Noch einmal sterben vor dem Tod (eBook)

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Mit energischem Schritt ging er weiter. Der Weg war nicht mehr weit. An den Rampen, diesem Niemandsland nahe der Autobahn, gab es kaum Passanten, dort würde ihm jeder auffallen. Und seine Uhr sagte ihm, dass in dem MyPlace, wo er sein Staufach gemietet hatte, um diese Zeit Personal anwesend sein musste.
Doch seine Annahmen erwiesen sich als falsch. Die einstige Industriebrache zwischen Gleisen und Autobahn war zu einer belebten Baustelle geworden. Die Uhrzeit stimmte, doch der Empfang lag verlassen, ebenso die Aufzüge, die Parkplätze und die klinisch sauberen, fensterlosen Korridore im Inneren, von denen uniforme, abweisend geschlossene Türen abgingen. Das Ganze hatte den Charme eines Atombunkers. Nur ohne den Nervenkitzel einer Apokalypse. Er hatte sich hier schon beim ersten Besuch nicht wohlgefühlt. Er hatte auch nicht vorgehabt, je wieder herzukommen. Er vermutete, dass es den meisten Mietern ebenso erging. Wahrscheinlich zahlten sie ihre Miete Monat um Monat, Jahr um Jahr, bis sie endlich innerlich so weit waren, den Entrümpelungsservice zu rufen, den man hier vom Haus kostengünstig angeboten bekam. Er jedenfalls hatte diesen heimlichen Plan bereits gefasst. Was er nicht hatte abschätzen können, war, wie lange er brauchen würde, um sich zu erlauben, Brigittes Sachen einfach wegzuwerfen. All diese kleinen Möbel, die Bilder, der Nippes, die ihre Welt ausgemacht hatten und ihm, der selten zu Hause gewesen war, kaum vertraut vorkamen. Die Bücher, die ihm nichts sagten, die Kleider, die sie am Ende gar nicht mehr tragen konnte. Das gute Geschirr, das sie nur zu Weihnachten und an ihren Geburtstagen aufgetragen hatte, damit nichts davon kaputtging. Es war vollzählig eingecheckt in MyPlace. »Herzlichen Glückwunsch«, murmelte Steinberger, während er durch die Gänge ging und nach seiner Raumnummer suchte. Da war sie ja, die 187. Das Einzige, was ihn dort drin interessierte, war der Inhalt der Schuhschachteln, die er in das hintere Lagerregal geräumt hatte wie ein ordentlicher Buchhalter. Alles abgeschlossene Fälle. Bis auf einen.
Steinberger kramte nach dem Schlüsselbund, dann hielt er inne. Doch er hörte nur Stille, keine Schritte. Es musste Einbildung gewesen sein. Wer außer ihm sollte sich auch interessieren für die kleinen Notizbücher, in denen er alles festgehalten hatte, was sich während seiner kriminalistischen Untersuchungen ereignet hatte. Sie hatten ihm hervorragende Dienste geleistet. Manche hatte er wieder und wieder durchgeblättert, vor und zurück, bis die Bindung aufgegeben hatte und das Papier speckig geworden war. Er hatte es sich früh zur Gewohnheit gemacht, alles zu notieren, die Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, die Antworten, die er erhielt, jedes kleine Detail an einem Tatort, noch das Nebensächlichste, wie den zweiten Vornamen eines Zeugen, ein Muttertagsgeschenk, die Texte von den Zetteln am Kühlschrank, das Datum eines Strafzettels und die Adressen und persönlichen Daten von jedem, jedem, jedem, mit dem er sprach. Es gab keine Nebensachen, es gab nichts Unwichtiges.
Alles, was in seinem Kopf war, war da aus gutem Grund, es hatte sich seinen Weg durch das Unbewusste bis in die Vorzimmer seiner Gedanken gegraben. Diese Leistung honorierte Steinberger, indem er sie notierte. Es war immer zu etwas gut gewesen. Manchmal lag der Schlüssel zu einem Fall in so einem Detail, manchmal war es einfach hilfreich, um eine Anklage wasserdicht zu machen, in anderen Fällen hatte es ihm geholfen, die Menschen zu verstehen und ihre Motive zu ergründen. Er liebte seine Hefte. Doch er hatte sich von ihnen getrennt. Er hätte sonst nie aufgehört, in ihnen zu blättern.
Seine Frau hatte manchmal ihre Hand auf seine blätternden Finger gelegt, wenn sie abends nebeneinander im Bett gelegen waren. Sie auf dem Rücken liegend, am Ende nur noch an die Decke starrend, weil die Bücher ihr zu schwer geworden waren. Er halb aufrecht sitzend, lesend und sich eifrig Notizen machend. Er erinnerte sich an ihre Hand. Die Haut sehr fein, fast durchsichtig, am Ende ein wenig gelb. Die Adern hatten sich darauf abgezeichnet wie auf Putz verlegte Kabel, dunkel und rund. Blaugrüne Flecken, die monatelang nicht weggingen, wo die Infusionen danebengelaufen waren. Ihre bis zuletzt schlanken, eleganten Handgelenke, meist umspielt von einer Rüschenmanschette.
Diese Hand hatte ohne Vorwarnung seine berührt, hatte sich leicht niedergelassen, das Blättern aufgehalten, es unmöglich gemacht. Meist hatte er eine Weile innegehalten, hatte versucht, die Unzufriedenheit und innere Unruhe niederzukämpfen und zu akzeptieren, dass er aufhören sollte. Manchmal hatte er kommentarlos das Heft weggelegt, das Licht ausgemacht, sich mit knappem Gruß auf die Seite gedreht. Manchmal war er, wenn ihr Atem ruhig und gleichmäßig ging, leise wieder aufgestanden, um im Wohnzimmer weiterzuarbeiten. Manchmal …
Er schüttelte die Erinnerung ab, drehte den Schlüssel, öffnete die Tür. Der Weg durch die Kartons zum Regal war mühsam, aber er hatte schon von Weitem gesehen, was er suchte: die Jahreszahl 1992. Das Jahr des Bankraubs. Das Jahr, in dem der Junge auf dem Skateboard gestorben war, ohne dass je der Mörder überführt worden wäre. Das Jahr, ab dem er Peter Quent gejagt hatte.
Steinberger ärgerte sich einen Moment, dass er die Buchladentüte stehen gelassen hatte. Er hätte nur den Inhalt verschwinden lassen sollen. Die Tüte selbst könnte er jetzt gut gebrauchen. Als er sicher war, die wichtigsten Hefte beisammenzuhaben, stopfte er sie in seine Hosen- und Manteltaschen. Bis zur U-Bahn-Station Rothenburger Straße würde das schon gehen. Wieder hörte er draußen Schritte.
Er schlich zur Tür, lehnte sie an und lauschte. Doch wer immer es war, er bog in einen anderen Korridor ab. Noch immer leise, verschloss Mauritius Steinberger sein Abteil und machte sich auf den Weg nach draußen. Er hörte ein Türknarzen und einen Hall, dann einen Schlag. Die fremden Schritte ertönten wieder und beschleunigten. Sie waren jetzt hinter ihm. Vor ihm, in einiger Entfernung, der Ausgang. Er starrte die bunte Plastikmarkierung auf dem Boden an, die ihm den Weg wies, und beschleunigte, so gut seine Hüften das zuließen. Vier Stents, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Vier Stents in den Koronararterien. Einfach nicht dran denken.
Wieder hatte er den Totschläger vergessen. Er schwor sich, dass es das letzte Mal wäre. Innerlich lockerte er seine Gelenke, spannte die Muskeln. Ging im Geist die Bewegungsabläufe durch. Er bekam das Bein nicht mehr sehr hoch, aber ein Tritt von ihm würde immer noch jede Kniescheibe zerschmettern. Er musste dem Angreifer nur zuvorkommen und durfte das Gleichgewicht nicht verlieren. Der Angreifer hinter ihm wurde schneller. Steinberger ebenfalls. Er begann zu zählen. Bei drei würde er unvermutet anhalten, den Verfolger auflaufen lassen, ihm den Ellenbogen in den Solarplexus rammen, sich herumwerfen, zutreten. Er durfte nicht zu Boden gehen. Er durfte keinen Schlag abbekommen, seine Knochen würden brechen wie Zweige.
»He, Sie!«
Steinberger verharrte so abrupt, wie er es sich vorgenommen hatte. Dem Mann hinter ihm gelang es gerade noch, nicht in ihn hineinzulaufen. »Ho, ho!«, rief er und riss die Arme hoch. Er war von schwabbeliger Statur, die von der Arbeitskleidung mit den vielen Taschen und Schlaufen nur mühsam zusammengehalten wurde. Eine Rolle schwarz behaarter Bauch quoll zwischen der Cargohose und der Dienstjacke heraus. In einer der erhobenen Hände hielt der Mann ein Klemmbrett. Sein Gesicht war bleich, als lebte er hier unter dem Kunstlicht, die schwarzen Haare halblang und fettig. »Sie …«, keuchte er. Jetzt neigte er sich vor und stemmte die Hände auf die gebeugten Knie, um besser zu Atem zu kommen. »Sie haben sich nicht angemeldet.«
Steinberger tastete mit zitternden Fingern in seinen prallvollen Taschen nach seinem Geldbeutel mit der kleinen Ausweiskarte.
»Alles klar«, sagte der andere, nachdem er sie gemustert hatte. »Einen schönen Tag noch.«
Steinberger nickte huldvoll und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie außer Atem und erregt er war. Vor seinen Augen kreisten lilafarbene Ringe, die sich ausdehnten und sein Gesichtsfeld auszufüllen drohten. Unauffällig tastete er nach der Wand. Hier entlang musste es raus gehen.
»Wir passen gut auf Ihr Zeug auf!«
Warum rief der Mann ihm das nach? War das ein Servicespruch, den er aufsagen musste? Steinberger bekam nicht genug Speichel zusammen, um eine passende Antwort zu geben. Langsam wurden die kreisenden Ringe kleiner, grüner, lösten sich in schwarzes Konfetti auf, und er konnte wieder sehen.
Draußen am Tor, im gleißend-silbrigen Herbstsonnenlicht, saß Dorothea Kranz. Bei seinem Anblick stand sie auf.
8
»Sie haben Ihre Tüte stehen lassen«, sagte sie. Eine Hand vor den Augen gegen das Sonnenlicht, hielt sie ihm mit der anderen die Plastiktüte hin.
»Wieso verfolgen Sie mich?« Steinberger setzte seine Füße breit, um nicht zu wanken.
»Wollen Sie Ihre Bücher denn nicht wiederhaben?«
Dieser Dutt, diese Kleinmädchenstimme. Unwirsch riss Steinberger ihr die Tüte aus der Hand.
»Es ist alles noch da«, beteuerte sie überflüssigerweise. »Ich war in der Buchhandlung, wissen Sie. Aber ich war nicht sicher, ob Sie angesprochen werden wollten.« Sie neigte den Kopf. »Sie waren neulich nicht sehr höflich, als ich auf Frau Hohoff und Turner zu sprechen kam, wissen Sie noch? Aber als ich den Bildband sah, ich meine, der kostet locker fünfzig Euro. Da bin ich Ihnen halt nach.«
»Durch ganz Gostenhof«, stellte er trocken fest.
Sie lachte. »Man wird doch noch neugierig sein dürfen.« Gut gelaunt blinzelte sie in die Sonne. »Ich hab hier übrigens auch einen Raum«, stellte sie fest. »Wir hätten uns also genauso gut rein zufällig begegnen können.«
Steinberger gab sich dieser Logik geschlagen. »Sie?«, fragte er, während er begann, seine Hefte in die Tasche umzupacken. So war es schon viel besser.
»Ja«, erklärte sie. »Für meine Bilder. Ich male mehr, als ich zu Hause aufbewahren kann. Das ist für alle Künstler ein Problem, die kein Atelier haben.«
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich eine Künstlerin nannte, verwunderte Steinberger. Andererseits konnte er nicht ausschließen, dass diese Malmaus tatsächlich etwas draufhatte. Nachher in der Gruppe würde er es ja vielleicht feststellen können.
Noch immer kurzatmig richtete er sich auf. »Ich bin auf dem Heimweg«, stellte er fest. »Kann ich Sie begleiten?«
»Wie ein echter Kavalier«, neckte sie ihn, nahm aber seinen Arm. »Rothenburger Straße, umsteigen am Plärrer.«
»Ich weiß, ich weiß.«
»An der Frankenstraße dann ab in die Greisenbahn.«
»Heißt das so?«
»Das erzählen mir meine Kursteilnehmer. Ich würde so etwas nie sagen.«
»Man ist so alt, wie man sich fährt, was?«
Sie gönnte ihm ein Schultertätscheln für diesen Kalauer.
Zwei Stunden später, im Malatelier Zimmer 007 sitzend, vor sich eine farbbespritzte Tischplatte, ein leeres Blatt und einen Farbkasten, der ihn an Kindergarten denken ließ, bezweifelte Mauritius Steinberger den Wahrheitsgehalt dieser Aussage wieder. Da war keine gemeinsame Ebene, noch nicht einmal ein gemeinsames Trittbrett. Dorothea Kranz sprach von Dingen, die ihm nicht das Geringste sagten: dass er sich ausdrücken solle. Dass er es fließen lassen solle. Es zulassen. Ja, so weit käme es! Eine konkrete Aufgabe zu stellen, weigerte sie sich hingegen konsequent. Isolde Hohoff sekundierte ihr: Das sei doch gerade das Interessante, dass man an die Oberfläche kommen lasse, was verborgen sei.
Mauritius Steinberger fand, die meisten Dinge seien aus gutem Grund verborgen. Gier, Wut, Mord, ganz, wie sie es bei ihrer ersten Begegnung aufgezählt hatte. Und gehoben werden sollten diese Gefühle nur, wenn ihre Existenz in irgendeiner Form justiziabel war. Ansonsten blieb alles besser schön, wo es war. Wenn er jetzt irgendetwas in sich aufsteigen ließe, würde er vermutlich ein Porträt von Quent malen, mit Teufelshörnern und einem sehr scharfen Dreizack in der Hand. Er versuchte zu scherzen: »Wenn ich mich frei ausdrücke, könnte das sehr unhöflich werden.«
Zwei Damen mit flatternden Schluppenblusen begannen miteinander zu tuscheln.
Dorothea Kranz hingegen strahlte. »Das ist ja das Tolle an der Malerei«, erklärte sie, »dass es da auf höflich oder unhöflich einfach nicht ankommt. Im Gegenteil, aus der ungefilterten Wucht unserer Gefühle können wahre Meisterwerke entstehen. Sie sind die Basis jeder wahren Leistung. Goyas Zeichnungen würde man wohl kaum als höflich bezeichnen, oder?«, fragte sie in die Runde. »Oder die Bilder von James Ensor. Oder von Edvard Munch. Sein Schrei oder die nackte Madonna wurden von vielen Zeitgenossen sogar als ziemlich unhöflich empfunden.«
Isolde Hohoff lachte. Steinberger, dem die Namen alle nichts sagten, lachte vorsichtig mit.
»Wir machen hier keine Konversation«, feuerte Dorothea Kranz ihre zaghafte Runde an. »Wir schaffen wahre Kunstwerke.« Sie kam zu ihm und drückte ihm einen Bleistift in die Hand. »Setzen Sie ihn aufs Papier und sehen Sie, was passiert.«
»Und wenn nichts passiert?«
Sie lächelte. »Es wird etwas passieren.«
Isolde Hohoff neigte sich zu ihm und flüsterte ihm zu: »Im Zweifelsfall: einfach mal kreisen lassen. Wie einen Adler.«
Mauritius Steinberger dachte an den Adler über dem Eingang zum Präsidium. Dann starrte er auf das weiße Papier, einen Bogen, wie er ihn zuletzt als Schüler vor sich gehabt hatte. Sie hatten eine Vase abmalen müssen, im richtigen perspektivischen Winkel. Dazu einen Apfel, eine Stange Lauch und ein Glas. Eine rundliche Vase, die ihm bis zum Ende der Stunde nicht in der richtigen Weise rund gelingen wollte. Und was zum Teufel hatte der Lauch dort zu suchen gehabt?
Dann betrachtete er seine Hand mit dem Stift. Darauf stand Faber-Castell HB. Immerhin ein einheimisches Produkt, befand er. Das war doch zu loben. Ob B für Bleistift stand? Und wofür war dann das H? Die Zigarettenmarke fiel ihm ein, mit dem wütenden Männlein, das ihn immer an seinen Vater erinnert hatte. Seine Hand kreiste.
Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie damit angefangen hatte. Doch jetzt kreiste sie. Zaghaft zuerst, ganz langsam, dann zunehmend sicherer. Wie ein Adler, hatte Isolde gesagt. Aber zu seiner Überraschung dachte Mauritius Steinberger in diesem Moment nicht an Adler, die kreisend in die Lüfte stiegen und Ausschau hielten, auch nicht mehr an Bleistifte oder an Zigaretten und ihren kreisförmig aufsteigenden Rauch. Er starrte die Bögen und Spiralen an, die unter seiner Hand entstanden, und dachte, zu seiner Überraschung, an Eislaufen. An langsame, von Kufen gezogene Kreise auf dem Eis. Stumpf vom Schneestaub inmitten des Geglitzers. Er sah eine sanfte Uferlinie vor sich, Schilf unter dem Schnee, vereinzelte Bäume. Die könnte er dazumalen. Seine Hand hob sich und zögerte. Oder lieber die Kufen oder doch …
»Schlittschuhe?«, fragte ihn eine Stimme. Seine Hand rutschte aus. Eine dunkle Schramme aus Graphit fuhr zwischen die Linien, wie eine Wunde oder ein Sprung.
»Entschuldigung.« Peter Quent lüftete seinen Hut, legte ihn auf dem freien Platz zu Steinbergers Rechten ab und setzte sich. »Ich dachte, ich versuche es auch einmal, mit Ihrer Erlaubnis.« Er nickte Dorothea Kranz zu.
Die beeilte sich, ihn willkommen zu heißen und mit Werkzeug zu versorgen. »Gleich zwei Männer an einem Tag«, stellte sie fest. »Wir wachsen über uns hinaus.« Die Schluppenblusendamen kicherten.
Isolde Hohoff neigte sich von links über Steinbergers Bild. »Interessant, dass Sie das mit Eislaufen assoziieren«, meinte sie zu Quent, die Linien studierend. »Mir kam es eher vor wie ein Wolkengebilde.«
»Aber da ist doch eindeutig der Stiefel, zumindest die gebogene Kufe«, widersprach Quent fröhlich und deutete auf die Figur, die er meinte.
Steinberger, zwischen den beiden eingeklemmt, war noch immer verwirrt von dem Geschehen, doch nicht gewillt, Peter Quent auch nur ein Stück weit recht zu geben. Wie durch einen Nebel sah er, was sich auf dem eben noch jungfräulichen Teich, den er auf sein Blatt gemalt hatte, für eine Szene abspielte. Eben fasste Quent wie zufällig Isolde Hohoffs Hand an, jetzt strich er mit dem Finger über den Ring, den sie trug, massives Gold mit einem nicht gerade kleinen Diamanten. Den hätte er wohl gerne.
Ich kenn dich, dachte Steinberger. Laut sagte er: »Das wird nichts«, zog sein Blatt unter den kommunizierenden Fingern seiner Nachbarn hervor und riss es mehrmals entzwei.
Sofort hatte Dorothea ihm ein neues hingelegt. »Das wird«, widersprach sie ihm fröhlich. »Turner hat auch nicht an einem Tag gelernt. Stimmt’s, Herr Steinberger?«
»Turner?«, erkundigte sich Isolde Hohoff.
Steinberger räusperte sich. »Mein Lieblingsmaler«, bekannte er. »Vor allem die Seestücke.« Getreulich gab er wieder, was Dorothea Kranz ihm auf dem langen Heimweg alles erzählt hatte. »Sie sind mir lieber als die Alpenbilder. So dynamisch, aber dabei positiv und voller Licht.«
»Turner malte die Sonne«, stimmte Isolde Hohoff ihm zu.
»Und wann hätte ein Maler das vor Turner je getan?«, fragte Dorothea Kranz behutsam dazwischen und nickte Steinberger zu, als wüsste der, wovon sie sprach. »Von Lorrain einmal abgesehen?«
»Van Gogh?«, krähte Quent dazwischen.
Und Steinberger, der keine Ahnung hatte, ob die Bemerkung klug oder dumm war, hatte das Vergnügen, an den Gesichtern sämtlicher anwesender Damen ablesen zu dürfen, dass sie wohl eindeutig Letzteres gewesen sein musste. Das freudige Gefühl, das ihm dieser Umstand einflößte, ließ ihn so mutig sein, Isolde Hohoff direkt im Anschluss an die Stunde zu einem Kaffee einzuladen.
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