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Als junge Frau mochte Betty nächtliche Fahrten, wenn eine schwache Glühbirne mit wackelndem Licht das Innere des Jeepneys erhellte und die Gesichter der müden Passagiere zu sehen waren, ihre geschlossenen Augen oder verschleierten Blicke. Sie lernte, sich so an einer Deckenstange festzuhalten, dass sie ihren Kopf in die Armbeuge legen und ein wenig schlafen konnte. Dann war sie aber nicht zur Stelle, wenn Geld für den Fahrpreis oder Wechselgeld durchgereicht wurde, von einem zum andern. Betty fühlte sich im nächtlichen Jeep an urzeitliche Kähne erinnert, an die malaiischen Seefahrer, die von Westen her weitere Inseln ansteuerten, jeder Kahn ein Dorf. Wochenlang fuhren sie von Java her übers Meer und besiedelten Insel um Insel, eng zusammengekauert in einem riesigen Hohlbaum waren sie in der Bucht von Manila angekommen, um hier heimisch zu werden. So schaukelte auch Betty durch die Stadt, als sei sie auf dem Weg zu ihrer Insel, die sie besiedeln würde, umgeben von fremden Leuten, die so eng saßen, dass sie sich gegenseitig stützten; unter diesen Passagieren konnte man nicht vom Sitz fallen. »La pobre inocencia de la gente«, sang Mercedes Sosa auf einer alten Musikkassette, die Celia manchmal einschob. Jede Schnulze, die ein Jeepneyfahrer laut scheppernd laufen ließ, schien Betty zu versprechen, dass dieses arme Volk unschuldig sei.
Aber an schlechten Tagen, wenn sie müde und mit Kopfschmerzen erwachte, hangelte sie sich kraftlos in den Jeep, verdammte die Lautsprecher, die plärrend ihre Schmerzen verstärkten. Manchmal war sie den Tränen nahe, wenn sie eineinhalb Stunden am Boulevard stand, unter lauter Leuten, die ebenfalls auf eine Gelegenheit warteten, nach Hause zu kommen, und verregnet wurden, weil es nichts nützte, unter dem Unterstand zu warten. Der war zu klein und kein Jeep fuhr bis zum Unterstand. Man musste sich auf die Fahrbahn hinauswagen, einem Jeep nachrennen und aufspringen, sonst war er voll und brauste an den nassen Leuten vorbei, die da unglücklich warteten. An solchen Tagen schien sich die Stadt gegen sie zu wenden. Dann klammerte sich Betty an ihrer Tasche fest, um nicht auch noch bestohlen zu werden. Es kam vor, dass sie auf die Wasserlachen nicht mehr achtete und knöcheltief in dreckiger Brühe stand. Das war auch nicht schlimmer als scheel angeblickt zu werden, weil ihr Tränen übers Gesicht liefen.
Aber selbst an solchen Tagen wurde sie froh, wenn an einer Kreuzung auf einer Plakatwand, haushoch über allen Wartenden das Gesicht von Jet Li zu sehen war. Von Hand gemalt, mit hellroten Backen und leuchtendem Blick thronten stets Filmstars über dem Verkehr. Übermenschlich. Sharon Cuneta. Fernando Po Junior. Und manchmal auch der Kämpfer aus Beijing, mit listigem und doch freundlichem Blick, die Hände zu einer Drachenkralle geformt.
Wenn ein neuer Kung-Fu-Streifen lief, musste Betty allein ins Kino. Ihre Freundinnen zogen Woody Allen vor, alles mit Jodie Foster oder Susan Sarandon. Sie verstanden nicht, was Betty daran fand, die ganz alten Filme von Jackie Chan, die sie vom Fernsehen kannte, auf Kassette zu suchen, im Wohnzimmer von Celia immer wieder anzuschauen. Sie seien doch kaum von einander zu unterscheiden: Immer läuft der dumme Junge von zu Hause fort, wird weggejagt, weil er zu blöd zum Leben ist. Und dann findet er seinen Meister – streng, stumm und gütig. Stundenlang sieht man den Jungen üben, bis er wirklich kämpfen kann und ein Einsehen hat, ein bisschen weise wird – gerade rechtzeitig, um den bösen Feind seines Meisters zu besiegen.
Betty liebte die eine Szene, die in keinem Film fehlen durfte: Der dumme Junge muss eine kleine Teetasse auf Stecken balancieren, dabei turnen, die Tasse von einem auf den andern Stecken springen lassen, bald jongliert er mehrere Tassen, bewegt sich immer schneller, aber nie gehetzt, schließlich scheint er zu tanzen. Nichts darf zu Boden fallen.
Einen Meister des Kampfsports fand Betty lange nicht, aber sie behauptete sich in der Stadt und sie bewunderte ihre neuen Tanten, die sie alle Tita nannte, die vielen Freundinnen von Celia, Frauen über vierzig, die ihr Vater als verrückt bezeichnet hätte, denn sie trugen ab und zu ein buntes Stirnband und Glitzerschmuck, färbten graue Haare nicht schwarz, vertraten stur ihre Meinung, tanzten noch immer auf Partys, ab und zu tranken sie recht viel.
Tita Rosa legte allen die Karten. Zahlen, Junker und Königinnen verbanden sich mit Waldgöttern, verwehten Feen, Spielern und Guerilleras zu einem Netz, das die ganze Welt umspannte, sich ständig bewegte, keine Verbindung war fest geknüpft, stets musste ein neuer Ausweg gesucht werden aus der Nacht der Seelen. Rosa blickte in der Regel mit verschlossenem Gesicht auf ihre Karten und bat die Besucherinnen, den Eingang selbst zu wählen. Sah sie die Zukunft klar, versteifte sich ihr Rücken und sie sprach mit einer tieferen Stimme, in kurzen Sätzen.
Man musste ihr nicht glauben. Tita Marilyn lehnte alles ab, was an Vorsehung und Weihrauch erinnerte. Wenn sie schon etwas getrunken hatte, erzählte sie von ihrem Buch, das alles enthielt, was zur Zeit des Diktators geschehen war, was aber niemand zu sagen wagte, weil es wenig heldenhaft war. Sie nannte es Autobiographie und schickte die Kapitel, die sie fertig geschrieben hatte, an eine Freundin in Übersee, verlor ständig ihre Kopien, Festplatten gingen kaputt, Disketten verloren. Dann schickte ihr die Freundin aus Übersee die alten Kapitel zurück. Sie waren stets kürzer und farbloser, als Tita Marilyn gehofft hatte. So war es ihr egal, wenn sie nochmals verloren gingen. Das Buch, das sie schreiben wollte, bestand weiter als Ahnung. Neue Seiten, die entstanden – alle paar Monate – gingen per Luftpost ab. Im Kreis der Freundinnen erzählte sie davon. Betty hatte nie etwas zu lesen gekriegt.
Wie die anderen jungen Frauen, die sich um die älteren scharten, erhielt sie bezahlte Aufträge von Tita Gloria. Mit Tonbandgeräten streiften sie durch die Armenviertel der Stadt, sammelten Aussagen, schrieben Berichte, Tita Gloria reiste zu Konferenzen der Vereinten Nationen und trug ihre Schlüsse daraus vor. Machte Vorschläge. Manchmal versammelten sich alle Tanten vor dem Regierungsgebäude und demonstrierten gegen eine Preiserhöhung, gegen Armut, Atomwaffen, Imperialismus, Vergewaltigung und Bordelle. Junge Frauen trugen dann die Transparente.
Betty stellte sich vor, dass sie Jet Li als Onkel neben sich hatte, wenn sie an Soldaten vorbeigingen, die ihre Maschinenpistolen in Anschlag hielten. Sie blickte in die dunklen Visiere und brüllte weiter Parolen, wurde heiser dabei und träumte von einer ruhigen kleinen Wiese vor Hongkong, von einem letzten Kampf, der ganz geordnet stattfand, in chinesischen Gewändern mit weit geschnittenen Ärmeln. Nach dem verdienten Sieg könnte sie langsam über die Wiese gehen, eine Strähne aus dem Gesicht streichen und im Wald verschwinden.
Im Schatten der Bäume würde sie auch Ruhe finden vom ständigen Aufruhr der Liebschaften. Und vom Heimweh. War sie nachts einmal allein im Haus von Tita Celia, sah sie den kleinen Hausaltar vor sich, den die Mutter täglich pflegte. Die ausbleichenden Fotos der Großeltern. Früchte, die ihnen dargeboten wurden. Räucherstäbchen und eine kleine Statue der heiligen Jungfrau Maria. Manchmal weinte Betty, bis ihr die Augen brannten. Vor jenem Altar hatte sie sich früher abgeschirmt gegen den Lärm der Straße und die Hektik des Fernsehprogramms, auch gegen die Stimmen der Geschwister. Wenn sie sich im Anblick der weißgrauen Fotografien verlor, reagierte sie auf gar nichts mehr, was an sie herangeredet wurde.
Eines Nachts, als sie im Haus von Tita Celia zu weinen aufgehört hatte, rief sie ihre Mutter an. Die flüsterte in den Apparat. Fortan trafen sie sich heimlich in einem Einkaufszentrum, um Nachrichten auszutauschen.
Am Sonntagmorgen stand Betty besonders früh auf und ging ziellos spazieren. Es erhob sich kein Verkehr. Selbst die Boulevards blieben seltsam leer. Man sah fast nur Menschen, die zu Fuß gingen. Vögel waren zu hören und die Dunstglocke, die sich an Wochentagen über alles legte, lichtete sich gegen Mittag. Es kam vor, dass am Sonntag ein Stück blauer Himmel zu sehen war. Aus den offenen Kirchen waren Lieder zu hören. Kinderchöre und einsame Priesterstimmen, Hallelujatruppen, klassische Motetten. Alles verband sich auf den Straßen, angenehm ausgedünnt und leise verhallend, mit den Vogelstimmen. Betty hielt es mit Tita Rosa, die sich als Heidenkind bezeichnete, wenn sie die Karten legte. Den großen Religionen stand sie nicht feindselig, aber vorsichtig distanziert gegenüber. Sie sei ab und zu in eine Kirche getreten, habe vom Rand her zugehört, was da gemurmelt, gepredigt oder gesungen wurde, habe hin und wieder ein Gebet gesprochen und sei dann weitergegangen. Am Sonntagmorgen ging Betty von einem Quartier ins andere, sah überall kleine Altäre und zollte ihnen, ohne sich etwas anmerken zu lassen, ihren Respekt. Auf dem Armaturenbrett jedes Jeepneys, der leer herumstand, fand sich eine kleine Statue aus fluoreszierendem Material; wohlriechende, blühende Rosenkränze baumelten über den Auslagen der Straßenverkäufer, daneben verschwammen die dunkel tränenden Augen von Saint Francis. So verlor sie sich in den Straßen und war nicht erreichbar für Zoten, die ihr nachgerufen wurden. Tita Celia kritisierte sie scharf. Man dürfe nicht leichtsinnig werden. Dieser Stadt sei nicht zu trauen, dem frommen Gesäusel schon gar nicht.
Es standen Prüfungen an. Betty zog sich in ihr Zimmer zurück und lernte. Ihre Freundin kam nicht mehr vorbei, weil sich Betty stets neu verliebte, aber schnell eifersüchtig wurde, wenn das der Freundin auch geschah. Bettys Stadt war nach innen gewachsen, in die Häuser hinein, die Studentenheime auf dem weiten grünen Campus der Staatsuniversität, in verschachtelte Häuser im Hinterhof einer Bäckerei. Betty lernte, in einem Zimmer, in dem fünf Leute schliefen, einen Orgasmus zu genießen, von dem niemand, der nicht beteiligt war, etwas mitbekam. Sie nannte das Implosion. Im Innersten der Stadt zerfiel sie im Glück, fand sich in einem dunklen Himmel wieder, in einer unbekannten Stille. Die suchte sie auch in Stundenhotels, die reichere Freundinnen zahlten, sah sich nackt im Spiegel, der über dem Bett an der Zimmerdecke angebracht war; oder in einer Villa am Stadtrand und in einem Raum, den eine Prinzessin eingerichtet hatte. Ein sanftes Paradies in Rosa und Hellblau, mitten in einem wuchernden Quartier aus ärmlichen Hütten.
Die »Vita« behauptet, dass Betty in jener Zeit auf eine Entscheidung zusteuerte, einen Ausbruch. Sie soll begonnen haben, an den Ratschlägen der Titas zu zweifeln und offen mit ihnen zu streiten. Die Kritik an ihrem Lebenswandel nagte an ihr; vor den Prüfungen hatte sie Angst, das Geld war knapp, es regnete in Strömen. Nur Jet Li schien unverwüstlich über allem zu thronen. Er sprang nicht nur, er flog durch die Nacht über dem Boulevard und den Passagieren, die nass gespritzt wurden, während sie auf eine Fahrgelegenheit warteten.
Manchmal fuhr Betty eine Freundin unwirsch an, die nach ihrem Befinden fragte. Von einer Party lief sie weg, ohne irgendjemandem gesagt zu haben, dass sie plötzlich nichts mehr hörte. Als seien ihre Ohren dicht. Nachts schlief sie schlecht. Sie träumte von bleiernen Jeeps, die im Meer versanken. Still ergaben sich die Passagiere dem Wasser. Betty erwachte schreiend. Aber es sei ihr gelungen, den Atem zu beruhigen. Betty habe auch Worte gefunden, um murmelnd Mut zu schöpfen. Eine Ahnung von etwas Größerem habe sich eingestellt und breit gemacht. Eine neue Rührung. Eines Tages sei sie zu Tita Celia ins Wohnzimmer getreten und habe verkündet, von nun an wolle sie sich dem Ernst des Lebens stellen. Noch in derselben Woche zog sie in ein Personalzimmer des größten städtischen Krankenhauses. Es wurde schwierig, den Kontakt zu Freundinnen zu halten, die in anderen Quartieren wohnten. Aus den Volksmassen, die Tita Gloria in ihren Berichten an die Vereinten Nationen beschworen hatte, wurden nackte Arme mit Brandwunden, geschwollene Bäuche, blasse verängstigte Gesichter, Familien, die im Halbrund um die Betten standen oder den Flur blockierten, weil sich auch dort Bett an Bett reihte. Betty sah viele Leichen. Amputierte Füße. Röntgenbilder und blutige, da neugeborene Babys. Sie schätzte ihre Uniform, die grünliche Hose und das weit geschnittene Oberteil. Dass die Farbe bald ausbleichte, verstärkte die Wirkung: Jeder, der Betty sah, wusste sofort, dass sie hierher gehörte, sich auskannte und immer dann lächelte, wenn es nötig war. Es galt, jede kleine Zehe zu verstehen, jede Verfärbung der Haut genau zu studieren, die Zutaten sämtlicher Medikamente auswendig zu wissen und die Kürzel auf dem Monitor des Tomographen, der heiß lief im Keller und gekühlt werden musste, damit er nicht verrückt spielte.
Im Wechsel von Station zu Station vergingen die Jahre. Als Betty die dreißig überschritten hatte, suchte sie eine neue Freundin, wie schon so oft, aber diesmal fand sie einen Meister. Auch er war Krankenpfleger. Jeden Morgen trainierte er und hatte bald Schüler. Betty war seine einzige Schülerin. In den Bewegungen, die sie von ihm lernte, kam ihr Körper in einen neuen Zusammenhang. Alles verband sich immer besser und manchmal, in besonders guten Momenten, schienen ihre Arme und Beine mit den kleinen Jungen auf der Straße ihrer Kindheit verwandt und dem Basketball; der Wind spielte in die Routinen hinein, wenn er übers Dach des Spitals wehte und ans Ufer der Bucht von Manila, wo sie auf einem leeren Parkplatz trainierten. Die Beine schnellten hoch und schwer fuhr eine Faust aus. Betty stellte fest, dass sie gefährlich werden konnte.
Aber der Meister spornte sie nicht nur an, er beruhigte sie auch. Wenn sie krank war und Fieber hatte, kam er in ihr Personalzimmer und trocknete mit einem weißen Frotteetuch ihre Haut ab, den Rücken, den Nacken, die Arme und die Rinne zwischen den Brüsten. Er schien sie nicht anzublicken dabei. Trotzdem fühlte sie sich nicht wie eine Patientin im Spital. Etwas Mütterliches brachte er ihr entgegen, eine ständige Sorge um die richtige Temperatur ihres Körpers, egal ob ein Fieber wütete oder nicht. Auch im Training war darauf zu achten, dass der Schweiß nicht offen floss, dass kein Windhauch in die Tropfen fuhr, Wasser durfte nicht auf der Haut trocknen, die Abkühlung nach einem Kampf musste langsam vonstatten gehen. Des Teufels war kaltes Wasser auf einem heißen Körper, eine plötzliche Dusche konnte Krämpfe und Schockzustände hervorrufen. Das widersprach den Lehrbüchern nicht, die Betty studiert hatte, aber es kam darin auch nicht vor. Die mütterlich-meisterliche Lehre der Wechsel, des sanften Übergangs und der Schirmung im richtigen Moment breitete sich außerhalb der Arbeitszeit in ihrem Leben aus, sie wirkte immer dann, wenn Betty frühmorgens einen stillen Winkel aufsuchte, um zu turnen. Auch in Europa, als sie dem Orden beigetreten war, trug sie ein weißes Frotteetuch über die rechte Schulter geschlenzt, wenn Sommer war und manche Bewegung zu einem Schweißausbruch führte. Petra sagte einmal, dass sich Betty Wang überall auf der Welt zu Hause fühlen werde, wo sie genug Zeit finde, sich nach einer Anstrengung langsam abzukühlen.
Vom Meister wurde erzählt, er sei lange in Nordamerika gewesen, als einziger philippinischer Schüler von Bruce Lee. Andere sagten: als Masseur von Bruce Lee. Wahrer Erbe des Filmstars war er für alle. In der Gegend ums Spital würde die Kampfkunst zu neuer Blüte gelangen, wenn der Meister endlich eine richtige Schule gründen und die Uniform des Krankenpflegers an den Nagel hängen könnte. In dieser Hoffnung lebte auch Betty, bis sie wieder begann, in die Stadt auszuschweifen, alte Freundinnen und Titas zu besuchen, nach kurzen Gesprächen verstimmt zu verschwinden und sich treiben zu lassen, in Jeepneys zu steigen, von denen sie nicht wusste, wohin sie fuhren. Sie entdeckte Kampfsportschulen in mehreren Stadtteilen, erfuhr von einem zweiten einzigen philippinischen Schüler von Bruce Lee und wollte sich nicht ausdenken, wie viele es noch gab auf dem Archipel, den siebentausend Inseln voller Leute, die darauf hofften, dass hier endlich etwas ganz Großes aufblühte.
Betty verlor sich an ihren freien Tagen in der Stadt, weil ihr Vater gestorben war. Eines Tages hatte die Mutter angerufen. Die Nachricht wirkte erbarmungslos. Blieb Betty allein in ihrem Zimmer, stürzten hundert fratzenhafte Gesichter des Toten auf sie ein. Stumm schrien sie und trieben Betty aus dem Haus. An der Beerdigung nahm sie teil, als sei sie eine Fremde. Die Geschwister schienen sie nicht herzen zu wollen. Einen klaren Gedanken konnte sie nicht mehr fassen. Da war nur der Wille auszufahren. Wo sie auch hinkam, war alles falsch. Was die Titas sagten, die Freundinnen empfahlen, die Mutter anmahnte, klang schrill und daneben, ein wiederholter Affront, und dem Meister wagte sie nicht mehr ins Gesicht zu blicken, seit sie an seiner Geschichte zweifelte. Ihn zu fragen, wie es denn wirklich gewesen sei mit Bruce Lee, hätte ihr das Herz gebrochen.
Als sie mehrmals die Morgenübungen verschlafen und bei der Arbeit zwei Medikamente verwechselt hatte, steigerte sich ihre Unruhe zu Panik. Ihr Leben drohte in Scherben zu gehen, sie wäre am liebsten in eine Wand gerannt und wollte bellen, wenn ein Patient vor ihr lag und leise winselte. Alles Mitgefühl war dahin. So schnell wie möglich musste sie aus dem Spital, der Stadt, dem Archipel verschwinden. Als ihr ein Inserat am Anschlagbrett ins Auge sprang, glaubte sie sich von höherer Stelle erhört: »Hongkong« stand da, »Privatklinik«, »Hokkien-Chinesisch erwünscht«, das war genau auf sie zugeschnitten. Sie würde mit Jacky Chan ihren Kinderdialekt sprechen und modernste Maschinen bedienen. Die Stelle war sofort anzutreten.
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