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»Weil die Wohnung das nicht hergibt.«
»Und eine andere Wohnung mit einem Zimmer mehr können wir uns nicht leisten«, fügte meine Mutter hinzu, die sich fleißig Tee nachschenkte.
»Na, wunderbar. Damals hatten wir doch auch eigene Zimmer.«
»Ja, aber da waren wir auch nur zu viert.« Mein Vater blickte mich an.
»Oh, wunderbar.« Lukas schäumte vor Wut. »Und was schlägt der Familienrat vor? Zieht Kevin aus?«
»Nein, wir haben einen Vorschlag für euch beide.« Papa trank einen Schluck Tee.
»Ja, da es nun mal nicht anders geht, haben wir uns überlegt, dass wir feste Besuchertage abmachen. Das bedeutet, dass Kevin zweimal in der Woche, also von Montag bis Sonntag, Schlafbesuch haben darf. In der Zeit schläfst du hier im Wohnzimmer, Lukas.« Mama faltete die Hände ineinander.
»An den zwei Tagen werden wir es uns nach dem Abendessen im Schlafzimmer gemütlich machen.« Papa nahm sich ein Taschentuch, drehte sich um und nieste. »Entschuldigung, es kribbelte schon die ganze Zeit.
»Gesundheit«, sagten wir einheitlich.
»Danke. So, also, was haltet ihr davon?«
»Klingt gerecht.« Kevin und Lena tauschten einen Blick aus. »Hey, Luke, irgendwann wirst auch ein Mädchen finden und dann werde ich auch auf dich Rücksicht nehmen.« Kevin griff nach Lenas Hand.
Lukas überlegte. »Na, gut. Aber ich bestimme die Tage. Mittwoch und freitags.«
»Okay.«
»Super, einverstanden.« Meinem Vater stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, während Angela noch wie auf Kohlen saß.
»Ist noch etwas?«, fragte ich. Irgendetwas lag in der Luft. Ich spürte es in jeder Pore meines Körpers.
»Ja, Thomas, möchtest du?« Mama stand auf und holte aus der kleinen Kommode, die man noch neben den Fernsehertisch und der Fensterbank gequetscht hatte, einen großen Umschlag heraus.
»In Ordnung.« Er nahm den Umschlag entgegen und öffnete ihn. »Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, denn wir haben uns darüber vorher nie Gedanken gemacht.« Er tauschte einen Blick mit seiner Frau, die ihm ermutigend zunickte.
»Es geht um dich, Jordan.«
Ich erstarrte. Ein Schauer überfiel mich. Wenn er so anfing, konnte es nichts Gutes sein.
»Damals, als wir dich adoptiert hatten, wussten wir nichts über dein altes Leben.«
»Wir wussten nichts über deine leiblichen Eltern, nur dass du in verschiedenen Heimen warst, bevor wir dich zu uns genommen hatten«, verbesserte Angela ihren Mann und fasste ihn am Unterarm.
»Ja, genau. Wir dachten, dass deine Vergangenheit nie ein Thema in unserer Familie sein würde, denn wir lieben dich, du bist unsere Tochter.«
»Und das wirst du auch immer sein.« Mama seufzte.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Was redeten sie da? Ich verstand nur Bahnhof. Damit ich nicht vom Stuhl kippte, hielt ich mich krampfhaft am Sitz fest, so dass meine Handknöchel weiß hervortraten.
»Kommt doch mal zum Punkt. Jordan ist schon ganz weiß um die Nasenspitze«, bemerkte Kevin und deutete auf mich.
»Okay, entschuldige. Wir wussten zuerst nicht, ob wir dir das erzählen sollten, doch dann wurde uns bewusst, dass du vielleicht irgendwann mal etwas über deine leibliche Familie erfahren möchtest.«
»Papa, Mama, was ist denn nun?« Lukas nahm unserem Vater den Umschlag aus der Hand und öffnete ihn. Einige Formulare eingepackt in Klarsichtfolien rutschten aus dem Umschlag. Zwischen ihnen befand sich ein Foto. Ich beugte mich über den Tisch und nahm es an mich.
»Was ist das?« Ich runzelte die Stirn, als ich auf dem Foto ein kleines, in Eigelb gestrichenes Haus erkannte.
»Vor ein paar Wochen wurden wir von einer Erbermittlungsagentur angeschrieben, die uns mitteilten, dass dein leiblicher Großvater gestorben sei.« Papa holte aus dem Briefumschlag einen weiteren kleineren Umschlag, den er mir gab. »Erst dachten wir, es sei ein geschmackloser Scherz, denn wir hatten dich damals anonym adoptiert.«
»Doch nachdem wir mit der Agentur telefoniert hatten, versprach eine Mitarbeiterin uns, weitere Angaben über das Erbe zu schicken.« Mama nahm das zweite Anschreiben.
»Hier, durch die Recherchen der Agentur wurde auch ein Stammbaum erstellt, der dich vielleicht interessiert.«
Brian Jameson --------Mary-Ann Jameson
(1932--2012) (1932--2000)
I I
I-------------------------------I
I
I
Sue-Ann Jameson -----------?
(19570--1996) I
I I
I------------------------- I
I
I
Jordan Vogel (Jameson)
(25.11.1995-- )
»Meine leibliche Mutter ist tot.« Ich spürte, wie ein Kloß in meinem Hals anschwoll und ich kaum noch Luft bekam. Obwohl ich wusste, dass ich adoptiert war, konnte ich meine jetzigen Gefühle kaum beschreiben. Ich fühlte mich, als stünde ich vor einem übergroßen Staubsauger, der anfing jegliches Leben aus mir zu saugen.
»Darf ich das Bild mal haben?«, fragte Lena.
Ich war wie erstarrt, so dass ich es einfach auf den Tisch fallen ließ. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Bitte schaut mich doch nicht so an, wollte ich sagen, doch der Kloß in meinem Hals hinderte mich daran.
»Dein Vater ist unbekannt.«
Das weiß ich auch, schrie meine innere Stimme.
Meine Mama stand auf und nahm mich in den Arm. »Es tut mir leid. Ich wollte, ich hätte bessere Neuigkeiten für dich.«
Ich schluchzte wegen Menschen, die ich nicht kannte.
»Wir wussten nicht, ob wir es dir überhaupt erzählen sollten, doch hast du ein Recht darauf, es zu erfahren.« Papa schenkte sich Tee nach, stand danach auf und brühte in der Küche neuen Tee auf. Danach kam er mit einer vollen Kanne und einem Paket Taschentücher zurück.
Kevin und Lukas hatten es sich bereits auf ihren Stühlen bequem gemacht. Sie sahen besorgt aus, wussten nichts zu sagen. Vielleicht war es auch besser so, denn was konnte man in so einer Situation schon entsprechendes sagen?
»Hier ist deine Geburtsurkunde. Die Agentur arbeitet mit Anwälten vor Ort zusammen. Dort können wir einen Termin abmachen, die uns dann alles genau erklären.«
Ich nahm ein Taschentuch und tupfte mir die Wangen ab. Danach warf ich einen Blick auf die Urkunde.
»Ich bin Amerikanerin«, murmelte ich. Anhand meines dunklen Teints wusste ich mit Sicherheit, dass ich aus dem Ausland nach Deutschland kam, doch dass ich in Amerika, besser gesagt in Oklahoma geboren wurde, hatte ich nicht erwartet.
»Ja.«
»Also besitze ich ein Haus in Amerika?« Ich räusperte mich einige Male, damit der Kloß in meinem Hals verschwand. Trotzdem zitterten meine Knie und die Angst–oder war es Neugierde? , hing mir im Nacken.
2
Kansas, Juli 1868
»Sadie, warte auf mich!«, rief Rachel und sprang von ihrem Pferd ab.
»Komm schon, es ist herrlich.« Sadie sprang in ihrem Unterhemd ins Wasser. Rachel dagegen streifte sich vorsichtig den Rock ab und watete wie ein langbeiniger Vogel in den glasklaren Fluss.
»Warte! Ich bin noch nicht so weit.«
»Ist es nicht traumhaft?« Sadie schlug ein paar Wellen und spritzte Rachel nass.
»Ah, Hilfe.« Rachel hob die Arme, als ob sie das vor dem Wasser schützen könnte. Sadie lächelte.
»Warum hast du nicht auf mich gewartet? Du weißt doch, dass Peggy nicht so schnell laufen kann.«
»Ich konnte einfach nicht widerstehen.«
»Denkst du, jemand ist uns gefolgt?«
»Ich denke nicht. Sonst hätten wir es sicher bemerkt. Hab keine Angst, es wird alles gut gehen. Wir schwimmen doch nur.«
»Weiß dein Vater, dass wir hier sind?« Rachel blickte sich ängstlich um.
»Nein, er ist nicht daheim. Ich habe meiner Mutter eine Notiz hinterlassen, dass wir einen längeren Ausritt unternehmen.« Sadie schwamm auf Rachel zu. »Wovor hast du solche Angst?«
Der morgendliche Dunst legte sich entlang des Arkansas River und umhüllte die Freundinnen wie eine unsichtbare Hand.
Der reißende Fluss entsprang in den Bergen, hinab in die Great Plains, wo er sich zu einem ruhigen Strom entwickelte.
»Um diese Zeit kommt hier niemand vorbei.«
»Na ja, aber es könnte doch sein.«
»Rachel, nun mach dir keinen Kopf. Es wird schon alles gut gehen. Wir wollen doch nur ein bisschen Spaß haben. Oder hast du Lust, schon wieder im Tümpel zu baden? Dort, wo uns die Jungen immer beobachten? Außerdem brauchst du keine Angst zu haben, die Sträucher am Ufer schützen uns vor den Blicken anderer.«
Rachel schlug Sadie eine Ladung Wasser ins Gesicht, die erschrocken untertauchte. Sadie liebte das Wasser und wünschte sich in einem anderen Leben ein Fisch zu sein, obwohl das absurd war. Schließlich würde sie als Fisch nicht lange überleben.
Ein Rascheln ließ Rachel zusammenzucken. »Sadie, ich glaube, da ist jemand.«, flüsterte sie und rüttelte an der Schulter ihrer Freundin.
Sadie tauchte auf und blickte ihre Freundin an.
»Ich glaube, da ist jemand«, wiederholte Rachel und legte sich die Hände vor die Brust.
»Ich sehe niemanden.« Sadie blickte sich suchend um.
»Dort drüben, im Gebüsch.« Rachel deutete mit dem Kopf in die andere Richtung.
Sadie drehte sich um. »Ich sehe niemanden, Rachel. Bestimmt war es nur der Wind«, beruhigte sie sie.
»Und wenn es einer von ihnen ist? Ich habe Angst.« Rachel wollte schon wieder aus dem Wasser, doch Sadie ergriff ihre Hand.
»Rachel, meine Liebe. Du bist doch meine beste Freundin, oder?«
Rachel nickte.
»Denkst du, ich würde mit dir irgendwo hingehen, wenn ich wüsste, dass es gefährlich ist?«
»Nein.« Rachel senkte den Blick.
»Also, ich habe dich lieb.« Sadie küsste Rachel auf die Stirn. »Und nun lass uns schwimmen. Der Tag ist viel zu kurz, um sich Sorgen zu machen.« Sie ließ sich ins Wasser fallen und schwamm auf dem Rücken weiter hinaus. Die ersten Sonnenstrahlen tanzten auf ihren Wangen. Sie atmete seelenruhig ein und aus.
»Rachel, du weißt doch, dass du hier nicht schwimmen darfst«, rief jemand vom Ufer aus.
Erschrocken drehten sich die Mädchen um und konnten Matthew sehen.
»Und warum bist du dann hier?« Rachel blickte ihn wütend an. Sie liebte ihren kleinen Bruder abgöttisch, doch mochte sie nicht von ihm beobachtet werden.
»Mama sagt, ich soll auf dich aufpassen.« Seine goldenen Locken klebten auf seiner Stirn.
»Geh nach Hause, Matthew!«, sagte Rachel. Sie hatte sich so weit ins Wasser getraut, dass nur noch ihr Kopf zu sehen war. Schließlich war es ihr auch unangenehm, dass ihr Bruder ihre Freundin und sie halbnackt beim Baden erwischt hatte.
»Nein, tut mir sehr leid.« Wie altklug er immer tat. »Ich hab Mama versprochen auf dich aufzupassen.«
»Bitte, Matthew, geh jetzt zurück. Es ist viel zu gefährlich hier.«
Matthew lächelte, nahm die am Ufer liegenden Kleider der Freundinnen und setzte sich auf sein Großpony. »Auf Wiedersehen, ihr beiden.«
»Oh, Matthew, komm sofort zurück!«, befahl sie wütend und ballte ihre Hände zu Fäusten.
Sadie schwamm zu ihrer Freundin zurück. »Sieht wohl so aus, als würden wir im Unterkleid nach Hause reiten«, scherzte sie.
»Ich finde das gar nicht witzig.« Rachel schmollte.
Sadie konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
Als hinter ihnen Wasser spritzte, drehten sich die Freundinnen wütend um, um Matthew erneut zu tadeln. Doch sie erschraken. Mit klopfenden Herzen fassten die beiden sich an den Händen und blickten einer am Flussufer stehenden Gestalt mit nacktem Oberkörper entgegen.
Durchdringend schaute er Sadie mit seinen saphirblauen Augen an. Ihr Herz setzte aus. Auch wenn sie die Meinung ihres Vaters nicht teilte, schnürte sich ihre Taille beim Anblick eines waschechten Indianers wie ein geschlossenes Korsett zu. Er kam einen Schritt näher, woraufhin die beiden Freundinnen sich noch fester an den Händen hielten. Sein kantiges Gesicht, die pechschwarze Kriegsbemalung ließen seine Augen noch ausdrucksvoller wirken. Sadie beobachtete ihn genau.
Ihr Vater, Jason O’ Connor war Soldat in der siebten Kavallerie und ein Feind der Indianer. Immer wieder hatte er mit seiner Frau Caroline und ihr Verhaltensübungen für den Ernstfall durchgeführt. Doch jetzt war die Liste, die sich in ihr Gehirn gebrannt hatte, wie ausgelöscht. Es war als hätte sie nie existiert.
Vorsichtig hob er seine Hand, in der er eine zischelnde Schlange hielt, die aus seinem festen Griff nicht entkommen konnte.
Sadie und Rachel umarmten sich. Was würde der Indianer vor ihnen jetzt tun?
Mit zusammengekniffenen Augen warteten sie.
Ein Knacken ließ Sadie zusammenzucken. Als sie ihre Augen öffnete, lag die Schlange tot im Wasser und der Indianer war fort. Das Gebüsch hatte ihn verschluckt.
Im Nachhinein schämte sie sich für ihr Verhalten. Nur durch die Vorurteile anderer hatten sich die beiden so undankbar verhalten.
Sadie und Rachel wrangen am Ufer ihre Unterwäsche aus, bevor sie sich auf den Rückweg machten. Ihre Herzen klopften immer noch wie wild.
»Das bleibt aber unser Geheimnis, ja?«, sagte Rachel, nachdem sie sich auf Peggy gesetzt hatte. Ihre kleine Haflingerstute schnaubte zufrieden.
»Aber natürlich. Ich möchte nicht von meiner Mutter deswegen getadelt werden.« Ebenfalls stieg Sadie auf ihren Appaloosawallach, Beauty. »Jetzt reiten wir erst einmal zu mir. Meine Mutter ist in der Siedlung, so dass wir uns dort anziehen können. Ich habe sicher noch passende Kleider für dich.«
Der Weg war beschwerlich. Die feuchte Kleidung klebte an ihren Körpern und hinterließ eine Gänsehaut. Sie wollten so schnell wie möglich in ihre gewohnte Umgebung nach Hause zurück.
Doch ihr Plan scheiterte, als Sadie den Einspänner vor dem Haus entdeckte.
Caroline O’Connor trat mit verschränkten Armen vor der Brust auf die Veranda. Die Mädchen hielten an und stiegen ab.
»Oh, je. Deine Mutter sieht aber nicht besonders gut gesinnt aus.« Rachel warf ihr blondes Haar über die Schulter.
»Komm, wir bringen die Pferde in den Paddock.« Die Mädchen führten ihre Pferde ins Gatter hinein. Von dort aus konnte man in die angrenzende Scheune gehen, wo es Hafer und Heu gab.
Insgesamt besaßen die O’ Connors drei Kühe, drei Pferde, einige Hühner und einen Hahn.
»Hallo, Mutter. Warst du heute gar nicht in der Siedlung?«
»Aber ja, sicher war ich das.« Sadie spürte den tadelnden Blick ihrer Mutter, den sie nur hatte, wenn sie wirklich erbost war. »Hallo Rachel.«
»Hallo, Mrs. O’ Connor.«
»Grüße doch bitte deine Mutter von mir, wenn du nachher nach Hause reitest.«
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Caroline, die viel zu schön für eine Mutter war. Mit ihrem langen dunklen Haar, welches locker zu einem Zopf gebunden war und ihrer schmalen Taille, die nicht verriet, dass sie jemals ein Kind geboren hatte.
»Es tut mir sehr leid, Mutter. Wir haben die Zeit vergessen und sind zu spät.«
»Habt ihr eure Kleider in der Prärie verloren?« Sie zog eine Augenbraue hoch.
»Nein, Mrs. O’ Connor.« Rachel legte die Hände auf den Rücken und blickte beschämt zu Boden.
»Am besten kommt ihr erst einmal mit ins Haus. Ihr holt euch noch eine Erkältung.« Caroline verschwand im Haus, gefolgt von den beiden Freundinnen.
Von einem schmalen Flur konnte man durch einen Torbogen links in die Küche und rechts in den Wohnbereich schauen. Ein großes Erkerfenster spendete viel Tageslicht, so dass man abends mit einem Buch lange am Fenster sitzen konnte. Da die O’ Connors sehr wohlhabend waren, gab es einen Zuber im Haus, drei Kamine und einen neuen gusseisernen Kohleherd, worum ihre Freundinnen Caroline beneideten.
Sadie und Rachel setzten sich auf die Bank in der Küche und warteten, bis Caroline das Wasser aufgesetzt hatte.
»Nun, was habt ihr mir zu erzählen? Und wagt es ja nicht, mir etwas zu verschweigen.« Sie hob drohend den Zeigefinger.
»Wir waren im Fluss schwimmen.« Sadie wagte es nicht, ihre Mutter anzublicken.
»Grundgütiger. Du weißt, wenn dein Vater das erfährt, wird es Hausarrest geben.«
»Ja, ich weiß.«
»Wie oft haben wir dir gesagt, dass ihr euch nicht alleine vom Grundstück entfernen sollt? Und schon gar nicht im Arkansas River baden?«
»Oft genug.«
Durch das Pfeifen des Wasserkessels war Caroline für einige Minuten abgelenkt und Sadie atmete wieder gleichmäßig. »Können wir uns was Trockenes anziehen?« Sadie rutschte von der Bank. Die durchweichte Unterwäsche klebte an ihrer Haut und ließ sie frösteln.
»Ja.« Caroline nickte. »Ihr kommt danach aber wieder zu mir.«
»Danke, Mrs. O’ Connor.« Rachel stand auf und folgte Sadie ins obere Stockwerk.
Ihr Zimmer war das erste auf der rechten Seite. Von hier aus hatte man einen atemberaubenden Blick über das kleine Wäldchen bis hin zur Grassteppe. Und wenn man ganz genau hinsah, konnte man in der Ferne die Anfänge der Rocky Mountains erkennen.
»Hier, ich habe noch ein Kleid für dich.« Sadie reichte ihrer Freundin ein marineblaues Kleid mit hohem Kragen. »Und dann habe ich hier noch einen Unterrock, den schenke ich dir. Deine nasse Unterwäsche hängen wir in der Sonne auf, dann kannst du sie beim nächsten Besuch mitnehmen.« Sadie zog sich vorsichtig die Unterwäsche aus, was Rachel sehr unangenehm war. Sie drehte sich zur Wand und schlüpfte erst in den Unterrock, bevor sie die Unterwäsche abstreifte. Nun wollte sie natürlich schnell nach Hause, um sich frische Unterwäsche anzuziehen. Wahrscheinlich warteten ihre Eltern schon mit Strafarbeiten auf sie.
In einem rubinroten Kleid trat Sadie in die Küche, wo die Teetassen bereits auf dem Tisch standen.
»Nun trinkt erst mal den Tee.«
»Das ist sehr nett Mrs. O’ Connor, doch ich muss nach Hause. Meine Eltern machen sich sicher schon Sorgen.« Rachel verschränkte die Hände hinterm Rücken.
»Ja, aber sicher doch.«
Sadie verabschiedete ihre Freundin an der Tür.
»Es tut mir alles so leid«, murmelte sie. »Wahrscheinlich bekommst du jetzt wegen mir Ärger.«
»Nein, ich hätte ja nicht mitkommen müssen.«
Die Freundinnen umarmten einander.
In der Küche fühlte sich Sadie auf einmal verloren. Rachel hatte ihr stets den Rücken gestärkt.
Sie setzte sich und legte die Hände um den warmen Becher.
»Deine Freundin hat einen sehr aufmerksamen Bruder.« Caroline stemmte die Hände in die Hüften.
»Kann schon sein. Wann hast du ihn denn gesehen?«, fragte Sadie beiläufig, die Augen in den Becher gerichtet.
»Heute. Er kam zu mir und brachte mir deine Kleidung. Danach erzählte er mir, wo ihr wart.«
»Aber wir haben wirklich nichts Unzüchtiges gemacht. Wir haben uns abgekühlt. Der Fluss ist so schön, anders als das Wasserloch nahe der Siedlung.«
»Mag sein. Es geht trotzdem nicht. Ich kann dir nicht etwas erlauben, was dein Vater dir ausdrücklich untersagt hat.«
»Er muss es doch gar nicht wissen. Bitte, Mama. Bitte, sag ihm nichts.« Sadie legte all ihre Hoffnungen in den Satz, wobei sie ein kleines Stoßgebet zum Himmel schickte. »Ich werde es bestimmt auch nicht wieder tun, versprochen.« Sadie biss sich auf die Lippe, denn sie wusste nicht, ob sie Letzteres einhalten konnte. »Wenn wir im Wasserloch gebadet hätten, wäre vielleicht eine Kutsche vorbeigekommen und die Herrschaften hätten uns in Unterwäsche gesehen.« Natürlich behielt sie das Treffen mit dem Indianer für sich.
»Ach, Sadie. Wir waren alle mal jung. Ich habe damals auch viele Streiche mitgemacht, doch du musst erkennen, was gefährlich ist und was nicht.« Sie hielt aufzählend den Daumen und Zeigefinger fest. »Und ich bitte dich, halte dich an die häuslichen Regeln. Es geht nicht, dass du dich, wenn dein Vater fort ist, benimmst, als wäre ich nicht da. Ich bin immer noch deine Mutter.« Caroline setzte sich ihrer Tochter gegenüber und nahm Rachels unberührten Becher.
3
In der darauffolgenden Nacht konnte Sadie einfach nicht einschlafen. Sie drehte sich erst auf die eine und dann auf die andere Seite. Sie versuchte sogar die altbekannte Form des Schäfchenzählens, doch der Schlaf kam nicht. Immer wieder dachte sie an den gestrigen Tag. Er fing so schön an, dachte sie, außerdem ging ihr der Indianer nicht aus dem Kopf. Er hatte keine Miene verzogen, Sadie nur tief in die Augen gesehen und sie beobachtet. Aber warum hatte er sie nicht angegriffen, so wie Vater es ihr gesagt hatte? Warum hat dieser Indianer den Freundinnen das Leben gerettet, indem er diese giftige Schlange getötet hatte?
Fragen, die in dieser Nacht unbeantwortet blieben, denn in den frühen Morgenstunden schlief Sadie ein und betrat das Reich der Träume.
»Guten Morgen, mein Kind«, begrüßte Caroline ihre Tochter. Sie zog die Gardine zur Seite und öffnete das Fenster. »Es ist ein schöner Tag. Ich hoffe, du hast dich gestern noch ausgeruht.« Caroline hatte Sadie gestern noch aufgetragen, was sie die nächsten Wochen für Strafarbeiten zu tun hatte. Sadie hatte gestöhnt, doch war ihr bewusst, dass es keine Widerrede gab, denn sonst erführe es ihr Vater. Danach würde sie die Sonne nie mehr zu Gesicht bekommen. Was Verbote anging, war Jason O’ Connor sehr eisern.
»Komm doch nachher mit in die Siedlung. Adam würde sich sicher freuen.« Caroline schüttelte die Bettdecke aus. Sadie gähnte und stand auf. »Vorher fange ich erst mit meinen Arbeiten an.« Schlaftrunken führte sie der Weg zu der neben dem Haus stehenden Latrine. Wenn sie nur daran dachte, das Häuschen zu säubern, wurde ihr schon unwohl, doch war diese Tätigkeit Bestandteil der Liste. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinab.
Danach blickte sie zu dem Paddock, wo Beauty ihr den Kopf entgegenstreckte. Als sie hinüberging, schnaubte dieser und stupste sie mit seiner weichen Nase an. »Guten Morgen, mein Junge. Hast du wenigstens gut geschlafen?« Sadie tätschelte dem Wallach den Hals und ging wieder hinein.
Eine halbe Stunde später stand Sadie in Knickerbocker, einer wadenlange Hose mit weiten Beinen, und einer beigefarbenen Bluse in der Küche.
»War Matthew heute schon da?«
»Nein.« Caroline bereitete Frühstück zu.
»Dann wird er wohl gleich kommen.« Sadie setzte sich.
»Nein, tut mir leid.« Caroline leckte sich die Fingerspitzen ab. »Er war da, aber ich habe ihm gesagt, dass du ab sofort seine Arbeiten für die nächste Zeit erledigen wirst. Die Ställe säubern, Eier sammeln, Kühe auf die Weide bringen.«
»Aber er braucht doch das Geld.« Sadie war sprachlos.
Caroline verzog keine Miene. »Keine Sorge, er bekommt sein Geld, nur du wirst seine Arbeiten erledigen.«
Sadie wollte gerade etwas erwidern, doch sie schluckte die Worte hinunter. Schweigend nahm sie sich eine Scheibe Brot und aß sie mit etwas Marmelade, die Caroline in der Siedlung erworben hatte.
Letztes Jahr hatte sie noch selbst Marmelade und Honig hergestellt, doch sie war dazu einfach nicht gemacht. Caroline hatte immer den Luxus genossen, andere für sich arbeiten zu lassen. Was ihr hier im Westen anfangs schwergefallen war.
Seit im Jahre 1863 das Bundesgesetz Homestead Act beschlossen wurde, strömten Menschenmassen in den Westen, um ein neues Leben zu beginnen. Dort suchten sie sich ein Stück unbesiedeltes Land, bauten ein Haus, meistens zuerst ein Grassodenhaus, und begannen das Farmland zu bewirtschaften.
Nach fünf Jahren wurden die Siedler zu Eigentümern, manchmal auch eher, vorausgesetzt, man hatte das Geld dazu. Auch Caroline kam mit Sadie in den Westen. Sie hielt es an der Ostküste nicht mehr ohne ihren geliebten Ehemann aus, wollte ihm so nah sein wie möglich. Da er seit geraumer Zeit mit der Kavallerie durch die Great Plaints zog, besuchte er sie immer mal wieder spontan. Er beauftragte Handwerker, um seiner Familie ein wunderschönes Haus mit mehreren Kaminen zu bauen, eine Stallung und Zäune für die Tiere. Dazu eine Köchin, die hin und wieder seiner Frau unter die Arme greifen sollte.
Caroline wollte nicht mit den anderen Frauen in der Siedlung oder im Umkreis verglichen werden. Sie wollte gesehen werden, wollte von den Männern angeschmachtet werden, trug mit Stolz ihre edlen Kleider und war ein gern gesehener Gast beim Kaffeekränzchen oder bei Veranstaltungen.




