Hightech-Kapitalismus in der großen Krise

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Was zu Marx’ Zeiten außerordentliche Schnelligkeit war, ist von den elektronischen Geräten, mit denen das Finanzkapital arbeitet, inzwischen in neue Dimensionen katapultiert worden. Blitzartig lässt es sich mit ihrer Hilfe von einem Massengut aufs andere werfen, ohne dass sein Umlauf einen physisch »wirklichen Warenumsatz« ausdrückt. Die Inkubationszeit der Großen Krise des Hightech-Kapitalismus zeigte dies in Gestalt der extremen Preissprünge von Rohstoffen und Nahrungsmitteln (Erdöl, Getreide u.v.a.m.) aufs Doppelte, dann wieder auf einen Bruchteil in historisch kürzester Zeit. Die Differenzen, auf die bei solchen, nicht mit den physischen Stoffen, sondern Ansprüchen auf sie getätigten Geschäften spekuliert wird, sind erwartete Preisdifferenzen. Die Erwartung ist subjektiv, das Resultat des aus ihr folgenden Handelns objektiv. Die Spekulation richtet sich auf mögliche Kursveränderungen. Diese hängen vom Verhältnis von Angebot und Nachfrage ab. Die in Kauf- oder Verkaufsaufträge umgesetzte Erwartung verändert dieses Verhältnis unmittelbar. Die Aktion des spekulierenden Subjekts ›fällt ins Objekt‹. Der Vorgang zeigt das Muster einer sich selbst erfüllenden Prognose. Ist das Handelsvolumen gemessen am handelbaren Wert gering, hält sich der Effekt in den Differenzialgrenzen von etwas, das nur unmerklich größer als Null ist. Doch die Fonds und andere Großakteure des Börsengeschehens, die Milliarden US-Dollar bewegen können, lassen den Preis bereits in der erwarteten Richtung hochschnellen, zumal sie, eifersüchtig belauert von Ihresgleichen, alsbald Gesellschaft bekommen. Wer bei der Hausse nicht sofort und von Anfang an dabei ist, dem zerrinnt mit verrinnender Zeit der Differenzgewinn. Während »auf den Gütermärkten steigende Preise die Nachfrage [dämpfen] und fallende [sie] erhöhen«, gilt auf den Finanzmärkten »der umgekehrte Preismechanismus […], bei steigenden Preisen zu kaufen und bei fallenden zu verkaufen« (Wagenknecht 2008, 92). Wer bei Baisse nicht sofort verkauft – und sei es nur, um womöglich bei weiter gefallenen Kursen wieder einzusteigen –, verliert.
4. Mannlose Spekulation
Die Hochtechnologie in der Hand der Berufsspekulanten ist dabei, diese seit Jahrhunderten wirkenden Mechanismen kurzfristiger Differenzspekulation, also der Spekulation auf Veränderungen in der Zeit gleichsam die Zeit selbst auszutreiben. Dabei werden die menschlichen Händler durch Mikrochips ersetzt oder auf Restfunktionen zurückgedrängt. Zugleich entsteht innerhalb der geschlossenen Welt der vernetzten Rechner die Möglichkeit eines Insidergeschäfts neuen Typs. Diesmal sind es keine menschlichen Eingeweihten, die ihr Wissen zu Geld machen, sondern »räuberische Algorithmen«. So heißen die anonym in den Handelsplattformen agierenden, unstofflichen und gleichwohl materiellen »elektronischen Metamaschinen« (HTK I, 112f), die in den Eingeweiden des menschenlosen Prozesses selbst »auf der Jagd nach Profit sind« (Strobl 2010). Sie sind die Piranhas der sog. »Latenz-Arbitrage«; sie fischen nach Wertdifferenzen, um in den winzigen Zeitintervallen »zwischen dem Eintreffen einer großen Kauforder und ihrer Ausführung«, wo Mikrosekunden zählen, »alles abzugrasen, was an Angebot zum aktuellen Kurs im Markt ist« (ebd.).
Die ›mannlose‹ Spekulation verändert das Erscheinungsbild bestimmter Börsenkrisen. Normalerweise ist sie nicht der Grund des Geschehens, wohl aber seines Modus. Sie potenziert die Ausschläge der Kurse, wie sie auf diesen Ausschlägen wiederum ihre Wellenreiterei praktiziert.54 Die eigentümliche Form, die ihr entspringt, wo der Modus zum Grund wird, ist der »Blitz-Crash«. Angekündigt im »ersten Weltbörsenkrach der Geschichte« (Mandel/Wolf 1988, 30) vom Oktober 1987,55 bei dem »die Kisten das Kommando« übernahmen, lässt der Effekt der seither fortgeschrittenen Prozess-Mikroisierung sich bei der Blitz-Baisse vom 6. Mai 2010 beobachten: Der Dow Jones verlor binnen weniger Minuten fast tausend Punkte. Ein geringfügiger Rückgang hatte quasi in Echtzeit die Verkaufsorder der Spekulationsmaschinen losgetreten. So erklärte sich der Sturz. Dass er zunächst fortdauerte, rührte nun ausgerechnet daher, dass Menschen dem mannlosen Betrieb wieder das Zepter aus der Hand nahmen, indem sie die Maschinen abschalteten. Was retten sollte, verschlimmerte den Schaden. Mangels öffentlicher Regulierung konnten die Betreiber jeder Handelsplattform nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob (und wann) sie abschalten wollten. Nun aber schalteten viele von ihnen »ihre Computer während des Kurssturzes ab […,] nachdem andere Programme im großen Stil Verkaufsorders platziert hatten, um von den fallenden Kursen zu profitieren«. Doch damit »stießen die Verkaufsorders nicht mehr auf Kauforders. Ein Tsunami von Verkaufsaufträgen drückte die Kurse vieler Aktien auf surreal niedrige Niveaus, das Papier der weltweit tätigen Beratungsgesellschaft Accenture zum Beispiel fiel von 41 Dollar auf einen Cent. Die Situation beruhigte sich erst wieder, als Händler aus Fleisch und Blut auf den Plan traten und wie in alten Zeiten Käufe und Verkäufe untereinander abwickelten.« (Strobl 2010)
54 Ausgangspunkt und Resultat für die high-frequency traders ist »a ›new normal‹ of permanently heightened volatility« (Story/Bowley 2011).
55 Seine Erscheinungsform und die damit einhergehenden Wahrnehmungsformen habe ich festgehalten im gleichnamigen Exkurs der Neuen Vorlesungen zur Einführung ins »Kapital«, 197-200.
Am Börsenplatz Frankfurt/M generierten »Algo-Trader« im Februar 2010 über 40 Milliarden Euro Handelsaufträge, fast die Hälfte des Gesamtumsatzes. Sie »haben ihre Computer so programmiert, dass sie nach bestimmten Mustern Aktien kaufen und verkaufen, sie zwischendurch oft nur Sekunden behalten und am Ende des Tages meist keine einzige Aktie besitzen.« Der Kursmakler entfällt. »Der Computer führt Angebot und Nachfrage zusammen und errechnet daraus einen Kurs. Das passiert innerhalb einer Sekunde etliche Male für eine einzige Aktie.« (Mohr 2010a) Im Februar setzte die Börse 97 Milliarden Euro über das elektronische System Xetra und nur 6 Milliarden auf dem Parkett um. Damit waren die Tage des Parketthandels gezählt. Der Börsenrat beschloss, ihn spätestens 2012 einzustellen. Von der ›Maschinisierung‹ über Xetra versprach man sich eine viel breitere Anlegerschaft aus ganz Europa mit »Zugriff auf 10 000 Aktien und 30 000 Anleihen, die bislang nur auf dem Parkett […] und damit nur einem […] nationalen Publikum zugänglich waren« (ebd.).
Eine weitere Folge der automatisierten Spekulation ist die Zunahme des Geld- und Devisenhandels. Sie markiert eine der Veränderungen seit 2003, als Band I erschien. Laut einer Erhebung der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist in den drei Jahren zwischen 2004 und 2007 der globale Devisenhandel um 71 Prozent gewachsen auf täglich 3,2 Billionen US-Dollar und zusätzlich 2,1 Billionen in Devisen- und Zinsderivaten (FAZ, 26.9.2007, 25). Beigetragen haben die bereits erwähnten spekulativen Zins-Währungsgeschäfte (Carry Trades), die Unterschiede im Verhältnis des Außenwerts einer Nationalwährung zum nationalen Zinsniveau ausnutzen, indem sie im Niedrigzinsland Geld borgen, um es im Hochzinsland anzulegen. Die Frankfurter Allgemeine erklärte die Zunahme zum anderen Teil damit, »dass elektronische Handelsplattformen Geschäfte ›per Mausclick‹ ermöglichen«. Man merkt dem Bericht noch das Erstaunen über den technologisch bedingten Systemwandel an, wenn er fortfährt: »Zum Teil werden Geschäfte sogar nur noch von Computern ausgelöst, die gleichzeitig fortlaufend mehrere Handelsplattformen auf kleine Preisunterschiede hin absuchen und ggf. – im Takt von Tausendstel Sekunden – Kauf- und Verkaufssignale auslösen, um von den Kursunterschieden zu profitieren.« Im Kassahandel stieg der Umsatz von 0,6 auf 1 Billion. Darin drücken sich die Kapital- und Warenströme aus. Die Diskrepanz zwischen dem Welthandelsvolumen in Warenpreisen und dem Welthandelsvolumen in Geld rührt zum Teil von der bis zur Großen Krise von 2008ff trotz aller US-Verschuldung kaum bestrittenen Funktion des Dollars als einer »Ersatz-Weltwährung« her.56 Sie bedeutet, dass fast alle Transaktionen zwischen anderen Währungen über ihn abgewickelt werden. »Ein Tausch von chinesischen Yuan in Euro wird also über einen Tausch von Yuan in Dollar und von Dollar in Euro ausgeführt.« Mit dem Effekt dieser Dollarfunktion einer Zwischenwährung summiert sich der Effekt des Zwischenhandels durch die Banken, da Angebot und Nachfrage auf diesem »Marktmacher-Markt« nicht direkt-zentral zusammentreffen wie an der Börse. Findet die Bank keinen Abnehmer, verkauft sie sofort an einen Großhändler. Im Schnitt entfiel in den drei Jahren ca. die Hälfte des Gesamtumsatzes am Devisenmarkt auf die an der BIZ-Erhebung teilnehmenden Großhändler untereinander.57
56 Der Dollar »amounts to a surrogate world currency« (Foster/Magdoff 2008). Den Dollar »Weltgeld« zu nennen, löscht den Widerspruch zwischen dem formellen Zahlungsmittel eines Staates und einer informellen Weltmarktwährung. Bei Marx hängt der Begriff des »Weltgeldes«, mit dem er James Steuarts »money of the world« übersetzt (23/159), an dem der Geldware, die einen Selbstwert im Unterschied zum bloßen Wertzeichen darstellt..
57 Stärker nahmen die »Devisenswaps« zu (im selben Moment Verkauf und auf später terminierter Rückkauf von Fremdwährungsbeträgen), von 0,94 auf 1,7 Bio, und die »Zinsswaps« von 0,6 auf 1,2 Bio. Bei Zinsderivaten lagen die Börsen mit 6,1 Bio vor dem Interbankenhandel aufgrund kurzlaufender Geldmarkt-Terminkontrakte wie dem Euribor-Future. (Ebd.)
5. Hochfrequenz-Werbung
Das spekulative Moment der Ausspähung von Differenzen in der Zeit erobert auf Basis der fürs Börsengeschäft entwickelten Technologie auch den Internet-Werbemarkt. Wie die Konkurrenz um günstige Kurse bei spekulativen Objekten sich an die Grenzen der Zeit herantastete, so nun die Konkurrenz um die Verwandlung von Kundenwünschen in Verkaufschancen. Das Einwerben von Internet-Werbeaufträgen ist ein hart umkämpfter Markt. Was jene Einwirkungsform für die Unternehmen attraktiv machte, war der sinkende Wirkungsgrad der Streuwerbung. Nachdem immer mehr potenzielle Käufer sich primär übers Internet über Angebote informierten, öffnete die Rechentechnologie in drei Stufen den zeitlichen Mikrokosmos für individualisiertes »Echtzeit-Bieten«.
Im ersten Schritt entwickelte Google aus »dem Unterschied zwischen Werbeausstrahlung als solcher und in tatsächlicher Rezeption realisierter Werbung« ein Geschäftsmodell: »Immer und ausschließlich wenn die kleinen Textanzeigen bei Google angeklickt werden, entstehen Werbeeinnahmen. Die Kenntnisnahme quittiert den Empfang. Die Werbung ist selbst noch einmal eingepackt. Von außen verspricht sie noch nicht den Gebrauchswert, sondern ein Gebrauchswertversprechen. Google bekommt Geld, sobald sich jemand entscheidet, sich tatsächlich etwas versprechen zu lassen.« (KdWÄ, 266) Der zweite, für den Werbemarkt nicht weniger revolutionierende Schritt gründet auf der Auswertung des in den Supercomputern des Konzerns fixierten Internetverhaltens der einzelnen Nutzer. »Die Wahrscheinlichkeit, dass die Werbung vom Adressaten angeklickt wird und der Adressat sich für die Werbung öffnet, steigt sprunghaft, wenn es gelingt, Werbung auf die individuellen Käuferprofile hin zu flexibilisieren und schließlich sogar zu individualisieren.« (Ebd.)
Der dritte Schritt bringt die gleiche Hochfrequenztechnik zum Einsatz, die in der Spekulation eingesetzt wird. Für die Internet-Plattformen erschließt sich damit noch einmal ein neuartiger Werbemarkt. Was hier verkauft werden kann, ist die Chance, noch innerhalb der Sekunde zwischen dem Eintippen einer Internetadresse und dem Erscheinen der Seite auf dem Bildschirm »dem Nutzer die passende Werbung einblenden zu dürfen«; Echtzeit-Bieten (Realtime-Bidding) heißt dieses Verfahren, das »die Online-Werbung in den kommenden Jahren revolutionieren könnte« (Schmidt 2010a). Hochleistungscomputer in Verbindung mit schnellen Internetleitungen analysieren, ›entscheiden‹ und bewirken in Millisekunden, welcher Internet-Nutzer welche Werbung eingeblendet bekommt. Schmidt hebt in einer Begleitglosse zu seinem Bericht hervor, dass die »Märkte […] gar nichts davon ahnen, was und wie ihnen dabei geschieht«: »Werbung im Internet wird künftig in dem Moment gebucht, in dem der Nutzer […] ein Interesse an einem Produkt […] gezeigt hat. Das […] mindert Streuverluste. Graphische Werbung im Internet wird künftig in hohem Maße ein Technologieprodukt sein.« (2010b) Google ist der Vorreiter auf diesem Geschäftsfeld. Hochtechnologie wird zur Waffe, mit der Kapital anderes Kapital erschlägt: »Wer in zehn Jahren nicht abgehängt sein will, muss jetzt in Technik investieren.« (Schmidt 2010b)
Die US-Firma Appnexus ging 2010 mittels eines Rechenzentrums in Amsterdam den europäischen Markt »für die vollautomatisierte Form der Online-Werbung« an (Schmidt 2010a; hierher auch das Folgende). Erfassung der Kundengewohnheiten via Cookies ist die Voraussetzung. Mit einem Verfahren, das »Retargeting« (Wieder-zum-Ziel-Machen) heißt, »wird der Nutzer beim späteren Besuch einer anderen Internetseite wiedererkannt«. Soweit die Identifizierung und die Verknüpfung mit dem permanent aktualisierten individuellen Profil, einer Art digitaler Personalakte. Es folgt die mannlose Interaktion zwischen den Metamaschinen im Computerinnern der einschlägigen Marktinteressenten: »In rund 10 bis 20 Millisekunden findet dann eine Auktion zwischen mehreren Werbetreibenden um diesen Werbeplatz und diesen Nutzer statt.« Es geht nicht nur um den Zuschlag der Werbechance. Sondern die Ware eines Anbieters kann auch durch die entsprechende Ware eines konkurrierenden Anbieters unterboten werden. Ein weiterer Nebenmarkt erschließt sich: Datenhandel wird für Internet-Anbieter der betreffenden Produkte zu einem Nebenerwerb. – Als einer der Effekte dieser technologischen Innovation und der von ihr getragenen Geschäftsmodelle zeichnet sich der Transfer von Werbeetats aus dem Fernsehen ins Internet ab, wie zuvor aus den Druckmedien ins Fernsehen.
6. Die Spekulation verschlingt ihre Zeit
Die Zeit der Spekulation ist immer durch sie selbst begrenzt. Es ist vorübergehende Unterschiedszeit. Die Spekulation zehrt von ihr und zehrt sie auf. Sie sägt, kann man sagen, unaufhörlich den Ast ab, auf dem sie gerade sitzt, und sucht immer schon den nächsten. Als solche ist Spekulation im Kapitalismus allüberall am Werk. Es gibt keine spekulationsfreie Zone. Wenn der australische Ökonom Dick Bryan und seine beiden Koautoren Randy Martin und Mike Rafferty (2009, 467 u.ö.) weg möchten von der Fokussierung auf Spekulation, so beruht die konkurrenzgetriebene Kapital-Mobilisierung58 auf nichts anderem als dem Differenzgeschäft, das die Spekulation ausmacht. Wo immer ein Energiestau im System ist, nützt sie das Energiegefälle, und wo ein Stillstand ist, hat sie die Differenz zur Bewegung im Auge. Die Spekulation wirkt als kapitalistische Rationalisierungsmacht, wobei freilich bei jedem Spekulationsgewinn »jemand anderes Verluste machen [muss], denn Spekulationen dieser Art sind Nullsummenspiele, was der eine gewinnt, verliert der andere« (Flassbeck 2007). Wenn Spekulation irrational wirkt, so deshalb, weil die kapitalistische Rationalität dem »methodischen Individualismus« huldigt und gesamtwirtschaftlich, zumal auf die »Ökonomie des ganzen Hauses« (Negt 2001, 408; vgl. HTK I, 124) bezogen, selbst ›irrational‹ ist. Irrational ist der aller Kapitalverwertung eingeborene Selbstzweckcharakter, der die menschliche Selbstzweckhaftigkeit pervertiert und Produktivität und Selbstzerstörung zu den beiden Gesichtern ein und derselben Medaille macht. Die Spekulation spürt verborgene Reserven auf, macht totes Kapitalvermögen zu Geld, erzwingt die Realisierung von Profitsteigerungsmöglichkeiten. Sie drängt auf die Verkürzung der Zwischenzeiten, in denen Kapital sich nicht verwertet, sprich: keine zusätzliche Mehrarbeit einsaugt. Vom Standpunkt des Kapitals ist die den Zusammenhang in seiner Gesellschaftlichkeit und zeitlichen Nachhaltigkeit denkende Vernunft ›irrational‹. Die Hochtechnologie tut nichts anderes, als der Spekulation die Räume der großen Zahl und der kleinen Differenzen zu öffnen und die Zeit – in lebensweltlichen Begriffen gesprochen – aus ihr zu tilgen. Dank dem Geräteensemble, mit dem die Hochtechnologie sie ausstattet, und den Netzwerken, welche die in den Geräten wirkenden digitalen Metamaschinen zu nutzen erlauben, identifiziert die Spekulation in ›gar keiner Zeit‹ ihre gewinnträchtigen Objekte und setzt ihre Operationen in Gang. Sie grast im Nu das System nach Profitpotenzialen ab, und ihre Operationen, mit denen sie die entdeckten Möglichkeiten verwirklicht, verdichten und beschleunigen das System. Ihre hochtechnologische Ausrüstung radikalisiert und totalisiert die Konkurrenz. Jetzt zwingt die Spekulation jedes konkret-einzelne Kapital dazu, nicht mehr nur en bloc mit fremdem Kapital zu konkurrieren, sondern es geht um vergleichende »Kapitalbewertung während des gesamten Kreislaufs« (Bryan u.a. 2009, 467). Nicht das Unternehmen als ganzes, sondern jedes Partikel des Unternehmens wird vergleichend bewertet. Ist es auf der Höhe der Durchschnittsprofitrate? Mit der Kritik an einem »Rentierkapitalismus, bei dem es im Kern darum geht, im Interesse des Geldkapitals kurzfristige Gewinne aus dem industriellen Sektor abzuschöpfen« (Gowan 2007, 158f), ist es daher nicht getan. Was als Finanzgetriebenheit der Unternehmen ins Bewusstsein tritt, ist eine der Formen, in denen »die freie Konkurrenz […] die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend [macht]« (23/286). Eine Reihe von Umständen wirkte darin zusammen, gerade diese zur epochal hervortretenden zu machen. Sie sind zusammengefasst im Begriff des transnationalen Hightech-Kapitalismus und bilden die einzelnen Gegenstände unserer Untersuchung.
58 Für Bryan u.a. bildet die konkurrenzgetriebene Kapitalmobilisierung den Kern der sog. »financialisation«. Wir setzen uns mit diesem mehr verschleiernden als erklärenden Modewort im folgenden Abschnitt auseinander.
Für die anfallenden spekulativen Gewinne bei Transaktionen des Finanzkapitals, denen gemeinsam ist, dass ihnen kein eigenes Mehrprodukt zugrunde liegt, gilt, was Marx im Kapital im Abschnitt über die »Widersprüche der allgemeinen Formel« des Kapitals schreibt: »Der zirkulierende Wert hat sich um kein Atom vergrößert, seine Verteilung zwischen A und B hat sich verändert. Auf der einen Seite erscheint als Mehrwert, was auf der andren Minderwert ist, auf der einen Seite als Plus, was auf der andren als Minus. Derselbe Wechsel hätte sich ereignet, wenn A, ohne die verhüllende Form des Austausches, dem B 10 Pfd.St. direkt gestohlen hätte.« (23/177) Auch der in manchen Theorien zum Wesen erklärte Raub in seinen verschiedenen Formen ist nicht verallgemeinerbar und kann deshalb nicht das Wesen des Prozesses ausmachen. Höchstens könnte man am Kräfteverhältnis zwischen Raub und Produktion etwas über die Grenzen des Kapitalismus (oder zumindest einer bestimmten Phase desselben) ablesen. Bei der gleichsam ›anonymen‹ Spekulation dagegen geht die Umverteilung, sofern sie nicht für einzelne Akteursgruppen einen Abzug am Ertrag bedeutet, auf Kosten des Ganzen. Wenn einer Geldvermehrung keine Produktvermehrung gegenüber steht, kommt es früher oder später zur Geldentwertung. Wenn aber die Produktvermehrung an der Grenze der zahlungsfähigen Nachfrage dieser Produkte stockt, springt der Kredit ein. Er kann der Geldvermehrung die Produktvermehrung folgen lassen und die ungleichen Laufgeschwindigkeiten im Getriebe überbrücken.
Doch wenn die mit stoflicher Produktion und Distribution befasste Wirtschaft, wie weit auch immer ihre Grenzen durch den Kredit hinausgeschoben werden können, zu eng wird, befasst sich gleichsam der Kredit mit sich selbst, wettet auf alles Mögliche und dann auf die Wetten selbst. »Die Tendenz zur exzessiven Spekulation […] hat eine strukturelle Ursache im globalen Überfluss an Anlage suchendem Finanzvermögen« (Deutschmann 2008). Nun stehen aber jedem als Leihkapital angelegten Geldvermögen Schulden gegenüber. In den Metropolen trifft eine wachsende Zahl von Vermögensbesitzern auf immer weniger kreditwürdige Schuldner. »Es entstünde dann eine auf den Kopf gestellte soziale Pyramide, in der es fast nur noch Rentiers gibt, aber kaum Schuldner, die die aus den Vermögen abgeleiteten Forderungen einlösen«, was »zur Vernichtung der Finanzvermögen führen müsste« (ebd.). Ein transitorischer Ausweg ist der Kapitalexport in Länder, wo viele Schuldner existieren (ebd.). So wächst ein Überbau fiktiven Kapitals im Doppelsinn von übermäßigem Bau heran, wie Helmut Schmidt u.a. ihn im Mai 2008 aufs 15-fache des Welt-Brutto-Inlandprodukts geschätzt und als vor dem Zusammenbruch stehend beschrieben haben. Angesichts solcher Disproportion springt ins Auge, dass diese Zahlungsversprechen zwar gehandelt, doch unmöglich gehalten werden konnten. Jeder etwas allgemeinere Anspruch auf Einlösung der Versprechen hätte sie in Luft aufgelöst. Das Schneeballsystem, mittels dessen Bernard Madoff den Reichsten 50 Milliarden Dollar abgaunerte, war demnach zwar ein krimineller Auswuchs, doch zugleich konnte darin »die perfekte Metapher der globalen Krise« (Gil Calvo 2008) gesehen werden. Seit der Tulpenspekulation, deren Blase im Februar 1637 in Amsterdam, der ersten Effektenbörse der Welt, geplatzt ist, hatte jeder spekulative Goldrausch so funktioniert. »Solange die Zahl der Teilnehmer wächst, werden Gewinne verteilt, doch nur bis zu jenem point of no return, ab dem die Dynamik sich umkehrt.« (Ebd.) Ein Unterschied zum kriminellen Betrug kann darin gesehen werden, dass der massenhafte Rückzug einen rasanten Wertverfall der Ansprüche auslöst und deren Geldausdruck auf den Boden zurückholt. Dank eines solchen Mechanismus hätten Madoffs Klienten ihn nicht belangen können.
Die Hebelung (leverage) von Kredit durch Kredit geht so lange, bis irgendwann die Kreditkette reißt, so dass sie sich insgesamt katastrophisch zusammenzieht. Dann schlägt dem über die Hebelwirkung zustande gekommenen Überbau von fiktivem Kapital die Stunde. Wenn dann »Kurzschluss« und »Kettenreaktion« zu Metaphern des Moments werden, nachdem das Kreditwesen mit immer ausgeklügelteren Formen handelbarer Zahlungsversprechen es erlaubt hat, fiktives Kapital zu schöpfen, so deshalb, weil im Moment der Krise, wie Marx sagt, »kein Mensch Zahlungsversprechen brauchen [kann], da jeder nur Barzahlung nehmen will« (K III, 556). Damit das Ende der Krise in Sicht kommt, muss Kapital vernichtet werden (Rogoff 2011). Doch der Spekulation gehört auch dieser Moment. Mit der Wette auf Kapitalentwertung sind auf den Höhepunkten der Finanzkrisen ungeheure Gewinne eingefahren worden. Wir kommen darauf zurück.
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