Noch einmal sterben vor dem Tod (eBook)

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»Sie delirieren«, hatte Quent damals gesagt, leicht amüsiert, gelassen. Und irgendwann: »Ich bin nicht Ihr großer, böser Wolf.«
Mauritius Steinberger hatte ihm ins Gesicht gesehen und noch nie in seinem Leben so genau gewusst, dass er eine Lüge hörte. Und nie, nie zuvor hatte ihn der Mensch, der sie erzählte, so sehr abgestoßen. Mauritius Steinberger hasste die Menschen nicht, die er ins Gefängnis brachte. Nicht einmal die Mörder unter ihnen. Warum noch einmal war das bei Quent so anders gewesen? Er müsste in seinen kleinen schwarzen Heften nachschauen, warum er so reagiert hatte. Aber die hatte er nicht mit hierhergenommen. Hier war nur, was er für sein neues Leben brauchte: die Dauerkarte für den Zoo, ein Abonnement des Kicker, eine Wanderkarte für Nürnberg und Umgebung. Seine Hanteln. Seine Klassiker.
»Noch ein Schälchen vom Obstsalat?«
Mauritius Steinberger lehnte ab und ging auf sein Zimmer.
Der Wagen wurde nie gefunden, das Geld ebenso wenig. Peter Quent lebte ein bürgerliches Leben.
Ihn zu vergessen war die einzige Lösung gewesen in all den Jahren. Peter Quent galt als unschuldig vor dem Gesetz. Seine Akte war längst geschlossen. Er ging ihn, Steinberger, nicht mehr das Geringste an. Vielleicht war er schon Jahre tot.
Im achten Stock fand Steinberger seinen Namen am Klingelschild. Hier musste er zu Hause sein. Zum ersten Mal trat er ein, während alles schon an seinem Platz stand und ihn empfing. Das also war nun sein Reich. Hier würde er seine Tage verbringen. Sein neues Leben der Muße. Es war ein Dienstag, daher beschloss er, zu einem Buch zu greifen, um von Anfang an in den richtigen Takt zu kommen. Er hatte nicht auf den Einband geschaut, als er ins Regal langte; der Band war einfach nicht allzu dick gewesen. Steinberger setzte sich zurecht, griff zu seiner Lesebrille, schlug auf, atmete ein und las: »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben ...« Der erste Satz berührte ihn unerwartet. Die presseverlautbarungsmäßige Abkürzung des Namens, der juristische Fachbegriff, all das war ihm sehr vertraut. Und gleich im zweiten Satzteil wurde zur Verhaftung des Mannes geschritten. Gut so! Vielleicht war tatsächlich etwas dran an der so viel gelobten Wirkung der Lektüre von Literatur. Andererseits. Steinberger ließ den Band auf die Schenkel sinken. Wie war das damals eigentlich gewesen, als er das erste Mal bei Quent geklingelt hatte? Wohlweislich zu fast noch nachtschlafender Zeit, um den Mann von vornherein in Bedrängnis zu bringen. Keine Köchin. Aber ein Hineinfahren in Hosen. Sehr noble Flanellhosen. Quent besaß keine Jeans; aber das sollte er erst später lernen.
»Das wäre neu.« Hatte Quent nicht etwas ganz ähnlich Ironisches gesagt wie der Held dieses … wie hieß doch das Buch? Er nahm die Lesebrille ab, um den größer gedruckten Namen auf dem Einband entziffern zu können: Der Prozeß. Von einem Franz Kafka. Was war das: ein Gerichtsroman? Die Lebenserinnerungen eines Kriminalers? Er selbst war auch schon aufgefordert worden, seine Memoiren zu schreiben. Es gab Kollegen, die hatten das getan. Nach einigem Nachdenken aber hatte er das Vergessen und das Vergessenwerden vorgezogen. Hatte seine kleinen schwarzen Notizbücher entsorgt. Nicht ganz, musste er zugeben. Sein Blick wanderte hinüber zu der kleinen oberen Schublade in seinem Schreibtisch. Dort lag der Schlüssel zu dem Stauraum, den er angemietet hatte. Für Akten, Papiere. Alles, wovon er sich nicht hatte trennen können, ohne doch damit leben zu wollen. Und warum er beides nicht konnte, darüber wollte er eigentlich nicht nachdenken. Er wusste genau, wie die Kisten aussahen, in dem die Büchlein lagen, nummeriert nach Jahrgängen. Er sah sie alle genau vor sich. Und dabei würde es bleiben. Sechzig Jahre im Dienst der Verbrechensjagd waren genug.
Entschlossen stand Steinberger auf. Er stellte diesen Kafka, der ihm ein Unruhestifter zu sein schien, zurück ins Regal. Griff zu einem Kreuzworträtselheft, zögerte nach einem Blick aus dem Fenster. Noch war sein Übergangstag. Vielleicht war es denkbar, einen Spaziergang durch die örtlichen Grünanlagen zu unternehmen? Im Prospekt waren sie als sehenswert beschrieben worden. Zwar waren Spaziergänge nur für Mittwoch und Freitag vorgesehen. Aber die Orientierung auf dem Gelände mochte als Ausnahme gelten. An einem Übergangstag, beschloss Mauritius Steinberger, waren Unregelmäßigkeiten erlaubt.
Hinunter fuhr er mit dem jetzt leeren Aufzug. Im Erdgeschoss schlenderte er erst eine Weile durch die lange Ladenpassage, die die beiden Wohngebäude miteinander verband. Bank, Supermarkt, Friseur, Reinigung – alles da. Es war eine kleine Welt für sich. Steinberger bewunderte nicht nur das Angebot und die Auslagen, er merkte sich automatisch auch Details wie Öffnungszeiten, Räumlichkeiten, Notausgänge, Fluchtwege. Und er hatte, ohne das ausdrücklich zu wollen, schnell eine ziemlich klare Vorstellung davon, was sich wo in den Kassen befand und wie alles gesichert war. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wo die Kameras hingen, die Feuerlöscher, die Alarmknöpfe. Sollte hier je ein Verbrechen begangen werden: Er hatte die möglichen Szenarien dafür bereits im Kopf. Einem weniger korrekten Menschen als ihm hätte der Gedanke kommen können, dass er auf seine alten Tage genauso gut die Seiten wechseln und als Gangster agieren könnte. Und ein humorvollerer Mann als er hätte sich die Möglichkeiten dieses Szenarios vielleicht mit Genuss ausgemalt. Steinberger allerdings war ein überaus korrekter Mensch, der nicht dazu neigte, sich gehen zu lassen oder seltsamen Vorstellungen nachzuhängen. So machte er sich im Kopf nur eine Notiz, für die Heimleitung eine Liste mit Sicherheitsmängeln und Verbesserungsvorschlägen aufzustellen. Vielleicht könnte er einen entsprechenden Vortrag dazu halten? Der Konzertsaal hier hatte bekanntlich eine ausgezeichnete Akustik. Mauritius Steinberger verschob das Vorhaben auf unbestimmte Zeit. Er war ein Mann an einem Übergangstag. Was er morgen wäre, war noch ungewiss.
Er schritt ins Freie.
3
Der alte Kommissar mied die üppigen Rosenbeete, von denen manche noch immer blühten, und auch die japanische Bogenbrücke, auf der einige Bewunderer verweilten. Er suchte abgelegenere Wege. Einmal sah er Halbprofil und Schulter eines Mannes, der seinem Vater ähnlich sah, um die Ecke verschwinden und erschrak. Ein andermal leuchtete von Weitem ein rot kariertes Hemd, wie sein erster Chef es gerne getragen hatte. Er wischte den Eindruck weg wie eine Altweiberspinnwebe, doch lästig wie diese blieb er kleben. Was, überlegte Mauritius Steinberger, wenn seine Tischnachbarn recht hatten und er begann, Gespenster zu sehen? Peter Quent war vielleicht nur der Erste gewesen. Was, wenn er umgeben war von Gespenstern seiner Vergangenheit, die ihm nun nach und nach erschienen? All die Verurteilten, die Verfolgten und Verbitterten – wenn sie alle nur darauf gewartet hatten, dass er aufhörte zu arbeiten, zu laufen, blind weiterzumachen, um ihn jetzt einzeln und in Grüppchen aufzusuchen und zur Rede zu stellen? Die Vergessenen, die Rachsüchtigen, die, die seine Beute geworden waren? Was, wenn er um die nächste Baumgruppe herumginge und dort, zierlich und in Gelb, seine Frau mit dem müden Blick stünde und den Mund öffnete, um ihm zu sagen, was sie nie gesagt hatte?
Ich habe mir nichts vorzuwerfen, sagte sich Mauritius Steinberger und öffnete seine Strickweste, denn ihm wurde warm, trotz der mäßigen Temperaturen an diesem schönen Spätsommertag. Es gab keine Gespenster. Er wurde auch nicht dement, wie seine Besucherin mit dem Rollator. Er war einfach nur alt und hatte zu viel gesehen. Da wurde jeder Mensch zu einem Typus, einem aus einer Reihe, deren Merkmale man schon kannte. Es gab einfach nichts Neues mehr.
»Mauritius? Mauritius Steinberger?«
Steinberger fuhr herum und starrte entgeistert in das vertraute Gesicht. Abwehrend hob er die Hand. Doch es wich nicht zurück und verwandelte sich auch nicht. Es handelte sich auch um kein Gespenst, keine Vision, nein, es war unabweislich vorhanden. Alle seine Theorien wurden hinfällig.
Er stand vor seiner früheren Hausärztin. Eigentlich Brigittes Ärztin, korrigierte er sich; er selbst war nie krank gewesen, beinahe nie. Brigittes wegen allerdings hatte er die Praxis oft aufgesucht. Er erinnerte sich gut an die Gespräche, die sie zu dritt geführt hatten, zwischen seinen vielen Auslandsaufenthalten, um zu klären, wie sie mit Brigittes zurückgekehrtem Krebs umgehen sollten, der Chemo, den Diäten, den Jahren des Wartens. Er wusste noch, wie quälend diese Sitzungen gewesen waren, das gedämpfte Licht im Zimmer, die drückende Hoffnungslosigkeit, Brigittes leises Weinen, nichts, was man hätte tun können, um alles zu lösen. Sie, Frau Doktor Hohoff, war der einzige Lichtblick gewesen, der einzige Grund, warum er nicht aufgesprungen und hinausgerannt war.
Gesagt hatte er ihr das nie. Er erinnerte sich nicht, überhaupt je ein privates Wort mit ihr gesprochen zu haben. Er erinnerte sich vage an ihr angenehm beherrschtes Wesen, ihre abwartende Gelassenheit, eine Stimme, die nach Zigaretten und Whisky klang, als gäbe es ein Leben jenseits des weißen Kittels, jenseits dieser Misere hier, in das er aber keinen Einblick erhielt. Irgendwann waren sie dann umgezogen. Brigitte hatte, soweit er wusste, den Kontakt bis zu ihrem Tod gehalten, mit Weihnachtskarten und Urlaubsgrüßen.
Frau Doktor Hohoff war ungewöhnlich groß für eine Frau, eher knochig als schlank; in ihrem Sessel versunken, hatte sie über ihre hohen Knie hinweg zu dem Ehepaar Steinberger hinübergeblickt. Sie hatte damals schon ungefärbtes, jetzt endgültig weißes, langes Haar, das sie in einem Nackenknoten trug. Er konnte sie sich in Gummistiefeln bei der Gartenarbeit vorstellen. Ihre großen Augen dominierten das faltige Gesicht. Das einst scharf leuchtende Blau war milchig geworden, was sie aber insgesamt weicher aussehen ließ. Ja, es schien ihm, als strahle die ganze Frau ein mildes Licht aus. Mauritius Steinberger begann, eine Ahnung davon zu bekommen, was morgen sein könnte.
»Jetzt also auch auf der Insel der Seligen?«, fragte sie nach der Begrüßung.
Er lachte sonor als Bestätigung.
»Oh, entschuldigen Sie, mein Beileid«, fügte sie hinzu, als ihr einfiel, warum er hier war. »Ich habe einen Kranz zur Beerdigung geschickt.«
Er nickte, als erinnere er sich daran. »Ein wunderbarer Park«, stellte er dann fest. »Gehen Sie oft hier spazieren?«
Sie ließ ein, zwei Sekunden verstreichen, ehe sie antwortete. Ihr Blick ruhte dabei auf ihm, wie damals, sanft taxierend. Aber nicht wertend. »Jeden einzelnen Tag«, erwiderte sie dann. »Es ist eine Gnade.«
Gnade, das war kein Wort, das er zu verwenden pflegte. Er lachte erneut, verlegen. »Es ist wohl eher das Resultat guter Gene und Gewohnheiten.«
»Wir sind alle auf ein Stück Gnade angewiesen«, erwiderte sie. Ihr Blick hielt ihn noch immer, doch er spürte, wie sich etwas, was darin gewesen war, leise vor ihm verschloss. Zu seiner Überraschung versetzte ihn das in eine leichte Panik.
»Nun ja, vielleicht erweisen Sie mir ja einmal die Gnade eines gemeinsamen Spaziergangs«, entfuhr es ihm zu seinem eigenen Erstaunen. »Vielleicht zum Valznerweiher, in das Insellokal?«
»Vielleicht«, sagte sie.
Er zog es vor, ihren Ton nicht zu interpretieren. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war. Er war ausgebucht, montags bis freitags. Er hatte einen Plan, bei dem er bleiben sollte. »Vielleicht an einem Wochenende«, hörte er jemanden sagen, der er selbst sein musste. Sein Gesicht dabei war gequält; er war es nicht gewohnt, sich als Trottel zu sehen.
»Vielleicht«, echote sie wiederum. Machte sie sich etwa über ihn lustig?
Wie zur Bestätigung ertönte ein Lachen von hinter der Hecke. Es gehörte zu einem Mann, der jetzt auf den Weg und zu ihnen trat. Mauritius Steinberger wurde es mit einem Schlag kalt und hohl zumute. Dann flammte Hitze in ihm auf. Er kannte dieses Lachen: laut, raumgreifend, aufmerksamkeitsheischend.
»Peter Quent«, presste er hervor.
Der Mann stellte sich neben die Ärztin, vertraulich nah, wie Steinberger registrierte. Noch immer war er ausgesucht gepflegt gekleidet, mit einem handgenähten Hemd, Anzughosen und Jackett und, Steinberger ignorierte es, gestreiften Socken im selben dezenten Rosa, das seine Krawatte zierte. Was für eine perfekte, zynische Maskerade. Steinberger dachte an den Jungen mit dem Skateboard und unterdrückte eine leichte Übelkeit.
Quent musterte ihn mit freiem Blick, gelassen, die Hände in den Hosentaschen, wie es seine Art war. Für unbefangene Unschuld hatten die meisten dieses Benehmen gehalten. Steinberger wusste es besser: Es war ungenierter Egoismus, eine Ungeniertheit dämonischen Ausmaßes, die nichts kannte als sich selbst. Die nichts dabei fand, wenn Menschenleben ihr zum Opfer fielen. Er war überzeugt davon, dass Quent sich selbst im Innersten für unschuldig hielt. Weil es in Quents Augen kein Verbrechen war, wenn andere für sein Wohlergehen leiden mussten. Jetzt wusste Steinberger auch wieder, warum er den Mann hasste, der gerade seine Hand zur Begrüßung auf den Arm von Frau Hohoff legte und sie Isolde nannte und, mit amüsiertem Zwinkern in Richtung Steinberger: »Meine Gnädigste.«
Der Kommissar setzte eine steinerne Miene auf.
»Und ich dachte schon«, sagte Peter Quent, »Sie erkennen mich am Ende gar nicht mehr.«
4
»Ich glaube, ich verliere den Verstand. Oder aber die Welt wird verrückt. Neulich sagte der Kaminkehrer aus heiterem Himmel zu mir: ›Zieh dich aus.‹ Ich habe mit dem Gehstock ausgeholt und ihn erschlagen. Es war Notwehr. Was gedenken Sie zu unternehmen?«
Die Pressereferentin des Stifts, Martina Hinterbauer, schaute die zarte alte Frau mit dem goldenen Perückenhelm an, die ihr auf ihren Rollator gestützt diesen Vortrag hielt, und seufzte. Es war wirklich an der Zeit, dass sie für Frau Sörgel einen Platz im Demenzbereich des Stiftes fanden. Sie hatten schon genug mit dem Tod zu tun, auch ohne dass dauernd jemand Leichen dazuerfand. Sie hatte mit diesen Themen im Grunde gar nichts zu tun. Das hier war ein Fall für ihre Kollegen von der Pflege. Noch dazu mitten in der Ladenpassage, wo jeder es hören konnte. Aber sie durfte sich vor den möglichen Zuhörern unter den Passanten keine Blöße geben.
»Meine Liebe«, versuchte sie es, da die Dame nun einmal vor ihr stand, »in den Stifts-Appartements verkehren keine Kaminkehrer. Allerdings gibt es einen Etagenbetreuer, Mikael, Sie kennen ihn«, sagte sie mit mildem Tadel in der Stimme. »Mikael hat ein blaues Auge und eine Aufschürfung an der Schläfe und ist sehr traurig, dass Sie sich nicht von ihm den Blutdruck messen lassen wollten.« Was die Referentin nicht sagte, war, dass Mikael aus Eritrea kam. Rassismus war kein Problem, das es in ihrem Stift gab.
Sie redete weiter, doch es gelang ihr nicht, Frau Sörgel zu beruhigen, das konnte sie an deren Gesicht sehen. Dort zeichneten sich andere Gedanken ab, in ihrem verwirrten Hirn entstand schon eine neue, abwegige Geschichte, vielleicht: Neulich zeigte ich einen Mord bei der Polizei an. Die Kommissarin glaubte mir nicht. Sie sagte nur, es gebe keine Mafia, und lächelte auf eine besondere Weise, die mir klarmachte, dass ich die Nächste wäre. Deshalb musste ich sie leider töten.
Die Hand der alten Dame kratzte und rupfte am Rollatorgriff. Das Zittern wanderte ihren Arm hinauf. Die Referentin griff nach dem Notfallsendegerät in ihrer Tasche, dessen Existenz sie stets leugnen würde.
»Was machen Sie da?«, krähte Frau Sörgel alarmiert. »Was ist da in Ihrer Tasche?«
»Nichts«, erwiderte Frau Hinterbauer und lächelte.
Als zwei Pfleger gekommen und Frau Sörgel mit freundlich ablenkenden Worten in ihr Zimmer zurückgeführt hatten, trat sie an eines der Panoramafenster. Was für eine schöne Anlage, was für ein schönes Haus. Alles war friedlich, alles kultiviert. Es gab Konzerte, Ausstellungen, Tanzabende, Vorträge. Tote Kaminkehrer hingegen nicht. Gestorben wurde zwar genug, vor allem in der stationären Abteilung. Aber das war erwartbar in einem Altenstift und sie gingen professionell damit um. Leise, hygienisch und mit Pietät. Es dauerte keinen Tag, dann war das Zimmer geleert; sie erledigten das unauffällig während der Spätschicht. Niemand, der nicht wollte, brauchte etwas von dem Sterben ringsum mitzubekommen. Für die, die wollten, wurden kleine Gesprächsrunden angeboten, mit Kerzen und Tüchern auf dem Tisch und einer Pastorin, die über Trauer sprach, doch sie waren schlecht besucht. Jeder konzentrierte sich lieber auf das Leben, das ihm selbst noch blieb. Die Pressereferentin wandte sich vom tröstlichen Anblick des Gartens ab. Nein, sie brauchten wirklich keine zusätzlichen Leichen. Sie ging zurück an ihren Tisch und machte sich eine Notiz, dass ihre Kollegin von der Pflege mit Frau Sörgels Ärztin über eine neue Medikation sprechen sollte.
»Entschuldigen Sie, meine Dame.«
Sie betrachtete den Nähertretenden mit höflich kaschiertem Misstrauen, bis sie den Neuzugang erkannte: »Herr Steinberger, wie nett. Haben Sie sich denn schon eingelebt?«
Der alte Herr ihr gegenüber zeigte nur leichte Anzeichen von Schmerzen. Die Knie, diagnostizierte sie in Gedanken, vermutlich ein künstliches Hüftgelenk. Trotzdem noch immer eine imponierende Gestalt. Sie hatte irgendwo gehört, er habe einen schwarzen Gurt. Sein grauer Raubvogelblick war wach, das zerklüftete Gesicht mit den tiefen, fast stehenden Falten von der Nase zu den Mundwinkeln wirkte asketisch. Ohne wie ein Naturbursche auszusehen, hatte er doch die geerdete, ein wenig rohe Ausstrahlung von jemandem, der in seinem Leben viel draußen unterwegs gewesen war. »Haben Sie sich denn schon mit unserem Kulturangebot vertraut gemacht?«
»Ich spreche Sie wegen der Dame an, die Sie eben aufgesucht hat.«
Die Pressereferentin hob die Brauen. »Frau Sörgel? Richtig, sie wohnt auf Ihrem Gang. Sie hat Sie doch nicht belästigt? Frau Sörgel braucht im Moment unser aller Nachsicht und Geduld.«
Der Kommissar beruhigte sie. »Ich wollte nur darauf hinweisen, dass man ihre Aussagen nicht völlig abtun darf. Gestern beispielsweise erklärte sie mir, dass in dem Blumenbeet unter ihrem Fenster eine Leiche gelegen habe. Ich habe mir daraufhin erlaubt, das besagte Beet in Augenschein zu nehmen.«
»Es tut mir wirklich leid«, fiel die Pressereferentin ihm ins Wort. »Frau Sörgel ist leider bekannt dafür, ein wenig beeinträchtigt zu sein. Wir alle kennen sie schon sehr lange und tragen ihre Launen mit Geduld. Aber es wird in der Tat Zeit, nach adäquateren Betreuungsmöglichkeiten für sie Ausschau zu halten.« Als sie seinen unbewegten Gesichtsausdruck sah, fuhr sie fort: »Ich möchte Ihnen versichern, dass es in unserem Stift natürlich noch nie eine Leiche im Blumenbeet gegeben hat und …« Sie verstummte gequält. Waren denn heute alle Irren verschworen, ihr über den Weg zu laufen? Ihr schweifender Blick fiel auf einen Mann mit Krücke und Rucksack, so prallvoll gepackt, dass er schon fast wie eine Karikatur wirkte. Frau Hinterbauer fühlte sich müde.
»Ich war Polizeibeamter«, erinnerte Steinberger sie, als könnte er ihre Gedanken lesen.
Du bist alt, dachte sie prompt und sagte schnell, ehe er ihr auch diesen Gedanken vom Gesicht ablas: »Wildschweine. Wir hatten schon ein paarmal Probleme mit Wildschweinen auf dem Gelände. Sie kommen aus dem Reichswald und machen sich über die Grünanlagen her. Das ist schwer zu verhindern.«
Er hatte den Kopf schräg geneigt und fragte, ohne auf ihre Worte einzugehen. »Hatten Sie viele Diebstahlsfälle in der letzten Zeit?«
»Diebstahl?«, entgegnete sie entrüstet. »In unserem Stift gab es seit Jahren keinen solchen Fall.« Sie fächerte sich Luft zu. »Wie kommen Sie nur darauf?«
»Kein verschwundener Schmuck? Kein vermisstes Bargeld? Ich könnte mir denken, dass es sehr geschickt angestellt wurde. Von einer Persönlichkeit, die sich darauf versteht, vertrauensselige Menschen auszunutzen.«
»Was wollen Sie damit andeuten?«, fuhr sie auf. Sein Blick ließ sie wieder ein wenig kleiner werden.
»Schon möglich«, sagte sie in sehr distanziertem Ton, »dass die eine oder andere Bewohnerin so etwas behauptet hat. Das kommt immer wieder vor. Aber wir gehen jedem Vorwurf nach. Und es hat sich noch jedes Mal erwiesen, dass das fragliche Objekt nur verlegt worden war. Unser Personal ist handverlesen und ...« Sie hielt inne. »Machen Sie sich keine Sorgen«, fügte sie an. »Im Übrigen gäbe es für diesen Fall ja Ihre kompetenten jungen Kollegen, die uns sicher gerne helfen würden. Sie können sich da ganz getrost entspannen, Herr Steinberger.« Sie lächelte ihn so lange an, bis sie das Gefühl hatte, die Botschaft sei bei ihm angekommen. »Natürlich werden wir uns jederzeit an Sie wenden, wenn wir glauben, von Ihrer reichen Erfahrung profitieren zu können. Guten Tag.«
Der Kommissar schaute ihr nachdenklich nach, als jemand an ihn herantrat. »Sie hat recht, was die Wildschweine angeht, wissen Sie?« Es war Dorothea Kranz, die junge Kunststudentin.
Er schüttelte sich. »Wildschweine wühlen. Und sie hinterlassen charakteristische Fährten, junge Frau. Keine Fußabdrücke.«
»Spannend!« Ihre Augen leuchteten auf. »Und wohin führen die Abdrücke?«
Der Kommissar überlegte kurz.
»Ach, kommen Sie schon. Hier passiert sonst selten etwas Aufregenderes als ein verrutschtes Tutu beim Kinderballett.«
»Na gut, ich zeige es Ihnen.« Gemeinsam gingen sie an der kleinen Edeka-Filiale vorbei, an der Bank und dem Friseur. Vor dem Laden mit Seniorenbedarf blieb der Kommissar einen Moment stehen. Er tippte dem Inhaber auf die Schulter. »Passen Sie auf den Mann mit dem gelben Spazierstock auf«, sagte er. »Der klaut Schuheinlagen.« Er ließ den verblüfften Geschäftsmann ohne weiteren Kommentar zurück.
»Sie sind witzig.« Dorothea musste lachen. »Das hätte ich bei unserer ersten Begegnung gar nicht gedacht.«
»Es war keineswegs witzig gemeint. Der Mann hat sich in der Woche, die ich hier wohne, schon zum dritten Mal bei den desodorierten Einlagen bedient.«
»Ich schätze, Ihre Kinder haben Sie gehasst«, meinte Dorothea. »Man konnte wohl nichts vor Ihnen verbergen, oder? Oh, Entschuldigung«, fügte sie hinzu, als sie sein Gesicht sah. »Sie verstehen sich wohl nicht gut mit Ihren Kindern?«
»Mein Sohn ist tot«, sagte er. »Ein Sportunfall.«
»Oh.« Eine Weile wagte sie es nicht, ein neues Thema anzuschlagen. Endlich standen sie vor dem Beet. Es lag näher beim hinteren der beiden Wohngebäude, um diese Zeit im Schatten.
Dorothea folgte dem Blick des Kommissars und sah, was er ihr zeigte: den runden Umriss am Boden, wo etwas Schweres gelegen haben musste, die schmale Schneise durch die aufrecht stehen gebliebenen Astern ringsum, den Teilabdruck von etwas, das ein Absatz sein mochte. Jedenfalls war es keine Schweinepfote.
»Und die Spur führt hinaus«, erläuterte Steinberger. »Nicht hinein. Was immer da lag, muss quasi vom Himmel gefallen sein.«
Unwillkürlich ging ihrer beider Blick die Häuserfassade hinauf, wo sich Stockwerk an Stockwerk die Balkone reihten.
»Manchmal«, sagte Dorothea zögernd, »springen sie. Meistens aus den oberen Stockwerken. Wir reden hier nicht viel darüber.«
»Wer hier gesprungen ist, der wurde nicht auf einer Bahre weggetragen.« Steinberger musterte das Bauwerk. »Er ist auf dem Hintern gelandet, aber auf seinen heilen zwei Beinen weggelaufen. Und er hat mit niemandem hier über sein Abenteuer gesprochen.«
»Ein Einbrecher, jetzt verstehe ich, wie Sie darauf kommen.« Dorothea überlegte. »Es könnte aber auch ein Romeo gewesen sein, meinen Sie nicht? Eine missglückte Balkonszene oder der geglückte Versuch, vor einem überraschend heimkehrenden Gatten zu flüchten.« Als sie seinen Blick sah, fügte sie hinzu: »Wir haben einige Paare hier im Stift. In den Zweizimmerappartements ist das keine Seltenheit.«
Steinberger grunzte.
»Oder ein Betrunkener«, rätselte Dorothea weiter. »Dem es nachher peinlich war. Falls er überhaupt etwas davon mitbekommen hat.«
Steinberger stand da wie eine Statue.
»Wieso«, fragte Dorothea, »sind Sie so sicher, dass es ein Einbruch war? Sie brüten da doch an etwas herum.«
Jetzt wandte er sich zu ihr um, schwieg jedoch.
»Mir können Sie es doch sagen«, drängte sie.
Er hielt ihren Blick fest. »Genau da bin ich mir nicht sicher.«
Sie blinzelte nicht. »Was haben Sie zu verlieren?« Als er nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich glaube, ich habe ein bisschen Talent zum Detektiv. Ich könnte Ihnen wertvolle Tipps geben.«



