- -
- 100%
- +
Die unterschiedlichen Zeitzonen trieben uns noch weiter auseinander als die Entfernung. Wenn ich ins Bett ging, war bei ihr Nachmittag. Ich stand auf, wenn sie schlafen ging. Wir schrieben einander Nachrichten, telefonierten nur alle paar Tage. Wäre da nicht das Bewusstsein gewesen, dass das alles so nicht sein sollte, weil eine normale Beziehung enger getaktet ist, hätte es mich kaum gestört. Aber auch da waren wir unterschiedlich. Eines Tages sagte sie mir, dass sie sich nach dem Praktikum keinen Job in Tokio suchen wolle. Kurz darauf schrieb Lena per Handy an einem Nachmittag, der ihr Morgen war: »Können wir später bitte reden?«
Bis spät saß ich am Laptop, klickte schließlich auf »Anruf annehmen«.
»Felix …«
Nur ihre Stimme musste ich hören, um zu wissen, dass es ernst war. Über den Bildschirm sah ich das auch in ihrem Gesicht, aber ihre Sommersprossen lenkten mich ab, ich dachte wieder an schöne Tage mit ihr, damals in Wien, oder später in Mexiko.
»Wir haben doch keine Zukunft, oder?«
Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag in den Magen.
»Keine gemeinsame Zukunft, meine ich. Du willst dich nicht binden.«
»Ich bin doch seit Jahren gebunden, Lena. Und mir geht’s gut damit.«
»Aber du kannst mir nicht sagen, wo du in fünf oder zehn Jahren mit mir sein willst. Mir geht’s so nicht gut.«
Ich schwieg.
»Felix, sag was.«
»Keiner weiß, wie die Zukunft genau aussieht«, brachte ich heraus. »Können wir uns nicht erstmal hier einleben? Wo wir leben wollen, können wir doch sowieso nur teilweise selbst entscheiden. Das hängt von so vielem ab. Warum lassen wir das nicht auf uns zukommen?«
»Wir sind einfach zu verschieden. Ich will das nicht mehr.«
So ging es weiter, vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei. In Beziehungen gibt es viele Schlüsselmomente, einige stellen sich erst im Nachhinein als solche heraus, aber andere fühlen sich an wie ein Showdown. In diesem Gespräch ging es um alles. Und es schien nicht alles verloren, denn die Gravitation zwischen uns hatte nie nachgelassen. Wir drehten uns im Kreis, hörten uns das Lebensmodell des Gegenüber an, behaupteten zu verstehen, widerlegten einander dennoch mit immer neuen Beispielen, die mit »weißt du noch, als« anfingen und mit »ja, aber« demontiert wurden. So wie sie wohl mit sich haderte, tat ich es auch, kannte ihre Antworten, wollte sie jedoch nicht hören. Ich wollte mit ihr zusammen sein, aber diese Frage nach der konkreten Schrittfolge im Leben kam mir blödsinnig vor. Gleichzeitig war ich wahrscheinlich selbst zu blöd, sie zu verstehen. Ihren Wunsch nach der Stabilität, die ihr vorschwebte, konnte ich nachvollziehen, aber nicht begreifen. Vielleicht würden wir irgendwann genau sagen können, wie lange wir hier bleiben, wie es weitergeht.
Irgendwann weinten wir, dann lachten wir, dann sprachen wir über ihre Eltern, über meine, über ihre Geschwister, über meine, über die Heimat und die Ferne und waren ganz vom Thema abgekommen.
»Du fehlst mir«, sagte ich.
»Du fehlst mir auch«, sagte sie.
»Wann kommst du wieder nachhause?«, fragte ich, als sich Lenas Stimmlage nach den nostalgischen Gesprächsinhalten ins Ernste, Desillusionierte kehrte. Jetzt schwieg sie.
Ich hörte nur ihr Ausatmen, wie sie es öfter von mir gehört haben musste, und spürte, wie quälend diese Reaktion sein kann.
Noch quälender war ihr anhaltendes Schweigen. »Mach’s gut«, flüsterte Lena schließlich durch die Telefonleitung in mein Ohr.
In Tokio, wo wir gemeinsam angekommen waren, sollte ich’s gut machen, allein? Das klang nach einem letzten schlechten Witz.
EINE STADT AUF ENTZUG?
Mir war es schon wie der Naturzustand vorgekommen. So wohlig hatte ich mich in dieser Welt der Zweisamkeit eingerichtet, dass ich mich an das andere Leben nur dunkel erinnern mochte. Aber war es nicht immer nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich wieder allein war? Das sagte ich mir jetzt jedenfalls. Vielleicht wollte ich bloß Recht haben, vor mir behaupten können, dass ich den Ausgang dieser Story von Anfang an gekannt hatte. Falls das wirklich zutraf, hatte ich das für einen langen Zeitraum vergessen, bis die Fallhöhe ganz unbemerkt ziemlich schwindelerregend geworden war. Nach fünf Jahren, unzähligen Diskussionen, Versöhnungen, Vertrauensbrüchen, Neuanfängen, Enttäuschungen und Überraschungen hatte sie die Schnauze voll. Dass ich jetzt endlich das Haus verlassen und allem fernbleiben konnte, ohne mich rechtfertigen zu müssen, hätte mich beflügeln können. Aber es zog mich runter.
Ins Kellergeschoss eines unauffälligen Gebäudes im Büroviertel Yotsuya, in die Bar Nocturne. Unter meinen Ellenbogen ein glattpolierter Tresen aus Holz, über meinem Kopf Boxen, aus denen bluesiger Pianojazz spielte, gegenüber ein Mann in weißem Hemd, schwarzer Weste und Fliege, wahrscheinlich kurz vorm Midlife-Crisis-Alter. Mit einem kräftigen Schwung im Arm wirbelte er ein kleines Glas durch die Luft, ehe er dem Typen zwei Sitze neben mir vorsichtig einen 17-jährigen Hibiki einschenkte.
Der Gast zog das Glas vor seine Brust an die Barkante und hielt sich einige Minuten daran fest. Er war alleine hier, wie ich, aber einen Tick älter, Mitte dreißig wahrscheinlich, und angesichts seiner Reglosigkeit schien es ihm lieber zu sein, wenn sich seine Blicke mit niemandem kreuzten. Parallel schauten wir an die Flaschenwand hinterm Barkeeper. Whisky aus Schottland, Irland, Kanada, Japan, Zehnjährige, Zwölfjährige, Siebzehnjährige. Im rechten Augenwinkel sah ich, wie seine Hand das Glas hob. Ein Viertel des Getränks machte einen Abgang. 17 Jahre voller Hingabe, akribischen Brennens und strenger Lagerungsregeln flossen nun ins Verdauungssystem dieses stillen Typen.
Was sind dagegen schon fünf Jahre Beziehung? »Ich nehme auch einen«, sagte ich möglichst leise, gleich eingeholt von einem Gefühl der Schuld, das mich wie ein Schauer überkam, weil damit jeder wusste, dass ich meinen Sitznachbarn beobachtet hatte. Und dann der Preis: für zwei Zentiliter umgerechnet gut zwölf Euro. Meine Gewohnheit in Bars war eher, das billigste Bier des Hauses zu nehmen, Geschmack zweitrangig. Der Barmann sah mir das bestimmt an, nickte aber wie ein Ahnungsloser, suchte nach einem passenden Glas, wirbelte es durch die Luft, schenkte langsam ein und schob es über den Tresen zu mir.
Erst atmete ich die 17 Jahre ein, dann setzte ich das Glas an die Unterlippe, reichte nur ein Bisschen an meine Zunge, schwenkte es vorsichtig durch den Mund. Ein zaghafter Schluck. Der erste Teil von 17 Jahren war jetzt auch bei mir dahin. Feine Eleganz breitete sich aus. Erst schmiegte sich der Hibiki pflaumig und schwer in meine Mundhöhle, am Ende zitrusartig apfelig. Ob mir das gefiel, wusste ich nicht. Mir entwich ein Stöhnen, ich fühlte mich verführt und sofort dabei ertappt. Reflexartig tat ich so, als wäre nichts geschehen.
»Wie heißen Sie?«, fragte der Barmann. Der Ton seiner Stimme allein erklärte mir, dass ich keine Regel bräche, wenn ich mich abwendete und lieber stumm um mich schaute.
»Felix«, antwortete ich, wobei ich wusste, dass er sich jetzt mit seinem Nachnamen vorstellen würde.
»Ich heiße Tanaka.« Mit beiden Händen überreichte er mir die Visitenkarte der Bar Nocturne mit seinen Kontaktdaten. Er verschwand hinter einem dunkelgrauen Vorhang und kam mit einem kleinen Teller getrockneter Früchte zurück. »Willkommen.« Wir wechselten noch ein paar Worte. Von mir als Deutschem wollte er wissen, wie ich über die japanischen Fußballer in der Bundesliga denke, dann, was mein Job sei und ob ich öfter Whisky trinke. Ein Ja wäre zu dem Zeitpunkt noch gelogen gewesen.
Ein gutes halbes Jahr war ich nun hier, kannte Tokio noch nicht sonderlich gut, und Whisky hatte mich nie interessiert. Aber ich war aufgeschlossen. Als sich für Lena die erste Chance ergab, diese Stadt wieder zu verlassen, hatte sie die Flucht ergriffen. Jetzt wollte ich mich der Sogkraft Tokios erst recht ergeben, widerstandslos. Noch viele Drinks, Interviews und Artikel sollte ich brauchen, um zu erahnen, warum eigentlich. Bis mich dünkte, dass das Leben besonders vieler Menschen in Tokio ein Vorbild sein könnte für das, was auch in Europa und in vielen Ballungsräumen in anderen Teilen der Welt immer mehr Menschen umtreibt. Bis ich mich von Fragen überhäuft sah und mich auf die Suche nach Antworten machen musste.
Der Whiskygeschmack im Mund verließ mich, der raumlose Rückzugsort, der sich mit ihm aufgetan hatte, verschwand. Ich blickte vorsichtig um mich. Hinter den Rücken von uns Einzelgängern am Tresen lag eine Frau halb im Sofa an einem Tisch, der eigentlich für Vierergruppen gedacht war, und tippte auf ihrem Handy. Daneben ein Einzeltisch, daran eine junge Frau, die abwechselnd in ihrer Tasche kramte und in einem Buch las, dessen Titel ihr Geheimnis blieb, da sie das Cover in Papier eingewickelt hatte. Neben mir am Tresen starrte rechts der reglose Hibiki-Trinker an die Wand, links nahm ein alter Herr Platz und besetzte den Stuhl neben sich mit seinem Hut. Keiner sprach. Hier war jeder allein. Und darin irgendwie in guter Gesellschaft.
An einem anderen Tag spazierte ich durch eine der von Reklamen an Häuserwänden bewachten Straßen, die Lena und ich an Samstagen runtergeschlendert waren. Mir fielen Dinge auf, die bis dahin an mir vorbeigezogen sein mussten. Sicher waren sie nicht erst jetzt da, wo ich wieder Single war. Hinter den Fensterwänden von Cafés aßen überraschend viele junge Leute ihren Kuchen ohne Begleitung. Als ich zur Mittagszeit in ein Schnellrestaurant ging und mir bei einer Roboterstimme am Automaten Ramen-Nudeln bestellt hatte, nahm ich an einem der vielen Tische Platz, die für Einzelbesucher angerichtet waren. Beim Joggen in der Abenddämmerung entlang des breiten Tamagawa-Flusses lieferten sich Tennisspieler Duelle mit der Wand, ein Stück weiter hielten in Fußballmontur gekleidete Hobbysportler den Ball mit dem Fuß in der Luft, ohne Mit- oder Gegenspieler. Wieder begegnete mir Lenas Satz aus der Flughafenhalle von Dubai: »Hoffentlich finden sie auch als Singles irgendwie Liebe.« Damit hatte sie ihre engsten Freunde gemeint, aber hier ging es nicht nur um zwei einander Verflossene. In Gedanken an Lenas Frage, all die zuletzt in die Brüche gegangenen Beziehungen und im Angesicht dieser Einzelgänger in Tokio fragte auch ich mich: Wie würden sie sich ohne Liebe, diese Grundenergie für fast alles, durchs Leben kämpfen?
Lena fühlte sich von mir alleingelassen, weil ich mich in Arbeit und Studium stürzte und die Sprache lernen wollte, sodass für uns zwei tatsächlich nicht viel Zeit blieb. Das war zum Teil meine Schuld gewesen. Die Einzelgänger, die ich erst jetzt sah, waren für sie ein tägliches Spiegelbild gewesen, wurden nun zu meinem. Ihr hatte der Anblick nicht gefallen. Umso wichtiger war es wohl, dass wir unsere Beziehung zur üblichen Erzählung der unzerstörbaren Liebe machten. Liebe, das hieß für mich seit meiner Pubertät Zweierbeziehung, alles teilen, ob Geld oder Geheimnisse, gemeinsam Pläne machen, für meine Partnerin Liebhaber sein und gleichzeitig der beste Freund. Gerecht wurde ich diesem Anspruch leider nie, nicht in meiner Abizeit und auch nicht zu Anfang des Studiums. Meistens verließen meine Freundinnen mich, umgekehrt war es selten. Ihre Urteile schwankten zwischen unzuverlässig, wenn ich zu häufig Verabredungen absagte, und unberechenbar, wenn ich Gesprächen über die Zukunft auswich. Aus ihrer Sicht hatten sie natürlich alle recht mit ihrer Kritik. Entweder mich interessierten Sport, Bücher und andere Dinge, für die man keinen Partner braucht, ein bisschen zu sehr, oder schon der Gedanke, mich für immer dieser einen Person hinzugeben, verpasste meinem Magen ein unerträgliches Schwächegefühl, das nur durch das Ausbrechen aus dieser Enge heilbar schien. Aber um selber Schluss zu machen, dafür fehlte mir mal Mut, mal Tatendrang.
Aus irgendeinem Grund hatte Lena mich toleriert und ich war auch viel weniger unzuverlässig und unberechenbar gewesen als sonst, nur genügte das am Ende nicht mehr, denn wir wollten ja immer weiter. Die Liebe toleriert keinen Stillstand, sie will immer voller Erwartungen in eine rosige Zukunft deuten. »Ich rede ja nicht von Heiraten und Kinderkriegen, aber …«, so hatten viele Sätze begonnen, häufiger waren es ihre Sätze gewesen aber auch ich hatte so gesprochen. Für Lena bedeutete der Umzug hierher weniger ihr bedingungsloses Bekenntnis zu uns als vielmehr eine letzte Prüfung meiner Beziehungswürdigkeit. Durchgefallen. Nein, nein, kein Egoist, hatte sie mir versichert. Aber vielleicht »für eine normale Beziehung« doch nicht geschaffen? Das waren keine wohltuenden Worte gewesen. Keine meiner Beziehungen war so normal gewesen wie die mit Lena. Und vielleicht hätte ich einfach sagen sollen: Lass uns heiraten. Das wäre die Art von konkreter Bindung gewesen, die sie sich gewünscht hatte, vielleicht nicht die Ehe selbst, aber irgendein institutionalisiertes Versprechen, an dem man sich besser hätte orientieren können. Tragisch erschien mir dieser Konflikt mit ein bisschen Abstand, da es irgendwie keiner gewesen war, wir beide wollten doch miteinander sein. Ich hatte nicht das Richtige gesagt, weil ich ehrlich sein wollte. Eine Notlüge hätte alles gerettet. Aber es wäre mehr als eine Notlüge gewesen. Ich wollte die institutionalisierte Bindung, was auch immer für ein Fünfjahresplan das wäre, nicht, oder noch nicht. Zunächst wollte ich die Freiheit weiterleben, wobei Lena in dieser Vision von Freiheit immer einen festen Platz hatte. Nach der Trennung wollte ich sie oft anrufen, ihr alles nochmal erklären, aber wir hatten abgemacht, dass wir das nicht tun würden.
Und nun, da ich mich in meinem neuen, fremden Umfeld so umsah, fand ich so etwas wie zaghaften Trost. Denn mir kam vor, dass es Viele gab von meiner Sorte.
Einerseits hätte ich mich nicht wundern dürfen. Weltweit berichteten Zeitungen, Magazine und TV-Dokus seit Jahren davon, fast immer im selben Ton: Tokio, die Stadt der Singles. In der größten Stadt der Welt, mit einer Bevölkerung so groß wie der von ganz Kanada, seien Menschen zunehmend »einsam in der Masse.« (Wall Street Journal) Denn »die Japaner« seien draufgekommen, »Beziehungen seien ihnen zu umständlich.« (Süddeutsche Zeitung) Das ganze Land erlebe gerade »eine neue Eiszeit.« (Die Zeit) Im Herbst 2011 lieferte das Nationale Institut für Bevölkerungsforschung wieder Zahlenmaterial für solche Diagnosen. 61 Prozent der unverheirateten Männer und 49 Prozent der unverheirateten Frauen zwischen 18 und 34 Jahren sind in keiner Liebesbeziehung. Fast die Hälfte von ihnen will auch gar keine. Fast 40 Prozent aller Ledigen sind in diesem Alter Jungfrau, mit steigender Tendenz. Auch der Anteil der Unverheirateten nimmt zu, das zeigten Umfragen des Kondomherstellers Sagami vom Januar 2013. Ein Drittel der Männer in ihren Dreißigern und ein Viertel der Frauen sind unverheiratet. Unter 30 Jahren sind es sogar fast 80 Prozent der Männer und über 50 Prozent der Frauen.
Das Bild der Eiszeit begegnete mir noch anderswo. Charlotte, eine frischgebackene Collegeabgängerin, die ihren ebenfalls jungen Ehemann, einen Fotografen, für eine Woche nach Tokio begleitet, erlebt die Stadt in voller Kälte. In Sofia Coppolas Film »Lost in Translation«, den ich an einem Wochenende morgens im Bett ansah, spielt Scarlett Johansson Charlotte, eine Person, die verloren ist. Verloren vor Fragen über die Beziehung zu ihrem Freund, in dessen geschäftigem Leben sie sich wie bloße Dekoration fühlt. »Everyone wants to be found«, jeder will gefunden werden, prangt unterm Titel der englischen Originalversion dieses Films, der für sein Drehbuch einen Oscar gewann und als Meisterwerk gilt. Der Kulturschock, den Charlotte in dieser dicht bevölkerten Stadt erleidet, drückt sich deshalb nicht wie für viele andere Reisende in den grellen Lichtern im Techviertel Akihabara aus, oder in den leuchtend gekleideten Mädchen mit rosa Zöpfen in Harajuku, sondern im scheinbar absurden Kontrast, den Charlotte zwischen dieser visuellen Aufdringlichkeit und einer sozialen Distanz erlebt. In Tokio findet Charlotte sich selbst nicht, und während dieser einen Woche in der Stadt merkt sie, dass ihr Partner sie auch nicht findet. Charlotte ist unverstanden, aber mitten drin, erlebt das Getümmel und die klaustrophob vollen U-Bahnen. Zwischen ihr und den Anderen, ihrem Mann und den Tokiotern, deren Gestik und Worte sie einfach nicht versteht, scheint eine unüberwindbare Glasscheibe zu stehen, durch die sie zwar alles von dieser Gesellschaft sehen, aber fast nichts von ihr fühlen, mit jemandem gemeinsam fühlen kann. Für Charlotte ist Tokios Sound getragen von der Monotonie warnender Elektrostimmen auf Rolltreppen und dem Piepsen von Jingles in den Shoppingvierteln, aber auch einer plötzlichen und scheinbar seelenlosen Stille der Wohnblocks. Fast nichts am Leben in dieser Stadt ergibt Sinn. Soweit das Drehbuch. Noch weniger Sinn scheint zu ergeben, dass im größten Ballungsraum der Welt, zwischen eng an eng lebenden Menschen, das Alleinsein auch in Wirklichkeit ein großes Problem sein soll. Nur, wie zutreffend ist so eine Diagnose?
Lost in Translation war deshalb ein so beeindruckender Film, weil er ein Gefühl anspricht, das jeder kennt, fast jedem Angst bereitet und für dessen Vermeidung jeder seine eigene Strategie hat. Jeder kennt Einsamkeit. Manche stürzen sich nach einer verflossenen Liebschaft möglichst bald in die nächste, andere tun alles dafür, damit die Brüche einer Beziehung bloß nicht erst zu bedrohlich werden, wieder andere üben sich in Enthaltsamkeit, damit beim nächsten Mal alles noch besonderer und wirklicher wird. In Japan, wo die fremde Charlotte aus Lost in Translation mit ihren Sorgen allein ist, schien bei genauerem Hinsehen ein vierter Typ des Alleinseins besonders häufig zu sein. Menschen, die sich mit der Welt abfinden, so wie sie ist. Die der Liebe nicht hinterherrennen, die auf Entzug leben, oder vielleicht gar nichts mehr davon brauchen. Wahrscheinlich lebten so die Gäste in der Bar Nocturne, die allein kamen, dort allein ihre Zeit verbrachten und allein davongingen. Aber das schien mir unglaublich. Leben wir am Ende nicht alle für die Liebe? Gab es diese Typen wirklich? Die Traurigkeit der westlichen Protagonistin aus Lost in Translation konnte ich im Film gut nachvollziehen. Sie hatte niemanden zum Reden, zum Kuscheln, zum Sich-Ausheulen. Aber im nicht-fiktiven Tokio kam mir die Einsamkeit, wie ich sie in der Bar Nocturne erlebt und beim Joggen beobachtet hatte, auch wie ein Für-sich-Sein vor, eine harmonische Art des Alleinseins.
Als Kind habe ich gelernt, dass Alleinsein nichts Gutes sein kann. Ein Zeichen von Scheitern. Mir hat das niemand ausdrücklich erklärt. Das war aber auch nicht nötig. Kinderbücher machten das deutlich, TV-Berichte und Filme zeigten es immer wieder. Wer allein eine Kneipe besucht, ist ein Trunkenbold, wer im Alter keine Kinder hat, konnte wohl niemanden von sich überzeugen, und wer Single ist, kann entweder nicht mit Menschen umgehen oder ist zu feige für echte Intimität. Wo immer ich in den vergangenen Jahren dauerhaft lebte, ob in Wien, London oder Berlin, war diese Botschaft zwischen den Zeilen zu lesen und in der Luft zu hören. Wer dieses Maß an Japan anlegt, kann in dieser Zeit nicht bloß gescheiterte kleine Revolutionen beobachten, wie es zwischen Lena und mir geschah, als unsere Träume von Ewigkeit verpufften. Hier lässt sich mehr als das beobachten. Japan erlebt eine gesamtgesellschaftliche Revolution des Scheiterns.
Ich gehörte also dazu. Zu diesen einsamen Hunden, wie sie hier manchmal genannt werden, die durch die Stadt streunen und vielleicht gar nicht wissen, wonach sie suchen. Ich wusste es tatsächlich nicht, soviel war mir klar. Immerhin redete ich mir ein, dass ich ja eigentlich schon lange ein kompromissloses Leben hatte führen wollen, auch wenn ich Lena jeden Tag vermisste. Vielleicht ähnelte ich jenen Leuten in diesem Land, für die Beziehungen anscheinend zu umständlich waren. Wir hatten uns nicht auseinandergelebt, im Gegenteil, aber unsere Vorstellungen vom Leben waren so lange immer wieder aneinandergeprallt, bis wir durch große Dellen entstellt waren. Das typische Problem, das ich aus meinen verschiedenen Freundeskreisen schon kannte, und von dem ich auch schon in soziologischen Studien gelesen hatte. Im Wesentlichen ist es ein Koordinationsproblem, das sich schneller oder langsamer in fast allen sozialen Milieus ausbreiten dürfte, ob bodenständig oder kosmopolitisch, wohlhabend oder klamm. Weil es schnell entsteht in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung als eines der obersten persönlichen Güter angesehen wird, egal welchem Geschlecht man angehört. Unsere Zeit ist nicht mehr geprägt von klar definierten Rollenbildern, Frau und Mann können und sollen finanziell unabhängig sein. Das ist eine Errungenschaft der Emanzipation, aber sie rüttelt das traditionelle Liebesleben durcheinander.
Vor gut 25 Jahren, als diese Entwicklung noch eine kleine Minderheit betraf, formulierte das Soziologenpaar Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim schon ein wissenschaftliches Konzept darüber. In ihrem Buch »Das ganz normale Chaos der Liebe« skizzierten sie eine neue Ära, in der alles Intime und Zwischenmenschliche zu einer Sache eigener Entscheidungen geworden sei. Weil die Bedeutung und die Glaubwürdigkeit alter, einst für unstrittig gehaltener Normen schwinde, werde in der Liebe alles ein Ding der Absprache, sogar Verhandlungssache. Wo leben wir, wie leben wir, was tun wir gemeinsam, wer ist für was zuständig, wo ziehen wir die Grenzen der Privatsphäre, was nehmen wir uns vor und wie erreichen wir das? So kompliziert wie heutzutage sei die Liebe noch nie gewesen. Denn sie kollidiere mit den Sphären der Familie und der persönlichen Freiheit, beides Bereiche, in denen wir alle gern unsere eigenen, individuellen Vorstellungen pflegen und verteidigen. Als verantwortlich für diesen Wandel, der Scheidungsraten in die Höhe schießen und neue Lebensmodelle häufiger werden lässt, die nicht dem Nuklearhaushalt mit Eltern und Kindern entsprechen, erklärten Beck und Beck-Gernsheim den Arbeitsmarkt. Sobald Frauen ihren eigenen Job haben, müssen sie ihrem Partner nicht mehr überall hin folgen. Und häufig tun sie es auch nicht. Der Zeitgeist zwinge junge Menschen nämlich förmlich dazu, »ihr eigenes Ding« zu machen, und auch wenn das Leben überhaupt nicht nach Plan laufe, überblendeten sie die Realität mit ihren Idealvorstellungen, die in einer nahen oder fernen Zukunft ja noch Wirklichkeit werden könnten. Im Jahr 1990 beschrieben Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim eine Generation junger Menschen, die ein Maß an Individualisierung erreicht hatte wie keine vor ihr. Diese Menschen fänden sich an einem einsamen Ort wieder, wo sie selbst die Verantwortung übernehmen, ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen, obwohl sie in ihrer Kindheit kaum darauf vorbereitet worden waren. Und was sei das Ergebnis dieses unumkehrbaren Verschwimmens von Normen, Normalitäten und Individualitäten, in der die Familie keine klar definierte Einheit mehr ist? Für die beiden Soziologen war die Antwort offensichtlich: »Die Familie natürlich!« Es werde bloß mehr Spielarten von ihr geben, weil nun jeder etwas zu sagen habe. Patchworkfamilien, Wochenendfamilien, und alle möglichen anderen Konstellationen. Zwischen den autonomer gewordenen Familienmitgliedern werde dabei Liebe sogar wichtiger als je zuvor, weil sie wie Klebstoff zusammenhalte.
Ein Vierteljahrhundert später offenbart sich, dass die Experten eine Möglichkeit nicht beachtet haben. Verglichen mit den jungen Erwachsenen der 1990er Jahre sind die 18- bis 34-Jährigen von heute um Längen weiter individualisiert. Sie werden von Suchmaschinen im Internet ihrem Verhalten entsprechend bedient, können ihre Meinung kostenlos über soziale Medien kundtun und über das Handy den nächsten Liebhaber finden, leiden weniger als ältere Generationen unter Vorurteilen gegenüber alternativen Lebensstilen und bekommen in der Schule weisgemacht, alles sei möglich, wenn sie sich nur genügend ihren Talenten und Interessen entsprechend anstrengen. Der deutsche Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz nennt die heutige Zeit überdies eine »Gesellschaft der Singularitäten«, in der das Besondere über das Allgemeine gestellt wird, die vermeintliche Einzigartigkeit eines Lebenslaufs nicht nur möglich erscheint, sondern auch erwartet wird. So werde das Leben kuratiert, also möglichst nach individuellem Stil ausgestaltet und zur Schau gestellt. Solche Entwicklungen machen die Welt der Liebe nicht nur zum großen Versprechen auf Bestätigung und Erlösung im Aufgehen der eigenen Eigenheiten in der Zuneigung eines Anderen. Die Liebe wird auch zur großen Last. Denn hat man sie einmal, heißt das heute lange nicht mehr, dass sie auch bleiben wird. Das zeigt sich im Boom von Datingportalen, von denen es allein im deutschsprachigen Raum mittlerweile mehr als 2.500 Anbieter geben soll. Hier sucht, wer schon lange niemanden mehr hatte, mal wieder eine Abwechslung gebrauchen kann, oder gerade jemanden verloren hat. Die Liebe von heute ist ein flüchtiges Ding.




