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»Wann fährst du in die Siedlung?«
»Nach dem Frühstück. Du wärst dann bitte so lieb und spannst Blacky vor den Wagen.«
»Aber natürlich.« Sadie aß ihr Brot auf, trank ihre Milch und stand auf.
»Ich brauche noch einen Moment. Mach du deine Arbeiten im Stall fertig und dann fahren wir zusammen.«
Sadie freute sich. Schnell spannte sie Blacky, das Pferd ihrer Mutter, vor den Einspänner, mistete die Ställe aus und führte die Kühe auf die Wiese. Caroline war immer noch nicht zu sehen, deshalb sattelte Sadie Beauty schon einmal. Caroline war ein ungeduldiger Mensch und vermochte es nicht zu warten. Warten tue ich schon mein halbes Leben auf deinen Vater, pflegte sie zu sagen.
»Mutter, bist du fertig?« Sadie ging ins Haus und lugte in Küche und Wohnzimmer. Niemand war zu sehen.
»Ich komme.« Caroline trat aus dem Schlafzimmer. Ihre weißen Handschuhe und der grazile Hut erinnerten an die Frauen aus dem Osten. Die feinen Ladys, wie die Frauen in der Siedlung sie immer nannten.
»Und wie findest du dieses Kleid?« Caroline drehte unten im Flur eine Pirouette.
»Sehr hübsch.«
Es war ein hochgeschlossenes grün-schwarz kariertes Kleid mit einer Brosche am Hals, die ein Erbstück ihrer Großmutter war. Irgendwann würde Sadie die Brosche mit Stolz tragen müssen. »Blacky steht fertig vor dem Haus und Beauty ist gesattelt.«
»Wieso Beauty?« Sie sagte es mit so einer Verachtung in der Stimme, dass es Sadie in der Seele wehtat.
»Weil ich doch mit in die Siedlung komme.« Angestrengt überlegte Sadie, ob sie etwas falsch verstanden hatte.
»Ja, doch wirst du mit mir fahren. Beauty kannst du auf die Weide stellen.«
Sadie verschlug es den Atem. Sie hatte noch nie einen Tag mit dem Reiten ausgesetzt.
Caroline bedeutete ihr mit einem Nicken, dass sie zügig machen solle.
Traurig und wütend zugleich sattelte Sadie ihren Wallach ab und führte ihn zum Tor der Weide. Dort würde er sich einsam fühlen. »Ich bin bald wieder zurück. Nicht traurig sein.«
Caroline saß derweil schon auf dem Bock, die Zügel fest in der Hand.
»Nun komm schon. Wir wollen doch noch im Laden einkaufen. Adam ist bestimmt auch da.«
»Ja, sicher.« Sadie kletterte auf den Bock und setzte sich neben ihre Mutter.
Der Wagen fuhr vom Hof Richtung Siedlung. Caroline fuhr die Kutsche so schlecht, wie sie ritt.
Zum Glück war Blacky ein ruhiges und geduldiges Pferd, kannte die Strecke, brachte Caroline sicher zur Siedlung und wieder zurück. Deshalb war sie ganz durcheinander, wenn Jason daheim war. Er forderte die Stute, so dass diese schwitzend und schnaubend am Ziel ankam.
Auf der Fahrt redeten Caroline und Sadie kein Wort miteinander.
Sadie schloss die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Obwohl sie sich täglich draußen aufhielt, wurde sie nicht braun.
Der holprige Pfad weitete sich zu einem breiten sandigen Weg aus, der direkt zum Siedlungsplatz führte. Dort stand eine hundertjährige Eiche.
Am Anfang taten sich einige Menschen zusammen und fingen an, sich eine kleine Siedlung um den Baum, ihrem Wahrzeichen, zu bauen. Inzwischen hatte sich viel verändert.
Ein Jahr nach der Gründung kam ein Arzt, gefolgt von einer jungen Frau, die sich ein eigenes Leben aufbauen wollten.
Mittlerweile hatte sich der Arzt gut etabliert und die Frau hatte eine eigene Zeitung herausgebracht. Dort stand der neuste Klatsch der Nachbarschaft: Rezepte; wann die nächste Postkutsche kommen sollte und was man als Pionier im Westen sonst noch wissen musste.
Mittlerweile gab es auch einen Sheriff Joe und sein Sohn Chris, eine Poststation mit Telegrafenamt und ein Café.
Sie hielten vor dem Laden, wo Mr. Greene mit grimmiger Miene die Kunden begrüßte.
»Hallo, Mr. Greene«, sagte Caroline, als sie an Blackys Zügeln zog, so dass das Pferd abrupt stehen blieb.
»Guten Tag, Mrs. O’ Connor. Sie sehen heute wieder bezaubernd aus. Darf ich Ihnen behilflich sein.«
Er bot ihr seinen Arm an. Sein graues Haar hatte er streng zur Seite gekämmt und seine Augen wirkten müde, fast zu müde.
»Gerne, danke.« Sie hakte sich bei ihm unter und hob ihr Kleid etwas an.
Bei Regen war der Boden äußerst rutschig, so dass die Frauen sich auf der Veranda aufhielten, um ihre Kleider nicht zu beschmutzen. Doch Sadie mochte dieses Wetter ebenso wie die Trockenheit, wenn der Staub aufgewirbelt wurde, was den Damen ebenfalls nicht gefiel. Im Moment war eindeutig letzteres Wetter. Dieser Sommer war wieder sehr warm und trocken.
»Wie geht es Ihnen, Mrs. O’ Connor? Kommt Ihr Gatte bald nach Hause?«
»Ich hoffe doch. Sadie und ich vermissen ihn sehr.« Caroline folgte Mr. Greene in den Laden.
Eine kleine Theke, verschiedene Regale, die unter der schweren Last der Ware ächzten, und viel zu viele Menschen erwarteten einen im Ladeninneren. Sadie schlich sich immer in ein zweites, noch schmaleres Zimmer. Eine Bibliothek, die nur eröffnet worden war, weil ein Fremder auf der Durchreise eine Kiste mit Büchern vergessen hatte, die sorgfältig von Sadie, Rachel und anderen Siedlern in die Regale von Mr. Greenes zweitem Raum gestellt worden waren. Dort sollten sie verweilen, bis der rechtmäßige Besitzer zurück in die Siedlung kam, um sie abzuholen. Doch er kam nie zurück und so blieben die Bücher.
Die Ruhe und der Duft der Bücher ließen Sadie aufatmen. Sie setzte sich in den abgewetzten, grünen Ohrensessel und schloss die Augen. Zu dieser Tageszeit kamen nicht oft Leser in die Bibliothek, sie drängelten sich in die Zeitungsräume von Ms. McKenzy, um eine Ausgabe der druckfrischen Gazette zu ergattern.
Für Caroline legte die Herausgeberin immer eine Ausgabe zurück, damit sie sich nicht in den Strom der drängelnden Siedler einreihen musste.
»Hallo, Sadie.«
Eine Stimme riss Sadie aus ihren Gedanken, die wieder um den Indianer kreisten.
»Oh, hallo. Entschuldige, ich habe ein wenig die Augen zugemacht.«
»Das ist mir nicht entgangen.« Adam erschien auf der Bildfläche und lächelte Sadie mit seiner großen Zahnlücke an.
»Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen. Wie lange bist du schon hier?«
»Eine Weile.« Seine grünen Augen leuchteten wie die Blätter der großen Eiche in der Sonne.
»Deine Mutter schickt mich, sie möchte gleich zu Mary-Jane.«
Oh, wie lange saß ich bloß hier und wie lange ist Adam schon hier?
Sadie rieb sich die Stirn. »In Ordnung, dann sollte ich wohl meine Mutter nicht warten lassen.« Sadie stand auf, strich sich ihre Knickerbocker glatt und nickte Adam zu.
Caroline stand auf der Veranda und beobachtete Dr. Andrews, der ihr die Einkäufe auf den Einspänner hievte. Meine Mutter konnte einfach jeden um den Finger wickeln. Sadie schüttelte verständnislos den Kopf.
»Ach, da bist du ja. Ich hatte Adam gebeten dich zu holen.«
»Ja, jetzt bin ich ja da.« Sadie strich sich das Haar aus der Stirn.
»Gut, Dr. Andrews war so freundlich, uns mit dem Einkauf zu helfen.«
Sadie musterte Dr. Robert Andrews, der eine Schwäche für Caroline zu haben schien, genau. Er trug seine dicke Hornbrille immer etwas schief auf der Nase und sein abgetragener Nadelstreifenanzug verriet nicht, dass er der Arzt war. Vielleicht war es beabsichtigt?
»Wollen wir zusammen speisen, Mrs. O’ Connor?«, fragte Dr. Andrews.
»Oh.« Caroline legte sich die Hand auf die Brust. »Ich weiß nicht. Weißt du nicht, dass ich verheiratet bin, Robert?« Ein charmantes Lächeln huschte über ihre Züge.
»Ja, doch. Selbstverständlich. Es tut mir leid.« Er hob seinen Hut an. »Schönen Tag, Mrs. O’ Connor, Sadie.« Dr. Andrews ging hinüber zur Klinik.
»Ist er nicht nett?« Caroline blickte ihn hinterher. »Komm, wir sollten gehen.«
»Ja, doch.« Sadie folgte ihrer Mutter über die Straße, hinter Ms. McKenzys Zeitungsgeschäft hinüber zu Mary-Janes Café. Hier bekam man täglich drei leckere Mahlzeiten, hausgemachten Kuchen und für besondere Anlässe war auch genug Platz.
Sadie mochte den Tisch an der Wiese. Dort hatte man einen wunderschönen Blick auf die kleine Kirche, versteckt am Waldanfang. Zwei aneinandergebaute Räume, die das Haus Gottes waren.
Caroline bestellte zwei Portionen von Mary-Janes berüchtigtem Schmorbraten mit Gemüse, doch bevor die Gerichte auf den Tisch kamen, brachte sie Caroline und Sadie zwei Becher Wasser.
»Guten Tag, ich hoffe, es geht euch gut.« Mary-Jane war eine mollige Frau mit einem Doppelkinn. »Kommt Jason zur Sonntagsmesse? Reverend Edwards hat etwas ganz Besonderes für unsere Soldaten geplant.« Sie kam etwas näher und legte sich die Hand an den Mund. »Es darf aber keiner wissen.« Und natürlich wusste sie es, denn Mary-Jane war der Mittelpunkt der Siedlung.
Jeder in der Stadt kam zu ihr, aß etwas, tauschte Neuigkeiten oder Geheimnisse aus.
Und sie hatte jede Menge gut gehüteter Geheimnisse.
Während Caroline sich mit Mary-Jane unterhielt, erblickte Sadie zwei Tische weiter Rachel mit ihrer Mutter. Rachel beobachtete Matthew, wie er um sie herumlief und sich einen Platz suchte. Sadie winkte, als Rachel aufblickte, doch Rachel winkte nicht zurück. Enttäuscht senkte Sadie den Arm und stand auf.
»Hallo, Sadie«, begrüßte Mrs. Douglas die Freundin ihrer Tochter.
»Hallo, Mrs. Douglas, Matthew, Rachel.«
Rachel blickte verträumt auf. »Oh, entschuldige. Ich habe gerade geträumt.« Ihr geflochtener Zopf hing ihr über der Schulter.
»Hab ich mir gedacht.« Sadie rieb sich den Arm. »Was machst du heute hier in der Stadt?«
»Ich helfe meiner Mutter beim Einkaufen. Jetzt machen wir eine kurze Pause, bevor wir wieder zurückfahren.«
»Das ist richtig. Im Moment muss Rachel mir mehr im Haushalt helfen«, sagte Mrs. Douglas und schaute Sadie mit einem prüfenden Blick an. Ihre breiten Hüften und großen Brüste verrieten, dass sie durch und durch Mutter war. Außerdem hatte sie einen gut trainierten Bizeps, der von ihrer täglichen fleißigen Arbeit kam. Deshalb wusste Sadie, dass Mrs. Douglas keine Hilfe benötigte, doch wie sie selbst musste auch Rachel Strafarbeiten verrichten.
»Und was führt dich hierher?« Mrs. Douglas drehte den Kopf.
»Ich helfe meiner Mutter ebenfalls.« Sadie deutete zu Caroline, die sich blendend mit Mary-Jane unterhielt und mal wieder von ihrer Umgebung nichts mitbekam.
Plötzlich polterte es und der zappelnde Matthew fiel mit dem Stuhl um.
»Mensch, Kind. Ich habe dir gesagt, du sollst dich benehmen.« Mrs. Douglas stand auf und half Matthew auf die Beine, der vor Schreck weinte. Schnell untersuchte sie ihn mit den Augen einer Mutter. Er hatte eine kleine Platzwunde am Kopf. »Ich gehe mit ihm zu Dr. Andrews, bitte bleib hier sitzen«, sagte sie an Rachel gewandt. Sie hob drohend ihren Finger.
»Matthew. Ich glaube ich sollte ein Buch über ihn schreiben«, scherzte Rachel und spielte an ihrem Zopf.
»Das würde sich sicher gut verkaufen. Sag mal, hast du deiner Mutter etwas über den Indianer erzählt?« Sadie setzte sich und verschränkte ihre Arme auf dem Tisch. Bevor sie das Wort „Indianer“ in den Mund nahm, blickte sie sich um, als würde sie jemand beobachten.
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Rachel flüsternd. Ihren Zopf mittlerweile fest in der Hand. »Meine Mutter hat sich schon über das Baden im Fluss aufgeregt. Ich meine«, Rachel hielt kurz inne, »sie hat ja recht, die Strömung hätte uns mitreißen können. So gute Schwimmerinnen sind wir ja nicht.« Rachel biss sich auf die Lippe.
»Bereust du es immer noch, mitgekommen zu sein?«
»Nein, ich bin froh.« Sie lächelte, doch spürte Sadie diese Anspannung in der Stimme ihrer Freundin, die ihr Angst machte.
»Irgendwas bekümmert dich doch?« Sadie legte den Kopf schief.
»Ich habe sehr viel Ärger bekommen und darf mich im Moment nicht mehr mit dir treffen. Sie meinte, du hättest keinen guten Einfluss auf mich.«
Sadie stockte der Atem, doch wusste sie, dass dieser Satz Rachel schwer über die Lippen kam.
»Ich dürfte nicht mal mit dir hier sitzen. Meine Mutter tadelt mich sicher daheim.«
»Das tut mir sehr leid. Können wir uns trotzdem heimlich treffen?« Sadie konnte sich ein Leben ohne Rachel nicht vorstellen. Sie waren fast täglich zusammen.
»Im Moment ist es besser, ich höre auf meine Mutter.«
Dabei wollte Sadie Rachel so gerne von ihren Träumen erzählen, von dem Indianer und dass sie ihn wiedersehen musste.
4
Lübeck, 2012
Es dauerte fast eine Woche, bis wir einen Termin bei Dr. Joachim Stein, einen renommierten Anwalt für Erbrecht, bekamen.
In dieser Woche bekam ich natürlich kein Auge zu. Immer wieder nahm ich mir das Foto und begutachtete das Haus. Es sah gepflegt aus, hatte gehäkelte Gardinen vor den Fenstern und Blumentöpfe auf der schmalen Veranda. Mit dem Daumen strich ich über das Bild. Schade, dass ich kein Foto von Brian und Mary-Ann hatte oder sogar von Sue-Ann. Wie gerne hätte ich gewusst, ob ich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen hatte.
Wenige Stunden vor dem Anwaltstermin machte mein Herz einen Satz. Ich war so aufgeregt und doch hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Ich versuchte, die Aufregung zu unterdrücken, denn ich wusste, dass Mama das Herz blutete. Sie war schließlich die Frau, die mir zum ersten Mal das Gefühl gab, zu irgendjemand dazuzugehören. Im Herzen war sie meine Mutter.
Mit einer dicken Mappe unterm Arm stieg ich in den bordeauxroten Fiat Stilo.
Obwohl Kevin immerzu nach dem Auto fragte, durfte er ihn nie fahren. Unser Vater wollte das Lenkrad nicht aus der Hand geben, denn sonst würde er das Auto nie mehr wiedersehen. Was ja auch stimmte, denn wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen war, dann war es schwer sich wieder zu trennen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken, mit meinem Vater morgens zur Bushaltestelle zu gehen, während Kevin hupend an uns vorbeifuhr.
Wir fuhren am Holstentor, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Lübecks, vorbei.
Das spätgotische Gebäude gehörte zu den Überresten der Stadtbefestigungsanlage. Im späten Mittelalter war man der Ansicht, die Stadt vor Bedrohung schützen zu müssen, und erbaute daher eine Stadtbefestigung mit vier Stadttoren. Zwei von ihnen standen heute noch. Das Burgtor im Norden und das Holstentor im Westen.
Wir fanden zähneknirschend einen Parkplatz, nachdem uns dreimal der Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wurde.
»Komm, wir sind spät dran.« Papa blickte auf seine Uhr und zog uns mit sich durch die Altstadt, bis wir in einer Einkaufsstraße standen und nach dem Eingang zwischen den vielen kleinen Geschäften Ausschau hielten.
Ein schäbiges Treppenhaus führte uns ins Dachgeschoss, wo eine modern eingerichtete Anwaltskanzlei uns empfing. Eine Sekretärin öffnete uns die Tür und begrüßte uns mit einem breiten Lächeln. Sie trug eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock mit hochhackigen Schuhen, auf denen sie besonders gut laufen konnte. Sie bot uns Kaffee an und bat uns im Wartebereich Platz zu nehmen, bis Dr. Stein uns aufrief.
Ich blätterte in den neusten Illustrierten, als ein kahlköpfiger Mann mit großer Nase und kleiner Brille zu uns kam und meinen Namen rief: »Jordan Vogel.«
»Ja, das bin ich.« Ich meldete mich wie in der Schule und stand auf.
Wir folgten Dr. Stein in ein kleines Büro mit vielen Familienfotos an den Wänden. Er nahm hinter einem großen Mahagonischreibtisch Platz und bat seine Sekretärin durch eine Sprechanlage, einen weiteren Stuhl zu bringen, da nur zwei schwarze Sessel vor dem Schreibtisch standen.
»Also.« Er faltete die Hände. »Erzählen Sie mir, warum Sie mich aufgesucht haben.«
»Ich hatte Ihrer Angestellten schon erzählt, dass wir Post von einer Erbermittlungsagentur aus Gera bekommen haben. Sie müssen wissen, dass wir Jordan mit zehn Jahren aus dem Waisenhaus zu uns geholt haben«, sagte Mama und setzte sich auf den Klappstuhl, den die Sekretärin ins Büro gestellt hatte.
»Danke, Vivien«, sagte Dr. Stein.
Nickend lehnte sie die Tür an, um wenig später mit zwei Kaffeebechern und einem Wasserglas zurückzukommen.
Ich reichte Dr. Stein meine Mappe und beobachtete, wie er die Unterlagen darin studierte.
»Das klingt doch alles ganz positiv, vorausgesetzt, Sie wollen das Erbe annehmen.«
Ich fühlte mich auf dem großen Sessel fehl am Platz und rutschte so weit nach hinten, dass meine Beine in der Luft hingen. »Ach, bevor ich es vergesse…« Ich nahm meine Handtasche und holte das Foto, welches ich sorgfältig in die Seitentasche gesteckt hatte, heraus. »Hier, dieses Foto hat die Agentur mitgeschickt.«
»Mm, nett.« Er räusperte sich. »Wenn Sie möchten, kann ich die Erbangelegenheiten für Sie übernehmen. Ich werde mich mit der Agentur in Verbindung setzen und die Unterlagen anfordern.«
»Das klingt gut.« Mein Vater saß schweigend in dem Sessel neben mir und rieb sich das Kinn.
»Falls Sie das Erbe annehmen, verlangt die Agentur 25% vom Erbe. Das ist aber im normalen Bereich. Und wie ich es hier ablesen kann, haben Sie ganz gut geerbt, Frau Vogel.« Er blickte mich an. Mir war das alles sehr unangenehm. Sollte ich wirklich Hausbesitzerin in Amerika werden?
»Mir ist nur wichtig, dass meine Tochter keine Schulden erbt«, sagte mein Vater und richtete sich gerade auf.
»So wie ich es hier sehe, wird sie definitiv keine Schulden haben. Zwar ist das kleine Häuschen keine Villa, doch haben ihre Großeltern eine hohe Ersparnis, die jetzt auf Jordan übertragen wird.«
Er drückte auf den roten Knopf der Sprechanlage und bat Vivien Kopien von den Formularen zu machen. »Am besten melde ich mich bei Ihnen, wenn ich Bescheid von der Agentur habe. Sicher wollen Sie dann auch nach Amerika und sich das Haus ansehen, oder?« Dr. Stein stand auf und suchte in einem Regal hinter sich ein Buch über Amerika heraus. »Ich bin wirklich beeindruckt, wie ein Kind aus Amerika nach Deutschland kam und hier adoptiert wurde.«
»Wir wissen nicht viel über Jordans Vergangenheit«, sagte Angela. Sie rieb sich über die Nase.
»Ich habe hier noch ein Buch über Amerika, vielleicht möchten Sie einen Blick hineinwerfen.« Er legte es vor mir auf den Schreibtisch. Es war so dick, dass ich Mühe hatte, die ersten Seiten aufzuschlagen. Im Register suchte ich nach Oklahoma und wurde schnell fündig. Das Haus lag in Midwest City, die vor zwei Jahren die achtgrößte Stadt in Oklahoma war.
»Bevor Sie nach Amerika reisen, sollten Sie sich ein bisschen informieren, schließlich sind Sie gebürtige Amerikanerin und sollten etwas über das Land wissen.« Er schob seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht. »Wenn Sie möchten, dürfen Sie sich das Buch ausleihen und bringen es mir zum nächsten Termin wieder mit.«
»Wirklich?« Ich freute mich und mir fiel wieder ein, wie meine Mutter mich vor einigen Wochen wegen Erdkunde ermutigt hatte. Jetzt war mein Kampfgeist geweckt und ich wollte mich in dem Fach mehr anstrengen.
»Was Sie natürlich bedenken sollten«, unterbrach Dr. Stein meine Gedanken. »Ein Haus muss man pflegen, man muss viel Geld hineinstecken. Strom, Wasser, Heizung, alles muss bezahlt werden. Das erfordert eine Menge Arbeit. Ich weiß nicht, ob Sie das von Deutschland aus schaffen.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Es sei denn, Sie verkaufen das Objekt.«
Mein Herz setzte aus. Ich rutschte auf dem Sessel nach vorne und nahm einen Schluck Wasser. Verkaufen wollte ich auf keinen Fall. Es war das Letzte und Einzige, was ich von meiner leiblichen Familie hatte.
»Ja.« Mama seufzte.
»Falls Sie meinen letzten Vorschlag in Erwägung ziehen sollten, könnte ich Ihnen dabei helfen. Ich habe Kontakte in die Staaten.« Dr. Stein bedachte mich mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte.
»Ja, danke. Das ist sehr lieb von Ihnen.« Ich hielt das Buch fest umschlungen und blickte zur Tür, als Vivien meine Akte nahm, zum Kopierer im Flur ging und ein Blatt nach dem anderen vervielfältigte.
Dabei summte sie eine Melodie vor sich hin, die wahrscheinlich nur ich hören konnte, denn niemand anderes sagte etwas.
Der restliche Nachmittag war entspannt. Ich saß in meinem Zimmer und blätterte in dem ausgeliehenen Buch. Es machte mir plötzlich richtigen Spaß, die einzelnen Städte in Oklahoma zu suchen. Währenddessen fuhr ich meinen Laptop hoch und gab ins Suchfeld Midwest City ein. Der größte Arbeitgeber war United States Air Force. Wirklich interessant.
Vielleicht hatte mein Großvater dort gearbeitet? Vielleicht gehörte er zu einer der Fliegertruppen, doch konnte er im Zweiten Weltkrieg nicht beteiligt gewesen sein, da war er ja erst sieben Jahre alt.
Jetzt ging meine Fantasie aber mit mir durch. Ich schüttelte den Kopf und überhörte, dass meine Mutter mich zum Essen rief. Erst als es an der Tür klopfte und Lukas seinen Kopf ins Zimmer steckte, stand ich auf und folgte ihm in die Küche.
»Heute gibt es Lasagne«, sagte Mama erfreut und stellte die Auflaufform auf den Tisch.
Es war Freitag und Lena war zu Besuch. Diesmal saßen wir in der Küche, obwohl es hier noch enger war als in der Wohnstube.
»Also, erst einmal muss ich sagen, ich bin froh, dass es doch sehr gut klappt mit unserer Besuchsregelung«, sagte unser Vater, nachdem Mama seinen Teller aufgefüllt hatte. »Und dann seid ihr sicher neugierig, wie es heute beim Anwalt war.«
»Ich sterbe vor Neugierde«, sagte Lena und füllte sich ebenfalls auf.
Kevin schmunzelte und küsste Lena auf die Wange.
»Möchtest du erzählen, Jordan?« Mein Vater blickte mich an.
»Gerne.« Ich zog den Stuhl an den Tisch heran. Danach hielt ich meiner Mutter den Teller zum Auffüllen hin. »Der Anwalt meinte, ich hätte nicht nur das Haus geerbt, sondern auch viel Geld. Ich sollte mir aber überlegen, ob ich das Haus nicht lieber verkaufen möchte, da es ja in Amerika steht.« Ich steckte eine Gabel mit Lasagne in den Mund. »Recht hat er ja, doch weiß ich nicht, ob ich das kann. Es ist wahrscheinlich das Einzige, was mir von meiner leiblichen Familie geblieben ist. Vielleicht könnte man es vermieten«, schlug ich vor.
»Das ist unmöglich. Du musst vor Ort sein, um bei Gelegenheit Dinge zu reparieren oder Sachen zu klären.« Unser Vater trank einen Schluck Wasser.
»Aber ich möchte dort so gerne mal hin.« Ich machte einen Schmollmund. »Was wäre, wenn wir in den Sommerferien alle nach Amerika fliegen? Wir könnten uns das Haus ansehen und vielleicht einige Sachen mit nach Deutschland nehmen. Vielleicht gibt es irgendetwas Wertvolles. Etwas, das besser als ein Haus ist.«
»Wir alle?« Lena fiel die Kinnlade herunter.
»Ja, der Anwalt meinte, ich hätte genug Geld, also warum nicht?«
»Wann hast du denn Urlaub, Kevin?«, wollte unsere Mutter wissen.
»Mittig der Ferien habe ich drei Wochen.« Kevin blickte zu Lena, die ihm zunickte.
»Er hat die dritte, vierte und fünfte Woche Urlaub.«
»Du hast die letzten drei Ferienwochen Urlaub, oder?« Unsere Eltern tauschten einen Blick
»Ja. Wir wollten doch Last-Minute buchen.«
»Na ja, sozusagen wäre das Last-Minute, Papa.« Ich schmunzelte. Es war Ende des Schuljahres. Die letzten Tests waren geschrieben und die Zeugniskonferenzen standen unmittelbar bevor.
5
Oklahoma, 2012
Der Flug war die Hölle. Ich war zuvor noch nie bewusst geflogen und hatte panische Angst, in ein Flugzeug zu steigen.
Meine Eltern waren schon etwas erschrocken über meinen Vorschlag, nach Amerika zu fliegen. Zum Glück hatte meine Mutter Reisetabletten dabei. Schon allein in das Flugzeug zu steigen, die engen Sitzbänke vor mir zu sehen und mich bis zum kleinen Fenster vorzuarbeiten, trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Ich durfte am Fenster sitzen, was mir aber auch nicht viel half. Als das Flugzeug abhob, drückte ich mich in den Sitz, krallte mich an den Armlehnen fest und hoffte, dass ich nicht bis zum Mond fliegen würde. Neben mir saßen Lukas und mein Vater, während eine Reihe vor uns Kevin, Lena und meine Mutter Platz nahmen.
Über den Wolken ließ ich die letzten Wochen noch einmal Revue passieren. Es war alles so surreal. Ich saß mit meiner Familie in einem Flugzeug und folgte den Spuren meiner leiblichen Familie in den Westen. Eigentlich total aufregend, wäre dort nicht die Unsicherheit vor dem, was kommen mochte.




