Maritime E-Bibliothek: Sammelband Abenteuer und Segeln

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Aus der Bucht von Brest liefen wir bei leichtem Nordwestwind in einen klaren Abend hinein. Leuchtfeuer sandten Grüße hinter uns her, die schwächer und schwächer wurden. Lange blickte ich zurück.
10 Uhr 45. Ich blicke voraus. Wenn die Küste jetzt nicht in Sicht kommt, müssen wir abdrehen. Das Risiko ist zu groß: blind bei fast auflandigem Wind vor einer unbekannten Küste zu segeln. Ich zögere, weil es schwerfällt, ein Ziel aufzugeben.
Voraus steht eine dunkle Wolkenbank mit ausgefransten, hellen Oberrändern. Eine Bö.
»Elga!« rufe ich.
Die Wolkenwand steht steinern unbewegt. Ihre hellen Ränder sind Nebelschwaden über Felsenhängen!
»Elga! Schnell! Land! Land voraus!«
Ich gehe auf Westkurs. Elga zieht sich hastig an. Der Wind unter der Küste nimmt aus Ost rasend zu, warme Böen beginnen zu fallen. Die Sonne kommt durch und wirft Licht auf einen Felsgrat. Und da, da ist der Leuchtturm von Punta Candelaria! Hoch über uns wie ein weißes Schwalbennest hängt er am Felsen.
Wir fallen uns in die Arme und lachen und singen. Der Wind läßt das Meer tanzen. Er heult in Böen, er ist heiß und riecht nach Erde, nach Kiefern und Eukalyptus. Die Biskaya ist überquert. Am Abend kurz vor Sonnenuntergang ankerten wir hier im Hafen von La Coruña. Einige englische und französische Jachten lagen ebenfalls vor der Pier des Real Club Nautico. Stadt und Hafen sind laut und schmutzig – aber was tut’s: der Himmel wurde leuchtend blau.
Während ich dies schreibe, packt Elga dicke Pullover und Wollhosen in die tiefsten Tiefen der Schränke.

Damals in La Coruña: Die Einreiseformalitäten für Spanien begannen am Morgen nach unserem Einlaufen auf der sonnenüberstrahlten Treppe des Real Club Nautico. Ein Beamter in Zivil und ein Matrose der Hafenpolizei hielten vergebens Ausschau nach einer Übersetzmöglichkeit zu unserem Schiff. Aus ihrem Gestikulieren war unschwer der Wunsch engeren Kontaktes mit uns abzulesen.
Wir machten unser Schlauchboot klar und ruderten zur Pier. Elga lud die Beamten ein, an Bord zu kommen, was sie jedoch mit Seitenblicken auf unser Schlauchboot einerseits und die dicke Ölschicht auf dem Hafenwasser andererseits ablehnten.
Auf einer Bank unter den Arkaden des Clubhauses füllten wir ein postkartengroßes Formular aus, das u. a. die Frage aufführte, über wieviele Kanonen das eingelaufene Schiff verfüge. Das war nach einem Blick in unsere Pässe der dienstliche Teil.
Elga führte anschließend ein langes Gespräch mit dem Sefior in Zivil. Er sprach mit den Händen ebenso lebhaft wie mit den Lippen. Seine schwarzen Augen glänzten. Der Matrose und ich blieben stumm – er wegen dienstlicher Bescheidenheit, ich wegen mangelnder Sprachkenntnisse. Unsere Blicke streiften sich mehrmals und sagten: Hombre, was die alles zu quasseln haben, was? Wir fühlten nach einer halben Stunde bereits innige Freundschaft.
Das Gespräch endete schließlich mit hinreißendem Lächeln des Beamten und unzähligen »muchas gracias« meiner Frau. Wir schüttelten uns alle herzgewinnend die Hände, wobei mir die derbe Faust des kantabrischen Bauernsohnes ohne Boot, aber in Matrosenuniform fast die Hand zerquetschte.
»Um was ging es denn eigentlich?« fragte ich Elga, als wir zu »Kairos« zurückruderten. »Heiratsantrag?«
»O nein«, sagte Elga bescheiden, »ich fragte ihn nur nach der Bankadresse.«
Wir blieben nicht lange in La Coruña. Der Hafen wird von vielen kohlefeuernden Fischdampfern angelaufen: so kann sich jeder leicht den Schmutz, der dort allgegenwärtig herrscht, vorstellen. Weiter nach Westen um das Cap Finisterre, dann nach Süden, segelten wir an der spanischen Küste entlang. Abends liefen wir in Buchten ein und ankerten. Angaben über die Brauchbarkeit der gewählten Ankerplätze entnahmen wir dem Seehandbuch und der Seekarte, wobei wir das herrschende Wetter und seine mögliche Entwicklung berücksichtigten. Wir verließen uns dabei nicht ausschließlich auf die Seewetterberichte, vertrauten auch der eigenen Entschlußkraft, den rechten Augenblick für unser Handeln zu finden. »Kairos« nannten die griechischen Philosophen jenen gewollten und schicksalsbegünstigten Augenblick, dessen Begreifen und Ergreifen für den Ablauf des weiteren Geschehens so entscheidend ist. Und »Kairos« hatten wir unser Schiff genannt.
Nicht immer frisch wehte der Nordwind dieser Jahreszeit an der iberischen Küste entlang. Vor der Ria de Muros liefen wir in eine absolute Flaute. Nachmittags brannte die Sonne mitleidlos aufs Deck, eine träge Dünung rollte unter dem Schiff dahin, das sich wie ein Wal zu wälzen begann. Flimmernd lag backbord die spanische Küste. Sie schien in der Hitze der bewegungslosen Luft zu kochen. Steuerbord voraus stieg die Rauchfahne eines Fischdampfers senkrecht auf. Wo sie in einiger Höhe auf eine kühle Luftschicht stieß, breitete sie sich flächig aus, bildete einen Vorhang, über dem sich der Dampfer als Luftspiegelung überkopf deutlich abzeichnete. Monte Louro, der zwiegegipfelte Berg neben der Einfahrt unseres Zieles – auch sein Spieglbild hob sich empor, reckte und verzerrte sich. Achteraus sahen wir zwei Horizonte, und das Glitzern der Sonne zuckte flirrend bis in den Zenit hinauf. Wir saßen und starrten und fürchteten, daß die Welt bald nur noch aus Unwirklichkeiten bestehen würde.
Wir warfen die Maschine an und hielten auf die Küste zu. Die vorgelagerten Riffe konnten wir schon bald ausmachen. Hinter ihnen war eine Kursänderung ins Fahrwasser der Bucht notwendig. Wir hatten keine Landpeilungen, bis sich die Verzerrungen vor uns wieder in normale Formen zurückschoben. Aus Unheimlichkeit wurde vertraute Schönheit. Auf welch schmalem Pfad leben wir Menschen! Ein wenig zuviel Hitze genügt, um unser Bild von der Erde zu zerstören. Ein wenig zu kalte Luft reicht aus, um unsere Umwelt auf den Kopf zu stellen.
In der geschützten Bucht liefen wir zum Ankerplatz. Der Anker fiel und zog rasselnd die Kette hinter sich her. Als Stille eintrat, klangen Menschengeräusche vom Städtchen Muros herüber, das sich in dünnen Häuserreihen an den abenddunklen Hang preßte.
Die Berge des gegenüberliegenden Ufers färbten sich rot. Wie Behausungen von Zwergen lagen dort Dörfer an den Hängen. Und darüber standen die Gipfel, deren nackter Fels im Schein der Abendsonne zu glühen begann: Heimat fremder Heroen, die in unirdischen Träumen leben und niemals zu uns Menschen niedersteigen.
Männer nahmen von dieser Küste Abschied, deren Entdeckungsfahrten das europäische Bild der Erde prägten. Columbus, Magallan, de Soto, Balboa, Cortez, Pizarro, zahlreiche andere. In unendlicher Hoffnung fuhren sie aus und in maßlosem Elend kehrten sie zurück: erschöpft, auf morsch gewordenen Schiffen, mit zerrissenen Segeln, nur einen Bruchteil der Gefährten um sich, die mit ihnen ausgezogen waren. Ihrem Elend folgte oft Triumph, ebenso oft auch Gefangenschaft und Hinrichtung. Kein Schicksal ist unausdenkbar in diesem endlosen Zug der Geschichte. Und kehrten sie nicht zurück, blieben sie irgendwo verschollen, ertränkt im Schiffbruch vor fremder Küste, erschlagen von Eingeborenen, erhängt von Meuterern, erdolcht von Neidern, dem Fieber erlegen oder vom Hunger dahingerafft: neue Männer zogen von diesen Küsten aus, immer wieder neue.
Ihr Traum ist Gold. Ihr Stolz ist beispiellose Tapferkeit. Ihre Leidenschaft ist die Bekehrung von Heiden. Sie finden Gold und sie bekehren Heiden.
Kein Preis ist ihnen dafür zu hoch und jedes Mittel recht.
So zerrinnt das Gold und die Bekehrung bessert nichts. Sie stürmen weiter, segeln, entdecken, erobern, metzeln, brandschatzen, rauben. Sie gründen ein Reich, in dem die Sonne niemals untergeht. Aber schon die Söhne müssen verteidigen, was die Conquista ihrer Väter zusammenraffte.
Der Traum verlischt. Der Stolz zerbröckelt wie das Reich. Die Leidenschaft versiegt. Wehmut bleibt: Eldorado tapferer Hidalgos, intrigierender Granden, einsamer Könige. Da reitet in Unsterblichkeit der Ritter von der traurigen Gestalt – Don Quijote.
»Abendessen!« rief Elgas Stimme aus der Kajüte.
Ich blickte nochmals zu den Bergen, deren Konturen nun ins Grau der Nacht sanken. Von dieser Küste werden auch wir Abschied nehmen, um über das Meer dorthin zu segeln, wo sich das Schicksal so vieler entschied. Wie wird sich das unsere entscheiden?
»Tomatenreis mit verlorenen Eiern, frischer Salat, mit Zitronensaft bereitet!« sang Elga.
»Ich komme mit gewaltigem Hunger!« rief ich und stieg in den freundlichen Lampenschein unserer Kajüte hinunter.
Gern würde ich alle Einzelheiten über unsere Küstensegelei in spanischen und portugiesischen Gewässern erzählen. Wir erlebten so viel – zu viel, um alles erzählen zu können. Wir mußten segeln, wenn es das Wetter nur irgendwie gestattete. Spätestens Anfang November wollten wir Las Palmas auf Gran Canaria zur Atlantiküberquerung verlassen. Zuvor mußte »Kairos« überholt und ausgerüstet werden. Im November wird der Westteil des südlichen Nordatlantik – das Seegebiet der Antillen also – sicher: die Jahreszeit der tropischen Wirbelstürme ist dann vorbei.
Bei nördlichen Winden segelten wir nach Vigo, um unsere Post zu holen. Wir ankerten in der Bucht von Bayona auf gleichem Platz, wo 1493 die Karavelle »La Pinta« unter Martin Alonso de Pinzon vor Anker ging. Als erstes Schiff aus Columbus’ Geschwader brachte sie die Nachricht von der Entdeckung der Neuen Welt. Wir lauschten im Flußgebiet westlich der Stadt Aveiro dem klagenden Ruf der Vögel und sahen über der flachen Sumpflandschaft die weißen Haufen trocknenden Salzes, während die dunklen Segel der Barken, die das einzige Verkehrsmittel in jener Welt von Wasserläufen sind, geheimnisvoll vorüberglitten.
In Oporto stiegen wir in den Keller und probierten Portwein. Es war eine erschreckend lange Reihe von Gläsern. Die Probe artete fast in Arbeit aus. Jetzt wissen wir wirklich, was Portwein ist.
Wir lagen in portugiesischen Fischerhäfen, und Elga übersetzte mir die Erzählungen der Fischer von den Neufundlandbänken, von Schoonern und Dorys, von Dorsch und Sturm und Nebel.
Am Cabo da Roca vorbei segelten wir in die Tejomündung. Es wehte aus Nord mit Stärke 7, und wir wurden naß bis auf die Knochen.
Und während aller Zeit lag zu Steuerbord der große Atlantik und wartete. Wir kannten nichts von ihm. Sein unerbittlicher Dreiklang von Himmel, Wasser und Horizont war uns fremd und unheimlich.
»Elga«, sagte ich, »wenn Cabo da Roca nächste Woche achteraus verschwindet, sind wir allein – du und ich und das Schiff.«
»Ja«, sagte sie.
In Lissabon warteten wir auf Nordwind. Immer wieder saßen wir in etwas gedrückter Stimmung im Cockpit. In einen heißen, windlosen Himmel hob sich das Monument Heinrich des Seefahrers, der nie eine Seefahrt unternahm. Aber er löste sie aus dem Zustand zwischen Seeräuberei und Eroberungszug. Er machte Seefahrt zu einer geistigen Erfahrung, die Ungewißheit austilgen konnte. Er sammelte die Meldungen seiner Kapitäne, sichtete sie. Er schuf den Grundgedanken des Seehandbuches: Küstenlinien und Untiefen zu beschreiben, Strömungen aufzuzeichnen, damit die Nachfahren Nutzen daraus ziehen konnten. Ein Seefahrer, der nicht die See befuhr – steinern steht er auf seinem dem Bug eines Schiffes ähnlichen Podest, hinter sich die Kapitäne, Geologen, Kartographen und Paladine, über sich die granitene Schwingung des Denkmals wie ein geblähtes Segel. Er blickt über den Tejo, auf dem die Schiffe kommen und gehen, in jene Weiten, denen er so viel von ihren ungewissen Schrecken nahm.
Wir machten Museumsbesuche und Ausflüge. Dann war es plötzlich so weit: Wind wehte, Nordwind! Wir segelten den Tejo hinab. In der Flußmündung kontrollierten wir durch Azimutpeilungen der Sonne unseren Kompaß. Als wir das grüne Flußwasser unterm Kiel verloren und das Blau des Ozeans tief wurde, frischte der Wind auf. Wir refften das Großsegel. Der Seegang lief grob. Wir fühlten uns seekrank. Kurs Südwest nach Madeira lag an. 500 Seemeilen Ungewißheit.
Ich blickte zum Cabo da Roca zurück, das wie ein Klotz in Dunst und Sonnenschein lag. Voraus wurde die Linie des Horizontes vom ziehenden Seegang unterbrochen.
»Bist du zufrieden?« fragte Elga.
»Ja«, antwortete ich. »Jetzt sind wir mittendrin. Jede Minute und Stunde, jeder Tag zählt – hoppla!« Das Schiff rollte, und ich mußte mich festhalten.
Während meiner Nachmittagswache zogen Federwolken auf. Sie bleichten den Schein der Sonne und ließen das Meer graubärtig und heimtückisch in ihrem verschleiernden Licht erscheinen. Aber das Barometer stieg. Lauf, »Kairos«, dachte ich, segle die Ungewißheit weg!
Während dieser Fahrt erlebten wir außer einer Gewitterbö, die mich fast aus dem Mast schleuderte, nur Flauten. Unsere Müdigkeit wurde unerträglich bei der unerbittlichen Reihenfolge der Wachen. Doch nach 8 Tagen und 9 Stunden fiel unser Anker auf der Reede von Funchal.
Die Sache mit der Gewitterbö war so:
In der zweiten Nacht auf See zog aus Südwest eine schwere Wolkenwand auf – gegen den Wind. Wir segelten bei Nordostwind Stärke 4 unter Großsegel und der nach Backbord mit dem Spinnakerbaum ausgestützten Genuafock.
Elga weckte mich. »Zieh Ölzeug an. Vorsegel bergen und Großsegel reffen. Da braut sich was zusammen.«
Verschlafen steige ich an Deck. Der Wind ist klebrig warm. Heftig rollt das Schiff. Voraus wetterleuchtet es. Im schwachen Schein der Kompaßlampe wirkt Elgas Gesicht alt und müde. Ich streiche ihr über das Haar, bevor ich nach vorn turne und das Vorsegel berge.
Bei einer plötzlichen Bewegung des Schiffes verliere ich den Aufholer des Spinnakerbaumes. Die Leine entschwindet nach oben, läuft dort durch ihren Block und fällt nutzlos aufs Deck. Der Baum kann jetzt nicht in seine Ruhestellung senkrecht vor den Mast geholt werden.
Zunehmendes Blitzen im Südwest.
Teufel – ich fühle mich krank. Denn »Kairos« ist nicht voll manövrierfähig mit diesem ungehaltenen Baum. Mit solchen Kleinigkeiten bei sich verschlechterndem Wetter können Katastrophen beginnen: dem ersten Mangel folgt ein zweiter, aus dem sich ein dritter und vierter ergeben. Ihre Summe nimmt laufend von der Seetüchtigkeit des Schiffes – ein wenig – dann noch ein wenig – und mehr – und alles – während sich das Wetter zu tödlicher Raserei steigert …
Im Südwest begleitet jetzt Donner die Blitze.
»Aufholer ausgelaufen, muß in’n Mast!« rufe ich. Elga antwortet etwas, das ich nicht mehr verstehe. Ich bin schon oben, finde Halt mit den Füßen am Mast und mit der linken Hand an der Saling – mit der rechten versuche ich, den mit nach oben genommenen Tampen durch den Block zu ziehen. Der Mast fegt hin und her. In den Augenblicken seiner abrupten Richtungsänderung vermag ich nur mit ganzer Kraftanstrengung mich zu halten. Dabei verliere ich den Aufholer aus den erlahmenden Fingern. Ich klettere zurück.
Blitze, Donner, zischendes Rauschen aus Südwest.
Auch der zweite Versuch mißlingt. Ich weine vor Erschöpfung und berge das Großsegel, dessen Hin- und Herschlagen in der einsetzenden Flaute mein Klettern erschwert. Dann versuche ich es ein drittes Mal. Arme und Füße sind wie Blei, die Finger ohne Gefühl. Mein Körper scheint Tonnen zu wiegen. Aber es gelingt, den Tampen durch den Block zu ziehen. Das durchgezogene Ende nehme ich zwischen die Zähne und rutsche kraftlos abwärts. Zwei Meter über Deck verliere ich den Halt und falle. Ich verbeiße mich in den Aufholer – was auch jetzt passiert, den darf ich nicht verlieren.
Es gibt einen Ruck, Zähne splittern. Ich liege ohne Atem rücklings auf dem Deck und schmecke Blut. In meine Benommenheit kommt das Bewußtsein: du hast den Tampen! Es überstrahlt den Schmerz. Elga hat aufgeschrien. Spuckend sichere ich den Spinnakerbaum und belege den Aufholer. Das Schiff ist klar für jedes schlechte Wetter.
Dann kam die Bö mit blauen, krachenden Blitzen und Regen. Ohne Besegelung ließen wir sie über uns hinwegheulen. Elga gab dem treibenden Schiff Ruderhilfe. Ich saß im Cockpit und fühlte mich wie ein Bündel rohes Fleisch.
Dem Gewitter folgte kein schlechtes Wetter. Die Nacht wurde wie Watte. Kein Windzug war zu spüren. Ich hätte den Aufholer nun in aller Ruhe durch seinen Block da oben scheeren können. Bei der Kürze der Bö wäre dem ersten Mangel wohl kein zweiter gefolgt, kein dritter und vierter. Oder –? Der See ist niemals zu trauen. Wer »später« zu ihr sagt, wird es später bereuen – oder überhaupt nicht mehr.
Daran dachte ich, als wir auf einer Bank im Botanischen Garten von Funchal saßen. Das Laub tropischer Bäume, deren unbekannte Namen wir von Tafeln abzubuchstabieren versucht hatten, schenkte uns Schatten. Der durch Laubgrün und Blumenpracht führende Kiesweg verlor sich hinter Gartenkulissen, wo uniformierte Gärtner mit Spaten, Hacke und Wasserschlauch hantierten. Auf einer von Schatten und Sonnenlicht gesprenkelten Terrasse rieselte ein Brunnen.
»Ich habe bisher nicht gewußt«, sagte Elga, »daß ein Garten so schön sein kann. Muß man 2500 Seemeilen segeln, um das so stark zu erfahren?«
»Ich weiß nicht«, antwortete ich nachdenklich. »Jedenfalls haben wir es getan.«
Das Haus des deutschen Konsuls erreichten wir mit dem Bus. Es lag 300 Meter hoch über Funchal mit einem großartigen Blick über Stadt und Meer. Der Atlantik sah von dieser Höhe friedlich und zauberhaft aus.
Mit raschen, sicheren Schritten führte uns der 82 jährige Herr G. durch seinen Besitz, auf dem er nach dem Tode seiner Frau mit der Tochter lebt. Er erzählte lebhaft. Unzählige Gäste wurden hier im Laufe der Jahrzehnte empfangen. Die Bilder an den Wänden, die Gästebücher vermittelten uns ein Stück deutscher Geschichte. Von den Gästebüchern konnte ich mich am Abend kaum loslösen.
Namen von Männern und Namen von Schiffen – Seeoffiziere und Kriegsschiffe meist. Immer wieder blätterte ich die Seiten um. Und aus den Zeilen niedergeschriebener, froher Dankesworte formten sich mir nur allzuoft die Bilder ferner Todesstunden. Die Schreibenden hatten nichts von ihnen geahnt: Falkland Inseln, Cocos Insel, Skagerrak, La-Plata-Mündung, Nordantlantik. Die Namen der Seeschlachten standen nicht in den Gästebüchern – natürlich nicht, sie waren damals noch ungeschehen. Ungeschehen! Wie grauenhaft pathetisch und wie furchtbar falsch ist nach dem Geschehen darüber geredet und geschrieben worden.
Herr St., ein Hamburger Kaufmann, der sich hier zur Ruhe gesetzt hat, lud uns zu einer Inselrundfahrt ein. Sie gab uns einen guten Einblick in das Leben auf der Insel. Der Touristenrummel hat den Madeirenser nur oberflächlich beeinflussen können. Sobald die Dampfer ausgelaufen sind, verschwinden die zur Schau gestellten und deshalb unnatürlich wirkenden »Spezialitäten« und »Besonderheiten«. Sie werden dorthin gebracht, wohin sie gehören, wo sie sich sinnvoll und deshalb charakteristisch entwickelt haben.
Die Volkstrachten sieht man in den Bergen, bei den Frauen bunt bestickte Röcke mit weißen Blusen und farbigen Kopftüchern – bei den Männern weiße Kniehosen und farbig bestickte Hemden. Die Männer tragen wollene Mützen mit hochklappbaren Ohrenschützern, denn die Winde auf den Bergen sind auch im Sommer kalt. Man trägt grobes, sehr festes Schuhzeug, da die facendas – die Bauernhütten – sehr oft weitab von den Straßen liegen und nur in langen Fußmärschen erreicht werden können.
Genau wie sich in dem ausgeklügelten Bewässerungssystem der Insel portugiesische Sorgfalt und Umsichtigkeit zeigen, so auch in den Treppenstraßen. Sie sind mit schwarzen Lavasteinen, groß wie das erste Glied eines Männerdaumens, gepflastert – teilweise in künstlerischen Mustern. Wo die Straße einen Hang hinabführt, wird ihre bis dorthin glatte Oberfläche wellenförmig in Querrichtung. So hat der Fuß des Menschen Halt, der Huf des Tieres findet waagerechte Oberfläche, und die Kufe des Ochsenschlittens wird gebremst. Die kleinen Lavasteine werden am Meeresufer, wo sie von der unaufhörlichen Brandung rund gewaschen wurden, lastwagenweise eingesammelt.
Die Ochsenschlitten, deren hölzerne Kufen in alten Tagen über die Treppenstraßen glitten, beförderten die Erzeugnisse der Bauern nach Funchal. Heutzutage sind diese Gespanne nur noch bei Ankunft der Dampfer zu sehen, um Touristen herumzufahren. Der merkantile Transport geschieht per Lastauto: ihm haben die alten Treppenstraßen zu weichen und machen Asphaltbahnen Platz.
Überall neben den Straßen sahen wir Wasserrinnen, die teilweise aus Naturstein gefügt, teilweise aus Zement geformt waren. Das in den Rinnen talwärts sprudelnde Wasser schafft das »Paradies Madeira«.
Der portugiesische Entdecker Gonçalves Zarco fand 1419 die Insel bewaldet, weshalb er sie Madeira, Holz, nannte. Durch rücksichtsloses Holzschlagen brachte man die Insel fast zum Austrocknen. Im letzten Augenblick besann man sich und schuf ein Bewässerungssystem, das die Fruchtbarkeit der Insel rettete. Das auf den Höhen der Nordberge fallende Regenwasser leitet man in die Rinnen, deren System sich über die ganze Insel ausbreitet und das Wasser den Gärten und Feldern zuführt. Der Transport des Wassers geschieht durch Gefälle, gepumpt wird nirgends. Jeder Landbesitz ist diesem Kunstwerk angeschlossen und erhält seiner Größe entsprechend wöchentlich Wasser. Das fließende Wasser wird vermittels wohldurchdachter, ständig kontrollierter Schaltungsmöglichkeiten gelenkt. Ingenieure steuern Wasserströme, und Gärtner ernten zu jeder Jahreszeit.
Wir werden schweren Herzens von diesem gesegneten Eiland und seinen fleißigen Menschen Abschied nehmen.

Ich sitze im Cockpit und schreibe, Elga ist an Land gerudert, um Einkäufe zu machen. Weiß strahlen die modernen Hochhäuser dieser Stadt am Ufer. Die Sonne glüht und der Himmel ist blau. Daran hat sich seit Madeira nichts geändert – sonst viel.
Die Gruppe der Kanarischen Inseln besteht aus sieben Inseln. Geographisch gehören sie zu Afrika, politisch zu Spanien. Wie Madeira sind sie vulkanischen Ursprungs. Ihre Kegelberge zeugen davon viel deutlicher als die aufgetürmten Lavahänge Madeiras, die in Regenschauern achteraus verschwanden, nachdem Elga »Kairos« unter Maschine aus dem Hafen von Funchal gesteuert hatte.
Das geschah vor einer Woche – und scheint doch eine Unendlichkeit zurückzuliegen. Das Erlebnis der See verschiebt die Grenzen der Zeit.
Der Abschied fiel uns schwer. Die Familie G. hatte uns mit liebevoller Gastfreundschaft bedacht. Lotsen und Bootsleute, Bauern und Geschäftsleute scheuten nie vor jenen Hilfeleistungen zurück, die unseren Aufenthalt so schön machten: wir fühlten uns zu keiner Stunde als Fremde. Der Zahnarzt, der die Trümmer meines ramponierten Obergebisses gegen strahlenden Kunststoff auswechselte, nahm mir in seinem komischen Englisch, über das wir beide stets lachen mußten, das Versprechen ab, nie »seine« neuen Zähne für Segelmanöver zu benutzen. Seine Rechnung – ich hoffe, sie hat wenigstens die Unkosten gedeckt. Als wir aus der Windabdeckung Madeiras liefen, setzten wir die Segel und stellten die Maschine ab. Dünung zog, Wind wehte, Wolken segelten. Der Kurs war Südsüdost, der Wind Nordost Stärke 5. Unendlich langsam sank das Licht des Tages. Rot im Westen stand schließlich ein letzter Abendschimmer über schwarzem Horizont. Die Nacht kam auf. Sterne zogen.
Am Morgen des nächsten Tages nach dem Frühstück – Kaffee, Toast, Butter, Marmelade – prüfte ich das Chronometer anhand des Zeitzeichens der Radiostation WWV, Washington. Den Chronometerstand trug ich ins Logbuch ein. Nachdem ich Elga eine unserer Stoppuhren hinausgereicht hatte, stieg ich an Deck. Mit der linken Hand hielt ich mich fest, mit der rechten balancierte ich den Sextanten, um ihn vor Schaden zu bewahren.
Elga sah dieser akrobatischen Vorführung von der Ruderpinne her sorgenvoll zu.
»Es ist ein Jammer«, sagte ich, »daß wir keinen Flugzeugträger fahren.«
Elgas Gesicht heiterte sich auf.
Die torkelnde Winzigkeit unseres Schiffes verwandelte sich in meinem Geiste zu einem sanft auf- und abschwingenden Deck. »Und dann dieser Platz! Und die Höhe! Stell dir das vor! Die können ja der Sonne auf die Schulter klopfen und nach ihrem Höhenwinkel fragen!«



