Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

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6. Zu Athen legte er auch den Tempel der ehrwürdigen Göttinnen an, wie der Argeer Lobon in seiner Schrift von den Dichtern sagt. Er soll auch der erste gewesen sein, der Häuser und Felder gereinigt und Tempel angelegt hat.
7. Es gibt einige, die es leugnen, dass er geschlafen habe, sondern sagen, er habe eine Zeitlang in der Irre herumgelaufen, wo er sich mit Wurzelausreißen beschäftigte.
8. Es geht von ihm noch ein Brief an den Gesetzgeber Solon herum, worin die Staatsverfassung beschrieben ist, die Minos den Kretern gegeben hat, aber Demetrius von Magnesia in seiner Schrift von gleichnamigen Dichtern und Schriftstellern sucht diesen Brief als neu zu verwerfen, da er nicht in der kretischen, sondern attischen Mundart und zwar in der neueren, geschrieben sei.
9. Ich habe noch einen anderen Brief gefunden, der so lautet:
Epimenides an Solon.
(113) Sei zufrieden, Freund, denn wenn sich Pisistrat zum Oberherrn der Athener, da sie noch um Lohn dienten und noch keine guten Gesetze hatten, gemacht hätte, so würde er die Herrschaft immer behalten, nachdem er die Bürger zu seinen Sklaven gemacht. Jetzt aber hat er keine schlechten Leute unterjocht, die sich der Anzeige Solons erinnern, über ihre Schande seufzen und sich von einer Gewaltherrschaft nicht lange unterdrücken lassen werden; sondern wenn sich auch Pisistrat der Stadt bemächtigt hat, so hoffe ich doch, dass seine Macht nicht auf seine Kinder kommen wird. Denn es ist schwer zu bewirken, dass an Freiheit gewöhnte Leute, die gute Gesetze haben, Sklaven bleiben. Streife du aber nicht so herum, sondern komm zu uns nach Kreta. Hier wirst du keinen furchtbaren Alleinherrscher finden; wenn dir aber in freien Gegenden seine Freunde wo aufstoßen sollten, so bin ich besorgt, dass dir etwas widriges begegnen könnte. (114) So derselbe.
10. Demetrius schreibt noch, dass einige erzählen, er habe von Nymphen eine Speise bekommen, die er in einer Ochsenklaue aufbewahren solle. Nachdem er diese in kleinen Teilen genommen, so habe er nicht mehr nötig gehabt, etwas zu essen und man habe ihn nie wieder essen gesehen. Dies hat auch Timäus in seinem zweiten Aufsatz gesagt.
11. Einige sagen, dass ihm die Kreter als einem Gott opfern, denn sie behaupten, dass er die tiefsten Einsichten gehabt habe. Wie er die Munychia zu Athen gesehen, soll er gesagt haben, sie wüssten nicht, welches Unglück ihnen dieser Platz verursachen werde, denn sonst würde sie ihn selbst mit den Zähnen auseinanderreißen. Dies sagte er so viele Jahre vorher. Man sagt auch, er habe sich zuerst Aiakus genannt und den Lakedämoniern die Niederlage von den Arkadiern vorausgesagt, auch vorgegeben, dass er mehrmals wieder aufgelebt sei. (115) Theopomp sagt in seinen Wundergeschichten, wie er das Heiligtum der Nymphen angelegt, habe sich eine Stimme vom Himmel herab hören lassen: Epimenides, nicht den Nymphen, sondern dem Zeus! Den Kretern sagte er auch vorher, dass die Lakedämonier von den Arkadern besiegt werden würden, wie schon bemerkt ist. Und dies wiederfuhr ihnen auch bei Orchomen.
12. Er soll in soviel Tagen gealtert sein, als er Jahre geschlafen hatte; auch das sagt Theompomp. Myronian in den Gleichen, schreibt, die Kreter hätten ihn einen Kureten genannt. Seinen Leichnam verwahren die Lakedämonier in ihrem Lande, wegen eines Orakels, wie der Lakonier Sosibius sagt.
13. Es haben aber noch zwei andere Epimenides gelebt, wovon der eine Geschlechtsregister, der andere aber in dorischer Sprache von Rodos geschrieben hat.
Elftes Kapitel
Pherekydes
1. (116) Pherekydes, Badys Sohn, ein Skyrer, hat, wie Alexander in den Folgen sagt, den Pittakus gehört.
2. Er soll, nach Theopomp, über die Natur und die Götter zuerst in griechischer Sprache geschrieben haben. Es werden auch von ihm viel wunderbare Dinge erzählt. Denn da er im Sand am Ufer ging und ein Schiff mit gutem Wind segeln sah, soll er gesagt haben, es werde in kurzem versinken und noch vor seinen Augen sei es versunken. Als er aus einem Brunnen geschöpftes Wasser getrunken, soll er vorausgesagt haben, dass über drei Tage ein Erdbeben kommen werde und dies sei erfolgt. Da er auf einer Reise nach Olympia nach Messene kam, soll er seinem Gastfreund Perilaus geraten haben, von da wegzuziehen mit den Seinigen, der ihm aber nicht folgen wollen; Messene aber ward vom Feind eingenommen.
3. (117) Er soll auch, wie Theopomp in den wunderbaren Geschichten schreibt, den Lakedämoniern gesagt haben, weder auf Gold noch Silber einen Wert zu setzen, denn Herakles habe ihm dies in einem Traum befohlen; und dieser habe in derselben Nacht auch den Königen befohlen, dem Pherekydes zu folgen. Einige legen dies aber dem Pythagoras bei.
4. Hermipp schreibt, bei einem Krieg zwischen den Ephesern und Magnesiern habe er gewollt, dass die Epheser siegen sollten und einen vorbeigehenden gefragt, woher er sei. Da dieser gesagt, von Ephesus habe er ihm gesagt: ziehe mich bei den Beinen fort, und lege mich nieder im magnesischen Gebiet und sage deinen Mitbürgern, sie sollten mich nach dem Sieg daselbst begraben. (118) Dies habe Pherekydes ihm aufgegeben und er habe solches berichtet. Als sie nun am folgenden Tag den Angriff getan, haben sie die Magnesier überwunden, den gestorbenen Pherekydes daselbst begraben und ihm alle mögliche Ehre erwiesen.
5. Einige sagen aber auch, er sei nach Delphi gegangen und habe sich vom korykeischen Berg herabgestürzt. Aristoxen hingegen schreibt in seinem Buch von Pythagoras und dessen Vertrauten, er sei krank geworden und Pythagoras habe ihn in Delos begraben. Noch andere lassen ihn an der Läusesucht sterben. Als damals Pythagoras zu ihm kam und ihn fragte, wie es um ihn stehe, soll er den Finger durch die Tür gesteckt und gesagt haben, das zeigt meine Haut. Und von der Zeit an wird dieser Ausdruck von den Philologen von üblen Dingen gebraucht und die ihn in gutem Sinn gebrauchen, irren. (119) Er sagte auch, die Götter nennten einen Tisch Thyoros.
6. Andron vom Ephes schreibt, dass zwei Pherekydes, beide Skyrer, gewesen, einer ein Astrologe, einer ein Theologe, und ein Sohn des Badys, den auch Pythagoras gehört habe. Eratosthen nennt nur einen und den anderen einen Athener und Genealogen. Es ist von dem Skyrer auch noch ein Buch, das er geschrieben, vorhanden, dessen Anfang ist: Zeus und Chronos sind immer eins, auch Chthon war von Anfang an. Chthon bekam den Namen Ge (Erde), weil ihr Zeus dieselbe zum Geschenk gab. Auf der Insel Skyros ist auch noch eine Sonnenuhr von ihm vorhanden.
7. Duris im zweiten Buch von den Heiligtümern führt folgende Inschrift seines Grabmals an:
(120) Aller Weisheit Ziel war in mir; verlangest du mehr noch, Sag’ es meinem Pythagoras, der von allen der erste Ist in Griechenland, was ich jetzt rede, ist nicht erlogen.
Ion der Chier schreibt dies von ihm:
Mit Bescheidenheit und mit Männergeist geschmückt,
Lebt, geschieden vom Leib, noch sein fröhlicher Geist.
Gleich dem weisen Pythagoras kannt’ er die Sprüche von allen
Sterblichen, hatte sie fest in der Seele gefasst.
Wir haben im pherekratischen Silbenmaß folgendes auf ihn verfertigt:
Berühmt ist Pherekydes, Den Skyros einst geboren.(121) Von Läusen, geht die Sage, Ward ihm die Haut zerfressen. Dagegen wollt er selber, Sie sollten ihn begraben Im Boden der Magnesier, Um Sieg den edlen Bürgern Von Ephesus zu geben. Das war ein Spruch der Gottheit, Den er allein nur kannte, Da er es ihnen aufgab. Bei ihnen starb der Weise. Der war er wahrlich! Wenn es Ein Mensch ist je gewesen. Im Leben war er nützlich, Er war’s noch, schon verschieden. Er lebte um die 59. Olympiade.
8. Folgender Brief ist von ihm.
(122) Dein Tod müsse gut sein, wenn es dein Schicksal ist, dass du sterben sollst. Eine Krankheit hat mich befallen, seitdem ich deinen Brief erhalten habe. Ich bin voller Läuse geworden, und habe ein leichtes Fieber. Ich habe daher meinen Hausleuten befohlen, wenn sie mich begraben haben, dir meine Schriften zu überbringen. Wenn du und die übrigen Weisen sie dessen würdig hältst, so kannst du sie öffentlich bekannt machen; findet ihr sie aber dessen nicht würdig, so mache sie nicht bekannt. Mir habe ich selbst noch kein Genüge getan; denn es ist noch nicht erwiesen, was Wahrheit ist, und ich kann nicht behaupten, dies genau zu wissen. Alles, was man noch über göttliche Dinge vortragen kann, sind nur lauter Mutmaßungen. Ich habe alles in dunkle Ausdrücke eingekleidet. Meine Krankheit wird immer heftiger und ich lasse weder einen Arzt noch meine Freunde vor mich, sondern sie bleiben vor der Tür stehen, und wenn sie fragen, wie es mit mir steht, halte ich den Finger zur Öffnung hinaus, und lasse sie die heftige Plage der Krankheit sehen; wobei ich ihnen sage, sie möchten am folgenden Tage zu Pherekydes Begräbnis kommen.
Dies sind nun diejenigen, welche man Weise nennt, zu welchen einige noch den Gewaltherrscher Pisistrat hinzusetzen. Ich werde aber nun von den Weisheitsfreunden (den Philosophen) reden, und mit der ionischen Philosophie den Anfang machen, deren Ursprung sich von Thales herschreibt, dessen Zuhörer Anaximander gewesen ist.
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Anaximander
1. (1) Anaximander, Praxiades Sohn, war ein Milesier.
2. Er sagte, Ursprung und Grundstoff seien das Unendliche, ohne dass er Luft oder Wasser oder sonst etwas bestimmte. Die Teile desselben würden zwar verändert, aber das Ganze sei unveränderlich. Die Erde sei in die Mitte gestellt und nehme den Mittelpunkt ein, sie sei rund. Der Mond habe ein erborgtes Licht und werde von der Sonne erleuchtet; die Sonne aber sei nicht kleiner als die Erde, und sie sei das reinste Feuer.
3. Er erfand auch zuerst den Sonnenzeiger und stellte ihn auf der Sonnenuhr in Lakedämon auf, wie Favorin in seinen vermischten Geschichten schreibt. Er verfertigte auch Werkzeuge, um die Sonnenwenden und Nachtgleichen anzuzeigen, ingleichen zur Stundenbemerkung. (2) Den Umfang der Erde und des Meeres hat er zuerst gezeichnet und auch eine Kugel verfertigt. Die Hauptpunkte seiner Lehren hat er auseinandergesetzt, welche Schrift dem Athener Apollodor in die Hände fiel.
4. Dieser sagt auch in seiner Zeitgeschichte, dass er im zweiten Jahr der 58. Olympiade 64 Jahre alt gewesen und bald nachher gestorben, und dass seine Blüte vorzüglich in die Zeiten des samischen Gewaltfürsten Polikrates falle. Man erzählt, die Knaben hätten ihn beim Singen ausgelacht, und er habe, wie er das gewahr geworden, gesagt: ich werde besser singen müssen, wegen der Knaben.
5. Es gab außer ihm noch einen Anaximander, der ein Geschichtsschreiber war und auch aus Milet kam und in der ionischen Mundart geschrieben hat.
Zweites Kapitel
Anaximen
1. (3) Anaximen[es], Eurystrats Sohn, ein Milesier, hörte Anaximander. Einige sagen, er habe auch den Parmenides gehört. Er machte die Luft und das Unendliche zum Ursprung und behauptete, dass die Sterne sich nicht über, sondern um die Erde bewegten. Er bediente sich der ungekünstelten und ungeschmückten ionischen Mundart. Er wurde, nach Apollodors Bericht, in der 63. Olympiade geboren und starb um die Zeit der Eroberung von Sardes.
2. Es sind noch zwei andere Anaximenes gewesen, beide von Lampsakos, ein Redekünstler und ein Geschichtsschreiber, welcher ein Schwestersohn des Redekünstlers war und Alexanders Taten beschrieben hat.
3. Von unserem Philosophen sind folgende Briefe:
Anaximen an Pythagoras.
(4) Thales ist in einem rühmlichen Alter auf eine unglückliche Weise gestorben. In einer heiteren Nacht ging er, seiner Gewohnheit nach, mit einer Magd aus seiner Wohnung und beobachtete die Sterne, und da er bei seinen Beobachtungen nicht daran dachte, dass er auf einer Klippe stand, so stürzte er hinab. Nun sagen die Milesier: das Ende hat der Himmelsbeobachter genommen! Wir selbst aber, seine Schüler, wollen uns des Mannes nicht allein erinnern, sondern auch noch unsere Kinder und Zuhörer mit seinen Reden unterhalten. Thales soll immer der Anfang unserer Gespräche sein.
4. Und weiter:
Anaximen an Pythagoras.
(5) Du hast den besten Entschluss unter uns gefasst, dass du von Samos nach Kroton gezogen bist, wo du ruhig lebst. Aber die Söhne des Aiakus sinnen nicht nur auf Böses gegen andere, sondern fahren auch fort, die Milesier eigenmächtig zu beherrschen. Den medischen König aber haben wir zu fürchten, doch nicht, wenn wir ihm Steuern bezahlen wollen. Die Ionier indes stehen im Begriff, die allgemeine Freiheit von den Medern mit den Waffen zu erkämpfen. Werden sie besiegt, so ist keine Hoffnung der Rettung mehr für uns. Wie kann also Anaximen seinen Geist mit Himmelsbeobachtungen beschäftigen, da er in Furcht des Todes oder der Knechtschaft sein muss? Du aber bist den Krotonern lieb und wert und auch den anderen Italiern. Aus Sizilien werden ebenfalls Zuhörer zu dir kommen.
Drittes Kapitel
Anaxagoras
1. (6) Anaxagoras, Hegesibuls oder Gubuls Sohn, war ein Klazomenier. Er war Anaximens Zuhörer und legte der Materie zuerst Verstandesvermögen bei, indem er seine Schrift, die in einem angenehmen und prächtigen Stil geschrieben ist, so anfängt: Alle Dinge waren zugleich, nachher kam der Verstand, welcher sie ordnete und davon benannt wurde. Timon schreibt in den Sillen also von ihm:
Drum nennt man Anaxagoras den mächtigen Helden,
Nennt ihn den Verstand; ihm war es Verstand, der plötzlich sich erhob,
Und alles verband, das vorher getrennt war.
2. Er zeichnete sich durch Adel und Reichtum, aber auch durch Geistesgröße aus, denn er überließ sein väterliches Vermögen seinen Verwandten. (7) Da sie ihn nämlich der Sorglosigkeit beschuldigten, sagte er: nun denn, warum sorgt ihr nicht dafür? Zuletzt zog er sich zurück und beschäftigte sich mit Betrachtungen der Natur, ohne sich um Staatssachen zu bekümmern. Als ihm nun einmal einer sagte: Bekümmerst du dich denn gar nicht um dein Vaterland? antwortete er: Sprich gut! Mein Vaterland liegt mir recht sehr am Herzen! wobei er gen Himmel wies.
3. Er soll bei dem Zuge des Xerxes 20 Jahre alt gewesen sein, und sein Leben auf 72 Jahre gebracht haben. Apollodor schreibt in seinen Zeitbüchern, dass er in der 70. Olympiade geboren, und im ersten Jahr der 78. Olympiade gestorben sei. Er fing zu Athen unter Kallias zu philosophieren an, wie er 20 Jahre alt war, schreibt der Phalerier Demetrius in seinem Buch von den Archonten, und er soll sich daselbst 30 Jahre aufgehalten haben.
4. (8) Er behauptete, die Sonne bestehe aus glühendem Eisen und sei größer als die Peloponnes. Andere schreiben dies Tantalus zu. Der Mond, sagte er, sei bewohnt und habe Hügel und Täler. Der Anfang aller Dinge wären kleine, sich ganz ähnliche Teilchen; denn wie das Gold aus Teilstaub bestehe, so sei aus einander ähnlichen Teilchen auch das All zusammengesetzt. Die Vernunft mache den Anfang der Bewegung. Von den körperlichen Teilen nähmen die schweren den unteren Platz ein, wie die Erde, die leichten aber zögen sich in die Höhe, wie das Feuer; Wasser aber und Luft befänden sich in der Mitte. Daher stände auf der Erde, wo sie weit und flach wäre, das Meer, indem die Feuchtigkeiten durch die Sonne verdünnt würden. (9) Die Sterne hätten anfänglich wie ein Gewölbe in der Höhe gestanden, so dass der Pol sich immer der Spitze der Erde gezeigt habe, nachher erst hätten sie die Neigung bekommen. Die Milchstraße sei eine Brechung der Sonnenstrahlen, da die Sterne nicht herableuchtend wären. Die Kometen entständen aus der Zusammenkunft der Planeten, die Strahlen von sich ausließen. Die Sternschnuppen wären Feuerfunken, die von der Luft hin und her geschwankt würden. Die Winde entstünden durch Verdünnung der Luft durch die Sonne. Der Donner sei ein Zusammenstoßen der Wolken, und der Blitz ein Reiben der Wolken aneinander. Das Erdbeben entstehe durch das Drängen der unterirdischen Luft. Lebendige Geschöpfe wären durch Wasser, Wärme und Erde erzeugt und nachher von einander selbst, und zwar die männlichen von der Rechten und die weiblichen von der Linken.
5. (10) Man sagt auch, dass er den Fall des Steins beim Ziegenflusse vorausgesagt und auch gesagt habe, er werde aus der Sonne herunterfallen. Daher habe auch Euripides, der sein Schüler war, im Phaeton die Sonne einen Goldklumpen genannt. Als er zu Olympia angekommen, habe er sich in ein Wildschauer gehüllt hingesetzt, weil es bald regnen würde und dies sei auch erfolgt. Als man ihn gefragt, ob die Berge in Lampsakos einmal wieder Meer werden würden, soll er geantwortet haben: wenn die Zeit nicht vorher aufhört.
6. Als man in fragte, wozu er geboren sei, sagte er, zur Betrachtung der Sonne, des Mondes und des Himmels. Als ihm jemand sagte, du bist der Athener beraubt worden, erwiderte er: nicht ich ihrer, sondern sie meiner. Beim Anblick des Grabmals des Mausolus sagte er: ein kostbar erbautes Grab ist ein Bild in Stein verwandelten Reichtums. (11) Als einer sich für unglücklich hielt, weil er in einem fremden Land sterbe, sagte er: Man findet an allen Orten einen Hinabweg zum Hades.
7. Wie Favorin in seinen vermischten Geschichten erzählt, war er der erste, der öffentlich sagte, Homer habe von Tugend und Gerechtigkeit gedichtet, und zu dieser seiner Behauptung soll sein Freund Metrodor der Lampsaker noch mehr hinzugesetzt haben, der den Dichter auch zuerst in Rücksicht auf Physik studiert haben soll.
8. Anaxagoras hat auch zuerst ein geschriebenes Buch herausgegeben. Silen erzählt im ersten Buch seiner Geschichte, dass unter dem Archon Dimyl ein Stein vom Himmel gefallen; (12) und dass Anaxagoras gesagt habe, der ganze Himmel sei aus Steinen zusammengesetzt, die durch die Schnelligkeit der Bewegungen zusammengehalten würden und wenn diese nachließe, herunterfallen müssten.
9. Von seinem Rechtshandel gehen verschiedene Sagen. Sotion sagt nämlich in seiner Folge der Philosophen, Kleon habe ihn der Unehrfurcht gegen die Götter angeklagt, weil er gesagt habe, die Sonne sei ein Klumpen glühendes Eisen; sein Schüler Perikles habe ihn zwar verteidigt, aber er sei zu einer Strafe von fünf Talenten und zur Landesflucht verurteilt worden. Satyr aber schreibt in den Lebensbeschreibungen, dass Thukydides ihn gerichtlich belangt habe, der ein Gegner des Perikles in Staatssachen war; die Klage habe auch nicht allein seine Unehrfurcht gegen die Götter, sondern zugleich seine medischen Gesinnungen betroffen, und er sei in seiner Abwesenheit zum Tod verurteilt worden.
(13) Als ihm nun zugleich die Verurteilung und der Tod seiner Söhne berichtet worden, soll er, die Verurteilung betreffend, gesagt haben: über sie und über mich hat die Natur selbst schon abgeurteilt; in Rücksicht seiner Söhne aber: ich wusste, dass sie als Sterbliche gezeugt waren. Einige schrieben dies Solon, andere wieder Xenophon zu. Von ihm erzählt der Phalerier Demetrius in seinem Buch vom Alter, dass er seine Söhne mit eigenen Händen begraben habe. Hermipp hat in den Lebensbeschreibungen, dass man ihn lebenslang eingekerkert habe. Nun sei Perikles gekommen und habe gefragt, ob sie seinem Leben Vorwürfe zu machen hätten? Und da sie geantwortet, gar keine; so habe er gesagt: ich bin des Mannes Zögling, lasst euch also nicht durch Verleumdungen hinreißen, den Mann zu töten, sondern folgt mir und lasst ihn los! Worauf er losgelassen worden, er habe aber diese Beschimpfung nicht ertragen können und sich selbst einen Ausweg eröffnet. (14) Hieronymus aber erzählt im zweiten Buch seiner zerstreuten Denkwürdigkeiten, dass ihn Perikles ganz beschmutzt und abgezehrt von einer Krankheit vors Gericht geführt habe, und dass er mehr aus Mitleid, denn aus Rechtsgründen freigesprochen worden. Dies mag genug sein von seinem Rechtshandel. Man hält ihn für den Feind Demokrits, weil er mit ihm nicht zu einer Unterredung kommen konnte.
10. Zuletzt begab er sich nach Lampsakus, wo er starb, und als ihn die Stadtobrigkeit fragen ließ, was sie für ihn noch tun könnten sagte er, sie möchten alle Jahre in seinem Sterbemonat die Kinder zusammen spielen lassen. Dieser Gebrauch wird noch jetzt beobachtet. (15) Nach seinem Tod begruben ihn die Lampsaker sehr ehrenvoll, und setzten ihm die Grabschrift:
Anaxagoras ruht hier, der am weitesten eindrang
In die wahre Natur dieser himmlischen Welt.
Die unsrige auf ihn ist diese:
Anaxagoras ward darob zum Tod verdammet,
Dass er die Sonne genannt einen glühenden Ball.
Ihn befreite sein Freund Perikles, er selber, der Weise,
Ging den sanftesten Gang aus dem Leben hinaus.
11. Es sind noch 3 andere Anaxagoras gewesen, bei deren keinem sich alles fand; der eine war ein Redekünstler aus Isokrats Schule; der andere ein von Antigon erwähnter Bildhauer; der dritte ein Sprachlehrer, aus Zenodots Schule.
Viertes Kapitel
Archelaus
1. (16) Archelaus, ein Athener oder Milesier, Apollodors oder nach einigen Mysons Sohn, Anaxagoras Schüler, war Sokrates’ Lehrer.
2. Er hat zuerst die physische Philosophie aus Ionien nach Athen gebracht, weshalb er der Physiker genannt wurde, weil mit ihm die physische Philosophie aufhörte, da Sokrates die ethische einführte. Doch scheint auch er die ethische schon mit berührt zu haben, denn er philosophierte auch über Gesetze, über Anständigkeit und Gerechtigkeit. Von ihm nahm Sokrates dies an und erweiterte es so, dass er für den Erfinder gehalten worden ist.
3. Er nahm zwei Ursachen der Erzeugung an, Wärme und Kälte, und ließ die lebendigen Wesen aus Schlamm entstehen. Gerechtigkeit und Schändlichkeit, sagte er, bestimme nicht die Natur, sondern das Gesetz. Seine Gründe waren diese: (17) Wenn das Wässerige durch die Wärme flüssig gemacht wird, erzeugt es, insoweit es feurigen Wesens ist, Erde, insoweit es aber herumfließt, Luft; daher wird jene von der Luft, diese aber von der Umgebung des Feuers beschränkt. Die Tiere, sagte er, entstehen aus erwärmter Erde, und der Schlamm gebe ihnen eine der Milch sehr nahekommende Nahrung. Auf solche Art wären auch die Menschen entstanden. Er behauptete zuerst, dass die Stimme durch einen Stoß der Luft entstehe, dass das Meer in den Höhlungen der Erde zusammengehalten werde; dass die Sonne das größte der Gestirne, das All aber unbegrenzt sei.
4. Es sind noch drei andere Archelaus gewesen, ein Erdbeschreiber der von Alexander durchzogenen Länder; ein anderer, der die Naturerzeugnisse jedes Ortes beschrieben, und ein dritter, der über die Redekunst geschrieben habe.
Fünftes Kapitel
Sokrates
1. (18) Sokrates war ein Sohn des Steinmetzes Sophroniskus und der Hebamme Phänarete, wie Platon im Theatet schreibt. Als Athener gehörte er zum alopekischen Demus.
2. Man glaubte, dass er dem Euripides an seinen Dichterwerken helfe, daher sagt Mnesitoch:
Zum neuen Drama des Euripides,
Die Phryger, trug auch Sokrates sein Früchtchen.
Und wiederum:
Euripides, der Sokratesklammerer.
Und Kallias in den Gefesselten:
Ja, du hochmutest jetzt, und prahlst so groß!
Das kann ich auch. Mir hilft ja Sokrates.



