Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

- -
- 100%
- +
Aristophanes in den Wolken:
Euripides, der Trauerspiele dichtet,
Die voll Geschwätz, das ist, voll hoher Weisheit sind.
3. (19) Er hat, wie einige sagen, den Anaxagoras gehört, auch den Damon, wie Alexander in den Folgen sagt. Nach dessen Verurteilung hörte er den Physiker Archelaus, mit dem er, wie Aristoxen sagt, in Liebesverbindung gestanden haben soll.
4. Duris schreibt, er habe auch Sklavendienste getan und Steine gemetzt; und die bekleideten Charitinnen auf der Burg sollen, nach einiger Behauptung, seine Arbeit sein. Daher sagt auch Timon in den Sillen:
Und von ihnen wich ab der Sprecher des Rechtes, der Steinmetz,
Der Hellenenweissager, der feine Denker und Lehrer,
Jener Spöttler, Rhetorenverachter, der überverfeinte Attiker, der Ironiker. –
5. Er besaß auch eine Stärke in der Rhetorik, wie Idomeneus schreibt, aber die Dreißiger untersagten ihm, wie Xenophon berichtet, die Redekust zu lehren. (20) Aristophanes lässt ihn in der Komödie als einen auftreten, der eine schlechte Sache als eine gute vorzustellen weiß. Er war nämlich der erste, wie Favorin in den vermischten Geschichten erzählt, der zugleich mit seinem Schüler Äschines die Kunst des Vortrags lehrte. Eben das sagt auch Idomeneus, in seinem Buch von den Sokratikern. Er hielt auch zuerst Vorträge über das menschliche Leben und war der erste der Philosophen, der zum Tode verdammt und hingerichtet worden. Aristoxen, Spinthars Sohn, sagt auch, dass er Wucher getrieben habe, und das auf Zinsen gegebene Geld mit den Zinsen wieder einzuziehen gewohnt gewesen sei, nach deren Verzehrung er solches wiederum ausgetan habe. Der Byzanter Demetrius schreibt, Kriton habe ihn aus der Werkstatt herausgeholt und ihn unterrichtet, weil er sich in die Anmut seines Geistes verliebt hatte.
6. (21) Nachdem er aber erkannt, dass die Betrachtungen der Natur für uns unnütz wären, habe er über die Ethik sowohl in der Werkstatt, als auf dem Markt philosophiert und gesagt, er untersuche, was uns im Hause zum Wohl und was zum Schaden gereiche.
Er habe es verachtet, wenn er bei seiner Untersuchung oftmals heftiger sprach und man ihm Maulschellen gab und Haare ausraufte und ihn öfters auslachte: das alles soll er geduldig ertragen haben. Als sich jemand wunderte, dass er gelassen bliebe, wie ihn einer mit dem Fuße stieß, sagte er: Sollte ich wohl einen Esel anklagen, der mit dem Fuß nach mir ausschlüge? Das sagt Demetrius.
7. (22) Ins Ausland zu gehen, wie viele andere, hielt er nicht für nötig, es müsste denn ein Feldzug zu tun sein. Die übrige Zeit blieb er immer an einem Ort und unterredete sich ergiebiger mit denen, die sich mit ihm in Unterredungen einließen, nicht, um sie in ihren Meinungen zu widerlegen, sondern um einen Versuch zu machen, dadurch die Wahrheit zu finden. Man erzählt, Euripides habe ihm eine Schrift Heraklits gegeben und ihn gefragt, was ihm davon dünke? Er habe geantwortet: Was ich verstanden habe, ist vortrefflich, und also glaube ich, wird es auch das sein, was ich nicht verstehe; übrigens ist ein delischer Schwimmer dazu nötig. Er hielt auf Leibesübung und hatte einen gutgehaltenen Körper. Er machte den Feldzug nach Amsipolis mit und rettete Xenophon, da er ihn auffing, wie er im delischen Treffen vom Pferde stürzte. (23) Als alle Athener hier flohen, zog er sich langsam zurück, indem er ganz ruhig öfters umwendete und sich gegen die zu wehren suchte, die etwa auf ihn loskommen möchten. Er war auch mit bei dem Seezuge gegen Potidäa, denn der Krieg machte einen Landzug dahin unmöglich. Hier soll er die ganze Nacht hindurch stets eine Stellung beobachtet, und wie er den Preis der Tapferkeit erhalten, diesen dem Alkibiades abgetreten haben, von dem Aristipp im vierten Buch von den Wolllüsten der Alten sagt, dass er von ihm sehr geliebt worden sei. Der Chier Ion sagt, er sei in der Jugend mit Archelaus nach Samos gereist, und Aristotel schreibt, er sei auch nach Pytho gekommen. Favorin im ersten Buch der Denkwürdigkeiten lässt ihn auch nach dem Isthmus reisen.
8. (24) Er war fest in seinen Meinungen und für die Volksregierung, welches daraus sichtbar ist, dass er dem Kritias nicht nachgegeben, wie er die Vorführung des reichen Salaminiers Leon verlangte und ihn hinrichten zu lassen. Er allein hat auch durch seine Stimme die zehn Strategen befreit; und ob er gleich aus dem Kerker entfliehen konnte, hat er’s doch nicht gewollt und den ihn Beweinenden Vorwürfe gemacht und in seinen Fesseln noch die schönsten Unterredungen mit ihnen gehalten.
9. Er war selbstgenügsam und ehrwürdig. Als ihm Alkibiades, nach Pamphilas Erzählung im 7. Buch der Denkwürdigkeiten, einen großen Platz schenkte, um ein Haus darauf zu bauen, soll er gesagt haben: Wenn ich Schuhe nötig hätte, würdest du mir dann auch Leder gegeben haben, um Schuhe daraus zu machen? Und wäre ich nicht lächerlich, wenn ich’s annähme? (25) Oftmals sagte er zu sich selbst beim Anblick der Menge der verkäuflichen Dinge: wieviel Dinge sind doch, die ich nicht nötig habe! Sehr oft pflegte er auch diese Jamben zu wiederholen:
Die silbernen und purpurnen Geräte sind für die Bühne,
nicht fürs Leben nützlich.
Er verachtete auch den Makedonier Archelaus, Skopas Kranonius Sohn, und Euryloch Larisäus Sohn recht sehr, nahm weder Geld von ihnen an, noch ging er zu ihnen und führte eine so wohlgeordnete Lebensart, dass er allein bei den öfteren Seuchen in Athen nicht erkrankte.
10. (26) Aristotel sagt, dass er zwei Frauen gehabt habe, die erste sei Xanthippe gewesen, mit welcher er den Lamprokles gezeugt, die zweite Myrto, eine Tochter Aristides des Gerechten, die er ohne Aussteuer genommen und mit ihr den Sophroniskus und Menexen gezeugt habe. Andere sagen, Myrto sei seine erste Frau gewesen, und noch andere, er habe beide zugleich gehabt, zu welchen Satyr und der Rhodier Hieronymus gehören. Man sagt nämlich: um bei einem Mangel an Männern doch die Volksmenge zu vermehren, hätten die Athener durch einen Volksschluss festgesetzt, dass ein Mann zwar nur eine Bürgerin zur Frau nehmen, aber doch mit einer zweiten solle Kinder zeugen können: das habe nun auch Sokrates getan.
11. Er war auch fähig, die über ihn spottenden zu übersehen; (27) und er hielt sich wegen seiner Genüglichkeit für ehrwürdig. Er forderte gar keinen Lohn und sagte, dass Essen und Trinken schmecke ihm dann am angenehmsten, wenn er am wenigsten Zukost gebrauche und am wenigsten einen Trunk erwarte, den er nicht hätte. Dadurch, dass er die kleinsten Bedürfnisse habe, nähere er sich den Göttern. Dies kann man schon aus den Lustspieldichtern abnehmen, die es nicht wissen, dass sie ihn eben durch das loben, was sie an ihm spöttlich tadeln. So sagt Aristophanes:
O Mensch, du strebst mit Recht nach großer Weisheit,
Um glücklich in Athen und anderwärts zu leben.
Ferner:
Sei eingedenk, und sinne drüber nach,
Es ist was jämmerliches in dem Sinn.
Du wirst nie müde, weder wenn du stehst,
Noch wenn du gehst, auch Winterkälte schmerzt
Dich eben nicht, du fühlst auch keine Gier
Nach Speise, du enthältst dich immerfort
Von Wein und Schmaus und anderm Torenunsinn.
(28) Ameipsias lässt ihn in einem alten Mantel auftreten und drückt sich so aus:
Sokrates, bester von wenigen Menschen,
Albernster unter den meisten, auch du
Kommst auch zu uns her, kannst was vertragen!
Woher wollt’st du ein Wams auch nehmen?
In das Unglück bist du gekommen,
Weil du die Lederschneider verspottet hast.
Wenn ihn auch noch so sehr hungerte, so konnte er’s doch nicht von sich erhalten, zu schmeicheln. Dieses Herabsehen, diesen Hochmut wirft ihm auch Aristophanes in folgenden Ausdrücken vor:
Auf den Straßen schreitest du hoch einher,
Wirfst nur Seitenblicke hochmütig,
Barfuß gehst du, duldest viel Böses,
Und machst immer die heitersten Mienen.
Doch aber fügte er sich zuweilen auch in die Zeiten und zog ein Staatskleid an, wie zum Beispiel, da er nach Platons Gastmahl zum Agathon ging.
12. (29) Er verstand beides, das Anmahnen und Abmahnen zu und von einer Sache. So hat er, wie Platon schreibt, den Theätet bei einer Unterredung von der Wissenschaft ganz begeistert entlassen; den Euthyfron aber, der seinem Vater einen Prozess machen wollte wegen der Fremdheit, brachte er durch eine Unterredung über die Kindespflichten davon ab. Auch den Lysis machte er durch sein Zureden sehr wohlgesittet, da er die Kunst verstand, immer die rechten Worte für jede Sache zu finden. Auch seinen Sohn Lamprokles, der gegen seine Mutter aufgebracht war, lenkte er herum, wie Xenophon erzählt. Platons Bruder Glaukon, der sich Staatsgeschäften widmen wollte, aber kein Geschick dazu hatte, brachte er davon ab, wie ebenfalls Xenophon schreibt, den Charmides im Gegenteil beredete er dazu, weil er Geschick dazu hatte. (30) Dem Feldherren Isikrates flößte er Mut ein, indem er ihm zeigte, wie die Hähne des Scherers Midas gegen die des Kallias mit den Flügeln stritten. Und ihn selbst hielt Glaukonides würdig, die Stadt zu schmücken gleich einem Fasan und Pfau. Er sagte auch, es sei etwas auffallendes, dass ein jeder leicht sagen könne, was er hätte, aber keiner angeben könne, welche Freunde er habe, so sorglos betrüge man sich in Ansehung derselben. Als er sah, dass Euklides sehr gern Streitreden hörte, sagte er: Euklides, du kannst die Sophisten wohl nützen, aber gar nicht die Menschen; denn er hielt, wie Platon im Euthydem sagt, ein unanständiges Gerede über solche Dinge für unnütz.
13. (31) Als ihm Charmides Sklaven schenkte, um damit etwas zu verdienen, nahm er sie nicht an und achtete auch, nach einigen, der Schönheit des Alkibiades nicht.
14. Er lobte die musse als das Schönste aller Güter, wie Xenophon im Gastmahl sagt. Er sagte, es gebe nur ein Gut, das Wissen und nur ein Übel, die Unwissenheit. Reichtum und edle Geburt hätten nichts Ehrwürdiges, im Gegenteil vielmehr alles Böse. Als ihm jemand sagte, Antisthenes habe eine Thrakerin zur Mutter, antwortete er, glaubst du denn, dass von zwei Athenern ein solcher Edler gezeugt werde? Da Phädon als ein Gefangener festsaß, forderte er Kriton zu dessen Befreiung auf und machte einen Philosophen aus ihm.
15. (32) Bei Gelegenheit lernte er auch die Leier spielen und sagte, es sei gar nicht unschicklich, dass man das lerne, was man nicht wisse. Er tanzte auch viel, weil er glaubte, dass diese Leibesübung dem guten Behagen des Körpers zuträglich sei, welches auch Xenophon im Gastmahl erzählt.
16. Er sagte auch, dass ein Dämon ihm das Künftige vorher anzeige, und ein guter Anfang sei zwar nichts Kleines, aber nahe dem Kleinen. Er wisse nichts außer nur dies, dass er nichts wisse. Von denen, welche die Früchte der Jahreszeiten teuer kauften, sagte er, sie wüssten nicht die Zeitigung abzuwarten. Als man ihn fragte, was die Tugend eines Jünglings sei, antwortete er, nicht übers Ziel auszuschweifen. (33) Er sagte, man müsse die Erdmesskunst so weit verstehen, dass man sich sein Land zumessen und es anderen wieder zumessen könne. Als Euripides in seiner Auge von der Tugend sagte:
Am besten ist’s, sie ohne Preis aufzugeben,
stand er auf und ging weg mit den Worten: es sei lächerlich, dass man’s der Mühe wert hielte, einen vermissten Sklaven aufzusuchen, und die Tugend so wolle verloren gehen lassen. Als man ihn fragte, was ist besser, zu heiraten oder nicht, antwortete er, du magst tun, was du willst, du wirst es bereuen. Er müsse sich über die wundern, sagte er, welche Bilder aus Steinen verfertigten, wie sie darauf bedacht wären, dass der Stein dem Urbild am gleichsten werde, aber keine Acht auf sich selbst hätten, dass sie dem Stein nicht zu gleichen schienen. Den Jünglingen riet er, sich immer im Spiegel zu betrachten, und wenn sie hässlich wären, die hässlichkeit durch Kenntnisse zu verbergen. (34) Als er reiche Leute zu Tisch gebeten hatte, und Xanthippe errötete, sagte er, sei nur zufrieden, denn wenn sie bescheidene Leute sind, so werden sie sich in uns schicken, sind sie aber schlecht, nun so haben wir uns nicht um sie zu bekümmern. Er sagte, andere Leute lebten, um zu essen, er esse aber, um zu leben. Von einer unnützen Volksmenge sagte er, es sei damit ebenso beschaffen, als wenn jemand ein Vierdrachmenstück für falsch hielte und doch einen Haufen solcher aufgeschütteten Stücke für gut halten wollte. Als Äschines zu ihm sagte, ich bin arm und habe nichts, darum gebe ich dir mich selbst, antwortete er, merkst du denn nicht, dass du mir das größte Geschenk machst? Zu einem, der verdrießlich darüber war, bei der Anordnung der Dreißiger übersehen worden zu sein, sagte er: Hast du schon etwas zu bereuen? (35) Als ihm einer sagte: die Athener haben deinen Tod beschlossen, antwortete er: und die Natur den ihrigen. Einige aber legten dies dem Anaxagoras bei. Als ihm seine Frau sagte: du hast den Tod nicht verdient! sagte er: wolltest du etwa lieber, dass ich ihn verdient hätte? Es kam ihm im Traum vor, dass einer zu ihm sagte:
An dem dritten Tag gelangst du ins liebliche Phthia.
Worauf er zu Äschines sagte: ich werde am dritten Tage sterben. Als er den Schierling trinken sollte, gab ihm Apollodor einen schönen Mantel, um in denselben eingehüllt zu sterben. Er sagte aber: Wie? Da mir mein Mantel gut genug war, um darin zu leben, warum nicht auch, um darin zu sterben? Als ihm jemand sagte: es hat einer sehr übel von dir gesprochen, antwortete er, der hat nicht gut zu sprechen gelernt. (36) Als Antisthenes den zerrissenen Teil seines Mantels nach der äußeren Seite hinkehrte, sagte er: durch deinen durchlöcherten Mantel sehe ich deine Eitelkeit, glänzen zu wollen. Als ihm einer sagte: wird dir nicht sehr viel Böses nachgeredet? antwortete er: nein, denn das Böse findet sich nicht an mir. Er sagte, man müsse sich den Komikern bloßstellen; denn wenn sie etwas tadelten, das wir an uns hätten, so könnten wir uns dadurch zurechtweisen lassen und wo nicht, nun so ginge es uns nichts an.
17. Als Xanthippe ihn erst ausschimpfte und hernach noch mit Wasser begoss, sagte er; habe ich’s nicht gesagt, dass auf Xanthippes Donner Regen folgen werde? Als Alkibiades zu ihm sagte: Xanthippe ist mit ihrem Geschmähle unausstehlich, erwiderte er: daran bin ich so gewöhnt, wie man das Rollen eines Wagenrads gewöhnt wird. Weiter sagte er: Du hast dich ja auch an Gänsegeschrei gewöhnt? (37) Jener erwiderte: ja, die legen mir Eier und brüten mir Junge aus! Nun denn, gab er zur Antwort, Xanthippe gebiert mir auch Kinder! Als sie ihm einmal auf dem Marktplatz den Mantel weggenommen hatte, so reizten ihn seine Bekannten, dass er sich mit seinen Händen rächen sollte. Beim Zeus, sagte er, wenn wir uns denn mit Fäusten schlügen, so würde der eine von euch rufen: brav! Sokrates! Der andere: brav! Xanthippe! Er sagte, er gehe mit seiner unverträglichen Frau so um wie Reitmeister mit unbändigen Pferden, denn so wie dieselben mit anderen leichter fertig werden könnten, wenn sie diese gebändigt hätten, so würde auch ihm durch den Umgang mit Xanthippe der Umgang mit anderen Menschen leichter.
18. Da er nun so sprach und auch so handelte, so erhielt er von der Pythia das Zeugnis, das sie dem Chärefon in dem allgemein bekannten Orakel erteilt hat:
Von allen Menschen ist Sokrat der weiseste.
(38) Hieraus entstand hauptsächlich der hass gegen ihn, so wie auch dadurch, dass er diejenigen, die sich selbst soviel einbildeten, als unverständige Leute tadelte, wie er unter anderen auch den Anyt, wie Platon im Memon schreibt, getadelt hat. Dieser konnte nämlich die Spöttereien Sokrats nicht ertragen und hetzte zuerst den Aristophanes gegen ihn an und beredete nachher auch den Melit zur Eingebung der Klage gegen ihn, dass er die Götterehrfurcht aus den Augen setze und die Jugend verführe. Melit ward also sein Ankläger. Polyneukt aber trug die Klage im Gericht vor, wie Favorin in seinen vermischten Geschichten erzählt. Der Verfertiger der Rede war, wie Hermipp sagt, der Sophist Polykrat, oder, wie andere wollen, Anyt. Der Volkslenker Lykon hat alles vorbereitet. (39) Antisthenes aber in der Philosophenfolge und Platon in der Schlussschrift sagen, dass er drei zu Anklägern gehabt habe, den Anyt, Lykon und Melit. Anyt habe sich wegen der Volksführer und Staatsleute, Lyon wegen der Redekünstler und Melit wegen der Dichter zu rächen gesucht, die von Sokrates alle bespöttelt worden wären. Favorin aber sagt im ersten Buch der Denkwürdigkeiten, es sei unwahr, dass Polykrat gegen Sokrates eine Rede gehalten habe, denn es komme in derselben die Wiederaufbauung der Mauern durch Konon vor, die erst sechs Jahre nach Sokrats Tod geschehen sei. Und dies verhält sich auch also.
19. (40) Die Beschwörung des Prozesses aber ist diese; denn, wie Favorin sagt, wird sie noch jetzt im Metroon aufbewahrt: Dies ist die Anklage und Übereinkunft Melits, Melits Sohns, des Pitthers, gegen Sokrates, Sophroniskus Sohn den Alopeken: Sokrates handelt unrecht, da er die vom Staat anerkannten Götter nicht anerkennt, sondern andere, und neue Götter einführt, er handelt unrecht, da er die Jugend verdirbt. Er verdient den Tod.
20. Als Lysias eine Verteidigungsrede für ihn aufgesetzt hatte, las sie der Philosoph durch und sagte: die Rede ist zwar schön, Lysias, aber sie ist für mich nicht passend, denn sie war sichtbar mehr juristisch als philosophisch geschrieben. (41) Da nun Lysias sagte: Wie? Wenn die Rede schön ist, kann sie da wohl unpassend für dich sein? Erwiderte er: gibt’s nicht auch schöne Kleider und Schuhe, die doch für mich nicht passen? – Justus der Tiberier hat auch in seinem Stemma geschrieben, dass Platon, da er vor Gericht gezogen worden, die Rednerbühne betreten und gesagt habe: Ich bin der jüngste Athener, von denen, welche die Rednerbühne betreten haben – worauf ihm die Richter zugerufen: steig herab.
21. Da nun 281 Stimmen mehr für seine Verurteilung als für seine Lossprechung waren, und die Richter über die Schätzung des Prozesses sich besprachen, was für eine Strafe er wohl leiden oder was er bezahlen müsse, so schätzte er die Geldbuße auf 25 Drachmen. Eubulides aber sagt, er habe 100 eingestanden. (42) Wie aber die Richter darüber gelärmt hätten, habe er gesagt: Richter, wegen meiner Handlungen verdiente ich die Speisung im Prytaneum. Nun verurteilten sie ihn zum Tode, indem sie noch 80 Stimmen hinzutaten. Er wurde hierauf gefesselt und trank wenige Tage nachher den Schierling, nachdem er noch viele vortreffliche Unterredungen gehalten, die Platon im Phädon verzeichnet hat.
22. Nach einigen hat er auch einen Lobgesang verfertigt, der so anfängt:
Seid gegrüßet Apollo und Artemis, Delier, beide
Hochberühmte Kinder –
Dionysodor sagt, dass der Lobgesang nicht von ihm sei. Er hat auch eine äsopische Fabel gemacht, die aber nicht sehr glücklich ausgefallen, und sich anfängt:
Zu den Bewohnern des hohen Korinth sagt’ einst Äsopus:
Richtet die Tugenden nie nach der Einsicht des Volkes.
23. (43) Er verließ also die Gesellschaft der Menschen. Bald aber bereuten’s die Athener so sehr, dass sie die Kampf- und Ringplätze verschlossen, einige des Vaterlandes verwiesen, den Melit zum Tode verurteilten, den Sokrates aber mit einer kupfernen Bildsäule ehrten, die sie durch Lysipp verfertigen und an dem Platz, wo die Prachtaufzüge gehalten wurden, aufstellen ließen. Den Anyt, der sich auf Reisen befand, verjagten die Herakleoten an demselben Tag aus ihrer Stadt. Die Athener hatten aber nicht allein den Sokrates so übel behandelt, sondern noch sehr viele andere. Denn wie Heraklides sagt, haben sie auch Homer als einen Verrückten um 50 Drachmen gestraft und von Tyrtäus gesagt, er sei wahnsinnig und Astydamas den ersten, nach Äschylus, mit einer kupfernen Bildsäule beehrt. Euripides aber macht ihnen im Palamedes den Vorwurf:
(44) Erwürgt, erwürgt habt ihr den Weisesten, Die Nachtigallenmuse, die nie kränkte.
Dies von dieser Sache. Philochor aber sagt, Euripides sei noch vor Sokrates gestorben, der, wie Apollodor in den Zeitbüchern schreibt, unter Anepsion im 4. Jahr der 77. Olympiade, am 6. Tage des Targelions geboren war, an welchem die Athener ihre Stadt reinigen und an dem auch, nach der Sage der Delier, Artemis geboren sein soll. Er starb im 1. Jahr der 95. Olympiade, 70 Jahre alt, wie Demetrius der Phalerier erzählt. (45) Einige sagen, er sei im 60. Jahr gestorben.
24. Beide haben Anaxagoras gehört, er und Euripides, der auch im 1. Jahr der 75. Olympiade unter Kalliades geboren worden. Es scheint mir aber, dass Sokrates sich auch über die Natur der Dinge unterredet habe, denn er unterredete sich auch über die Fürsehung, wie Xenophon sagt, der doch versichern will, er habe nur allein über das sittliche Betragen der Menschen Vorträge gehalten. Auch Platon in seiner Schutzschrift erwähnt des Anaxagoras und anderer die Natur betreffenden Sätze, die Sokrates verneint und wovon er selbst spricht, doch so, dass er Sokrates alles beilegt. Aristotel schreibt, es sei ein Magier aus Syrien nach Athen gekommen und habe nicht alleine vieles andere an Sokrates getadelt, sondern auch gesagt, dass er eines gewaltsamen Todes sterben werde. (46) Unser Epigramm auf ihn lautet so:
Trinke, mit Zeus nun vereinet, o Sokrates, denn dich erklärte
Gott für weise, der selbst ewige Weisheit ist.
Einmal reichten Athener dir nur den tötenden Schierling,
Selber tranken sie ihn aus dem Munde dir aus.
25. Wie Aristotel im 2. Buch seiner Dichtkunst hat, waren seine Gegner der Lemnier Antiloch und der Zeichenschauer Antphon, so wie von Pythagoras, Kydon und Onatas und vom Homer bei dessen Leben und der vorher genannte Xenophanes nach dem Tode; wie der Koer Amiphimenes von Pindarn, Pherekydes von Thales, der Priener Salar vom Bias; Antimenides und Alkäus vom Pittakus, Sosibius vom Anaxagoras und Timokreon vom Simonides.
26. (47) Von seinen Anhängern aber, die Sokratiker genannt wurden, sind Platon, Xenophon und Antisthenes die vornehmsten. Von den sogenannten Zehn sind die vier ausgezeichnetsten, Äschines, Phaedon, Euklides, Aristipp. Von Xenophon müssen wir zuerst reden, hernach von Antisthenes unter den Kynikern, hierauf von den Sokratikern und dann von Platon, denn von diesem gehen zehn Sekten aus, und er selbst stiftete die erste Akademie. So wird also ihre Folge sein.
27. Es ist noch ein anderer Sokrates gewesen, ein Geschichtsschreiber, der die Fahrt des Argo beschrieben hat; und noch ein anderer, ein Bithyner, war ein Peripatetiker; noch ein dritter dichtete Epigramme und ein vierter war ein Koer, der über die Beinamen der Götter geschrieben hat.
Sechstes Kapitel
Xenophon
1. (48) Xenophon, Gryllus Sohn, war ein Athener aus dem erchischen Demus. Er hat ein seltsames und dabei überaus schönes Ansehen.
2. In einer engen Gasse soll ihm Sokrates einmal begegnet sein, ihn mit Vorhaltung des Stockes vorbeizugehen gehindert und gefragt haben, wo man allerlei Lebensmittel einkaufen könnte? Und auf erhaltene Antwort weiter gefragt haben: wo denn aus Menschen rechtschaffene Männer gezogen würden? Da nun Xenophon stutzte und nichts zu antworten wusste, sagte er zu ihm: So folge mir denn und lerne es. Von der Zeit an war er ein Zuhörer Sokrats.
3. Er hat auch zuerst dessen Vorträge aufgezeichnet und der Welt bekannt gemacht unter dem Titel: Denkwürdigkeiten und er ist auch unter den Philosophen der erste Geschichtsschreiber gewesen.
4. Aristipp sagt im vierten Buch von der Wolllüstigkeit der Alten, er habe den Klinias zärtlich geliebt und von demselben unter anderem gesagt: (49) Ich sehe Klinias mit größerem Vergnügen als sonst alles, was unter den Menschen schön ist. Ich wollte lieber für alles andere blind werden, wenn ich nur den Klinias allein sehen könnte. Ich bin des nachts und im Schlaf traurig, weil ich ihn nicht sehe. Dem Tag und der Sonne bin ich den größten Dank schuldig, weil sie mir den Klinias sichtbar machen.


