts in ein »automatisches Subjekt«. Und zwar erscheint der Wert hier als »das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet« (K I, 169). Stellt der Wert sich in dieser Bewegung »als eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz« dar (ebd.), so verlangt dieser Prozess nach einem persönlichen Träger, der sich auf deren Standpunkt stellt und insofern aufhört, »sich als Selbstzweck zu behandeln, vielmehr sich jenem verselbständigten Zweck-Selbst zur Verfügung stellen, sein Ich zum Ich des sich verwertenden Werts machen« muss (KV II, 102). Sein Verhalten entspricht dem Eigentumsbegriff der bürgerlichen Moderne als »Verfügung über fremde Arbeitskraft« (3/32), sei es unmittelbar über ihre Verwirklichung als lebendige Arbeit, sei es mittelbar über deren Resultate. Ohne Arbeitskraftverkäufer würde das Kapital erlöschen zu nichts als »verstorbener Arbeit«, die sich – direkt oder indirekt – erst »belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt« (K I, 247). Damit kommt die Zeit ins Spiel. »Die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumiert.« (Ebd.) Im ›wilden‹ Kapitalismus, in dem noch keine Arbeiterbewegung die Beschränkung der Arbeitszeit erkämpft hat, »wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit« (552). Doch auch der profitierende Betreiber dieses Prozesses entgeht nicht einer analogen Verwandlung seiner Lebenszeit, womöglich mit dem Unterschied, dass er sein Dasein als personifiziertes Kapital nicht auf geregelte Arbeitszeiten begrenzen kann und ihm das ›Abschalten‹ und ›Ausspannen‹ noch weniger gelingt als dem von Joseph Weizenbaum 1980 beschriebenen Typus des »zwanghaften Programmierers« (vgl. HTK I, 22).
Die Tendenz zur Ausdehnung der Arbeitszeit pro gekaufter Arbeitskraft als Quelle zusätzlichen absoluten Mehrwerts geht einher mit der komplementären Quelle zusätzlichen relativen Mehrwerts dank maximaler Verkürzung der Arbeitszeit pro konkretem Arbeitsprodukt, sei es durch Potenzierung der gegenständlichen Produktionsmittel, sei es durch »dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d.h. Kondensation der Arbeit« (23/432). Entsprechendes gilt für die Zeit zwischen Fertigstellung des Produkts und seinem Verkauf, die Zirkulationszeit und die damit verbundenen Transport- und Wartezeiten aller Art. Vor allem bewegt das Kapital sich zwischen Attraktion und Repulsion der lebendigen, Zeit verbrauchenden Arbeit, wenngleich auf verschiedenartigen Bezugsebenen. Der »Heißhunger nach Mehrarbeit« (249) als der Zeit der Verwertung geht einher mit dem ebenso unersättlichen Bestreben, den verwertungsnotwendigen Zeitbedarf zusammenzudrängen. Zuerst Mechanisierung und schließlich auf deren vorangeschrittenste Form gestützte Taylorisierung der Arbeitskraftverausgabung, dann Automation als Erübrigung tendenziell aller lebendiger Arbeitszeit zumindest im unmittelbaren Produktionsprozess machen auf der Ebene der kapitalistischen Produktionsweise Epoche. Da auch die Spekulation ihre eigentümlichen, dabei vom allgemeinen Entwicklungsstand zehrenden Produktivkräfte hat, markieren die entsprechenden Einschnitte ihre Geschichte nicht weniger als die der Produktion.
2. Zirkulation ohne Zirkulationszeit
»Zirkulation ohne Zirkulationszeit ist die Tendenz des Kapitals«, notiert Marx in den Grundrissen (Gr, 572; vgl. 560). Im Hightech-Kapitalismus verfolgt das industrielle Kapital dieses Ziel durch die computergestützte Rationalisierung der Logistik und Lagerhaltung im Zeichen der Lieferung zum produktionslogisch genauen Zeitpunkt (»just in time« ). Das Transportwesen erfand sich neu als »Logistik«. Während die Produktivkräfte der räumlichen Sachkapitalbewegung, sieht man von elektronischer Steuerung und Koordination ab, im Grundprinzip unverändert blieben, revolutionierte die Elektronisierung die Bewegung des spekulativen Finanzkapitals. Dieses näherte sich dem Ziel der zeitlosen Zirkulation bis an deren absolute physikalische Grenze. Damit schickte der Hightech-Kapitalismus sich an, das »automatische Subjekt« der Verwertung des Werts, von dem Marx spricht (K I, 169), aus seiner metaphorischen Existenz zu erlösen, indem er das lebendige Subjekt des Spekulationsarbeiters durch den Automaten ersetzte. Dieses Bestreben schlug sich nieder in der Ersetzung des Börsenmaklers durch »eine Maschine, die mit Maschinen kommuniziert« (Strobl 2010). So weit als möglich wurde die rastlose Bewegung des Wertverwertens in elektronische Netzwerke verlegt. Indem Computer vernetzt wurden und die entsprechenden elektronischen unstofflichen »Metamaschinen«, als die wir die Programme als prozessierende Schaltungskonfigurationen analysiert haben (HTK I, 112-15), miteinander wechselwirkten, schloss das Geräteensemble der Spekulation sich zu einem physikalischen System. Die Systembetreiber wurde »Hochfrequenz-Händler« getauft. Eines der Netzwerke nannte sich BATS. Zu seinen Eigentümern zählten u.a. die City Group, der Crédit Suisse, Morgan Stanley und die Deutsche Bank. Die Abkürzung BATS sollte an bats, »Fledermäuse«, denken lassen, da diese Tiere sich im Dunkeln mittels Echolot orientieren. Im elektronischen Handelssystem herrscht vom Standpunkt menschlichen Bewusstseins völliges Dunkel.
Als BATS 2006 gegründet wurde, wurden von der New Yorker Börse (NYSE) noch 70 Prozent der Geschäfte in gelisteten Kapitalgesellschaften abgewickelt; vier Jahre später waren es noch 20 Prozent. Im September 2010 gab BATS die Ausführungszeit für seine zweite Elektronische Börse »BATS Y-Exchange« (BYX) mit im Durchschnitt weniger als 250 Mikrosekunden und die Ergebnisanzeige mit 265 Mikrosekunden an, das sind 0,00025 bzw. 0,000265 Sekunden.53 Nun wurde die Lichtgeschwindigkeit profitrelevant. Menschlichem Vorstellungsvermögen erscheint sie als unendlich groß; die Zeit, in der das Licht irdische Strecken zurücklegt, dagegen unendlich klein. Doch über große Entfernungen zeigt sich beider Endlichkeit. Sie hat es erlaubt, kosmische Entfernungen in »Lichtjahren« zu messen. Für die Eliminierung bzw. Kompression der Zirkulationszeit des Finanzkapitals aufs absolute Minimum wurde angesichts der Konkurrenz die räumliche Entfernung der Handelscomputer vom Rechenzentrum der Netzbetreiber zur Schranke. Die Betreiber entdeckten in der Beseitigung des Hindernisses ein zusätzliches Geschäftsmodell. Sie boten den Händlern an, ihre Handelscomputer im Betreiberzentrum zu installieren. Die Kosten konnten sich nur die Großen leisten. »Kleinanleger […] sind in diesem Spiel die geborenen Verlierer.« (Strobl 2010)
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3. Spekulation als raum-zeitliches Differenzgeschäft
Wenn die elektronische ›Bewaffnung‹ der untereinander konkurrierenden Spekulationsakteure Mikrosekunden zur Profitbedingung gemacht haben, so ist dies nur die hochtechnologisch basierte Form, in der ein Urgesetz des Spekulationsgeschehens sich geltend macht. Generell werden nach Marx an der Börse »Differenzgeschäfte« getätigt, worin Geld umläuft, ohne dass dieser Geldumlauf einen »wirklichen Warenumsatz« ausdrückt (24/344; vgl. hierzu und zum Folgenden KV II, 179ff). Eine Variante des Differenzgeschäfts ist das Arbitragegeschäft. Der Name drückt das Moment des Arbiträren aus, das dabei ins Spiel kommt. Dieser Geschäftstyp nützt die Preisdifferenz von Waren gleicher Art auf unterschiedlichen Märkten aus und hat – zumindest im Modell des idealen Marktes – den Effekt, diese Differenzen einzuebnen. Arbitragegeschäfte dieser Art nützen Unterschiede des Ortes aus. Dabei wird unterstellt, dass die auf den Märkten wirkenden übrigen Faktoren sich nicht während der spekulativen Operationszeit und unabhängig von ihr ändern. Die Operation selbst und jede gleichartige seitens der Konkurrenten ändert dagegen die Relationen. Da jeder spekulative Akteur die räumliche Differenz ausnutzen und damit die Grundlage der Spekulation durch den Ausgleichungseffekt seines Eingriffs ganz oder partiell aufzehren kann, bildet das zeitliche Differenzgeschäft das eigentliche Terrain der Spekulation. Verdichtung der Spekulationszeit wird zur Erfolgsbedingung. Die Zeit der Spekulation erstreckt sich innerhalb der Spanne des Verschwindens jener Differenz, auf der die Gewinnmöglichkeit beruht. Zur synchronen Marktkenntnis eines gegebenen Moments kommt bei ihr die diachrone Markterwartung dynamischer Prozesse hinzu.
Die Struktur des »Differenzgeschäfts« ist nicht auf die Börse beschränkt. Marx weist sie bereits in der einfachen Zirkulation auf: »Die Trennung des Tauschs in Kauf und Verkauf macht es möglich, dass ich bloß kaufe, ohne zu verkaufen (accaparement [wucherischer Aufkauf] von Waren), oder bloß verkaufe, ohne zu kaufen (Akkumulation von Geld). Sie macht die Spekulation möglich.« (42/130) Spekulation zielt immer auf eine für den Spekulanten vorteilhafte Preisdifferenz. So bereits in der vermutlich ältesten schriftlich festgehaltenen Spekulationsgeschichte, der von Thales von Milet, dem Gründer der ionischen Philosophie. Dieser soll »in Voraussicht einer reichen Olivenernte alle Ölpressen gemietet und dadurch ein enormes Vermögen gewonnen« haben (Diogenes Laertios, I.26). Auf Grundlage kapitalistischer Produktion schließlich kann das Handelskapital »wie die plötzlich emporschießenden Paroxysmen der Spekulation in gewissen Lieblingsartikeln zeigen, mit außerordentlicher Schnelligkeit Kapitalmassen aus einer Geschäftsbranche ziehn und sie ebenso plötzlich in eine andre werfen« (25/218).



